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G. Edward Griffin
Die Kreatur von Jekyll Island
Die US-Notenbank Federal Reserve
Das schrecklichste Ungeheuer, das dieinternationale Hochfinanz je schuf

 

JOCHEN KOPP VERLAG
Wie man dieses Buch lesen sollte

Dicke Bücher wirken einschüchternd. Wir neigen häufig dazu, sie beiseite zulegen, bis wir einmal richtig ununterbrochen Zeit dafür haben ... Das heißt,häufig werden sie niemals gelesen. Aus diesem Grund gibt es am Anfang jedesKapitels eine Kurzübersicht und am Ende jeweils eine Zusammenfassung.Diese Zeilen lassen sich leicht in ungefähr einer Stunde lesen. Obwohl siekeine Details oder Quellenabgaben enthalten, behandeln sie die wichtigstenPunkte und bieten somit einen Überblick über die gesamte Geschichte. Ambesten liest man also zunächst die Vorschauen der einzelnen Teile des Buches,dann die der Kapitel und schließlich die Zusammenfassungen. Auch wenn mannicht gerade in Eile ist, bietet sich dies an. Ein kurzer Blick auf die Landkartevor dem Beginn der Reise macht es wirklich leichter, ein Thema wie dieses zuverstehen, das derart viel Geschichte umfaßt.

 

Inhaltsangabe
Vorwort ...................................................................................... 9
Danksagung ............................................................................. 12

Einleitung ................................................................................. 14

 

Teil I: Welche Kreatur ist das?
Was ist das Federal Reserve System? Die Antwort mag überraschen: Esist nicht »staatlich«, und es gibt keine »Reserven«. Außerdem sind dieFederal Reserve Banks nicht einmal Banken. Der Schlüssel zu diesemRätsel findet sich nicht am Anfang des Buches, sondern in seiner Mitte.Da es sich hier um kein Lehrbuch handelt, sind wir nicht an chronologi-sche Strukturen gebunden. Das Thema ist kein Lehrstoff, den manbeherrschen sollte, sondern ein zu lösendes Rätsel. Beginnen wir alsomit der Handlung.
Kapitel 1Die Reise nach Jekyll Island ................................ 18
Kapitel 2Der Name des Spieles heißt »Bailout« 43
Kapitel 3Beschützer der Öffentlichkeit................................ 60
Kapitel 4Zuhause, süßes Darlehen .................................... 89
Kapitel 5Näher am Herzenswunsch .................................... 110

Kapitel 6Schaffung der Neuen Weltordnung....................... 134

 

Teil II: Schnellkurs zum Thema Geld
Die acht Kapitel dieses und des folgenden Teiles sind nach Themen undnicht nach zeitlichen Abfolgen geordnet. Einige eilen den Ereignissenvoraus und werden erst später wieder aufgegriffen. Bisweilen wird derLeser sich fragen, welcher Zusammenhang zum Federal Reserve Sy-stem denn nun bestehe. Geduld bitte. Die Bedeutung wird klar werden.Des Autors Absicht ist es, Konzepte und Prinzipien zu behandeln, ehewir uns den Ereignissen zuwenden. Ohne diesen Hintergrund wäre die
Geschichte der Federal Reserve langweilig. Aber mit ihm erscheint dieGeschichte wie ein spannendes Drama, das auch heute unser Lebenstark beeinflußt. Starten wir also in dieses Abenteuer mit einigen Ent-deckungen über die eigentliche Natur des Geldes.
Kapitel 7Das barbarische Metall .........................................164
Kapitel 8Narrengold ...........................................................184
Kapitel 9Die Geheimwissenschaft ....................................201

Kapitel 10 Der Mandrake-Mechanismus ...............................215

 

Teil III: Die neue Alchimie
Die antiken Alchimisten mühten sich vergebens, Blei in Gold zu ver-wandeln. Moderne Alchimisten hatten endlich Erfolg. Die Bleikugelndes Krieges haben den Zauberern eine endlose Quelle von Gold be-schert, die den Mandrake-Mechanismus beherrschen. Die überraschen-de Erkenntnis lautet: Ohne die Fähigkeit zur Schaffung von Rechen-(Papier-)Geld wären die meisten Kriege der Neuzeit nicht möglichgewesen. Solange man diesen Mechanismus zu funktionieren gestattet,sind künftige Kriege unvermeidbar. Dies ist die Geschichte, wie es dazukam.
Kapitel 11 Die Rothschild-Formel .........................................248
Kapitel 12 Versenkt die Lusitania! .........................................269
Kapitel 13 Maskerade in Moskau .........................................301

Kapitel 14 Der beste Feind, den Geld kaufen kann. 325

 

Teil IV: Die Geschichte dreier Banken
Es wird gesagt, wer die Geschichte nicht kenne, sei dazu verdammt, ihreFehler zu wiederholen. Es mag überraschen, aber das Federal ReserveSystem ist bereits Amerikas vierte Zentralbank, nicht ihre erste. Wirhaben alles bereits einmal durchlebt, und stets war das Ergebnis dasgleiche. Interessiert an den Geschehnissen? Dann sollten wir die Koor-
dinaten unserer Zeitmaschine auf Massachusetts im Jahr 1690 einstel-len. Um sie anzuwerfen, blättern Sie zu Kapitel 15.
Kapitel 15 Die verlorene Schatzkarte ....................................352
Kapitel 16 Die Kreatur kommt nach Amerika .......................369
Kapitel 17 Eine Vipern-Höhle .............................................386
Kapitel 18 Weißbrot, Fisch und Bürgerkrieg .......................408

Kapitel 19 Greenbacks und andere Verbrechen ..................426

 

Teil V: Die Ernte
Die Finanzleute und Politiker preisen beharrlich die theoretischen Vor-züge des Federal Reserve Systems. Es wurde zu einem modernenGlaubensgrundsatz, daß das Wirtschaftsleben einfach nicht darauf ver-zichten könne. Doch die Zeiten für Theorien sind vergangen. Die Krea-tur suchte 1913 ihre endgültige Höhle auf und hat seitdem über dasLand gefaucht und um sich geschlagen. Wollen wir wissen, ob es sichum ein nützliches Geschöpf oder um ein Raubtier handelt, brauchen wirnur seine Taten zu betrachten. Nach so vielen Jahren können wir sichersein: Was es getan hat, wird es wieder tun. Oder nach einem Wort ausder Bibel: Einen Baum erkennt man an seinen Früchten. Schauen wiralso auf die Ernte.
Kapitel 20 Die London-Verbindung ....................................456
Kapitel 21 Wettbewerb ist eine Sünde....................................482
Kapitel 22 Die Kreatur verschlingt den Kongreß ..................504

Kapitel 23 Das große Enten-Essen .........................................525

 

Teil VI: Zeitreise in die Zukunft
In den vorherigen Teilen dieses Buches sind wir durch die Zeit gereist.Wir begannen mit einem Schritt in die Vergangenheit. In dem Wandeldurch die Jahrhunderte erlebten wir Kriege, Verrat, Gewinnsucht undpolitische Täuschung. Dies führte uns in die Gegenwart. Und nun sind
wir bereit zu einem Ritt mit der Zeitmaschine in die Zukunft. Es wirdeine haarsträubende Reise, und vieles, was vor uns liegt, wird unerfreu-lich sein. Doch es ist nicht unabwendbar. Es ist nur die Projektion dergegenwärtigen Entwicklungen. Wenn wir diesen Blick in die Zukunftnicht mögen, besitzen wir noch die Chance zu einer Umkehr. DieZukunft wird das sein, was wir aus ihr machen.
Kapitel 24 Mechanismen des Weltgerichtes........................... 562
Kapitel 25 Ein pessimistisches Szenario ............................... 596

Kapitel 26 Ein realistisches Szenario .................................... 627

 

Anhang ...................................................................................... 655
Bibliographie ............................................................................. 661

Index .......................................................................................... 667

 

Vorwort
Braucht die Welt wirklich ein weiteres Buch über das Federal ReserveSystem?
Mit dieser Frage habe ich mich mehrere Jahre herumgeplagt. Meineeigene Bücherei ist ein stummes Zeugnis dafür, daß es keinen Mangelan Autoren gibt, die sich in den dunklen Wald begaben, um mit dembösen Drachen zu ringen. Doch größtenteils wurden ihre Bücher vonder Menge verschmäht, und das schnaubende Ungeheuer blieb unange-tastet in seiner Höhle. Es gab wenig Grund zu der Annahme, daß icherfolgreicher sein könnte, wo so viele versagten.
Doch die Idee ließ mir keine Ruhe. Ich hege keinen Zweifel, daß dieFederal Reserve eine der gefährlichsten Kreaturen ist, die je durch unserLand strich. Außerdem: Als meine Recherchen mir mehr und mehrharte Fakten einbrachten, wurde mir klar, daß ich einer der größten»Wer war der Täter?«-Geschichten auf der Spur war. Und um alles nochschlimmer zu machen: Ich entdeckte ihn.
Jemand mußte diese Geschichte der Öffentlichkeit mitteilen. EinProblem hierbei ist jedoch, daß niemand zuhören möchte. Schließlichhandelt es sich um eine schlechte Nachricht, und davon haben wirbereits genug.
Ein weiteres Hindernis bei der Kommunikation besteht darin, daßdiese wahre Geschichte unglaublich ist, und das heißt unglaubwürdig.Die Größenordnung, mit der die Realität von dem allgemein akzeptier-ten Mythos abweicht, ist derart, daß sie eigentlich jenseits der Glaub-würdigkeit liegt. Wer diese Botschaft verbreitet, wird sofort der Para-noia verdächtigt. Wer möchte schon einem Verrückten lauschen?
Und schließlich ist da das eigentliche Thema. Es wird stellenweiseziemlich kompliziert. Abhandlungen dieses Themas lesen sich häufigwie Studienbücher für das Bank- und Finanzwesen. Leicht verfängtman sich in einem Dickicht der Terminologie und der Abstraktionen.Nur Finanzfachleute sind motiviert genug, die neue Fachsprache zubeherrschen, und selbst sie finden sich häufig in ernste Meinungsver-schiedenheiten verstrickt. Beispielsweise hieß es in einem Schreiben,das jüngst unter Geldfachleuten kursierte, die sich bezüglich einerGeldreform ausgetauscht hatten: »Es ist entmutigend, daß wir unter unskeine größere Übereinstimmung über dieses wichtige Thema zu erzie-len vermögen. Wir scheinen so weit auseinander zu liegen bei den
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Definitionen und einem unbefangenen, offenen, ehrlichen und korrek-ten Verständnis darüber, wie eigentlich unser Währungssystem funktio-niert.«
Weshalb also stürze ich mich selbst zwischen die Zähne des Drachens?Weil ich überzeugt bin, daß die öffentliche Ansicht sich zu wandelnbeginnt. Während der sich zusammenbrauende wirtschaftliche Sturmnäherkommt, werden mehr und mehr Menschen die Wetternachrichteneinschalten ..., auch wenn es schlechte Neuigkeiten sind. Zudem ist dieBeweislage zur Wahrheit dieser Geschichte inzwischen so überwälti-gend, daß ich meine, dem Leser bleibt keine Wahl, als sie so anzuneh-men ..., ungeachtet der Frage, ob dies noch vernünftig ist. Wenn derDorfidiot behauptet, die Glocke sei von der Kirchturmspitze gefallen,und er zieht sie hinter sich her ..., nun dann ...
Schließlich habe ich entdeckt, daß dieses Thema keineswegs derartkompliziert ist, wie es anfangs schien, und ich bin entschlossen, dieFallgrube der eingetretenen Wege zu meiden. Was folgt, ist also derBericht eines Verbrechens und kein Kursus über Kriminologie.
Es bestand die Absicht, dieses Buch etwa halb so dick zu halten, wiees geworden ist, und es in einem Jahr fertigzustellen. Von Anfang anjedoch entwickelte es ein Eigenleben, und ich wurde zum Diener seinesWillens. Es verweigerte sich einfach den engeren Grenzen und breitetesich wie der aus der Flasche entlassene Geist zu enormer Größe aus. Alsdie Arbeit getan war und man das gesamte Manuskript prüfen konnte,entdeckte ich zu meiner Überraschung, daß ich eigentlich vier Bücherstatt einem geschrieben hatte.
Zunächst einmal gibt es eine kurze Abhandlung über Geld, die Basisdes Bankwesens und der Währung. Ohne diese Kenntnisse würde manSchwierigkeiten haben, den Betrug zu verstehen, der inzwischen alsallgemeine Praxis im Bankwesen hingenommen wird.
Zweitens gibt es einen Teil zu dem Thema, wie die Zentralbanken derWelt – die Federal Reserve ist eine davon – zu Katalysatoren für Kriegewerden. Dies bringt richtig Feuer in das Thema, weil wir nicht lediglichüber Geld reden, sondern über Blut, menschliches Leid und auch dieFreiheit.
Drittens gibt es eine Geschichte des Zentralbankwesens auch inAmerika. Es ist bedeutsam zu erkennen, dass das Konzept der FederalReserve schon dreimal ausprobiert wurde. Das ist für uns wichtig; undebenso sollten wir erfahren, weshalb diese früheren Institutionen letzt-lich verschrottet worden waren.
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Schließlich gibt es eine Analyse der eigentlichen Federal Reserveund ihrer traurigen Wirkungsweise seit 1913. Vielleicht ist dies derunwichtigste Teil, aber er gehört einfach zur Geschichte. Er ist unwich-tig, nicht weil es dem Thema an Bedeutung mangelt, sondern weil eszuvor schon von wesentlich begabteren und klügeren Autoren behandeltwurde. Doch wie bereits erwähnt, blieben diese Bände außer von Fach-historikern praktisch ungelesen, und die Kreatur mochte derweil ihreunglücklichen Opfer verspeisen.
Es gibt sieben wahrnehmbare Fäden, die sich durch diese ganzeStudie ziehen. Sie sind die Gründe für die nötige Abschaffung desFederal Reserve Systems. Wenn sie in ihrer reinsten Form, ohne Be-schönigungen oder Erläuterung, formuliert werden, klingen sie beinaheabsurd für den unbeteiligten Betrachter. Die Absicht dieses Buchesjedoch ist es zu beweisen, wie leicht es ist, diese Aussagen mit überzeu-genden Fakten anzureichern.
Das Federal Reserve System sollte aus folgenden Gründen abge-schafft werden:
–Es ist unfähig, die selbst gesteckten Ziele zu erfüllen. (Kapitel 1)Es ist ein Kartell gegen das öffentliche Interesse. (Kapitel 3)
–Es ist ein wesentliches Instrument des Zinswuchers. (Kapitel 10)Es erzeugt die unfairste Steuer von allen. (Kapitel 10)Es ermutigt zu Kriegen. (Kapitel 14)
–Es destabilisiert die Wirtschaft. (Kapitel 23)
–Es ist ein Instrument des Totalitarismus. (Kapitel 5 und 26)
Dieses ist die Geschichte über grenzenloses Geld und verborgene glo-bale Macht. Die gute Nachricht ist die, daß es hierbei um ebensovielSpannung geht wie bei einem Roman, und ich hoffe, dies wird auchVergnügen und ein bißchen Aufregung in diesen Lernprozeß einfügen.
Die schlechte Nachricht ist: Jedes Detail, das Sie nun lesen werden,ist wahr.
G. Edward Griffin
Danksagung
Wer als Schriftsteller das Werk eines anderen abschreibt, wird Plagiatorgenannt. Wer jedoch aus den Werken vieler zitiert, wird als Forscherbezeichnet. Das ist eine weitschweifige Art zu sagen, daß ich tief in derSchuld derer stecke, die sich schon früher an dieses Thema gewagthaben. Unmöglich, sie alle zu nennen, außer in den Fußnoten und ineiner Bibliographie. Ohne die zusammengefaßten Anstrengungen vonihnen hätte es ein ganzes Leben gebraucht, die Fakten dieses Bucheszusammenzutragen.
Zusätzlich zu den historischen Fakten jedoch gibt es unzählige Ge-dankengänge, die – nach bestem Wissen – in keiner Quellenliteratur zufinden sind. Dies sind vor allem die Formulierungen gewisser »Natur-gesetze«, die, wie mir schien, viel zu bedeutsam sind, als daß sie unternüchternen Fakten vergraben bleiben dürften. Sie werden diese undandere Autorenleistungen leicht erkennen als meine eigene Erkenntnis,für die niemand anders verantwortlich gemacht werden kann.
Mein besonderer Dank gilt Myrill Creer und Jim Toft, die michzuerst zu einem Vortrag über dieses Thema eingeladen haben und damitzwangen, mich mit diesem Thema in einiger Tiefe zu befassen, außer-dem Herb Joiner, der mich nach dem Vortrag ermutigte, es »auf denWeg zu bringen«. Dieses Buch ist das Ergebnis einer siebenjährigenReise, die mit diesen ersten Schritten ihren Anfang nahm. Wayne C.Rickert hat einen Orden verdient für seine finanzielle Unterstützung zuBeginn dieses Projektes und für seine unglaubliche Geduld, während essich langsam seiner Vollendung zuneigte. Bill Jasper möchte ich dankenfür die unzähligen, schwer zu erlangenden Kopien von Dokumenten.Auch Linda Perlstein und Melinda Wiman sei dafür gedankt, daß siemeine geschäftlichen Angelegenheiten aufrechterhielten, als ich mitdiesem Projekt vollauf beschäftigt war. Und ein sehr persönlicher Dankgilt meiner Frau Patricia, die meine langen Abwesenheiten während desSchreibens erduldet, alles akribisch gegengelesen hat und stets einscharfsichtiger Kritiker während des Entstehens war.
Schließlich bin ich auch den Lesern der ersten drei Drucklegungendankbar, die mit ihren Anmerkungen die Verfeinerung dieses Werkesermöglichten. Durch ihre Anmerkungen konnten die meisten der beina-he unvermeidbaren Ungenauigkeiten in der zweiten Ausgabe getilgtwerden. Dennoch wäre es verwegen zu glauben, daß es auf den folgen-
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den Seiten gar keine Irrtümer mehr geben würde. Mein Bestreben wares stets, so peinlich genau wie möglich auch beim kleinsten Detail zusein, doch man kann keine solche große Ernte einfahren, ohne bisweileneinige Samenkörner zu verlieren. Deshalb sind Korrekturen und Vor-schläge von neuen Lesern aufrichtig willkommen. In meinem ungebrem-sten Optimismus würde ich gern glauben, daß sie in künftigen Ausgabendieses Buches Eingang finden werden.
Einleitung
Der folgende Gedankenaustausch wurde von der britischen Satire-zeitschrift Punch am 3. April 1957 veröffentlicht. Er wird hier alsangemessene Einführung und als Übung zur Auflockerung des Geistesfür die Inhalte des Buches eingefügt.
F: Wofür gibt es Banken?
A: Um Geld zu schaffen.
F: Für die Kunden?
A: Für die Banken.
F: Wieso erwähnen dies nicht die Anzeigen der Banken?
A: Das wäre kein guter Geschmack. Aber man kann es schlußfolgernaus Hinweisen auf Reserven von 249 000 000 Dollar oder so. Dies istdas Geld, das sie geschaffen haben.
F: Von den Kunden?
A: Vermutlich ja.
F: Sie erwähnen Aktiva von 500 000 000 Dollar oder so. Haben sieauch diese geschaffen?
A: Nicht wirklich. Das ist das Geld, aus denen sie Geld machen.F: Verstehe. Und das liegt irgendwo in einem Safe?
A: Überhaupt nicht. Sie leihen es an Kunden aus.
F: Sie haben es also nicht?
A: Nein.
F: Und weshalb sind das dann Aktiva?
A: Sie behaupten, es wären welche, wenn sie es zurückbekämen.
F: Aber sie müssen doch in irgendeinem Safe etwas Geld besitzen?A: Ja, meistens 500 000 000 Dollar oder so. Man nennt das Verbind-
lichkeiten.
F: Aber wenn sie dies doch nicht haben, wie können sie dann dafürhaften?
A: Weil es nicht ihnen gehört.
F: Wieso besitzen sie es dann?
A: Es wurde ihnen von Kunden geliehen.
F: Kunden leihen der Bank also Geld?
A: So ist es. Sie tun Geld auf ihr Konto und leihen es damit der Bank.F: Und was stellen die Banken damit an?
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A: Sie verleihen es an andere Kunden.
F: Aber Sie sagten doch, das Geld, das sie an andere Leute ausleihen,seien Aktiva?
A: Ja.
F: Also sind Aktiva und Verbindlichkeiten ein und dieselbe Sache?A: Das kann man so nicht sagen.
F: Haben Sie aber gerade. Packe ich 100 Dollar auf mein Konto, soist mir die Bank verbunden, dies zurückzuzahlen. Also sind es Verbind-lichkeiten. Aber sie verleiht es an jemand anders, und der ist der Bankverbunden, es zurückzuzahlen, und also sind es Aktiva. Es geht nochimmer um dieselben 100 Dollar, oder?
A: Ja, aber ...
F: Es löscht sich also gegenseitig aus! Das heißt doch, die Bankenbesitzen überhaupt kein Geld?
A: Theoretisch ...
F: Lassen wir das. Wenn sie kein Geld besitzen, woher kommendann die Reserven von 249 000 000 Dollar oder so?
A: Sagte ich doch. Sie haben es gemacht.
F: Wie?
A: Nun, wenn sie Ihre 100 Dollar weiterverleihen, verlangen sie vondemjenigen Zinsen.
F: Wieviel?
A: Hängt von den Bankzinsen ab. Vielleicht fünfeinhalb Prozent.Das ist ihr Gewinn.
F: Warum nicht meiner? Ist es nicht mehr mein Geld?
A: Die Theorie der Banken heißt ...
F: Wenn ich ihnen meine 100 leihe, wieso verlange ich dafür keineZinsen?
A: Tun Sie doch.
F: Was Sie nicht sagen! Wieviel?
A: Hängt von den Bankzinsen ab. Vielleicht ein halbes Prozent ...F: Habgierig von mir, oder?
A: ... aber nur, wenn Sie das Geld nicht wieder abziehen!
F: Natürlich werde ich es wieder abheben. Würde ich es nicht wie-derhaben wollen, hätte ich es gleich im Garten vergraben können,stimmt's?
A: Sie würden die Abhebung nicht gern sehen.
F: Wieso? Lasse ich es auf dem Konto, ist es eine Verbindlichkeit,sagen Sie. Wären sie nicht froh, weniger Verbindlichkeiten zu haben?
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A: Nein, denn wenn Sie es abheben, können die Banken das Geldnicht weiterverleihen.
F: Aber wenn ich es abheben möchte, können sie mich nicht daranhindern?
A: Richtig.
F: Und wenn sie es bereits an einen anderen Kunden verliehenhaben?
A: Dann gibt man Ihnen das Geld eines anderen Kunden.
F: Und wenn er seines auch zurück möchte ..., sie es aber bereits mirgegeben haben?
A: Sie sind absichtlich begriffsstutzig.
F: Ich halte mich aber für scharfsinnig. Wenn nun alle gleichzeitigihr Geld zurückfordern?
A: Die Theorie des Bankwesens sagt, dies wird niemals geschehen.F: Also rechnen die Banken nicht damit, ihre Verpflichtungen erfül-len zu müssen?
A: So würde ich das nicht ausdrücken ...
F: Ach ja. Nun, wenn Sie mir noch etwas sagen möchten ...?
A: Durchaus. Sie könnten jetzt hingehen und ein Bankkonto eröff-nen.
F: Eine allerletzte Frage.
A: Selbstverständlich.
F: Sollte ich nicht lieber hingehen und eine Bank eröffnen?
Teil IWelche Kreatur ist das?
Was ist das Federal Reserve System? Die Antwort mag überraschen:Es hat weder etwas zu tun mit der Regierung, und es gibt auch keineReserve. Außerdem sind die Federal Reserve Banks nicht einmalrichtige Banken. Der Schlüssel zu diesem Rätsel findet sich nicht amAnfang des Buches, sondern in der Mitte. Da dies kein Schulbuch ist,sind wir nicht an eine chronologische Struktur gebunden. Das The-ma ist kein zu beherrschender Lehrplan, sondern ein zu lösendesRätsel. Beginnen wir also mit der richtigen Handlung.
Kapitel 1
Die Reise nach Jekyll Island
Das geheime Treffen auf Jekyll Island in Georgia, wodie Zentralbank ersonnen wurde; die Geburt einesBankenkartells zum Schutz seiner Mitglieder vor Wett-bewerb; die Strategie zur Überzeugung des Kongres-ses und der Öffentlichkeit, daß dieses Kartell eineDienststelle der Regierung der Vereinigten Staaten sei.
Bittere Kälte herrschte in jener Nacht auf dem Bahnhof von New Jersey.Die ersten Schneeflocken des Jahres tanzten im Schein der Straßenlater-nen. Der November-Wind zerrte an den Dachplatten des Eisenbahn-Schuppens und erzeugte lange Klagelaute an den Dachsparren.
Es ging auf 22 Uhr zu, und der Bahnhof war beinahe leer ... bis aufeinige Reisende, die zum letzten in Richtung Süden abfahrenden Zugdes Tages hasteten. Die Zugausstattung war typisch für das Jahr 1910;zumeist Waggons, die zu Liegesitzen umgebaut wurden mit beengtenoberen und unteren Betten. Für Reisende mit schmalem Geldbeutelwurden Personenwagen vor den Zug angekoppelt, die den ganzen Lärmund auch den Rauch der Zugmaschine abbekamen, der immer irgend-wie seinen Weg durch unsichtbare Ritzen ins Innere des Waggons fand.Zwischen die beiden Hälften des Zuges setzte man einen Speisewagenein; er diente als subtile Trennung zwischen den beiden Klassen vonReisenden. Nach heutigem Standard wirkte alles trist und freudlos.Sitze und Matratzen waren hart. Alle Oberflächen bestanden aus Metalloder narbigem Holz. Die einzigen Farben waren Dunkelgrün oder Grau.
In ihrer Hast, den Zug zu besteigen und dem eisigen Wind zu entflie-hen, bemerkten nur wenige Reisende die Vorgänge am Ende des Bahn-steiges. An einem zu dieser späten Stunde selten genutzten Zugang gabes ein bemerkenswertes Schauspiel zu beobachten. An die Stoßfängerdes letzten Wagens war ein langer Waggon angeflanscht, der die weni-gen Beobachter dazu veranlaßte, stehenzubleiben und ihn anzustarren.Seine glänzende schwarze Farbe trat noch deutlicher hervor durch diepolierten Handläufe aus Messing, die Griffe, Rahmen und Filigran-arbeiten. Die Vorhänge hatte man zugezogen, doch durch die offene Türwaren Mahagonipaneele, samtene Vorhänge, Plüschsessel und eine gut
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bestückte Bar zu sehen. Schaffner mit weißen Jacketts waren emsig mitRoutineaufgaben beschäftigt. Und dann gab es da das unverkennbareAroma teurer Zigarren. Die anderen Waggons des Zuges trugen jeweilsvorne und hinten Nummern, um sie in all ihrer Düsternis unterscheidenzu können. Aber für diese Schönheit war keine Nummer vonnöten. Aufder Mitte jeder Seite trug sie eine kleine Platte mit einem einzigen Wort:ALDRICH.
Der Name Nelson Aldrich, Senator von Rhode Island, war selbst inNew Jersey wohlbekannt. 1910 war er einer der mächtigsten Männer inWashington D. C., und sein eigener Waggon wurde häufig in den Bahn-höfen von New York und New Jersey während seiner regelmäßigenFahrten zur Wall Street gesehen. Aldrich war weit mehr als ein Senator:Er wurde als der politische Sprecher des Großkapitals eingeschätzt. AlsInvestment-Teilhaber der Firma J. P Morgan besaß er umfangreicheBeteiligungen an Banken, Fabriken und öffentlichen Versorgungsbe-trieben. Sein Schwiegersohn war John D. Rockefeller jr. 60 Jahre späterwurde sein Enkel Nelson Aldrich Rockefeller Vizepräsident der Verei-nigten Staaten.
Als Aldrich am Bahnhof eintraf, gab es keinen Zweifel, daß er Herrdes Salonwagens war. Bekleidet mit einem langen, mit Pelzkragenbesetzten Mantel und einem seidenen Hut, einen Gehstock mit silber-nem Knauf in der Hand, schritt er forsch den Bahnsteig entlang, wäh-rend sein Privatsekretär Shelton und eine Traube von Trägern mit auser-wählten Koffern und Schachteln ihm nacheilten.
Kaum hatte der Senator seinen Waggon bestiegen, trafen einigeweitere Passagiere mit ähnlichen Kollektionen von Gepäck ein. Derletzte erschien nur wenige Augenblicke vor dem Ruf: »Alles einstei-gen!« Er trug einen Gewehrkoffer.
Während Aldrich mühelos von den meisten Reisenden erkannt wur-de, wie er mit forschen Schritten den Bahnhof durchquerte, waren dieanderen Gesichter meist unbekannt. Diese Unbekannten waren ange-wiesen worden, einzeln anzureisen, um keine Reporter anzulocken;außerdem sollten sie sich erst im Bahnhof selbst treffen, denn allessollte wie eine zufällige Begegnung wirken. Nachdem sie den Zugbestiegen hatten, sollten sie sich nur noch mit Vornamen ansprechen,um ihre wahre Identität möglichst zu verbergen. Als Ergebnis dieserVorsichtsmaßnahmen kannten nicht einmal die Salonwagen-Schaffnerund -Diener die Namen dieser Fahrgäste.
Hinten, am Haupteingang, ertönten zwei schrille Pfiffe der Loko-
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motive. Ganz langsam setzte es ein: das sanfte Gefühl der Bewegung,die Erregung einer Reise. Kaum aber hatte der Zug den Bahnsteigverlassen, da kam er bereits wieder zum Stehen. Und zu jedermannsÜberraschung änderte er die Richtung und rollte zurück zum Bahnhof.Hatte man etwas vergessen? Gab es ein Problem mit der Lokomotive?
Ein plötzliches Schlingern und das Krachen der Kupplung gab dieAntwort. Man hatte einen weiteren Waggon an das Ende des Zugesgehängt. Vielleicht den Postwagen? Unvermittelt setzte sich der Zugwieder nach vorn in Bewegung, und die Gedanken der Passagierekehrten zurück zu ihrer bevorstehenden Reise und dem jämmerlichenZustand ihrer Unterbringung.
Während die Reisenden nach und nach zum rhythmischen Stampfender Stahlräder über die Schienenfugen eindösten, kam niemandem inden Sinn, daß im letzten Waggon des Zuges sieben Männer mit ihnenreisten, die ein geschätztes Viertel des Reichtums der gesamten Welt ihreigen nannten. So lautete die Namensliste für den »Aldrich-Waggon« indieser Nacht:
1.Nelson W. Aldrich, republikanischer Einpeitscher im Senat, Vor-sitzender der Nationalen Währungskommission, Gesellschaftervon J. P Morgan, Schwiegervater von John D. Rockefeller jr.
2.Abraham Piatt Andrew, Ministerialdirektor des US-Schatzamtes
3.Frank A. Vanderlip, Präsident der National City Bank of New York,zu jener Zeit die mächtigste Bank, in Vertretung von WilliamRockefeller und der Internationalen Investmentbank Kuhn, Loeb& Company
4.Henry P. Davison, Hauptteilhaber der J. P Morgan Company
5.Charles D. Norton, Präsident von J. P. Morgans First NationalBank of New York(1)
6.Benjamin Strong, Vorstand der J. P Morgans Bankers Trust Com-pany(2)
(1)Norton wird in den Memoiren der anderen Teilnehmer nicht genannt; dem Hi-storiker des Jekyll Island Museums, Tyler E. Bagwell, zufolge war er jedochanwesend. Siehe auch Bagwells Images of America; The Jekyll Island Club(Charlston, SC, Arcadia, 1998), S. 18, 19.
(2)In der privaten Korrespondenz zwischen dem Autor und Andrew L. Gray, demGroßneffen von Abraham P. Andrew, behauptet Mr. Gray, Strong habe nicht andem Treffen teilgenommen. Allerdings stellt Frank Vanderlip (der tatsächlichdabei war!) in seinen Memoiren das Gegenteil fest. Wie könnte Vanderlip sichgeirrt haben? Grays Erwiderung: »Er war hoch in den Siebzigern, als er das
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7. Paul M. Warburg, ein Partner von Kuhn, Loeb & Company undVertreter der Rothschildschen Banken-Dynastie in England undFrankreich sowie der Bruder von Max Warburg, der zum Vorstanddes Warburgschen Bankenkonsortiums in Deutschland und denNiederlanden gehörte.
Die Konzentration des Reichtums
Die Zentralisierung der Kontrolle der finanziellen Mittel war 1910bereits weit fortgeschritten. In den Vereinigten Staaten existierten zweiwesentliche Brennpunkte dieser Kontrolle: die Morgan-Gruppe und dieRockefeller-Gruppe. In der jeweiligen Einflußsphäre gab es ein ganzesLabyrinth von Handelsbanken, Akzeptbanken und Investitionshäusern.In Europa war derselbe Vorgang noch weiter fortgeschritten und hattezum Zusammenwachsen in die Rothschild-Gruppe und die Warburg-Gruppe geführt.
Am 3. Mai 1931 erschien in der New York Times ein Artikel zum Todevon George Baker, einem der verschwiegensten Teilhaber Morgans.Darin hieß es: »Ein Sechstel des gesamten Wohlstandes der Welt wurdevon den Teilnehmern des Jekyll-Island-Clubs repräsentiert.« DieserHinweis bezog sich nur auf die Zugehörigen der Morgan-Gruppe (dieMitglieder des Jekyll-Island-Clubs). Er schloß nicht die Rockefeller-Gruppe oder die europäischen Finanziers ein. Würde man alles addie-ren, wäre die vorherige Schätzung, daß sich hier ein Viertel des gesam-ten Wohlstandes der Welt versammelt hatte, wohl noch eine reichlichkonservative Schätzung gewesen.
Als 1913 der »Federal Reserve Act« in Kraft trat, schloß ein Unter-ausschuß des Ausschusses Währung und Bankwesen unter dem Vorsitzvon Arsene Pujo aus Louisiana die Untersuchung über die Zusammen-ballung der Finanzkraft in den Vereinigten Staaten ab. Pujo wurdeallgemein als Wortführer der Ölindustrie angesehen (die ihrerseits Teilder Untersuchung war), und er tat sein Bestes, um die Anhörung zusabotieren. Trotz seiner Anstrengungen jedoch war der Abschlußberichtdes Ausschusses alles in allem verheerend:
Buch und den in Rede stehenden Essay verfaßte ... Vielleicht war der Wunschder Vater des Gedankens.« Sollte Vanderlip sich tatsächlich geirrt haben, so wardies möglicherweise auch keineswegs bedeutungsvoll, denn Gray gab zu: »Stronghätte zu den wenigen gehört, die man in das Geheimnis eingeweiht hätte.« Ohneweitere Bestätigung des Gegenteils sehen wir uns veranlaßt, Vanderlips Auf-zeichnungen für korrekt zu halten.
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Der Ausschuß ist aufgrund der vorliegenden Beweise hinreichendüberzeugt ..., daß eine etablierte und klar umrissene Gleichheit undInteressengemeinschaft zwischen einigen Persönlichkeiten des Finanz-wesens existiert ..., welche zu einer starken und rasch anwachsendenKonzentration der Geldkontrolle und des Kreditwesens in den Hän-den weniger Männer führte ...
In unserem System der Emission von Wertpapieren erwerben dieInvestoren diese nicht direkt von der Gesellschaft. Die Aktien gehenüber Mittelsmänner zu den Anlegern. Nur die großen Banken oderBankiers mit Zugang zu den Quellen der aus fremder Leute Geldaufgehäuften Finanzmittel in den Banken, Treuhandgesellschaftenund Lebensversicherungen, die gleichzeitig die Maschinerie beherr-schen zur Schaffung von Märkten und der Austeilung von Schuldver-schreibungen, besaßen die Macht, für den Verkauf großer Mengenvon Effekten zu garantieren oder zu bürgen. Die Männer, die durchihre Macht über die Vermögen unserer Eisenbahnen und Industrieun-ternehmen in der Lage sind, die Kapitalflüsse zu steuern und zugleichjene gewaltigen Kapitalanballungen der einzelnen Einleger zu schaf-fen, sind ebenfalls in der Lage, diese Finanzmittel für sie selbstinteressierende Unternehmungen anzuzapfen und zugleich die Ver-wendung dieser Mittel für Zwecke zu unterbinden, die nicht ihreZustimmung finden.
Wenn wir in diesem Zusammenhang ebenfalls bedenken, daß indiese Töpfe voller Geld und Kredit auch ein großer Teil der Banken-reserven des Landes einfließen, daß diese Männer zugleich die Ver-treter und Geschäftsfreunde der kleinen Banken auf dem Lande sindin bezug auf deren Geldreserven, und daß eine kleine Gruppe vonMännern und deren Geschäftsfreunde ihren Griff auf die Finanz-reserven dieser Institutionen verstärkt haben durch den Kauf vonAnteilen daran und durch den Erwerb von Vorstandsposten darinoder die Übernahme von Schirmherrschaften, so beginnen wir lang-sam zu erahnen, welches Ausmaß diese praktische und effektiveHerrschaft und Kontrolle über unsere größten finanziellen und indu-striellen Unternehmen und die Eisenbahnen angenommen hat ...,zum überwiegenden Teil innerhalb der letzten fünf Jahre ..., und daßall dieses beladen ist mit Risiken für das Wohl unseres Landes.(3)
(3)Herman E. Krooss (Hrsg.), Documentary History of Currency and Banking inthe United States (New York: Chelsea House, 1983), Band III, S. 222-224.
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Von dieser Natur waren der Reichtum und die Macht, vertreten durchdiese sieben Männer, die sich in jener Nacht heimlich zusammenfandenund im Luxus von Senator Aldrichs Privatwaggon reisten.
Ziel Jekyll Island
Als sich der Zug am folgenden Nachmittag seinem Ziel Raleigh inNorth Carolina näherte, verlangsamte er seine Fahrt und kam schließ-lich auf der Rangierfläche kurz vor dem eigentlichen Bahnhof zumStehen. Rasch stellte das Personal eine Weiche, und die Lokomotiveschubste den letzten Waggon auf ein Nebengleis, wo er ebenso raschabgekoppelt und zurückgelassen wurde. Als nur wenige Augenblickespäter Passagiere auf den Bahnsteig traten, sah der gesamte Zug genauso aus wie in dem Augenblick, als sie ihn bestiegen. Sie konnten nichtahnen, daß einige ihrer Mitreisenden während der Nacht genau indiesem Augenblick sich einem weiteren Zug anschlossen, der nochinnerhalb der nächsten Stunde weiter in Richtung Süden fahren würde.
Die Elite der Finanzwelt hatte sich auf eine 800 Meilen lange Reisebegeben, die sie nach Atlanta führte, dann nach Savannah und schließ-lich in die kleine Stadt Brunswick in Georgia. Dieses Brunswick er-schien eigentlich als ein eher unbedeutendes Reiseziel. An der Atlantik-Küste gelegen, war es vor allem ein Fischerstädtchen mit einem kleinen,aber lebhaften Hafen, in dem Baumwolle und Nutzholz umgeschlagenwurden. Nur einige tausend Menschen lebten hier. Doch zu jener Zeitwaren die Sea Islands, die die Küste von South Carolina bis Floridaschützten, bereits bei den wirklich Reichen als beliebte Winterquartieregeschätzt. Eine dieser Inseln, gleich vor der Küste des StädtchensBrunswick gelegen, war erst kürzlich von J. P. Morgan und einigenseiner Geschäftspartnern erworben worden; hierhin kamen sie im Herbstund im Winter, um Enten oder Rotwild zu jagen und der Strenge deskalten Winters im Norden zu entfliehen. Diese Insel hieß Jekyll Island.
Als der Aldrich-Waggon auf einem Nebengleis des kleinen Bahnhofsvon Brunswick abgekoppelt wurde, war dies in der Tat recht auffällig.Rasch erreichte die Kunde hiervon das Büro der Wochenzeitung derKleinstadt. Während die kleine Gruppe von Passagieren auf ihre Weiter-fahrt zum Hafen wartete, eilten einige Zeitungsleute herbei und began-nen Fragen zu stellen. Wer waren Mr. Aldrichs Gäste? Weshalb warensie hier? Hatte sich etwas Besonderes ereignet? Mr. Davison, einer derEigentümer von Jekyll Island und der örtlichen Zeitung wohl bekannt,erklärte, es handele sich ausschließlich um persönliche Freunde, die
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sich nichts anderes vorgenommen hätten, als dem Vergnügen der Enten-jagd nachzugehen. In der Gewißheit, daß es sich um keine wirklicheNachricht handele, kehrten die Reporter in ihr Büro zurück.
Selbst nach der Ankunft in der abgelegenen Jagdhütte auf der Inselgingen die Heimlichkeiten weiter. Neun Tage lang blieb die Regel »nurVornamen« in Kraft.
Den vollzeitbeschäftigten Hausangestellten und Dienern hatte manUrlaub gewährt und dafür eine vollständig neue und sorgfältig ausge-suchte Mannschaft für dieses Ereignis eingestellt. Damit wollte manverhindern, daß einer der Bediensteten die Identität eines dieser Gästeerkennen könnte. Es fällt schwer, sich irgendein historisches Ereignisvorzustellen – einschließlich der Vorbereitung für einen Krieg –, das vorden Augen der Öffentlichkeit von stärkerer Geheimnistuerei und Heim-lichkeit begleitet war.
Der Zweck des Treffens auf Jekyll Island war keineswegs die Enten-jagd. Einfach ausgedrückt diente es dazu, sich über die Struktur und dasWirken eines Bankenkartells zu einigen. Wie für alle Kartelle, so galtauch für dieses das Ziel: Profite zu maximieren durch die Minimierungdes Wettbewerbs zwischen den Mitgliedern, neuen Wettbewerbern denZugang zu diesem Markt zu erschweren und die regulative Kraft derRegierung zu nutzen, um die im Kartell geschlossenen Abkommendurchzusetzen. Noch klarer ausgedrückt: Die Absicht und das tatsächli-che Ergebnis des Treffens war die Schaffung eines Entwurfes für einZentralbanksystem.
Die Geschichte ist bestätigt
Noch viele Jahre nach diesem Ereignis wurde das Treffen auf JekyllIsland von Pädagogen, Kommentatoren und Historikern geleugnet. Auchheute noch ist die Annahme, es habe sich um ein relativ unbedeutendesTreffen gehandelt, weit verbreitet. Und nur paranoide Ungebildete wür-den versuchen, irgend etwas in dieses Treffen hineinzudeuten. RonChernow schreibt: »Das Treffen auf Jekyll Island wäre die Quelle fürtausend Theorien der Konspiration«.(4) Stück für Stück jedoch wurde dieGeschichte mit erstaunlichen Details zusammengesetzt, und all dieseInformationen stammten direkt oder indirekt von den tatsächlichenTeilnehmern des Treffens. Und schließlich: Wenn das, was sie über ihre
(4)Ron Chernow, The House of Morgan: An American Banking Dynasty and theRise of Modern Finance (New York: Atlantic Monthly Press, 1990), S. 129.
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eigenen Absichten und Handlungsweisen verraten haben, nicht einerklassischen Verschwörung entspricht, dann verliert dieses Wort jedwedeBedeutung.
Das erste Leck bezüglich des Treffens wurde 1916 abgedruckt. DerArtikel erschien in Leslie 's Weekly und stammte von einem jungenFinanzreporter namens B. C. Forbes, dem späteren Gründer von ForbesMagazine. Der Artikel pries vor allem Paul Warburg, und es ist wahr-scheinlich, daß Warburg selbst im Laufe des Gespräches mit dem Autordie Geschichte herausgelassen hat. Jedenfalls enthielt schon der ersteAbsatz eine höchst dramatische und zugleich präzise Zusammenfas-sung sowohl der Art als auch des Zweckes dieser Zusammenkunft:
Stellen Sie sich eine Gruppe der berühmtesten Banker unserer Nati-on von wie sie sich aus New York im Schutze der Dunkelheit in einemPrivat-Waggon davonstehlen, heimlich Hunderte von Meilen Rich-tung Süden eilen, ein geheimnisvolles Hafenboot besteigen, sichdavonstehlen auf eine Insel, die bis auf wenige Diener verlassen war,um dort eine ganze Woche unter solch strenger Geheimhaltung zuleben, daß der Name keines einzigen von ihnen je genannt wurde,damit die Dienerschaft die Identität nicht herausbekommen könnteund der Welt die Geschichte dieser seltsamsten und geheimnisvoll-sten Expedition in der Geschichte der amerikanischen Finanzwelt zuenthüllen.
Ich fabuliere nicht. Ich berichte der Welt zum ersten Mal die wahreGeschichte, wie der berühmte Währungsbericht von Aldrich, dieGrundlage unseres neuen Währungssystems, geschrieben wurde.(5)
1930 schrieb Paul Warburg ein dickes Buch von insgesamt 1750 Seiten:The Federal Reserve System, Its Origin and Growth. In diesem dickenWälzer beschrieb er das Treffen und die dahintersteckenden Absichten,verschwieg jedoch sowohl den Ort des Treffens als auch die Namen derTeilnehmer. Dennoch stellte er fest: »Die Ergebnisse der Konferenzwaren absolut vertraulich; sogar die Tatsache, daß es überhaupt solchein Treffen gegeben hatte, durfte nicht publik werden.« In einer Fußnotefügte er hinzu: »Obwohl inzwischen 18 Jahre verstrichen sind, fühle ichmich nicht frei genug für eine Beschreibung dieser höchst interessanten
(5)»Men Who Are Making America« von B. C. Forbes in: Leslie 's Weekly, 19. Ok-tober 1916, S. 423.
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Konferenz, über deren Verlauf Senator Aldrich allen Teilnehmern Ver-schwiegenheit auferlegt hatte.«(6)
Einen interessanten Einblick in Paul Warburgs Teilnahme an derJekyll-Island-Konferenz erhielt man 34 Jahre später in einem Buchseines Sohnes James. Er war von Franklin D. Roosevelt zum Etat-Direktor und während des Zweiten Weltkrieges zum Leiter des BürosKriegsinformationen ernannt worden. In dem Buch schilderte er, wiesein Vater, der kein Ende des Gewehres vom anderen zu unterscheidenvermochte, von einem Freund eine Schrotflinte auslieh und damit zumEisenbahnzug schritt, um sich als Entenjäger zu verkleiden.(7)
Dieser Teil der Geschichte wurde in der offiziellen Biographie vonSenator Aldrich erhärtet, die von Nathaniel Wright Stephenson ge-schrieben wurde:
ImHerbst 1910 machten sich sechs Männer [zusätzlich zuAldrich]auf zur Entenjagd. Das heißt, dies gaben sie der Welt zur Begründungan. Mr. Warburg, der einer von ihnen war, liefert einen vergnüglichenBericht seiner Gefühle, als er einen Privatwagen in Jersey Citybestieg, mit der ganzen Ausrüstung eines Entenjägers. Der Witz lagin der Tatsache, daß er in seinem ganzen Leben noch keine Entegeschossen hatte und auch nicht die Absicht hegte, eine zu erlegen ...Die Entenjagd war lediglich Tarnung.(8)
Stephenson fährt dann mit einer Beschreibung des Zusammentreffensam Bahnhof von Brunswick fort. Er berichtet, wie kurz nach der An-kunft der sieben Personen der Bahnhofsvorsteher in den Privatwaggonschritt und sie alle mit der offensichtlichen Kenntnis ihrer Identitätschockierte. Schlimmer noch: Er verkündete, draußen würde eine Grup-pe von Reportern auf sie warten. Davidson übernahm die Sache. »Kommmit nach draußen, alter Mann«, sagte er, »und ich werde dir eineGeschichte erzählen.« Niemand gab jemals vor zu wissen, welche Ge-schichte an diesem Morgen auf den Schienenschwellen erzählt wurde.Doch wenige Augenblicke später kehrte Davidson mit einem breiten
(6)Paul Warburg, The Federal Reserve System: Is Origin and Growth (New York:Macmillan, 1930), S. 58. Offensichtlich schrieb Warburg diese Zeile zwei Jahre,bevor das Buch erschien.
(7)James Warburg, The Long Road Home (New York: Doubleday, 1964), S. 29.
(8)Nathaniel Wright Stephenson, Nelson W.Aldrich in American Politics(New York:Scribners, 1930; New York: Kennikat Press, 1971), S. 373.
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Grinsen zurück. »Alles in Ordnung«, versicherte er. »Sie werden unsnicht verraten.«
Stephenson weiter: »Der Rest ist Schweigen. Die Reporter gingenauseinander, und das Geheimnis der seltsamen Reise wurde nicht preis-gegeben. Niemand fragte ihn danach, wie er das geschafft habe, und erbehielt es für sich.«(9)
In der Ausgabe der Saturday Evening Post vom 9. Februar 1935erschien ein Artikel von Frank Vanderlip. Darin ließ er u. a. folgendeswissen:
Ungeachtet meiner Ansichten über den gesellschaftlichen Wert grö-ßerer Öffentlichkeit für die Angelegenheiten von Unternehmen gab eseine Gelegenheit, etwa zum Jahresende 1910, als ich so geheimnis-voll, ja geradezu geheimnistuerisch wie ein Verschwörer handelte ...Ich empfinde es nicht als eine Übertreibung, im Rahmen unserergeheimen Expedition nach Jekyll Island dies als den Augenblick desEntwurfes dessen zu bezeichnen, was sich später zum Federal Reser-ve System entwickelte ...
Man bat uns, auf Nachnamen zu verzichten. Weiterhin wurde unsgeraten, am Abend unserer Abreise nicht gemeinsam zu speisen. Wirwurden angewiesen, einzeln und so unauffällig wie möglich zurEisenbahnstation am Ufer des Hudson in New Jersey zu kommen, woSenator Aldrichs Privatwaggon bereitstünde, angehängt an das Endeeines Zuges Richtung Süden ...
Sobald wir in der Eisenbahn waren, beachteten wir das Tabu, dasauf Familiennamen lag. Wir sprachen uns gegenseitig als »Ben«,»Paul«, »Nelson« oder »Abe« an ... für Abraham Piatt Andrew.Davison und ich verbargen unsere Identität gar noch tiefer, indemwir sogar unsere Vornamen wegließen. In der Hoffnung, uns nichtselbst zu vertun, wurden er Wilbur und ich Orville ... nach den beidenFlugpionieren, den Gebrüdern Wright
Die Bediensteten und das Zugpersonal könnten die Identität vondem einen oder anderen gekannt haben, aber sie kannten nicht allevon uns, und nur alle Namen auf einem einzigen Blatt hätten unseregeheimnisvolle Reise in Washington, der Wall Street oder sogar inLondon bedeutsam gemacht. Enthüllung, das wußten wir, durfte nichtgeschehen, sonst wären all unsere Zeit und Anstrengung vergeudet.
(9)Stephenson, S. 376.
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Wäre es öffentlich geworden, daß ausgerechnet diese Gruppe vonMenschen zusammengekommen war, um ein Bankgesetz zu formulie-ren, hätte es nicht den Hauch einer Chance gehabt, durch den Kon-greß zu kommen. (10)
Die Struktur war ein reines Kartell
Die Zusammensetzung des Treffens auf Jekyll Island war das klassi-sche Beispiel einer kartellartigen Struktur. Ein Kartell ist eine Gruppeunabhängiger Unternehmen, die sich zusammentun, um die Produktion,die Preisgestaltung und den Vertrieb aufeinander abzustimmen. Zieleines Kartells ist es, Wettbewerb zu reduzieren und den Profit zu stei-gern. Erreicht wird dieses Ziel durch die Monopolisierung eines Wirt-schaftszweiges, wodurch die Öffentlichkeit höhere Preise für bestimm-te Güter oder Leistungen bezahlen muß als in einem Wettbewerbsmarkt.
Hier waren die Vertreter der weltweit führenden Banken-Konsortienversammelt: Morgan, Rockefeller, Rothschild, Warburg und Kuhn-Loeb.Sie waren häufig Wettbewerber, und es bestehen kaum Zweifel, daßzwischen ihnen beträchtliches Mißtrauen herrschte. Dies erfordertegeschicktes Manövrieren, um in einem Abkommen günstig abzuschnei-den. Sie alle aber wurden von dem vorrangigen Wunsch zusammenge-führt, den gemeinsamen Feind zu bekämpfen. Dieser Feind hieß Kon-kurrenz.
1910 wuchs die Zahl der Banken in den Vereinigten Staaten mitphänomenaler Geschwindigkeit. Tatsächlich hatte sich ihre Zahl in denletzten zehn Jahren mehr als verdoppelt – bis zu 20 000. Obendreinkamen die meisten im Süden und Westen auf den Markt, wodurch dieNew Yorker Banken beständig Marktanteile einbüßten. In den 1880erJahren waren fast alle Banken nationale Banken; das heißt, sie warenkonzessioniert von der Regierung. Üblicherweise waren sie in dengroßen Städten ansässig und besaßen das gesetzliche Recht, ihre eigeneWährung in der Form von Banknoten herauszugeben. Bereits 1896jedoch war die Zahl der Nicht-Landesbanken auf insgesamt 61 Prozentangewachsen, die schon 54 Prozent aller Bankeinlagen des Landeshielten. 1913, als der »Federal Reserve Act« verabschiedet wurde,
(10)»From Farm Boy to Financier« von Frank A. Vanderlip in: The Saturday EveningPost, 9. Februar 1933, S. 25, 70. Die identische Geschichte erschien zwei Jahrespäter in Vanderlips Buch mit demselben Titel wie vorher der Artikel (New York:D. Appleton-Century Company, 1935), S. 210-219.
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lauteten die Zahlen: 71 Prozent Nicht-Landesbanken mit 75 Prozent dergesamten Einlagen.(11) In den Augen der Entenjäger aus New York mußtedieser Trend unbedingt gestoppt und umgekehrt werden.
Wettbewerb erwuchs ihnen auch aus dem neuen Trend der Industrie,nämlich künftiges Wachstum aus Gewinnen zu finanzieren, statt sichauf geborgtes Geld zu verlassen. Dies war die natürliche Folge freierMarktzinsen, die zu einer realistischen Balance zwischen Verschuldungund Sparsamkeit führten. Zinsen waren niedrig genug für seriöse Schuld-ner, die auf den Erfolg ihrer geschäftlichen Unternehmungen und ihreZahlungsfähigkeit vertrauten; gleichzeitig waren sie hoch genug, umAnleihen für leichtfertige Unternehmungen zu entmutigen, ebenso wiejene, die über alternative Quellen zur Finanzierung verfügten wie z. B.Eigenkapital.
Diese Balance zwischen Verschuldung und Sparsamkeit war dasErgebnis der begrenzten Geldmenge. Banken durften mehr verleihen,als sie tatsächlich an Geldeinlagen verwalteten, wie wir sehen werden,doch dieser Praxis war ein Riegel vorgeschoben. Die Grenze war ein-deutig bestimmt von der Menge ihres gehaltenen Goldes. In der Folgewurden zwischen 1900 und 1910 rund 70 Prozent des Wachstumsamerikanischer Unternehmungen intern finanziert, wodurch die Indu-strie zunehmend unabhängiger von den Banken wurde(12) Selbst dieBundesregierung wurde zunehmend sparsamer. Sie besaß einen wach-senden Vorrat an Gold, kaufte systematisch die »Greenbacks« zurück(die während des Bürgerkrieges herausgegeben worden waren) undreduzierte rasch die nationale Verschuldung.
Hier gab es noch einen Trend, der zum Halten gebracht werdenmußte! Was die Banker wünschten – ebenso wie viele Geschäftsleute –,war der Eingriff in den freien Markt, um die Zinsraten nach unten zudrücken. Die Balance zwischen Verschuldung und Sparsamkeit solltezugunsten der Verschuldung verschoben werden. Um dieses Ziel zuerreichen, mußte man nur den Geldvorrat von der Goldbindung befreienund ihn dann vergrößern oder, wie sie es nannten, ihn elastischer zugestalten.
(11)Gabriel Kolko, The Triumph of Conservatism (New York: The Free Press Glencoe,a division of the Macmillan Co., 1963), S. 140.
(12)William Greider, Secret of the Temple (New York: Simon and Schuster, 1987),S. 274, 275, und Kolko, S. 145.
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Das Gespenst eines Bankenzusammenbruchs
Die größte Bedrohung jedoch stammte nicht von den Geschäfts-rivalen oder den privaten Ansammlungen von Kapital, sondern von derAllgemeinheit in Form eines Bankenansturms, wie es von Bankerngenannt wird. Sobald Banken die Einlage eines Kunden annehmen,erhält er ein Guthaben gutgeschrieben. Dies ist gleichbedeutend mitdem Versprechen, dieses Guthaben jederzeit auf Wunsch des Anlegerszurückzuzahlen. Ähnlich ist es, wenn ein anderer Kunde von der BankGeld leiht. Auch er erhält eine Gutschrift, die jedoch unmittelbar abge-zogen wird, um den Zweck der Anleihe zu erfüllen. Dieses Systemerzeugt eine tickende Zeitbombe, denn zu diesem Zeitpunkt hat dieBank mehr Versprechen ausgegeben, »auf Verlangen auszuzahlen«, alssie Geld in ihren Tresoren hat. Obwohl der geldanlegende Kunde glaubt,er könne jederzeit sein Geld zurückfordern, wurde es in Wahrheitbereits dem Kreditaufnehmer ausgezahlt und steht der Bank gar nichtmehr zur Verfügung.
Verschärft wird dieses Problem durch die Tatsache, daß Bankensogar noch mehr Geld ausleihen dürfen, als sie selbst an Guthabenbesitzen. Der Mechanismus, mit dem diese scheinbare Unmöglichkeiterzielt werden kann, möge in einem späteren Kapitel beschrieben wer-den, doch es ist eine Tatsache des modernen Bankwesens, daß derglei-chen Zahlungsversprechen die Spareinlagen mit dem Faktor zehn zueins übersteigen. Und da nur etwa drei Prozent dieser Guthaben tatsäch-lich in den Tresoren in Form von Bargeld zurückgehalten werden (wäh-rend der Rest in weitere Anleihen und Investitionen gesteckt wurde),übersteigt das Versprechen der Bank ihre tatsächliche Fähigkeit, diesesVersprechen zu halten, um einen Faktor 300 zu eins. Solange nur einkleiner Prozentsatz der Anleger sein Geld fordert, ist alles in Ordnung.Doch ist das Vertrauen der Öffentlichkeit erschüttert und versuchenmehr als einige wenige Prozent der Anleger, ihr Geld zurückzuholen,wird das ganze Schema bloßgelegt. Die Bank kann nicht länger all ihreVersprechen erfüllen und ist gezwungen, ihre Tore zu schließen. Zugegebener Zeit folgt der Bankrott.
Währungsabflüsse
Dasselbe könnte auch ohne einen Bankensturm der Anleger gesche-hen (und so geschah es auch häufig vor der Einführung des Zentralbank-systems). Statt sein Geld am Bankschalter zurückzuverlangen, stellteman einfach Schecks zum Erwerb von Gütern oder Leistungen aus. Wer
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solche Schecks erhielt, trug sie zu einer Bank, um sich den Betrag dortgutschreiben zu lassen. Handelte es sich zufälligerweise um die gleicheBank, die vorher den Scheck ausgestellt hatte, war alles in Ordnung,denn es war ja gar nicht nötig, echtes Geld aus dem Tresor zu holen.Ging der Halter des Schecks damit jedoch zu einer anderen Bank,wurde der Scheck rasch zu dem ausstellenden Institut zurückgeschickt,und die finanzielle Regelung betraf nur zwei Banken.
Es handelt sich aber keineswegs um eine Einbahnstraße. Währenddie Innenstadtbank Zahlungen von der Außenstadtbank verlangt, schicktdie Außenstadtbank ebenso Schecks und Rechnungen zur Innenstadt-bank. Solange der Geldfluß gleichmäßig in beiden Richtungen fließt,kann alles mit einfacher Buchhaltung geregelt werden. Gerät dieserFluß jedoch aus dem Gleichgewicht, wird eine dieser Banken tatsäch-lich Geld zu dem anderen Institut schicken müssen, um die Differenzauszugleichen. Sollte der benötigte Geldbetrag auch nur wenige Pro-zentpunkte der gesamten Geldeinlagen dieser Bank übersteigen, ist dasErgebnis das gleiche wie ein Bankenansturm von Anlegern. DieserBedarf an Geld, verursacht von anderen Banken statt von Anlegern,wird als Währungsabfluß bezeichnet.
Im Jahre 1910 war der häufigste Grund für einen Bankenzusammen-bruch wegen übermäßiger Währungsabflüsse, daß man noch eine rück-sichtslosere Darlehensvergabe betrieben hatte als die Wettbewerber. Sowurde unter Umständen mehr Geld von einem Institut verlangt, weil esvorher mehr verliehen hatte. Es war reichlich riskant, 90 Prozent derErsparnisse der Bankkunden auszuleihen (und dabei lediglich einenDollar für je zehn Dollar in Reserve zurückzuhalten), doch hatte sichdiese Praxis als meistens angemessen erwiesen. Einige Banken jedochwaren versucht, sich noch dichter an den Abgrund zu wagen. Sie triebendieses Verhältnis auf 92 Prozent, 95 Prozent oder gar 99 Prozent.Schließlich erwirtschaftet eine Bank ihren Gewinn vor allem durch denEinzug von Zinsen, und der einzige Weg, dies zu tun, ist, vorher Darle-hen zu gewähren. Je mehr Darlehen, desto besser. So entwickelte sichdie Praxis der fahrlässigeren Banken zu »überleihen«, wie sie es be-zeichnen. Was allerdings nur ein anderer Ausdruck war, das Verhältniszwischen Einlagen und Darlehen herunterzudrücken.
Das Utopia der Banker
Könnte man alle Banken zwingen, Darlehen im gleichen Verhältniszu ihren Reserven zu gewähren, wie andere Banken dies tun, so würde
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die Gesamtsumme aller zwischen ihnen hin- und herwandernden Scheckssich am Ende ausgleichen, unabhängig von dem ursprünglichen Ver-hältnis zwischen Darlehen und Einnahmen. Bedeutsame Währungsab-flüsse wären praktisch ausgeschlossen. Vielleicht könnte das gesamteBankwesen in solch einem System zusammenbrechen, nicht jedochEinzelbanken ..., mindestens nicht die Mitglieder eines Kartells. Siealle würden in der gleichen Entfernung zum Abgrund wandeln, egal,wie nahe er sein mag. In dieser Gleichförmigkeit könnte niemand eineeinzelne Bank dafür verantwortlich machen, daß sie ihren Verpflichtun-gen nicht nachkommt. Man könnte die Schuld statt dessen auf »dieWirtschaft« oder »die Regierungspolitik« oder »die Zinsen« oder »dasHandelsdefizit« oder »den Wechselkurs des Dollars« oder womöglichgar »das kapitalistische System« schieben.
Im Jahre 1910 aber war dieses Utopia der Banker noch nicht erschaf-fen. Falls die Innenstadtbank in einem höheren Verhältnis zu ihrenReserven als ihre Wettbewerber Kredite vergab, so war die Summe dereingehenden Zahlungschecks ebenfalls höher. Folglich mußte eine Bank,die eine verwegenere Kreditlinie verfolgte, ihre Reserven angreifen, umdie eher konservativ agierenden Banken auszuzahlen. Und sobald dieseGeldvorräte erschöpft waren, mußte sie üblicherweise Konkurs anmelden.
Der Historiker John Klein berichtet: »Die Bankenpaniken von 1873,1884, 1893 und 1907 waren zum Großteil Folge ... von Reserve-Anhäufungen und exzessiverer Geldanlagen der großen Banken. DiesePaniken wurden ausgelöst von den Währungsabflüssen in Zeiten relati-ven Wohlstandes, als die Banken über die Maßen Geld ausgeliehenhatten.«(13) Mit anderen Worten: Die »Panik« und in deren Folge dieBankenzusammenbrüche wurden nicht durch negative Faktoren derWirtschaft verursacht, sondern von Währungsabflüssen bei den Ban-ken, die so viele Darlehen ausgegeben hatten, daß sie selbst praktischohne Reserven dastanden. Die Banken hatten nicht versagt, weil dasGesamtsystem schwach war. Das System hatte versagt, weil die Bankenschwach waren!
Dieses war ein weiteres gemeinsames Anliegen, das diese siebenMänner veranlaßte, mehr als 1000 Meilen bis zu einer winzigen Inselvor der Küste von Georgia zu reisen. Jeder war für den anderen einpotentieller gefährlicher Wettbewerber, doch in diesem Augenblick be-
(13)Vera C. Smith, The Rationale of Central Banking (London: P. S. King & Son,1936), S. 36.
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wegten sie vor allem die sogenannten Panik und die sehr realen 1748Bankenzusammenbrüche der vergangenen zwei Jahrzehnte. Irgendwiemußten sie ihre Kräfte bündeln. Es galt, eine Methode zu entwickeln,bei der sie weiterhin mehr Auszahlungsversprechungen abgeben konn-ten, als sie tatsächlich einzulösen in der Lage waren. Um dies zuerreichen, mußten sie mit einer noch neu zu entwickelnden Methodealle Banken zwingen, in der gleichen Entfernung vom Abgrund zubleiben und – falls das unabwendbare Verderben dennoch eintrat – dieöffentliche Schuld auf andere zu lenken. Indem man es wie die Schuldder nationalen Wirtschaft statt der des privaten Bankensystems ausse-hen ließ, könnte man die Tür aufstoßen für die Nutzung von Steuergel-dern, statt eigene Reserven angreifen zu müssen, um die Verluste auszu-gleichen. Dieses also waren die wesentlichen Herausforderungen, wel-che die kleine, doch mächtige, auf Jekyll Island versammelte Gruppe zulösen hatte:
1. Wie konnte man den wachsenden Einfluß kleiner Konkurrenz-banken eindämmen und sicherstellen, daß die Kontrolle über diefinanziellen Mittel der Nation in der Hand der anwesenden Bank-vertreter verblieb?
2.Wie könnte man die Geldmenge »elastischer« gestalten, um denTrend in Richtung private Kapitalansammlungen umzukehren undwieder im industriellen Darlehensbereich Fuß zu fassen?
3.Wie könnte man die mageren Reserven der nationalen Banken ineiner gemeinsamen Reserve bündeln, so daß alle Banken motiviertwären, das gleiche Verhältnis von Darlehen zu Anlagen einzuhal-ten? Diese würde wenigstens einige der versammelten Banken vorexzessiven Währungsabflüssen schützen und ebenso vor einemB ankensturm.
4.Sollte es letztendlich dennoch zu einem Zusammenbruch des gan-zen Bankwesens kommen, wie könnte man dann die Verluste vonden Besitzern der Banken auf die Steuerzahler abwälzen?
Das Kartell gibt sich einen Namen
Ihnen allen war bekannt, daß die Lösung dieser Probleme in einemKartell-Mechanismus zu finden war, der in Europa ersonnen und bereitsbei ähnlichen Situationen ausprobiert worden war. Wie bei allen Kartel-len, mußte dieses Vorhaben von der Gesetzgebung vorgegeben unddurch die Kraft der Regierung unter dem Vorwand, die Bürger schützen
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zu wollen, erhalten werden. Also war die wichtigste vor ihnen liegendeAufgabe auf dieser Liste die Nummer fünf:
5. Wie könnte man den Kongreß davon überzeugen, daß das Vorha-ben ein Mittel zum Schutz der Öffentlichkeit war?
Die Aufgabe war äußerst heikel. Den Amerikanern war der Gedanke anein Kartell zuwider. Schließlich widersprach der Zusammenschluß vonUnternehmen, um Preise festzulegen und Wettbewerb zu unterbinden,dem gesamten System des freien Wettbewerbs. Niemand hätte es denWählern schmackhaft machen können. Doch könnte man es schaffen,das Wort Kartell zu vermeiden und statt dessen emotional neutraleBegriffe – wenn möglich sogar verlockende! – als Anreiz zu benutzen,wäre die halbe Schlacht bereits gewonnen.
Die erste Entscheidung lautete also, der europäischen Praxis zufolgen. Folglich würde das Kartell als eine Zentralbank agieren. Dochselbst das sollte lediglich ein Gattungsbegriff sein. Für die Öffentlich-keitsarbeit und die spätere Gesetzgebung wollte man einen Begrifffinden, der das Wort Bank überhaupt vermeidet und wie ein Abbild derBundesregierung wirkt. Weiterhin wollte man jeden Eindruck einerKonzentration der Macht meiden und statt dessen regionale Zweige desKartells etablieren, um so bessere Überzeugungsarbeit leisten zu kön-nen. Wie Stephenson berichtet: »Aldrich trat in die Diskussion aufJekyll Island als glühender Verfechter der Idee einer Zentralbank ein.Sein Wunsch war es, das System einer der großen europäischen Banken,zum Beispiel der Bank of England, unverändert auf Amerika zu übertra-gen.«(14) Aber die politische Vernunft gebot es, daß solche Pläne derÖffentlichkeit verborgen bleiben sollten. Wie John Kenneth Galbraitherläutert: »Es war seine [Aldrichs] Idee, die Opposition dadurch zuumgehen, daß man nicht eine, sondern viele Zentralbanken etabliert.Dabei sollte man das Wort Bank jedoch vermeiden.«(15)
Mit Ausnahme von Aldrich waren alle Anwesenden Banker, doch nureiner von ihnen kannte sich mit dem Modell einer europäischen Zentral-bank aus. Wegen dieser Kenntnisse wurde Paul Warburg der dominanteund führende Kopf in den folgenden Diskussionen. Selbst eine beiläufi-ge Durchsicht der Literatur über die Schaffung des Federal Reserve
(14)Stephenson, S. 378.
(15)John Kenneth Galbraith, Money: Whence lt Came, Where lt Went (Boston:Houghton Mifflin, 1975), S. 122.
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Systems genügt, um ihn als den führenden Kopf des Kartells herauszu-finden. Galbraith schreibt: »... Warburg wurde, mit einigem Recht, derVater des Systems genannt.«(16) Professor Edwin Seligman, ein Mitgliedder internationalen Bankfamilie J. & W. Seligman und Leiter der Wirt-schaftlichen Fakultät der Columbia University, schreibt, daß »... in denfundamentalen Merkmalen der >Federal Reserve Act< das Werk vonMr. Warburg mehr als das jedes anderen Mannes im Lande ist«.(17)
Der wahre Daddy Warbucks
Paul Moritz Warburg war ein führendes Mitglied der InvestmentbankM. M. Warburg & Co. in Hamburg und Amsterdam. Erst neun Jahre vordem Treffen auf Jekyll Island war er in die Vereinigten Staaten gekom-men. Doch schon bald nach seiner Ankunft – ausgestattet mit Mittelnder Rothschild-Gruppe – waren er und sein Bruder Felix in der Lage,sich in die New Yorker Investmentbank Kuhn, Loeb & Co. einzukaufen,während sie gleichzeitig bei Warburg in Hamburg beteiligt blieben.(18)8Innerhalb von 20 Jahren wurde Paul einer der reichsten Männer Ameri-kas mit seiner unbestrittenen Vorherrschaft über das Eisenbahnwesendes Landes.
Mit diesem geschichtlichen Abstand fällt es schwer, die Bedeutungdieses Mannes heute anzuerkennen. Doch ein wenig mag man sie vonder Tatsache ableiten, daß die legendäre Figur Daddy Warbucks in demComicstrip Little Orphan Annie ein zeitgenössischer Bezug auf dieangenommene Wohltätigkeit von Paul Warburg und seine beinahe ma-gische Fähigkeit war, Gutes zu tun mit der Kraft seines grenzenlosenReichtums.
Der dritte der Brüder, Max Warburg, war der Finanzberater desdeutschen Kaisers und wurde Direktor der Reichsbank. Natürlich wardies eine Zentralbank, und es war eines der Modelle, die man in derKonstruktion des Federal Reserve System einband. Nebenbei bemerkthat die Reichsbank einige Jahre später in Deutschland die Hyper-inflation verursacht, die nicht nur die Mittelschicht, sondern die gesam-te Wirtschaft zerstörte.
Schon bald wurde Paul Warburg an der Wall Street bekannt alsüberzeugter Anwalt für eine Zentralbank in Amerika. Drei Jahre vor
(16)Galbraith, S. 123. (17)
The Academy of Political Science, Proceedings, 1914, Band 4, S. 387. (18)
Antony Sutton,Wall Street and FDR(New Rochelle, New York: Arlington House, 1975), S. 92.
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dem Treffen auf Jekyll Island hatte er mehrere Pamphlete veröffentlicht.Eines trug den Titel Die Mängel und Nöte unseres Bankensystems, einanderes hieß Ein Plan für eine modifizierte Zentralbank. Sie erzieltenhöchste Aufmerksamkeit in Kreisen von Akademikern und Finanz-fachleuten und beeinflußten das intellektuelle Klima in der Diskussionüber gesetzliche Regelungen zum Bankwesen. In diesen Abhandlungenbeklagte sich Warburg darüber, daß das amerikanische Währungssystemwegen seiner Abhängigkeit von Gold und öffentlichen Staatsanleihengelähmt sei ..., die beide nur in begrenzter Menge zur Verfügungstünden. Was Amerika benötige, so argumentierte er weiter, sei einelastischer Geldvorrat, den man vergrößern oder verringern könne, umdie schwankenden Bedürfnisse der Wirtschaft zu befriedigen. Die Lö-sung, so meinte er, sei dem deutschen Beispiel zu folgen, wo BankenGeld schaffen konnten allein auf der Basis von kurzfristigen Handels-papieren, also nichts anderem als Schuldverschreibungen von Körper-schaften.
Warburg war in seinen Anstrengungen ruhelos. Er war ein großherausgebrachter Sprecher vor einflußreichem Publikum und verfaßteeinen ganzen Berg von Artikeln zu diesem Thema. Im März jenes Jahreszum Beispiel veröffentlichte die New York Times eine elfteilige Serie, inder Warburg für eine Reserve Bank der Vereinigten Staaten eintrat?(19)
Die Botschaft war klar für die, die verstanden
Die meisten von Warburgs Schriften und Reden zu diesem Themawaren nur Augenwischerei für die Öffentlichkeit. Um von der Tatsacheabzulenken, daß eine Zentralbank nicht anderes als ein legalisiertesKartell ist, mußten ihre Befürworter dichte Nebelkerzen entzünden mitHilfe von Fachbegriffen und dabei immer wieder erläutern, wie einesolche Zentralbank dem Handel, der Öffentlichkeit und der Nationhelfen, wie man damit Zinsen niedrig halten und Mittel für Industrie-projekte bereitstellen und zudem noch Panikreaktionen in der Wirt-schaft steuern könne. Es gab nicht den leisesten Hinweis darauf, daß einGesamtplan dahintersteckte nach dem Prinzip »von oben nach unten«,um privaten Interessen zu Lasten der Öffentlichkeit zu dienen.
Dieses war allerdings die kalte Realität, und die scharfsichtigerenBanker waren sich dessen wohl bewußt. In einer Ansprache vor der
(19)J. Lawrence Laughlin, The Federal Reserve Act: Its Origin and Problems (New York: Macmillan, 1933), S. 9.
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American Bankers Association im folgenden Jahr legte Aldrich dasGanze ziemlich offen für diejenigen, die der Bedeutung seiner Wortetatsächlich Aufmerksamkeit schenkten. Er sagte: »Die vorgeschlageneOrganisationsstruktur ist keine Bank, sondern eine kooperierende Uni-on aller Banken des Landes für bestimmte Zwecke.«(20)Genau! EineUnion der Banken!
In einer Rede vor der gleichen Gruppe von Bankleuten, zwei Jahrespäter, äußerte sich A. Barton Hepburn von der Chase National Banksogar noch freimütiger: »Die Maßnahme anerkennt und übernimmt dieGrundsätze einer Zentralbank. Wenn sie tatsächlich so funktioniert, wiedie Befürworter des entsprechenden Gesetzes hoffen, werden alle betei-ligten Banken gemeinsame Besitzer einer zentralen beherrschendenKraft.«(21)Und dies ist sicherlich eine kaum zu überbietenden Definitionfür ein Kartell.
1914, ein Jahr nach der Verabschiedung des »Federal Reserve Act«,konnte sich Senator Aldrich erlauben, weniger zurückhaltend in seinenBemerkungen zu sein. In einem Artikel, veröffentlicht im Juli diesesJahres in einem Magazin namens The Independent, brüstete er sich:»Vor der Verabschiedung dieses Gesetzes konnten die New YorkerBanken nur die Rücklagen von New York beherrschen. Nun sind wir inder Lage, die Bankreserven des ganzen Landes zu beherrschen.«
Ein Mythos als Geschichte
Es gilt als geschichtlich bewiesen, daß die Federal Reserve zurStabilisierung unserer Wirtschaft geschaffen wurde. Eines der meistver-breiteten Lehrbücher zu diesem Thema stellt hierzu fest: »... sie ent-stand aus der Panik von 1907 mit der ganzen Epidemie von Banken-zusammenbrüchen. Das Land hatte die Anarchie der unsicheren Privat-banken ein für allemal satt.«(22)Selbst der naivste Student muß hier denernsten Widerspruch zwischen dieser hochgehaltenen Ansicht und dertatsächlichen Leistung des Systems erkennen. Seit seiner Gründung hates die Zusammenbrüche von 1921 und 1929 mit ansehen müssen,ebenso die Großen Depressionen von 1929 und 1939, die Rezessionenvon 1953, 1957, 1969, 1975 und 1981, den »Schwarzen Montag« der
(20)Der Volltext seiner Rede ist abgedruckt bei Herman E. Krooss und Paul A. Samuelson, Band 3, S. 1202.(21)
Kolko, Triumph, S. 235.(22)
Paul A. Samuelson, Economics, 8. Edition (New York: McGraw-Hill, 1970), S. 272.
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Börse 1987 und eine Inflation von insgesamt 1000 Prozent, die 90Prozent der Kaufkraft des Dollars vernichtete.(23)
Sehen wir uns den letzten Punkt ein wenig genauer an. 1990 benötig-te jemand ein jährliches Einkommen von 10 000 Dollar, um sich dasleisten zu können, was 1914 nicht mehr als 1000 Dollar gekostet hätte.Dieser unglaublicher Wertverlust wurde stillschweigend auf die Bun-desregierung transferiert in Form von versteckten Steuern, und dasFederal Reserve System diente als Mechanismus, mit dem dies bewerk-stelligt wurde.
Handlungen haben Folgen. Die Folgen der Konfiszierung von Reich-tum durch den Mechanismus der Federal Reserve haben jetzt wir zutragen. In der gegenwärtigen Dekade schellen Unternehmensschuldenin die Höhe, sind die Schulden von Privatpersonen höher als je zuvor, istdie Zahl von Bankrotterklärungen sowohl von Unternehmungen alsauch von Privatpersonen höher als je zuvor, und niemals zuvor waren soviele Spar- und Darlehensbanken bedroht. Die Zinsen für die nationalenSchulden verschlingen die Hälfte der gesamten Steuern, und die Schwer-industrie wurde weitgehend von überseeischen Wettbewerbern verdrängt.Zum ersten Mal in unserer Geschichte weist das Land ein Handels-defizit auf. Dreiviertel des Stadtzentrums von Los Angeles sowie ande-ren Metropolen gehört inzwischen Ausländern, und mehr als die Hälfteder Nation befindet sich in der wirtschaftlichen Rezession.
Erster Grund für die Abschaffung des Systems
So sieht die Ergebnistafel aus, und zwar 80 Jahre, nachdem dieFederal Reserve angeblich zur Stabilisierung der Wirtschaft ins Lebengerufen wurde! Es kann gar nicht angezweifelt werden, daß das Systemseine ureigensten Ziele verfehlt hat. Weiterhin: Nach all dieser Zeit,nach wiederholtem Personalwechsel, nachdem beide Parteien abwech-selnd an der Macht waren, nach unzähligen Experimenten des Geld-wesens, nach beinahe 100 Änderungen der Charta und nach der Ent-wicklung zahlloser neuer Formeln und Verfahrensweisen gab es mehrals genügend Gelegenheiten, im Grunde genommen rein prozeduraleFehler auszumerzen. Deshalb ist es keineswegs unsinnig zu schlußfol-gern, das System habe nicht wegen des Mangels an neuen Vorschriftenoder intelligenteren Direktoren versagt, sondern weil es schlicht unfä-hig zur Erfüllung der gesetzten Aufgaben ist.
(23)»Money, Banking, and Biblical Ethics« von Ronald H. Nash in: Durell Journal of Money and Banking, Februar, 1990.
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Ist eine Institution unfähig zur Erlangung ihrer Ziele, gibt es keinenGrund für ihren Fortbestand ..., es sei denn, sie kann durch Veränderun-gen dazu in die Lage versetzt werden. Dies führt zu der Frage: Weshalbversagt das System bei der Erfüllung der selbstgestellten Aufgaben?Und die schmerzvolle Antwort lautet: Diese Aufgaben waren niemalsdie tatsächlichen Ziele.
Hält man sich die Umstände vor Augen, unter denen es ins Lebengerufen wurde, und stellt man sich seine Schöpfer und seine tatsächli-chen Leistungen über viele Jahre hinweg vor, so wird offensichtlich, dasdieses System lediglich ein Kartell mit einer Regierungsfassade ist.Zweifellos sind seine Steuerleute motiviert, Vollbeschäftigung, hoheProduktivität, niedrige Inflationsraten und eine allgemein gesunde Wirt-schaft zu erhalten. Doch sie sind nicht daran interessiert, das Huhn zuopfern, das solch wunderbare goldene Eier legt. Sobald ein Konfliktzwischen den Interessen der Öffentlichkeit und den eigenen Bedürfnis-sen des Kartells auftritt – ein beinahe alltäglicher Konflikt –, so wird imZweifel die Öffentlichkeit geopfert. Diese Entscheidung entspricht derNatur der Kreatur. Es wäre närrisch, eine andere Reaktion des Kartellszu erwarten.
Diese Ansicht wird nicht gerade ermutigt von den Institutionen desEstablishments und ihren Vertretern. Es ist zu ihrer offensichtlichenMission geworden, die amerikanische Öffentlichkeit davon zu überzeu-gen, daß das System nicht grundsätzlich fehlerhaft ist. Statt dessen seies nur in die Hände unfähiger Dummköpfe gefallen. Wiliam Greiderbeispielsweise war ein stellvertretender Herausgeber der WashingtonPost. Sein Buch Secrets of The Temple erschien 1987 bei Simon undSchuster. Es war der Federal Reserve gegenüber kritisch wegen derenVersäumnisse, doch Greider zufolge wurden diese nicht von dem ei-gentlichen System verursacht, sondern waren lediglich das Ergebniswirtschaftlicher Faktoren, die »soooo kompliziert« waren, daß die gu-ten Leute, die sich für die Funktionsfähigkeit des Systems abmühten,einfach nicht mehr damit zurechtkamen. Doch macht euch keine Sor-gen, Leute: Sie arbeiten noch daran! Dies ist genau die Art von Puder-quasten-Kritik, die gerade noch in den großen Medien vertretbar ist.Doch Greiders eigene Untersuchung führt zu einer gänzlich anderenInterpretation. Zum Ursprung des Systems führt er aus:
Während neue Gesellschaften auch ohne die Wall Street florierten, sotaten dies auch neue regionale Banken, die deren Vermögen verwal-
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teten. New Yorks angehäuftes Bankenvermögen war noch immerimmens, ungefähr die Hälfte des ganzen Landes, aber es nahmbeständig ab. Die Wall Street war noch immer »der größte Burschedes Blocks«, aber sie war weniger und weniger in der Lage, andereherumzustoßen.
Dieser Trend war ein bedeutender Faktor in der Geschichte, einemißverstandene Realität, welche die politische Bedeutung der neuenGesetzgebung verändert, die schließlich zur Federal Reserve führte.Zu jener Zeit war die allgemeine Meinung im Kongreß – geteilt undaufrichtig verfolgt auch von progressiven Reformern –, daß eineRegierungseinrichtung letztendlich den »Geld-Trust« im Zaum hal-ten, seine Macht brechen und eine breite demokratische Kontrolleüber Geld und Kredit etablieren würde. Das Ergebnis war beinahedas Gegenteil. Die Geldreformen, die 1913 in Kraft traten, halfenden Status quo zu zementieren und die alte Ordnung zu stabilisieren.Die Banker der großen Bankenzentren erhielten nicht nur die Vor-herrschaft über die neue zentrale Bank, sondern konnten sich nunsogar einer Abschirmung gegen Instabilität und ihren eigenen Nie-dergang erfreuen. Sobald das FED eingerichtet war, kam das ständi-ge Auseinanderdriften der Finanzmacht zum Stehen. Die Wall Streetbehielt ihre dominante Position ..., sie stärkte diese sogar noch.(24)
Antony Sutton, ein ehemaliger Forschungskollege an der Hoover Insti-tution for War Revolution and Peace und Wirtschaftsprofessor an derCalifornia State University Los Angeles, bietet eine noch tiefere Analy-se. Er schreibt:
Warburgs revolutionärer Plan, die amerikanische Gesellschaft fürdie Wall Street arbeiten zu lassen, war verblüffend einfach. Sogarheute noch bedecken akademische Theoretiker ihre Tafeln mit bedeu-tungslosen Gleichungen, während die Allgemeinheit in konfuser Ver-wirrung mit Inflation und dem bevorstehenden Zusammenbruch desKreditwesens kämpft ... Und die recht einfache Erklärung des Pro-blems bleibt undiskutiert und beinahe gänzlich unverstanden. DasFederal Reserve System ist ein legalisiertes privates Monopol desGeldvorrates zum Wohle einiger weniger unter dem Vorwand, dasöffentliche Interesse zu fördern und zu schützen.(25)
(24)Greider, S. 275.
(25)Sutton, Wall Street and F.D.R., S. 94.
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Die echte Bedeutung der Reise nach Jekyll Island und der Kreatur, diedort ausgebrütet wurde, wurde versehentlich in den Worten von PaulWarburgs bewunderndem Biographen Harold Kellock zusammengefaßt:
Paul M. Warburg ist wahrscheinlich der gesittetste Mann, der jemalspersönlich eine Revolution geleitet hat. Es war eine unblutige Revo-lution: Er bemühte sich nicht, das Volk zu den Waffen zu rufen. Er trathervor nur mit einer Idee bewaffnet. Und er siegte. Das ist dasErstaunliche. Ein schüchterner, feinfühliger Mann stülpte seine Ideeeiner Nation von 100 Millionen Menschen über.(26)
Zusammenfassung
Der Basisplan für das Federal Reserve System wurde auf einemGeheimtreffen im November 1910 in dem Ferienanwesen vonJ. P. Morgan auf Jekyll Island vor der Küste von Georgia skizziert. DieTeilnehmer des Treffens vertraten finanzielle Institutionen der WallStreet und indirekt auch solche Europas. Der Grund für die Geheimhal-tung war recht einfach. Wäre durchgesickert, daß rivalisierende Fraktio-nen des Bankenwesens dabei waren, sich zusammenzutun, wäre dieÖffentlichkeit von der drohenden Einschränkung des freien Wettbewer-bes aufgeschreckt worden ... Aber genau dies war schließlich dasAnsinnen der Banker. Was schließlich dabei herauskam, war ein Kartell-abkommen mit fünf Zielen: die wachsende Konkurrenz der neuen Ban-ken in Schach halten; die Konzession erlangen, Geld praktisch aus demNichts heraus für Darlehen zu drucken; die Kontrolle über die Reservenaller Banken zu erlangen, so daß die leichtsinnigeren Banken nicht derGefahr von Währungsabflüssen und Bankenstürmen ausgesetzt wären;den Steuerzahler für die unvermeidbaren Verluste des Kartells heranzie-hen; und schließlich den Kongreß davon überzeugen, dies alles dienenur der Öffentlichkeit. Man erkannte rasch, daß die Banker gemeinsameSache machen müßten mit den Politikern und daß die Struktur desKartells eine Art von Zentralbank sein müßte. Die Vergangenheit be-weist, daß das FED die selbstgesteckten Ziele verfehlt hat. Nicht zu-letzt, weil diese niemals ihre wahren Ziele waren. Als Bankkartell undim Sinne der genannten fünf Ziele war das Ganze ein uneingeschränkterErfolg.
(26)Harold Kellock, »Warburg, the Revolutionist« in: The Century Magazine, Mai 1915, S. 79.

Kapitel 2
Der Name des Spieles heißt »Bailout«
Die Analogie eines Massensportes als Mittel, die Re-geln zu erläutern, mit denen Steuerzahler die Kostendes »Bailout« der Banken tragen müssen, sobald de-ren Kredite platzen.
Im vorangegangenen Kapitel haben wir festgehalten, daß die Jekyll-Island-Gruppe, die das Federal Reserve System entworfen hatte, tat-sächlich ein nationales Kartell unter der Vorherrschaft der Großbankenerschaffen hat. Es hieß auch, daß ein vordringliches Ziel des Kartellswar, die Bundesregierung mit einzubinden, um die unvermeidlichenVerluste der Bankeigentümer auf die Steuerzahler abwälzen zu können.Selbstverständlich ist dies eine der umstrittensten Behauptungen diesesBuches. Doch in Anbetracht der erdrückenden angesammelten Beweis-fülle seit der Erschaffung des Systems bleibt wenig Spielraum für eineandere Deutung. Unternehmen wir also noch einmal eine Zeitreise.Nachdem wir anfangs in das Jahr 1910 gereist sind, kehren wir nun indie Gegenwart zurück.
Um zu verstehen, wie Bankverluste den Steuerzahlern aufgebürdetwerden, muß man zuerst ein bißchen mehr davon verstehen, wie dasSystem funktionieren sollte. Man muß bestimmte Verfahren und For-meln verstehen, sonst wirkt die ganze Vorgehensweise wie ein Chaos.Es ist so, als wären wir unser Leben lang auf einer Südsee-Insel isoliert,ohne Kenntnisse von der Außenwelt. Stellen Sie sich vor, Sie würdendann zum ersten Mal zum Festland reisen und Beobachter eines Football-Spieles werden.
Man würde ungläubig Männer anstarren, die wie Außerirdische voneinem fremden Planeten aussehen, die ihre Körper gegen die anderenMänner einsetzen, dabei ein seltsam geformtes Ding hin- und her-werfen, wie um ein kostbares Stück darum kämpfen und es gleichzeitigwie etwas völlig Wertloses weit weg werfen, die sich gegenseitig jagenund zu Boden reißen, um sich gleich darauf für einen weiteren Angriffneu zu gruppieren ... und all dies in der Gesellschaft von Zehntausen-den von Zuschauern, die sich gemeinsam und ohne erkennbaren Grunddie Seele aus dem Leib schreien. Ohne wenigstens ein Grundverständnis
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des Spieles zu besitzen und seine Regeln zu kennen, würde solch eineVeranstaltung für den Außenstehenden vollkommen chaotisch oder garverrückt wirken.
Die Funktionsweise unseres Währungssystems der Federal Reservehat viel gemeinsam mit einem professionellen Football-Spiel. Zuersteinmal kommen bestimmte Spielzüge wieder und wieder vor ..., mitnur geringfügigen Variationen je nach den besonderen Umständen.Zweitens gibt es festgelegte Regeln, denen alle Mitspieler mit größterPräzision folgen. Drittens gibt es ein klares Ziel des Spieles, das allenMitspielern stets präsent ist. Und viertens: Wenn den Zuschauern dieseZiele nicht bekannt sind und sie die Regeln nicht verstehen, werden siedie Vorgänge auf dem Spielfeld niemals wirklich begreifen. Und diesestrifft in bezug auf die monetären Vorgänge in unserem Land auf dieüberwältigende Mehrheit aller Amerikaner zu. Lassen Sie uns daher inschlichten Worten diese Ziele beschreiben, und auch die Art und Weise,wie die Mitspieler diese Ziele zu erreichen trachten. In einem erstenÜberblick werden wir versuchen, die Vorgänge zu entmystifizieren.Nachdem die Konzepte klar darliegen, werden wir aktuelle Beispieleaus der jüngsten Vergangenheit untersuchen. Der Name des Spieleslautet »Bailout«. Wie bereits festgestellt wurde, ist die Aufgabe schlichtdie, unvermeidbare Verluste von den Bankeigentümern auf die Steuer-zahler abzuwälzen. Die Vorgehensweise ist dabei folgende:
Die Regeln des Spieles
Das Spiel beginnt, sobald das Federal Reserve System den Geschäfts-banken gestattet, Scheckbuch-Geld aus dem Nichts heraus zu schaffen.(Einzelheiten über diesen unglaublichen Vorgang finden Sie in Kapi-tel 10: »Der Mandrake-Mechanismus«.) Die Banken schöpfen Gewinnaus diesem leicht gewonnenen Geld, aber nicht, indem sie es ausgeben,sondern weil sie es verleihen und Zinsen dafür erhalten.
Sobald solch ein Darlehen in den Büchern der Bank erscheint, tauchtes als ein Aktivposten auf, denn es bringt der Bank Zinsen ein und wirdaller Voraussicht nach eines Tages zurückgezahlt. Gleichzeitig wird einebenso großer Eintrag als Verpflichtung im Hauptbuch gemacht. Das istso, weil das neu geschaffene Scheckbuch-Geld nun im Umlauf ist undweil vieles davon bei anderen Banken auftauchen wird, die irgendwannden ursprünglich ausgestellten Scheck bei der ausstellenden Bank alsGeldforderung einreichen werden. Auch Privatleute könnten einen Teildieses Geldes von der Bank in Form von Bargeld fordern. Die ursprüng-
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liche ausstellende Bank geht also eine Auszahlungsverpflichtung in derHöhe des ursprünglichen Darlehens ein.
Ist ein Schuldner zahlungsunfähig, und besitzt er keine Werte zumAusgleich seiner Schulden, muß die Bank das Darlehen als Verlustabschreiben. Da jedoch der größte Teil des Geldes ursprünglich aus demNichts heraus geschaffen wurde und die Bank nur die Unkosten desBuchungsvortrages tragen muß, gibt es kaum einen wirklichen Verlust.
Das Ganze ist im wesentlichen nur ein Buchungsvorgang. Dennochkann ein Buchverlust unerwünscht sein, denn dabei wird das Darlehenaus dem Hauptbuch gestrichen als Aktivposten, ohne daß dem eineReduzierung der Verbindlichkeiten gegenübersteht. Die Differenz mußbeglichen werden aus dem Eigenkapital der Bankeigentümer. Mit ande-ren Worten: Das Darlehen wird gestrichen, doch die monetäre Rückzah-lungsverpflichtung bleibt bestehen. Das Scheckbuch-Geld zirkuliertnoch immer in der Wirtschaft, obwohl der Schuldner unfähig zur Rück-zahlung ist, und die ausgebende Bank unterliegt immer noch der Ver-pflichtung, diese Schecks einzulösen. Der einzige Weg, um die Kontenauszugleichen, besteht darin, das Kapital der Aktionäre anzugreifenoder die Verluste aus den gegenwärtigen Gewinnen zu begleichen. Inbeiden Fällen jedoch verlieren die Eigentümer der Bank eine SummeGeldes in Höhe des geplatzten Darlehens. Für sie also wird der Verlustreal. Ist eine Bank gezwungen, viele »faule« Darlehen abzuschreiben,so kann der Gesamtbetrag durchaus das Eigenkapital der Anleger über-steigen. Sobald dies geschieht, ist das Spiel vorüber, und die Bankinsolvent.
Diese Befürchtung kann groß genug sein, die meisten Banker zueiner sehr zurückhaltenden oder konservativen Darlehensstrategie an-zuhalten, und tatsächlich sind viele von ihnen in ihrem Geschäftsgeba-ren mit Einzelpersonen und kleinen Geschäftsleuten äußerst zurückhal-tend. Aber das Federal Reserve System, dieFederal Insurance Corpora-tion und die Federal Deposit Loan Corporation garantieren nun, daßGroßdarlehen an Unternehmen und Regierungen nicht länger den Bank-eigentümern zur Last fallen, sollten diese Darlehen nicht zurückgezahltwerden können. Dies wird damit begründet, daß die ganze Nation untergewaltiger Arbeitslosigkeit und wirtschaftlichen Verwerfungen leidenwürde, wenn man die Industriebetriebe oder Banken in Konkurs gehenlassen würde. Doch mehr dazu später.
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Das Dauer-Schulden-Spiel
Das Endergebnis dieser Verfahrensweise ist, daß die Banken nurgeringen Anlaß zur Vorsicht haben, weil sie vor den Auswirkungen ihrereigenen Torheit geschützt werden. Je höher das Darlehen, desto besser,denn es schafft den größten Profit mit dem geringsten Aufwand. Eineinziger Kredit an ein Dritte-Welt-Land, der Hunderte Millionen DollarZinsen jährlich einbringt, ist leicht oder noch leichter zu verbuchen alsein Darlehen von 50 000 Dollar an einen örtlichen Kaufmann in derEinkaufsmeile. Werden die Zinsen bezahlt, gibt es reiche Beute. Platztdas Darlehen, wird die Bundesregierung »die Öffentlichkeit schützen«und mit verschiedenen Mechanismen sicherstellen, daß die Banken ihreZinsen zurückerhalten.
Privatleute und kleine Geschäftsleute finden es zunehmend schwerer,Geld zu vernünftigen Zinsen zu borgen, weil die Banken mehr anDarlehen für Industrieunternehmen und ausländische Regierungen ver-dienen. Außerdem sind die großen Darlehen sicherer für die Banken,weil im Notfall die Regierung einspringen wird. Solche Rückversiche-rungen gibt es nicht für kleine Anleihen. Die Öffentlichkeit würdeeinfach nicht hinnehmen, daß in diesem Fall das »Aus-der-Patsche-Helfen« des kleinen Schuldners nötig ist, um das ganze System zuretten. Dafür sind die Beträge einfach zu gering. Nur wenn die Beträgewirklich umwerfend hoch sind, wird die »Masche« wirklich plausibel.
Es ist wichtig, sich daran zu erinnern, daß Banken ihre Darlehennicht wirklich zurückgezahlt haben möchten — außer als Beweis für dieVerläßlichkeit des Schuldners. Schließlich erhalten sie Zinsen auf dasDarlehen und nicht durch die Rückzahlung des Darlehens. Ist ein Kreditgetilgt, muß die Bank schließlich einen anderen Darlehensnehmer fin-den, und dies kann eine teure Belästigung sein. Viel besser ist es, wennder Schuldner nur die Zinsen bezahlt und niemals sein Darlehen tilgt.Bei diesem Vorgang werden fällige Obligationen durch neue Papiere dergleichen Art finanziert. Einer der Gründe, weshalb es Banken vorzie-hen, an Regierungen Geld auszuleihen, ist, daß sie niemals die Rück-zahlung dieser Anleihen wirklich erwarten. Als Walter Wriston 1982Präsident der Citicorp Bank war, rühmte er die Vorzüge dieses Verfah-rens folgendermaßen:
Besäßen wir einen Aufrichtigkeits-Kodex vergleichbar dem der Werbe-branche, würde jede Banknote des Schatzamtes den Satz tragenmüssen: »Diese Geldnote wird eingelöst mit dem Ertrag einer identi-
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schen Note, die der Öffentlichkeit veräußert wird, sobald diese fälligist.«
Diese in den Vereinigten Staaten beinahe wöchentlich stattfindendeHandlung wird Schatzwechsel-Auktion genannt. Wird jedoch einegrundsätzlich ähnliche Prozedur im Ausland in einer Fremdsprachedurchgeführt, sprechen unsere Medien für gewöhnlich von »Schuld-verlagerungen«. Die Vorstellung bleibt, daß einige Arten von Unglückgeradezu unvermeidlich sind. Sind sie aber nicht.
Man muß nur die grundlegenden Verfahren kennen, wie RegierungenKredite aufnehmen, um dies zu verstehen. Zuerst einmal gibt es nur sehrwenige historisch festgehaltene Fälle, daß Regierungen – egal welche –tatsächlich schuldenfrei waren. In einer Zeit, da Defizite von 100 Milli-arden Dollar üblich sind, wird niemand, der einer Regierung Geld leihtoder Schatzwechsel erwirbt, ernsthaft erwarten, daß er bei deren Fällig-keit anders ausgezahlt wird als mit neuen Papieren.(1)
Das Schulden-Verschiebungs-Spiel
Weil das System die Vergabe von großen und unsicheren Anleihenbelohnt, werden die Banken genau diese Art von Kreditgeschäftentätigen. Es ist weiterhin vorhersagbar, daß die meisten unseriösen Kre-dite letztendlich nicht bedient werden. Sobald der Schuldner seineZahlungsunfähigkeit erklärt, wird die Bank darauf so reagieren, daß siedas Darlehen auf neue Kredite verschiebt. Dies ist häufig Theater, umdie Transaktion als eine Konzession der Bank erscheinen zu lassen,doch in Wahrheit handelt es sich um einen bedeutsamen Schritt auf demWeg zur Erlangung immerwährender Zinsen.
Irgendwann ist dann der Schuldner an dem Punkt angelangt, daß ernicht einmal mehr die Zinslasten tragen kann. Das Spiel wird nun nochkomplizierter. Auf Zinszahlungen möchte die Bank natürlich nicht ver-zichten, handelt es sich doch um Einkünfte. Keineswegs kann sie es sichaber erlauben, den Schuldner zahlungsunfähig werden zu lassen, weilsie dann die Schulden abschreiben müßte zu Lasten des Eigenkapitalsihrer Eigner, bis sie schließlich aus dem Geschäft wäre. Der nächsteSchritt wäre also, zusätzliches Geld aus dem Nichts zu schaffen unddieses dem Schuldner zu leihen, damit er genug zur Weiterzahlung von
(1)»Banking Against Disaster« von Walter B. Wriston in:The New York Times, 14. September 1982.
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Zinsen besitzt, die inzwischen auf das ursprüngliche Darlehen sowie dieneu geborgte Summe fällig werden. Was ursprünglich wie ein sicheresVerderben aussah, wandelt sich durch ein brillantes Spiel zu einemgroßen Treffer. Schließlich bleibt nicht nur der alte Kredit als Aktivpo-sten in den Büchern, es werden sogar die scheinbaren Aktiva in dieHöhe getrieben und noch mehr Zinszahlungen eingestrichen. Also steigtder Profit der Bank.
Das Einsatz-erhöhen-Spiel
Früher oder später wird der Schuldner unruhig werden. Er besitztschließlich kein Interesse daran, so viele Zinsen zu zahlen, daß nichtsmehr für ihn selbst übrigbleibt. Ihm wird nun klar, daß er nur noch fürdie Bank arbeitet, und er stellt erneut die Zahlungen ein. Die gegneri-schen Parteien stecken die Köpfe zusammen, um den nächsten Planauszuhecken, und eilen zur Strafstoßlinie, wo sie sich versteckte Dro-hungen an den Kopf werfen. Der Schuldner kann einfach nicht und willnicht bezahlen. Holt es euch, wenn ihr könnt! Der Verleiher droht, denSchuldner zu ruinieren, dafür zu sorgen, daß dieser niemals wiedereinen Cent erhalten wird. Schließlich einigt man sich auf einen soge-nannten Kompromiß. Wie zuvor ist die Bank bereit, noch mehr Geld ausdem Nichts zu holen und es dem Schuldner zu übergeben, damit er dieZinsen der ersten beiden Darlehen bezahlen kann. Doch dieses Malwird der Einsatz durch zusätzliches Geld erhöht, damit sich der Schuld-ner noch etwas anderes leisten kann als Zinszahlungen. Dieses ist einglänzender Treffer. Der Darlehensnehmer besitzt plötzlich frisches Geldfür seine Zwecke und gleichzeitig genug für diese lästigen Zinsen. Unddie Bank ..., sie hat nun noch größere Aktiva, höhere Zinseinnahmenund größere Profite! Welch ein aufregendes Spiel!
Das Umschuldungsspiel
Die bisherigen Spiele können mehrmals wiederholt werden, bis demSchuldner schließlich die Erkenntnis kommt, daß er tiefer und tiefer imSchulden-Sumpf versinkt ohne Aussicht auf Erlösung. Diese Erkennt-nis kommt für gewöhnlich dann, wenn Zinszahlungen so anschwellen,daß sie beinahe die gesamten Einnahmen des Unternehmens bezie-hungsweise die Steuereinnahmen eines Landes verschlingen. DiesesMal wird das Verschieben der Schulden abgelehnt, und die Zahlungsun-fähigkeit scheint unabwendbar.
Doch halt! Was ist das? Die Spieler stehen erneut an der Strafstoß-
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linie. Es gibt eine große Konfrontation. Schiedsrichter werden gerufen.Zwei schrille Sirenentöne verraten uns, daß beide Seiten einen Treffergelandet haben. Eine Stimme aus den Lautsprechern verkündet: »DasDarlehen wurde umgeschuldet. «
Umschuldungen bedeuten für gewöhnlich eine Kombination niedri-gerer Zinsen und gestreckter Rückzahlungszeiträume. Der Effekt isteigentlich nur Kosmetik. Man reduziert die monatlichen Zahlungen,erstreckt die Rückzahlung aber weit in die Zukunft hinein. Somit wirddie derzeitige Last für den Schuldner etwas leichter zu tragen, doch dietatsächliche Rückzahlung wird noch unwahrscheinlicher. Der Tag derAbrechnung wird verschoben, doch in der Zwischenzeit bedeutet dies:Die Schulden bleiben als Aktivposten bestehen, und Zinsen fließenweiterhin.
Das Schützt-die-Öffentlichkeit-Spiel
Früher oder später kommt der Tag der Abrechnung. Der Schuldnererkennt, daß er niemals das Geld wird zurückzahlen können, und ver-weigert jede weitere Zinszahlung. Nun ist es Zeit für das letzte Manö-ver.
Dem Banking Safety Digest zufolge, das sich auf die Sicherheitamerikanischer Banken spezialisiert hat, sind die meisten Geldhäusermit »problematischen Darlehen« recht profitable Unternehmen:
... feststellen daß, außer Dritte-Welt-Darlehen, die meisten großenBanken des Landes recht profitabel wirtschaften. Im Gegensatz zuder sich verschlimmernden Situation bei Schuldverschreibungen undDarlehen war die Rentabilität der Banken der Motor, mit der sie(wenn auch langsam) die überseeischen Schulden abbauen konnten.Den letztjährigen Gewinnhöhen zufolge könnten die Banken theore-tisch sämtliche Schulden Lateinamerikas in zwei Jahren auslösen.(2)
Die Banken könnten die Verluste aus schlechten Krediten für multina-tionale Unternehmungen und ausländische Regierungen wegstecken,doch dies entspricht nicht den Regeln. Schließlich wäre dies ein großerVerlust für die Aktionäre, die wenig oder gar keine Dividendenzahlungenwährend der Anpassungsperiode erhielten. Und jeder Bankenvorstand,
(2)" Overseas Lending ...Trigger for A Severe Depression?" in : The BankingSafety Digest (U. S. Business Publishing/Veribanc, Wakefield, Massachusetts),August 1989, S. 3.
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der sich auf diese Strategie einlassen würde, müßte sich gewiß baldeinen neuen Job suchen. Solch ein Verfahren wäre nicht Teil des Spieles,und dies wird überdeutlich an folgender Tatsache: Während man einenkleinen Teil der lateinamerikanischen Schulden absorbiert hat, verteilendie Banken riesige Darlehen an Regierungen in anderen Teilen der Welt.Vor allem an Afrika, China, Rußland und Osteuropa. Aus Gründen, diewir in Kapitel 5 untersuchen werden, besteht kaum Hoffnung darauf,daß diese Länder ihre Kredite wesentlich anders bedienen werden alsLateinamerika. Doch der wichtigste Grund, diese Schulden nicht abzu-schreiben, ist das Spiel für die Neubelebung dieser eigentlich totenDarlehen, mit der man die einst sprudelnden Einkommen reaktivierenkann.
Und so funktioniert das: Die Kapitäne beider Mannschaften wendensich an den Schiedsrichter und den Präsidenten mit der Bitte, das Spielfortsetzen zu dürfen. Dieses liege schließlich im Interesse der Öffent-lichkeit und der Zuschauer, die sich gut amüsiert hätten und über dasEnde betrübt seien. Sie äußern ebenfalls die Bitte, daß die Parkwächtervon allen Autos die Radkappen abmontieren sollen, während die Zu-schauer sich im Stadion amüsieren. Durch den Verkauf kann man neuesGeld für weitere Gehälter der Spieler, des Schiedsrichters und natürlichdes Präsidenten zahlen. Dies wäre letztlich nur angemessen, denn schließ-lich leisten sie inzwischen Überstunden für die Zuschauer. Sobald derDeal steht, wird dreimal ins Horn gestoßen, und ein Schrei der Erleich-terung im Stadion erklingt.
In einer etwas abgewandelten Form könnte das Spiel so aussehen:Der Präsident der Bank und der Leiter des Finanzwesens der verschul-deten Gesellschaft oder Regierung wenden sich gemeinsam an denKongreß. Sie erklären, daß der Schuldner alle Möglichkeiten zur Til-gung ausgeschöpft hat und daß ohne Unterstützung der Bundesregie-rung letztlich schreckliche Konsequenzen auf die Amerikaner zukämen.Es drohten nicht nur Arbeitslosigkeit und Elend im Lande, nein, auchmassive Störungen der Weltmärkte. Und da wir schließlich so abhängigseien von diesen Märkten, würden die Exporte sinken, ausländischesKapital verschwinden ... und alle würden leiden müssen. Erforderlichsei es also, daß der Kongreß den Schuldner entweder direkt oder indi-rekt mit Geld versorgt, damit er die Zinsen auf seine Schulden zahlenund zugleich neue wirtschaftliche Aktivitäten entfalten kann, die soertragreich sein werden, daß er schon bald alles zurückzahlen könne.
Als Teil des Vorschlags wird der Schuldner die Einsetzung eines
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unabhängigen Schiedsrichters begrüßen, der die Sparmaßnahmen über-wachen soll, damit das neue Geld nicht verschwendet wird. Die Bankihrerseits wird der Abschreibung eines kleinen Teiles des ursprüngli-chen Darlehens anbieten als Geste ihres guten Willens, gemeinsam alleLasten zu tragen. Natürlich ist dieser Schachzug von Anfang an vorher-sehbar; zugleich ist er ein kleiner Schritt rückwärts, um einen riesigenSchritt nach vorn zu tun.
Schließlich war der durch die Abschreibung zu verlierende Betragursprünglich aus dem Nichts entstanden, und ohne dieses letzte Manö-ver hätte man den Gesamtbetrag abschreiben müssen. Diese bescheide-ne Abschreibung wirkt geradezu zwergenhaft, verglichen mit den mög-lichen Gewinnen durch die Wiederbelebung der Zinszahlungen.
Das Garantierte-Zahlungs-Spiel
Eine der Standardvariationen des Letzten Manövers besteht darin,daß die Regierung nicht direkt die benötigten Mittel bereitstellt, son-dern statt dessen einen Kredit für diese Mittel. Das heißt, sie garantiertdie zukünftigen Zahlungen, sollte der Schuldner erneut in Schwierig-keiten geraten. Sobald der Kongreß zustimmt, wird die Regierung Mit-unterzeichner des Darlehens, und die künftigen Verluste werden vomHauptbuch der Bank auf die Schultern amerikanischer Steuerzahlerverlagert.
Das Geld beginnt jetzt durch ein komplexes System nationaler Agen-turen, internationaler Einrichtungen, Auslandshilfe und direkter Sub-ventionen in die Banken zu fließen. All diese Mechanismen lenkenZahlungen der Amerikaner um und führen sie zu den schmarotzendenSchuldnern, die wiederum zur Tilgung ihrer Schulden das Geld an dieBanken zurücküberweisen. Nur eine geringe Summe dieses Geldesstammt aus Steuern. Der größte Teil wird aus dem Federal ReserveSystem generiert. Sobald die neu geschaffene Geldmenge zu den Ban-ken zurückkehrt, fließt sie rasch zurück in die Wirtschaft, wo sie sichmit dem im Umlauf befindlichen Geld vermischt und dessen Wertverwässert. Das Ergebnis sind steigende Preise, die jedoch nichts ande-res bedeuten als eine Senkung des Wertes des Dollars.
Die Bürger des Landes haben keine Vorstellung davon, daß schließ-lich sie die Rechnung bezahlen müssen. Zwar ist ihnen bewußt, daßjemand ihnen die Radkappen gestohlen hat, doch sie glauben, es sei dergierige Geschäftsmann, der die Preise nach oben treibt, oder der selbst-süchtige Arbeiter, der höhere Löhne verlangt, oder der unwürdige Bau-
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er, der für seine Güter zuviel verlangt, oder der reiche Ausländer, derunsere Preise in die Höhe treibt. Es ist ihnen nicht bewußt, daß dieseGruppen von Menschen ebenfalls Opfer eines Finanzsystems sind, dasden Geldwert unablässig durch das Federal Reserve System vermindert.
Die öffentliche Unkenntnis der Spielregeln des Systems wurde of-fenbar in einer Fernsehsendung. Thema der Sendung war die Krise derEinlagen und Ersparnisse, die den Steuerzahler Milliarden von Dollarkosten könnte. In der Sendung erhob sich ein Mann aus dem Publikumund fragte zornig: »Weshalb kann nicht die Regierung diese Schuldentragen statt der Steuerzahler?« Und einige Hundert Zuschauer klatsch-ten begeistert Beifall!
Wohlstand durch Insolvenz
Da große Unternehmenskredite oft von der Bundesregierung abgesi-chert werden, könnte man meinen, daß die ausleihenden Banken nie-mals ein Problem haben würden. Dennoch stolpern viele von ihnen indie Zahlungsunfähigkeit. Wie wir jedoch später noch sehen werden, istdie Insolvenz durchaus ein Teil des gesamten Systems.
Eine Bank ist durchaus in der Lage, in einem Zustand der Insolvenzzu operieren, ohne daß dies ihren Kunden bewußt wird. Geld kanngeschaffen und von einer imaginären Form in die andere umgewandeltwerden lediglich durch Eintragungen im Hauptbuch. Mit ein wenigPhantasie kann man immer die letzte Zeile ausgleichen. Schwierigkei-ten tauchen nur dann auf, wenn, aus welchen Gründen auch immer, dieAnleger sich entscheiden, ihr Geld abzuziehen. 0 weh! Es gibt einfachnicht genug dafür, und wenn dieses geschieht, ist die Katze aus demSack. Die Bank muß ihre Pforten schließen, und die Anleger wartendraußen ..., genau das: Sie warten.
Die korrekte Lösung dieses Problems liegt darin, die Banken wie alleanderen Unternehmen zu verpflichten, ihre Abmachungen einzuhalten.Versichern sie ihren Kunden, daß Einlagen »auszahlbar sind auf Verlan-gen«, müssen sie genug Bargeld zurückhalten, um dieses Versprecheneinzulösen, und zwar unabhängig davon, wann der einzelne Kundedieses verlangt oder wie viele Kunden es sind. Mit anderen Worten: Siemüßten im Grunde genommen 100 Prozent sämtlicher Einlagen inForm von Bargeld in ihren Tresoren aufbewahren. Sobald wir unserenHut an der Garderobe abgeben und dafür einen Bon entgegennehmen,erwarten wir schließlich auch nicht, daß die Frau hinter dem Schalterden Hut anderen Leuten ausleiht, während wir essen, in der Hoffnung,
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daß wir den Hut – oder einen ähnlichen – zum Zeitpunkt unseresAufbruches zurückzuerhalten. Wir erwarten, daß alle Hüte an dieserStelle bleiben und daß wir sie zum Zeitpunkt unseres Aufbruches vonder Garderobenfrau zurückerhalten!
Wenn jedoch die Bank uns sagt, sie würde unser Geld in der Zwi-schenzeit an andere Personen ausleihen, damit wir ein bißchen Zinsendafür bekommen, so muß sie uns darüber informieren, daß wir das Geldnicht auf Verlangen jederzeit zurückerhalten werden. Weshalb? Weil esinzwischen weitergereicht wurde und gar nicht mehr im Tresor liegt.Bankkunden sollten darüber unmißverständlich unterrichtet werden,daß ihre Einlagen auf Zeit und nicht auf Verlangen ausgehändigt werdenkönnen, denn die Bank wird für die Rückzahlung stets eine gewisse Zeitbenötigen.
All dies ist durchaus leicht zu verstehen, und dennoch werden Bank-kunden selten darüber informiert. Meistens sagt man ihnen, sie könntenihr Geld jederzeit zurückerhalten und gleichzeitig dafür Zinsen erwar-ten. Und selbst wenn sie dafür keine Zinsen erhalten, so doch die Bank;deshalb schließlich können von ihr so viele Serviceleistungen kostenlosangeboten werden. Gelegentlich wird eine Auszahlungsverzögerungvon 30 oder 60 Tagen erwähnt als eine Möglichkeit, doch diese Zeit-spanne ist absolut unzureichend für Einlagen, die in zehn-, 20- oder30jährige Darlehen umgewandelt wurden. Die Banken reizen nur ihreChancen aus in der Annahme, daß meistens alles gut gehen wird.
Wir werden dies später noch genauer untersuchen; für den Augen-blick genügt es zu wissen, daß die Offenlegung von Bankpraktiken keinTeil des großen Spieles ist. Das Federal Reserve System hat die Unehr-lichkeit, mehr ungedeckte Versprechungen zu machen, als man haltenkann, legalisiert und institutionalisiert und komplexe Methoden erson-nen, diese Praxis als eine normale und ehrliche Form des Bankwesenszu verschleiern. Den Wirtschaftsstudenten wird erklärt, es gebe garkeine andere Methode, wie das System funktionieren könne. Sobalddiese Prämisse allgemein akzeptiert ist, wird sich die Aufmerksamkeitnicht auf den inneren Fehler des Systems richten, sondern auf die Mittelund Wege, wie man damit leben und den Schaden so gering halten kannwie möglich.
Unter der Annahme, daß nur ein kleiner Prozentsatz der Einleger ihrGeld gleichzeitig zurückfordern wird, hat die Federal Reserve dengroßen Geschäftsbanken gestattet, mit einer unglaublich dünnen Kapi-taldecke für Rückzahlungen »auf Verlangen« zu operieren.
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Sobald einer Bank das Bargeld ausgeht und sie ihr Versprechen nichthalten kann, springt »das System« als letzte Hilfe ein. Das heißt, es stehtbereit, aus dem Nichts heraus Geld zu schaffen und es der in Zahlungs-schwierigkeiten befindlichen Bank auszuleihen. (Mehr darüber in Kapi-tel 8.) Dennoch gibt es für diese Praxis Grenzen. Auch das FED wirdkeine Bank stützen, die sich selbst so tief in finanzielle Problemehineingeritten hat, daß sie aus eigener Kraft keine realistische Chancemehr hat. Sobald die buchhalterischen Aktivposten einer Bank unter dieHöhe ihrer Verbindlichkeiten rutschen, verlangen die Regeln des Spie-les eine Verlagerung der Verluste auf die Geldeinleger. Diese bezahlenalso zweimal: einmal als Steuerzahler, und dann als Einleger bei derBank. Alles dies wird über die Federal Deposit Insurance Corporation(FDIC) abgewickelt.
Das FDIC-Spiel
Die FDIC garantiert, daß jede versicherte Einlage zurückgezahltwird, und zwar unabhängig von der finanziellen Situation der jeweili-gen Bank. Das Geld hierfür stammt aus einem speziellen Fond, der ausder Einschätzung der teilnehmenden Banken stammt.
Natürlich überweisen die Banken hierfür kein Bargeld. Wie bei allenanderen Ausgaben, wird die überwiegende Menge der Kosten letztend-lich auf den Kunden in Form von höheren Bearbeitungsgebühren undniedrigeren Zinsen auf ihre Einlagen abgewälzt.
Die FDIC wird häufig als ein Versicherungsfonds beschrieben, dochist dies nichts als übelste Werbung. Eines der ersten Ziele von Versiche-rungen ist es, die Risiken durch die Versicherten selbst zu begrenzen.Also Situationen, in denen der Versicherungsnehmer eine nur geringeVeranlassung hat, den Versicherungsfall zu vermeiden. In solch einerSituation werden viele Menschen leichtsinnig, und es steigt die Wahr-scheinlichkeit, daß die in Rede stehenden Versicherungsfälle tatsächlicheintreten werden. Nehmen wir folgendes Beispiel: Eine Regierung zwingtjedermann, einen gleich hohen Betrag in einen Fonds einzuzahlen, umdamit gegen Falschparken versichert zu sein. (Fast scheut man sich,diesen absurden Vorschlag zu erwähnen, damit kein unternehmens-lustiger Politiker ihn auf seine Wahlkampfzettel schreibt!) Wir solltenalso rasch auf zwei Ergebnisse hinweisen, falls solch ein trotteliger Planjemals Wirklichkeit würde. Erstens: Fast jeder Autofahrer würde sofortStrafzettel wegen Falschparkens erhalten. Zweitens: Da es nun so vieledavon geben würde, wären die Kosten für diese Strafzettel bei weitem
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höher als früher, als es noch keine sogenannte Versicherung dagegengab.
Die FDIC funktioniert genau nach diesem Muster. Den Einlegernwird gesagt, ihre Konten seien im Falle einer Insolvenz der Bankversichert. Für diesen Schutz muß jede Bank einen bestimmten Prozent-satz ihrer gesamten Einlagen abführen. Dieser Prozentsatz ist für alleBanken gleich, und zwar unabhängig von ihrem früheren Geschäfts-ergebnis oder dem Risiko ihrer Ausleihen. Unter solchen Bedingungenzahlt es sich nicht aus, vorsichtig zu sein. Wer risikobehaftete Kreditevergibt, nimmt höhere Zinsen ein als die vorsichtigeren Banken. Gleich-zeitig werden sie wahrscheinlich aus dem gemeinsamen Fonds mehreinnehmen, ohne daß sie auch nur einen Cent mehr einbezahlen müs-sen. Die konservativen Banken werden also bestraft und neigen früheroder später dazu, ebenso riskante Darlehen zu vergeben wie ihre Wett-bewerber, um ebenso »fair« von der Rückversicherung behandelt zuwerden. Der Risikofaktor also ist schon gleich in das System eingear-beitet. Wie bei den Strafzetteln gilt auch hier, daß genau das, wogegenman sich versichern möchte, eintreten wird. Hier geht es nicht um eineLösung des Problems, sondern um einen Teil des Problems.
Eine echte Versicherung wäre ein Segen
Eine echte und vollkommen freiwillige Versicherung auf die Geld-einlagen, deren Prämien sich an den tatsächlichen Risiken orientierenmüßten, wäre ein echter Segen. Banken mit gesunden Darlehen in ihrenBüchern würden zu vernünftigen Preisen Sicherheit für ihre Einlegererhalten, denn das Risiko für diese Art von Versicherung wäre gering.Hingegen würden Banken, die sich auf risikoreiche Darlehen einlassen,wesentlich höhere Versicherungsprämien bezahlen müssen ..., mögli-cherweise könnten sie sich aber auch gar nicht auf diese Weise absi-chern. Auf diese Weise erführen Geldeinleger sofort und ohne weitereNachforschungen anstellen zu müssen, ob sie tatsächlich bei einerbestimmten Bank ihr Geld deponieren sollten. Um also Einlagen anzu-locken, müßten Banken sich gegen Risiko versichern. Um eine Versi-cherung zu vertretbaren Kosten abzuschließen, müßten sie aber denguten Zustand ihrer geschäftlichen Transaktionen der Versicherung of-fenlegen. Banken ohne einen minimalen Standard soliden Geschäftsge-barens würden folgerichtig keine Kunden mehr werben können undmüßten aufgeben. Ein freiwilliges privates Versicherungsprogrammwürde viel effektiver und ehrlicher als jede politische Maßnahme wie
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ein mächtiger Regulator für das gesamte Bankwesen wirken. Leider istdie Welt der Banken davon noch weit entfernt.
Der »Schutz« der FDIC ist in keinem Sinne des Wortes eine Versi-cherung. Es ist nur Teil eines politischen Systems, um den einflußreich-sten Mitgliedern des Banken-Kartells »aus der Patsche zu helfen«,sobald sie in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten. Wie wir bereitsfestgestellt haben, ist die erste Verteidigungslinie der Wiederbelebungfauler Anleihen die Bürgschaft des Kongresses, mit Steuergeldern ein-zuspringen. Falls das nicht gelingt und die Bank nicht länger ihreZahlungsunfähigkeit mit weiteren kreativen Manipulationen ihrer Buch-haltung verbergen kann, werden rasch Schlangen von besorgten Einle-gern vor der Tür stehen, um ihr Geld zurückzuholen ..., das die Bankgar nicht mehr besitzt. Also ist die zweite Verteidigungslinie die FDIC,die solche Auszahlungen übernehmen müßte.
Natürlich möchten Banker all dies verhindern. Es ist nur eine Artletzte Zuflucht. Wird eine Bank auf diese Weise gerettet, werden übli-cherweise das Management gefeuert und die restliche Geschäftstätig-keit von einer anderen Bank übernommen. Der Wert ihrer Aktien wirdaußerdem in die Tiefe stürzen, doch dies betrifft im Grunde nur dieKleinaktionäre. Die Besitzer von Aktienpaketen ebenso wie die leiten-den Angestellten wissen für gewöhnlich weit im Voraus von der drohen-den Katastrophe und werden ihre Anteile rechtzeitig abstoßen, solangeder Kurs hoch ist. Die Verursacher des Problems leiden nur selten unterden wirtschaftlichen Konsequenzen ihrer Handlungen.
Die FDIC wird niemals ausreichend ausgestattet sein
Niemals wird die FDIC genug Geld besitzen, um die potentiellenVerbindlichkeiten des gesamten Bankenwesens aufzufangen. Gäbe esdiese Summe überhaupt, könnte sie auch von den Banken selbst verwal-tet werden, und ein Versicherungsfonds wäre überflüssig. Statt dessenfunktioniert die FDIC mit der gleichen Grundannahme wie die Banken:daß nämlich nur ein kleiner Prozentsatz der Einleger jemals zur glei-chen Zeit ihr Geld abziehen wird. Also ist der Reservefonds niemalsgrößer als einige wenige Prozentpunkte der gesamten Verbindlichkei-ten. Üblicherweise hält die FDIC ungefähr 1,20 Dollar für je 100 DollarEinlage. Zur Zeit dieser Niederschrift war dieser Betrag aber schon auf70 Cent gefallen – mit sinkender Tendenz. Dies bedeutet, daß die finan-zielle Gefährdung ungefähr 99,3 Prozent größer ist als das Sicherheits-netz, das sie eigentlich auffangen sollte. Schon der finanzielle Bankrott
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von einer oder zwei Banken könnte die gesamten Rücklagen verschlin-gen.
Doch es kommt noch schlimmer. Obwohl vielleicht das Hauptbuchviele Millionen oder Milliarden von Dollar im Fonds ausweist, ist auchdieses nur kreative Buchhaltung. Per Gesetz muß das durch die Bank-einlagen angesammelte Kapital in langfristige Schatzanweisungen in-vestiert werden; das heißt nichts anderes, als daß es der Regierunggeliehen und umgehend vom Kongreß ausgegeben wird. In letzter Kon-sequenz würde also die FDIC selbst kein Geld mehr haben und sichzuerst an das Finanzministerium, dann hilfesuchend an den Kongreßwenden. Solch ein Schritt ist selbstverständlich nichts anderes als einletzter Akt der Verzweiflung, doch in den Medien wird er für gewöhn-lich als Zeichen der Stärke des Systems dargestellt. US News & WorldReport hat es höflich folgendermaßen ausgedrückt: »Sollten die Ge-schäftsstellen noch mehr Geld benötigen, so hat der Kongreß das volleVertrauen und die Unterstützung der Regierung zugesichert.«(3) Mann,phantastisch! Ist das nicht wunderbar? Man fühlt sich richtig wohl beidem Gedanken, daß das Geld so sicher ist.
Was heißt »das volle Vertrauen und die Unterstützung der Regie-rung« denn wirklich? Der Kongreß, schon jetzt hoch verschuldet, be-sitzt kein Geld. Er würde es gar nicht wagen, zur Deckung eines Defizitsoffen Steuern einzutreiben; statt dessen wird er sich zusätzliches Gelddurch die Herausgabe weiterer Schatzanweisungen besorgen. Die Öf-fentlichkeit wird einen Teil dieser Papiere erwerben, und die FederalReserve kauft den Rest. In Zeiten einer monetären Krise oder falls dieSumme allzu groß ist, wird das FED alles übernehmen.
Aber auch das FED besitzt kein Geld! Es reagiert schlicht durch dieSchaffung neuen Geldes praktisch aus dem Nichts in Höhe dieserSchatzanweisungen, und durch die Zauberei einer Zentralbank wird dieFDIC schließlich finanziell ausgestattet. Das frische Geld fließt in dieBanken, wo es zur Auszahlung der Einleger verwendet wird. Und vonihnen strömt es schließlich in die Wirtschaft, wo es den gesamtenGeldwert verwässert und zum Anstieg der Preise beiträgt. Der alteGehaltsscheck bringt nicht mehr so viel wie früher, also gewöhnen wiruns an weniger. Immerhin: Die Türen der Bank stehen wieder offen,und alle Einleger sind glücklich ..., bis sie zu ihren Autos zurückkehrenund feststellen, daß die Radkappen fehlen!
(3)»How Safe Are Deposits in Ailing Banks, S&L's?« inUS News & World Report, 25. März 1985, S. 73.
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Das meint man mit »das volle Vertrauen und die Unterstützung derRegierung«.
Zusammenfassung
Obwohl die nationalen Geldangelegenheiten für Außenstehende ge-heimnisumwittert und chaotisch wirken, werden sie von lange beste-henden Regeln geordnet, die von Bankern und Politikern strikt befolgtwerden. Der zentrale Kern des Verständnisses all dieser Vorgänge ist dieTatsache, daß all das Geld im Bankenwesen praktisch aus dem Nichtsheraus durch Anleihen geschaffen wurde. Eine geplatzte Anleihe kostetdie Bank folglich keinen wirklichen Wert, sondern erscheint statt dessenim Hauptbuch als Verringerung der Aktivposten ohne korrespondieren-de Verringerung der Verbindlichkeiten. Sollte die Summe solcher nichtzurückgezahlter Darlehen die Summe aller Aktiva übersteigen, wird dieBank rein technisch gesprochen insolvent und muß ihre Tore schließen.Die erste Regel des Überlebens lautet also, das Abschreiben großer undfauler Anleihen zu vermeiden und wenn möglich wenigstens die Zinsendafür zu erhalten. Zu diesem Zweck werden gefährdete Darlehen häufigimmer weitergewälzt und vergrößert. Dies versorgt den Schuldner mitGeld für die Weiterzahlung der Zinsen ebenso wie für neue Ausgaben.Das tatsächliche Problem wird damit nicht gelöst, sondern nur in dieZukunft verschoben und letztlich verschlimmert.
Eine letzte Zuflucht besteht für das Bankenkartell darin, die Bundes-regierung für die Rückzahlung der Schuld einstehen zu lassen, sollte derSchuldner gänzlich zahlungsunfähig werden. Dies läßt sich dadurchbewerkstelligen, daß man den Kongreß von dem möglichen großenSchaden für die gesamte Wirtschaft und die daraus entstehenden Be-schwernisse für die Bevölkerung überzeugt. Von diesem Punkte an wirddie Last des Darlehens vom Hauptbuch der Bank auf die Steuerzahlerverlegt. Sollte dieser Versuch fehlschlagen und die Bank Insolvenzanmelden müssen, bleibt als letztes Mittel, die FDIC die Einlegerauszahlen zu lassen. Die FDIC ist keine Versicherung, denn Faktorenwie »menschliche Umstände« lassen genau jene Ereignisse wahrschein-licher werden, deren Risiken sie eigentlich verhindern sollen. Ein Teilihres Kapitals stammt aus den Forderungen an die Banken. Am Endejedoch werden die Geldeinleger selbst zur Kasse gebeten. Wenn alleGeldmittel zu Neige gehen, wird alles vom Federal Reserve Systemwieder durch neugeschaffenes Geld ausgeglichen. Es strömt in denWirtschaftskreislauf und verursacht steigende Preise, die in Wahrheit
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jedoch lediglich den Wertverlust des Dollars verdeutlichen. LetztenEndes wird also dieses »Bailout«, dieses »sich gegenseitig aus derPatsche Helfen«, an die Öffentlichkeit in Form einer versteckten Steuer,genannt Inflation, weitergereicht.
So viel zu den Regeln des Spieles. Im nächsten Kapitel werden wiruns die Ergebnistafel und das eigentliche Spiel anschauen.
Kapitel 3
Beschützer der Öffentlichkeit
Das Spiel, international auch »Ballout« genannt, wiees tatsächlich in Einzelfällen bei der Penn Central, beiLockheed, bei der New York City, bei Chrysler, bei derCommonwealth Bank of Detroit, bei der First Penn-sylvania Bank, bei der Continental Illinois und ande-ren angewandt wurde.
Im vorangegangenen Kapitel haben wir einen humorigen Vergleich mitdem Sport herangezogen, um die Manöver der Bankleute und Politikerzu erläutern, wie sie den Geschäftsbanken aus der Klemme helfen, dieTeil des Federal-Reserve-Kartells sind. Die Gefahr hierbei ist mögli-cherweise der Eindruck, das Thema sei nicht wirklich ernstzunehmen.Lassen wir also solche Vergleiche beiseite und wenden uns erneut derRealität zu. Da wir bereits die hypothetischen Regeln des Spieles stu-diert haben, ist der Blick auf das tatsächliche Spiel überfällig, und eswird rasch offensichtlich, daß es sich dabei um keine Trivialität handelt.Ein guter Anfang ist die Rettung eines Bankenkonsortiums, das diegefährdeten Darlehen der Penn Central Railroad hielt.
Penn Central
Penn Central war die größte nationale Eisenbahngesellschaft mit96 000 Angestellten und wöchentlichen Lohnzahlungen in Höhe von20 Millionen Dollar. 1970 wurde sie auch zum größten Bankrottfall desLandes. Sie war bei praktisch jeder Bank tief verschuldet, die ihr Geldgeliehen hatte. Auf der Liste standen unter anderem Chase Manhattan,Morgan Guaranty, Manufacturers Hanover, First National City, ChemicalBank und Continental Illinois. Leitende Angestellte der größten dieserBanken waren in Penn Centrals Vorstand als Bedingung für die Vergabevon Darlehen entsandt worden, und diese erwarben nach und nach dieKontrolle über die Leitung des Eisenbahnunternehmens. Die Bankenhielten auch große Stapel von Penn-Central-Aktien in ihren Kreditab-teilungen.
Dieses Arrangement war in vielerlei Hinsicht sehr praktisch, undzwar nicht zuletzt deshalb, weil nun die im Vorstand der Eisenbahn
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vertretenden Banker bestimmte Informationen über kommende Auswir-kungen auf den Aktienkurs des Unternehmens wesentlich früher als dieÖffentlichkeit erhielten. Chris Welles schildert in The Last Days of theClub die Geschehnisse:
Am 21. Mai, einen Monat vor dem Untergang der Eisenbahn, infor-mierte der Finanzchef von Penn Central, David Bevan, vertraulichdie Vertreter der geldgebenden Banken, die finanzielle Lage desUnternehmens sei so schlecht, daß man den Versuch, 100 MillionenDollar durch eine Aktienemission für dringend benötigte Liquiditätzu beschaffen, habe verschieben müssen. Statt dessen, so Bevan,würde die Eisenbahn eine Art von Darlehensgarantie von der Regie-rung erbitten. Mit anderen Worten: Würde das Hilfeersuchen an dieRegierung fehlschlagen, müßte die Eisenbahn ihren Betrieb einstel-len. Am folgenden Tage verkaufte die Chase Manhattan 134 300Aktien von Penn Central. Noch vor dem 28. Mai, als die Öffentlichkeitüber die Verschiebung der Aktienemission informiert wurde, verkauf-te die Bank weitere 128 000 Aktien. David Rockefeller, der Präsidentder Bank, bestritt nachdrücklich, Chase habe auf Grund von Insider-Informationen gehandelt.(1)
Direkt zum Umstand dieser Studie gehört die Tatsache, daß praktischalle wesentlichen Managemententscheidungen, die zu Penn CentralsAbleben führten, entweder von oder in Zusammenarbeit mit dem Direk-torium getroffen wurden ..., also eigentlich von den geldgebendenBanken. Noch anders ausgedrückt heißt das, die Banken kamen nichtdurch das schlechte Management von Penn Central in Schwierigkeiten,denn sie waren ja Penn Centrals schlechtes Management. Eine 1972von dem Kongreßabgeordneten und Vorsitzenden des Banken- undWährungsausschusses Wright Patman geleitete Untersuchung ergab:Die Banken hatten große Darlehen für Geschäftsausweitungen und eineverheerende Expansion zur Verfügung gestellt. Zusätzlich liehen sie derEisenbahn Millionen für Dividendenzahlungen an die Aktionäre.
Dies erzeugte den falschen Eindruck von Prosperität und hielt dieKurse der Aktien lange genug hoch, um sie an die ahnungslose Öffent-lichkeit zu verscherbeln. So taten sich für die Bankmanager gleich drei
(1)Chris Welles,The Last Days of the Club(New York: E.P. Dutton, 1975), S. 398-399.
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Goldgruben auf: Erstens kassierten sie Dividende auf eigentlich wertlo-se Aktien, zweitens erhielten sie Zinsen auf die Darlehen, die für dieDividenden bereitgestellt worden waren, und drittens konnten sie schließ-lich 1,8 Millionen Aktien (natürlich nach der Dividendenausschüttung)zu überhöhten Kursen abstoßen.(2)
Ein Bericht der Kommission für Wertpapier- und Devisenhandelbewies, daß die Geschäftsführer der Gesellschaft ihre Anteile auf dieseWeise mit einer persönlichen Einsparung von jeweils einer MillionDollar veräußert hatten.(3)
Hätte man die Eisenbahngesellschaft zu diesem Zeitpunkt in denBankrott gehen lassen und sie gezwungen, alle ihre Aktivposten aufzu-lösen, wären die Banker immer noch geschützt gewesen. Bei jederLiquidation werden zuerst die Schuldner ausbezahlt und die Aktienbe-sitzer zuletzt; folglich hatten die Drahtzieher ihre Aktien rasch abgesto-ßen, als die Kurse noch vergleichsweise hoch waren. Es ist allgemeinüblich unter Firmenplünderern, mit geliehenem Geld eine Firma an sichzu reißen, deren Aktivposten an andere Unternehmen zu verschieben,die sie selbst besitzen, um schließlich den von Schulden gebeuteltenund dem Untergang geweihten Rest den verbliebenen Aktionären oder,wie in diesem Falle, den Steuerzahlern zu überlassen.
Zum Teufel mit der Allgemeinheit
In einem Begleitschreiben zu dem Bericht faßte der Kongreßabge-ordnete Patman dies so zusammen:
Alle schienen Teil einer verschworenen Gemeinschaft zu sein, in derPenn Central und ihre führenden Leute fast ohne Rückfragen Darle-hen für alles erhalten konnten, was die Gesellschaft und sie selbstsich wünschten. Auch die Banker im Vorstand stellten praktisch keineFragen zu den Vorgängen, sondern gestatteten dem Management, dieGesellschaft zu vernichten, indem sie in fragwürdige Aktivitäteninvestierten und sich in einigen Fällen auch in illegale Aktionenverstrickten. Im Gegenzug erhielten diese Banken die lukrativstenGeldgeschäfte der Eisenbahn übertragen. Ihre innere Einstellung,während dieses Spiel ablief schien zu sein, daß die Vorgänge zum
(2)»Penn Central«, 1971 Congressional Quarterly Almanac (Washington, D. C.:Quarterly Almanac, 1971), S. 838.(3)
»Penn Central: Bankruptcy Filed After Loan Bill Falls«, 1970Congressional Quarterly Almanac (Washington, D. C.: Quarterly Almanac, 1970), S. 811.
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Nutzen jeden Mitglieds des Clubs seien ... und zum Teufel mit derEisenbahn und dem Volk.(4)
Das Bankenkartell, gemeinhin Federal Reserve System genannt, wurdegenau für diese Art von »Bailout«, also dem »aus der Patsche Helfen«,geschaffen. Der Vorsitzende des FED, Arthur Burns, hätte eine direkteInfusion neu geschaffenen Geldes bevorzugt, doch dies widersprachden Regeln dieser Zeit. Mit seinen eigenen Worten: »Alles wurdeabgelehnt. Nach dem Gesetz konnten wir es ihnen nicht selber lei-hen ..., ich habe auf andere Weise daran gearbeitet.«(5)
Die finanzielle Krise der Gesellschaft kam an einem Wochenendezum Höhepunkt; damit die Gesellschaft nicht am Montagmorgen ihreZahlungsunfähigkeit erklären müßte, rief Burns alle Präsidenten derFederal-Reserve-Banken zu Hause an und riet ihnen, überall zu berich-ten, das »System« sei begierig darauf, zu helfen. William Treiber, dererste Vizepräsident des New Yorker Zweiges des FED, setzte sich gleicham Sonntag mit den Präsidenten der zehn größten Banken in New Yorkin Verbindung und berichtete ihnen, das Diskont-Fenster des FED wür-de am nächsten Morgen weit offen stehen. Übersetzt heißt das: DasFederal Reserve System ist bereit, Geld aus dem Nichts zu schaffen undes unverzüglich an Geschäftsbanken auszuleihen, damit diese ihrerseitsdie Summen noch vergrößern und weiterreichen könnten an Penn Centralund andere Gesellschaften wie Chrysler, die sich in ähnlich schwierigenGewässern befanden.(6)Außerdem wären die Kosten niedrig genug alsAusgleich für das Risiko. In Anspielung darauf, was am kommendenMontag durchsickerte, brüstete sich Burns später: »Fast den ganzen Tagwar der Vorstand deshalb praktisch ständig in Sitzung, damit Geld in dieKreditabteilungen der Banken fließen konnte.« In seinem Rückblick aufdieses Ereignis beschreibt Chris Welles es voller Genugtuung als »nachallgemeiner Ansicht die großartigste Stunde des FED«(7).
Großartigste Stunde oder nicht: Die Banken waren gar nicht sointeressiert an dem Angebot, solange sie nicht sicher sein konnten, daßder Steuerzahler irgendwie mit unterzeichnen und die Rückzahlunggarantieren würde. Die ganze Sache ging also weiter zum Kongreß.Penn Centrals leitende Angestellte, Banker und Gewerkschaftsvertreter
(4) Welles, S. 404-405.(5) Welles, S. 407.(6)
Mandrake Mechanism, Kapitel 8 (Erklärung des Multiplikator-Effekts).
(7) Welles, S. 407-408.
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kamen in Scharen herbei, um zu erläutern, daß der Fortbestand derEisenbahngesellschaft im tiefsten Interesse der Öffentlichkeit, des ar-beitenden Menschen und der gesamten amerikanischen Wirtschaft sei.Die Marine sprach vom Schutz der nationalen »Verteidigungsfähig-keit«. Natürlich konnte der Kongreß taub bleiben gegenüber den drin-genden Bedürfnissen der Nation. Er reagierte mit einer rückwirkenden13,5-Prozent- Gehaltserhöhung für alle Gewerkschaftsmitglieder. Nach-dem auch diese Last noch zu dem allgemeinen Geldabfluß hinzukamund die Eisenbahn noch tiefer in das Schuldenloch stürzte, verabschie-dete der Kongreß 1970 den »Emergency Rail Services Act« und stelltedamit 125 Millionen Dollar in Form von Darlehensgarantien zur Verfü-gung.(8)
Natürlich regelte keine dieser Maßnahmen das ursprüngliche Pro-blem ..., sollten sie aber auch nicht. Praktisch jedem war klar, daß dieEisenbahn über kurz oder lang »verstaatlicht« werden würde, was nichtsanderes als ein beschönigender Ausdruck für ein schwarzes Loch ist, indem Steuergelder verschwinden. Ähnlich ging es zu bei der Gründungvon AMTRAK 1971 und CONRAIL 1973. AMTRAK übernahm dasFahrgastgeschäft von Penn Central, CONRAIL den Frachtverkehr.CONRAIL ist ein Privatunternehmen. Bei seiner Gründung hielt dieRegierung 85 Prozent der Aktien, der Rest waren Belegschaftsaktien.Glücklicherweise wurden die von der Regierung gehaltenen Wertpapie-re 1987 versteigert.
AMTRAK steht noch immer unter staatlicher Kontrolle, fährt Verlu-ste ein und wird mit Subventionen am Leben gehalten ..., also vomSteuerzahler. Bis 1998 hat der Kongreß der Eisenbahngesellschaft pflicht-bewußt 21 Milliarden Dollar übertragen, und dennoch überstiegen dieVerbindlichkeiten die Aktivposten mit geschätzten 14 Milliarden Dol-lar. Im Jahre 2002 verschlang sie über 200 Millionen Dollar Steuergel-der pro Jahr. CONRAIL dagegen hat nach seiner Privatisierung einenerstaunlichen Umschwung geschafft und macht nun Profit – zahlt alsoSteuern, statt sie zu verschlingen.
Lockheed
1970 schlitterte die Lockheed Corporation, damals der größte Rü-stungsbetrieb des Landes, am Rande des Bankrotts entlang. Die Bank of
(8)»Congress Clears Railroad Aid Bill, Acts an Strike«, 1970 CongressionalAlmanac (Washington, D. C., 1970), S. 810-816.
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America und mehrere kleinere Banken hatten dem Goliath 400 Millio-nen Dollar geliehen und waren alles andere als begeistert von derAussicht, auf die üppig sprudelnden Zinsen verzichten zu müssen. Odermit ansehen zu müssen, wie ein solch riesiger Aktivposten aus ihrenHauptbüchern verschwindet. Schon bald taten sich die Banken mit derGeschäftsführung von Lockheed, den Aktionären und Gewerkschaftenzusammen und machten sich auf nach Washington. Den wohlwollendenPolitikern wurde vorgehalten, daß der Untergang von Lockheed 31 000Arbeitsplätze vernichten würde, daß Hunderte von Subunternehmenmitgerissen würden, Tausende von Zulieferbetrieben in den Bankrottgetrieben und die Sicherheit des Landes gefährdet würde. Was dasUnternehmen brauchte, war mehr Geld, und zwar viel davon. Dochwegen der gegenwärtigen finanziellen Zwangslage des Unternehmenswollte niemand ihm Geld leihen. Was tun? Im Interesse der Wirtschaftund der Landessicherheit mußte die Regierung entweder Geld bereit-stellen oder einen Kredit.
Rasch arbeitete Finanzminister John B. Connally einen »>Bailout<-Plan« aus, der einen Kredit vorsah. Die Regierung bürgte für weitere250 Millionen Dollar in Form von Darlehen, die Lockheed 60 Prozenttiefer in das bereits bestehende Schuldenloch trieben. Doch dies warinzwischen sowieso egal. Sobald der Steuerzahler Mitunterzeichner derRechnung war, hatten die Banken keine Skrupel mehr, das Geld bereit-zustellen.
Der nicht ganz so offensichtliche Teil dieser Geschichte ist, daß dieRegierung nun eine glänzende Motivation besaß, Lockheed so vieleMilitäraufträge wie möglich zu erteilen, und daß diese so gewinn-trächtig waren wie möglich. Damit würde man die Banken mit Steuer-geldern auszahlen, doch müßte man dabei jede öffentliche Empörungvermeiden. Natürlich würden andere Rüstungsbetriebe, die effizientergearbeitet hatten, Aufträge verlieren, doch dies war praktisch nichtnachweisbar. Außerdem würde eine leichte Erhöhung der Verteidi-gungsausgaben kaum auffallen.
1977 hat Lockheed tatsächlich das Darlehen zurückgezahlt; dieseTatsache wurde weithin als Beweis für die Weisheit und das Könnenaller Mitspieler gerühmt, einschließlich des Schiedsrichters und derSpielleitung. Eine tiefergehende Untersuchung muß jedoch zwei Tatsa-chen enthalten: Erstens gibt es keinen Beweis dafür, daß LockheedsBetriebe in diesen Jahren kostengünstiger produziert hatten. Zweitensstammte jeder einzelne Dollar, der für die Rückzahlung des Darlehens
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ausgegeben wurde, aus Aufträgen der gleichen Regierung, die für dieseDarlehen garantiert hatte. Unter solchen Konditionen ist es ziemlichunerheblich, ob ein Darlehen zurückgezahlt wird oder nicht. Letztend-lich ist immer der Steuerzahler dazu verdammt, die Rechnung zu be-gleichen.
New York City
Obwohl die Stadtverwaltung von New York City kein Unternehmenim üblichen Sinne ist, funktioniert sie in vielerlei Beziehung ähnlich,vor allem bei Darlehen.
1975 hatte New York das Ende seiner Kreditwürdigkeit erreicht undkonnte nicht einmal mehr Löhne auszahlen. Der Grund lag offen zutage.New York war lange schon ein Wohlfahrtsstaat gewesen, und Erfolg aufder politischen Bühne der Stadt wurde üblicherweise mit großzügigenVersprechungen und Subventionen für »die Armen« erlangt. Es über-rascht nicht, daß die Stadt ebenfalls berüchtigt war für politische Kor-ruption und bürokratischen Betrug. Wenn andere durchschnittliche Groß-städte sich 31 Angestellte für 1000 Bewohner leisteten, so besaß NewYork deren 49. Das sind 58 Prozent mehr. Die Löhne dieser Angestell-ten lagen bei weitem höher als solche in der Privatindustrie. Währendein Röntgenfachmann in einem Privatkrankenhaus 187 Dollar pro Wo-che verdiente, erhielt ein städtischer Pförtner 203 Dollar. Der durch-schnittliche Bankkassierer strich 154 Dollar pro Woche ein, doch man-che Angestellte der städtischen U-Bahn erhielten 212 Dollar. Und diestädtischen Lohnnebenleistungen waren doppelt so generös wie die derPrivatindustrie dieses Bundesstaates. Zu diesen gigantischen Unkostenkamen die Kosten für freie Studiengänge, subventionierte Wohnungen,kostenlose medizinische Behandlungen und eine endlose Zahl vonWohlfahrtsprogrammen hinzu.
Die Steuereinnahmen der Stadt waren vollkommen unzureichend,um diese Art von Utopia zu finanzieren. Selbst nachdem staatliche undbundesstaatliche Transferzahlungen aus Albany und Washington diestädtischen Einnahmen aufgebessert hatten, überstieg der Kapitalabflußnoch immer den -zufluß. Übrig blieben nur drei Optionen: Erhöhungder innerstädtischen Steuerabgaben, Verringerung der Ausgaben oderSchuldenaufnahme. Die Entscheidung stand nie ernsthaft in Zweifel.1975 hatte New York die Finanzmärkte regelrecht mit Schuldverschrei-bungen überschwemmt und konnte keine weiteren Geldgeber mehrauftreiben. Zwei Milliarden Dollar dieser Schulden wurden von einer
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kleinen Bankengruppe gehalten, allen voran Chase Manhattan undCiticorp.
Als die Zinszahlungen auf diese Schulden schließlich ausblieben,war die Zeit für ernsthaftes Handeln gekommen. Die Banker und Stadt-väter reisten südwärts nach Washington und präsentierten den Fall demKongreß. Die größte Stadt der Welt dürfe auf keinen Fall Bankrottgehen, erklärten sie. Wichtige Dienstleistungen müßten eingestellt wer-den, Millionen von Menschen wären ohne Müllabfuhr, ohne öffentlicheVerkehrsmittel und sogar ohne Polizeischutz. Hunger, Krankheit undVerbrechen würden in der Stadt überhand nehmen. Eine Schande fürAmerika! David Rockefeller von der Chase Manhattan überredete sei-nen Freund Helmut Schmidt, den westdeutschen Bundeskanzler, vorden Medienvertretern zu erklären, daß eine derart verheerende Situationin New York eine internationale Finanzkrise auslösen könne.
Verständlicherweise lag dem Kongreß nichts daran, New York in einGebiet der Anarchie abgleiten zu sehen oder Schande über Amerika zubringen oder eine weltweite Finanzpanik auszulösen. Im Dezember1975 verabschiedete er also eine Gesetzesvorlage, die das Finanzmini-sterium berechtigte, der Stadt direkte Darlehen bis zur Höhe von 2,3 Mil-liarden Dollar zukommen zu lassen ..., ein Betrag, der ihre Schuldenbei den Banken mehr als verdoppelte. Sofort wurden die Zinszahlungenauf die alten Schulden wieder aufgenommen. Natürlich mußte dasganze Geld zuerst selbst vom Kongreß geborgt werden, der seinerseitstief in Schulden steckte. Und wieder mußte das meiste direkt oderindirekt vom Federal Reserve System geschaffen werden. Das Geldwollte man sich vom Steuerzahler wieder holen über den Umweg einesVerlustes an Kaufkraft, genannt Inflation. Doch wenigstens konnten sodie Banken ihr Geld zurückerhalten, das war schließlich das Ziel desganzen Spiels.
An das Darlehen waren Bedingungen geknüpft, wie etwa ein Spar-programm und ein genauer Tilgungsplan. Keine dieser Bedingungenwurde erfüllt. New York City ist ein Wohlfahrtsgebiet geblieben, und esist mehr als unwahrscheinlich, daß es jemals seine Schulden tilgen wird.
Chrysler
1978 stand die Chrysler Corporation am Rande des Zusammen-bruchs. Sie hatte ihre Schulden schon mehrfach bei den Bankenrefinanziert, und langsam näherte sich das Spiel seinem Ende. Trotz desÖl-Embargos der OPEC, das die Kosten für Benzin in die Höhe schnel-
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len ließ, und ungeachtet der wachsenden Popularität von Kleinwagen-importen hatte die Autofirma unbeirrt an den althergebrachten Benzin-fressern festgehalten. Sie wurde erdrückt von Bergen unverkäuflicherAutos und atemberaubender Schulden, die bei der Herstellung dieserFahrzeuge angefallen waren.
Der Zeitpunkt kam doppelt ungelegen. Die Zinsen in Amerika hatteneinen neuen Höhepunkt erreicht, und in Verbindung mit der Angst voreinem militärischen Eingreifen in Kambodscha waren die Aktienkurseabgesackt. Die Banken verspürten diese Kreditklemme, und in einemdieser seltenen Augenblicke der modernen Geschichte stöberten dieGeldleute selbst nach Geld.
Chrysler benötigte frisches Geld für sein Überleben. Es hatte keinInteresse daran, sich gerade genug zu leihen, um die Zinsen für beste-hende Schulden bezahlen zu können. Um richtig im Spiel bleiben zukönnen, brauchte die Firma mehr als eine Milliarde Dollar. Doch in derdamaligen wirtschaftlichen Situation sahen sich die Banken außerstan-de, annähernd soviel Geld bereit zu stellen.
Manager, Banker und Gewerkschaftsvertreter führte das gleiche Zielnach Washington. Würde man eines der größten Unternehmen Ameri-kas zusammenbrechen lassen, so müsse man an das Unglück Tausendervon Angestellten und ihrer Familien denken, man müsse den Schadenfür die Wirtschaft bedenken, während eine Welle der Arbeitslosigkeitsich über das Land ausbreitet; auch müsse man an den Verlust desWettbewerbs im Automobilmarkt denken, an dem Kunden nur noch auszwei statt früher drei Marken auswählen könnten.
Nun, wer könnte es dem Kongreß verdenken, daß er nicht unschuldi-ge Familien in die Armut stoßen oder die Wirtschaft des Landes auf denKopf stellen oder den Kunden ihr konstitutionelles Recht auf freieAuswahl verweigern wollte? Also verabschiedete man eine Gesetzes-vorlage mit dem Ziel, daß das Finanzministerium Chrysler bis zu 1,5 Mil-liarden Dollar in Form neuer Darlehen zubilligt. Die Banken willigtenein, 600 Millionen Dollar der alten Schulden abzuschreiben und gegenzusätzliche 700 Millionen Dollar in Form von Vorzugsaktien einzutau-schen. Beide Aktionen erklärte man als Beweis, daß die Banken einer-seits einen schrecklichen Verlust hätten hinnehmen müssen, aber zumWohle der Nation dennoch bereit wären nachzugeben. Man sollte je-doch wissen, daß der Wert dieser Aktien (eingetauscht gegen nicht mehreinzutreibende Schulden) nach der öffentlichen Bekanntgabe der Ab-machung rapide anstieg. Außerdem wurden nicht nur die Zinszahlungen
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auf die alten Schulden wieder aufgenommen, sondern die Banken er-setzten die abgeschriebenen Summen durch neue Darlehen von weithöherer Qualität, denn für ihre Rückzahlung bürgte nun schließlich derSteuerzahler.
So wertvoll war diese Garantie, daß Chrysler trotz seiner bisherigenUnverläßlichkeit in bezug auf Schulden plötzlich neue für einen Zins-satz in Höhe von 10,35 Prozent aufnehmen konnte, während dersolventere Wettbewerber Ford 13,5 Prozent bezahlen mußte. Umge-rechnet auf eineinhalb Milliarden Dollar – bei kontinuierlich sinkendenRestschulden – ergibt die Differenz von 3,15 Prozent eine Ersparnis vonmehr als 165 Millionen Dollar. Und dies ist nur eine bescheideneSchätzung der Höhe der Regierungssubvention. Der wirkliche Wert warerheblich höher, denn ohne ihn hätte das Unternehmen aufgehört zuexistieren, und die Banken hätten einen Verlust in Höhe fast ihresgesamten Darlehensbetrages erlitten.
Die Bundes-Einleger-Versicherung
Aus dem vorherigen Kapitel wird man sich erinnern, daß die FDICkein wirkliches Versicherungsprogramm ist, sondern – weil sie von derPolitik vereinnahmt wurde – das Prinzip des »sittlichen Risikos« ver-körpert und die Wahrscheinlichkeit eines Bankenzusammenbruchs so-gar noch erhöht.
In dem Bemühen, eine insolvente Bank zu retten, hat die FDIC dreiOptionen. Die erste heißt Auszahlung. Damit ist gemeint, daß maneinfach die Kontoinhaber auszahlt und sodann die Bank der Gnade derAbwickler überläßt. Diese Option gilt üblicherweise für kleine Bankenohne politischen Einfluß. Die zweite Möglichkeit heißt Ausverkauf, beider alles für eine größere Bank so eingerichtet wird, daß sie das unbe-wegliche Vermögen und die Verbindlichkeiten der zusammenbrechen-den Bank übernimmt. Die üblichen Dienstleistungen gehen dabei ohneUnterbrechung weiter, und außer einer Änderung des Namens bleibendie meisten Kunden der Bank unbeeinflußt von dem Wechsel. DieseOption wird im allgemeinen für kleine und mittlere Banken gewählt.Bei den Optionen Auszahlung und Ausverkauf übernimmt die FDIC die»faulen« Darlehen der gescheiterten Bank und stellt das Geld für dieversicherten Einleger bereit.
Die dritte Option heißt »Bailout«, und sie verdient unsere besondereAufmerksamkeit. Der ehemalige Direktor der FDIC erklärt hierzu: »Ineinem >Bailout< wird die Bank nicht geschlossen, und jeder – ob versi-
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chert oder nicht – ist geschützt ... Diese bevorzugte Behandlung wirdvon der FDIC nur einigen wenigen Auserwählten zuteil.«(9)
Richtig, er sagte, jeder – versichert oder nicht – sei geschützt. DieBanken, welche die wenigen Auserwählten umfassen, sind für gewöhn-lich die Großen. Nur wenn die Summe der auf dem Spiel stehendenDollars eine betäubende Höhe erreicht, kann ein »Bailout« als Schutzder Öffentlichkeit verschleiert werden. Sprague weiter:
Der >FDI-Act< verleiht der FDIC eine einzigartige Verfügungsge-walt, um zu jedweden Kosten eine Bank vor der Pleite zu bewahren.Der Vorstand muß lediglich zu dem Schluß kommen, die versicherteBank sei in Gefahr zusammenzubrechen und außerdem »ein unent-behrliches Bankeninstitut in dieser Gemeinde«. Der Vorstand derFDIC hat diese Unentbehrlichkeits-Klausel nur sehr zögerlich ange-wandt, es sein denn, er hat eine klare und gegenwärtige Gefahr fürdas Finanzsystem der Nation erkannt.(10)
Die Begünstigung der Großbanken ist auf vielen Ebenen offensichtlich.So deckt die FDIC zum Beispiel alle Geldeinlagen ab, ob versichertoder nicht. Dies ist bedeutsam, denn die Banken entrichten ihren Bei-trag lediglich gemessen an den Versicherteneinlagen. Wenn also unver-sicherte Einlagen auch abgedeckt werden, so ist dieses kostenlos ...oder genauer gesagt, jemand anders zahlt dafür. Welche Einlagen sindunversichert? Diejenigen, die den Wert von 100 000 Dollar übersteigen,und die außerhalb der Vereinigten Staaten deponierten. Welche Bankenverfügen nun über die überwältigende Mehrheit solcher Einlagen? DieGroßen natürlich, und insbesondere die mit ausgedehnten übersee-ischen Aktivitäten.(11) Unter dem Strich erhalten die großen Banken einen Mordsvorteil, wenn ihnen aus der Patsche geholfen wird. Die unversi-cherten Einlagen werden durch die FDIC bezahlt, und die Kosten diesesVerfahrens werden auf die kleinen Banken und den Steuerzahler abge-wälzt. Dies ist kein Versehen. Ein Teil des auf Jekyll Island ausgeheck-ten Planes war es gerade, den großen Banken einen Vorsprung imWettbewerb zu verschaffen.
(9)Irvine H. Sprague, Bailout: An Insider's Account of Bank Failures and Rescues (New York: Basic Books, 1986), S. 23. (10)
Sprague, S. 27-29. (11)
DieBank of Americaist die Ausnahme. Trotz ihrer Größe besitzt sie im Vergleich zu ihren Wettbewerbern weniger ausländische Einlagen.
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Unity Bank
Die erste Anwendung der Prioritäts-Regel der FDIC war zugleicheine Ausnahme. 1971 fand sich die Unity Bank and Trust Company imRoxbury-Distrikt von Boston hoffnungslos verschuldet, und das Bun-desamt trat auf den Plan. Man entdeckte folgendes: Die Kapitalreservender Unity waren erschöpft, die meisten Darlehen faul, die Zinseintreibungder Bank war schwach, und das Personal verkörperte das schlimmsteaus zwei Welten: Überbesetzung und Unerfahrenheit. Die Prüfer be-richteten, es gebe für jeden Job zwei Angestellte, und keiner von beidenhabe den Job gelernt.
Es war eine kleine Bank mit gerade einmal 11,4 Millionen DollarEinlage. Normalerweise hätte man die Einleger ausbezahlt, und wie dieBesitzer jedes anderen gescheiterten Unternehmens hätten die Aktionä-re ihre Investition verloren. Sprague selbst gestand:
»Falls Marktdisziplin irgend etwas bedeutet, dann sollten Aktionäreweggewischt werden, wenn eine Bank zusammenbricht. Unsere Unter-stützung hätte den Nebeneffekt ... die Aktionäre lebendig zu halten aufKosten der Regierung.«(12) Aber bei Unity Bank war dies anders. Sie lagin einem Viertel der Schwarzen und gehörte einer Minderheit. Wennetwas dem Ermessen von Regierungsstellen überlassen wird, so werdendie Entscheidungen häufig eher unter dem Eindruck politischer Zwängedenn von Logik oder sachlichen Gesichtspunkten bestimmt; Line warhierfür ein Bilderbuch-Beispiel. 1971 strich noch immer das Gespenstder Aufstände in schwarzen Wohnvierteln durch die Hallen des Kon-gresses. Würde die FDIC diese Bank in Konkurs gehen lassen und dieschreckliche Verantwortung für neuen Aufruhr und Blutvergießen über-nehmen? Sprague erwiderte:
Weder Wille [ein anderer Direktor] noch mir fiel es schwer, dasProblem in einem breiteren sozialen Zusammenhang zu sehen. Wirwaren bereit, eine kreative Lösung zu finden ..., mein Plädoyer, hierdie »Grundsatz-Klausel« anzuwenden und damit die kleine Bank zuretten, war wahrscheinlich vorher bestimmt, ein unvermeidbaresVermächtnis von Watts ..., die Unruhen von Watts lösten schließlichdie Anwendung der Grundsatz-Klausel aus.(13)
(12)Sprague, S. 41-42. (13)Sprague, S. 48.
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Die FDIC erklärte am 22. Juli 1971 die Fortsetzung der Bank-aktivitäten für unerläßlich und gab eine Finanzspritze in Höhe von1,5 Millionen Dollar frei. Obwohl dieses Geld im Hauptbuch als Darle-hen eingetragen wurde, erwartete niemand ernsthaft die Rückzahlung.1976 stellte ein Bericht der FDIC fest, die Geschäftspraktiken der UnityBank seien »so schlampig und planlos wie eh und je«, und dennochwurde das ursprüngliche »Darlehen« um weitere fünf Jahre verlängert.Die Geschäftspraktiken verbesserten sich nicht, und im Juni 1982 schließ-lich entzog die Banken-Aufsicht von Massachusetts der Unity Bank dieKonzession. Es gab keine Aufstände in den Straßen, und die FDICschrieb klammheimlich 4 463 000 Dollar Gesamtkosten für diese Ak-tion ab.
Commonwealth Bank of Detroit
Das »Bailout« der Unity Bank of Boston war die Ausnahme von derRegel, daß kleine Banken verzichtbar sind, während die Riesen unterallen Umständen gerettet werden müssen. Von diesem Punkt an hieltsich die FDIC konsequent an die Spielregeln von Hoyle. Das nächste»Bailout« trug sich 1972 zu; es ging um 1,5 Milliarden Dollar derCommonwealth Bank of Detroit. Commonwealth hatte den größerenTeil seines phänomenalen Wachstums mit Krediten der Chase Manhat-tan in New York finanziert. Als Commonwealth Pleite machte (verur-sacht zum größten Teil durch Spekulationen mit Wertpapieren undeigenmächtige Aktionen des Managements), riß Chase 39 Prozent derAktien an sich und übernahm damit die Kontrolle über die Bank in demVersuch, das geliehene Geld zurückzubekommen. Der FDIC-DirektorSprague beschreibt das unvermeidbare Nachspiel:
Die Chase-Manager ... wiesen darauf hin, daß Commonwealth imInteresse der Öffentlichkeit liege und daß die Regierungsbehördendiesen Fall lösen sollten. Dieser wenig verklausulierte Hinweis warnichts anderes als ein Ersuchen für ein »Bailout« seitens der Regie-rung ..., der Vorschlag bedeutete nichts anderes, als den Aktionärenzu Hilfe zu kommen, wobei der größte natürlich Chase selbst war(14)
Die Banker argumentierten, man dürfe Commonwealth nicht zusam-menbrechen lassen, weil sie »wesentliche« Bankdienste für die Allge-
(14)Sprague, S. 68.
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meinheit leiste. Dies war in zweierlei Hinsicht durchaus gerechtfertigt:Erstens war die Bank für Minoritäten in ihrem Einzugsgebiet durchauswichtig, und zweitens existierten nicht genug andere Banken in derStadt, die ihre Aufgaben hätten übernehmen können, ohne damit eineungesunde Konzentration von Einfluß in den Händen einiger wenigerzu schaffen. Unklar blieb hierbei jedoch, wieso der Hinweis auf Min-derheiten eine Rolle spielen sollte, denn jedes Viertel, in der Common-wealth einen Zweigbetrieb unterhielt, wurde auch von anderen Bankenbedient. Und falls Commonwealth liquidiert worden wäre, hätten vieledieser Zweigstellen von Wettbewerbern übernommen werden und wei-terhin der Bevölkerung zu Verfügung stehen können. Da dieser Punkt inden folgenden Diskussionen kaum eine Rolle spielte, wurde damitziemlich deutlich, daß er einfach so hingeworfen wurde, ohne beson-ders ernst genommen zu werden.
Jedenfalls wollte die FDIC sich nicht als gleichgültig gegenüber denBedürfnissen von Minderheiten in Detroit zeigen, und ebensowenigwollte sie den freien Wettbewerb behindern. Am 17. Januar 1972 erhieltCommonwealth folgerichtig 60 Millionen Dollar und zusätzlich etlicheUnterstützungszusagen der Regierung. Chase übernahm einige Verlusteals Ergebnis des schlechten Aktienportfolios von Commonwealth, dochdiese waren relativ bedeutungslos, verglichen mit den möglichen Verlu-sten ohne eine Intervention der FDIC.
Weil das Fortbestehen der Bank zur Verhinderung einer Konzentra-tion der Finanzmärkte angeraten schien, sorgte die FDIC für den Ver-kauf an die First Arabian Corporation, eine in Luxemburg beheimateteFirma saudischer Prinzen. Es schien besser, die Finanzkraft in Saudi-Arabien zu konzentrieren als in Detroit. Die Bank schlingerte weiter,und im Jahre 1983 wurden ihre Überreste schließlich an die ehemaligeDetroit Bank & Trust Company, heute Comerica, verkauft. So wurde dieeinst gefürchtete Konzentration der Macht auf lokaler Ebene letztend-lich stattgegeben ..., doch erst, als Chase Manhattan sich nach derÜbernahme der meisten Verluste aus der Abmachung davonstehlenkonnte.
First Pennsylvania Bank
1980 folgte das »Bailout« der First Pennsylvania Bank of Philadel-phia. Mit neun Milliarden Dollar stand First Penn an 23. Stelle dergrößten Banken des Landes. Sie war sechsmal so groß wie Common-wealth, 900 Mal größer als Unity. Gleichzeitig war sie die älteste Bank
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des Landes und hatte ihren Ursprung zur Zeit der Bank of North America,die 1781 geschaffen wurde.
Die Bank hatte ein schnelles Wachstum und namhafte Gewinneerfahren; dies war im wesentlichen der aggressiven Führung ihres Präsi-denten John Bunting zuzuschreiben, der vormals Volkswirtschaftler beider Federal Reserve Bank of Philadelphia gewesen war. Bunting wardie Verkörperung der aufstrebenden Banker dieser Zeit. Er trieb dieGewinnmargen gnadenlos hoch, indem er die Sicherheitsmargen her-unterdrückte, sich in riskanten Darlehen engagierte und am Renten-markt spekulierte. Solange die Wirtschaft expandierte, waren dieseGlücksspiele profitabel, und die Aktienbesitzer liebten ihn dafür. Alssich das Glück auf dem Rentenmarkt jedoch gegen ihn wendete, stürztedie Bank in einen negativen Cashflow. 1979 war die First Penn gezwun-gen, einige ihrer gewinnbringenden Tochtergesellschaften zu veräu-ßern, um frisches Geld zu erhalten; zugleich hatte sie fragwürdigeDarlehen in Höhe von 328 Millionen Dollar in ihren Büchern. DieserBetrag lag um 16 Millionen Dollar höher als die gesamte Einlage derAktionäre. Die Bank war folglich insolvent, und es war Zeit, denSteuerzahler für die Deckung der Verluste heranzuziehen.
Die Banker zogen also nach Washington, um dort zu berichten. Siewurden begleitet von Sprechern der »großen Drei« des Landes: Bank ofAmerica, Citybank und natürlich der allgegenwärtigen Chase Manhat-tan. Sie alle argumentierten, die Unterstützung der First Penn sei nichtnur »wesentlich« für die Fortführung eines geordneten Bankenwesensin Philadelphia, sondern sogar für den Erhalt der wirtschaftlichen Welt-stabilität. Würde man diese Bank jetzt fallen lassen, so wäre dies dererste Dominostein auf dem Wege zu einer internationalen Finanzkrise.Anfänglich widerstanden die Direktoren der FDIC dieser Theorie undholten sich die Verärgerung der Federal Reserve ein. Sprague erinnert sich:
Wir waren noch weit entfernt von einer Entscheidung über dasweitere Vorgehen. Von Anfang an gab es großen Druck, die Banknicht im Stich zu lassen. Wir hörten nicht nur die Bank selbst,sondern auch andere Großbanken und den Rechnungsprüfer ..., auchdas FED meldete sich häufig. Ich erinnere mich vor allem an eineSitzung, bei der Fred Schultz, der Vizepräsident des FED, mit bestän-dig erhobener Stimme warnte, es gebe überhaupt keine Alternati-ve ..., wir müßten die Bank retten! Er sagte: »Hört auf mit demGerede über irgend etwas anderes unsere Zeit zu vergeuden!«
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Die Rolle des FED als letzter Kreditgeber führt zu diesem Zeitpunktzum Streit zwischen dem FED und der FDIC. Das FED hatte der FirstPennsylvania viel Geld geliehen, alles abgesichert, und der Präsidentdes FED, Paul Volcker, verkündete, er werde die Bank endlos unterstüt-zen, bis wir endlich den Plan für eine Fusion oder ein »Bailout« zurRettung der Bank zustande gebracht hätten.(15)
Die Direktoren der FDIC wollten nicht mit dem Federal ReserveSystem die Klingen kreuzen, und schon gar nicht wollten sie sich demVorwurf aussetzen, die gesamte Weltwirtschaft erschüttert zu haben,indem sie den ersten Dominostein kippen ließen. »Die Theorie wurdeniemals geprüft«, meinte Sprague. »Und ich war mir nicht sicher, daßich es in diesem Augenblick hätte darauf ankommen lassen wollen.«(16)Zu gegebener Zeit wurde also ein Hilfspaket in Höhe eines 325-Millio-nen-Dollar-Darlehens der FDIC geschnürt ..., zinsfrei für das erste Jahrund danach eine auf die Hälfte des üblichen Wertes herunter-subventionierte Zinsrate. Einige weitere mit der First Penn finanziellverknüpfte Banken, die bei einem Zusammenbruch große Verluste erlit-ten hätten, stellten weitere 175 Millionen Dollar zu Verfügung undboten einen Gesamtkreditrahmen in Höhe von einer Milliarde Dollaran. Die FDIC hatte auf diesem Paket bestanden, um nach außen zudemonstrieren, daß das Bankwesen selbst bereit war für Unterstützungs-maßnahmen und auch an den Erfolg dieses Unternehmens glaubte. Umdieses Vertrauen weiterhin zu stützen und zu rechtfertigen, bot dieFederal Reserve für diesen Zweck weitere Mittel zu ermäßigtem Zinn-satz an.
Das Ergebnis dieser besonderen Rettungsaktion war etwas glückli-cher als die anderen, zumindest in bezug auf die Banken. Nach fünfJahren der Subventionierung durch die Steuerzahler wurde das Darle-hen der FDIC vollständig zurückgezahlt. Dennoch stand die Bank wei-terhin auf unsicherem Boden, und das letzte Kapitel dieser Geschichtewurde immer noch nicht vollendet.
Continental Illinois
Bis zu diesem Zeitpunkt war alles kaum mehr als eine Übung für das,was noch bevorstand. Anfang der 1980er Jahre war Chicagos ContinentalIllinois die siebtgrößte Bank des Landes. Ihre Aktiva wurden mit 42 Mil-
(15)Sprague, S. 88-89. (16) Sprague, S. 89.
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liarden Dollar angegeben, sie hatte 12 000 Angestellte, viele davon infast jedem der größeren Länder dieser Erde, und das Darlehensportfoliowar geradezu atemberaubend gewachsen. Der Nettogewinn aus Darle-hen hatte sich innerhalb von fünf Jahren buchstäblich verdoppelt undstand 1981 bei 254 Millionen Dollar. Sie war der Liebling der Markt-analysten geworden und wurde von Dun's Review gar als eines der fünfbestgeführten Unternehmen des Landes bezeichnet. All diesen Mei-nungsmachern war die Tatsache entgangen, daß das bemerkenswerteBetriebsergebnis der Bank nicht auf besondere Fähigkeiten im eigentli-chen Bankgeschäft oder im Investmentgewerbe zurückzuführen war,sondern auf die Finanzierung unsicherer Geschäfte und ausländischerRegierungen, denen niemand sonst Geld zu Verfügung stellen mochte.Die Öffentlichkeit ahnte nichts davon und wollte statt dessen einfachdabei sein. Für einige Zeit stand der Kurs der normalen Aktien dieserBank tatsächlich um einiges höher als der anderen Banken, die vorsich-tiger am Markt operierten.
Das auffällige Gebilde begann sich schon am Wochenende des 4. Juli1982 aufzulösen, als die Penn Square Bank in Oklahoma zusammen-brach. Das war die allseits bekannte Shoppingcenter-Bank, die eineMilliarde Dollar in Öl- und Gasanleihen investiert und diese später kurzvor dem Zusammenbruch des Energiemarktes an Continental weiter-verkauft hatte. Gleichzeitig begannen andere Darlehen zu schwanken.Die mexikanische und argentinische Schuldenkrise standen vor ihremHöhepunkt, und in den täglichen Schlagzeilen wurde von einer ganzenSerie von Unternehmenszusammenbrüchen berichtet.
Ihnen allen hatte Continental große Teile seines »leichten Geldes«geliehen. Als beim Eintreffen der ersten schlechten Nachricht das Ver-trauen in die Bank einbrach und vorsichtige Anleger ihr Geld zurückfor-derten, wurde es richtig eng. Verzweifelt suchte die Bank nach Bargeld,um ihr Tagesgeschäft zu bestreiten. In dem Bemühen, an frisches Geldzu kommen, offerierte die Bank absurde Zinsen. Kreditfachleute wur-den damit beauftragt, die europäischen und japanischen Märkte zudurchforsten und gleichzeitig eine Imagekampagne einzuleiten mit demZiel, die Bank als ruhig und stark darzustellen. Der damalige Präsidentder Bank, David Taylor, drückte es so aus: »Wir hatten die >Beruhigungs-brigade< der Continental Illinois, die in die ganze Welt ausschwärm-te.«(17)
(17)Chernow, S. 657.
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Im Phantasialand der modernen Finanzwelt ist das Glitzern häufigwichtiger als die Substanz, der Schein bedeutsamer als die Realität. DieBank zahlte jährlich fällige Dividende im August aus ..., trotz derTatsache, daß dieses den finanziellen Engpaß weiter verschärfte. Wiebei der Penn Central Railroad zwölf Jahre zuvor, war dieser Schachzugwohl kalkuliert, um die Fassade normaler Geschäftstätigkeit aufrecht-zuerhalten. Die List erfüllte ihren Zweck – wenigstens zeitweise. Schonim November war das Vertrauen der Öffentlichkeit wiederhergestellt,und der Aktienkurs erreichte die gleiche Höhe wie vor der »Penn-Square-Affäre«. Im März 1983 stieg er sogar noch höher, doch dasSchlimmste stand erst noch bevor.
Ende 1983 hatte die Last der nicht bedienten Darlehen untragbareAusmaße angenommen und stieg weiter in beängstigendem Maße. 1984waren 2,7 Milliarden erreicht. Im selben Jahr veräußerte die Bank ihrprofitables Kreditkartengeschäft, um den Aktionären die vierteljährlichfällig werdende Dividende auszahlen zu können. Intern stand das Geld-institut praktisch vor dem Zusammenbruch, doch die äußere Fassadeließ davon nichts erahnen.
Um 11:39 Uhr wurde der erste Sprung in dieser Fassade sichtbar. AmDienstag, dem 8. Mai, verbreitete die britische NachrichtenagenturReuters die Kunde, daß niederländische, westdeutsche, schweizerischeund japanische Banken die Zinsen auf ihre Darlehen für die Continentalerhöht hatten, während einige sogar ihre Einlagen zurückzogen. In demArtikel wurde auch die offizielle Stellungnahme der Bank zitiert, daßGerüchte über einen bevorstehenden Bankrott »absolut grotesk« seien.Wenige Stunden später verbreitete der Commodity News Service einweiteres Gerücht: daß nämlich eine japanische Bank an der Übernahmeder Continental interessiert sei.
Der Welt erster elektronischer Bankenansturm
Bei Anbruch des folgenden Tages zogen ausländische Investoren ihreDepositeneinlagen ab. Am ersten Tag wurde allein aus Asien eineMilliarde Dollar abgezogen. Am folgenden Tag – kaum 24 Stundennach Continentals Erklärung, ein Bankrott sei absolut absurd – zog ihrlangjähriger Kunde, die Board of Trade Clearing Corporation, gleichnebenan 50 Millionen Dollar zurück. Die Kunde dieser Reaktionenbreitete sich in Finanzkreisen wie ein Lauffeuer aus, und schon entstandeine Panik. Hieraus entwickelte sich der erste wirklich globale elektro-nische Bankenansturm. Schon am Freitag war die Bank gezwungen,
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sich 3,6 Milliarden Dollar bei der Federal Reserve zu leihen, um dasflüchtende Kapital auszugleichen. Unter der Leitung von MorganGuaranty bot ein Konsortium von 16 Banken einen großzügigen 30-Tage-Kredit an, doch auch dieses Angebot blieb weit hinter den Bedürf-nissen zurück. Nach weiteren sechs Tagen hatte der Kapitalabfluß schonsechs Milliarden Dollar überstiegen.
Anfänglich trug sich all dieses auf der reinen Geschäftsebene derBanken zu, also zwischen den Banken selbst und den Kapitalvermögen,die selbst die geringsten Bewegungen der Finanzmärkte observieren.Die Öffentlichkeit hatte keine Ahnung von der bevorstehenden Kata-strophe. Chernow hierzu: »Der Ansturm auf Continental erinnert an einmodernistisches Märchen: Nirgendwo gab es ein Gedränge hysterischerEinleger, sondern nur das kühle alptraumartige Flackern der Computer-schirme.«(18)
Sprague schreibt dazu: »Alles blieb ruhig in der Bank, die Schlangender Bankkunden blieben ruhig, und den Angestellten blieb jedes Anzei-chen von bevorstehenden Problemen verborgen ..., bis auf den Ticker-raum, Hier wußten die Angestellten, was geschah, denn hier wurde einBetrag nach dem anderen zurückgerufen ..., hier blutete Continental zuTode. Einige weinten.«(19)
Dies war der große Augenblick, für den die Federal Reserve und dieFDIC geschaffen worden waren. Ohne Intervention von außen wäreContinental zusammengebrochen, wären die Aktionäre leer ausgegan-gen und hätten die Geldeinleger schwere Verluste hinnehmen müssen;die Finanzwelt schließlich hätte gelernt, daß Banken nicht nur überbesonnene Aktionen reden, sondern tatsächlich entsprechend handelnmüssen. Die Praktiken der Banken wären folglich grundsätzlich umge-stellt worden ..., der langfristige wirtschaftliche Nutzen für die Nationwäre gewaltig. Doch wegen der Intervention der Regierung blieb dieSelbstdisziplinierung des freien Marktes ausgesetzt, und die Kosteneines Zusammenbruchs oder Betruges wurden auf politischem Wege andie Steuerzahler weitergereicht. Die Geldanleger leben weiterhin ineiner Traumwelt der Scheinsicherheit, während die Banken rücksichts-los und arglistig operieren dürfen in der Gewißheit, daß ihre Helfer inder Regierung ihnen in schwieriger Situation jederzeit zu Hilfe kommenwerden.
(18) Chernow, S. 658.(19) Sprague, S. 153.
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FDIC — großzügig mit Steuergeld
Eine der Fragwürdigkeiten bei Continental war, daß die Regulatorendas gesamte Risiko abdecken wollten, während nur vier Prozent derVerbindlichkeiten von der sogenannten »Versicherung« der FDIC abge-deckt worden waren. Die Bank hatte also nur Prämien auf vier Prozentder gesamten Versicherungssumme abgeführt, und die Steuerzahlermußten nun für die restlichen 96 Prozent herangezogen werden. DerDirektor der FDIC, Sprague, erläuterte:
Obwohl Continental Illinois über Einlagen in Höhe von 30 Milliar-den verfügte, waren 90 Prozent davon unversicherte ausländischeEinlagen oder große Zertifikate weit jenseits der 100000-Dollar-Versicherungsgrenze. Die nicht in den Büchern festgehaltenen Ver-bindlichkeiten ließen Continentals wahre Größe auf 69 MilliardenDollar anschwellen. Bei diesen gigantischen Verbindlichkeiten lageninnerhalb der Versicherungsgrenze gerade einmal drei MilliardenDollar, verteilt auf 350 000 Konten. So lag es also in unserer Befug-nis und wäre vollkommen legal gewesen, nur die versicherten Einle-ger auszuzahlen, aber alles andere zusammenbrechen zu lassen unduns in Ruhe das Gemetzel anzuschauen.(20)
Natürlich wurde diese Alternative von keinem der Beteiligten jemalsernsthaft in Betracht gezogen. Von Anfang an gab es nur zwei Fragen:Wie könnte man Continental retten durch die Übernahme all seinerVerbindlichkeiten und, ebenso wichtig, wie könnte man das Schröpfender Steuerzahler politisch rechtfertigen? Wie schon im vorherigen Ka-pitel dargestellt, verlangen die Regeln des Spieles, daß alle Gaunereienstets als eine heroische Anstrengung zum Schutze der Öffentlichkeitdargestellt werden müssen. Im Falle von Continental erleichterte dieschiere Größe der Zahlen diese Masche. Da waren so viele Einlegerbetroffen, so viele Milliarden standen auf dem Spiel, so viele andereBanken waren darin verwickelt ..., so ließ es sich leicht erklären, daßdie wirtschaftliche Situation der gesamten Nation – gar der Welt! – aufdem Spiele stand. Und wer hätte anderes behaupten können? Spragueargumentiert ganz ähnlich:
Eine morgendliche Besprechung war beim FED für Dienstag, den15. Mai, angesetzt ..., wir sprachen Alternativen durch. Es gab weni-
(20)Sprague, S. 184.
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ge, eigentlich keine ... [Finanzminister] Regan und [FED-Präsident]Volcker äußerten die üblichen Bedenken bezüglich eines Banken-zusammenbruches, also einer Kettenreaktion, sollte Continental fal-len. Volcker war besorgt über eine internationale Krise. Wir allewaren uns schmerzlich bewußt, daß noch niemals eine Bank zusam-mengebrochen war, die auch nur entfernt Continentals Größe gehabthatte. Niemand hatte eine Ahnung, was in unserem Land und in derWelt geschehen würde. Wir hatten nicht die Zeit, dies nur intellektuel-ler Neugier wegen herauszufinden.(21)
Das »>Bailout<-Paket«
Daß man letztendlich der Bank aus der Patsche helfen würde, standvon vornherein fest. Natürlich würde man einige Lippenbekenntnisseüber die Notwendigkeit abgeben, daß die Banken zuerst einmal selbstihre Probleme lösen müßten. Daran anschließen würde sich ein Plan,wie die Banken und die Regierung sich die Last teilen könnten, und dasalles würde schließlich in eine bloße öffentlichkeitswirksame Täuschungmünden. Am Ende würden fast die gesamten Kosten des »Bailouts« vonder Regierung übernommen und auf die Steuerzahler abgewälzt wer-den.
Während der Besprechung am 15. Mai äußerte sich FinanzministerRegan wortreich zum Wert des freien Spieles der Marktkräfte und derNotwendigkeit, daß die Banken einen eigenen Rettungsplan ausarbeitenmüßten – wenigstens für einen Teil des Schadens. Zur Ausarbeitungeines solchen Planes wurde für den folgenden Tag ein Gipfeltreffen derPräsidenten der sieben größten Banken angesetzt: Morgan Guaranty,Chase Manhattan, Citibank, Bank of America, Chemical Bank, BankersTrust und Manufacturers Hanover. Der Zweck des Treffens war, um esmilde auszudrücken, nichtssagend. Alle Banker wußten sehr gut, daßdie Regierung von Präsident Regan niemals die politische Peinlichkeiteines großen Bankenzusammenbruchs riskieren würde. Dies hätte so-wohl den Präsidenten als auch den Kongreß vor den Neuwahlen schlechtdastehen lassen. Dennoch war irgendein Zeichen nötig, um das konser-vative Image der Regierung zu bewahren. Also erklärte sich das Konsor-tium auf Drängen des FED und des Finanzministeriums bereit, 500 Mil-lionen Dollar aufzubringen – 71 Millionen Dollar für jeden der Beteilig-ten, und weit weniger, als tatsächlich benötigt wurde. Chernow be-
(21)Sprague, S. 154-155, 183.
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schrieb den Plan als »Augenwischerei« und meinte, »sie täuschteneinen Rettungsplan vor«(22). Sprague ergänzte folgende Details:
Die Banker erklärten, sie würden jeden Handel mitmachen, nurwollten sie dabei kein Geld verlieren. Ständig verlangten sie Sicher-heiten. Sie wollten es so aussehen lassen, als würden sie Geld indiesen Handel stecken, zugleich wollten sie ganz sicher gehen, keinRisiko einzugehen ... Um 7:30 Uhr hatten wir kaum Fortschritteerzielt. Wir waren sicher, daß in wenigen Stunden alles aus demRuder laufen würde. Continental müßte sich einem neuen Geschäfts-tag stellen, und um 10:00 Uhr würde der Aktienhandel öffnen. Isaac[ein weiterer FDIC-Direktor] und ich diskutierten in der Eingangs-halle. Wir beschlossen, auch ohne die Banken zu handeln. Wir be-richteten Conover [der dritte FDIC-Direktor] von unserem Plan, under stimmte zu ...
[Später] hörten wir von unserem New Yorker Direktor BernieMcKeon, die Banken seien bereit, das Risiko einzugehen. Tatsächlichgab es praktisch kein Risiko, denn mit unserer Ankündigung warenfast 100 Prozent versichert.(23)
Der endgültige Rettungsplan war ein Mordsding. Im Grunde übernahmdie Regierung Continental Illinois mitsamt all ihrer Verluste. Genauergesagt übernahm die FDIC 4,5 Milliarden Dollar geplatzter Anleihenund überwies Continental dafür 3,5 Milliarden. Die verbleibende Diffe-renz wurde dann durch eine Infusion von einer Milliarde Dollar frischenKapitals in Form eines Aktienpaketes ausgeglichen. Die Bundesregie-rung besaß nun 80 Prozent der Aktien, und die schlechten Darlehenwaren auf die Steuerzahler abgewälzt worden. Obwohl Continental dasäußere Erscheinungsbild einer privaten Institution bewahrte, war sietatsächlich verstaatlicht worden.
Kreditgeber des letzten Ausweges
Der wichtigste Teil dieses »Bailouts« war jedoch die Tatsache, daßdas Geld, mit dem dies ermöglicht wurde, direkt oder indirekt vomFederal Reserve System stammte. Hätte man die Bank fallen gelassenund die gesamten Verluste der FDIC überlassen, wäre der gesamte
(22)Chernow, S. 659.(23)Ebenda.
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Reservefonds aufgezehrt worden ohne Rücklagen für die Tausende vonanderen Banken. Anders ausgedrückt: Allein dieser eine Bankzusammen-bruch (hätte man ihn denn geschehen lassen!) hätte die gesamten FDIC-Gelder aufgezehrt! Schon deshalb mußte man diese Bank am Lebenerhalten, Verluste hin oder her, und aus diesem Grunde mußte ebensodas FED bei der Rettungsaktion mithelfen. Und genau dieses war auchder Grund für die Schaffung des Systems auf Jekyll Island: jede SummeGeldes herbeischaffen, die nötig sein könnte, um die Verluste des Kar-tells auszugleichen. Die Masche könnte nie funktionieren, solange dasFED praktisch aus dem Nichts heraus Geld schaffen und es in Bankenmit »Kredit-« und »Liquiditäts-Garantien« stecken könnte Das heißt,sollten die Darlehen platzen, wurde das Geld letztlich von der amerika-nischen Bevölkerung durch eine versteckte Steuer, genannt Inflation,eingesammelt. Dies ist die Bedeutung des Ausdruckes »Kreditgeber desletzten Ausweges«.
Der FDIC-Direktor Irvine Sprague beschrieb die Rolle des FEDfolgendermaßen, während er die Pressemeldung über das Hilfspaket fürContinental formulierte:
Der dritte Absatz ... gewährte allen Einlegern, einschließlich dernicht versicherten, und allen Gläubigern eine 100-prozentige Versi-cherung. Der nächste Absatz ... nannte die Konditionen, unter denendas FED als Kreditgeber des letzten Ausweges tätig werden wür-de ..., das FED würde Continental dabei unterstützen, »möglicheaußergewöhnliche Liquiditäts-Bedürfnisse« abzudecken. Dieses hät-te einen weiteren Bankenansturm eingeschlossen. Es gab allgemeineÜbereinstimmung, daß man Continental nicht würde retten könnenohne eine 100-prozentige Versicherung durch die FDIC und unbe-grenzte Liquiditätshilfe durch die Federal Reserve. Kein Plan hätteohne diese beiden Elemente funktioniert.(24)
Im Jahre 1984 hatte diese »unbegrenzte Liquiditätshilfe« unglaublicheacht Milliarden Dollar erreicht. Zwei Jahre später stand sie bereits bei9,24 Milliarden und stieg noch immer. Als er dieses Schröpfen desSteuerzahlers vor dem Bankenausschuss des Senates erläuterte, erklärteder Präsident des FED, Paul Volcker: »Diese Aktion ist eigentlich dieGrundfunktion der Federal Reserve. Hierzu wurde sie gegründet.«(25) Mit
(24)Sprague, S. 162-163. (25)
Greider, S. 628.
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diesen Worten hatte er eine der umstrittensten Behauptungen diesesBuches bestätigt.
Zum Teufel mit kleinen Banken
Wir haben bereits festgestellt, daß die Großbanken bei der FDIC imPrinzip kostenlos davonkommen zu Lasten der kleinen Banken. Eskönnte praktisch kein besseres Beispiel hierfür geben als das »Bailout«von Continental Illinois. 1983 hatte die Bank eine Prämie von geradeeinmal 6,5 Millionen Dollar einbezahlt, um ihre Gesamteinlagen inHöhe von drei Milliarden Dollar zu schützen. Jedoch waren die tatsäch-lichen Verbindlichkeiten – einschließlich der institutionellen und über-seeischen Einlagen – rund zehnmal so hoch, und die FDIC war bereit,für den gesamten Betrag geradezustehen. Wie Sprague zugab: »KleineBanken zahlen überproportional mehr für ihre Absicherungen und ha-ben eine wesentlich geringere Chance auf ein >Bailout< im Stile vonContinental. «(26)
Wie wahr! In derselben Woche, als die FDIC und das FED Milliardenvon Dollar auszahlten in Form von Bargeld, Aktienübernahmen, Darle-hen und Garantien für Continental Illinois, ließ man die winzige BledsoeCountry Bank of Pikeville in Tennessee und die Planters Trust andSavings Bank of Opelousas in Louisiana im Stich. In der ersten Hälftedes gleichen Jahres gingen 43 kleine Banken ohne irgendeine Hilfe derFDIC Bankrott. In den meisten Fällen wurden Zusammenschlüsse miteiner größeren Bank arrangiert, und nur die unversicherten Einlagenstanden auf dem Spiel.
Die Auswirkungen dieser Ungerechtigkeiten auf das Bankenwesensind beträchtlich. Sie verbreiten die Botschaft an Banker und Einlegergleichermaßen, daß kleine Banken, sobald sie in Schwierigkeiten gera-ten, schließen müssen, während große Banken sicher sind, auch wennsie schlecht oder betrügerisch geführt werden. Ein New Yorker Invest-mentberater erklärte Reportern, Continental Illinois sei »offensichtlichdie sicherste Bank des Landes für ihr Geld«, obwohl sie gerade zusam-mengebrochen war.(27)
Es gibt keine bessere Strategie, kleine unabhängige Banken aus demGeschäft zu drängen oder sie in die Arme der großen zu treiben. Undgenau dies ist tatsächlich geschehen. Während Hunderte von kleinen
(26)Sprague, S. 250.(27)
»New Continental Illinois Facing Uncertain Future« von Keith E. Leighty,Associated Press, Thousand Oaks, Calif., News Chronicle, 13. Mai 1985, S. 8.
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Banken seit 1984 vom Markt gedrängt wurden, ist die durchschnittlicheGröße der mit regierungsamtlicher Unterstützung verbliebenen Bankenum mehr als das Doppelte gestiegen. Man wird sich erinnern, daß dieserVorteil der großen Banken gegenüber ihren kleineren Wettbewerberneines der Ziele des auf Jekyll Island entwickelten Planes war.
Der wohl interessanteste – und bedrückendste – Aspekt der Unter-stützung für Continental Illinois war der Mangel an öffentlicher Empö-rung über das Prinzip, Steuern und Geldentwertung zum Schutz desBankwesens einzusetzen. Kleine Geldinstitute haben sich über die un-faire Gewährung von Vorteilen für die Großbanken beklagt; es war abernicht ihre Absicht, daß die Regierung den Bankenriesen fallen ließ. IhrKlagelied lautete, daß man auch sie auf die gleiche paternalistischeWeise beschützen solle. Sowohl die Wähler als auch die Politiker schwie-gen zu diesem Punkt, offensichtlich erschreckt von der schieren Anzahlund der Aussicht auf ein wirtschaftliches Chaos. Jahrzehntelange öf-fentliche Erziehung hatte einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Wares schließlich nicht so, daß öffentliche Schulen dies als die eigentlicheFunktion einer Regierung gelehrt hatten? Entsprach dies nicht der ame-rikanischen Lebensweise? Selbst Ronald Reagan, der als Aushänge-schild des wirtschaftlichen nationalen Konservativismus angesehenwurde, pries diese Aktion. Aus der Präsidentenmaschine Air Force Oneauf dem Weg nach Kalifornien sagte er: »Es war genau das, was wirhätten tun sollen, und wir machten es. Die Aktion lag im Interessesämtlicher Beteiligten.«(28) Die Billigung der Aktion durch Regan rückteeines der verblüffendsten Phänomene des 20. Jahrhunderts in den Mit-telpunkt: die Art und Weise, wie Amerika sich nach links in Richtungdes Dirigismus bewegt hat, während es gleichzeitig hinter dem politi-schen Banner derjenigen herläuft, die sich gegen Dirigismus ausspre-chen. William Greider, ein ehemaliger Autor der liberalen WashingtonPost und des The Rolling Stone, beklagt:
Die Verstaatlichung von Continental war ein typischer Akt des mo-dernen Liberalismus ..., die Intervention des Staates in privatemInteresse und für die breite Öffentlichkeit. In dieser angeblich kon-servativen Ära schoben die staatlichen Stellen das strenge Urteil desWettbewerbes einfach beiseite (und verstärkten maßlos ihre Beteili-gung an der privaten Wirtsschaft) ...
(28)»Regan Calls Rescue of Bank No Bailout«, New York Times, 29. Juli 1984.
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In der Vergangenheit hatten konservative Gelehrte und Expertenheftig Stellung bezogen gegen jegliche staatliche Einmischung in diePrivatwirtschaft, vor allem gegen jegliche Unterstützung für in Schwie-rigkeiten geratene Unternehmen. Jetzt schien ihnen dies kaum nochaufzufallen. Vielleicht hätten sie sich dazu geäußert, wäre es nicht umden konservativen Streiter Ronald Reagan gegangen.(29)
Vier Jahre nach dem »Bailout« von Continental Illinois wurde diegleiche Taktik angewandt, um die Bank Oklahoma zu retten, eine Banken-holding. Die FDIC pumpte 130 Millionen Dollar in die Bank undübernahm Garantien für 55 Prozent der Besitzerschaft. Das Strickmu-ster lag bereits vor. Die Regierung hatte einen genialen Weg gefunden,eine Bank zu verstaatlichen, indem sie Aktienpakete für ihre Hilfeübernahm, ohne das Kind beim Namen nennen zu müssen. Die Heraus-gabe von Aktien klingt wie eine geschäftliche Transaktion der Privat-wirtschaft, und die Öffentlichkeit schien nicht zur Kenntnis zu nehmen,daß Uncle Sam sich im Bankwesen engagierte.
Zweiter Grund für die Abschaffung der Federal Reserve
Eine nüchterne Bewertung dieses langen und fortgesetzten Registersliefert einen zweiten Grund für die Abschaffung des Federal ReserveSystems: Weit davon entfernt, ein Beschützer der Öffentlichkeit zu sein,handelt es sich um ein Kartell, das gegen das öffentliche Interesseagiert.
Zusammenfassung
Das Spiel, genannt »Bailout«, ist kein launenhaftes Geschöpf derEinbildung ..., es ist echt! Hier sind einige der großen Spiele der Saisonund ihre Ergebnisse: 1970 ging Penn Central bankrott. Die Banken, dieder Eisenbahn Geld geliehen hatten, saßen auf den Vorstandssesselnund hatten das Unternehmen weiter in die Enge getrieben, während sieimmer größere Darlehen zur Abdeckung der Verluste gewährten. DieDirektoren verbargen die Realität vor den Aktionären und gaben derGesellschaft immer weitere Darlehen, so daß mit Dividendenzahlungendie Fassade aufrechterhalten werden konnte.
Zu dieser Zeit befreiten sich die Direktoren und ihre Banken von denAktien zu unrealistisch hohen Kursen. Als die Wahrheit ans Licht kam,
(29)Greider, S. 631.
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hielten die Aktionäre nur einen leeren Sack in Händen. Das von derFederal Reserve zustande gebrachte »Bailout« beinhaltete unter ande-rem Regierungssubventionen für andere Banken, damit sie zusätzlicheGelder gewährten. Dann sagte man dem Kongreß, ein Zusammenbruchvon Penn Central wäre verheerend für das öffentliche Interesse. DerKongreß reagierte mit Darlehensgarantien in Höhe von 125 MillionenDollar, um den Banken kein Risiko aufbürden zu müssen. Letztlichbrach die Eisenbahn trotzdem zusammen, aber die Bankdarlehen warengedeckt. Denn Central wurde zu AMTRAK verstaatlicht und operiertweiterhin verlustreich.
Als 1970 Lockheed vor dem Bankrott stand, hörte der Kongreß imPrinzip die gleiche Geschichte. Tausende würden arbeitslos, Subunter-nehmer müßten aufgeben, und die Öffentlichkeit wäre ebenfalls betrof-fen. Folglich übernahm der Kongreß die Bürgschaft für eine weitere250-Millionen-Dollar-Anleihe, die Lockheed noch einmal 60 Prozenttiefer in das Schuldenloch stieß. Da die Regierung für die Darlehengeradestand, mußte sie dafür sorgen, daß Lockheed in die Gewinnzonezurückkommt. Dies wurde durch die Vergabe von einträglichen Militär-aufträgen ohne Ausschreibung erreicht. So konnten die Banken ausge-zahlt werden.
1975 hatte New York City das Ende seiner Kreditwürdigkeit erreicht.Es hatte sich für eine extravagante Bürokratie und einen Wohlfahrtsstaaten miniature tief verschuldet. Dem Kongreß redete man ein, das öffent-liche Leben wäre gefährdet bei einer Einschränkung der städtischenDienste und Amerika könnte in den Augen der Welt an Ansehen verlie-ren. Der Kongreß autorisierte deshalb zusätzliche Darlehen bis zu 2,3 Mil-liarden Dollar, wodurch sich die Schulden der Stadt mehr als verdoppel-ten. Die Banken strichen weiterhin Zinsen ein.
1978 schließlich stand Chrysler auf der Kippe zum Bankrott. Wiederberichtete man dem Kongreß, die Öffentlichkeit würde großen Schadennehmen, falls das Unternehmen zusammenbräche. Und daß es ein schwe-rer Schlag für amerikanische Interessen wäre, würde der Käufer nurzwischen zwei statt drei Automobilherstellern wählen können. Folglichbürgte der Kongreß für einen 1,5-Milliarden-Dollar-Kredit. Die Bankenreduzierten einen Teil ihrer Darlehen und tauschten weitere in Vorzugs-aktien ein. Die Nachricht von diesem Abkommen trieb die Kurse dieserAktien in die Höhe und glich damit einen großen Teil der Abschreibun-gen aus. Die vorher uneintreibbaren Schulden wurden in zinsbringendeund amtlich abgestützte Aktiva umgewandelt.
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1972 wurde die Commonwealth Bank of Detroit trotz der Aktiva von1,5 Milliarden Dollar zahlungsunfähig. Sie hatte von der Chase Man-hattan Bank in New York viel Geld geliehen, um es in risikoreiche, aberpotentiell ertragreiche Unternehmungen zu investieren. Jetzt steckte siein Schwierigkeiten, und ebenso Chase. Die Banker reisten nach Wa-shington und erzählten der FDIC, die Öffentlichkeit müsse vor denschweren finanziellen Erschütterungen geschützt werden, die eine Schlie-ßung der Commonwealth unweigerlich auslösen würde. Die FDIC pump-te 60 Millionen Dollar Kredit hinein, zusätzlich gab es regierungsamtli-che Garantien für die Rückzahlung. Commonwealth wurde an ein arabi-sches Konsortium veräußert. Chase nahm eine geringfügige Abschrei-bung vor, verwandelte aber den größten Teil ihres potentiellen Verlustesin staatlich gedeckte Aktiva.
Die First Pennsylvania Bank of Philadelphia geriet 1979 in Zah-lungsschwierigkeiten. Mit ihren Aktiva in Höhe von neun MilliardenDollar war sie sechsmal größer als Commonwealth. Auch sie war einaggressiver Spieler an den Finanzmärkten der 1970er Jahre. Und nunsagten die Banker und die Federal Reserve der FDIC, die Öffentlichkeitmüsse vor dem Zusammenbruch einer Bank dieser Größe geschütztwerden und die nationale Wirtschaft stehe dabei auf dem Spiel, viel-leicht sogar die Weltwirtschaft. Also entschied sich die FDIC für einen325-Millionen-Dollar-Kredit ..., zinsfrei im ersten Jahr und zur Hälfteder marktüblichen Zinsen danach. Die Federal Reserve bot anderenBanken Geld zu einem subventionierten Zinssatz an, falls sie der FirstPenn zu Hilfe kämen. Bei diesem Anreiz streckten sie 175 MillionenDollar plus eine Milliarde Dollar in Form von Kreditabkommen vor.
1982 wurde Chicagos Continental Illinois insolvent. Es war diesiebtgrößte Bank des Landes mit 42 Milliarden Dollar in ihren Büchern.Im vorangegangenen Jahr war ihr Profit explodiert als Ergebnis vonrisikoreichen Geschäftspraktiken und Darlehen für fremde Regierun-gen. Obwohl sie der Liebling der Finanzwelt war, wurde sie raschentzaubert, als ihr Cashflow negativ wurde und überseeische Bankenihre Einlagen zurückzogen. Es war der erste elektronische Bankenan-sturm der Welt. Der Präsident der Federal Reserve, Volcker, erklärte derFDIC, es sei undenkbar, die Weltwirtschaft durch einen Banken-zusammenbruch dieser Größe ruinieren zu lassen. Folgerichtig über-nahm die FDIC fragwürdige Anleihen in Höhe von 4,5 MilliardenDollar und übernahm 80 Prozent der Bank in Form von Aktien dafür,daß sie ihr aus der Patsche geholfen hatte. Tatsächlich wurde die Bank
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damit verstaatlicht, doch niemand nahm diesen Begriff in den Mund.Die Regierung der Vereinigten Staaten war nun aber im Bankgeschäfttätig.
All das Geld, das für diese »Bailouts« benötigt wurde, stammte vomFederal Reserve System, das als »Kreditgeber des letzten Ausweges«agierte. Das war einer der Zwecke, für die es geschaffen worden war.Wir sollten dabei nicht vergessen, daß der Ausdruck »Kreditgeber desletzten Ausweges« bedeutet, daß das Geld quasi aus dem Nichts herausgeschaffen wird und damit zu einer Konfiszierung des nationalen Reich-tums durch die versteckte Besteuerung unter dem Namen Inflationführt.
Kapitel 4
Zuhause, süßes Darlehen
Die Geschichte der zunehmenden Eingriffe der Regie-rung in die Bauindustrie; das Ersticken der freienMarktkräfte im Grundstückswesen; die daraus folgen-de Krise der Bausparkassen; die Stützung dieser Bran-che durch Steuergelder
Wie bereits in den vorangegangenen Kapiteln festgestellt, wird dieSchädlichkeit des Bankenkartells durch die Tatsache ermöglicht, Geldpraktisch aus dem Nichts heraus zu schaffen. Es vernichtet unsereKaufkraft durch die versteckte Steuer, die man Inflation nennt. DieWirkungsweisen dieser Vorgänge sind versteckt und subtil.
Wenden wir uns also ab von der geheimnisvollen Welt der Zentral-banken und wenden wir uns der schwindelerregenden Welt der Bau-sparkassen zu. Die Welt dieses Finanzzweiges ist vergleichsweise leichtzu verstehen. Im Grunde geht es darum, daß gewaltige Geldmengen indem schwarzen Loch der Fehlentscheidungen der Regierung verschwin-den und daß letztendlich wir alle die Verluste tragen müssen. DasEndergebnis also ist in beiden Fällen das gleiche.
Der Sozialismus faßt Fuß in Amerika
Alles begann mit einem Konzept. Es faßte Fuß in Amerika im we-sentlichen als Ergebnis der Großen Depression der 1930er Jahre. Ame-rikanische Politiker waren tief beeindruckt davon, wie es radikalenMarxisten gelang, die Unterstützung der Massen zu gewinnen, indemsie den Kapitalismus für die Probleme des Landes verantwortlich mach-ten und ihrerseits ein, sozialistisches Utopia versprachen. Sie bewunder-ten und fürchteten diese Radikalen gleichzeitig: Sie bewunderten derenGeschick in bezug auf die Massenpsychologie; sie fürchteten zugleich,die Marxisten könnten so populär werden, daß sie bei den Wahlen dieMehrheit gewinnen würden. Schon bald begannen viele politische Re-präsentanten die Seifenkisten-Redner nachzumachen, und die Wählerbrachten sie in Amt und Würden.
Während man die extremen und gewalttätigen Aspekte des Kommu-nismus allgemein zurückwies, wurden die feineren Theorien des Sozia-
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lismus recht populär bei der gebildeten Elite. Natürlich würden sie dieAnführer eines amerikanischen sozialistischen Systems werden. Je-mand mußte sich um die Massen kümmern und ihnen sagen, was sieGutes für sich selbst tun könnten. Viele Hochschulabsolventen undWohlhabende waren geradezu gefesselt von dem Gedanken, diese Rollezu übernehmen. Und so wurde dieses Konzept auf allen Ebenen deramerikanischen Gesellschaft weitgehend akzeptiert – von den »mitFüßen getretenen Massen« ebenso wie von der gebildeten Elite –, daß eswünschenswert ist, wenn die Regierung sich um ihre Bürger kümmertund sie in ihren wirtschaftlichen Handlungen beschützt. Als währendder Großen Depression über 1900 Spar- und Darlehenskassen Pleitegingen, schufen Herbert Hoover und ein allzu bereitwilliger Kongreßdas Bundesamt für Hypothekenbanken, um Sparer in Zukunft zu schüt-zen. Es erteilte Konzessionen an Institutionen, die sich den Regelnunterwarfen, und die Öffentlichkeit wurde dazu verführt zu glauben,daß eine staatliche Aufsicht klüger, vorsichtiger und ehrlicher sei alsprivate Geschäftsleute. Die staatliche Konzession wurde zu einer Artvon Gütesiegel. Endlich war die Allgemeinheit geschützt!
Auf Hoover folgte Franklin D. Roosevelt, der geradezu zum Inbe-griff der neuen Art wurde. In einem früheren Stadium seiner politischenKarriere galt er als Vorbild des freien Unternehmertums und des Indivi-dualismus. Er erhob seine Stimme gegen eine allmächtige Regierungund trat ein für freie Märkte; in der Mitte seines Lebens jedoch setzte erdie Segel neu, um sich dem veränderten politischen Wind anzupassen.In die Geschichte ging er als ein Pionier des Sozialismus in Amerikaein.
Es war Roosevelt, der den nächsten Schritt in Richtung eines Pater-nalismus der Regierung bei den Spar- und Darlehenskassen – wieüberhaupt im Bankwesen – durch die Einrichtung einer Bundes-Einle-ger-Versicherung, der Federal Deposit Insurance Corporation (FDIC),und der Bundes-Spar-und Darlehens-Versicherung Federal Saving andLoan Insurance Corporation (FSLIC) unternahm. Von dem Augenblickan brauchten sich weder die Öffentlichkeit noch die Geschäftsführer derSparkassen über Verluste Gedanken zu machen. Letztendlich würdenalle von der Regierung ausgeglichen werden.
Ein Haus auf jedem Bauplatz
Ungefähr zur selben Zeit wurden Darlehen für den privaten Woh-nungsbau von der Bundes-Wohnungsbau-Behörde (FHA) subventio-
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niert, was den Spar- und Darlehenskassen ermöglichte, günstigereHausbaudarlehen auszugeben, als ohne solche Unterstützung. Auf dieseWeise sollte es jedermann erleichtert werden, sich den Traum vomeigenen Heim zu erfüllen. Während die Marxisten mit dem Versprechen»ein Hühnchen in jedem Topf« hausieren gingen, gewannen nun diepolitischen Gegner Wahlen mit ihrem Versprechen »ein Haus auf jedemBauplatz«.
Anfangs wurden also viele Menschen in die Lage versetzt, Wohn-eigentum zu erwerben, die ohne solche Unterstützung dazu nicht in derLage gewesen wären oder wesentlich höhere Anzahlungen hätten lei-sten müssen. Allerdings trieben die von der FHA verursachten leichtenKredite die Preise der Häuser für die mittlere Klasse in die Höhe,wodurch der Vorteil der ursprünglichen Subvention wieder aufgehobenwurde. Leider aber waren sich die Wähler des Effektes der gegenseiti-gen Aufhebung dieser Maßnahme nicht bewußt und standen weiterhinauf der Seite derjenigen Politiker, die für einen Ausbau dieses Systemseintraten.
Der nächste Schritt war die Aufforderung des Zentralbankrates an dieBanken, niedrigere Zinsen anzubieten als jene von den Spar- und Darle-henskassen. Als Ergebnis dieser Aufforderungen flossen Mittel von denBanken in die Spar- und Darlehenskassen, so daß bei diesen viel Geldfür den Haus- und Wohnungsbau bereitstand. Dies entsprach der natio-nalen Absicht, die Haus- und Wohnungswirtschaft zu Lasten andererIndustriezweige zu fördern, die sich um die gleichen Investment-Gelderbemühten. Dieses Verfahren mag zwar nicht sonderlich gut für dieWirtschaft als Ganzes gewesen sein, aber es war einfach ein klugerpolitischer Schachzug.
Preisgabe des freien Marktes
All diese Maßnahmen haben die Kredite für die Wohnungswirtschaftaus dem freien Mark herausgehoben und in eine politische Arena trans-portiert, in der sie seitdem geblieben sind. Der Schaden dieser Interven-tion für die Öffentlichkeit wurde lange hinausgeschoben, doch sobald ereintritt, wird er umwälzend sein.
Die Wirklichkeit von Regierungsinterventionen im freien Mark kanngar nicht überbewertet werden, denn sie bildet den Kern der gegenwär-tigen und künftigen Krisen. Es gibt Geldinstitute, die bei jedem Schrittihrer Maßnahmen von der Regierung kontrolliert werden. Bundesbe-hörden bieten Schutz gegen Verluste und schreiben strikte Regeln für
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Eigenkapitalquoten vor, die Zahl der Zweigstellen, der Zuständigkeits-gebiete, der Geschäftsleitung, der Dienstleistungen und der Zinshöhen.Die zusätzlich dadurch entstehenden Kosten für Spar- und Darlehens-kassen wurden von der American Bankers Association mit ungefähr elfMilliarden Dollar jährlich beziffert, was unglaublichen 60 Prozent ihresProfites entspricht.
Darüber hinaus muß der gesunde Teil dieses Wirtschaftszweigesjährlich mehr als eine Milliarde Dollar zusätzlicher Prämien für densogenannten Versicherungsfonds bereitstellen, um für das möglicheVersagen eines ungesunden Teiles dieser Konstruktion aufzukommen –eine Art von Bestrafung für den Erfolg. Als einige der gesunden Institu-tionen sich in Banken umwandeln wollten, um diese Art von Bestrafungzu vermeiden, wurde ihnen dies untersagt. Das System benötigte derenMittel, um die »>Bailout<-Fonds« zu füllen.
Versicherung des kleinen Mannes?
Das durchschnittliche Sparkonto beläuft sich auf ungefähr 6000 Dol-lar. Doch während der Regierungszeit von Carter wurde die Versiche-rungssumme für jede Einlage von 40 000 auf 100 000 Dollar erhöht.Wer mehr als diese Summe in Bargeld zu Verfügung hatte, brauchte nurmehrere Konten zu eröffnen; also gab es keine Grenze nach oben!Offensichtlich hatte dies nichts mit dem Schutz des Normalbürgers zutun. Es sollte vielmehr der Weg für große Makler- und Investment-firmen bereitet werden für die Investition von riesigen Kapitalmengenbei hohen Zinsraten und praktisch keinem Risiko. Schließlich war allesvon der Bundesregierung abgesichert.
1979 hatte die Politik der Zentralbank die Zinsen in die Höhe getrie-ben, und die S &Ls mußten damit Schritt halten, um an frisches Geld zukommen. Im Dezember des folgenden Jahres zahlten sie bereits 15,8 Pro-zent Zinsen auf ihre Zertifikate. Gleichzeitig verlangten sie für einedurchschnittliche Hypothek nur 12,9 Prozent; viele der alten Darlehenstanden noch immer bei sieben oder acht Prozent. Und um das Problemweiter zu verschlimmern: Hier und dort gab es die eine oder andereZahlungsunfähigkeit, das bedeutet null Prozent. Die Kassen stecktenalso in tiefroten Zahlen und mußten den Ausgleich woanders herholen.
Die schwächsten S &Ls mußten die höchsten Zinsen tragen, umAnleger anzulocken, und sie erhielten zugleich große Summen von denMaklerfirmen. Die Makler kümmerten sich nicht länger darum, ob dieAnlage riskant oder schwach war, denn jegliche Aktion war praktisch
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versichert. Sie schauten ausschließlich auf die Zinsrate. Jedoch erklär-ten die Geschäftsführer der Kassen, sie müßten mit diesen Geldernpraktisch Wunder vollbringen in der kurzen Zeit, in der sie darüberverfügen konnten. Nur so konnten sie sich aus ihrem Loch herausarbei-ten, und dabei nahmen sie große Risiken auf sich. Auch für sie hatte dasallgemeine Rückversicherungssystem der Regierung praktisch jedesVerlustrisiko ausgeschaltet, und in der Folge davon engagierten sichviele von ihnen in hochprofitablen und zugleich hochriskanten Immobi-liengeschäften.
Bald schon platzten die ersten Geschäfte, und 1979 war das erste Jahrseit der Großen Depression der 1930er Jahre, daß der Gesamtnettowertder amtlich rückversicherten S&Ls ins Minus rutschte. Und zwar trotzder Expansion in allen anderen Bereichen der Wirtschaft! Die Öffent-lichkeit begann, sich Sorgen zu machen.
Vertrauen und Anerkennung
Die Unterstützer in Washington reagierten 1982 mit einer gemeinsa-men Resolution des Kongresses, in der die Regierung der VereinigtenStaaten der Bundes-Spar- und Darlehensversicherung FSLIC ihr vollesVertrauen und ihre Anerkennung aussprach. Dabei handelte es sich umreine moralische Unterstützung, doch viele Menschen verspürten eingewisses nagendes Gefühl, daß letzten Endes sie selbst zur Kassegebeten werden würden. Und Recht hatten sie. Consumer Reportserläutert:
Hinter den in Schwierigkeiten geratenen Banken und den ins Trudelngeratenen Versicherungen stehen das »volle Vertrauen und die Aner-kennung« der Regierung ..., dieses läuft schlicht auf das Versprechenhinaus (sicherlich auch vom Kongreß respektiert), daß alle Bürgerentweder mit Steuern oder durch Inflation ihren Beitrag dazu leisten,daß die Einleger unversehrt bleiben.(1)
Die Misere der S&Ls wurde 1985 auf dramatische Weise in Ohiodeutlich, als die Home State Savings Bank of Cincinnati nach einempotentiellen Verlust von 150 Millionen Dollar bei einer Investmentbankin Florida zusammenbrach. Dies löste nicht nur einen Ansturm auf die33 Zweigstellen dieser Sparkasse aus, sondern zugleich auf jene vieler
(1)»How Safe Are Your Deposits?« in:Consumer Reports,August 1988, S. 503.
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anderer Institute. Die Kunde davon sprang auch auf die internationalenFinanzmärkte über, auf denen überseeische Spekulatoren Papier-Dollarszugunsten anderer Währungen abstießen oder sich ins Gold flüchteten.
Innerhalb weniger Tage verursachten die ihre Einlagen zurückfor-dernden Anleger Abflüsse von 60 Millionen Dollar aus dem bundes-staatlichen »Versicherungsfonds« in Höhe von 130 Millionen (der fürden gesamten ihm zugedachten Zweck völlig unzureichend war). Hätteman dem Bankenansturm tatenlos zugesehen, wären die Rücklagengewiß am nächsten Tag geplündert gewesen. Zeit also für einen politi-schen Einschnitt.
Am 15. März rief der Gouverneur von Ohio, Richard Celeste, einender wenigen »Bankentage« seit der Großen Depression aus und schloßalle 71 der staatlich abgesicherten Sparkassen. Der Öffentlichkeit versi-cherte er, es gebe keinen Grund zur Besorgnis. Es handele sich lediglichum eine »Abkühlungsperiode ..., bis wir überzeugend die Gesundheitunseres Systems erklären können«. Anschließend flog er nach Washing-ton und traf dort Paul Volcker, den Präsidenten des Zentralbankrates,und Edwin Gray, den Präsidenten des Bundesamtes für Hypotheken-banken, um staatliche Unterstützung anzufordern. Beide versichertenihm, er könne damit rechnen.
Schon einige Tage später durften die Einleger bis zu 750 Dollar vonihren Konten abziehen. Am 21. März beruhigte Präsident Reagan dieFinanzmärkte der Welt, die Krise sei vorbei. Weiterhin versicherte er,das Problem sei »auf Ohio begrenzt«(2).
Nicht zum ersten Mal war damit ein staatlich geförderter Versiche-rungsfonds ins Trudeln geraten. In Nebraska hatte sich etwas ähnlichesereignet, als 1983 die Commonwealth Savings Company of Lincolnversagte. Ihre Einlagen beliefen sich auf mehr als 60 Millionen Dollar,aber der Versicherungsfonds verfügte über weniger als zwei MillionenDollar zur Abdeckung, und zwar nicht nur für Commonwealth, sondernfür das gesamte System. Die Einleger konnten sich glücklich schätzen,65 Cent für jeden Dollar zurückzuerhalten, und zwar über einen Zeit-raum von bis zu zehn Jahren.(3)
(2)»Ohio Bank Crisis That Ruffled World«,U.S. News & World Report,1. April 1985, S. 11. (3)
»How Safe Are Deposits in Ailing Banks, S&Ls?«,U. S. News & World Report, 25. März 1985, S. 74.
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Einladung zum Betrug
In den frühen Tagen der Regierung Reagan wurden die Bestimmun-gen der S&Ls so gelockert, daß sie nicht länger ausschließlich auf dieAusgabe von Hypotheken beschränkt waren, also im Grunde ihre ei-gentliche Aufgabe. Sie mußten nicht einmal mehr einen bestimmtenEigenkapitaleinsatz für die Hypothekenausgabe zur Bedingung ma-chen. Sie durften 100 Prozent finanzieren oder sogar mehr. So schossenplötzlich Bürogebäude und Einkaufszentren wie Pilze aus dem Boden,und zwar unabhängig vom tatsächlichen Bedarf. Stadtentwicklungs-planer, Bauleute, Manager und Gutachter verdienten Millionen. Derganze Bereich platzte bald aus allen Nähten und wurde von Betrügerei-en durchsiebt. Milliarden von Dollar verschwanden in totgeborenenProjekten. Es gibt Hinweise darauf, daß in 22 der zugrundegegangenenS&Ls die Mafia und die CIA die Hände im Spiel hatten.
Betrug verstößt nicht zwangsläufig auch gegen das Gesetz. Die mei-sten Betrügereien bei den S&Ls wurden sogar von der Regierungangeregt. Der »Garn St. Germain Act« gestattete es den Sparkassen,Geld bis zum Schätzwert ihrer Immobilien auszuleihen statt bis zuderen tatsächlichem Marktwert. Schon bald kassierten Schätzer stattli-che Provisionen für Schätzungen, die, um es milde auszudrücken, voll-kommen unrealistisch waren. Dabei handelte es sich um Betrug; es wargeradezu die Absicht der Bestimmungen. Die Differenz zwischen demSchätzbetrag und dem tatsächlichen Marktwert wurde als »geschätztesKapital« definiert und wie wirklich verfügbares Kapital behandelt. Weildie S&Ls für jeweils 33 Dollar auf den Konten einen Dollar als Geldre-serve halten mußten, konnte folglich jeder Dollar Schätzwert über demMarktwert zu einer Pyramide von 33 Dollar durch die Wall-Street-Maklerhäuser angehäuft werden. Die erwarteten Profite aus diesenFonds sollten von den S&Ls zur Deckung ihrer Verluste verwendetwerden, ohne daß die Regierung Geld ausspucken mußte – was auchnicht der Fall war. Was die Regierung also tatsächlich damit sagte, war:»Wir können nichts für euer Schutzsystem tun; holt euch also selbst dasGeld, indem ihr die Investoren für das Risiko verantwortlich macht. Wirwerden euch nicht nur bei einem Zusammenbruch helfen, wir sageneuch auch, was ihr tun müßt.«
Der Niederschlag beginnt
1984 begann der Niederschlag trotz aller Buchhaltungstricks, welchedie dahinsiechende S&Ls-Branche gesund statt totgeweiht aussehen
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lassen sollte. In diesem Jahr schloß die FSLIC ein Institut und betriebden Zusammenschluß von 26 weiteren, die zahlungsunfähig gewordenwaren. Um gesunden Instituten die Übernahme der Insolventen schmack-haft zu machen, stellte die Regierung Finanzmittel zur Verfügung.Allein 1984 kosteten diese subventionierten Firmenzusammenschlüssedie FDIC schon über eine Milliarde Dollar, doch das war nur der Anfang.
Zwischen 1980 und 1986 brachen insgesamt 664 S&Ls zusammen.Regierungsbehörden hatten versprochen, die Öffentlichkeit in solchenFällen zu schützen, aber die Verluste waren bereits jenseits all dessen,was sie noch handhaben konnten. Man konnte es sich gar nicht leisten,alle insolventen Sparkassen zu schließen, denn es gab nicht genug fürdie Auszahlung. Im März 1986 besaß die FSILC nur drei Cent für jedenDollar Einlage. Am Ende des Jahres gab es nur noch zwei Zehntel einesCents für jeden »versicherten« Dollar. Selbstverständlich mußte mandie Sparkassen am Leben erhalten; folglich mußte man noch mehrbuchhalterische Tricks erfinden, um die Wahrheit zu verbergen.
Das Hinauszögern des Unvermeidlichen verschlimmerte die Situa-tion. Die S&Ls am Leben zu erhalten kostete die FSLIC täglich sechsMillionen Dollar.(4) Zwei Jahre später verlor die Sparkassenbranche ins-gesamt bereits täglich 9,8 Millionen Dollar, und die unprofitablen – dievon der FSLIC künstlich beatmeten – »Leichen« verloren täglich 35,6Millionen Dollar. Trotzdem ging das Spiel weiter.
1989 hatte die FSLIC nicht einmal mehr zwei Zehntel eines Cents fürjeden Dollar. Ihre Reserven waren dahingeschmolzen. Wie die Sparkas-sen, die sie eigentlich schützen sollte, war sie selbst zahlungsunfähigund auf der Suche nach Anleihen. Sie hatte versucht, Schuldverschrei-bungen auszugeben, aber all dies war weit entfernt von ihren tatsächli-chen Bedürfnissen. Der Kongreß hatte das Problem diskutiert, aberkeine neuen Geldquellen erschlossen. Der Zusammenbruch von LincolnSavings trieb die Krise auf die Spitze. Es gab kein Geld mehr. Punkt!
Das FED ergreift die Rolle des Kongresses
Im Februar kamen Alan Greenspan, Präsident des Federal ReserveBoard, und M. Danny Wall, Präsident der Federal Home Loan Bank,überein, aus der Bundesreserve 70 Millionen Dollar bereitzustellen, umLincoln Savings aus der Patsche zu helfen.
(4)»Fizzling FSLIC« von Shirley Hobbs Scheibla, in:Barron's,9. Februar 1987, S. 16.
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Dies wurde zu einem Präzedenzfall. Üblicherweise diente das FEDnur dazu, für die Regierung oder Banken Geld zu schöpfen. Sollte es derWille der Öffentlichkeit sein, einem Sparkasseninstitut aus der Klemmezu helfen, müßte der Kongreß die Mittel dafür bereitstellen. Wenn derKongreß das Geld nicht bereit hat oder es nicht leihen kann, so kann dasFED solche Mittel (natürlich aus dem Nichts) schaffen und an dieRegierung weitergeben. Doch in diesem Falle konnte sich das FED dieRolle des Kongresses anmaßen und politische Entscheidungen alleintreffen. Im »Federal Reserve Act« war hierfür nichts vorgesehen, unddennoch blieb der Kongreß, offensichtlich wegen seiner eigenen Schuld-gefühle, stumm.
Schließlich wurde im August desselben Jahres der Kongreß offenbarvom Geiste Roosevelts beseelt und rang sich zu einer Handlung durch:Er verabschiedete den »Financial Institutions Reform and RecoveryAct« (FIRREA) und stellte mindestens 66 Milliarden Dollar für diekommenden zehn Jahre bereit beziehungsweise 300 Milliarden Dollarverteilt über 30 Jahre. 225 Milliarden davon sollten über Steuern oderüber die Inflation hereinkommen und 75 Milliarden von den gesundenSpar- und Darlehenskassen. Dieses war der gewaltigste »Bailout« in derGeschichte des Landes. Größer als die addierten Kosten für Lockheed,Chrysler, Penn Central und New York City.
In diesem Verlauf wurde die FSLIC wegen ihrer hoffnungslosenZahlungsunfähigkeit eliminiert und durch den Savings AssociationInsurance Fund ersetzt. Gleichzeitig wurde der Banking InsuranceFund zum Schutze der kommerziellen Banken geschaffen, und beidewerden heute von der FDIC verwaltet.
Wenn Regierungskontrollen nicht den gewünschten Effekt bringen,neigt der Kongreß dazu, solche Kontrollen zu verschärfen. So wurdenvier vollkommen neue bürokratische Ebenen in die bereits existierendeunübersichtliche Unordnung hinzugefügt: der Resolution Trust OversightBoard zur Entwicklung von Strategien für die RTC; The ResolutionFunding Corporation zur Finanzierung der RTC; The Office of ThriftSupervision zur noch schärferen Beobachtung der Spar- und Darlehens-kassen; und das Oversight Board for the Home Loan Banks, dessenZweck zwar nach wie vor vage geblieben ist, aber wohl darin besteht,sicherzustellen, daß die S&Ls weiterhin die politisch gewollte Vorgabezur Subventionierung von Wohneigentum erfüllen. Bei der Unterzeich-nung des Gesetzes sagte Präsident Bush:
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Diese Gesetzesvorlagen werden Amerikas finanzielles System sicher-stellen und stabilisieren und kontinuierliche Reformen ermöglichen,damit solche Probleme nie wieder auftreten. Darüber hinaus sagt sieden vielen Millionen von Einlegern der Spar- und Darlehenskassen:»Ihr werdet nicht die Opfer der Fehler anderer werden. Wir werdendafür sorgen – versprochen! –, daß die versicherten Einlagen sicherbleiben. «(5)
Schätzungen sind leicht falsch
Mitte des folgenden Jahres wurde klar, daß die 66 Milliarden Dollarvollkommen unzureichend sein würden. Sprecher des Ministeriumssprachen bereits von 130 Milliarden, also etwa doppelt soviel. Wievielsind 130 Milliarden? 1990 waren dies 30 Prozent mehr als die zusam-mengezählten Gehälter aller Lehrer des Landes. Es waren mehr als dergesamte Gewinn der bei Fortune-500 aufgeführten Industrieunter-nehmungen. Der Betrag hätte genügt, 1,6 Millionen Studenten für vierJahre zu den besten Lehranstalten zu schicken, und zwar einschließlichUnterkunft und Verpflegung. Und diese Zahl schloß nicht einmal dieKosten für die Auflösung der gewaltigen Überhänge der Spareinlagenoder die Zinsen für die ausgeliehenen Gelder ein. Innerhalb wenigerTage mußte das Finanzministerium die Zahl auf 150 Milliarden Dollarheraufsetzen. Wie Finanzminister Nicholas Brady der Presse erklärte:»Niemand sollte annehmen, daß die Schätzungen sich nicht ändernwerden. Sie werden es.«
Tatsächlich änderten sich die Schätzungen von Woche zu Woche. DieRegierung hatte 1988 223 insolvente Sparkassen verkauft oder zusam-mengeschlossen und vollkommen ungenügsame Schätzungen der Ko-sten hierfür herausgegeben. Finanzexperten wie Ronald Perelman undein texanisches Institut wie Temple-Inland Inc. nahmen viele davon mitphantastischen Gewinnen auf, vor allem weil damit Subventionen undSteuervorteile verbunden waren. Der Präsident des Federal Home LoanBank Boards, Danny Wall, erklärte, diese Aktionen würden die schlimm-sten Probleme »mildern«. Die Kosten des »Bailouts« bezifferte er auf39 Milliarden Dollar. Hierzu das Wall Street Journal:
Wieder falsch! Eine neue Zusammenstellung von Rechnungsprüfun-gen der Federal Deposit Insurance Corporation weist darauf hin, daß
(5)»Review of the News«,The New American,11. September 1989, S. 15.
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die gesamten Kosten der sogenannten Class of '88 90 bis 95 Milliar-den Dollar betragen werden einschließlich der Steuervorteile fürKäufer und des gewaltigen Zinsanteiles für Regierungsanleihen, diefür diese Unterstützungsaktionen ausgegeben werden müssen.
Doch der teuerste Konstruktionsfehler der 1988er Rettungsaktionscheint nicht in den Vorteilen für die Finanzmagnaten zu liegen.Sondern vielmehr darin, daß keines dieser Abkommen die Abhängig-keit der Regierung vom Können oder Versagen der neuen Eigentümerabkoppelt, oder von den versteckten Verlusten auf Immobilien in derVergangenheit oder dem Wandel des Grundstück-Marktes in derZukunft ... Einige dieser Transaktionen scheinen fingiert zu sein,wobei faule Werte an faule Werte veräußert werden, die ihrerseits inKonkurs geraten ...
Obwohl die Institute sich in weit schlechterem Zustand präsentie-ren, als die Bankenaufsicht vorhergesehen hatte, verteidigt Mr. Walldie Strategie der endlosen Unterstützung: »Wir hatten keine Mittel,sie zu liquidieren.«(6)
Bei der Verabschiedung von FIRREA im Jahr zuvor – um AmerikasFinanzsystem zu schützen und zu stabilisieren – wurde die unglaublicheSumme von 300 Milliarden Dollar aus Steuern und Inflationsgewinnenwährend der kommenden 30 Jahre einkalkuliert. Schließlich nannte derPräsident des FED, Alan Greenspan, langfristige Kosten von 500 Milli-arden Dollar für diesen Zweck. Das ist mehr als der Zahlungsverzugaller Darlehen an die Entwicklungsländer zusammengerechnet. Dochnoch immer war diese Zahl zu niedrig. Eine unvoreingenommene Stu-die der Veribank Inc. zeigte, daß die gesamten Kosten für die amerikani-sche Öffentlichkeit sich auf 532 Milliarden Dollar belaufen werden,wenn man alle versteckten Kosten hinzurechnet.(7) Die Probleme, die lautPräsident Bush »nie wieder kommen sollten«, kamen wieder.
Buchhaltungs-Kunststücke
Schon lange vorher war der Grundstücksmarkt geschrumpft; vieleHypotheken überstiegen den tatsächlichen Wert der Grundstücke oder
(6)"Audit Report by FDIC Shows Wall´s Estimates for Thrift Bailouts in 1988 Were Wildly Low« von Charles McCoy und Todd Mason in: The Wall Street Journal, 14. September 1990, S. A-12. (7)
»S&L Industry Rebuilds As Bailout Reaches Final Phase«, Veribanc News Release, Veribanc Inc. (Wakefield, Massachusetts), 12. Januar 1994, S. 2.
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Immobilien. Außerdem waren die marktüblichen Zinsen weit über dieBaukredite hinaus gestiegen, was den Wert dieser Darlehen drückte.Der wahre Wert einer 50000-Dollar-Hypothek mit sieben Prozent Zin-sen liegt nur halb so hoch wie der einer entsprechend hohen Hypothekmit 14 Prozent Zinsen. Die Beschützer der Öffentlichkeit dachten sichalso eine Methode aus, wonach die S&Ls den Wert ihrer Aktiva am Wertder ursprünglichen Darlehen statt an deren tatsächlicher Markthöhefestlegen durften. Das war eine Hilfe, doch viel mehr mußte getanwerden.
Als nächstes wurden buchhalterische Werte aus der Luft geschaffen.So wurde den S&Ls gestattet, das »Entgegenkommen« der Gemeindenmit einem Geldwert zu belegen. Durch einen simplen Federstrich schu-fen die Schiedsrichter 2,5 Milliarden an Wert, und die Spieler spieltenweiter. Schließlich gab die FSLIC »Anleihen zum Nettowert« heraus,also im Grunde genommen Versprechen, den dahinsiechenden S&Lsaus der Patsche zu helfen, sollten sie dies brauchen. Schon die Regie-rung hatte ein solches Versprechen geäußert, doch da dies nun aufPapier gedruckt und »Anleihen zum Nettowert« genannt wurde, durftendie S&Ls diese als Aktiva in ihren Büchern vermerken. Solche Verspre-chen sind Aktiva, doch weil die Sparkassen im Falle eines »Bailouts«alles Geld zurückzahlen müssen, hätten solche Rückzahlungsverpflich-tungen in den Büchern auch als Verbindlichkeiten vermerkt werdenmüssen. Die Nettoposition war schließlich unverändert. Nur wenn mitdieser Aktion das Versprechen verbunden gewesen wäre, daß es sich umein reines Geschenk ohne Rückzahlungsverpflichtung handelt, hättensie dies als Aktiva verrechnen dürfen. Vielleicht wird das eines Tagesgeschehen, doch es war nicht so geplant. Den Kassen erklärte man, siekönnten diese Papiere als Aktivposten einsetzen genauso wie Geldein-lagen der Eigentümer. Und das Spiel ging weiter.
Der Tag der Wahrheit kommt, wenn die S&Ls einige ihrer Beständean Effekten an andere Kassen oder Geschäftsbanken oder Privatleuteveräußern müssen. Dann wird der aufgeblähte buchhalterische Wertzurückgeführt auf den wahren Marktwert, und die Differenz muß in dasHauptbuch als Verlust eingetragen werden. Nicht so aber im Nie-Nie-mals-Land des Sozialismus, wo die Regierung als großer Beschützerauftritt. Dennis Turner erläutert:
Die FSLIC gestattet der S&L, welche die Hypothek ausgab, denVerlust über 40 Jahre zu strecken. Die meisten Unternehmen, die
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einen Besitz verlustreich veräußern, müssen diesen Verlust soforttragen. Nur den S&Ls ist diese Betrügerei gestattet. Zwei dahinsie-chende S&Ls könnten sich beispielsweise ihre ertraglosesten Hypo-theken gegenseitig verkaufen und würden damit ihren Nettowertsteigern! Diese unehrenhafte Buchhaltung wird von den höchsten Behörden gestützt.(8)
US News & World Report fährt in diesem Sinne fort:
Ganze Scharen von Spar- und Darlehenskassen halten sich durchderlei Buchhaltungstricks heutzutage am Leben, indem sie großeVerluste verschieben ..., nur ein Bruchteil des addierten Nettowertesder Branche besteht aus echten Aktiva wie Hypotheken. ImmaterielleWerte wie Gefälligkeiten oder Absichtserklärungen stellen einen Groß-teil des Wertes der Branche in Höhe von 37,6 Milliarden Dollar dar(9)
Buchhaltungstricks sind kein Betrug
Wir sollten uns stets vor Augen halten, daß ein gut geführtes Unter-nehmen niemals derartige Risiken eingehen oder betrügerische Buchhal-tungstricks anwenden würde, wenn es noch lange im Geschäft zubleiben beabsichtigt. Doch solange Washington die Regeln vorgibt undfür die Übernahme möglicher Verluste bereitsteht, würde jeder Managergefeuert, der solche Gelegenheiten ausläßt. Schließlich hatte der Kon-greß ausdrücklich sein Okay bei der Verabschiedung des Gesetzesgegeben. Hierbei ging es um Hintertürchen, die man mit Absicht einge-richtet hatte. Dr. Edward Kane erläutert:
Irreführung ist an sich kein ungesetzlicher Betrug, solange sie nichtden Allgemeinen Buchhaltungsgrundsätzen (GAAP) widerspricht,die es Institutionen gestatten, vor der Feststellung des wahrhaftenWertes von Aktiva diese schon zum Zeitpunkt ihres überschätztenWertes in die Bücher einzutragen. Den Ausführungsbestimmungender Buchhaltungsgrundsätze wurden 1982 noch weitere Möglichkei-ten hinzugefügt, die Kapitalbasis aufzublähen ... Intensive Spekula-tion, wie wir sie in einigen dieser Firmen beobachten konnten, be-
(8)Dennis Turner, When Your Bank Falls (Princeton, New Jersey: Amwell Publi-shing Inc., 1983), S. 141.
(9)»It's Touch And Go for Troubled S&Ls« von Patricia M. Scherschel in: U. S.News & World Report, 4. März 1985, S. 92.
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deutet nicht notwendigerweise eine schlechte Unternehmensführung.In den meisten Fällen handelte es sich um kluge Geschäftspolitik. Esgab clevere Glücksspiele, die nicht die Anleger oder Einleger aus-beuteten, sondern die Steuerzahler.(10)
Die Presse hat die Bedeutung illegaler Betrügereien in all diesen Fällenstark übertrieben und viel Zeit darauf verwendet, sich an Leuten wieDonald Dixon von Vernon S&L und Charles Keating von Lincoln Savingszu reiben. Tatsächlich haben diese Pleiten die Steuerzahler weit überdrei Milliarden Dollar gekostet. Doch alle ungesetzlichen Betrügereienauf diesem Sektor zusammengerechnet machen trotzdem nicht mehr alsein halbes Prozent der bisherigen Gesamtverluste aus.(11) Sich auf dieserelativen Kleinigkeiten zu konzentrieren hieße nichts anderes, als sichvon der Tatsache ablenken zu lassen, daß das wahre Problem im Grundedie Verordnungen der Regierung sind.
Schrott-Anleihen sind kein Schrott
Eine weitere Ablenkung vom Kern des Problems bestand darin, allesso darzustellen, als wären die Sparer in Schwierigkeiten geraten, weilsie sich in sogenannten »Schrott-Anleihen« engagiert hätten.
Halt! Was sind eigentlich Schrott-Anleihen? Vielleicht ist dies jetzteine Überraschung, aber die von den S&Ls gehaltenen waren allesandere als Schrott. Tatsächlich standen sie, gewichtet nach Risikofakto-ren, den meisten der 500 in Fortune aufgelisteten Firmen keineswegsnach.
Sogenannte Schrott-Anleihen sind lediglich die von kleineren Fir-men herausgegebenen Papiere, die nicht groß genug sind, um in derListe der größten Unternehmen des Landes aufgeführt zu werden. Diegroßen Re-Investoren wie die Verwalter der Investment- und Pensions-fonds ziehen es eindeutig vor, bei allgemein bekannten Namen wieGeneral Motors oder IBM zu bleiben. Beinahe täglich müssen sieriesige Summen Geld irgendwo investieren, und kleine Firmen bietendafür schlicht keinen Markt. Als Ergebnis werden Aktien und Anleihenkleiner Firmen an der New Yorker Börse nicht gehandelt. Sie werden inkleineren Börsen oder direkt zwischen den Maklern »über den Laden-
(10)»FIRREA: Financial Malpractice« von Edward J. Kane in: Durell Journal ofMoney and Banking, Mai 1990, S. 5.
(11)»Banking an Government« von Jane H. Ingraham in: The New American,24. August 1992, S. 24.
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tisch« gehandelt. Da sie nicht den Vorteil genießen, an den großenBörsenplätzen gehandelt zu werden, müssen sie als Köder für Investo-ren höhere Zinsen versprechen; folgerichtig heißen sie im Börsen-Jargon »Ertragsanleihen«.
Einige Makler verspotten die Papiere solcher Unternehmen als »kei-ne Investmentklasse«, obwohl viele auszeichnete Geschäftsergebnisseerzielen. Sie sind sogar ein wichtiger Teil der amerikanischen Wirt-schaft und die Stütze ganz neuer Industrien geworden. Die erfolgreich-sten Unternehmen der Zukunft befinden sich schon in ihren Reihen.Während im letzten Jahrzehnt die Unternehmen auf der Fortune-500-Liste schrumpften und insgesamt 3,6 Millionen Arbeitsplätze strichen,sind die neuen Industriezweige gewachsen und haben insgesamt 18 Mil-lionen neue Arbeitsplätze geschaffen.
Nicht alle neue Firmen sind natürlich gleichzeitig eine gute Investi-tion, aber das trifft auch auf die älteren zu. Doch der mittelständischeSektor der Industrie stellt allgemein mehr Arbeitsplätze zur Verfügung,weist höhere Profitmargen aus und zahlt höhere Dividenden als diesogenannten »Investment-Grade«-Unternehmen. Von 1981 bis 1991warfen Schatzanweisungen mit zehnjähriger Laufzeit durchschnittlich10,4 Prozent ab; der Dow-Jones-Durchschnitt lag bei 12,9 Prozent, undder durchschnittliche Gewinn der sogenannten »Schrott-Anleihen« be-trug 14,1 Prozent. Wegen des höheren Ertrages konnten sie insgesamt180 Milliarden Dollar von Investoren »mit Köpfchen« einsammeln,einige von ihnen auch von den Spar- und Darlehenskassen. Es handeltesich praktisch um einen neuen Markt, auf dem Michael Milken von derkalifornischen Maklerfirma Drexel Burnham Lambert die Fäden zog.
Kapitalwachstum ohne Darlehen oder Inflation
Eine wesentliche Sorge der Männer, die sich 1910 auf Jekyll Islandtrafen, war der Trend vieler Unternehmen, sich für ihr weiteres Wachs-tum Kapital aus anderen Quellen als den Banken zu beschaffen. Undnun, 70 Jahre später, gab es wieder die gleiche Entwicklung in einerleicht abgewandelten Form. Besonders in die Kassen kleiner Firmenfloß nun Kapital aus Schuldverschreibungen, die Drexel auf einemgroßen Markt hatte plazieren können. Er schaffte es sogar, mit Obliga-tionen und anderen Finanzmanövern Firmenübernahmen in die Wegezu leiten ..., ein Gebiet, das bislang ausschließlich den Megainvestment-häusern vorbehalten war. Schon 1986 war Drexel die ertragreichsteInvestmentbank des Landes.
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Hier also gab es 180 Milliarden Dollar, die nicht durch die WallStreet flossen. Hier gab es 180 Milliarden Dollar aus den Ersparnissender Menschen, statt wie aus dem Nichts heraus von Banken geschaffenworden zu sein. Mit anderen Worten: Es gab Wachstum, aufgebaut ausechtem Investment und nicht auf Inflation. Nicht alle Menschen warendarüber glücklich.
Der Direktor des Wirtschaftsforschungsbüros und außerordentlicherProfessor für Unternehmensführung an der State University of NewYork, Glenn Yago, erklärt die Lage:
Erst als die ertragreichen Schuldverschreibungen für Restrukturie-rungen durch die Zerschlagung von Firmen und Übernahmen ange-wandt wurden, tauchte eine gewisse Feindseligkeit gegen den Marktder »Schrott-Anleihen« auf ... Der Markt der »Ertragsanleihen«wuchs zu Lasten von Bankschulden, und ertragreiche Firmen wuch-sen zu Lasten der Hegemonie vieler etablierter Firmen. Wie PeterPassell in der New York Times feststellte, wurde dieses zuerst an derWall Street gespürt, »wo spitze Ellbogen und gute Kenntnisse vonTabellenkalkulationen plötzlich mehr zählten als eine gute Nase fürtrockenen Sherry oder die Mitgliedschaft bei Skull and Bones«.(12)
Die erste Angriffslinie gegen diesen neuen Markt der »Ertragsanleihen«bestand darin, sie als »Schrott« zu bezeichnen. Schon das Wort warmächtig. Die Wirtschaftspresse nahm diesen Begriff begierig auf, undviele Investoren zuckten zurück.
Als nächsten Schritt verabschiedeten willfährige Politiker ein Ge-setz, das den Spar- und Darlehenskassen auferlegte, sich von ihrem»Schrott« zu trennen, angeblich, um die Öffentlichkeit zu schützen. Daßes sich dabei um einen Schwindel handelte, wird durch die Tatsacheoffenbar, daß lediglich fünf Prozent jemals solche Schuldverschreibun-gen gezeichnet hatten, was nur 1,2 Prozent ihrer gesamten Aktivaentsprach. Außerdem entwickelten sich diese Papiere vollkommen zu-friedenstellend und waren eine Quelle dringend benötigter Einkünfte.Trotz allem wurde der »Financial Institutions Reform and RecoveryAct«, wie bereits beschrieben, 1989 verabschiedet. Er zwang die S&Ls,alle ihre »Schrott-Anleihen« sofort aufzulösen. Als Folge stürzten die
(12)Glenn Yago, Junk Bonds: How High Yield Securities Restructured CorporateAmerica (New York: Oxford University Press, 1991), S. 5.
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Kurse ab, und die Kassen wurden weiter geschwächt durch die Verlustebeim Verkauf. Jane Ingraham dazu:
Über Nacht wurden ehemals gewinnbringende S&Ls in den Händender Resolution Trust Corporation zu regierungseigenen Arm- undBeinamputierten. So wurde die RTC zur größten Besitzerin von»Schrott-Anleihen«, und um das Übel noch zu vergrößern, überflute-te sie den Markt mit 1,6 Milliarden ihrer Beteiligungen, als derMarkt 1990 am Boden lag ...
An dem Desaster der Schrott-Anleihen war also die Regierungselbst schuld und nicht Michael Milken. Obwohl der, ebenso wieandere ehemalige Geschäftsführer von Drexel Burnham Lambert,inhaftierte Milken gerade 1,3 Milliarden Dollar zur Befriedigungvon Hunderten von Klagen aus Kreisen der Regierungsbehörden, derbetroffenen Anleger und anderer bereitgestellt hatten, um deren Ver-langen nach »Gerechtigkeit« nachzukommen.(13)
Übrigens haben sich diese Anleihen inzwischen längst erholt, und hät-ten die S&Ls sie behalten dürfen, wären sie heute in einer weit besserenfinanziellen Verfassung. Und auch die RTC.
Weil der neue Markt aus Kalifornien aus dem Wege geräumt war,wäre es leicht gewesen, die verhaßten Anleihen zu günstigen Preisenaufzukaufen und an der Wall Street die Kontrolle dieses neuen Markteszu übernehmen. Die New Yorker Firma Salomon Brothers beispielswei-se, die in den 1980er Jahren Drexels heftigster Kritiker war, ist inzwi-schen Marktführer in dem von ihr selbst geschaffenen Markt geworden.
Das wahre Problem ist der Regierungseinfluß
Das wahre Problem der Spar- und Darlehensbranche sind also dieRegierungsvorschriften, die sie von den Kräften des freien Marktesisoliert und zu ungesunden Geschäftspraktiken ermutigt haben. So schriebdas Wall Street Journal am 10. März 1992:
Will man einen Geschäftszweig von der Größe der amerikanischenSparkassenbranche ruinieren, braucht man viel mehr Kraft, als sieMichael Milken jemals besaß. Man braucht die Kraft der nationalenpolitischen Ämter, wie sie nur von den Regulatoren und dem Kongreß
(13)»Banking an Government«, S. 24, 25.
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ausgeübt werden kann. Welchen »Zugriff« Milken oder die »Schrott-Anleihen« jemals auf die S&Ls ausgeübt haben mögen ..., dies warein Nichts verglichen mit den Interventionen des Kongresses.(14)
Als dieses Buch in Druck ging, war die Zahl der S&Ls der 1980er Jahrebereits auf die Hälfte gesunken. Weil die Zusammenbrüche, Zusam-menschlüsse und Umwandlungen in Banken weitergehen, wird dieseZahl beständig sinken. Die Verbleibenden fallen in zwei Gruppen: dievon der RTC Übernommenen und die Verbliebenen. Die meisten unterprivater Kontrolle Verbliebenen – und das ist durchaus relativ in Anbe-tracht der Regulierungen, unter denen sie leiden müssen – erholen sichlangsam aufgrund der gestiegenen Rentabilität, der Anlagequalität undder Kapitalisierungen. Die von der RTC kontrollierten Institute jedochächzen weiterhin unter der Tatsache, daß der Kongreß keine Mittel fürihre Schließung und Auszahlung bereitstellt. Die Verluste dieser Gruppefügen den gesamten »Bailout«-Kosten jährlich sechs Milliarden Dollarhinzu. Präsident Clinton hatte den Kongreß um zusätzliche 45 Milliar-den Dollar gebeten und angedeutet, dies werde der letzte »Bailout«sein ..., aber kein Versprechen!
Das Spiel geht weiter.
Aus guten Gründen ist der Kongreß gelähmt
Der Kongreß scheint desinteressiert und gelähmt zu sein. Man hätteerwarten können, daß Dutzende von Politikern eine großangelegte Un-tersuchung des Desasters fordern würden, doch weit gefehlt. Die Be-gründung wird klar, sobald man sich vor Augen hält, daß die Spar- undDarlehenskassen, die Banken und andere von der Regierung regulierteInstitutionen gerade für die Wahlkämpfe derjenigen viel Geld spenden,welche die Richtlinien bestimmen. Eine gründliche öffentliche Unter-suchung würde zweifellos die gemütliche Verbindung aufzeigen, wel-che die Gesetzgeber gern vertraulich behandeln würden.
Ein zweiter Grund ist die Tatsache, daß eine aufrichtige Untersu-chung rasch die schockierende Wahrheit zutage fördern würde, daß derKongreß selbst die wesentliche Ursache des Problems darstellt. Soziali-stische Ideen und die Annahme, sie würden ihre Wahlkreise schützenund stärken, haben seine Mitglieder die natürlichen Kräfte des Marktesverletzen oder außer Kraft setzen lassen. So wurde ein Ungeheuer wie
(14)»Banking an Government«, S. 26.
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Frankenstein geschaffen, das schwer kontrolliert werden kann. Je mehrman sich bemühte, es zu zähmen, desto zerstörerischer wirkte es. WieHans Sennholz bemerkte:
Die wahre Ursache des Unheils ist die eigentliche finanzielle Struk-tur, die von Gesetzgebern geschaffen und von Regulatoren begleitetwird; so wurde ein Kartell geschaffen, das wie alle anderen monopo-listischen Gebilde seine Opfer bedroht.(15)
Ein Kartell im Kartell
Sennholz hat genau das richtige Wort benutzt: Kartell. Tatsächlich istdie Spar- und Darlehensbranche ein Kartell im Kartell. Ohne die vomKongreß hineingeschobenen unbegrenzten Geldmittel könnte es garnicht funktionieren. Und der Kongreß wäre dazu nicht in der Lage, ohnedaß das Bankenkartell (genannt Federal Reserve System als »Kapital-quelle der letzen Zuflucht«) das Geld aus dem Nichts heraus für denKongreß zu schaffen in der Lage ist. Dieses komfortable Arrangementzwischen Politikern und Bankleuten gestattet es dem Kongreß, jedenPlan unabhängig von den Kosten durchzusetzen. Würden Politiker dieseGeldsummen über Steuern erheben, würde man sie aus dem Amt jagen.Doch weil sie es vom Federal Reserve System praktisch auf Anforde-rung »borgen« können, lassen sich diese Mittel durch den verstecktenMechanismus der Inflation erzeugen, und nicht einer von hundert Wäh-lern wird sich beschweren.
Die Sparkassen wurden das illegitime Stiefkind des Ungeheuers, unddeshalb wurde die Spar- und Darlehensgeschichte in diese Untersu-chung eingeschlossen.
Wenn Amerika als freie Nation überleben soll, müssen seine Bürgerpolitisch wesentlich reifer werden, als sie es gegenwärtig sind. Als einVolk müssen wir lernen, nicht nach jeder Mohrrübe zu greifen, welchedie Politiker uns hinhalten. So verständlich der Wunsch jedes Menschensein mag, sich ein Heim leisten zu können ... Wir müssen begreifen, daßRegierungsprogramme, die solches zu ermöglichen scheinen, Unglücküber unser System bringen und das Gegenteil dessen erzeugen, was sieversprechen. Wie viele junge Menschen können sich heute, nach 60 Jah-ren Subventionierung und Gängelung der Bauindustrie, ein Eigenheim
(15)»The Great Banking Scandal« von Hans F. Sennholz in: The Freeman, Novem-ber 1990, S. 405.
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leisten? Das Herumbasteln an den Gesetzen von Angebot und Nachfra-ge plus die versteckte Steuer, genannt Inflation, haben die Preise außer-halb der Reichweite vieler Menschen getrieben und das angesparteEigenkapital zunichte gemacht. Ohne diese zusätzlichen Kosten besäßendie normalen Bürger mehr Geld und eine höhere Kaufkraft, als diesheute der Fall ist, und Eigenheime wären für sie greifbar nahe.
Zusammenfassung
Die heutigen Probleme der Spar- und Darlehensbranche lassen sichauf die Große Depression der 1930er Jahre zurückführen. Die Amerika-ner ließen sich vom Sozialismus beeindrucken und übernahmen dieVorstellung, es sei richtig, wenn die Regierung Geschenke für ihreBürger bereit hält und sie vor wirtschaftlichen Problemen beschützt.
Während der Regierungszeit von Hoover und Roosevelt wurden neueÄmter geschaffen mit der Behauptung, die Einlagen bei den S&Ls zuschützen und Hypotheken für die Mittelklasse zu subventionieren. Dochall diese Maßnahmen verzerrten die Gesetze von Angebot und Nachfra-ge, und von diesem Augenblick an geriet die Bauindustrie vom freienMarkt in die politische Arena.
Sobald das Gerüst der regierungsamtlichen Intervention geschaffenwar, wurde eine ununterbrochene Serie von weiteren Regeln und Be-stimmungen erlassen, die eine stete Quelle des Gewinns für Manager,amtliche Schätzer, Makler, Stadtentwickler und Bauleute darstellte.Zugleich schwächten sie die Industrie durch die Ermutigung ungesun-der Geschäftspraktiken und riskanter Investitionen.
Als diese Unternehmungen versagten und der Wert von Grundeigen-tum sank, wurden viele S&Ls zahlungsunfähig. Der Versicherungs-fonds war rasch geleert, und die Regierung war mit ihrem Versprechenkonfrontiert, diesen Gesellschaften aus der Patsche zu helfen, ohnedafür das nötige Geld zu besitzen.
Die Antwort der Regulatoren bestand darin, Buchhaltungstricks zuschaffen, um insolvente Kassen wieder zahlungsfähig erscheinen zulassen, damit diese weiter am Markt verbleiben konnten. Das Unab-wendbare wurde hinausgeschoben und die Situation verschlimmert. Die.zusammengebrochenen S&Ls verloren weiterhin jeden Monat Milliar-den von Dollars und vergrößerten letzten Endes nur die Kosten einerSanierung, die schließlich vom Bürger über Steuern und Inflation zutragen waren. Die Gesamtkosten werden auf über eine Billion Dollargeschätzt.
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Der Kongreß scheint handlungsunfähig und bleibt seltsam stumm.Dies ist verständlich. Viele Abgeordnete und Senatoren sind schließlichdie Nutznießer großzügiger Spenden der S&Ls. Doch vielleicht liegtder wahre Grund darin, daß der Kongreß selbst der Hauptübeltäter indieser Angelegenheit ist. Wie dem auch sei: Die Politiker wechseln andieser Stelle gern das Thema.
Im größeren Blick bleibt die S&L-Branche ein Kartell innerhalbeines Kartells. Das Fiasko wäre nie zustandegekommen, hätte nicht dasFederal Reserve System willfährig die enormen Summen bereitgestellt,die vom Kongreß gefordert wurden.
Kapitel 5
Näher am Herzenswunsch
Das Treffen 1944 in Bretton Woods in New Hampshire,auf dem die prominentesten Sozialisten der Welt denInternationalen Währungsfonds und die Weltbank zurBeseitigung des Goldstandards aus der Taufe hoben;die versteckte Agenda hinter dem IWF/der Weltbankzur Schaffung eines Welt-Sozialismus; die Rolle derFederal Reserve in dieser Strategie.
Wie wir sehen konnten, wurde das Spiel, genannt »Bailout«, wieder undwieder gespielt bei der Rettung großer Unternehmen, bei Inlandsbankensowie den Spar- und Darlehenskassen. Dies geschah unter dem Vor-wand, die Öffentlichkeit zu schützen. Das Ergebnis jedoch war dasGegenteil davon. Die Öffentlichkeit wurde in Form von Steuern undInflation um Milliarden von Dollar ausgebeutet. Das Geld wurde zurDeckung der Verluste verwendet, die als Strafe für Mißwirtschaft undBetrug von den ins Trudeln geratenen Banken und Unternehmen hättengetragen werden müssen.
Während sich all dies in unserer eigenen Arena abspielte, wurde dasgleiche Spiel an den internationalen Plätzen gespielt. Zwei Unterschie-de gibt es allerdings. Zum einen ist der im internationalen Bereichumlaufende Geldbetrag wesentlich höher. (Durch komplizierte Ver-schachtelungen von Bankdarlehen, Subventionen und Schenkungenwurde die Federal Reserve für praktisch den gesamten Planeten zum»Ausleiher der letzen Zuflucht«.) Der andere Unterschied besteht darin,daß die Mitspieler sich nicht zu Beschützern der Öffentlichkeit auf-schwingen, sondern auf ihre Uniformen praktisch geschrieben haben:Retter der Welt.
Bretton Woods: Ein Angriff auf das Gold
Das Spiel begann im Juli 1944 im Mount Washington Hotel inBretton Woods, New Hampshire, in dem sich Finanzfachleute, Politikerund Theoretiker zu einer internationalen Konferenz eingefunden hatten.Offiziell hieß diese Veranstaltung United Nations Monetary and FinancialConference, doch im täglichen Sprachgebrauch wird sie schlicht die
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Konferenz von Bretton Woods genannt. Zwei internationale Ämterwurden damals ins Leben gerufen: der Internationale Währungsfondsund seine Schwesterorganisation, die Internationale Bank für Wieder-aufbau und Entwicklung, abgekürzt Weltbank.
Der angekündigte Zweck dieser Organisationen war bewunderns-wert. Die Weltbank sollte den kriegszerstörten und unterentwickeltenNationen durch Anleihen zu einem wirtschaftlichen Aufschwung ver-helfen. Der Internationale Währungsfonds hingegen sollte die monetäreKooperation zwischen den Staaten fördern, indem er zu stabilen Wech-selkursen beitrug. Weniger bewunderungswürdig waren die Methodenzur Erlangung dieser Ziele. Dabei sollte die Rolle des Goldes als Basisfür internationale Wechselkurse beseitigt und durch einen politischmanipulierbaren Papierstandard ersetzt werden. Mit anderen Worten:Regierungen wurde nun die Möglichkeit eröffnet, der bei einem Gold-standard nötigen Währungsdisziplin auszuweichen und Geld praktischaus dem Nichts heraus zu schaffen, und zwar ohne die Gefahr, daß ihrejeweiligen Währungen in der Welt an Wert einbüßten.
Vor dieser Konferenz wurden Währungen je nach ihrem Goldwertgehandelt, und dieses Arrangement wurde als »Gold-Wechsel-Stan-dard« bezeichnet. Dieses ist nicht das gleiche wie der »Goldstandard«,bei dem hinter einer Währung ein Goldvorrat steht. Die Wechselratender unterschiedlichen Währungen – die meisten davon ohne Gold-Unterstützung – wurden davon bestimmt, wieviel Gold man dafür aufdem freien Markt erwerben konnte. Ihr Wert wurde folglich durchAngebot und Nachfrage bestimmt. Politiker und Banker haßten diesesSystem, denn damit konnten sie nicht manipulieren. In der Vergangen-heit hatte es sich als bemerkenswert effizienter Mechanismus erwiesen,aber dieser zwang zu Disziplin. John Kenneth Galbraith bemerkte dazu:
Das Bretton-Woods-Abkommen sollte den Vorteil des Goldstandardserhalten ..., Währungen also zu stabilen und vorhersehbaren Ratenin Gold umtauschbar und somit zu stabilen und vorhersagbarenKursen untereinander umtauschbar machen. Dies sollte erreicht wer-den bei gleichzeitiger Verringerung des Leidens unter dem Gold-standard für Länder, die zuviel kauften und zuwenig verkauften unddeshalb Gold verloren.(1)
(1)John Kenneth Galbraith, Money: Whence lt Came, Where lt Went (Boston:Houghton Mifflin, 1975), S. 258, 259.
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Die Methode glich genau jener von Jekyll Island, die es amerikanischenBanken gestattet, Geld aus dem Nichts heraus zu schöpfen, ohne daß sieeine Strafe in Form einer Geldwertminderung durch andere Bankenbefürchten müßten. Es war die Einrichtung einer Weltzentralbank, dieeine gemeinsame Papierwährung für alle Staaten schaffen und sie zwin-gen konnte, Geld im Gleichschritt über die Deckung hinaus in Umlaufzu setzen. Eine Art von internationalem Versicherungsfonds sollte die-ses Papiergeld jedem Staat zur Verfügung stellen, der vorübergehendeinen »Ansturm« auf seine Geldreserven erlebte. Das System wurdenicht schon mit allen Feinheiten damals so geschaffen, genauso wie dieFederal Reserve einst noch unvollständig war. Doch die entsprechendeAbsicht bestand schon damals.
Die Theoretiker dieses Planes waren der bekannte John MaynardKeynes(2) von der sozialistischen Gesellschaft der Fabier und der Mini-sterialdirektor des amerikanischen Finanzministeriums Harry DexterWhite.
Die Gesellschaft der Fabier
Die Fabier waren eine elitäre Gruppe von Intellektuellen, die einesemi-geheime Gesellschaft für die Verbreitung des Sozialismus gründe-ten. Während die Kommunisten den Sozialismus rasch mit Gewalt undRevolution herbeiführen wollten, zogen die Fabier für den gleichenZweck Propaganda und Gesetzgebung vor. Das Wort Sozialismus wurdedabei nicht benutzt; statt dessen sprachen sie von öffentlichen Vorteilenwie Wohlfahrt, medizinische Versorgung, höheren Löhnen und besserenArbeitsbedingungen. Auf diese Weise suchten sie ihre Ziele ohne Blut-vergießen und sogar ernsthafte Opposition zu erreichen. Sie scholtendie Kommunisten nicht wegen deren Zielen, sondern weil sie mit denMitteln nicht einverstanden waren. Um die Bedeutung eines behutsa-men Vorgehens zu unterstreichen, wurde die Schildkröte Symbol ihrerBewegung. Drei prominente Mitglieder der ersten Stunde waren Sidneyund Beatrice Webb sowie George Bernard Shaw. Ein Buntglas-Fensterim Beatrice-Webb-Haus im englischen Surrey ist in dieser Hinsichtverräterisch. Darauf liest man die Zeilen von Omar Chayyäm:
(2)Keynes wird oft als ein Liberaler beschrieben. Doch für seine lebenslangeBeschäftigung mit den Fabiern und ihrer Arbeit siehe Rose Martin, FabianFreeway; High Road to Socialism in the U. S. A. (Boston: Western Island, 1966).
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Ach könnten wir, mein Lieb, mit GotteskraftPacken das All, das inn' und außen klafft:Zerschmettern täten wir's, und aus dem SchuttGanz neu aufbauen ..., wie es die Sehnsucht schafft.
Unter der letzen Zeile »Ganz neu aufbauen ..., wie es die Sehnsuchtschafft« zeigt das Bild, wie Shaw und Webb mit einem Hammer auf dieErde einschlagen. Entlang des unteren Randes knien die Massen ehr-fürchtig vor Büchern, die Theorien des Sozialismus verkünden.H. G. Wells aber macht den gefügigen Massen eine lange Nase; nach-dem er die Fabier verlassen hatte, prangerte er sie als »die neuenMachiavellis« an. Aber der verräterischste Teil ist das Wappen zwischenShaw und Webb: ein Wolf im Schafspelz.(3)
Kommunistische Maulwürfe
Harry Dexter White war Amerikas wichtigster Experte und die trei-bende Kraft auf der Konferenz. Später sollte er der erste amerikanischeDirektor beim IWF werden. Eine interessante Fußnote zu dieser Ge-schichte ist die Tatsache, daß White gleichzeitig ein Mitglied des Aus-schusses für Auswärtige Beziehungen (CFR) und ein Mitglied eineskommunistischen Spionageringes in Washington war, während er alsMinisterialdirektor im Finanzministerium diente. Noch interessanter istfolgende Tatsache: Das Weiße Haus wußte darüber Bescheid, als Präsi-dent Truman ihn auf den neuen Posten berief. Das FBI hatte bis dahindem Weißen Haus mindestens zweimal detaillierte Beweise über WhitesAktivitäten zukommen lassen.(4) Zuständig für organisatorische Belangeauf der Bretton-Woods-Konferenz war Virginius Frank Coe, Mitglieddes Spionageringes, dem auch White angehörte. Später wurde Coe dererste Leiter des IWF.
Dem Blick der Öffentlichkeit verbarg sich also ein kompliziertesDrama, bei dem in Bretton Woods die Fabier und die Kommunisten dieintellektuellen Leuchtfeuer spielten. Obwohl uneins über die Methode,befanden sie sich in perfekter Harmonie in bezug auf das Ziel: deninternationalen Sozialismus.
(3)Zygmund Dobbs, The Great Deceit: Social Pseudo-Sciences (West Sayville,New York: Veritas Foundation, 1964), S. 1; Rose L. Martin, Fabian Freeway:High Road to Socialism in the U.S.A. (Boston: Western Islands, 1966), S. 30, 31.(4)Siehe z. B.: David Rees, Harry Dexter White: A Study in Paradox (New York:Coward, McCann & Geoghegan, 1973).
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Sicherlich gab es noch andere Gründe dafür, daß die Kommunistensich in Hinblick auf den IWF und die Weltbank so begeisterten konnten,obwohl die Sowjetunion sich damals gegen eine Mitgliedschaft ent-schieden hatte. Ziel dieser Organisationen war die Schaffung einerWeltwährung, einer Weltzentralbank und eines Mechanismus', mit demman die Wirtschaft aller Staaten kontrollieren könnte. Für dieses Zielhätten die Vereinigten Staaten zweifellos ihre Vorherrschaft aufgebenmüssen. Sie hätte sogar reduziert werden müssen auf die Rolle eineseinzelnen Mitgliedes im ganzen Gefüge. Dies kam den sowjetischenPlänen durchaus nahe. Außerdem sah man die Weltbank als ein Vehikelfür den Transfer von Kapital aus den Vereinigten Staaten und andererindustrialisierter Nationen zu den unterentwickelten Ländern, also ge-nau denjenigen, über die die Marxisten stets die beste Kontrolle gehabthatten. Sie freuten sich bereits auf den Tag, da wir ihre Rechnungenbezahlen sollten. So geschah es.
Struktur und Finanzierung des IWF
Der Internationale Währungsfonds scheint ein Teil der VereintenNationen zu sein, ebenso wie das Federal Reserve System Teil derUS-Regierung zu sein scheint, und dennoch ist er vollkommen unab-hängig. Er wird mit Hilfe eines Quotensystems von den beinahe200 Mitgliedstaaten mit Kapital ausgestattet. Der größte Teil diesesKapitals jedoch stammt aus den höherentwickelten Industrienationenwie Großbritannien, Japan, Frankreich und Deutschland. Den größtenAnteil, etwa 20 Prozent, stellen die Vereinigten Staaten bereit. Doch inWirklichkeit sind diese 20 Prozent praktisch doppelt so viel wert, denndie meisten Staaten steuern lediglich ihre eigenen wertlosen Währun-gen bei. Die Welt bevorzugt Dollars!
Ein Routinevorgang des IWF besteht darin, wertlose Währungen inDollar umzutauschen, damit die schwächeren Länder ihre internationa-len Rechnungen begleichen können. Damit sollen vorübergehende»Cashflow«-Probleme überbrückt werden. Das Ganze ist eine Art voninternationaler FDIC, die einem bankrottgegangenem Land rasch Geldzuschießt, damit es seine Währung nicht abwerten muß. Die IWF-Mittelwerden allerdings nur selten zurückgezahlt.
Obwohl die Abkehr vom Gold-Austausch-Standard das langfristigeZiel des IWF war, konnte man viele Nationen nur dadurch zur Teilnah-me überreden, indem man Gold als Sicherheit für die eigenen Geldmit-tel heranzog, zumindest als vorübergehendes Hilfsmittel. Keynes dazu:
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Ich wußte, daß die führenden Zentralbanken niemals freiwillig diedamalige Form des Goldstandards preisgeben würden. Und ich sehn-te keine Katastrophe herbei, die heftig genug gewesen wäre, sieunfreiwillig davon abzubringen. Die einzige Hoffnung bestand alsoin einer langsamen Entwicklung in Form einer gelenkten Weltwährung,für die man den existierenden Goldstandard als Ausgangspunkt nahm.(5)
Amerikanische Bürger durften damals kein Gold besitzen, doch alleanderen draußen in der Welt konnten ihre Papier-Dollars zum Festpreisvon 35 Dollar pro Unze Gold eintauschen. So wurde daraus die de factointernationale Währung, denn wie keine andere war ihr Wert garantiert.Am Beginn also übernahm der IWF den Dollar als eigene internationaleWährungseinheit.
Papiergold
Aber die Schildkröte der Fabier kroch unerbittlich zu ihrem Ziel.1970 schuf der IWF eine neue Geldeinheit, genannt SDR oder Sonder-ziehungsrechte. Die Medien tauften sie optimistisch »Papiergold«, doches handelte sich allein um buchhalterische Kunststückchen ohne jegli-che Beziehung zu Gold oder irgendwelchen anderen greifbaren Werten.Die SDRs basieren auf »Krediten«, die von den Mitgliedsstaaten zurVerfügung gestellt werden. Diese Kredite haben nichts mit Geld zu tun.Es handelt sich lediglich um das Versprechen, daß Regierungen sichüber Steuern dieses Geld beschaffen werden, sollte die Notwendigkeithierfür eintreten. Der IWF betrachtet dies als »Aktiva«, die dann zu»Reserven« werden, aus denen man Ländern Darlehen bereitstellenkann. Wie wir in Kapitel 10 erkennen werden, ist dieses beinahe iden-tisch mit den Buchhaltungskunststücken, aus denen in unseremZentralbanksystem Geld geschaffen wird.
Dennis Turner wühlt sich durch den Dschungel:
SDRs werden in Darlehen für Dritte-Welt-Staaten umgewandelt durchdie Errichtung von Girokonten bei kommerziellen oder Zentralban-ken der Mitgliedsstaaten im Namen der Schuldner-Regierungen. DieseKonten entstehen quasi aus der Luft. Der IWF erzeugt so Dollars,Francs, Pfund oder andere harte Währungen und reicht sie weiter aneinen Dritte-Welt-Diktator, während im Ursprungsland dieser Wäh-
(5)John Maynard Keynes, The Collected Writihgs of, Vol. V (New York: Macmillan,1971).
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rung die Inflation angeheizt wird ... In den industrialisierten Staatenentsteht also Inflation, während Wohlstand von der Allgemeinheitzum Schuldnerland transferiert wird. Und der Schuldner zahlt nichtszurück.(6)
Als der Währungsfonds geschaffen wurde, hatte der sozialistische FabierJohn Maynard Keynes die Vision, daß eine zentrale Bank der Welt eineReservewährung, genannt »Bancor«, herausgibt, um alle Regierungenvon der Golddisziplin zu befreien. Mit der Schaffung der SDRs hatteder IWF diesen Traum endlich Wirklichkeit werden lassen.
Gold wird endlich aufgegeben
Noch immer gab es ein Hindernis. Solange der Dollar die wichtigstevom IWF genutzte Währung und dieser gleichzeitig zum Kurs von35 pro Unze in Gold eingetauscht werden konnte, war die Summe desinternational erzeugbaren Geldes begrenzt. Sollte der IWF als einewahrhaftige Weltzentralbank mit unbegrenzten Auszahlungsrechtenwerden, mußte die Bindung des Dollars an Gold durchbrochen werden,und zwar als erster Schritt auf dem Wege eines Ersatzes durch »Bancor«,SDRs oder irgend etwas anderes frei verfügbares.
Am 15. August 1971 unterschrieb Präsident Nixon eine Durchfüh-rungsverordnung, nach der die Vereinigten Staaten ihre Papier-Dollarsnicht mehr gegen Gold eintauschen würden. So endete die erste Phaseder Metamorphose des Internationalen Währungsfonds. Er war nochkeine echte Zentralbank, denn er konnte keine eigene Währung schaf-fen. Er hing ab von den Zentralbanken der Mitgliedsstaaten, um Bargeldund sogenannte Kredite zu erlangen, doch weil diese Banken so vielGeld schaffen konnten, wie sie mochten, gab es von nun an keineGrenze mehr.
Die ursprüngliche Absicht war der Erhalt fester Wechselkurse zwi-schen den Währungen, und dennoch wurde der IWF Zeuge von mehr als200 Abwertungen. In der Privatwirtschaft würde solch eine Größenord-nung wahrscheinlich das Aus eines Unternehmens bedeuten, nicht soaber in der Welt der Politik. Je größer das Versagen, desto größer wirdder Druck, das Programm dennoch auszudehnen. Als sich der Dollaralso vom Gold löste und es keinen verfügbaren Maßstab für den Werteiner Währung gab, wandelte der IWF lediglich seine Zielvorgabe um
(6)Dennis Turner, When Your Bank Fails (Princeton, New Jersey: Amwell Publi-shing, 1983), S. 32.
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und wurde noch größer. Das neue Ziel hieß nun: »Handelsdefiziteabbauen«.
Handelsdefizite
Handelsdefizite sind ein Lieblingsthema der Politiker, Wirtschaftlerund Fernsehmoderatoren. Jeder hält sie für schlecht, doch jeder hälteine andere Begründung dafür bereit. Versuchen wir es einmal.
Ein Handelsdefizit ist der Zustand, wenn ein Land wertmäßig mehrWaren importiert, als es ausführt. Mit anderen Worten: Es gibt iminternationalen Handel mehr Geld aus, als es einnimmt. Dies ist ver-gleichbar mit einem Individuum, das mehr ausgibt, als es verdient. Inbeiden Fällen kann es nicht lange so bleiben, es sei denn: Erstens, dasEinkommen steigt; zweitens, gespartes Geld wird aufgelöst; drittens,Aktiva werden zu Geld gemacht; viertens, Geld wird gefälscht; oderfünftens, Geld wird geborgt. Solange nicht eines von diesen Ereignisseneintritt, bleibt dem Individuum oder dem Land keine andere Wahl, alsAusgaben zu verringern.
Das Einkommen zu steigern wäre die beste Lösung. Tatsächlich istdies auf lange Sicht die einzige. Alles andere bringt nur zeitliche Er-leichterung. Ein Individuum kann seine Einkünfte steigern, indem esmehr, besser oder länger arbeitet. Auch ein Land kann dies tun. Dochdafür muß der Privatindustrie in einem System des freien Unternehmer-tums die Freiheit gelassen werden. Aber wenige Politiker achten diedynamische Kraft eines wirklich freien Marktes. Sie leben in einerpolitischen Welt, in der die Gesetze des freien Marktes zur Erlangungpolitisch populärer Ziele manipuliert werden. Sie mögen den Wunschhegen, das Einkommen einer Nation durch die Steigerung der Produkti-vität zu heben, doch die politische Agenda verhindert dies.(7)
(7)Nach Ansicht des Autors wird es Zeit, die Politiker mit ihren Uncle-Sam-Anzügen abzuschütteln. Was leichter gesagt ist als getan, denn Amerikanerlieben ihre protektionistischen Subventionen: Zölle zum Schutze der Geschäfts-leute, Mindestlöhne und Zwangsgewerkschaften zum Schutz der Arbeiter, eth-nische Quoten für die Benachteiligten, Versicherungsprogramme von der Krip-pe bis zum Grab, Arbeitslosenunterstützung, Behindertenhilfe, extreme Um-weltschutz- und Sicherheitsregeln ohne Rücksicht auf Kosten. Eine freie Wirt-schaft kann und wird all diese Wohltaten schaffen, und zwar im Wettstreit umKäufer und Angestellte gleichermaßen. Doch solange diese Maßnahmen ver-pflichtend sind und nur als politische Geschenke ohne Rücksicht auf ökonomi-sche Konsequenzen gemacht werden, wird Amerikas Industrie sich niemalserholen. Und dann wird sich keine dieser Wohltaten erhalten lassen.
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Die zweite Option ist die Erlangung von zusätzlichem Geld ausErsparnissen. Doch es gibt praktisch keine Regierungen dieser Welt, dieüber so etwas verfügen. Ihre Schulden und Verbindlichkeiten übertref-fen die Aktiva bei weitem. Und auch ihre Industrien und Bürger befin-den sich in ähnlicher Situation. Deren Ersparnisse wurden bereits vonder Regierung verbraucht.
Die dritte Option, nämlich der Verkauf von Aktiva, steht also prak-tisch nicht zur Verfügung. Mit Aktiva meinen wir greifbare Werte stattHandelsware, die verkauft wird. Obwohl sie im weitesten Sinne auch zuden Aktivposten gehören, werden sie in der Methodik der Buchhaltungals Warenbestände klassifiziert. Der einzige Aktivposten einer Regie-rung, den man rasch vermarkten könnte, ist Gold; doch wenige Länderbesitzen heutzutage nennenswerte Reserven. Und häufig wird das weni-ge, was sie besitzen, bereits anderen Regierungen oder einer Bankgeschuldet.
Regierungen können natürlich auch private Aktiva ins Ausland ver-kaufen und damit ihre negative Handelsbilanz ausgleichen. Dies gab esviele Jahre lang in den Vereinigten Staaten, als man Bürogebäude,Wertpapiere, Fabrikanlagen und ganze Unternehmen an ausländischeInvestoren verkaufte. Doch die Nation gibt noch immer mehr aus, als sieeinnimmt. Dies kann nicht endlos so bleiben. Fremder Besitz undKontrolle über Industrie und Handel schaffen auch soziologische undpolitische Probleme. Unterentwickelte Länder jedoch brauchen sichdarüber wenig Gedanken zu machen, denn sie besitzen kaum Aktiva,die sich veräußern ließen.
Die Fälschungsoption
Die Fälschungsoption steht einem Lande nur dann offen, wenn essich in der einzigartigen Position befindet, daß es eine internationalanerkannte Währung für die Abwicklung des Handels besitzt oder übersie verfügt. Dieses ist der Fall bei den Vereinigen Staaten. In diesemFalle läßt sich Geld aus dem Nichts heraus schaffen, und andere Natio-nen müssen dieses hinnehmen. Für viele Jahre haben die USA mit Hilfeder Ausfuhren mehr Geld ausgeben können, als sie einnahmen; dieFederal Reserve sorgte dafür.
Als sich 1971 der Dollar vom Gold löste, verlor er den Status eineroffiziellen IWF-Währung und mußte mit anderen Währungen wettei-fern ..., vor allem mit der D-Mark und dem Yen. Von diesem Zeitpunktan wurde er zunehmend unbeliebt, blieb aber das wichtigste Zahlungs-
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mittel. Auch waren die USA einer der sichersten Plätze der Welt fürInvestitionen. Um jedoch so zu handeln, mußte man erst die eigeneWährung in Dollar tauschen. Diese Tatsache verschaffte dem amerika-nischen Dollar einen höheren Wert auf internationalen Märkten, als ersonst hätte erlangen können. Trotz der Tatsache, daß die Federal Reserveriesige Mengen von Geld in dieser Zeit erschuf, schien die Nachfragedes Auslandes schier grenzenlos. Amerika konnte also sein Handels-defizit mit Papiergeld ausgleichen, oder mit Fälschungen, wenn manwill. Keine andere Nation der Welt hätte dies geschafft!
Man hat uns gesagt, das Handelsdefizit unseres Landes sei eineschreckliche Sache, und es wäre besser, den »Dollar zu schwächen«, umdie Angelegenheit zu beenden. Eine Schwächung des Dollars ist nur einbeschönigender Ausdruck für die Steigerung der Inflation. In Wahrheitleidet Amerika keinesfalls unter einem Handelsdefizit. Tatsächlich sindwir die Nutznießer, während unsere Handelspartner Opfer sind. Wirkriegen die Autos und Fernsehapparate, während sie dieses komischeGeld erhalten. Wir erhalten die Hardware. Sie bekommen Papier. Esgibt aber auch eine dunkle Seite dieses Austausches. Solange der Dollargeachtet bleibt als Handelswährung, kann Amerika weiterhin mehrausgeben als einnehmen. Doch wenn der Tag kommt – wie er kommenmuß –, an dem der Dollar zu trudeln beginnt und Ausländer ihn nichtmehr haben mögen, ist die kostenlose Fahrt vorbei. Sollte dies gesche-hen, werden Hunderte von Milliarden Dollar, die jetzt im Auslandliegen, an unsere Küsten zurückschwappen, weil die ganze Welt ihn inGrundstücke und Immobilien, in Fabriken und andere greifbare Dingeumwandeln möchte ... und dies alles so schnell wie möglich, ehe derWert weiter sinkt. Während diese Flut von Dollars die Preise in dieHöhe treibt, werden wir schließlich die Inflation erleben, die seit Jahrenüberfällig war, aber verschoben wurde, weil Ausländer so freundlichwaren, diese Dollar aus unserer Wirtschaft herauszunehmen im Aus-tausch für ihre Produkte.
Die Hühnchen werden auf den Urheber zurückfallen. Doch dies wirdnicht wegen des Handelsdefizits geschehen, sondern weil wir in derLage waren, dieses Defizit mit Papiergeld der Federal Reserve zufinanzieren. Ohne dieses System wäre es gar nicht so weit gekommen.
Zurück zum Thema, also zu den fünf Methoden zur Begleichungeines Handelsdefizits. Die Option des Leihens ist derzeit für den größ-ten Teil der Welt offenbar die richtige Vorgehensweise. Und genau dorthat sich 1970 der IWF positioniert. Seine neue Mission bestand darin,
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Darlehen bereitzustellen, damit Länder weiterhin mehr ausgeben kön-nen, als sie einnehmen, dies aber unter dem Namen »Bewältigung derHandelsdefizite«.
IWF-Darlehen: Verloren, aber süß
Solche Gelder fließen nicht in private Unternehmungen, wo dieHoffnung auf einen Profit besteht. Sie fließen in staatseigene oderstaatlich gegängelte Industrien, die unter Bürokratie und Korruptionleiden. Von Anfang an dem wirtschaftlichen Untergang geweiht, ver-brauchen sie diese Darlehen ohne Hoffnung, sie je zurückzahlen zukönnen. Sogar die Zinsen werden rasch untragbar. Also muß der IWFschon bald an die »Reserven«, an die »Aktiva«, ran an die »Kredite«und schließlich für das »Bailout« an die Steuerzahler. Während derInternationale Währungsfond sich in eine Weltzentralbank entwickelt,die früher oder später eine Weltwährung ohne jede Deckung herausge-ben wird, hat sich die Schwester-Organisation Weltbank zu einemDarlehensinstitut entwickelt. Als Retter der Welt versucht sie den unter-entwickelten Nationen zu helfen, die Hungrigen zu füttern und allenMenschen ein besseres Leben zu verschaffen. Für diese humanen Zielestellt sie Regierungen Darlehen zu günstigen Konditionen bereit, nor-malerweise unterhalb marktüblicher Zinsen, mit Laufzeiten von bis zu50 Jahren und oft zehn tilgungsfreien Jahren.
Die Mittel für solche Darlehen stammen von den Mitgliedsstaaten inder Form von vergleichsweise kleinen Bareinlagen plus dem Verspre-chen, ungefähr zehnmal so viel bereitzustellen, sollte die Bank in Schwie-rigkeiten geraten. Diese Versprechen, genannt »abrufbares Kapital«,stellen eine Art von FDIC-Versicherungsprogramm dar, ohne jedocheinen Reservefonds vorzugaukeln. (In diesem Sinne ist es ehrlicher alsdie wirkliche FDIC, die zwar ebenso eine solche Behauptung aufrecht-erhält, doch in Wirklichkeit nur auf leeren Versprechungen gründet.)
Auf der Basis dieser kleinen »Geldsamen« und den vier größerenSummen der »Kredite« und »Versprechungen« der Regierungen derindustrialisierten Welt kann die Weltbank sich von den kommerziellenBanken gewaltige Summen zu extrem niedrigen Zinsraten leihen. Schließ-lich werden diese Anleihen von den mächtigsten Regierungen der Weltverbürgt, die versprochen haben, ihre Steuerzahler zur Rückzahlung zuzwingen, sollte die Bank in Schwierigkeiten geraten. Die Bank nimmtdann diese Mittel und leiht sie an die unterentwickelten Staaten aus zuleicht erhöhten Raten, wobei sie einen kleinen Profit am Zinsunter-
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schied verdient. Der nicht sichtbare Teil dieser Operation besteht darin,daß das durch ihre Hände fließende Geld sonst für Investitionen imprivaten Bereich oder als Darlehen für Konsumenten zur Verfügungstünde. Auf diese Art wird dringend benötigtes Entwicklungskapital fürdie private Industrie abgeschöpft und verhindert somit die Entstehungneuer Arbeitsplätze, treibt die Zinsen in die Höhe und verzögert dieallgemeine Entwicklung der Wirtschaft.
Die verborgene Tagesordnung: Welt-Sozialismus
Obwohl sich die meisten Verlautbarungen der Weltbank mitWirtschaftsfragen befassen, verrät eine genaue Untersuchung ihrer tat-sächlichen Aktivitäten die Konzentration auf soziale und politischeAngelegenheiten. Die ist keineswegs überraschend, denn die Bank wur-de von ihren Gründern als Instrument für soziale und politische Verän-derungen vorgesehen. Diese Veränderungen sollten den Aufbau einesWelt-Sozialismus herbeiführen, und genau diesen Zweck versucht sieheute zu erfüllen.
Die verborgene Tagesordnung wird plötzlich kristallklar bei denKategorien der Bank, die Sektor-Darlehen und Strukturanpassungs-Darlehen genannt werden. Bei der ersten Kategorie wird nur ein gerin-ger Teil des Geldes für spezifische Projekte ausgegeben, während dergrößere Teil für Umstrukturierungen im gesamten Wirtschaftsbereichverwendet wird. Bei der zweiten Kategorie wird alles Geld für Ände-rungen der Wirtschaftspolitik und nichts für Projekte ausgegeben. In derjüngsten Vergangenheit gehörte fast die Hälfte aller Entwicklungsgelderzu dieser Kategorie. Welcher Strategie folgen diese Darlehen? Sie allelaufen auf eines hinaus: den Aufbau des Welt-Sozialismus.
Wie die Fabier vorgesehen hatten, darf das Wort Sozialismus nichtbenutzt werden. Statt dessen werden die Darlehen für staatlichehydroelektrische Projekte, staatliche Ölraffinerien, staatliche Sägewer-ke, staatliche Bergwerke und staatliche Stahlwerke vergeben. Sie wan-dern von den Händen der Politiker und Bürokraten in die Hände vonPolitikern und Bürokraten. Stammt das Geld von einer Regierung undgeht es zu einer Regierung und wird es von einer Regierung verwaltet,so ist das Ergebnis die Ausweitung des Regierungsbereiches.
Ein Beispiel: Eine oft gestellte Anforderung der Weltbank als Bedin-gung für die Zuteilung eines Darlehens ist, daß das Empfängerland dieLöhne niedrig halten muß. Dabei wird vorausgesetzt, daß die Regierungin der Lage ist – und die Macht hierzu haben sollte –, Löhne festzuset-
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zen! In anderen Worten lautet eine der Bedingungen für Darlehen, daßder Staat praktisch allmächtig sein muß.
Paul Roberts vom William E. Simon Chair of Political Economy atthe Center for Strategie and International Studies in Washington schriebin der Business Week:
Der gesamte »Entwicklungsprozeß« wurde von dem Glauben gelei-tet, daß das Vertrauen auf den privaten Unternehmungsgeist undInvestitionen in Anteilspapieren sich nicht mit wirtschaftlichem undsozialem Fortschritt verträgt. Statt auf solche nachweislich erfolgrei-chen Strategien aufzubauen, verteilten die EntwicklungsbehördenDarlehen und Hilfsgelder, so daß die Regierungen der LDCs (dergeringentwickelten Länder) mit staatlichen Plänen die wirtschaftli-che Entwicklung steuern konnten.
Als Ergebnis wurde in den LDCs das wirtschaftliche Leben politi-siert. Indem Amerika solcherart die Regierungen der Entwicklungs-länder mit weitreichenden Kontrollen über ihre Wirtschaft ausstatte-te, förderte es wirtschaftliche Rahmenbedingungen, die einer benö-tigten wirtschaftlichen Entwicklung im Wege standen.(8)
Ken Ewert erläutert, daß die vom Währungsfonds auferlegten Bedin-gungen sich nur selten an Marktbedingungen orientieren:
Der Fonds konzentriert sich auf »Makro-Strategien«, wie die Fiskal-und die Geldpolitik oder Wechselraten, und kümmert sich nur wenigum fundamentale Fragen, wie privater Bodenbesitz und Freiheitwirtschaftlichen Handels. Hintergründig ... verbirgt sich darin derGlaube, daß mit einem angemessenen »Makro-Management« jedeswirtschaftliche System lebensfähig sei ...
Noch wichtiger: Er hat Regierungen auf der ganzen Welt gestattet,den Reichtum ihrer Bürger effizienter zu enteignen (mit Hilfe derversteckten Steuer, genannt Inflation), während sie selbst ihre eigeneKraft ausweiten durften. Es gibt wenig Zweifel daran, daß der IWFden weltweiten Sozialismus fördert.(9)
(8)»How Experts Caused the Third World Debt Crisis« von Paul Craig Roberts in:Business Week, 2. November 1987. (9)
»The International Monetary Fund« von Ken S. Ewert in: The Freeman, April1989, S. 157-158.
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Ein wichtiger Aspekt der Strukturanpassungs-Darlehen besteht darin,daß das Geld nicht an spezifische Entwicklungsprojekte gebunden ist.Es kann für jedes Vorhaben des Empfängers ausgegeben werden. Sogarfür Zinsen auf überfällige Anleihen. Und so wird die Weltbank zu einemweiteren Kanal zwischen den Taschen der Steuerzahler und den Aktivader kommerziellen Banken, die der Dritten Welt riskante Darlehengegeben haben.
Sparmaßnahmen und Sündenböcke
Nicht jede vom IWF und der Weltbank befürwortete Maßnahme istsozialistisch. Einige, wie die Senkung von Regierungssubventionen undWohlfahrtsmaßnahmen, scheinen sogar den privaten Sektor zu stützen.So können zum Beispiel Steuererhöhungen zur Reduzierung von Haus-haltsdefiziten einfließen. Diese politischen Änderungen wurden in derPresse häufig als »Sparmaßnahmen« bezeichnet, und sie werden alsharsche Maßnahmen zur Gesundung der Wirtschaft unterentwickelterLänder betrachtet. Doch wie der Wolf zu Rotkäppchen sagte: »Daß ichDich besser täuschen kann.« Solche Sparmaßnahmen sind ausschließ-lich rhetorische Maßnahmen. Die ausborgenden Staaten übergehen meiststraflos solche Konditionen, und die Weltbank zahlt trotzdem weiter. Esist alles Teil des Spieles.
Die Bedingungen für »Strukturanpassungen« liefern den jeweiligenMachthabern einen Sündenbock, indem sie nun die Probleme ihresLandes auf die großen bösen »Kapitalisten« aus Amerika und denInternationalen Währungsfonds abwälzen können. Menschen, denenman beigebracht hat, es sei die Aufgabe einer Regierung, für ihr Wohl-befinden, ihre Gesundheit, ihre Nahrung und Unterkunft, ihre Arbeitund ihren Ruhestand zu sorgen ..., solche Menschen werden natürlichnicht glücklich sein zu hören, daß diese »Rechte« in Gefahr sind. Alsoprotestieren sie auf den Straßen, ziehen randalierend durch Geschäfts-bezirke, plündern Geschäfte und sammeln sich unter dem Banner linkerPolitiker, die ihnen Versprechungen machen. Wie das Magazin Insightschrieb:
Nationale Streiks, Krawalle, politische und soziale Unruhen in Ar-gentinien, Bolivien, Brasilien, Äquator, Ägypten, Haiti, Liberia, Peru,Sudan und in anderen Staaten wurden gelegentlich den Sparpro-grammen des IWF zugeschrieben ...
Manche Regierungen traten an den Fonds heran, während es in
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ihrem Lande bereits brodelte, und nutzten den IWF als nützlichenSündenbock.(10)
Richtig. Eine genaue Untersuchung der Unterlagen des IWF beweist,daß er weit davon entfernt war, in diesen Ländern Sparmaßnahmenanzuregen, sondern statt dessen eine Quelle sozialistischer Verschwen-dung und zugleich des Überflusses für seine korrupten Führer war.
Finanzierung der Korruption und der Tyrannei
Nirgendwo ist dieses offensichtlicher als in Afrika. Julius Nyerere,der Diktator Tansanias, ist berüchtigt für sein »Dorfprogramm«, indessen Verlauf die Armee Kleinbauern von ihrem Land vertrieben, ihreHütten verbrannt und sie wie Vieh auf Lastwagen gezwungen hat, umsie in Regierungsdörfern anzusiedeln. Dahinter steckte die Absicht, dieMenschen in Lagern zusammenzutreiben, wo man sie beobachten undkontrollieren kann. Mittlerweile ist die Wirtschaft zusammengebro-chen, die Höfe sind von Unkraut überwuchert, und der Hunger istallgegenwärtig. Dennoch erhielt Tansania pro Kopf der Bevölkerungmehr Unterstützung der Weltbank als jeder andere Staat.
In Uganda haben sich die Streitkräfte an Zwangsumsiedlungen, Fol-ter und der Tötung von Gefangenen beteiligt. Dasselbe trifft auf dieterroristische Regierung von Simbabwe zu. Dennoch sind beide Re-gimes weiterhin Empfänger von Millionen von Dollar der Weltbank.
Simbabwe, das ehemalige Rhodesien, ist ein geradezu klassischerFall. Nach der Unabhängigkeit verstaatlichte (also konfiszierte!) dielinksorientierte Regierung viele der ehemaligen Farmen der weißenSiedler. Die guten Ländereien haben sich die hochrangigen Regierungs-beamten angeeignet, und der Rest wurde in staatliche Kollektive umge-wandelt. Der wirtschaftliche Erfolg dieser Farmen war derart verhee-rend, daß die Landarbeiter schon bald um Nahrung betteln mußten.Ungeachtet dieses Fehlschlages verkündeten diese sozialistischen Poli-tiker 1981, daß sie auch die Hälfte der verbliebenen Farmen verstaatli-chen würden. Den Gerichten wurde ausdrücklich untersagt, sich um dieKompensation der ehemaligen Besitzer zu kümmern.
Der IWF wurde seinerzeit in Simbabwe von Michel Camdessusvertreten, dem Präsidenten der französischen Zentralbank und ehemali-
(10)»IMF Hands Out Prescription for Sour Economic Medicine«, Insight, 9. Febru-ar 1987, S. 14.
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gen Finanzminister von Franois Mitterrands sozialistischer Regierung.Nachdem er von Simbabwes Plan zur Konfiszierung weiterer Länderei-en und der Umsiedlung von Landarbeitern dorthin erfahren hatte, stimmteCamdessus einem Darlehen in Höhe von 42 Milliarden Rand zu, undzwar in dem vollen Bewußtsein, daß es größtenteils für dieses Um-siedlungsprojekt benutzt werden würde.
Die wahrscheinlich schlimmsten Menschenrechtsverletzungen wur-den unter dem marxistischen Regime von Mengistu Haile Mariam inÄthiopien begangen. Die Hungersnot 1984/85, die Millionen von Men-schen betraf, war das Ergebnis der regierungsamtlichen Verstaatlichungund Zerrüttung der Landwirtschaft. Gewaltige Umsiedlungsprogrammehaben Hunderttausende von Menschen aus ihrem angestammten Gebietim Norden des Landes gerissen und sie in konzentrationslagerartige»Dörfer« im Süden deportiert, die von Wachtürmen umgeben waren.Der Bericht einer französischen Hilfsorganisation, Ärzte ohne Grenzen,spricht davon, daß bei diesem Umsiedlungsprogramm möglicherweiseebenso viele Menschen zu Tode kamen wie durch die Hungersnotselbst.(11) Dr. Rony Brauman, der Direktor der Organisation, beschreibtdie Erfahrungen:
Bewaffnete Milizen stürmten unsere Lager, rissen alles an sich undbelästigten unsere Freiwilligen. Einige Angestellte wurden geschla-gen und unsere Lastwagen, Medikamente und Lebensmittel konfis-ziert. Wir mußten Äthiopien als Feinde der Revolution verlassen. DasRegime sprach die Wahrheit. Die Greueltaten im Namen von MengistusPlan machten aus uns tatsächlich Feinde der Revolution.(12)
Finanzierung von Hunger und Genozide
In den 1980er Jahren war die Welt entsetzt über die Bilder hungern-der Kinder in Äthiopien; der Westen erkannte nicht, daß dieses einegeplante Hungersnot war. Sie folgte dem Beispiel von Stalins Hunger-programm in der Ukraine in den 1930er Jahren und Maos Hunger-programm der Kleinbauern in den 1940er Jahren. Die Absicht bestanddarin, Menschen in die totale Unterwerfung unter die Regierung zu
(11)»Ethiopia Bars Relief Team« von Blaine Harden in: Washington Post, 3. De-zember 1985, S. A-21.(12)
»Famine Aid: Were we Duped?« von Dr. Rony Brauman in: Reader's Digest,Oktober 1986, S. 71.
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treiben, denn diese bestimmte darüber, wer essen durfte und wer nicht.Doch bis zum Stur Mengistus schickte ihm die Weltbank Hunderte vonMillionen von Dollar, ein Großteil davon ausdrücklich für das Land-wirtschaftsministerium bestimmt, welches das Umsiedlungsprogrammleitete.(13)
In den späten 1970er Jahren geschah ähnliches im kommunistischenVietnam. Auch dort gab es Umsiedlungsprogramme, Zwangskollek-tivierung, Konzentrationslager, Greueltaten ..., Zehntausende vonSystemkritikern flohen in randvollen und lecken Booten über das Meer,viele ertranken. Die ganze Zeit wurde das Regime großzügig von derWeltbank unterstützt.
Laos hält Tausende von Gefangenen in politischen Lagern. In Syrienwurden 20 000 Mitglieder der Opposition ermordet. Millionen vonIndonesiern wurden aus ihrer Heimat Java vertrieben. Die Sandinistasin Nicaragua mordeten Oppositionelle und zwangen das Volk zur Unter-werfung. Der sowjetische Marionettenstaat Polen unterdrückte brutaldie Gewerkschaftsbewegung. China ermordete aufmüpfige Studentenund warf Religionsführer ins Gefängnis. Und die früheren Sowjetstöteten Zivilisten in Afghanistan, während sie einen unbarmherzigenSpionagekrieg gegen die gesamte freie Welt betrieben. Trotzdem habendiese Regime buchstäblich Milliarden von Dollar von der Weltbankerhalten.
Wie können die Bankmanager guten Gewissens solche völkermord-enden Regime finanzieren? Ein Teil der Antwort liegt darin, daß manihnen kein Gewissen gestattet. Der Leiter der Abteilung Äthiopien,David Dunn, erklärt: »Unsere Charta erlaubt uns keine politischenUnterscheidungen.«(14) Ein Teil der Erklärung liegt aber auch darin be-gründet, daß alle sozialistischen Regimes das Potential für Völkermordhaben und daß die Bank sich dem Sozialismus verschrieben hat. Fürüberzeugte Sozialisten gehören die Brutalitäten dieser Länder einfachdazu, denn sie werden nur als bedauerliche Notwendigkeit für denAufbau ihrer Utopie betrachtet. Lenin meinte, man könne kein Omelettmachen, ohne Eier zu zerbrechen. George Bernard Shaw, einer derersten Mitglieder der sozialistischen Fabier, drückte es so aus:
(13)James Bovard, The World Bank vs. The World's Poor, Cato Policy Analysis(Washington D.C.: Cato Institute, 1987), S. 4-6. (14)
»Harnessing World Bank to the West«, Insight, 9. Februar 1987, S. 8.
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Im Sozialismus wird man euch nicht arm werden lassen. Ihr werdetzwangsweise ernährt, gekleidet, beherbergt, unterrichtet und be-schäftigt, ob ihr wollt oder nicht. Sollte man herausfinden, daß ihraufgrund eurer Art und eures Eifers diesen ganzen Aufwand nichtwert seid, könntet ihr möglicherweise auf humane Weise beseitigtwerden. Doch wenn man euch zu leben gestattet, werdet ihr gutleben.(15)
Gründe zur Abschaffung der Federal Reserve
Die oberen Ränge der Weltbank sind die Brüder sozialistischer Dik-tatoren, mit denen sie täglich Geschäfte machen. Unter den passendenUmständen könnten sie leicht die Rollen wechseln. Was wir gesehenhaben, ist nur ein erster Ausblick darauf, was wir für die gesamte Welterwarten können, sollte die Neue Weltordnung kommen. Der IWF unddie Weltbank sind die Schützlinge der Federal Reserve. Es gäbe sienicht ohne den beständigen Fluß amerikanischer Dollar und ohne dasWohlwollen unserer Politiker. Das FED wurde zum Komplizen totalitä-rer Regime in der ganzen Welt. Wie zu Anfang dieser Studie festgestellt,ist dieses einer der Gründe für ihre Auflösung: Es ist ein Instrument desTotalitarismus.
Reich durch Kampf gegen Armut
Während die Führer und Theoretiker des IWF und der Weltbank vomWelt-Sozialismus träumen, denken die mittleren Führungsschichten unddie Politiker an mittelfristige Ziele. Die Bürokraten genießen ein feuda-les Leben, und die Politiker der Empfängerseite erhalten Reichtum undMacht. Ideologie gehört nicht zu ihren Sorgen. Sozialismus, Kapitalis-mus oder Faschismus ..., solange das Geld fließt, spielt das keine Rolle.
Graham Hancock war ein scharfsinniger Beobachter der internatio-nalen »Hilfe-Industrie« und hat viele noble Konferenzen besucht. Erkennt viele der Teilnehmer persönlich. In seinem Buch Lords of Povertyäußert er sich zu den Strukturanpassungsdarlehen des IWF:
Korrupte Finanzminister und diktatorische Präsidenten aus Asien,Afrika und Lateinamerika stolpern über ihre eigenen teueren Schuhe
(15)George Bernard Shaw, The Intelligent Woman's Guide to Socialism andCapitalism (1928, New Brunswick, New Jersey: Transaction Books, 1984),S. 470.
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in ihrer unangebrachten Hast, sich »anzupassen«. Für diese Leutewar es wahrscheinlich niemals einfacher als heute, zu Geld zu kom-men. Weil sie keine komplizierten Projekte und schlampigen Buch-halter beaufsichtigen müssen, lachen die Bestechlichen, die Grausa-men und die Häßlichen den ganzen Weg zur Bank. Für sie sindStrukturanpassungsmaßnahmen wie ein wahr gewordener Traum.Von ihnen persönlich werden keine Opfer verlangt. Sie müssen ledig-lich – erstaunlich, aber wahr – die Armen unter Druck setzen ... unddarin haben sie genügend Erfahrung.(16)
In Indien finanzierte die Weltbank einen Damm, der zwei MillionenMenschen vertrieb, 360 Quadratkilometer Land und 328 Quadratkilo-meter Wald überflutete. In Brasilien wurde eine Milliarde Dollar zur»Entwicklung« eines Teiles des Amazonas-Beckens und zur Errichtungvon Wasserkraftwerken ausgegeben. Dies führte zur Entwaldung einesGebietes von der Hälfte der Größe Großbritanniens und rief viel mensch-liches Leid durch Umsiedlungen hervor. In Kenia hat das Bura-Bewäs-serungsprojekt solche Schäden verursacht, daß ein Fünftel dereingeborenen Bevölkerung ihre Gebiete verlassen mußte. Pro Familiebetrugen die Kosten 50 000 Dollar. In Indonesien hat ein Umsied-lungsprogramm den Verlust ganzer Tropenwälder verursacht, währenddie Weltbank gleichzeitig Wiederaufforstungs-Projekte unterstützt. DieKosten für die Umsiedlung einer Familie belaufen sich auf 7000 Dollar,ungefähr das Zehnfache des Pro-Kopf-Einkommens in Indonesien.
Die Viehwirtschaft in Botswana führte zur Zerstörung von Weidelandund zum Tod von Tausenden von Wildtieren. Die angestammte Bevöl-kerung war deshalb nicht mehr in der Lage, sich von der Jagd zuernähren, und hing fortan für ihr Überleben von der Regierung ab.Während Nigeria und Argentinien förmlich in Schulden ertrinken, wur-den Milliarden von der Weltbank in neue Hauptstädte gesteckt, umBehörden und die herrschende Elite unterzubringen. Im Zaire, Mexikound auf den Philippinen wurden Politiker zu Milliardären, weil sieDarlehen der Weltbank für persönliche Zwecke abzweigten. In derZentralafrikanischen Republik wurden IWF- und Weltbank-Gelder fürdie Krönung eines »Kaisers« entfremdet. Die Liste der Korruption undder Verschwendung ist endlos lang. Doch der wahre Augenöffner bleibt
(16)Graham Hancock, Lords of Poverty: The Power, Prestige, and Corruption of theinternational Aid Business (New York: Atlantic Monthly Press, 1989), S. 59, 60.
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das Versagen sozialistischer Unternehmungen, jener großartigen Pro-jekte, die der unterentwickelten Welt Wohlstand bringen sollten. Hiereinige Beispiele.
Umtausch von Geld in Mißerfolge
Vor dem Geldsegen der Weltbank war Tansania nicht reich, aber eskonnte seine Einwohner ernähren und hatte Wirtschaftswachstum. Nach-dem es mehr als drei Milliarden Dollar an Darlehen erhalten hatte,verstaatlichte es landwirtschaftliche Betriebe und Industrien. Es errich-tete ein Lastwagenwerk, eine Reifenfabrik, Elektrofirmen, Schnellstra-ßen, Häfen, Eisenbahnen und Dämme. Tansanias Industrie- undLandwirtschaftsproduktion sank um fast ein Drittel. 1966 waren Le-bensmittel das wichtigste Exportgut. Unter dem Sozialismus mußtenLebensmittel eingeführt werden ..., bezahlt von Entwicklungshilfe undweiteren Darlehen der Weltbank. Das Land ist hoffnungslos verschuldetund unfähig zu irgendwelchen Rückzahlungen.
Argentinien besaß einst den höchsten Lebensstandard Lateinameri-kas. Dann aber wurde es Empfänger großer Darlehen der Weltbank undkommerzieller Banken der USA. Da diese Mittel den Politikern überge-ben wurden, wurde das Geld zur Schaffung des einzigen Systemsverwendet, das Politiker schaffen können: den Sozialismus. 1982 be-fand sich das Bruttosozialprodukt im Sturzflug, die Industrieproduktionsank auf die Hälfte der Kapazität, Tausende von privaten Firmen wur-den in den Bankrott gezwungen, die Arbeitslosigkeit schnellte nachoben und ebenso die Sozialhilfe. Sieben Jahre später belief sich dieInflation auf unglaubliche 5000 Prozent und erreichte im Sommer 1989eine Million Prozent! Die Banken boten Zinsen von 600 Prozent monat-lich in der Hoffnung, das Kapital im Land zu halten. Die Menschenrandalierten auf den Straßen auf der Suche nach Lebensmitteln, und dieRegierung beschuldigte raffgierige Ladenbesitzer, Preise in die Höhegetrieben zu haben. Die Nation war hoffnungslos verschuldet und zah-lungsunfähig.
Brasilien wurde vom Militär regiert, und der Staat kontrollierte dieWirtschaft. Regierungseigene Firmen verschlangen 65 Prozent der in-dustriellen Investitionen, so daß dem schrumpfenden privaten Sektornur 35 Prozent verblieben. Mit dem Geld amerikanischer Banken er-richtete die Regierung die Ölfirma Petroleo Brasileiro S.A., die Latein-amerikas größtes Unternehmen wurde. Trotz riesiger Ölreserven undextrem hoher Ölpreise blieb die Firma verlustreich und konnte nicht
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einmal genug Benzin für das Land produzieren. 1990 stand die Inflati-onsrate bei 5000 Prozent. Seit 1960 waren die Preise auf das 164 000fa-che des Ursprungswertes gestiegen. Man erfand ein neues Verbrechennamens »Schutz vor Inflation« und verhaftete Menschen, die Markt-preise für ihre Güter verlangten oder Dollar oder Gold. Angeführt vonKommunisten zog der Mob durch die Straßen und rief: »Wir sindhungrig. Stehlt, was ihr wollt!« Die Nation war hoffnungslos verschul-det und zahlungsunfähig.
Die Erfahrung Mexikos war eine exakte Kopie der in Brasiliengemachten, nur daß es um wesentlich mehr Geld ging. Als man dort dieviertgrößten Ölreserven der Welt entdeckte, griffen mexikanische Poli-tiker nach den Sternen. Mit Milliarden Dollars amerikanischer Bankenschufen sie Petroleos Mexicanos (PEMEX), eine Firma, die rasch fünft-größter Ölproduzent der Welt wurde. Sie bauten Chemiewerke undEisenbahnen und starteten viele andere Industrieprojekte. Doch sie allewurden als Wohlfahrtsinstitute statt Geschäftsunternehmungen geführt:zuviele Menschen auf den Gehaltslisten, zuviele Manager, übertriebeneGehälter, zuviel Urlaub und unrealistische Vergünstigungen. Die Unter-nehmungen gerieten ins Trudeln und verloren Geld. Privatunterneh-mungen brachen zu Tausenden zusammen, und die Arbeitslosigkeitstieg. Die Regierung hob die Mindestlöhne an, so daß noch mehrFirmen kaputtgingen und weitere Arbeitslosigkeit erzeugten. Die Folgewaren noch höhere Sozialleistungen und Arbeitslosenunterstützung.Um all dies bezahlen zu können, stürzte sich die Regierung in weitereSchulden und schuf ihr eigenes Papiergeld. Die Inflation zerstörte, wasvon der Wirtschaft noch geblieben war. Dann kamen Preiskontrollen,Miet- und Lebensmittelsubventionen sowie die Verdopplung der Min-destlöhne. 1982 tauschten die Mexikaner in Massen ihre Pesos in Dol-lars um und transferierten ihre Ersparnisse ins Ausland; der Peso war imWirtschaftsleben praktisch wertlos.(17)
1981 betrug der Durchschnittslohn mexikanischer Arbeiter 31 Pro-zent des amerikanischer Arbeiter, 1989 nur noch zehn Prozent. Mexiko,einstmals ein großer Lebensmittelexporteur der Welt, mußte nun Mil-lionen von Dollars für Importe bezahlen. Dafür brauchte es noch mehrGeld und noch mehr Darlehen. Aber gleichzeitig waren die Ölpreise
(17)Dieselben amerikanischen Banken, die Darlehen gewährt hatten, unterstütztendieses Fluchtkapital und besaßen am Ende in ihren Tresoren dasselbe Geld, dassie ausgeliehen hatten. Ein nettes Geschäft in jeder Richtung.
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hoch, und die Ölproduktion boomte. Als die Preise einige Jahre spätersanken, wurde die Situation des Landes noch dramatischer.
1985 standen Mexikos Schulden erneut auf der Kippe, und wiedersprangen amerikanische Steuerzahlen in die Bresche, als der Kongreß30 Milliarden Dollar bereitstellte. Obwohl dieses Darlehen schließlichzurückgezahlt wurde, entzog man das Geld hierfür dem mexikanischenVolk durch eine weitere Runde massiver Preiserhöhungen, die zu einerweiteren Senkung des Lebensstandards führte. Das Land ist nun hoff-nungslos im Sozialismus versunken. Mit dem Versprechen von »Refor-men« und noch mehr Sozialismus lockt die Kommunistische Parteiimmer mehr Menschen an und könnte eine wichtige politische Kraftwerden.
So geht die Geschichte immer weiter. Nachdem Milliarden vonDollars in die unterentwickelten Länder rund um den Globus geflossensind, hat es keine Entwicklung gegeben. Im Gegenteil. Den meistenLändern geht es schlechter als früher, ehe die »Retter der Welt« auf denPlan traten.
Zusammenfassung
Der IWF und die Weltbank wurden 1944 auf einem Treffen voninternationalen Finanzleuten und Politikern in Bretton Woods, NewHampshire, gegründet. Zu den erklärten Zielen zählten die Stärkung desHandels und die Stabilisierung der Umtauschraten nationaler Währun-gen. Die nicht genannten Ziele sahen anders aus. Dazu zählte dieAbschaffung des Gold-Wechsel-Standards als Basis für die Bewertungvon Währungen und die Schaffung des Welt-Sozialismus.
Die Methode zur Abschaffung des Goldes im internationalen Handelbestand darin, es durch eine Weltwährung zu ersetzen, die der IWF ausdem Nichts erzeugen sollte. Die Schaffung des Sozialismus sollte durchdas, von der Weltbank an die Regierungen der unterentwickelten Ländertransferierte und als Darlehen maskierte, Geld bewerkstelligt werden.Auf diesem Wege sollte der freie Markt abgeschafft werden. Das Geldwanderte aus den Händen der Politiker und Bürokraten in die Händeanderer Politiker und Bürokraten. Wenn das Geld von Regierungenstammt und zu Regierungen wandert und von ihnen verwaltet wird, soist das Ergebnis eine Ausweitung des staatlichen Sektors.
Die Theoretiker, die die Konferenz von Bretton Woods dominierten,waren der bekannte sozialistische Fabier aus England, John MaynardKeynes, und der Ministerialdirektor des amerikanischen Finanzministe-
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riums, Harry Dexter White. Dieser wechselte als erster Amerikaner inden Vorstand des IWF.
Die Fabier sind eine intellektuelle Elite, die wie die Kommunistenden Sozialismus anstrebt, aber mit einer anderen Taktik. Während Kom-munisten die Revolution mit Gewalt und unter Zwang herbeiführenwollen, befürworten die Fabier eine langsame Transformation der Ge-sellschaft durch Gesetzgebung.
Später wurde bekannt, daß Harry Dexter White Mitglied eines kom-munistischen Spionageringes gewesen war. Außerhalb des Blickfeldesalso spielte sich ein kompliziertes Drama ab, bei dem sich die beidenintellektuellen Gründer des Bretton-Woods-Abkommens, ein sozialisti-scher Fabier und ein Kommunist, gegenseitig in die Hände spielten, umihr gemeinsames Ziel zu erreichen: den Welt-Sozialismus.
Das Geld des IWF und der Weltbank stammt aus den industrialisier-ten Nationen, wobei die Vereinigten Staaten das meiste bereitstellen.Solche Fonds bestehen teilweise aus harten Währungen wie dem Dollar,dem Yen, der D-Mark und dem Franc, doch werden diese Summenmehrfach vermehrt in der Form von »Krediten«. Diese bestehen imwesentlichen nur aus Versprechen der Mitgliedsstaaten, das Geld vonihren Steuerzahlern zu holen, wenn die Bank mit ihren Anleihen inSchwierigkeiten gerät.
Während sich der IWF langsam zu einer Zentralbank der Welt ent-wickelt, dient die Weltbank als Anleiheninstitut. Als solches wurde eszum Transmissionsriemen für die Verschiebung von Reichtum aus derindustrialisierten Welt zu den Entwicklungsländern. Während dabei dieWirtschaft in den Spender-Ländern leidet, wurde den Empfängern nichtwirklich geholfen. Das Geld ist schlicht durch politische Korruptionund Verschwendung versickert.
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Dies ist eine genaue Wiedergabe des bunten Fensterbildes im Beatrice Webb Housein Surrey, England, dem Hauptsitz der Fabier. Sie stellt Sidney Webb und GeorgeBernard Shaw dar, wie sie die Erde mit Hämmern schlagen ... »Ganz neu aufbau-en ..., wie es die Sehnsucht schafft.« Man beachte den Wolf in Schafskleidung in derKrone der Fabier oberhalb des Globus.
Kapitel 6
Schaffung der Neuen Weltordnung
Neue Untersuchung des Spieles, genannt »Ballout«,um zu zeigen, daß es weit mehr ist als eine Methode,Steuerzahler für die Kosten geplatzter Darlehenaufkommen zu lassen; das letzte Spiel mit dem Ziel,alle Nationen unter einer Weltregierung zusammenzu-fassen; die Darstellung dieser Strategie am Beispielvon Panama, Mexiko, Brasilien, Argentinien, China,Osteuropa und Rußland.
Kehren wir nun zurück zu diesem Spiel, genannt »Bailout«. Dasvorangegangene Kapitel diente nur dazu, Hintergrundinformationenzum Verständnis des Spieles zu vermitteln, wie es in der internationalenArena gespielt wird. Und so lauten die Regeln:
1.Kommerzielle Banken in den entwickelten Staaten schöpfen mitder Unterstützung der jeweiligen Zentralbanken Geld aus demNichts und leihen es den Regierungen der Entwicklungsländer.Sie wissen, daß es sich dabei um riskante Darlehen handelt; alsoverlangen sie als Kompensation hohe Zinsen. Das ist mehr, als wassie auf lange Sicht erwarten könnten.
2.Wenn die unterentwickelten Staaten die Zinszahlungen nicht mehrtragen können, treten der Internationale Währungsfonds und dieWeltbank sowohl als Spieler als auch als Schiedsrichter auf denPlan. Durch das Zuschießen weiteren Geldes aus dem Nichts vonseiten der Zentralbanken der Mitgliedstaaten verteilen sie »Entwick-lungsgelder« an Regierungen, die nunmehr genug Geld besitzen,um die ursprünglich fällig gewordenen Zinsen zu zahlen unddennoch etwas für ihre eigenen politischen Zwecke übrig zuhaben.
3.Das Empfängerland verbraucht schnell das neue Kapital, und dasSpiel geht mit Punkt zwei weiter. Dieses Mal jedoch werden dieneuen Darlehen von der Weltbank und den Zentralbanken derIndustrieländer abgesichert. Da nun kein Zahlungsverzug mehr zuerwarten ist, reduzieren die Geschäftsbanken die Zinsen auf den
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ursprünglich angesetzten Satz. Die Schuldnerländer nehmen dieZahlungen wieder auf.
4. Der letzte Schachzug lautet ..., nun, in dieser Version des Spielesgibt es eigentlich keinen, denn die Absicht besteht darin, das Spiel»endlos« fortzusetzen. Um dieses zu ermöglichen, muß etwas fürdie endgültige Lösung geschehen. Dies beinhaltet die Umwand-lung des IWF in eine Weltzentralbank (wie Keynes das vorgesehenhatte), die dann internationales Papiergeld herausgibt. Sobalddiese »Ausgabebank« eingerichtet ist, kann der IWF unbegrenzteMittel von allen Bürgern der Welt durch die versteckte Steuernamens Inflation eintreiben. Der Geldstrom kann dann unendlichlange aufrechterhalten werden – mit oder ohne die Zustimmungder verschiedenen Nationen –, weil sie kein eigenes Geld mehrbesitzen werden.
Weil dieses Spiel in einer Ausblutung des Wohlstandes der Industrie-nationen mündet, sind sie zu einem beständigen Niedergang ihrerWirtschaften verdammt; dieser Vorgang begann in Bretton Woods. DasErgebnis ist das Absinken ihres Lebensstandards und ihr Abschied alsunabhängige Nationen. Die verborgene Wirklichkeit hinter sogenannterEntwicklungshilfe ist die Zerrüttung Amerikas und anderer Industrie-nationen. Das ist kein Unfall; es ist die Absicht des Planes. Eine starkeNation wird kaum ihre Souveränität aufgeben. Amerikaner würdennicht freiwillig ihre Währung, ihr Militär oder ihre Gerichte einemWeltsystem aus Regierungen überlassen, die sich despotisch gegenüberihren eigenen Landsleuten verhalten haben, und schon gar nicht, weildiese Regime häufig anti-amerikanische Feindseligkeit offenbarthaben. Doch wenn Amerikaner soweit gebracht werden, daß sie unterdem Zusammenbruch ihrer Wirtschaft und des Rechtssystems leiden,wird sich das ändern. Wenn sie vor Lebensmittelgeschäften anstehenund Anarchie in ihren Straßen sehen, werden sie bereitwilliger sein, ihreSouveränität aufzugeben im Austausch für eine »Unterstützung« derWeltbank und eine UN-»Friedenstruppe«. Dies würde sogar annehmba-rer sein, wenn man es schafft, den Kommunismus vor seiner Zeitabzuschaffen, damit es so aussieht, als wären die großen politischenSysteme dieser Welt in dem gemeinsamen Nenner »soziale Demokra-tie« aufgegangen.
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Das letzte Spiel
Jedoch werden die unterentwickelten Länder nicht emporgehoben.Ihre politischen Führer sind süchtig nach dem Geldstrom des IWF undwerden davon nicht lassen wollen. Diese Länder werden mit Geld stattWaffen erobert. Bald werden sie keine Eigenständigkeit mehr besitzen.Sie werden zu Teilen im System des Welt-Sozialismus von HarryDexter White und John Maynard Keynes degradiert werden. Ihre Führerwerden umworben als Potentaten in einem neuen »High-Tech«-Feudalismus, die den Herren in New York Tribut zollen. Und sie werdendies eifrig tun im Austausch für Privilegien und Macht innerhalb der»Neuen Weltordnung«. Das ist das letzte Spiel. Der Grundgedanke desSozialismus ist die Umverteilung des Reichtums. Gleichheit ist dasZiel, und das bedeutet, den Reichen zu nehmen und den Armen zugeben. Zumindest in der Theorie. Unglücklicherweise jedoch profitie-ren die Armen niemals davon. Entweder erhalten sie das Geld gar nichterst (weil zuviel davon von der verwaltenden Bürokratie geschlucktwird), oder wenn sie etwas abbekommen, wissen sie nichts damitanzufangen. Sie geben es aus, bis es weg ist, und dann hat niemandmehr Geld ..., natürlich außer jenen, die Regierungsprogrammeverwalten. Doch Politiker wissen, daß Versprechen zur Umverteilungdes Reichtums bei zwei Gruppen populär sind: bei den Wählern, dienaiv glauben, es würde den Armen zugute kommen, und bei densozialistischen Managern, die darin ihre berufliche Sicherheit sehen.Mit diesen beiden Wählergruppen im Rücken, ist die Wahl bereitsgewonnen. Ein früher amerikanischer Befürworter des Sozialismus aufeiner globalen Ebene (einschließlich des Abzuges von Reichtum ausden »reichen« Vereinigten Staaten) war John F. Kennedy. Zweifelloserfuhr er von diesem Konzept auf der fabianistischen London Shool ofEconomics 1935/36 kurz vor der Ernennung seines Vaters zumBotschafter in England(1) Als JFK Präsident wurde, zeigten seinepolitischen Ansichten weiterhin diese Ausbildung. Im September 1963sprach er vor den Finanzministern und Zentralbank-Gouverneuren von102 Nationen aus Anlaß des Jahrestreffens des IWF und der Weltbank.Er erläuterte das Konzept des Welt-Sozialismus mit glühenden Worten:
Als sich die Architekten dieser Institutionen vor 20 Jahren trafen, umeine internationale Bankenstruktur zu entwerfen, war das wirtschaft-
(1)Martin, S. 25.
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liehe Leben der Welt in überwältigender, ja alarmierender Weise aufdie Vereinigten Staaten konzentriert ..., hier lagerten 60 Prozent derGoldreserven der Welt ... Es gab die Notwendigkeit zur Umvertei-lung der finanziellen Ressourcen der Welt ... Und ebenso bestand dieNotwendigkeit, einen Kapitalfluß zu den verarmten Ländern der Weltzu schaffen. All dies wurde erreicht. Dies traf nicht zufällig so ein,sondern wurde durch gewissenhaftes, absichtliches und verantwor-tungsvolles Handeln geschafft.(2)
Der CFR bestimmt die Strategie
Der Gehirn-Trust zur Umsetzung der fabianischen Pläne in Amerikaheißt Ausschuß für Auswärtige Beziehungen, CFR. In späteren Kapitelnwerden wir uns noch näher damit befassen, doch hier ist nur wichtig zuwissen, daß fast die gesamte amerikanische Führerschaft aus dieserkleinen Gruppierung stammt. Eingeschlossen sind dabei Präsidentenund ihre Berater, Kabinettsmitglieder, Botschafter, Vorstandsmitgliederder Federal Reserve, Direktoren der großen Banken und Investment-häuser, Präsidenten der Universitäten, die Leiter der großen Zeitungen,Nachrichtendienste und die Fernsehnetze.(3) Es ist keine Übertreibung,diese Gruppe als die verborgene Regierung der Vereinigten Staaten zubeschreiben. CFR-Mitglieder haben sich niemals gescheut, die Schwä-chung Amerikas als notwendigen Schritt auf dem Wege zum größerenGuten, nämlich einer Weltregierung, zu beschreiben. Einer der Gründerder CFR war John Foster Dulles, der später von dem CFR-MitgliedDwight Eisenhower zum Minister ernannt wurde. 1939 sagte Dulles:
Eine Schwächung oder ein Abflachen des Souveränitäts-Systems derheutigen Welt muß früher oder später stattfinden ... Zum unmittelba-ren Nachteil der Nationen, die jetzt das Übergewicht der Machtbesitzen ... Die Schaffung eines gemeinsamen Geldes ... würdeunsere Regierung der exklusiven Kontrolle über die nationaleWährung entziehen ..., die Vereinigten Staaten müssen auf spätereOpfer vorbereitet sein für eine politisch-ökonomische Weltordnung,die Ungleichheiten der wirtschaftlichen Chancen in Bereichen derNationen mildern sollte.(4)
(2)Rede von Kennedy, New York Times, 1. Oktober 1963, S. 16.
(3)James Perloff, Shadows of Power (Appleton, Wisconsin: Western Islands, 1988).(4)»Dulles Outlines World Peace Plan«, New York Times, 28. Oktober 1939.
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Das CFR-Mitglied Zbigniew Brzezinski war der Sicherheitsberater desCFR-Mitgliedes Jimmy Carter. 1970 schrieb Brzezinski:
... einige internationale Kooperation ist bereits erreicht, dochweitere Fortschritte werden amerikanische Opfer verlangen. Weitereintensive Anstrengungen zur Schaffung einer neuen monetärenWeltordnung müssen unternommen werden, und dies mit einemgewissen Risiko für die gegenwärtige relativ günstige StellungAmerikas.(5)
Im Frühjahr 1983 erklärte Präsident Ronald Reagan auf dem Wirtschafts-gipfel in Williamsburg in Virginia:
Nationale Ökonomien benötigen Mechanismen der monetärenKoordination, und deshalb braucht eine integrierte Weltwirtschafteinen gemeinsamen monetären Standard ... Doch keine nationaleWährung kann dies schaffen, nur eine Weltwährung.
Die CFR-Strategie für die Zusammenführung der Welt-Finanzsystemewurde von Professor Richard N. Cooper, der Staatssekretär für Wirt-schaft in der Regierung Präsident Carters gewesen war, ausgesprochen:
Für das nächste Jahrhundert schlage ich eine radikale Alternativevor: die Schaffung einer gemeinsamen Währung für alle industriellenDemokratien, mit einer gemeinsamen Währungspolitik und einergemeinsamen Ausgabebank zur Festlegung der monetären Strate-gie ... Wie können unabhängige Staaten dies erreichen? Sie müssendie Kontrolle über die Währungspolitik an eine supranationaleKörperschaft abtreten. [Starke Betonung] ...
Es ist höchst zweifelhaft, ob die amerikanische Öffentlichkeit, umnur ein Beispiel zu nehmen, es jemals hinnehmen würde, daß Ländermit autoritären Regimen eine Währungspolitik mitbestimmen, diedas Geldwesen der Vereinigten Staaten berühren würde ... Damitsolch ein verwegener Plan funktioniert, ist zuerst eine gewisseKonvergenz der politischen Werte vonnöten ...(6)
(5)Zbigniew Brzezinski: Between Two Ages: America's Role in the TechnotronicEra (Westport, Connecticut: Greenwood Press, 1970), S. 300. (6)
»A Monetary System for the Future« von Richard N. Cooper in: Foreign Affairs,1984, S. 166, 177, 184.
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Solche Phrasen wie monetäre Koordinierungsmechanismen, moderneWeltwirtschaftsordnung, Konvergenz politischer Werte oder NeueWeltordnung sind nicht sehr aussagekräftig. Für den Durchschnitts-bürger klingen sie angenehm und harmlos. Doch für die Insider desClubs sind dies eindeutige Schlüssel-Phrasen: die Beendigung dernationalen Souveränität und die Schaffung der Weltregierung. CFR-Mitglied Richard Gardner, ein weiterer Berater von Präsident Carter,erläutert die Bedeutung dieser Ausdrücke und wirbt für die Strategie derTäuschung und Behutsamkeit der Fabier:
Kurz gefaßt: Das »Haus der Weltordnung« wird von unten nach obenerrichtet werden müssen ... Ein Endlauf um nationale Souveränitätherum, sie dabei Stückchen für Stückchen abtragend, wird letztlichviel mehr erreichen als der althergebrachte Frontalangriff.(7)
In bezug auf den eingerechneten Niedergang der amerikanischenWirtschaft argumentiert das CFR-Mitglied Samuel Huntington: »Wennhöhere Ausbildung als wünschenswert für die gesamte Bevölkerungangesehen wird, dann muß dafür Vorsorge getroffen werden, daß dieKarriere-Erwartungen der Menschen mit einer Hochschulausbildunggesenkt werden.«(8) CFR-Mitglied Paul Volcker, ehemaliger Präsidentder Federal Reserve: »Der Lebensstandard des durchschnittlichenAmerikaners muß sinken ... Ich glaube, dies ist unausweichlich.«(9)
1993 wurde Volcker Präsident der Trilateralen Kommission, derTLC. Sie wurde von David Rockefeller ins Leben gerufen, um dieSchaffung der neuen Weltordnung in Übereinstimmung mit GardnersStrategie zu koordinieren: »Ein Endlauf um nationale Souveränitätherum, sie dabei Stückchen für Stückchen abtragend ...« Ziel ist es, dieVereinigten Staaten, Mexiko, Kanada, Japan und Westeuropa in einepolitische und wirtschaftliche Union zu führen. Unter Schlagwörternwie freier Handel und Umweltschutz muß jede Nation »Stück fürStück« ihre Souveränität preisgeben, bis eine richtiggehende Regierungaus diesem Prozeß hervorwächst. Die neue Regierung wird die
(7)»The Hard Road to World Order« von Richard Gardner in: Foreign Affairs,April 1974, S. 558.
(8)Michael Crozier, Samuel P. Huntington, Joji Watanuki, The Crisis ofDemocracy (New York: New York University Press, 1975), S. 183, 184. (9)
»Volcker Asserts U.S. Must Trim Living Standard«, New York Times,18. Oktober 1979, S. 1.
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Arbeitsbedingungen, Löhne und Steuern jeder Nation kontrollieren.Sobald dies erreicht ist, ist es ein relativ einfacher Schritt, die regionalenVerwaltungen zu einer globalen Regierung zusammenzufassen. DieseRealität verbirgt sich in Wahrheit hinter den sogenannten Handelsab-kommen der Europäischen Union (EU), des Nordamerikanischen Frei-handelsabkommens (NAFTA), der Asiatisch-Pazifischen Wirtschafts-kooperation APEC und des General Agreement an Tariffs and Trade(GATT). Sie alle haben relativ wenig zu tun mit Handel. Im Jahres-bericht 1993 der Trilateralen Kommission schrieb Volcker:
Die gegenseitige Abhängigkeit treibt unsere Länder zur Konvergenzauch in Bereichen, die einst als inländische Angelegenheiten galten.Einige dieser Gebiete betreffen Verwaltungsbestimmungen wieUmweltschutzstandards, die faire Behandlung von Arbeitern undBesteuerung.(10)
1982 gab die Trilaterale Kommission einen Bericht heraus, den derPräsident der Bank of Tokio und ehemalige japanische FinanzministerToyoo Gyohten mit verfaßt hatte. Gyohten war ein Fulbright-Stipendiat,der in Princeton studiert und an der Harvard Business School gelehrthatte. Er hatte ebenfalls beim Internationalen Währungsfonds die Japan-Abteilung unter sich. Mit anderen Worten: Er vertritt die finanziellenInteressen Japans in der neuen Weltordnung. In seinem Bericht erläutertGyohten, daß die wirkliche Bedeutung von »Handelsabkommen« nichtder Handel, sondern die Schaffung einer globalen Regierung ist:
Regionale Handelsabkommen sollten nicht als Selbstzweck angese-hen werden, sondern als Ergänzungen einer globalen Liberalisie-rung ... Regionale Abkommen bieten Modelle oder Bausteine für eineverstärkte oder zunehmende Globalisierung ... Westeuropa [die EU]stellt die Regionalisierung in ihrer echtesten Form dar ... DieSchritte [für weitere Abkommen] sind dramatisch und unumkehr-bar ... Eine gemeinsame Währung ... Zentralbank ... Gerichte undein Parlament werden erweiterte Befugnisse erhalten ... Nach demGipfel in Maastricht [dem holländischen Konferenzort] schrieb derEconomist: »Nennen Sie es, wie Sie wollen: Jeder andere Name wäre
(10)Washington 1993: The Annual Meeting of the Trilateral Commission (NewYork: Trilateral Commission, 1993), S. 77.
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Bundesregierung.« Alles in allem kann man die regionale IntegrationEuropas als einen Versuch ansehen, eine Nation zu schaffen.(11)
Legt man denselben Maßstab an die NAFTA [das nordamerikanischeFreihandelsabkommen] an, so der frühere Außenminister HenryKissinger (CFR), dann handelt es sich hierbei »nicht um einkonventionelles Handelsabkommen, sondern um die Architektur einesneuen internationalen Systems ..., den ersten entscheidenden Schritt zueiner neuen Gemeinschaft der Nationen.« Der Zeitungsartikel, derdieses Statement enthielt, trug die passende Überschrift: »Mit derNAFTA schaffen die USA endlich eine Neue Weltordnung.«(12)DavidRockefeller (CFR) wurde noch deutlicher. Er meinte, es wäre»kriminell« gewesen, den Vertrag nicht zu verabschieden, denn: »Allessteht bereit – nach 500 Jahren –, eine wahrhaft >Neue Welt< in derwestlichen Hemisphäre zu schaffen.«(13)
Anfang 1994 war aus dem Lüftchen zur Schaffung einer NeuenWeltordnung ein Sturm geworden. Am 15. April stellte die RegierungMarokkos eine ganzseitige Anzeige in die New York Times, in der sie dieSchaffung des Welthandelsabkommens begrüßte, das mit der Unter-zeichnung des GATT-Abkommens in der marokkanischen StadtMarrakesch in Kraft getreten war. Während den Amerikanern nochgesagt wurde, GATT sei nur ein »Handelsabkommen«, feierten es dieInternationalisten bereits als ein viel weitergehendes Konzept. DieAnzeige sprach es unmißverständlich aus:
1944, Bretton Woods: Der IWF und die Weltbank1945, San Francisco: Die Vereinten Nationen1994, Marrakesch: Das WelthandelsabkommenDie Geschichte kennt ihren Weg ... Das Welthandelsabkommenist die dritte Säule der Neuen Weltordnung, zusammen mit denVereinten Nationen und dem Internationalen Währungsfonds.(14)
(11)Toyoo Gyohten and Charles E. Morrison, Regionalism in A Converging World(New York: Trilateral Commission, 1992), S. 4, 7-9, 11.(12)
Henry Kissinger, Los Angeles Times, 18. Juli 1993, S. M-2, 6.
(13)David Rockefeller, Wall Street Journal, 1. Oktober 1993, S. A-10.(14)New York Times, 15. April 1994, S. A-9.
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Ein seltener Blick in das innere Gefüge
Soviel zum letzten Spiel. Doch kehren wir zu dem Spiel »Bailout«zurück, wie es heute tatsächlich auf der internationalen Szene gespieltwird. Schauen wir zuerst in das innere Gefüge des Kabinetts. JamesWatt war der Innenminister der Regierung Reagan. In seinen Memoirenbeschrieb er einen Zwischenfall im Kabinett im Frühjahr 1982. Obenauf der Tagesordnung standen die Berichte des Finanzministers DonaldRegan und des Direktors des Haushaltsplanes David Stockman bezüg-lich der Probleme unterentwickelter Staaten mit Bankdarlehen. Wattberichtete:
Minister Regan erklärte die Unfähigkeit dieser mittellosen Länder,wenigstens die Zinsen der Darlehen zu zahlen, die einzelne Bankenwie die Bank of America, Chase Manhattan und Citibank gewährthatten. Dem Präsidenten wurde sodann erläutert, welche Aktionendie Vereinigten Staaten unternehmen »müßten«, um die Situation zuretten.
Nach den Erläuterungen von Regan und Stockman gab es eineminutenlange Diskussion, ehe ich fragte: »Glaubt irgend jemand,daß diese unterentwickelten Länder jemals in der Lage sein werden,die Hauptsumme dieser Darlehen zurückzuzahlen?« Als niemandantwortete, fuhr ich fort: »Wenn diese Darlehen niemals zurückge-zahlt werden, weshalb sollten wir dann diesen Ländern schon wiederaus der Patsche helfen und dafür sorgen, daß sie die Zinsen tragenkönnen?«
Die Antwort kam vielstimmig: »Wenn wir nicht für die Zins-zahlungen sorgen, werden die Darlehen schlecht, und dies könnteunsere amerikanischen Banken gefährden. « Würden die Kunden ihrGeld verlieren? Nein, lautete die Antwort, aber die Aktienbesitzerkönnten ihre Dividende verlieren.
Verblüfft lehnte ich mich in meinem großen Ledersessel zurück,nur zwei Plätze entfernt vom Präsidenten der Vereinigten Staaten.Ich begriff, daß nichts in der Welt diese höchsten Regierungs-mitglieder davon abhalten könnte, alles in Bewegung zu setzen, umein paar große und wirklich bedrohte amerikanischen Banken zuschützen und ihnen aus der Patsche zu helfen.(15)
(15)James G. Watt, The Courage of A Conservative (New York: Simon and Schuster,1985), S. 124-125.
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Panama
Das erste große Treffer in diesem Spiel wurde unter der RegierungCarter gemacht, als Panama in Zahlungsrückstand geriet. Ein Banken-konsortium mit Chase Manhattan, First National of Chicago undCitibank verlangte die Übergabe des Kanals an Panamas Regierung,damit diese mit den Einnahmen die Zinsen für die Darlehen des Landeszahlen könne. Trotz des massiven Widerstandes in der amerikanischenÖffentlichkeit gab der Senat diesem Druck der Insider nach undverabschiedete das Übergabe-Abkommen. Panamas Regierung erbtejährliche Einnahmen in Höhe von 120 Millionen Dollar, und dieZinszahlungen wurden wiederaufgenommen. Wie der Kongreßabge-ordnete Philip Crane bemerkte:
Zur Zeit von Torrijos Coup 1968 lagen Panamas offizielle Übersee-schulden auf einem handhabbaren und im internationalen Vergleichbescheidenen Niveau von 167 Millionen Dollar Unter Torrijosexplodierte die Verschuldung um 1000 Prozent auf unglaubliche1,5 Milliarden Dollar Die Schuldentilgung verschlingt inzwischengeschätzte 39 Prozent des gesamten Staatshaushaltes ... Wie esaussieht, geht es hierbei nicht nur um Hilfe für einen hochstapleri-schen Diktator in Form von neuen Subventionen und Einnahmen ausdem Betrieb des Kanals für das Regime Torrijos, sondern um dieHilfe für eine ganze Reihe von Banken, die Besseres hätten tunsollen, statt in Panama zu investieren, und die, gleichgültig waspassiert, nicht aus ihrer eigenen Verantwortung entlassen werdendürften.(16)
Die Hilfe für Panama war praktisch einzigartig. In keinem anderenLand besaßen wir ein geldbringendes Unternehmen zum Weggeben, sodaß von diesem Punkte an das »Bailout« nur mit Bargeld bewerkstelligtwerden konnte. Um den Weg hierfür zu ebnen, verabschiedete derKongreß 1980 den »Monetary Control Act«, der die Federal Reserveberechtigte, Auslandsschulden in »Zahlungsmittel« umzuwidmen. Diesist der Jargon der Banker mit der Bedeutung, daß das FED fortanberechtigt war, Geld aus dem Nichts zu schaffen zum Zwecke derAusleihung an ausländische Regierungen. So werden diese Darlehen als
(16)Philip M. Crane, Surrender in Panama (Ottawa, Illinois: Caroline House Books,1978), S. 64, 68.
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»Aktiva« klassifiziert und später als eine Art von Sicherheit für dieSchaffung weiteren Geldes in den Vereinigten Staaten benutzt. Dies wartatsächlich eine revolutionäre Ausweitung des Einflusses des FED aufdie Inflation. Bis dahin war ihm nur gestattet, Geld für die amerikani-sche Regierung zu schaffen. Von jetzt an war es in der Lage, dies für jedeRegierung zu tun. Und seitdem hat es als Zentralbank für die gesamteWelt gewirkt.
Mexiko
1982 lief beinahe jede Dritte-Welt-Regierung ihren Zahlungenhinterher. Mexiko ging voran mit der Ankündigung, es könne bei seinen85 Milliarden Dollar Schulden kein Geld mehr überweisen. HenryWallich, der Präsident der Federal Reserve, eilte in die Schweiz, um ein4,5-Milliarden-Dollar-Darlehen des IWF durch die Bank of Internatio-nal Settlements auszuhandeln. Zentralbanken aus Europa und Japanstellten ungefähr 40 Prozent, also 1,85 Milliarden Dollars bereit, derRest kam von der Federal Reserve. Die Geschäftsbanken verzögertenjegliche Auszahlung für zwei Jahre, aber mit der Infusion neuerDarlehen konnte die Zahlung der Zinsen wiederaufgenommen werden.Das eigentliche Problem war jedoch nicht gelöst. Innerhalb wenigerJahre befand sich Mexiko erneut in Schwierigkeiten, und 1985stimmten die Banken einem Aufschub der Rückzahlung von 29 Milliar-den Dollar zu; gleichzeitig gewährten sie weitere 20 Milliarden, wasnichts anderes heißt, als daß sie neue Darlehen zur Tilgung der altenaushändigten.
Im selben Jahr erläuterte der Finanzminister James Baker denRegierungsplan, die Welt-Schuldenkrise zu lösen. Dies war im Grundeeine förmliche Ermunterung der Banken, weiterhin Geld an die DritteWelt auszuleihen, vorausgesetzt, daß diese wirtschaftliche Reformen inRichtung eines freien Marktes versprachen. Das Ganze war eher einePhilosophie als ein Plan, denn es bestand kaum Hoffnung, daß diesesVorhaben von irgendeinem international unterstützten sozialistischenLand akzeptiert werden würde. Hinter der Ankündigung verbarg sichdas Versprechen, daß man auf die Bundesregierung (mit Hilfe desFederal Reserve Systems) zählen könnte, sobald es um die Rückzahlungder Darlehen ging. Baker setzte sich für Zuwendungen in Höhe von29 Milliarden, gestreckt über drei Jahre, vornehmlich für lateinamerika-nische Länder ein – mit Mexiko an der Spitze.
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Währungs-Tausch
Kurz nachdem die mexikanische Regierung 55 Milliarden an FidelCastro ausgeliehen hatte, erklärte sie den Banken: »Wir werden nur dasbezahlen, was wir haben, und nicht mehr.« Woraufhin Paul Volcker vonder Federal Reserve nach Mexiko zu einem Treffen mit FinanzministerJesus Silva Herzog eilte und den amerikanischen Steuerzahler alsLückenbüßer anbot. Ein kurzfristiges Darlehen in Höhe von 600 Millio-nen Dollar sollte Mexiko bis über die Wahlen vom 4. Juli helfen. Dieswurde als Währungstausch bezeichnet, denn Mexiko stellte imAustausch die gleiche Summe in Pesos bereit mit dem Versprechen,diese später wieder mit amerikanischen Dollar auszulösen. Natürlichwaren Pesos auf dem internationalen Markt absolut wertlos, weshalbMexiko schließlich Dollar zu bekommen versuchte.
Die Bedeutung dieser Transaktion lag eigentlich nicht in ihrer Größeoder auch der Form der vereinbarten Rückzahlung. Wichtig war die Artund Weise. Erstens wurde sie direkt von der Federal Reserve getätigt,die damit als Zentralbank für Mexiko und nicht für die USA agierte; undzweitens geschah dies alles unter absoluter Geheimhaltung. WilliamGreider mit einigen Einzelheiten:
Der Währungstausch hatte einen weiteren Vorteil: Man konnte ihn imGeheimen realisieren. Volcker informierte diskret sowohl die Regie-rung und die führenden Kongreßabgeordneten, und niemand legteWiderspruch ein. Doch die Veröffentlichung eines solchen Währungs-tausches mußte nur vierteljährlich bekanntgegeben werden, so daßein Notfall-Darlehen des FED erst drei oder vier Monate späteroffengelegt werden mußte ..., bis dahin, so hoffte Volcker, würdeMexiko vom IWF weitere bedeutende finanzielle Unterstützungerhalten haben ..., die ausländische Unterstützung wurde so geheimwie möglich vollzogen, um eine Panik zu vermeiden, aber auch umeine politische Kontroverse im Lande zu vermeiden ... Mexiko ausder Patsche zu helfen, so dachte man, sei eine zu ernste Angelegen-heit, um darüber einen Streit vom Zaun zu brechen.(17)
Schulden-Tausch
Der Währungstausch löste nicht das Problem. Im März 1988 kamendeshalb die Spieler und Schiedsrichter überein, ein neues Spielmanöver
(17)Greider, S. 485-486.
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einzuführen: einen Buchhaltungstrick, genannt »Schulden-Tausch«.Ein Schulden-Tausch ähnelt einem Währungs-Tausch insofern, als dieVereinigten Staaten etwas von echtem Wert gegen etwas andereseintauschten, das eigentlich wertlos ist. Doch statt Währungen werdenhier öffentliche Staatsanleihen getauscht. Die Transaktion wird durchden Zeitwert dieser Schuldverschreibungen kompliziert. Währungenwerden an ihrem unmittelbaren Wert gemessen, also an dem, was mansich heute dafür leisten kann, doch Schuldverschreibungen werden anihrem künftigen Wert gemessen, also daran, was man sich dafür inZukunft wird kaufen können. Nachdem dieser differenzielle Faktorermittelt wurde, ist der Prozeß im Grunde der gleiche. Und sofunktionierte es:
Mit Hilfe von amerikanischen Dollars erwarb Mexiko für 292 Mil-lionen langfristige Schatzanweisungen, die keine unmittelbaren Zinsenabwarfen, für die aber nach 20 Jahren 3,67 Milliarden Dollar ausgezahltwerden sollten. (Dabei handelt es sich um abgezinste Anleihen.) Danngab Mexiko eigene Staatsanleihen aus, bei denen die amerikanischenSchuldverschreibungen als Nebensicherheit dienten. Dies bedeutete,daß der künftige Wert der mexikanischen Anleihen, die vorher alswertlos eingestuft worden waren, nun vom amerikanischen Staatgarantiert wurden. Die Banken tauschten eifrig ihre alten Anleihengegen diese neuen mexikanischen Schuldverschreibungen im Verhältnis1,4 zu 1. Mit anderen Worten: Sie akzeptierten 100 Millionen DollarAnleihen im Austausch dafür, daß sie 140 Millionen Dollar alterSchulden strichen. Dies reduzierte zwar ihre Zinseinnahmen, unddennoch waren sie glücklich über diesen Tausch, denn damit hatten siepraktisch wertlose Anleihen gegen voll garantierte getauscht.
Dieses Manöver wurde in der Presse als Geldzauberei begrüßt. Essollte der mexikanischen Regierung jährlich mehr als 200 MillionenDollar Zinsen sparen, gleichzeitig den Cashflow zu den Bankenaufrechterhalten und – Wunder über Wunder – die amerikanischenSteuerzahler nichts kosten.(18) Der Gedankengang war, daß die Schatzan-weisungen zu normalen Marktpreisen veräußert wurden. Die mexikani-sche Regierung zahlte dafür ebensoviel wie jeder andere. Dieser Teil derGeschichte stimmte, doch was die Kommentatoren übersahen: Woherhatte Mexiko die amerikanischen Dollars für den Kauf dieser Anleihen?
(18)»U.S. Bond Issue Will Aid Mexico in Paying Debts« von Tom Redburn in: LosAngeles Times, 30. Dezember 1987.
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Sie stammten vom IWF in Form »ausländischer Währungsreserven«.Anders ausgedrückt: Es waren Subventionen der Industrienationen,allen voran der Vereinigten Staaten. Das amerikanische Finanzministe-rium hatte also den Löwenanteil des Geldes zum Kauf seiner eigenenStaatsanleihen bereitgestellt. Es stürzte sich noch einmal eine halbeMilliarde tiefer in die Verschuldung und willigte ein, 3,7 Milliardenzusätzlich in Zukunft zu zahlen, damit die mexikanische Regierungweiterhin den Banken Zinsleistungen erbringen konnte. Dieses nenntman »Bailout«, und das alles fällt irgendwann auf den Steuerzahlerzurück.
Der IWF als letzter Bürge
Im folgenden Jahr flogen Außenminister James Baker (CFR) undFinanzminister Nicholas Brady (CFR) nach Mexiko zur Unterzeich-nung eines neuen Schulden-Abkommens, das den IWF als letztenBürgen einbeziehen sollte. Der IWF vergab ein neues Darlehen in Höhevon 3,5 Milliarden Dollar (später auf 7,5 Milliarden erhöht), dieWeltbank spendierte weitere 1,5 Milliarden, und die Banken reduziertenihre Forderungen um ein Drittel. Die Privatbanken waren rasch bereitzur Erteilung neuer Gelder und zur Umschuldung. Wieso auch nicht?Die Zinszahlungen wurden jetzt von den Steuerzahlern der USA undJapans garantiert.
Natürlich löste dies alles nicht endgültig das eigentliche Problem,denn die mexikanische Wirtschaft litt unter massiver Inflation wegender internen Verschuldung, die zu den Schulden bei ausländischenBanken hinzukam. Die Bezeichnungen »interne Verschuldung« und»interne Anleihen« sind allgemein ein Hinweis auf die Tatsache, daßeine Regierung die Geldmenge durch den Verkauf von Schuldverschrei-bungen aufgebläht hat. Die Zinsen, die man bieten muß, um Anlegeranzulocken, können astronomisch hoch sein; die Zinsen für Mexikosinterne Verschuldung zogen dreimal so viel Geld aus der Wirtschaft alsdie Bedienung der ausländischen Anleihen.(19)
Trotz dieser Realität erklärte John S. Reed (CFR), der Präsident derCiticorp, einer der größten Geldgeber Mexikos, man würde noch vielmehr Geld bereitstellen. Wieso? Hatte dies irgend etwas damit zu tun,daß die Federal Reserve und der IWF die Rückzahlungen garantieren
(19)»With Foreign IOUS Massaged, Interest Tunis of Internal Debt«, Insight,2. Oktober 1989, S. 34.
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würden? Keineswegs! »Wir glauben an die Kraft der mexikanischenWirtschaft«, erklärte er.(20)
Ende 1994 ging das Spiel weiter, und auch die Regeln waren diegleichen. Am 21. Dezember erklärte die Regierung, sie könne denfestgelegten Kurs zwischen dem Peso und dem Dollar nicht längerhalten, und der Peso müsse nun auf dem freien Markt floaten, um seinenechten Wert zu bestimmen. Am folgenden Tag stürzte er um 39 Prozentab, und der mexikanische Aktienmarkt geriet ins Trudeln. Wiedereinmal konnte Mexiko keine Zinsen zahlen. Am 11. Januar beschworPräsident Clinton (CFR) den Kongreß, weitere amerikanische Garan-tien für neue Darlehen bis zu 40 Milliarden Dollar zu gewähren.Finanzminister Robert Rubin (CFR) erklärte: »Im Urteil aller, ein-schließlich Präsident Alan Greenspan [CFR], ist die Wahrscheinlichkeiteiner Rückzahlung [durch Mexiko] extrem hoch.« Doch während derKongreß darüber noch beriet, tickte bereits die Uhr der Anleihen. DieRückzahlung von 17 Milliarden Dollar in Form von mexikanischenAnleihen war in 60 Tagen fällig, und vier Milliarden davon schon am1. Februar! Wer sollte die Banken auszahlen?
Die Angelegenheit duldete keinen Aufschub. Am 31. Januarverkündete Präsident Clinton unabhängig vom Kongreß ein »Bailout«-Paket von über 50 Milliarden Dollar für Mexiko. 20 Milliarden solltenvom amerikanischen Exchange Stabilization Fund kommen, 17,8 Milli-arden vom IWF, zehn Milliarden von der Bank für InternationalenZahlungsausgleich und drei Milliarden von Geschäftsbanken.
Brasilien
Auch Brasilien wurde 1982 ein großer Spieler mit der Ankündigung,es sei unfähig zur Rückzahlung seiner Schulden. In einer Sofortaktiongewährte das amerikanische Finanzministerium 1,23 Milliarden Dollar,damit die Schecks weiterhin zu den Banken fließen konnten, und nahmVerhandlungen mit dem IWF für eine dauerhafte Lösung auf. 20 Tagespäter stellte es weitere 1,5 Milliarden bereit, und die Bank fürInternationalen Zahlungsausgleich schickte 1,2 Milliarden. Im folgen-den Monat stellte der IWF 5,5 Milliarden bereit; westliche Bankenmachten zehn Milliarden in Form von Handelskrediten locker; alteSchulden wurden umgeschichtet; 4,4 Milliarden neue Darlehen wurden
(20)»With Foreign IOUS Massaged, Interest Turns of Internat Debt«, Insight,2. Oktober 1989, S. 35.
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von einem Bankenkonsortium unter Leitung der Morgan Bank zurVerfügung gestellt. Die »vorläufigen« Hilfen des Finanzministeriumswurden ohne klares Rückzahlungsdatum verlängert. Ron Chernowkommentiert:
Der ganze Plan war ein verhängnisvoller Präzedenzfall mit demVersuch, die Schuldenkrise durch weitere Schulden zu lösen. Es wareine Farce; die Banker liehen Brasilien Geld mit einer Hand undnahmen es mit der anderen zurück. Dieses konservierte den fiktivenBuchwert von Darlehen in den Bilanzen der Banken. Um dieRettungsaktion als eine großartige neue Syndikatsbildung zu vermit-teln, setzten die Banker hohe Zinsraten und Umschichtungsgebührenoben drauf(21)
1983 schuldete die Dritte Welt etwa 300 Milliarden Dollar den Bankenund 400 Milliarden Dollar den Regierungen der Industrieländer.25 Staaten lagen mit ihren Zahlungen im Verzug. Brasilien konnte zumzweiten Male keine Tilgungen leisten und bat um Aufschub, ebensoRumänien, Kuba und Sambia. Der IWF trat auf den Plan und gewährtezusätzliche Milliarden von Dollars an diese Länder. Das Landwirt-schaftsministerium sorgte mit Hilfe der Commodity Credit Corporationfür die Überweisung von 431 Millionen Dollar an amerikanischeBanken, um die Rückstände von Brasilien, Marokko, Peru undRumänien abzudecken. Beim Abschluß dieser Aktionen erklärte dasWall Street Journal am 20. April 1983, »die internationale Schulden-krise ... ist alles in allem vorbei«.
Nicht ganz. Schon 1987 war Brasilien wieder mit seinem monströsenSchuldenberg von 121 Milliarden Dollar in Schwierigkeiten, diesmalfür eineinhalb Jahre. Trotz der Sturzfluten, die geströmt waren, war esnun so bankrott, daß es nicht einmal mehr Benzin für Polizeifahrzeugeeinkaufen konnte. Als 1989 eine neue Runde von »Bailout« eingeläutetwurde, erklärte Präsident Bush senior (CFR), die einzige wirklicheLösung für die Dritte Welt sei die Streichung aller Schulden. 13 Jahrespäter setzte Präsident Bush jr. die Tradition fort und forderte einweiteres IWF-Darlehen für Brasilien in Höhe von 30 Milliarden,natürlich vom Steuerzahlern zu verbürgen.
Auch wenn diese Geschichte vielleicht durch ständige Wiederholungeintönig wird, ein paar weitere Beispiele.
(21)Chernow, S. 644.
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Argentinien
1982 war Argentinien unfähig, 2,3 Milliarden Dollar, fällig im Juliund August, zu tilgen. Die Banken streckten die Zahlungsfrist, währendder IWF eine neue Zahlung in Höhe von 2,15 Milliarden vorbereitete.Somit wurden die Zinszahlungen wiederaufgenommen, und die argen-tinischen Politiker hatten ein bißchen Geld übrig. Sieben Monate spätererklärte Argentinien, es könne vor dem Herbst 1983 keine weiterenZahlungen leisten. Die Banken begannen sofort Verhandlungen fürUmschuldungen, Garantien und weitere IWF-Leistungen.
Schließlich unterschrieb Argentinien ein Abkommen mit 350 Bankenzur Streckung der Rückzahlungen für knapp ein Viertel seiner Gesamt-schulden in Höhe von 13,4 Milliarden, und die Banken stellten weitere4,2 Milliarden für Zinszahlungen und politische Anreize zur Verfügung.Der IWF gab 1,7 Milliarden. Die Regierung in Washington überwieszusätzlich 500 Millionen Dollar direkt. Sodann überwies Argentinien850 Millionen Dollar überfällige Zinsen an die Banken.
1988 stoppte Argentinien erneut seine Zinszahlungen; umgehendsteckten Banker und Politiker die Köpfe zusammen, um einen weiteren»Bailout«-Plan zu entwerfen. Der Kriegsrat brachte ein ganzes Paketneuer Darlehen, Umschuldungen und Garantieerklärungen hervor. WieLarry A. Sjaastad von der University of Chicago zusammenfaßte:
Es gibt keine amerikanische Bank, die ihr gesamtes lateinamerikani-sches Portfolio für 40 Cent auf den Dollar verkaufen würde, gäbe esnicht die Hoffnung, daß geschicktes politisches Lobbying einenDummkopf auftun würde, der bereit wäre, 50 oder 60 oder gar 90Cent herzugeben. Und dieser Dummkopf ist der amerikanischeSteuerzahler. (22)
Wieder half der IWF Argentinien mit 20 Milliarden 2001 und weiterenacht Milliarden 2002 aus der Patsche.
Die Auflistung wiederholt sich und wird langweilig. Es wärekontraproduktiv, die gleiche schmutzige Geschichte zu erzählen, diesich in vielen Ländern ereignet hat. Das gleiche Spiel wurde immerwieder mit den Mannschaften von Bolivien, Peru, Venezuela, CostaRica, Marokko, den Philippinen, der Dominikanischen Republik undfast jedem anderen unterentwickelten Land der Welt gespielt.
(22)»Another Plan to Mop Up the Mess«, Insight, 10. April 1989, S. 31.
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Die Not zur Annäherung
Dieses bereitet die Plattform zum Verständnis der nächsten Phase desSpieles, die sich schon beim Schreiben dieser Worte auftut. Es geht umdie Einbeziehung Chinas und des früheren Sowjetblocks in den GroßenPlan für ein globales Management. Wie bei den anderen Staaten derWelt ist der primäre Mechanismus zum Erreichen dieses Zieles(wenigstens auf dem Felde der Wirtschaft) der IWF und die Weltbank.(23)
Der Prozeß lautet: erstens Geldtransfer von den Industrieländern(wodurch sie wirtschaftlich auf einen passenden gemeinsamen Nennerheruntergezogen werden), und zweitens die Schaffung effektiverKontrollen über die politischen Führer der Empfängerländer, währendsie von den Geldzuflüssen abhängig werden. Neu und mit früherenEntwicklungen nicht zu vergleichen ist die Tatsache, daß der Kommu-nismus nicht nur zusammengebrochen ist, sondern daß nun einevernünftige Erklärung dafür gilt, daß die Industrienationen ihrenLebenssaft jetzt in die Venen ihrer früheren Feinde fließen lassenkönnen. So wird auch eine globale, politische »Konvergenz« geschaf-fen, die von dem CFR-Theoretiker Richard Cooper als Voraussetzungdafür erklärt worden war, daß Amerikaner sich ihr eigenes Schicksalvon einer anderen Regierung als ihrer eigenen bestimmen lassenwürden.
China
Rotchina trat dem IWF/der Weltbank 1980 bei und erhielt sofortMilliarden-Kredite, obwohl bekannt war, daß es einen großen Teilseiner Ressourcen ins Militär steckte. 1987 war China nach Indien derzweitgrößte Schuldner des IWF, und die Überweisungen sind seitdemständig gestiegen.
Die Bank hat versichert, daß Darlehen wirtschaftliche Reformenzugunsten des privaten Sektors anstoßen würden. Doch nichts davonfloß wirklich in den privaten Sektor. Statt dessen wird alles in dieRegierungsbürokratie gelenkt, die ihrerseits den freien Markt behindert.Nachdem 1989 der Mittelstand und die Landwirtschaft des privatenSektors zu blühen und vergleichbare staatliche Unternehmen zuüberholen begannen, führten Rotchinas Führer strickte Kontrollen einund erhöhten die Steuern. Vize-Premierminister Yao Yilin erklärte, es
(23)Andere Mechanismen wie Kultur, Erziehung, politische Souveränität und dasMilitär sind bei den Vereinten Nationen angesiedelt.
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gebe zuviel unnötige Bautätigkeit, zu viele private Kredite und zu vieleAusgaben für solchen »Luxus« wie Automobile und Feste. Um dieseExzesse zu beenden, meinte er, müsse die Regierung stärker die Löhne,Preise und Geschäftsaktivitäten kontrollieren.
Also stellt sich hier die Frage, wieso China überhaupt dieses Geldbenötigte. Ist es für die Entwicklung seiner Industrie oder der natür-lichen Ressourcen? Soll es im Kampf gegen Armut und zur Hebung desLebensstandards eingesetzt werden? James Bovard hierzu:
Die Verteidigung der Weltbank bezüglich ihrer China-Politik istbesonders deshalb verwirrend, weil China selbst sich bei ausländi-schen Investitionen engagiert. Die Weltbank gewährt China Geldohne Zinsen, und China seinerseits kauft umgehend Landbesitz inHong Kong, in den Vereinigten Staaten, in Australien und anderswo.Ein Volkswirtschaftler der Citybank schätzt Chinas Direktinvestitionenin Grundbesitz, Industriebetriebe und das Dienstleistungsgewerbeallein in Hong Kong auf über sechs Milliarden Dollar 1984 betrugChinas Netto-Kapitalabfluß rund eine Milliarde. Außerdem hatChina ein Auslandshilfsprogramm in Höhe von mehr als sechsMilliarden Dollar in den letzten Jahrzehnten, zumeist für linksge-richtete Regime, gewährt.(24)
Die große Täuschung
Es ist des Autors Behauptung, daß der feierlich angekündigteAbgang des Kommunismus im Sowjetblock eine Mischung ausTatsache und Phantasie ist. Auf der unteren Ebene der Gesellschaft magdies stimmen, weil dort die Menschen den Kommunismus schon langeabgelehnt hatten. Der einzige Grund, weshalb sie ihn für so viele Jahrezu umarmen schienen, war der Mangel an Alternativen. Solange dieSowjets im Besitz der Waffen und der Kommunikationsmittel waren,mußten die Menschen ihr Schicksal hinnehmen. Doch an derPyramidenspitze der staatlichen Gewalt sieht es anders aus. Dieobersten kommunistischen Führer waren niemals ihren Gegenspielernim Westen so feindlich gesonnen, wie die Rhetorik dies glauben machenmöchte. Sie gingen recht freundlich mit den führenden Finanzleuten derWelt um und haben eng mit ihnen zusammengearbeitet, solange esihnen paßte. Wie wir im folgenden Abschnitt sehen werden, ist die
(24)Bovard, S. 18-19.
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Bolschewistische Revolution tatsächlich von reichen FinanzleutenLondons und New Yorks finanziert worden. Lenin und Trotzki standenauf gutem Fuße mit solchen monetären Interessen ..., sowohl vor alsauch nach der Revolution. Solche verborgenen Verbindungen bestehenbis zum heutigen Tage; ab und zu kommen sie an die Oberfläche, wennz. B. ein David Rockefeller sich für ein vertrauliches Gespräch mitMichail Gorbatschow traf, ohne daß diplomatische oder regierungsamt-liche Gründe dafür sprachen.
Es wäre nicht aus der Luft gegriffen, sich ein Szenario vorzustellen,in dem die Führer der kommunistischen Länder das Ende ihrer Machtgekommen sehen. Es gibt da einen Punkt, bei dem selbst physischeGewalt nicht ausreicht, vor allem dann, wenn die frühere Loyalität derBewaffneten zu schwinden beginnt. Während der wirtschaftlicheWundbrand sich über die Beine in das sozialistische System hocharbei-tet, erkennen sie die Alternative: Finanzielle Unterstützung von draußenoder Untergang. In solch einem Szenario können stille Abkommen zumgegenseitigen Nutzen ausgearbeitet werden. Der Plan könnte so einfachsein wie ein Football-Spiel an der Schule: Man tut etwas, um dieAbsicht zu verdecken, daß man etwas ganz anderes wünscht. Währenddie Amerikaner bereit sind, solche Täuschungen auf einem Football-Platz hinzunehmen, können sie kaum glauben, daß Welt-Finanz-fachleute und Politiker dazu fähig sind. Diese Vorstellung wird rundwegabgelehnt als eine »Konspirationstheorie«.
Dennoch stellen wir in diesem Szenario die Theorie auf, daß sich dieVerhandlungsseiten darüber einig sind, der kommunistische Blockbenötige finanzielle Unterstützung. Jeder weiß, die westlichen Nationenhaben die nötigen Mittel. Man kommt überein, der beste Weg für Geld-Transfers aus den industrialisierten Nationen zu den kommunistischenLändern führt über internationale Institutionen wie IWF/Weltbank. Esbesteht Übereinstimmung, daß dieses erst geschehen kann, sobald dieFeindseligkeit zwischen den politischen Systemen von politischerKonvergenz ersetzt ist. Man stimmt überein, daß Konflikte in derZukunft für beide Seiten verlustreich und gefährlich sein können. Mankommt also am Ende überein, daß der Sowjetblock seine globaleAggression aufgeben müsse, während die westlichen Nationen sich inRichtung Sozialismus bewegen müßten ..., notwendige Schritte also fürdas langfristige Ziel, in einer Weltregierung aufzugehen. Doch dabeimüsse man sicherstellen, daß die existierenden kommunistischenFührer weiterhin die Kontrolle über ihre jeweiligen Staaten behalten.
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Aus Kommunisten werden Sozialdemokraten
Sie ändern also ihr öffentliches Erscheinungsbild zu dem von»Sozialdemokraten«. Sie wenden sich gegen die brutalen Exzesse ihrerVorgänger und bieten größere Meinungsfreiheiten für die Medien. Einpaar entbehrliche Individuen in ihren Rängen werden aus dem Amtgejagt als Beispiel dafür, daß die alte Ordnung vorbei ist. Staaten, dieeinst von der Sowjetunion gefangengehalten worden waren, dürfen nuneigene Wege gehen und später auf freiwilliger Basis zurückkehren.Sollte irgendeiner der neuen unabhängigen Staaten die wahre Unabhän-gigkeit statt einer Allianz mit Rußland bevorzugen, wird er ersetzt.
Sonst sind keine weiteren Änderungen nötig. Der Sozialismus bleibtdas wirtschaftlich vorherrschende System, und obwohl Lippenbekennt-nisse für Konzepte des freien Marktes abgegeben werden, bleiben alleProduktionsmittel wie die gesamte Wirtschaft unter staatlicher Kontrol-le. Die alten Kommunisten wurden zu Sozialdemokraten, und ohneAusnahme wurden sie zu Führern der neuen Systeme. Der Westenfrohlockt, und das Geld kann fließen. Obendrein werden die früherenBolschewisten nun von der Welt als große Staatsmänner geehrt, die denKalten Krieg beendeten, ihren Völkern die Freiheit brachten und eineNeue Weltordnung schufen.
Wann verabschiedete sich der Kommunismus? Wir sind nicht sicher.Wir wissen nur, daß wir eines Tagen die Zeitung aufschlugen, und dawar es geschehen. Sozialdemokraten überall. Niemand konnte nocheinen Kommunisten entdecken. Russische Führer sprachen wie langjäh-rige Feinde des alten Regimes. Perestroika! Der Kommunismus war tot.Er wurde nicht von einem Feind besiegt, er schaffte sich selbst ab. Erbeging Selbstmord!
Scheint es nicht seltsam, daß der Kommunismus ohne Kampf abtrat?Ist es nicht merkwürdig, daß ein aus Klassenkonflikten und Revolutiongeborenes System, das sich mit Gewalt und Macht fast ein Jahrhundertgehalten hatte, nun einfach verschwand? Der Kommunismus wurdenicht gestürzt von Menschen, die mit Knüppeln und Heugabeln dasJoch der Tyrannei abschütteln wollten. Es gab keine Revolution oderKonterrevolution, keine lange Periode der Spaltung oder blutigeAufstände zwischen verfeindeten Gruppen. Es geschah einfach!Tatsächlich wurde Blut in den Straßen vergossen, wo oppositionelleGruppierungen um die Macht stritten, doch das war, nachdem derKommunismus weg war, nicht vorher. So etwas war noch nie in derGeschichte geschehen. Bis dahin war alles ganz anders als normale
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Reaktionen der Regierungen, und es war der wahren Natur der Machtfremd, die niemals ohne einen Kampf auf Leben und Tod aufgibt. Diesist tatsächlich ein großes Rätsel ... Es sollte Anlaß zum Nachdenkensein.
Unsere Prämisse ist, daß der sogenannte Abgang des Kommunismuseine Große Täuschung war, nicht wirklich anders als viele andere, die indiesem Buch vorgeführt werden. Wir betrachten dies alles als einTheaterspiel für den mehrfach genannten Zweck: den Übergang zueiner Weltregierung. In unserer Ansicht ergibt nur dieses Szenario einenSinn in Anbetracht der heutigen geopolitischen Realitäten, und es ist daseinzige, das mit den Lehren der Geschichte im Einklang steht.
Natürlich ist uns bewußt, daß solch eine Ansicht im Gegensatz zu derallgemeinen Ansicht steht. Für viele Menschen ist schon die Aussprachesolcher Dinge schockierend. Ohne umfangreiche Beweise könnte manniemanden von der Wahrheit überzeugen. Derer gibt es in Massen, dochsie würden den Umfang dieser Studie sprengen. Nachdem wir dieserwähnt haben, werden wir es als Klarstellung der Ansichten des Autorshinter uns lassen, so daß der Leser, wenn er möchte, darüber hinweg-gehen kann.
Osteuropa
Die amerikanische Hilfe für osteuropäische Staaten, als sie nochMarionetten der Sowjetunion waren, wurde genauso begründet wie dieHilfe für China: Sie würde der Wirtschaft auf die Beine helfen, denMenschen zu einem besseren Leben verhelfen und sie vom Kommunis-mus wegbringen. Die Befürworter dieser Theorie verweisen jetzt aufden Untergang des Kommunismus als Beweis für die Richtigkeit ihresPlanes. Die Wahrheit jedoch ist, daß das Geld nicht die Wirtschaft dieserLänder gestärkt und nicht den Menschen einen besseren Weg desLebens gezeigt hat. Tatsächlich half es den Menschen in keinster Weise.Es floß direkt zu den Regierungen und wurde für Regierungsprojekteverwendet. Es stärkte die herrschenden Parteien und half ihnen, an derMacht zu bleiben.
Es ist wohlbekannt, daß einer der Gründe für die wirtschaftlicheSchwäche Polens damit zu erklären war, daß ein Großteil seinerProduktivität in die Sowjetunion zu konzessionierten Preisen geschafftwurde, um dort das Militär zu stärken. Panzer aus Polen kämpften imVietnam-Krieg; 20 Prozent der sowjetischen Handelsmarine stammteaus Polen; 70 Prozent von Polens Computer- und Lokomotiv-Produk-
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tion und über 80 Prozent seiner Kommunikationsausrüstungen wurdenden Sowjets geliefert; amerikanisches Getreide, das Polen mit vonamerikanischen Banken geborgtem Geld erwarb, wurde nach Kubaverschifft. Polen war nichts mehr als ein Mittelsmann, ein Vermittler fürRußland und seine Satelliten. Die Banken unterstützten in WahrheitRußland.
1982 geriet Polen zum ersten Mal mit seinem Darlehen inSchwierigkeiten, die von der US-Regierung durch die CommodityCredit Corporation verbürgt waren. Nach den Bestimmungen diesesAbkommens waren die Steuerzahler für jeden Bankkredit in der Pflicht,der nicht bedient wurde. Darauf hatten sich die Banken schon beimAbschluß der Abkommen verlassen, aber die Einstufung als »ungetilgt«hätte den Banken auferlegt, sie aus ihren Aktiva zu streichen. Dies warnatürlich nicht akzeptabel, denn dann hätten die Bilanzen so schlechtausgesehen, wie sie wirklich waren. Also stimmte das Ministerium zu,die Regel so großzügig auszulegen, daß Zahlungen ohne die Notwen-digkeit eines solchen Vermerkes möglich wurden. Diese Praxis wurdeschließlich von einem zornigen Kongreß beendet, aber erst nachdem dieRegierung Reagan alles so lange hinausgezögert hatte, daß sie400 Millionen Dollar für Polen direkt an die Banken auszahlen konnte.
Im November 1988 gewährte die Weltbank Polen das erste Darlehenin Höhe von 17,9 Millionen Dollar. In einem dramatischen Beispieldafür, was der Präsident unter dem Begriff »Schuldentilgung« verstand,strich die Regierung von Präsident Bush volle 70 Prozent der3,8 Milliarden, die Polen den Vereinigten Staaten schuldete. Steuerzah-ler mußten diese Summe ausgleichen.
Die gleiche Geschichte trug sich in allen ehemaligen Sowjetstaatenzu. Kurz bevor Ungarn 1980 dem System IWF/Weltbank beitrat, lagsein jährliches Bruttosozialprodukt pro Kopf bei 4180 Dollar. Diesstellte ein gewisses Problem dar, denn die Regeln der Weltbank fürEntwicklungskredite verlangten als Bedingung weniger als 2650Dollar. Kein Problem. 1981 korrigierte die ungarische Regierung dieStatistik von 4180 einfach nach unten auf 2100.(25) Dies war ein Absturzvon 50 Prozent innerhalb eines Jahres, sicherlich eine der härtestenWirtschaftskrisen der Weltgeschichte. Jeder wußte von der Lüge, dochniemand zuckte zusammen. Alles Teil des Spieles. 1989 hatte die
(25)»World Banks Courts Eastern Europe« von Jerry Lewis in: Wall Street Journal,30. August 1984.
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Regierung Bush Ungarn die »Meistbegünstigungsklausel« eingeräumtund einen Sonder-Entwicklungsfonds in Höhe von 25 Millionen Dollareingerichtet.
Rußland
Amerikanische Banken waren stets bereitwillig zur Stelle, derSowjetunion mit Darlehen zu helfen ..., ausgenommen kurze Periodenpolitischen Kalküls, also während der kubanischen Raketenkrise, desVietnam-Krieges, der sowjetischen Invasion in Afghanistan undanderen kurzzeitigen Geschäftsunterbrechungen. Nachdem die Allge-meinheit 1985 ihr Interesse an Afghanistan verloren hatte, nahmen dieBanken der sogenannten »freien Welt« erneut Zahlungen an dieSowjetunion auf. Ein 400-Millionen-Dollar-Paket wurde von einemKonsortium, bestehend aus der First National of Chicago, MorganGuaranty, Bankers Trust, Irving Trust und einem Londoner Ableger derRoyal Bank of Canada geschnürt. Das Darlehen wurde zu ungewöhn-lich niedrigen Zinsen angeboten, »um amerikanisches und kanadischesGetreide kaufen zu können«.
Die öffentliche Entrüstung läuft schnell ins Leere, wenn derangekündigte Zweck eines Darlehens für ein totalitäres Regime damitbegründet wird, daß es damit Güter aus dem Spenderland erwerbensoll ... und um so mehr, wenn es sich dabei um Getreide für Brot oderzur Viehfütterung handelt. Wer könnte ernsthaft dagegen Einsprucherheben, wenn das Geld sofort zu den eigenen Farmern und Händlern inForm von Profiten zurückkehrt? Und wer könnte ein Projekt ablehnen,das Nahrung für die Bedürftigen verspricht?
Die Täuschung kommt auf leisen Sohlen. Tatsächlich wird dasGeld – wenigstens teilweise – für den Kauf von Getreide oder anderenbei uns hergestellten Gütern verwendet. Doch die borgenden Nationenhandeln wie ein Hausbesitzer, der eine neue Hypothek aufnimmt, »umsein Wohnzimmer auszubauen«. Wahrscheinlich wird er dies tun, aberer wird sich doppelt so viel borgen, wie er benötigt, damit er gleichzeitigein neues Auto kaufen kann. Da die Regierung Steuervergünstigungenauf Hypothekenzinsen gewährt, erhält er nun ebenfalls eine Zins-reduktion für den Kauf des Autos. Ebenso borgen sich die bedürftigenLänder mehr, als sie eigentlich brauchen, und so bekommen sie dasganze Geld zu günstigen Konditionen.
Dies aber ist noch nicht der größte Fehler in solchen Transaktionen.Im Falle Rußlands war das Getreide kein kleiner Punkt auf der Liste der
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Notwendigkeiten. Nach wiederholten Fehlschlägen der sozialistischenLandwirtschaft war sie nicht in der Lage, die Menschen zu ernähren.Hungrige Menschen sind gefährlich für eine Regierung. Rußlandbrauchte das Getreide dringender, um die interne Revolte abzuwenden,als der Hausbesitzer sein Wohnzimmer ausbauen mußte. Mit anderenWorten: Rußland mußte das Getreide erhalten, mit oder ohne Darlehen.Andernfalls hätte es die Ausgaben woanders zusammenstreichenmüssen, wahrscheinlich beim Militär. Indem wir Geld »für Getreide«bereitstellten, haben wir sehr wahrscheinlich die Ausgaben für dieRüstung gesichert.
Doch dies ist wahrscheinlich noch immer nicht der größte Makel derKredite für Rußland. Unter dem Strich heißt es, diese Darlehen werdenniemals zurückgezahlt! Wie wir gesehen haben, heißt das Spiel»Bailout«, und es ist so sicher wie die untergehende Sonne, daßRußland irgendwann unfähig sein wird zur Rückzahlung. Der Steuer-zahler der Industrienationen wird dann ein weiteres Mal durch dieMangel des IWF gedreht, um aus ihm die Kaufkraft für die Trans-ferzahlungen herauszuquetschen.
Geschäftsunternehmen in Rußland, versichert von den USA
1990 kündigte die amerikanische Export-/Import-Bank weitereDarlehen für Rußland an. Mittlerweile stellte die Overseas PrivateInvestment Corporation »Versicherungen« für Privatunternehmen be-reit, die in dem früheren Sowjetstaat investieren wollten. Mit anderenWorten bot sie nun die gleichen Leistungen für Industrieunternehmenwie früher für Banken: Garantien für die Investitionen bereitstellen,indem die Regierung (sagen wir der Steuerzahler) sie für möglicheVerluste entschädigen würde. Früher gab es darauf eine äußerstgroßzügige Obergrenze von 100 Millionen Dollar. Doch um noch vielgrößere Geldflüsse nach Rußland zu ermutigen, gestattete die Regie-rung von Bush unbegrenzte Absicherungen für »vernünftige amerikani-sche Investitionen«.
Wären diese tatsächlich vernünftig, würde man keine Regierungs-garantien oder andere Subventionen benötigen. In diesem Spielgeschehen prinzipiell drei Dinge:
1. Internationale Finanzinstitute versorgen die Sozialdemokraten mitGeld, um Güter und Dienstleistungen von amerikanischen Firmenzu erwerben. Niemand erwartet ernsthaft die Rückzahlung. Es
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geht lediglich um eine schlaue Methode für die Umschichtung vonWohlstand von denen, die ihn besitzen, zu jenen, die nichtshaben ..., ohne daß die Habenichtse wirklich aufholen könnten.
2.Amerikanische Firmen brauchen für die Teilnahme kein Geld. Daihre Unternehmungen garantiert werden, sind die Banken eifrigmit Darlehen in jeder Höhe zur Stelle. Effizienz oder Wettbe-werbsfähigkeit zählen nicht. Verträge werden auf der Basis despolitischen Einflusses vergeben. Die Profite sind großzügig undrisikolos.
3.Wenn die Sozialdemokraten schließlich scheitern oder dieGemeinschaftsunternehmen wegen des sozialistischen Mißmanage-ments Geld verlieren, wird die Bundesregierung neue Mittel fürdie Unternehmen und die Rückzahlung der Bankdarlehen bereit-stellen.
So ist es also: Die Sozialdemokraten bekommen die Bonbons, dieUnternehmungen erhalten ihren Profit und die Banken ihre Zinsen aufdas Geld, das aus dem Nichts geschaffen wurde. Klar ist, was derSteuerzahler erhält.
1992 wurde das ermüdende Netzwerk erneut sichtbar. In einemArtikel der New York Times offenbarte Leslie H. Gelb diese Zahlen:
Die Ex-Sowjetstaaten bedienen jetzt nur 30 Prozent ihrer Zins-schulden auf westlichen Darlehen in Höhe von 70 MilliardenDollar ... Verschiedene Formen westlicher Hilfe für die früherenSowjetstaaten summierten sich zu ungefähr 50 Milliarden Dollar inden vergangenen 20 Monaten, und das Geld verschwand buchstäb-lich spurlos, ohne auch nur eine Delle auf dem wirtschaftlichen Bildzu hinterlassen.(26)
Interessant hieran ist, daß Leslie Gelb seit 1973 Mitglied des CFR war.Wie konnte ein CFR-Mann sich so über eines der wichtigsten Manöverder »Neuen Weltordnung« äußern? Die Antwort heißt: Er wollte geradedas Gegenteil bewirken. Tatsächlich wollte er mehr Darlehen und mehrdirekte Hilfe, weil die Not so groß sei! Er wollte Prioritäten setzen,zuerst auf die Unterstützung von Rußlands Atomkraftwerken, derLandwirtschaft und der industriellen Kapazität. Am Ende seines
(26)»The Russian Sinkhole« von Leslie H. Gelb, New York Times, 30. März 1992,S. L-A17.
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Artikels schrieb er: »Die Einsätze könnten gar nicht höher sein. Grundgenug für substanzielle, praktische und sofortige Hilfe ... und nicht fürgroße Illusionen.«
Die Entschuldigung für alles dies ist, daß wir den Geldflußaufrechterhalten müssen, damit Rußland nicht in die Hände dieser»bösen Kommunisten« zurückfällt, die nur darauf lauern, einenAtomkrieg gegen uns zu beginnen. Der Kongreß hört zu und gehorcht.Obwohl die früheren Milliarden »buchstäblich spurlos verschwanden,ohne auch nur eine Delle zu hinterlassen«, gehen die Überweisungenweiter. 1983 stellte die Weltbank erneut eine halbe Milliarde fürRußland bereit. Ehe er sein Amt abgab, sorgte Präsident Bush fürweitere zwei Milliarden Dollar über die Export-/Import-Bank, und derKongreß bestrafte die Wähler mit weiteren 2,5 Milliarden in Form vonAuslandshilfe insbesondere für Rußland. Im Juni dieses Jahresversprachen die G7-Staaten weitere 24 Milliarden, die Hälfte davonsollte vom IWF kommen. 1998 geriet Rußland mit mehreren Milliardenin Verzug, und der IWF restrukturierte die alten Darlehen und stellteneue bereit. 1999 entdeckte man, daß russische Beamte ungefähr20 Milliarden dieser Gelder »gewaschen«, also gestohlen hatten. DerIWF erklärte sein Entsetzen und nahm bald darauf Verhandlungen fürweitere Darlehen auf. Bisher ist kein Ende in Sicht.
Die Verschwörungstheorie
Ein kurzes Nachdenken über diese Ereignisse führt uns zuGewissenskonflikten. Wir müssen einen von zwei Wegen erwählen.Entweder haben die Amerikaner die Kontrolle über ihre Regierungverloren, oder wir weisen solche Informationen als eine Verzerrung derGeschichte zurück. Im ersten Fall werden wir zu Advokaten einerVerschwörungstheorie. Im anderen Falle schließen wir uns denen an,für die alles eigentlich zufällig ist. Eine schwierige Wahl, denn unswurde immer Mißtrauen gegenüber Verschwörungen beigebracht, undnur wenige werden sich öffentlichem Spott aussetzen wollen. Anderer-seits scheinen Zufälle auf diesem Gebiet kaum denkbar. Die Geschichteist eine ununterbrochene Folge von Verschwörungen. Sie stellen dieNorm dar und nicht die Ausnahme.
Die Industrienationen bluten sich bei dem Transfer ihres Wohlstan-des in die gering entwickelten Länder zu Tode. Dies aber wird nicht vonihren Feinden verursacht, sondern von ihren eigenen Politikern. DieserVorgang ist gut koordiniert über nationale Grenzen hinweg und fügt
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sich zusammen mit den Handlungen anderer politischer Führer, die beisich zuhause genauso agieren. Regelmäßig kommen diese Politikerzusammen, um ihre Handlungen abzustimmen. Ohne Planung wäre diesalles nicht möglich.
Ein Sprecher des IWF würde hier zustimmen, natürlich gäbe es einenPlan, und dieser sei, die unterentwickelten Staaten zu unterstützen. Unddennoch haben diese nach 40 Jahren und Hunderten von MilliardenDollar ihr Ziel vollkommen verfehlt. Würden intelligente Menschenglauben, die gleiche Strategie würde in Zukunft plötzlich andereErgebnisse zeigen? Weshalb also bleibt man bei einem erfolglosenPlan? Die Antwort heißt: Sie verfolgen nicht diesen Plan. Sie habeneinen anderen: Aus ihrer Sicht der Dinge war dieser sehr erfolgreich.Sonst müßten wir zu dem Ergebnis kommen, die Führer der Industrie-nationen seien schlichtweg dumm. Doch das glauben wir nicht. DieseMänner und Frauen haben ein anderes Ziel vor Augen als Loyalität fürihr Heimatland. In ihren Herzen mögen sie glauben, daß langfristig dieWelt – einschließlich ihrer Landsleute – ein bessere sein wird. Doch imAugenblick werden ihre Ziele nicht von denen geteilt, die sie in ihr Amtgewählt haben. Also müssen sie ihre Absicht noch vor der Öffentlichkeitverbergen. Wüßten ihre Landsleute die ganze Wahrheit, würden siediese Politiker aus dem Amt jagen oder gar als Verräter hinrichten.
Sollte das nur dem Zufall gehorchen, gäbe es keinen Plan, keineKooperation, kein Ziel und keinen Betrug, sondern nur die blinde Kraftder Geschichte, die den Weg des geringsten Widerstandes geht. Manchemögen dieses Modell bevorzugen, doch die Beweislage sprichtdagegen, und zwar nicht nur die Zahlen aus den vergangenen Kapiteln,sondern auch die Informationen auf den folgenden Seiten. Im Gegen-satz dazu ist die Zufallstheorie nur eine leere Seite.
Zusammenfassung
Die internationale Version des Spieles, genannt »Bailout«, ähnelt derinländischen insoweit, als es immer darum geht, den Steuerzahler fürdie Begleichung von Zinsen heranzuziehen. Die Unterschiede sind nur:Erstens: Statt zu behaupten, es ginge um den Schutz der amerikanischenÖffentlichkeit, lautet der Vorwand, die Welt aus der Armut zu führen.Zweitens: Der wesentliche Geldfluß kommt von der Federal Reservedurch den IWF/die Weltbank. Ansonsten sind die Regeln die gleichen.
Das Spiel hat jedoch noch eine andere Dimension, über Profit undGaunermethoden hinaus. Es ist die bewußte und absichtliche Entwick-
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lung des IWF/der Weltbank hin zu einer Welt-Zentralbank mit derBefugnis, eine weltweite Papierwährung herauszugeben. Und dieswiederum ist ein wichtiger Schritt innerhalb eines größeren Planes zurSchaffung einer echten Weltregierung im Rahmen der VereintenNationen.
Wirtschaftlich starke Nationen sind keine Kandidaten für dieÜbergabe ihrer Souveränität an eine Weltregierung. Deshalb lenkt dasSystem IWF/Weltbank einen massiven Strom des Wohlstands von denIndustrienationen zu den wenig entwickelten Staaten mit Hilfe von»Darlehen«, die niemals zurückgezahlt werden. So wird die Wirtschaftder Reichen bis zu dem Punkt ausgeplündert, da sie selbst Unterstüt-zung benötigen. Sobald sie selbst nicht mehr fähig sind, unabhängig zuhandeln, werden sie dann den Verlust der Souveränität im Austausch fürinternationale Hilfe hinnehmen.
Die unterentwickelten Staaten werden mit einer gänzlich anderenStrategie in die Neue Weltordnung geführt. Viele dieser Länder werdenvon relativ unbedeutenden Tyrannen regiert, die sich wenig um ihreLandsleute scheren und nur darauf bedacht sind, möglichst hoheSteuern herauszupressen, ohne einen Aufstand zu provozieren. IWF-/Weltbank-Kredite sollen am Laufen gehalten werden und die Machtha-ber erhalten ..., und dies genau ist die Absicht. Ungeachtet solcherLippenbekenntnisse wie »Hilfe für die Armen« heißt das wahre Ziel desTransfers von Wohlstand, getarnt als Darlehen: Kontrolle erlangen überdie Führer der schwach entwickelten Länder. Während diese Despotensich an den Geschmack eines scheinbar unbegrenzten Vorrats an süßemBargeld gewöhnen, werden sie mit dieser Gewohnheit nicht mehrbrechen können. Sie werden sich damit zufrieden geben – und sind esschon –, kleine vergoldete Zahnräder in der gigantischen Maschinerieeiner Weltregierung zu werden. Die Ideologie bedeutet ihnen nichts:Kapitalist, Kommunist, Sozialist, Faschist ... was heißt das schon,solange das Geld fließt. Der IWF und die Weltbank kaufen buchstäblichdiese Länder und benutzen dafür unser Geld.
Die Aufnahme Rotchinas und des ehemaligen Sowjetblocks auf dieListe der IWF-/Weltbank-Empfängerländer läutet die letzte Phase desSpieles ein. Da nun Lateinamerika und Afrika in die Neue Weltordnungeingegliedert wurden, ist dieses die letzte Grenze. Innerhalb kurzer Zeitwurden China, Rußland und die osteuropäischen Länder zu großenSchuldenmachern, und bereits jetzt sind sie mit ihren Zahlungen imRückstand.
Teil IISchnellkurs zum Thema Geld
Die acht Kapitel dieses und des folgenden Teiles folgen bestimmtenThemen, aber keiner zeitlichen Abfolge. Einige werden den beschrie-benen Ereignissen vorauseilen und erst später behandelt werden. Beider Breite der Untersuchung mag sich gelegentlich der Leser fragen,ob es überhaupt eine Verbindung zum Federal Reserve System gibt.Seien sie bitte geduldig. Der Zusammenhang wird später deutlichwerden. Des Autors Absicht ist es, Konzepte und Grundregeln zuuntersuchen, ehe wir zu den Ereignissen kommen. Ohne diesenHintergrund wäre die Geschichte der Federal Reserve schlicht lang-weilig. So aber ist die Geschichte ein aufwühlendes Drama, daszutiefst unser tägliches Leben beeinflußt. Beginnen wir also unserAbenteuer mit ein paar Anmerkungen über das Geld an sich.
Kapitel 7
Das barbarische Metall
Die Geschichte und Entwicklung des Geldes; der Auf-stieg des Goldes als universeller Geldvorrat; die Ver-suche von Regierungen, durch die Beschneidung desGoldwertes ihre Untertanen zu betrügen; die Realität,daß jede Goldmenge für ein Geldsystem genügt und»mehr Geld« nicht mehr Gold benötigt.
Ein großes Mysterium umgibt die Natur des Geldes. Allgemein glaubtman, es sei jenseits der Vorstellungskraft der Sterblichen. Nur seltenwird in der Öffentlichkeit nach dem Ursprung des Geldes oder demMechanismus seiner Schaffung gefragt. Wir akzeptieren dies als einTeil des Lebens jenseits unseres Einflusses. Also haben die Bewohnereiner Nation, die sich auf die Regierung durch die Menschen beruft undsich auf ein hohes Wissen der Wählerschaft stützt, selbst auf die Kennt-nis eines äußerst wichtigen Faktors verzichtet, der nicht nur ihre Regie-rung, sondern auch ganz direkt ihr persönliches Leben bestimmt.
Diese Einstellung kommt nicht von ungefähr, und sie ist auch nichtüberliefert. Es gab eine Zeit in der jüngsten Vergangenheit, als derbescheidene Wähler (auch ohne höhere Bildung) gut informiert warüber Geldangelegenheiten und das gesamte politische Umfeld. Wie wirspäter sehen werden, wurden wichtige Wahlen gewonnen oder verloren,je nachdem, wie die Kandidaten sich zur Zukunft einer Zentralbankäußerten. Im Interesse der Geld-Mandarine liegt es heutzutage jedoch,die Öffentlichkeit davon zu überzeugen, diese Thematik sei sowiesoviel zu kompliziert für Anfänger. Mit technischen Ausdrücken undeinem Sumpf von verwirrenden Vorgängen habe sie es geschafft, diewahre Natur des Geldes aus dem öffentlichen Bewußtsein zu verbannen.
Was ist Geld?
Der erste Schritt war die Abschaffung der Definition von Geld. EinArtikel der New York Times vom Juli 1975 begann mit der Frage: »Wasbedeutet Geld heutzutage?« Das Wall Street Journal vom 29. August1975 bemerkte hierzu: »Die Männer und Frauen dieses geheimnisvol-len Erbes (Überwachung des Geldvorrates) ... sind sich selbst nicht
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ganz sicher.« Und in der September-Ausgabe des Jahres 1971 stand inder gleichen Zeitung: »Während eines Seminars des IWF konnten selbsthervorragende Wirtschaftler sich nicht darauf einigen, wie Geld entstehtoder wie die Banken es schaffen.«
Auch die Regierung kann dies nicht. Vor einigen Jahren schickte einMr. A. F. Davis einen Zehn-Dollar-Schein der Federal Reserve zumFinanzministerium. In seinem Begleitschreiben wies er auf die Inschriftder Banknote hin, die da lautete, sie sei ablösbar mit »gesetzlichemGeld«; und dieses Geld wollte er nun zugeschickt haben. Als Antwortsandte ihm das Ministerium zwei Fünf-Dollar-Noten mit der gleichenAufschrift. Mr. Davis schrieb zurück:
Sehr geehrte Herren, hiermit bestätige ich den Erhalt von zwei Fünf-Dollar-Banknoten der Vereinigten Staaten, die ich nach Ihrem Schrei-ben als gesetzliches Zahlungsmittel interpretiere. Darf ich nun dar-aus schließen, daß die Banknoten der Federal Reserve kein gesetzli-ches Zahlungsmittel sind?
Ich lege diesem Schreiben eine Banknote bei, die Sie mir geschickthaben. Ich weise darauf hin, daß sie die Aufschrift trägt, »Die Verei-nigten Staaten von Amerika werden dem Besitzer auf Verlangen fünfDollar zahlen«. Ich verlange hiermit fünf Dollar.
Eine Woche später erhielt Mr. Davis folgende Antwort vom amtieren-den Leiter der Finanzabteilung M. R. Slindee:
Sehr geehrter Mr. Davis, wir bestätigen den Eingang Ihres Schrei-bens vom 23. Dezember einschließlich einer Fünf-Dollar-Note mitdem Verlangen, fünf Dollar dafür auszuzahlen. Wir möchten daraufhinweisen, daß der Begriff »gesetzliches Zahlungsmittel« von derGesetzgebung nicht definiert wurde ... Der Begriff »gesetzlichesZahlungsmittel« besitzt nicht mehr diese Bedeutung. Hiermit sendenwir Ihnen die Banknote zurück, die Sie uns per Brief am 23. Dezem-ber schickten.(1)
Die Phrasen »... werden dem Besitzer auf Verlangen ...« und »... aus-zahlbar in gesetzlichen Zahlungsmitteln ...« wurden 1964 gestrichen.
(1)C. V. Myers, Money and Energy: Weathering the Storm (Darien, Connecticut:Soundview Books, 1980), S. 161, 163.
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Ist Geld wirklich so geheimnisvoll, daß es nicht definiert werdenkann? Handelt es sich dabei um die Münzen und Scheine in unserenTaschen? Geht es um Zahlen auf einem Kontoauszug oder elektronischeImpulse in einem Computer? Geht es um Soll oder Haben auf einemSparkonto oder den verfügbaren Kredit auf einer Karte? Schließt diesden Wert von Aktien und Anleihen und Häusern, Grundstücken oderpersönlichen Besitztümern ein? Oder ist Geld nicht mehr als reineKaufkraft?
Die Hauptaufgabe der Federal Reserve ist die Regulierung des Geld-vorrates. Doch wenn niemand den Begriff Geld definieren kann, wiekönnen wir dann eine Meinung bezüglich des gesamten Geldsystemshaben? Wir können es nicht, und genau dies ist auch die Absicht desKartells.
Der Grund dafür, daß die Federal Reserve ein kompliziertes Systemzu sein scheint, liegt daran, daß die Diskussionen irgendwo in der Mittebeginnen. Sobald wir danach fragen, wurden die Definitionen bereitsverrührt. Unter solchen Umständen ist das geistige Chaos unvermeid-lich. Beginnen wir jedoch am Anfang und arbeiten uns Schritt fürSchritt vom Allgemeinen zum Einzelnen vor und verständigen wir unsjeweils auf die Definitionen, werden wir zu unserer Überraschungfeststellen, daß die Angelegenheit eigentlich sehr einfach ist. Weiterhinist dieser Prozeß nicht nur schmerzlos, sondern – glauben Sie es odernicht – auch ungeheuer interessant.
Die Absicht dieses und der folgenden drei Kapitel ist es also, eine Artvon Schnellkurs über Geld zu bieten. Es wird nicht schwer sein. Siewissen bereits vieles von dem, was kommt. Wir müssen nur vieles sozusammenfügen, daß ein Zusammenhang erkennbar wird. Nach derLektüre der folgenden wenigen Seiten werden Sie das Geld verstehen.Versprochen.
Kommen wir also zu den Grundvoraussetzungen. Was ist Geld?
Eine Arbeitsdefinition
Das Wörterbuch ist wenig hilfreich. Wenn sich Wirtschaftler nichtdarauf verständigen können, was Geld wirklich ist, so liegt das teilweisedaran, daß es dafür so viele verschiedene Definitionen gibt; dies machtes schwer, sich auf eine offensichtliche Antwort zu einigen. Zum Zweckunserer Analyse müssen wir uns jedoch auf eine Definition einigen, sodaß wir wissen, wovon wir reden. Zu diesem Zweck werden wir unsereeigene Definition einfügen, die sich aus den verschiedensten Quellen
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speist. Dabei geht es nicht darum, was unserer Ansicht zufolge Geldsein sollte oder welche besondere Schule der Wirtschaftswissenschaf-ten wir bevorzugen, sondern nur darum, die Frage auf die fundamenta-len Inhalte zu reduzieren und die Realität der heutigen Welt widerzu-spiegeln. Man muß diese Definition nicht übernehmen oder ablehnen.Sie soll nur das Wort verstehen helfen, wie es auf diesen Seiten benutztwird. So also lautet unsere Arbeitsdefinition:
Geld ist alles, was als Mittel des Austausches allgemein akzeptiertwird, und es kann aufgeteilt werden in die folgenden Gruppen:
1.Werte-Geld
2.Empfangs (Quittungs)-Geld
3.Papier-Geld
4.Unbedeutendes Geld
Indem wir die Unterschiede zwischen diesen verschiedenen Sorten vonGeld verstehen, können wir auch das Federal Reserve System begreifenund uns ein Urteil über seinen Wert für unsere Wirtschaft und unsereNation bilden. Schauen wir uns also jede einzelne Form an.
Tauschhandel (vor dem Geld)
Bevor es irgendeine Form von Geld gab, herrschte der Tauschhandel,und es ist wichtig, die Verbindung zwischen den beiden zu verstehen.Beim Tauschhandel geht es darum, ein Gut gegen ein anderes mit demgleichen Wert unmittelbar auszutauschen. Zum Beispiel tauscht Mt Jonessein Ford-Modell gegen einen Steinway-Flügel.(2) Dieser Austausch fin-det ohne Geld statt, denn die Gegenstände werden für sich selbst bewer-tet ohne ein Medium, das später für etwas anderes benutzt werden kann.Dennoch müssen beide Dinge irgendwie wertvoll sein, sonst würde dieandere Partei sich ja nicht dafür interessieren. Auch eine Arbeitslei-stung, die man in diesen Tauschhandel einbringt, muß für eine Parteieinen Wert besitzen. Das Konzept des inneren Wertes ist der Schlüsselfür das Verständnis des Geldwesens, das sich hieraus entwickelte.
(2)Eigentlich hält jede der beiden Parteien das Gut, das sie erhält, für höherwertigals ihr eigenes. Sonst würde sie sich auf diesen Handel nicht einlassen. In derVorstellung der beiden sind diese Güter von ungleichem Wert. Doch dieseMeinung wird von beiden geteilt, womit der Ausgleich hergestellt ist.
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Werte-Geld
In jeder Gesellschaft gab es immer ein oder zwei Produkte, die beimTauschhandel beliebter waren als andere. Sie besaßen Eigenschaften,die besonders nützlich oder reizvoll für alle anderen waren. Irgendwannwurden sie nicht mehr wegen ihres eigenen Wertes gehandelt, sondernweil sie überhaupt einen Wert darstellten, den man später für etwasanderes eintauschen konnte. In diesem Augenblick wurde aus demreinen Tauschgegenstand echtes Geld. Aus einem Ding wurde ein Mitteldes Tausches, und weil dieses Mittel eine Ware mit einem ganz beson-deren ihm innewohnenden Wert war, kann man es als Werte-Geld be-zeichnen.
In den primitiven Gesellschaften wurde zuerst irgendeine Form vonNahrung (Produkte oder Vieh) als erstes ein Werte-Geld. Dies belegtnoch immer unser Wort pekuniär, das sich auf Geld bezieht. Es stammtvon dem Begriff pecunia, der lateinischen Bezeichnung für Kuh.
Sobald sich die Gesellschaft über den reinen Lebenserhalt hinausentwickelte, entstand ein Bedarf an anderen Dingen als Nahrung.Schmückende Gegenstände waren zu Zeiten des Nahrungsüberflussessehr begehrt; häufig wurden bunte Muscheln und Schnecken oder au-ßergewöhnliche Steine geschätzt. Doch niemals erreichten sie die Be-deutung von Rindern, Schafen, Korn oder Getreide, denn diese Grund-nahrungsmittel besaßen einen größeren inneren Wert, auch wenn sienicht als Geld genutzt wurden.
Metall als Geld
Als der Mensch die Gewinnung von Erzen lernte und aus ihnenWerkzeuge und Waffen schmiedete, stieg der Wert des Metalls. Wäh-rend und nach der Bronzezeit wurden Eisen, Kupfer, Zink und Bronzevon Handwerkern und Kaufleuten entlang der großen Handelsroutenund in großen Seehäfen gehandelt. Ursprünglich wurde der Wert vonMetallbarren von ihrem Gewicht bestimmt. Als man sie später mitGewichtsprägungen versah, brauchte man sie nur noch zu zählen. Ob-wohl sie für einen Beutel zu groß waren, waren sie dennoch handlichgenug für den Transport; und in dieser Form wurden sie zwar primitive,aber erste Formen vor Münzen.
Der wichtigste Grund, weshalb Metalle zu Werte-Geld wurden, lag inder bequemen Handhabung. Zusätzlich zu dem ihnen innewohnendenWert können sie nicht verderben, was sie wichtiger macht als Kühe.Durch Schmelzen und Bearbeiten können sie in immer kleinere Einhei-
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ten aufgeteilt und bequem für den Erwerb kleiner Gegenstände verwen-det werden. Dies wäre beispielsweise nicht möglich mit Diamanten,weil es davon nicht viele gibt. Deshalb besitzen selbst kleine Mengeneinen hohen Wert; jedoch sind sie transportabler als beispielsweiseNutzholz. Vielleicht die wichtigste Ähnlichkeit von Metallen mit Geldist die Tatsache, daß man ein genaues Maß anlegen kann. Man muß sichstets vor Augen halten, daß die fundamentale Form und Funktion desGeldes in ihrer Eigenschaft als Lagerhaus und als ein Maß des Wertesliegt. Alle anderen Dinge in der Wirtschaft lassen sich damit verglei-chen. Folglich muß das Geld selbst sowohl meßbar als auch von gleich-bleibendem Wert sein. Die Möglichkeit, Metalle in bezug auf ihreReinheit und ihr Gewicht präzise zu prüfen, macht sie geradezu ideal fürdiese Funktion. Die Experten mögen sich über die tatsächliche Qualitäteines Edelsteines streiten, aber ein Metallbarren ist entweder 99 Prozentrein oder nicht, und er wiegt 100 Unzen oder nicht. Persönliche Vorlie-ben haben nichts damit zu tun, und deshalb ist es nicht verwunderlich,daß auf jedem Kontinent und in der gesamten Geschichte die MenschenMetalle als ideales Lagerhaus und als Wertmaßstab genutzt haben.
Die Vorherrschaft des Goldes
Natürlich gibt es ein Metall, das nach Jahrhunderten des Experimen-tierens als überlegen bewertet wurde. Selbst in der heutigen Welt, woman Geld eigentlich nicht länger definieren kann, weiß jedermannsofort die Bedeutung des Goldes zu schätzen, solange es nichts Besseresgibt. Vielleicht sollten Soziologen erklären, weshalb Gold als universel-les Zahlungsmittel gewählt wurde. Wir müssen nur wissen, daß es dasist. Dennoch handelte es sich um eine wunderbare Entscheidung. Esscheint davon gerade die richtige Menge zu geben, um seinen Wert hochgenug zu halten. Es ist seltener als Silber (das in Währungsdingengleich danach kommt), und häufiger als Platin. Auch die anderen beidenhätten den gewünschten Zweck erfüllen können, doch Gold schien derperfekte Kompromiß. Außerdem wird es noch für viele andere Dingebenötigt. Es wird sowohl von der Industrie als auch von Juwelierenbegehrt, sodaß sein eigentlicher Wert mehrfach gestützt wird. Und natür-lich können seine Reinheit und sein Gewicht präzise bestimmt werden.
Irreführende Theorie der Menge
Häufig wird behauptet, Gold genüge nicht den Anforderungen aneine Währung, weil es in zu geringen Mengen verfügbar sei, um die
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Bedürfnisse des modernen Handels zu befriedigen. Oberflächlich be-trachtet mag dies logisch klingen. Schließlich benötigen wir tatsächlichgewaltige Mengen von Gold, um die Räder der Wirtschaft in Schwungzu halten. Doch beim näheren Hinsehen wird dies ein äußerst kindi-sches Argument.
Zunächst einmal: Schätzungsweise 45 Prozent des Goldes, das seitder Entdeckung Amerikas gefördert wurde, befindet sich jetzt in denTresoren von Regierungen oder Banken.(3)Weitere 30 Prozent sind zuSchmuck verarbeitet worden oder liegen in privaten Safes. Doch einRohstoff, der seit Kolumbus noch immer zu 75 Prozent der gesamtenWeltförderung existiert, ist schwerlich als knapp zu bezeichnen.
Sehr wahrscheinlich ist der Vorrat nicht einmal wichtig. Erinnern wiruns, daß die erste Funktion des Geldes darin besteht, den Wert der damiteingetauschten Waren zu messen. In diesem Sinne dient es als Maßstabeines Wertes. Es ist eigentlich gleichgültig, ob wir die Länge unseresTeppichs in Zentimeter, Yards oder Metern messen. Sogar Miles könn-ten wir dafür benutzen, solange wir Dezimalstellen dranhängen und dasErgebnis in Milli-Miles darstellen. Egal welches Maß wir benutzen, dieWirklichkeit des Gemessenen bleibt unverändert. Unser Teppich wirdnicht größer, nur weil wir die Maßeinheiten vergrößert haben, indemwir zusätzliche Striche auf unser Maßband machten.
Wäre der Goldvorrat im Vergleich zur Menge der verfügbaren Güterso gering, daß eine Münze von einer Unze zu wertvoll wäre für kleineTransaktionen, brauchte man nur Münzen von einer halben oder einerZehntel Unze zu benutzen. Die Menge des Goldes beeinflußt nicht dieMöglichkeit, es als Zahlungsmittel zu benutzen, sondern nur die Menge,die man dafür einsetzt.
Stellen wir uns ein Monopoly-Spiel vor. Jeder Spieler erhält zuBeginn ein Startkapital für seine geschäftlichen Handlungen. Hätten wirmehr Geld, könnten wir nach Belieben schalten und walten. Angenom-men, jemand entdeckt im Schrank noch ein Monopoly-Spiel und schlägtvor, dessen Geld ebenfalls unter die Spieler aufzuteilen. Was würdegeschehen?
Die Geldmenge ist nun verdoppelt. Wir alle besitzen zweimal so vielwie vorher. Aber ginge es uns besser? Es gäbe keine gleichzeitigeDoppelung der Besitztümer, so daß jeder den Preis für irgend etwas so
(3)Elgin Groseclose, Money and Man: A survey of Monetary Experience, 4. Edi-tion (Oklahoma: University of Oklahoma Press, 1976), S. 259.
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hoch treiben würde, daß es doppelt so teuer würde. Mit anderen Worten:Das Gesetz von Angebot und Nachfrage würde rasch wieder den glei-chen Stand erreichen wie zu Zeiten der eingeschränkten Geldmenge.Sobald die Menge des Geldes vergrößert wird, ohne einen parallelstattfindenden Zuwachs an Gütern, tritt eine Verringerung der Kaufkraftjeder einzelnen Geldeinheit ein. Es ändert sich also gar nichts, nur jedereinzelne Preis geht in die Höhe. Dabei handelt es sich jedoch lediglichum den angesetzten Preis, also den Preis pro Geldeinheit. Der wahrePreis im Verhältnis zu allen anderen Preisen bleibt gleich. Nur derrelative Wert des vorhandenen Geldes ist gesunken. Natürlich handelt essich hierbei um den klassischen Mechanismus der Inflation. Preisesteigen nicht wirklich. Statt dessen geht der Wert des Geldes nach unten.Würde der Weihnachtsmann zum nächsten Weihnachtsfest jeden Men-schen auf Erden besuchen und ihm genauso viel Geld schenken wie erbereits besitzt, würden sich viele zweifellos über den plötzlichen Zu-wachs an Reichtum freuen. Doch schon zum Jahreswechsel hätten sichdie Preise für alles praktisch verdoppelt, und der Zuwachs des Welt-lebensstandards wäre exakt gleich Null.(4)
Der Grund, weshalb so viele Menschen dem verlockenden Argumentanheimfallen, die Wirtschaft benötige einfach mehr Geld, liegt nurdaran, daß sie ihre eigene Kasse auffüllen möchten. Würden sie nur füreinen Augenblick die Konsequenzen eines allgemeinen Geldzuwachsesüberdenken, würde ihnen die Unsinnigkeit ihres Vorschlages bewußtwerden.
Hierzu Murray Rothbard, Wirtschaftsprofessor der University of Ne-vada in Las Vegas:
Wir sehen die verblüffende Wahrheit, daß die Menge des Geldeseigentlich unwichtig ist. Jedwede Menge ist so gut wie jede andereMenge. Der freie Markt wird sich darauf einstellen durch die Anpas-sung der Kaufkraft gemessen am Gold. Es besteht keine Notwendig-keit für den geplanten Zuwachs des Geldvorrates, um etwa besondereUmstände auszugleichen oder künstlichen Bedürfnissen zu folgen.Mehr Geld schafft nicht mehr Kapital, erhöht nicht die Produktivitätund fördert kein »wirtschaftliches Wachstum«.(5)
(4)Wer zuerst zum Markt eilt, würde allerdings vorübergehend von den altenPreisen profitieren. Von der Inflation werden die Sparer bestraft.
(5)Murray Rothbard, What Has Government Done to Our Money? (Larkspur,Colorado: Pine Tree Press, 1964), S. 13.
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Geld garantiert Preisstabilität
Die Federal Reserve behauptet, eines ihrer wichtigsten Ziele sei diePreisstabilität. Hierin ist sie erbärmlich gescheitert. Ironischerweise istdie Einhaltung von Preisstabilität das einfachste auf der Welt. Wirbrauchen nur die Finger von der Geldmenge zu lassen und den freienMarkt nicht zu behindern. In einem Werte-Geld-System bleiben diePreise automatisch stabil, vor allem bei einem Goldstandard.
Volkswirtschaftler demonstrieren die Funktionsweise des Marktesgerne mit hypothetischen Mikro- und Makro-Wirtschaften, in denenalles auf ein paar Faktoren und ein paar Menschen reduziert ist. LassenSie uns also eine hypothetische Wirtschaft aus nur zwei Arten vonMenschen schaffen: Goldgräber und Schneider. Nehmen wir an, dasGesetz von Angebot und Nachfrage hat den Wert einer Unze Gold mitdem Wert eines maßgeschneiderten Anzuges gleichgesetzt. Dabei sindalso die Arbeit, die Werkzeuge, Materialien und das Können, um eineUnze Gold zu fördern und zu schmelzen, gleichwertig der Arbeit, denWerkzeugen, dem Können usw., das zur Schaffung eines Anzuges benö-tigt wird. Bis jetzt ist die jährlich produzierte Zahl von Goldunzenungefähr gleich der Zahl an jährlich geschneiderten exquisiten Maßan-zügen. Die Preise blieben gleich. Ein Anzug kostet eine Unze Gold, undder Wert einer Unze Gold ist gleich dem Werte eines maßgeschneider-ten Anzuges.
Nehmen wir nun an, daß die Minenarbeiter in ihrem Bemühen, einenhöheren Lebensstandard zu erwerben, Überstunden machen und mehrGold als in früheren Jahren produzieren, oder daß sie neue Goldadernentdecken, die ihre Produktion fast mühelos in die Höhe schnellen läßt.Das Gleichgewicht ist nun verloren. Es gibt mehr Gold als Anzüge. DasErgebnis dieser Ausweitung des Geldvorrates über die Menge der zurVerfügung stehenden Güter hinaus ist vergleichbar mit unserem Mono-poly-Spiel. Die für Anzüge angesetzten Preise gehen nach oben, wäh-rend der relative Wert des Goldes sinkt.
Das ist aber nicht das Ende der Geschichte. Sobald die Minenarbeiterentdecken, daß sie trotz ihrer Mehrarbeit kein besseres Leben haben,und wenn sie vor allem entdecken, daß die Schneider höhere Gewinnemachen, ohne mehr zu arbeiten, werden einige der Minenarbeiter ihrePickel zur Seite legen und Schneider werden. Sie werden also demGesetz von Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt gehorchen.Sobald dies eintritt, wird die jährliche Goldproduktion wieder sinken,während die Zahl der Anzüge steigt, bis ein erneuter Ausgleich zwi-
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schen Anzügen und Gold erreicht ist. Der freie und von Politikern undGeldleuten unbeeinflußte Markt wird immer eine stabile Preisstrukturaufweisen. Der menschliche Aufwand, der nötig ist, um eine Unze Goldaus der Erde zu holen, wird immer ungefähr gleich dem menschlichenAufwand sein, den man mit einer Unze Gold für Güter und Dienstlei-stungen frei erwerben kann.
Zigaretten als Geld
Ein wunderbares Beispiel dafür, wie Gebrauchsgegenstände selbstihren Wert regulieren, lieferte Deutschland nach dem Ende des ZweitenWeltkrieges. Die deutsche Reichsmark hatte ihren Wert verloren, undder Tauschhandel wurde zunächst üblich. Aber ein Tauschartikel, näm-lich Zigaretten, wurden zu einem solchen »Werte-Geld«. Manche davonwurden in das Land geschmuggelt, aber die meisten kamen über dieamerikanischen Soldaten ins Land. Jedenfalls waren die Menge be-grenzt und die Nachfrage hoch. Die einzelne Zigarette wurde als Klein-geld genutzt. Ein Päckchen mit 20 und ein Karton mit 200 Zigarettendienten als größere Geldeinheiten. Sobald der Wechselkurs zu sinkenbegann – wenn also die Menge der Zigaretten stärker zunahm als dieMenge anderer Güter –, waren die Besitzer dieser Währung geneigt,einige davon selbst zu rauchen, statt sie auszugeben. So nahm der Vorratab, und der Wert stieg wieder auf das ursprüngliche Gleichgewicht. Dasist keine bloße Theorie, sondern gelebte Geschichte.(6)
Wenn Gold als Basis für eine Währung dient, könnten wir davonausgehen, daß technologische Fortschritte nach und nach die Kosten derHerstellung senken, so daß keine Stabilität, sondern ein Sinken allerPreise eintritt. Dieser Druck nach unten wird jedoch teilweise auf-gefressen von den Kosten der komplizierteren Maschinen. Das gleichegilt für technologische Fortschritte bei den Lagerstätten, so daß auchhier ein gewisser Ausgleich auftritt. Die Erfahrung beweist, daß Verän-derungen dieses natürlichen Gleichgewichtes nur minimal sind und sichüber lange Zeiträume erstrecken.
Als 1913 die Federal Reserve ins Leben gerufen wurde, betrug dasdurchschnittliche Jahreseinkommen in Amerika 633 Dollar. Der Tausch-wert des Goldes betrug in diesem Jahr 20,67 Dollar. Der durchschnittli-che Arbeiter verdiente also 30,6 Unzen Gold pro Jahr.
1990 war das jährliche Einkommen auf 20 468 Dollar gestiegen. Das
(6)Galbraith, S. 250.
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ist ein unglaublicher Zuwachs von 3233 Prozent oder ein jährlicherZuwachs von 42 Prozent für 77 Jahre. Doch der Tauschwert des Goldeswar bis 1990 ebenfalls gestiegen, und zwar betrug er inzwischen 386,90Dollar pro Unze. Der durchschnittliche Arbeiter verdiente also denGegenwert von 52,9 Unzen Gold pro Jahr. Das entspricht einem Zu-wachs von lediglich 73 Prozent respektive weniger als einem Prozentpro Jahr!
Hier wird offensichtlich, daß der horrende Zuwachs auf dem Lohn-streifen für den durchschnittlichen Amerikaner bedeutungslos war. InWirklichkeit gab es einen ständigen, aber kleinen Zuwachs der Kauf-kraft (etwa ein Prozent jährlich), der aus dem Produktivitätszuwachsentstand. Nur dieser hat den Lebensstandard gehoben und die tatsächli-chen Preise gesenkt, wie am Beispiel des relativen Goldwertes deutlichwird.
Wenn Dienstleistungen eine größere Rolle spielen als die Industrie,ist die Stabilität des Goldes als Wertmaßstab noch offensichtlicher. ImLondoner Savoy-Hotel kostet ein Abendessen für drei Personen nochimmer einen Gold-Sovereign (eine alte britische Goldmünze von20 Schilling), also genauso viel wie 1913. Im antiken Rom kostete einefeine Toga mit Gürtel und einem Paar Sandalen eine Unze Gold. Das istfast genau der gleiche Preis wie heute, 2000 Jahre später, für einenhandgeschneiderten Anzug, einen Gürtel und ein paar Schuhe. Es gibtkeine Zentralbanken oder andere menschlichen Institutionen, die auchnur im entferntesten eine solche Preisstabilität garantieren könnten.Unter dem Goldstandard geschieht dies automatisch.
Ehe wir das Thema Gold verlassen, sollten wir uns darüber verständi-gen, daß damit kein Geheimnis verbunden ist. Es handelt sich lediglichum einen Rohstoff, der gewisse innere Werte besitzt und in der Ge-schichte als Mittel für den Warenaustausch benutzt wurde. Hitler insze-nierte eine Kampagne gegen das Gold, weil er es für ein Werkzeugjüdischer Banker hielt, und dennoch handelten die Nazis mit Gold undfinanzierten damit ihre Kriegsmaschinerie. Lenin behauptete, Gold würdenur als Fessel für Arbeiter benutzt und daß es nach der Revolution alsFußbodenbelag öffentlicher Toiletten verwendet werden würde. Wäh-rend des Kommunismus stieg die Sowjetunion zu einem der größtenProduzenten und Nutzern des Goldes auf. Der Wirtschaftswissenschaft-ler John Maynard Keynes äußerte sich abfällig über das Gold als»barbarisches Metall«. Viele Anhänger seiner Lehre sind heute tiefverstrickt im Goldhandel. Es ist durchaus möglich, daß etwas anderes
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als Gold eine bessere Basis für das Geld sein könnte. Allerdings hatniemand in 2000 Jahren etwas anderes dafür entdeckt.
Naturgesetz Nummer 1
Die verblüffende Stabilität des Goldes als Wertmaßstab liegt nurdaran, daß die menschliche Natur auf die Kraft von Angebot undNachfrage reagiert hat. Es handelt sich also eigentlich um ein Naturge-setz menschlichen Verhaltens.
LEHRE: Wenn Gold (oder Silber) als Geld benutzt wird und dieKräfte von Angebot und Nachfrage von keiner Regierung außer Kraftgesetzt werden, wird die Menge des zusätzlichen Metalls zum Geld-vorrat eng gebunden an die Ausweitung der Dienstleistungen undGüter, die damit erworben werden können. Die langfristige Stabilitätder Preise ist ein verläßliches Ergebnis dieser Kräfte. Dieser Prozeßgeschieht automatisch und unvoreingenommen. Jede Einmischungder Politiker würde die Vorteile für die Allgemeinheit stören. Alsogilt:
GESETZ: Langfristige Preisstabilität ist nur dann gewährleistet,wenn der Geldvorrat sich auf Gold (oder Silber) gründet, und zwarohne Einmischung von außen.
Als sich das Konzept des Geldes nach und nach in den Köpfen unsererVorfahren entwickelte, wurde allen klar, daß die Vorteile von Gold oderSilber als Mittel des Handels darin bestanden, daß beide Metalle knappwaren und deshalb große Werte abbilden konnten, und zwar anders alsKupfer oder Eisen. Kleine Mengen davon konnten in einem Beutel oderin der Tasche transportiert oder bei Bedarf versteckt werden. Gold-schmiede fertigten später daraus runde Scheiben und versahen sie mitStempeln, um die Reinheit und das Gewicht zu bestätigen. So entstan-den die ersten Münzen der Welt. Man nimmt an, daß die frühestenwertvollen Metallmünzen von den Lydiern in Kleinasien (der heutigenTürkei) etwa 600 v. Chr. geprägt wurden. Die Chinesen benutzten Gold-barren schon 2100 Jahre v. Chr. Doch erst als Könige auf den Plantraten, wurden Münzen zum Allgemeingut. Erst als der Staat diesenkleinen Metallscheiben einen Wert zuwies, wurden sie allgemein akzep-tiert, und diese Entwicklung verdanken wir vor allem den antikenGriechen. Groseclose hierzu:
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Diese kleinen glänzenden Scheiben, geschmückt mit Emblemen undvielen lebendigen und auffälligen Bildern, machten einen tiefen Ein-druck auf die Griechen und die Barbaren. Und für die praktischBegabten bedeutete die Fülle von einheitlichen Metallstücken, jedesmit dem gleichen Gewicht und mit der Autorität des Staates versehen,eine willkommene Erleichterung des mühseligen Tauschhandels undbot neue und wundersame Möglichkeiten in jeder Richtung ...
Alle Klassen unterlagen der Macht des Geldes, und diejenigen, diebislang vollkommen damit zufrieden waren, für ihre eigenen Bedürf-nisse und die Notwendigkeiten des Haushaltes zu arbeiten, gingenplötzlich mit ihren Produkten auf die Märkte, um sie dort gegen dieneuen Münzen einzutauschen.(7)
Mehr Geld durch »Münz-Schaben«
Von Anfang an führte der Wunsch nach größeren Geldvorräten zuPraktiken, die schädlich waren für die Wirtschaft. Skrupellose Kaufleu-te schabten von jeder Münze ein wenig Metall ab – eine als »Münz-Schaben« bekannte Praxis – und schmolzen das gewonnene Metall zuneuen Münzen. Eines Tages machte der Schatzmeister des Königs dasgleiche mit den Münzen, die er als Steuern eingenommen hatte. Aufdiese Weise stieg der Vorrat des Geldes, aber nicht die Menge desGoldes. Als Ergebnis trat genau das ein, was immer geschieht, wenn derGeldvorrat künstlich ausgeweitet wird. Es gab eine Inflation. Währendz.B. früher eine Münze genügte, um zwölf Schafe erwerben zu können,erhielt man plötzlich dafür nur noch zehn. Die Gesamtmenge des Gol-des zum Kauf von zwölf Schafen blieb eigentlich unverändert; nurwußte inzwischen jeder, daß eine Münze nicht mehr genug Gold war.
Während die Machthaber immer schamloser den Wert ihrer Währungminderten (sogar den Gold- oder Silbergehalt »streckten«), reagiertedas Volk darauf mit einer Geringschätzung der neuen Münzen. Es maßihnen also weniger Wert zu, als die Obrigkeit das wollte. Dies zeigtesich in einem allgemeinen Preisanstieg für alle Güter, die mit diesenMünzen erworben werden konnten. Jedoch der echte Preis blieb unver-ändert.
Regierungen mögen es gar nicht, wenn ihre Pläne zur Ausbeutungihrer Untergebenen durchkreuzt werden. Man mußte also Mittel undWege finden, die Menschen zur Annahme dieser Falschmünzen zu
(7)Groseclose, Money and Man, S. 13.
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zwingen. Dafür wurden erste Gesetze erlassen. Durch königliche An-ordnung wurde die »Münze des Reiches« als Mittel zur Begleichungaller Schulden erklärt. Wer sich weigerte, den aufgedruckten Wert zuakzeptieren, wurde mit Strafen, Gefängnis oder in einigen Fällen gardem Tode bedroht. Als Ergebnis verschwanden bald die tadellosenMünzen aus dem Kreislauf und wanderten in private Schatullen. Wenndie Regierung schließlich jemand dazu zwingt, Schrott zum gleichenWert zu akzeptieren wie Gold, würde dann nicht jeder das Gold hortenund den Schrott ausgeben? Genau dies geschah in Amerika in den1960er Jahren, als die Münze billige Metallstücke statt der silbernenDimes, Quarters und Half-Dollars herausgab. Innerhalb weniger Mona-te wanderten die Silbermünzen im Werte von zehn, 25 oder 50 Cent inSchubladen und Tresore. Genau das gleiche trug sich auch im Altertumzu. In der Wirtschaftslehre wird dies Gresham's Gesetz genannt:»Schlechtes Geld verdrängt das gute.«
Der letzte Schachzug in diesem Spiel der legalen Ausplünderungbestand darin, daß die Regierung die Preise festsetzte. Die Menschenbefanden sich jetzt in der Falle. Es gab keinen Ausweg, außer kriminellzu werden – ein Weg, den übrigens die meisten einschlugen. Die Ge-schichte künstlich aufgeblähter Geldmengen ist die Geschichte großerUnzufriedenheit mit Regierungen, von Ungesetzlichkeiten und einergroßen Schattenwirtschaft.
Gold, der Feind des Wohlfahrtsstaates
In jüngeren Jahren haben die Herrschenden raffiniertere Methodenentwickelt, um den Wert der Währung zu untergraben. Statt des »Münz-Schabens« erreicht man dieses nun durch das Bankensystem. Die Kon-sequenzen dieses Prozesses wurden 1966 von Alan Greenspan zusam-mengefaßt, der nur wenige Jahre später Präsident der Federal Reservewurde. Greenspan schrieb:
Die Aufgabe des Goldstandards ermöglichte es den Anhängern desWohlfahrtsstaates, das Bankensystem als Quelle einer unbegrenztenAusdehnung von Krediten zu nutzen ...
Das Gesetz von Angebot und Nachfrage kann nicht gesteuertwerden. Wenn der Geldvorrat im Vergleich zum Angebot materiellerGüter in der Wirtschaft steigt, müssen früher oder später auch diePreise steigen. Die Ersparnisse der produktiven Mitglieder der Ge-meinschaft verlieren also an Wert in Form von Gütern. Werden ir-
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gendwann die Bilanzen geprüft, wird man entdecken, daß dieserWertverlust den Mengen an Gütern entspricht, die von der Regierungfür Wohlfahrtsmaßnahmen oder andere Zwecke ausgegeben wurden ...
Ohne den Goldstandard gibt es keine Mittel und Wege, sich vor derEnteignung durch Inflation zu schützen. Es gibt dann keinen Schutzvor Wertverlust. Gäbe es das, würde die Regierung ihren eigenenBestand ins Zwielicht rücken, wie das bei Gold der Fall war ... DieFiskalpolitik des Wohlfahrtsstaates setzt voraus, daß es für die Besit-zer des Wohlstandes keinen Weg gibt, sich selbst zu schützen.
Dies ist das schäbige Geheimnis der Wortführer des Wohlfahrts-gedankens gegen Gold. Überziehungen des Staatsetats sind nichtsanderes als eine versteckte Konfiszierung von Wohlstand. Das Goldsteht diesem hinterlistigen Vorgehen im Weg. Es ist eigentlich derBeschützer von Eigentumsrechten.(8)
Leider wurde Greenspan nach seiner Berufung zum Vorsitzenden desFederal Reserve Systems sehr schweigsam zum Thema Gold. Sobald eran den Hebeln der Macht saß, diente er folgsam den Politikern, währenddiese den Wohlstand des Volkes mit Hilfe der versteckten Steuer derInflation konfiszierten. Selbst die klügsten Männer können von Machtund Wohlstand korrumpiert werden.
Echtes Werte-Geld in der Geschichte
Kehren wir zurück zum Thema Abwertungen in früheren Zeiten.Solche Praktiken waren glücklicherweise keineswegs überall üblich. Esgibt viele Beispiele in der Geschichte, daß Herrscher und Könige inbezug auf das Geldwesen große Zurückhaltung übten. Eines davon istdas antike Griechenland, in dem die Münzwirtschaft einen ersten Höhe-punkt erlebte. Die Drachme wurde so zur ersten De-facto-Geldeinheitder zivilisierten Welt wegen ihres verläßlichen Goldanteiles. Innerhalbihres Verbreitungsgebietes blühten die Städte und der Handel. Selbstnach dem Falle Athens während des Peloponnesischen Krieges bewahr-ten die Münzen ihren Wert über Jahrhunderte hinweg als der Standard,an dem sich alle anderen messen lassen mußten.(9)
(8)Alan Greenspan, »Gold and Economic Freedom«, in: Capitalism: The UnknownIdeal (New York: Signet Books, 1967), S. 101.(9)
Unter dem Athener Solon erlebten sogar die Griechen kurzzeitig einen Wertver-lust ihrer Währung; dies war jedoch nur kurzfristig und wiederholte sich nicht.Siehe Groseclose, Money and Man, S. 14, 20-54.
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Das beste Beispiel einer Nation mit einer gesunden Geldwirtschaftwar jedoch das Byzantinische Reich. Aufbauend auf der monetärenWirtschaft der Griechen, befahl Kaiser Konstantin die Schaffung einesneuen Goldstückes mit der Bezeichnung Solidus und eines Silber-stückes namens Miliarense. Das Goldgewicht des Solidus wurde auf65 Korn festgelegt und für die folgenden 800 Jahre genau so geprägt.Seine Qualität war so verläßlich, daß er überall akzeptiert wurde unterdem Namen Bezant, und zwar von China bis Britannien, von der Ostseebis nach Äthiopien.
Die byzantinischen Gesetze, die Währung betreffend, waren sehrstrikt. Ehe jemand in die Geldwirtschaft eintreten durfte, mußte erBürgen für seinen Charakter vorweisen, daß er weder den Solidus nochden Miliarense beschädigen oder seinen Wert mindern würde. EineVerletzung dieser Regeln hätte ihn eine Hand gekostet.(10)
Es ist ein faszinierender Aspekt der Geschichte des ByzantinischenReiches, daß es über 800 Jahre als Zentrum des Welthandels blühte,ohne jemals bankrott zu gehen oder gar Schulden aufnehmen zu müs-sen. Nicht ein einziges Mal mußte es seine Währung abwerten. »Wederdie Antike noch die moderne Welt«, stellt Heinrich Gelzer fest, »könneneine ähnliche Leistung aufweisen. Diese großartige Stabilität ... be-wahrte den Bezant als universelles Zahlungsmittel. Wegen seines gleich-bleibenden Gewichtes wurde er von allen benachbarten Staaten alsgültiges Zahlungsmittel anerkannt. Mit Hilfe seines Geldes kontrollier-te Byzanz sowohl die zivilisierte als auch die barbarische Welt.«(11)
Schlechtes Werte-Geld in der Geschichte
Die Erfahrungen der Römer waren ganz andere. Als eine im Kernmilitärische Nation besaßen sie einfach keine Geduld für die Nettigkeitmonetärer Zurückhaltung. Besonders in den Spätjahren des Reicheswurde die Abwertung des Geldes sogar zur absichtlichen Politik. Jedesvorstellbare Mittel zum Ausplündern des Volkes wurde bereitwilligergriffen. Zusätzlich zu den Steuerabgaben wurden Münzen »geschabt«,verkleinert, gestreckt oder mit Edelmetall überzogen. Bevorzugten Grup-pen wurden besondere Vorrechte für staatlich zu vergebende Monopole
(10)Le livre du préfet ou l'empereur Léon le Sage sur les corporations deConstantinople, französische Übersetzung des Textes von Jules Nicole, S. 38,zitiert von Groseclose in Money and Man, S. 52.
(11)Byzantinische Kulturgeschichte (Tübingen 1909), S. 78.
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erteilt, der Ursprung unserer heutigen Körperschaften. Und währendder ständig steigenden Preise, gemessen an dem ständig steigendenGeldumlauf, wurden Spekulationen und Unehrlichkeit zur Regel.
301 n. Chr. rebellierte das Militär; ferngelegene Regionen wurdenilloyal, die Schatzkammern waren leer, die Landwirtschaft lag am Bo-den, und der Handel kam beinahe zum Stillstand. Der römische KaiserDiocletian verfügte einen Preisstop als letztes Mittel eines verzweifel-ten Herrschers. Hierbei gibt es verblüffende Ähnlichkeiten zur Gegen-wart. Ein Großteil des Chaos kann man direkt auf Regierungspolitikzurückführen. Dennoch zeigen die Politiker gern mit dem anklagendenFinger auf andere, um von ihrer »Gier« und der »Respektlosigkeit fürdas Allgemeinwohl« abzulenken. Diocletian erklärte:
Wer besitzt ein solch hartes Herz und so wenig Menschlichkeit, daßer davon unberührt bleibt – oder nicht einmal bemerkt hat –, wie imVerkauf der Güter oder im täglichen Geschäft in den Städten einesolche Maßlosigkeit bei den Preisen um sich gegriffen hat, daß dieungezügelte Ausplünderei weder von einem Überfluß noch von saiso-nalen Überschüssen in Schach gehalten zu werden vermag? ... Inso-fern, als man nur eine hemmungslose Gier ohne Rücksicht auf dieNöte der vielen feststellen muß ..., scheint es richtig für uns, die wirin die Zukunft schauen und die Väter der Menschen sind, dafür zusorgen, daß Gerechtigkeit eingreift, um die Angelegenheiten unvor-
eingenommen zu regeln ...(12)
Es folgte eine unbeschreiblich detaillierte Auflistung aller festgesetztenPreise für alles, vom Ausschenken eines Glases Bier oder einem BündelBrunnenkresse bis hin zum Honorar eines Rechtsanwaltes oder demPreis eines Goldbarrens. Das Ergebnis? Die Zustände verschlimmertensich noch mehr, und die kaiserliche Verfügung wurde fünf Jahre späterzurückgenommen.
Von dieser Krise hat sich das Römische Reich nie erholt. Im viertenJahrhundert wurden alle Münzen gewogen, und die Wirtschaft stürztezurück in den Tauschhandel. Bis zum siebten Jahrhundert wurden dieGewichtseinheiten so häufig verändert, daß niemand mehr die Auswir-kung auf den Geldwert nachvollziehen konnte. Die Geldwirtschaft hör-te praktisch auf zu existieren, und ebenso das Römische Reich.
(12)Groseclose, Money and Man, S. 43-44.
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Empfangs (Quittungs)-Geld
Als neue Zivilisationen aus den Ruinen Roms entstanden, entdecktendiese den Wert des Geldes wieder und nutzten es zu ihrem eigenenVorteil. Diese Entwicklung war ein riesiger Schritt nach vorn für dieMenschheit, doch es gab noch viele Probleme zu lösen. Die Entwick-lung des Papiergeldes gehörte dazu. Hatte jemand mehr Münzen ange-häuft, als er für seine täglichen Bedürfnisse benötigte, brauchte er einensicheren Aufbewahrungsplatz. Die Goldschmiede, die für ihre Arbeitgroße Mengen des wertvollen Metalls aufbewahren mußten, hatten sichbereits sichere Tresore zum Schutze ihrer Lagerbestände errichtet; des-halb war es nur folgerichtig, daß sie diese auch gegen eine Gebühr anandere Menschen vermieteten. Dem Goldschmied konnte man vertrau-en, denn schließlich bewachte er zugleich seinen eigenen Besitz.
Wurden die Münzen in den Tresor gelegt, stellte der Lagerbesitzerdem Eigentümer eine schriftliche Empfangsbestätigung aus, damit die-ser seinen Besitz jederzeit zurückfordern konnte. Anfangs konnte derBesitzer der Münzen diese nur durch persönliches Erscheinen aus demTresor zurückfordern. Schließlich jedoch wurde es üblich, daß derEigentümer seinen Besitzschein an einen Dritten weitergab, der dannseinerseits die Münzen abholen durfte. Diese indossierten Bescheini-gungen wurden zum Vorläufer unserer heutigen Schecks.
Die letzte Stufe dieser Entwicklung war die Gewohnheit, nicht nureine Empfangsbestätigung für die gesamte Einlage auszustellen, son-dern eine Serie kleinerer Bestätigungen, die sich auf die gesamte Sum-me addierten und auf denen oben stand: AUSZAHLBAR DEM INHA-BER AUF VERLANGEN. Als die Allgemeinheit lernte, daß diesePapiere tatsächlich von den Goldmünzen in den Lagerhäusern gedecktwaren und daß sie beim Vorlegen der Bescheinigungen tatsächlichausgehändigt wurden, wurde es allgemein üblich, diese Papiere statt derMünzen zu nutzen.
Also wurde das »Empfangs- oder Quittungs-Geld« ins Leben geru-fen. Das Papier selbst war wertlos, dennoch besaß es einen Wert.Solange die Münzen wie versprochen sicher aufbewahrt wurden, exi-stierte tatsächlich kein Wertunterschied zwischen der Bescheinigungund der wirklich hinterlegten Münze. Wie wir im nächsten Kapitelsehen werden, gab es bemerkenswerte Beispiele der aufrichtigen Nut-zung solchen Empfangs-Geldes zu Beginn der Bankwirtschaft. Solangediese Bescheinigung peinlich genau beachtet wurde, ging es mit derWirtschaft voran. Sobald sie jedoch zu einer künstlichen Ausweitung
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der Geldmenge mißbraucht wurde, geriet die Wirtschaft ins Stockenoder stagnierte.
Naturgesetz Nummer 2
Da dies kein Lehrbuch über die Geschichte des Geldes ist, könnenwir uns nicht den Luxus erlauben, uns an dieser Stelle mit solchenfaszinierenden Einzelheiten aufzuhalten. Für unsere Zwecke reicht esaus festzustellen, daß menschliches Verhalten in diesen Angelegenhei-ten vorhersehbar ist und es gestattet, ein weiteres universelles Prinzip zuformulieren, das beinahe als ein Naturgesetz beschrieben werden darf.Aus den Erfahrungen dieser geschichtlichen Zeit läßt sich feststellen:
LEHRE: Wann immer Regierungen die vorhandene Geldmenge ma-nipulieren, unabhängig von der Intelligenz oder den guten Absichtenderer, die diesen Prozeß steuern, heißen die Ergebnisse Inflation,wirtschaftliches Chaos und politische Unruhen. Wann immer jedochim Gegensatz dazu die Regierung ihren Einfluß auf die Währungdahingehend beschränkt, daß sie auf ehrliche Gewichte und dieReinheit des verwendeten Geldstandards achtet, gibt es als ErgebnisPreisstabilität, wirtschaftlichen Aufschwung und politischen Frie-den. Also:
GESETZ: Damit eine Nation wirtschaftliche Prosperität und poli-tischen Frieden genießen kann, müssen monetäre Befugnisse ihrerPolitiker ausschließlich auf die Einhaltung ehrlicher Gewichte undMaße des Edelmetalls beschränkt bleiben.
Wie wir noch sehen werden, gibt es in den folgenden Jahrhunderten desmonetären Chaos' keine Beweise dafür, daß solche Wahrheiten in unse-rer Zeit nicht mehr zutreffen.
Zusammenfassung
Die Kenntnis der Natur des Geldes ist eine Voraussetzung für dasVerständnis der Federal Reserve. Entgegen allgemeiner Ansicht istdieses Thema weder geheimnisvoll noch kompliziert. In Zusammen-hang mit dieser Untersuchung wird Geld nur definiert als ein Mittel desWarenaustausches. Demzufolge existieren vier Arten von Geld: Werte-Geld, Empfangs- (oder Quittungs-)Geld, Papiergeld und unbedeutendesGeld. Wertvolle Metalle waren das erste Werte-Geld der Geschichte;seither haben sie sich in der Erfahrung als die einzig verläßliche Basis
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für ein ehrliches Geldsystem erwiesen. Das Gold als Grundlage kanndabei die Form von Barren, Münzen oder Papierbescheinigungen an-nehmen.
Während der gesamten Geschichte wurde die Menschheit von derfalschen Behauptung fehlgeleitet, die Menge des Geldes sei wichtig,also daß mehr Geld besser sei als weniger. Dieses hat zu einer ganzenReihe von Manipulationen geführt, wie etwa das Münz-Schaben, Betrü-gereien mit dem Edelmetallanteil und in späteren Jahrhunderten derAusgabe von mehr Papierbescheinigungen, als diesen ein wirklicherGoldwert gegenüberstand. In allen Fällen haben diese Machenschaftenzu wirtschaftlichem und politischem Schaden geführt. In den seltenenFällen, da der Mensch die Geldmenge unangetastet ließ und ihr gestatte-te, sich an der tatsächlich vorhandenen Goldmenge zu orientieren,waren das Ergebnis Wohlstand und politische Stabilität.
Kapitel 8
Narrengold
Die Geschichte des von Regierungen dem Volk aufge-zwungenen Papiergeldes ohne Wertmetall-Deckung;das Aufkommen unseres heutigen Minimal-Reserve-Bankensystems, basierend auf der Ausgabe einer grö-ßeren Menge von Anteilscheinen von Gold, als dieBank tatsächlich besitzt.
Wir haben vorher das Konzept des Geldes in vier Kategorien eingeteilt:Werte-Geld, Empfangs-Geld, Papiergeld und unbedeutendes Geld. Imletzten Kapitel haben wir Werte-Geld und Empfangs-Geld etwas genau-er untersucht. Dabei konnten wir auch einige Regeln entdecken. Wen-den wir uns den verbliebenen zwei Kategorien zu, die beide mit Papierzu tun haben und an der Wurzel allen wirtschaftlichen Übels zu findensind.
Papiergeld
Das American Heritage Dictionary definiert Papiergeld als »legalesZahlungsmittel ohne Gold- oder Silber-Deckung«. Die beiden Charak-teristika des Papiergeldes sind daher: 1) Es besitzt keinen eigenen Wertund ist 2) per Gesetz zum Zahlungsmittel erklärt worden. Ein offiziellesZahlungsmittel bedeutet: Es gibt ein Gesetz, das jedermann zwingt, diesim allgemeinen Handel zu akzeptieren. Diese beiden Punkte gehörenganz eng zusammen, denn weil dieses Papiergeld an sich eigentlichwertlos ist, würde es von den Menschen früher oder später zugunsteneines dauerhafteren Mediums, wie es beispielsweise Gold- oder Silber-münzen sind, zurückgewiesen werden. Sobald also Regierungen Papier-geld in Umlauf bringen, müssen sie seine Akzeptanz mit der Androhungvon Strafen wie Geldbußen oder Gefängnis erzwingen. Die einzige Art,wie eine Regierung wertloses Papier als Austausch für reale Gegenstän-de durchsetzten kann, heißt, den Bürgern keine Wahl zu lassen.
Der erste erwähnenswerte Gebrauch dieser Methode wurde von MarcoPolo während seiner Reise nach China im 13. Jahrhundert aufgeschrie-ben:
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Des Kaisers Münze also befindet sich in derselben Stadt Cambulac,und nach der Weise, wie alles verarbeitet wird, könnte man vermuten,er besäße perfekte Kenntnisse der Alchimie, und dies wäre tref-fend! ...
Man nimmt einen feinen weißen Bast oder ein Häutchen, das sichzwischen dem Holz des Baumes und der dicken äußeren Borke befin-det. Aus diesem machen sie etwas ähnliches wie Papier, aber schwarz.Wenn diese Bögen vorbereitet sind, werden sie in unterschiedlichgroße Stücke zerschnitten. Das kleinste davon ist einen halben Torneselwert ... Eine Art entspricht dem Wert eines Gold-Bezant, andere dreiBezant, und so weiter bis zehn.
Alle diese Stücke von Papier werden mit großer Feierlichkeit undZeremonie ausgegeben, als bestünden sie aus purem Gold oder Sil-ber; und auf jedem Stück müssen verschiedene, ausgesuchte Beamteihre Namen setzen und ihre Siegel aufdrücken. Sobald alles vor-schriftsmäßig vorbereitet ist, bestreicht der vom Khan auserwählteoberste Beamte das ihm anvertraute Siegel mit Zinnober und drücktes auf das Papier, so daß es sich in Rot auf dem Papier abbildet. DasGeld gilt nun offiziell! Jedem Fälscher droht die Todesstrafe. DerKhan läßt jedes Jahr solch riesige Mengen dieses Geldes herstellen(welches ihn praktisch nichts kostet), daß sein Wert eigentlich alleSchätze dieser Welt umfassen müßte.
Diese Papierscheine, hergestellt wie ich es beschrieben, läßt er inall seinen Königreichen als gültiges Zahlungsmittel für seine Ausga-ben zirkulieren ... und niemand, wie bedeutend er sich auch fühlenmag, würde es wagen, sie abzulehnen. Und ein jeder nimmt sietatsächlich bereitwillig an.(1)
Man ist geneigt, die verwegene Kraft des Khans und die Unterwürfig-keit seiner Untertanen zu bewundern, die dergleichen Ungeheuerlich-keiten ertrugen. Doch unsere Selbstgefälligkeit schwindet rasch dahin,wenn wir die Ähnlichkeit zu unseren eigenen Banknoten der FederalReserve betrachten. Sie werden mit Unterschriften und Siegeln ge-schmückt, Fälscher werden mit schwerer Strafe bedroht, die Regierungbezahlt damit ihre Ausgaben, die Bevölkerung muß sie annehmen, und»es« (das unsichtbare Scheckbuch-Geld, in das es umgewandelt werden
(1)Henry Thules Ausgabe von Marco Polo's Travels, Nachdruck in W. Vissering,On Chinese Currency: Coin and Paper Money (Leiden: E. J. Brill, 1877).
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darf) wird in solch gigantischer Menge gedruckt, daß damit alle Schätzeder Welt aufgewogen werden könnten. Dennoch kostet dieses Geldpraktisch nichts. Tatsächlich ist unser gegenwärtiges Geldsystem fastein exaktes Abbild dessen, was die Kriegsherren vor 700 Jahren für sichnutzten.
Die koloniale Erfahrung
Leider ist unsere gegenwärtige Situation ungleich unserer Geschich-te. Tatsächlich war nach China Amerika der nächste Ort der Welt, derden Gebrauch des Papiergeldes übernahm. Genauer: die MassachusettsBay Colony. Dieses Ereignis wurde beschrieben als »nicht nur derUrsprung des Papiergeldes in Amerika, sondern im gesamten britischenEmpire und fast in der gesamten christlichen Welt«(2).
1690 startete Massachusetts einen militärischen Angriff auf die fran-zösische Kolonie Quebec. Es hatte dies schon früher getan und warjedesmal mit ausreichend Beute zurückgekehrt, um den Angriff bezah-len zu können. Diesmal jedoch gab es einen schweren Fehlschlag, unddie Männer kehrten mit leeren Händen zurück. Als die Soldaten ihrenSold verlangten, waren die Schatztruhen Massachusetts leer. Enttäusch-te Soldaten werden rasch unruhig, und so suchten die Würdenträgernach Mitteln und Wegen, um an Geld zu kommen. Zusätzliche Steuernwären extrem unpopulär gewesen, und so beschloß man einfach, Papier-geld zu drucken. Um die Soldaten und Bürger zur Annahme diesesGeldes zu bewegen, machte die Regierung zwei feierliche Versprechen:1) Sie würde es für Gold- oder Silbermünzen eintauschen, sobald esgenügend Steuereinnahmen hierfür gäbe, und 2) sie würde niemalsweitere Papiernoten ausgegeben. Beide Versprechen wurden promptgebrochen. Nur wenige Monate später erklärte man, die ursprünglicheAusgabe sei ungenügend, um die Schuld der Regierung zu begleichen,und eine neue Ausgabe fast des sechsfachen Umfanges wurde in Um-lauf gebracht. Der versprochene Umtausch zögerte sich beinahe 40 Jah-re hin ..., lange nachdem diejenigen, die dieses Versprechen gegebenhatten, von der Bühne verschwunden waren.
Ein klassisches Strickmuster
Auch die anderen Kolonien waren rasch fasziniert von dieser Druck-maschine, und die folgende Geschichte ist ein klassisches Beispiel von
(2)Ernest Ludlow Bogart, Economic History of the American People (New York:Longmans, Green and Co., 1930), S. 172.
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Ursache und Wirkung: Regierungen weiteten den Geldvorrat durch dasPapiergeld künstlich aus. Darauf folgten Gesetze, die zur Annahmedieses Geldes zwangen. Als nächstes verschwanden die Gold- oderSilbermünzen, die in die Vorratskammern wanderten oder in die Händeausländischer Händler gerieten, aber für ihre Waren einen realen Ge-genwert forderten. Viele der Kolonien verwarfen ihr früheres Geld,indem sie neue Banknoten mit dem vielfachen Wert des alten herausga-ben. Später gab es politische Unzufriedenheit und zivilen Ungehorsam.Und am Ende eines jeden Zyklus gab es Inflationsschübe und wirt-schaftliche Unordnung.
1703 erklärte South Carolina sein Geld zu einem »guten gesetzlichenZahlungsmittel« und fügte hinzu, sollte irgend jemand dieses nichtwürdigen, würde dieser eine Geldstrafe bis zum »Doppelten des Wertesder verweigerten Note« auferlegt bekommen. 1716 wurde die Strafe aufdas »Dreifache des Wertes« angehoben.(3)
Druckerpresse und Inflation
Benjamin Franklin war ein glühender Befürworter des Papiergeldeszu jener Zeit und nutzte seinen Einfluß, um es allgemein populär zumachen. Wir erhaschen einen kleinen Blick in die Unruhe dieser Zeitmit Hilfe eines Artikels der Pennsylvania Gazette aus dem Jahre 1736,in dem Franklin sich für die unregelmäßige Erscheinungsweise ent-schuldigte und dies damit erklärte, der Drucker sei beschäftigt »an derPresse, tätig für das öffentliche Wohl, um mehr Geld zu schaffen«(4). DasDrucken von Geld war offenbar eine wichtige und zeitaufwendigeAngelegenheit.
1737 wertete Massachusetts sein Papiergeld um 66 Prozent ab, in-dem es einen Dollar für drei alte bot. Man gab das Versprechen, daßnach fünf Jahren das neue Geld vollständig in Gold oder Silber einge-löst werden würde. Niemand hielt dieses Versprechen.(5)
Noch vor 1760 waren in Connecticut die Preise um 800 Prozentgestiegen. Die Inflationsrate von North und South Carolina lag bei 900,die von Massachusetts bei 1000 und die von Rhode Island bei 2300
(3)Statutes at Large of South Carolina, II. 211, 665, zitiert bei George Bancroft inA Plea for the Constitution (Sewanee, Tennessee: Spencer Judd Publishers1982), S. 7 (Original: Herpers, 1886).
(4)Leonard W. Labaree, The Papers of Benjamin Franklin (New Haven: YaleUniversity Press, 1960), Band 2, S. 159.
(5)Province Laws, II. 826, zitiert bei Bancroft, S. 14.
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Prozent.(6) Natürlich mußten alle diese Inflationen endlich beendet wer-den; und als dies geschah, verwandelte sich das Ganze in massiveDeflation und wirtschaftlichen Niedergang. Selbst in den Kolonial-zeiten waren die klassischen Auf- und Abschwünge, die moderne Öko-nomen gern als Auswirkung eines »ungezügelten freien Marktes« be-zeichnen, im Grunde genommen nur Manifestationen der Ausweitungoder Einschränkung von Papiergeld-Vorräten, die sich nicht länger andie Gesetze von Angebot und Nachfrage hielten.(7)
Zu dieser Zeit gab es praktisch keine Münzen mehr. Einige waren inprivaten Truhen verschwunden, doch die meisten hatte man ins Auslandgeschafft, so daß den Kolonien nur Papiergeld oder Tauschhandel übrig-blieb. Die auswärtigen Händler interessierten sich weder für das einenoch für das andere. Der internationale Handel kam zum Erliegen.
Ein verkappter Segen
Das Experiment mit dem Papiergeld war ein Unheil für die Siedler,aber auch ein Dorn im Auge der Bank of England. Sie setzte all ihrenEinfluß bei der britischen Krone ein, um den Kolonien verbieten zulassen, Münzen zu prägen oder regionale Banken zu gründen. Das heißt,wenn die Siedler die Annehmlichkeit des Papiergeldes nutzen wollten,mußten sie eigentlich die Noten der Bank of England benutzen. Nie-mand hatte vorausgesehen, daß die Verwaltungen der Kolonien so erfin-derisch sein würden, ihr eigenes Papiergeld zu drucken. 1751 übteGroßbritannien starken Druck auf die Kolonien aus, damit diese ihreWährungen abschaffen und aus dem Verkehr ziehen sollten. Irgend-wann gaben sie nach, aber ihr Papiergeld war im Markt bereits starkabgewertet, und die einzelnen Kolonialverwaltungen konnten ihre eige-nen Währungen für wenige Pennies pro Dollar zurückkaufen.
Die Verfügung des britischen Parlamentes stellte sich als ein ver-steckter Segen heraus, obwohl die Kolonisten eigentlich heftig dagegenwaren. Die Papiernoten der Bank of England wurden niemals zu einembedeutenden Zahlungsmittel. Wahrscheinlich aufgrund ihrer gerade erstgemachten Erfahrung mit Papiergeld holten die Kolonisten ihre weni-gen Gold- und Silbermünzen aus den Verstecken und kehrten zu einem
(6)Ron Paul and Lewis Lehrman, The Case for Gold (Washington, D. C.: CatoInstitute, 1982), S. 22, sowie Sutton, The War an Gold, S. 44.
(7)Siehe Donald L. Kemmerer, »Paper Money in New Jersey 1668-1775«, NewJersey Historical Society, Proceedings 74 (April 1956): S. 107-144, zitiert vonPaul und Lehrman, The Case for Gold, S. 22.
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echten Werte-Geld-System zurück. Anfangs sagten die Schwarzsehervorher, dies würde die Wirtschaft der Kolonien noch tiefer in den Ruintreiben. »Es gibt nicht genug Geld«, lautete der allzu bekannte Schrei.Gab es aber doch, denn wie wir bereits festgestellt haben, reicht jederBetrag aus!
Tabak wird zu Geld
Es gab tatsächlich eine Zeit, als andere Werte wie eine andere Formvon Geld behandelt wurden. Bisweilen füllten Dinge wie Nägel, Bau-holz, Reis oder Whisky die Lücke in der Geldwirtschaft. Doch meistenswar dies Tabak. Er erfreute sich einer großen Nachfrage sowohl in denKolonien als auch in Übersee. Er besaß einen eindeutigen inneren Wert,er konnte nicht gefälscht werden, er konnte in jede kleinere Mengeaufgeteilt und seine gesamte zur Verfügung stehende Menge konnte nurunter großer Anstrengung vergrößert werden. Mit anderen Worten: Erunterlag dem Gesetz von Angebot und Nachfrage, woraus sich dieStabilität seines Wertes erklärte. In vielerlei Weise war der Tabak eingeradezu ideales Zahlungsmittel. 1642 wurde er als solches in Virginiaund einige Jahre später auch in Maryland anerkannt; inoffiziell galt diesaber auch für andere Kolonien. Die Verbindung zwischen Tabak undGeld war damals so eng, daß das ehemalige Papiergeld von New Jersey(wo kein Tabak wuchs) das Bild eines Tabakblattes trug. Und ebenfallsdie Inschrift: »Fälschung heißt Tod«. Tabak wurde im frühen Amerikaungefähr 200 Jahre lang als eine Art von Geld benutzt, bis die neueVerfassung die Geldwirtschaft als Hoheitsrecht der Bundesregierungdefinierte.(8)
Das wichtigste Zahlungsmittel zu diesem Zeitpunkt waren jedochgoldene oder silberne Münzen, also Hartgeld. Und das unmittelbareErgebnis der Rückkehr zu einer soliden Geldwirtschaft war die unmit-telbare Erholung der Wirtschaft aus der Stagnation, die durch das Aufund Ab des Papiergeldes verursacht war. Handel und Produktion stiegenrapide, und dies wiederum führte zu einem Zuwachs von Gold- undSilbermünzen aus aller Welt, die die vom Papiergeld hinterlasseneLeere auffüllten. Angebot und Nachfrage waren am Werk! Massachu-setts war bereits zum Hartgeld zurückgekehrt, während Rhode Islandbeim Papiergeld blieb. Als Ergebnis dieser Entwicklung verlor Newportseine vorherrschende Stellung im Handel mit den karibischen Inseln an
(8)Galbraith, S. 48-50.
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Boston und verödete.(9) Nachdem die Kolonien zur Münzwirtschaft zu-rückgekehrt waren, pendelten sich die Preise rasch in ein natürlichesGleichgewicht aus und blieben dort, und zwar sogar während des Sie-benjährigen Krieges und der Handelsverwerfungen kurz vor der Revo-lution.(10) Es gibt kaum ein besseres Beispiel dafür, daß unter Druckstehende Wirtschaftssysteme sich rasch erholen können, wenn sichRegierungen aus dem natürlichen Heilungsprozeß heraushalten.
Krieg bringt Papiergeld zurück ...
Der Unabhängigkeitskrieg brachte all dies zu einem abrupten Stop.Selten werden Kriege aus gefüllten Schatztruhen finanziert oder auserhöhten Steuern. Würde eine Regierung ihre Bürger mit Steuern sostark belasten, daß sie damit tatsächlich alle Kriegsmaßnahmen bestrei-ten könnte, würden die Bürger ob der enormen Kosten wahrscheinlichrasch ihren Enthusiasmus verlieren. Aber mit Hilfe einer Vergrößerungder Geldmenge lassen sich die wahren Kosten verschleiern. Natürlichmüssen sie dennoch bezahlt werden, aber diesmal durch die Inflation,die nur wenige Menschen durchschauen.
Die amerikanische Revolution war keine Ausnahme. Um die Rech-nung der Unabhängigkeit bezahlen zu können, mußten sich sowohl dieKonföderation als auch die einzelnen Bundesstaaten tief in das Druck-gewerbe verstricken. Am Anfang des Krieges 1775 belief sich dergesamte Geldvorrat auf zwölf Millionen Dollar. Im Juni des Jahres gabder Kongreß weitere zwei Millionen Dollar heraus, aber noch ehe dieBanknoten im Umlauf waren, kam noch einmal eine Million Dollarhinzu. Am Ende des Jahres weitere drei Millionen. 1776 weitere 19 Mil-lionen. 13 Millionen 1777. 64 Millionen 1778. 125 Millionen 1779.Und darüber hinaus gab die Armee eigene »Anleihen« zum Erwerb vonVorräten in Höhe von 200 Millionen Dollar aus. 425 Millionen Dollarzu den ursprünglichen zwölf Millionen hinzu stellen einen Zuwachsvon 3500 Prozent in fünf Jahren dar. Und zusätzlich zu dieser massivenAusweitung des Geldvorrates der zentralen Regierung taten die Bun-desstaaten genau dasselbe. Von 1775 bis Ende 1779 wuchs der gesamteGeldvorrat um schätzungsweise 5000 Prozent. Der Steuerzuwachs indieser Fünf-Jahres-Periode war damit verglichen unbedeutend, nämlichwenige Millionen Dollar.
(9)Paul und Lehrman, S. 22-23.
(10)»The Colonial Monetary Standard of Massachusetts« von Roger W. Weiss in:Economic History Review, Nr. 27, November 1974, S. 589.
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... und eine massive Inflation
Der erste erfrischende Effekt dieser neuen Geldflut war die an-scheinende Prosperität; doch sie wurde rasch von der Inflation einge-holt, als der bekannte Selbstzerstörungseffekt eintrat. 1775 wurden diesogenannten »Continentals« (die Banknoten während des Unabhängig-keitskrieges) noch für einen Dollar in Gold gehandelt. Zwei Jahre späternur noch für 25 Cent. 1779, also nur vier Jahre nach ihrer Ausgabe,waren sie weniger wert als ein Penny. Der Ausdruck »keinen Continentalwert« hat seinen Ursprung in dieser Zeit. Ein Paar Schuhe kostete5000 Dollar, ein Anzug eine Million.
In diesem Jahr schrieb George Washington: »Ein Waggon vollerGeld wird kaum für einen Waggon voller Vorräte genügen.«(11) Und sogarBenjamin Franklin begann das Licht zu sehen. In einem Anflug vonSarkasmus schrieb er:
Diese Währung, wie wir sie bewirtschaften, ist eine wundervolleMaschine. Sie erfüllt ihren Zweck, wenn wir sie herausgeben; siebezahlt und kleidet Truppen und versorgt uns mit Nahrungsmittelnund Munition; und wenn wir ein Übermaß davon herausgeben müs-sen, bezahlt sie sich selbst durch Abwertung.(12)
Wenn wir von Defizitausgaben sprechen, hören wir häufig die Anklage,wir würden künftige Generationen dafür bezahlen lassen, was wir heutegenießen. Wieso aber sollten wir nicht unsere Nachfahren das mit-bezahlen lassen, was auch ihnen zum Nutzen sein wird? Lassen Sie sichnicht täuschen. Dieser falsche Eindruck wird von Politikern gern be-nutzt, um die Öffentlichkeit zu beruhigen. Wenn Geld nicht gedeckt ist,wie dies die Kolonisten feststellen mußten, wird jedes Regierungs-gebäude, jeder öffentlicher Auftrag oder jede Kanone aus dem gegen-wärtigen Verdienst der Bürger bezahlt. Solche Sachen müssen heutegebaut werden mit der heutigen Arbeitskraft, und die Arbeiter müssenheute bezahlt werden. Tatsächlich bleiben die Zinszahlungen teilweisefür künftige Generationen, aber die ursprünglichen Kosten müssen inder Gegenwart bezahlt werden. Das Ergebnis ist ein Verlust des Werteseiner Währung und damit der Kaufkraft der gegenwärtigen Löhne.
(11)Albert S. Bolles, The Financial History of the United States (New York:D. Appleton, 1896, 4. Edition), Band I, S. 132.(12)
Brief an Samuel Cooper, 22. April 1779, in: Albert Henry Smyth, The Writingsof Benjamin Franklin (New York: Macmillan, 1906), Band VII, S. 294.
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Inflation ist eine versteckte Steuer
Mit der Ausgabe von Papiergeld können Regierungen sofort Kauf-kraft schaffen, und das ohne Steuern. Doch woher stammt diese Kauf-kraft? Die künstlich geschaffene Kaufkraft durch das Geld ohne Gegen-wert muß irgendwo herkommen. Tatsächlich wird sie indirekt durcheine Absenkung unserer Kaufkraft geschaffen. Eigentlich handelt essich hier ebenfalls um nichts anderes als eine Steuer, die uns verborgenbleibt und im Hintergrund wirkt und vom Steuerzahler nicht gesehenwird.
Im Jahre 1786 lieferte Thomas Jefferson eine klare Erläuterungdieser Vorgänge:
Jedermann, durch dessen Hände eine Banknote ging, erlebte derenWertverlust, noch während sie in seinen Händen war Dies ist für ihneine echte Steuer, und auf diese Weise zahlten die Bürger der Verei-nigten Staaten ... Millionen von Dollars während des Krieges. Undweil sie die ungerechteste von allen war, wurde sie auch diebedrückendste.(13)
Preiskontrollen und gesetzliche Zahlungsmittel
Während die Preise zum Himmel stiegen, führten die Kolonien Lohn-und Preiskontrollen ein. Das war so, als würde man den Ausguß einesTeekessels mit einem Korken zustopfen, in der Hoffnung, den Dampfdrinnen zu halten. Als dies fehlschlug, gab es eine Serie von scharfenGesetzen bezüglich der Zahlungsmittel. Ein Gesetz beschwor sogar dasGespenst des Verrates. Es besagte: »Sollte irgendeine Person ohneTugend und Respekt für sein Land sein und die Zahlungsmittel diesesLandes verweigern ..., so möge er öffentlich gemacht, betrachtet undbehandelt werden als ein Feind dieses Landes und ausgeschlossenwerden von Handel und allen Belangen der Einwohner dieser Kolo-nien.«(14)
Rhode Island erhob nicht nur schwere Strafen für das Ablehnenseiner Geldnoten, seinen Einwohnern wurde sogar der Verlust der Bür-gerrechte angedroht. Sobald ein Gericht diesen Erlaß für verfassungs-
(13)Thomas Jefferson, Observations an the Article Etats-Unis Prepared for theEncyclopedia, 22. Juni 1786 (New York: G. P. Putnam's Sons, 1894), Band IV,S. 165.(14)
David Ramsay, History of the American Revolution (London: Johnson andStockdale, 1791), Band II, S. 134-136.
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widrig erklärte, wurden die Richter vor die Legislative gerufen und ausdem Amt gejagt.(15)
Wirtschaftliches Chaos und Aufruhr
Waren schon die Verwüstungen des Krieges eine schwere Bürde fürdie Kolonien, so traf dies ebenso auf das Papiergeld zu. Nach dem Kriegfolgte auf die Inflation die Deflation. Die Preise fielen dramatisch, sehrzum Vergnügen der Käufer. Doch für die Händler oder die Farmer, diewährend des Krieges zu überhöhten Preisen Grundbesitz und Warenerworben hatten, war dies eine Katastrophe. Die neuen und niedrigerenPreise standen in direktem Gegensatz zu den festen und überhöhtenHypotheken, so daß viele hart arbeitende Familien durch Zwangsvoll-streckungen ruiniert wurden. Außerdem verstanden viele Menscheneinfach nicht die Hintergründe der Inflation, so daß sie nach der »Hei-lung durch Papiergeld« riefen. Einige Staaten gaben diesem Druck nachund warfen ihre Druckmaschinen an.
Der Historiker Andrew McLaughlin erinnert sich an eine typischeSzene in Rhode Island, wie sie von einem französischen Besucherbeobachtet wurde:
Ein französischer Reisender, der zu jener Zeit durch Newport kam,lieferte ein trauriges Bild dieses Ortes: Untätige Männer standen mitverschränkten Armen an den Straßenecken, die Häuser zerfielen,mickrige Geschäfte boten nur wenige grobe Artikel, das Gras wuchsauf den Straßen, die Fenster waren mit Lumpen verhangen. Allesspiegelte nichts als Armut, den Triumph des Papiergeldes und dasWirken unfähiger Politiker wider. Die Händler hatten ihre Geschäftegeschlossen, weil sie kein Papiergeld annehmen wollten, und dieFarmer benachbarter Staaten dachten nicht daran, ihre Produkte aufden Markt zu bringen.(16)
Die allgemeine Untätigkeit und wirtschaftliche Depression führten auchzur Rebellion und zum Aufruhr. 1786 schrieb Georg Washington anJames Warren: »Die Räder der Regierung sind blockiert und ... wirsteigen hinab in das Jammertal der Verwirrung und der Dunkelheit.«(17)
(15)Merill Jensen, The New Nation (New York: Vintage Books, 1950), S. 324.(16)
Andrew McLaughlin, The Confederation and the Constitution (New York:Collier Books, 1962), S.107-108.(17)
Harry Atwood, The Constitution Explained (Merrimac, Massachusetts: DestinyPublishers, 1927, Edition II 1962), S. 3.
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Zwei Jahre später schrieb er an Henry Knox: »Hätte ... mir jemandfrüher gesagt, in welche Unordnung wir uns begeben, hätte ich ihn füreinen Irren ..., reif für ein Irrenhaus, erklärt.«(18)
Glücklicherweise gibt es einen guten Ausgang dieser Geschichte.Wie wir später noch sehen werden, hatten die Abgeordneten der einzel-nen Staaten bei der Entwicklung unserer Verfassung die Auswirkungendes Papiergeldes noch so frisch vor Augen, daß sie dieses ein für alleMal abschaffen wollten. Von da an hat sich die Republik nicht nurerholt, sondern wurde von der ganzen Welt, wenigstens zeitweilig,beneidet, bis diese Lehre von den folgenden Generationen erneut ver-gessen wurde. Doch damit eilen wir der Geschichte voraus. Momentanbeschäftigen wir uns noch immer mit dem Papiergeld, und diese Erfah-rung der amerikanischen Kolonien ist ein klassisches Beispiel für das,was unweigerlich geschieht, wenn Menschen einer Versuchung erliegen.
Naturgesetz Nummer 3
Halten wir an dieser Stelle einen Moment inne und betrachten wir dieLehren der Geschichte einiger Jahrhunderte. Diese Lehre ist so klar unduniversell, daß sie als Naturgesetz des menschlichen Verhaltens be-schrieben werden kann:
LEHRE: Papiergeld ist nur Papier ohne Werte-Deckung, das Men-schen per Gesetz annehmen müssen. Es gestattet den Politikern,Ausgaben ohne Erhöhung der Steuern vorzunehmen. Papiergeld istdie Ursache der Inflation, und der Verlust an Kaufkraft ist genausohoch wie der Betrag, der ihnen genommen und auf die Regierungübertragen wird. Inflation ist also nichts anderes als eine versteckteSteuer.
Diese Art von Steuer ist die ungerechteste von allen, denn siebetrifft vor allem diejenigen, die am wenigsten besitzen: die Bezieherkleiner und festgelegter Einkommen. Sie bestraft die Sparsamen mitdem Verlust ihrer Ersparnisse. Dies führt zu Unzufriedenheit unterden Menschen, zu politischer Unruhe und zu nationalem Unfrieden.Deshalb gilt:
GESETZ: Eine Nation, die zu dem Mittel des Papiergeldes greift,hat sich selbst zu wirtschaftlichen Schwierigkeiten und politischerUnruhe verurteilt.
(18)Harry Atwood, S. 4.
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Unbedeutendes Geld
Nun zur vierten und letzten möglichen Form des Geldes: eine verlok-kende Art, genannt unbedeutendes Geld. Um dieses zu verstehen, müs-sen wir uns Europa zuwenden und die Handlungsweisen der früherenGoldschmiede untersuchen, welche die wertvollen Metallmünzen ge-gen eine Gebühr für ihre Kunden aufbewahrten.
Zusätzlich zu den Goldschmieden, die Münzen aufbewahrten, gab eseine andere Art von Händlern, die »Geldmakler« genannt wurden unddie Münzen ausliehen. Die Goldschmiede behaupteten, auch sie könn-ten als Geldmakler tätig werden, dies aber mit anderer Leute Geld. Siemeinten, es sei eine Schande, daß all diese Münzen nutzlos in ihrenTresoren herumlägen. Weshalb sollte man sie nicht ausleihen und damiteinen Profit machen, der dann zwischen ihnen und den Einlegern geteiltwerden könnte? Sie sollten »arbeiten«, statt nur Staub anzusammeln.Aus ihrer Erfahrung wußten sie, daß die Einleger fast niemals gleichzei-tig ihr Geld zurückhaben wollten. Tatsächlich waren die Netto-Forde-rungen nur selten größer als zehn oder 15 Prozent der gesamten Einla-gen. Damit schien es absolut sicher, bis zu 80 oder sogar 85 Prozent dergesamten Münzen zeitweilig auszuleihen. So wurden also aus denLagerhaltern Geldverleiher für die Einleger, und es entstand das Systemder Banken, wie wir es heute kennen.
So beschreiben viele Lehrbücher den Vorgang, doch es gehört vielmehr dazu, als nur ungenutztes Geld zu nutzen. Zunächst einmal wardie Aufteilung der Zinseinkommen nicht Teil des ursprünglichen Kon-zeptes. Dies wurde erst viele Jahre später üblich, als die Einleger sichüber diese Praxis ärgerten und davon überzeugt werden mußten, daß dasauch für sie nützlich sei. Anfangs wußten sie nicht einmal, was mitihrem Geld geschah. Sie glaubten tatsächlich, die Goldschmiede wür-den nur eigenes Geld ausleihen.
Einlagen sind nicht für Ausleihen verfügbar
Wir müssen uns auch überlegen, ob die Münzen in den Tresorenüberhaupt für Ausleihen verfügbar waren, und zwar unabhängig davon,ob die eigentlichen Einleger davon profitierten. Stellen wir uns vor, wirwürden bei Charlie Smith Poker spielen. Jeder hat Charlie 20 Dollargegeben, der als Spielleiter das Geld in einen Schuhkarton gesteckt unduns dafür 20 Spielmarken gereicht hat. Dabei setzten wir alle voraus,daß wir jederzeit nach Hause gehen und uns für jede Spielmarke einenDollar zurückgeben lassen können. Nehmen wir aber einmal an, Charlies
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Schwager Larry taucht auf, und zwar nicht, um mitzuspielen, sondernum sich Geld zu leihen. Da wir sechs Spieler waren und jeder 20 Dollarauf den Tisch gelegt hatte, stecken also 120 Dollar im Schuhkarton ...,genau die Summe, die Larry braucht. Sie können sich vorstellen, wasgeschähe, würde Charlie dieses »untätige« Geld ausleihen. Es stehtdafür einfach nicht zur Verfügung.
Weder Charlie noch irgendein Mitspieler haben das Recht, dieseDollar auszuleihen, denn sie wurden sozusagen nur bei einem Drittenhinterlegt. Sie existieren in dem Augenblick eigentlich gar nicht alsGeld. Statt dessen wurden sie eigentlich in Form von Spielmarkenersetzt. Sollte irgendeiner der Mitspieler von Larrys Geschichte soangerührt sein, daß er ihm Geld leihen möchte, müßte er dieses mitanderen Dollars tun als mit denen, die im Schuhkarton liegen. Dasbedeutet also: Wir können also nicht etwas ausgeben, verleihen oder dieEinlagen weggeben und gleichzeitig die Spielmarken für wertvollhalten.
Wenn Sie Mitglied einer Organisation sind und Ihre Vollmacht einemFreund gegeben haben, um auf der jährlichen Hauptversammlung stell-vertretend für Sie eine Stimme abzugeben, können sie nicht plötzlichtrotzdem erscheinen und zusätzlich abstimmen. Ebenso waren am An-fang des Bankwesens die Anleihen, die wie Geld zirkulierten, Stellver-treter der Münzen. Diese Münzen standen folglich nicht für Ausleihun-gen zur Verfügung. Ihr Geldwert war an die Anleihen gebunden. Hättendie Anteilseigner die Münzen ausleihen wollen, hätten sie zuerst einmaldie Anleihen zurückziehen müssen. Sie besaßen gar nicht das Recht,Papiergeld zu besitzen und gleichzeitig ihre Banken zu berechtigen,Münzen zum selben Wert auszuleihen. Man kann also nicht etwasausgeben, verleihen oder die Einlagen weggeben und gleichzeitig dieSpielmarken für wertvoll halten.
Dies ist einfach gesunder Menschenverstand. Es gibt jedoch eineandere Dimension, die mit der Aufrichtigkeit im Geschäftsgebaren zutun hat. Sobald die Banker diese Münzen als Basis für neue Anleihennutzten, hatten sie nicht genug in ihren Tresoren, sobald die Einleger ihrEigentum zurückforderten. Mit anderen Worten: Die neuen Verträgewurden in vollem Bewußtsein geschlossen, daß sie unter bestimmtenUmständen nicht erfüllt werden könnten. Darüber machten sich dieBanker niemals Gedanken. Die Allgemeinheit wurde in dem Glaubengelassen, sie würden der Wirtschaft dienen und noch ein bißchen Profitmachen, solange sie ihre Einlagen nicht benötigten. Dies war schließ-
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lich eine verlockende Aussicht, und diese Geschäftsidee griff wie einBuschfeuer um sich.
Bankgeschäfte mit unbedeutendem Geld
Die meisten Kreditnehmer wünschten sich natürlich statt der sperri-gen Münzen lieber Papiergeld, und sobald sie ihre Kredite erhielten,steckten sie die Münzen üblicherweise sofort zur Sicherheit zurück indie Tresore. Dafür erhielten sie Quittungen, die im Geschäftsleben wieBargeld behandelt wurden. Nun aber wurde alles kompliziert. Dieursprünglichen Einleger hatten Quittungen für ihre Münzen erhalten.Die Banken gaben jetzt Darlehen bis zu 85 Prozent der Einlagen aus,und die Kreditnehmer erhielten Quittungen für diese Summe. Und dieszusätzlich zu den ursprünglichen Quittungen. Es gab nun also 85 Pro-zent mehr Quittungen als Münzen. Somit hatten die Banken 85 Prozentmehr Geld geschaffen und über die Kreditnehmer in Umlauf gebracht.Mit Hilfe dieser unechten Quittungen blähten sie folglich den Geld-markt auf. Zu diesem Zeitpunkt waren die Anleihen also nicht mehr zu100 Prozent von Gold gedeckt. Statt dessen war der Deckungsbetrag auf54 Prozent geschrumpft; dennoch nahm die arglose Öffentlichkeit dieseQuittungen an, obwohl sie nur noch einen Teil des ursprünglichenWertes besaßen. Diese Quittungen oder Bescheinigungen darf mandeshalb als unbedeutendes Geld bezeichnen, und der Prozeß, wie esgeschaffen wurde, als Bankgeschäfte mit unbedeutendem Geld.
Niemals jedoch gab es hierfür eine Erklärung. Die Banker beschlos-sen, es sei besser, dieses Geschäftsgebaren hinter verschlossenen Türenzu besprechen. Es wurde zu einem Standes-Geheimnis. Niemals wurdeden Einlegern die Frage nahegelegt, wie Banken ihr Geld ausleihen undes dennoch bei Bedarf zurückzahlen können. Statt dessen legten dieBanker größten Wert auf Ehrwürdigkeit, Stabilität und Verantwortlich-keit; sie kleideten und benahmen sich seriös, ja streng, errichteten großeGebäude wie Regierungssitze oder Tempel, um das falsche Bild zuerzeugen, sie könnten auf Verlangen ihre Verträge erfüllen.
Es war John Maynard Keynes, der schrieb:
Ein »echter« Banker, o weh, ist nicht einer, der Gefahren sieht und siemeidet, sondern ein solcher, der, wenn er ruiniert ist, dafür sorgt, daßer auf eine solche herkömmliche Art und Weise ruiniert wird wieseine Mitmenschen, so daß niemand ihm Schuld zuweisen kann. Esist also notwendigerweise ein Teil des Berufsbildes des Bankers, den
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Schein zu wahren und eine Anständigkeit zu verbreiten, die über-menschlich ist. Diese lebenslange Übung macht aus ihm den roman-tischsten und unrealistischsten Menschen.(19)
Geld schaffen aus Schulden
Treten wir einen Augenblick zurück. Anfangs dienten die Banken alsLager für die Münzen ihrer Kunden. Sobald sie Papierquittungen fürdiese Münzen aushändigten, wandelten sie wahre Werte in »Empfangs-Geld« um. Dieses war sehr bequem, änderte aber nichts an dem tatsäch-lichen Geldvorrat. Die Menschen hatten die Wahl, ob sie Münzen oderPapier handelten, konnte aber nicht beides zugleich tun. Benutzten siedie Münzen, wurden niemals Quittungen dafür ausgestellt. Benutztensie die Quittungen, blieben die Münzen in den Tresoren und kamennicht in Umlauf.
Sobald die Banken diese Praxis aufgaben und Quittungen an Kredit-nehmer ausgaben, wurden sie zu Magiern. Manche behaupteten, siewürden Geld aus dem Nichts heraus schaffen, doch dies ist nicht ganzkorrekt. Sie machten noch etwas viel Erstaunlicheres: Sie schufen Geldaus Schulden!
Offensichtlich ist es für Menschen leichter, Schulden aufzunehmen,als Gold zu gewinnen. Folglich war Geld nicht länger von den Kräftendes Angebotes und der Nachfrage begrenzt. Statt dessen war es vondiesem Augenblick an nur beschränkt von dem Maß, bis zu dem dieBanker bereit waren, die Golddeckung ihrer Einlagen zu reduzieren.Nun können wir entdecken, daß dieses unbedeutende Geld nur eineÜbergangsform zwischen dem Empfangs-Geld und dem Papiergeld ist.Es besitzt Eigenschaften von beiden. Je kleiner die Teilung wird, destoweniger ähnelt es dem Empfangs-Geld und desto ähnlicher wird es demPapiergeld. Sobald die Teilung sich gegen Null bewegt, wird darausreines Papiergeld. Es gibt praktisch keine Beispiele in der Geschichte,daß die Menschen, sobald sie das Konzept des unbedeutenden Geldesakzeptiert hatten, nicht die weitere Abwertung bis auf Null hingenom-men hätten.
Keine Bank kann lange im Geschäft bleiben ohne Reserven. Nurdurch die Macht der Regierung können Menschen gezwungen werden,solch eine wertlose Währung zu akzeptieren. Nur darum geht es bei der
(19)Lever and Huhne, Debt and Danger, The World Financial Crisis (New York: TheAtlantic Monthly, 1986), S. 42.
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Gesetzgebung bezüglich der Zahlungsmittel. Der Übergang vom unbe-deutenden Geld zu Papiergeld erfordert also die Mitwirkung einerRegierung mit Hilfe eines Mechanismus', der sich Zentralbank nennt.Der größte Teil dieses Buches widmet sich der Untersuchung dieserKreatur, doch im Augenblick mag es genügen festzustellen, daß dieEuphorie, Geld ohne menschliche Arbeitskraft schaffen zu können,derart groß ist, daß, wie bei einer Droge, weder Politiker noch Bankerdiese Gewohnheit zu brechen vermögen. Wie William Sumner bemerk-te: »Ein Mann könnte sich genauso gut von einem Abhang stürzen mitder Absicht, auf halbem Wege innezuhalten.«(20)
Naturgesetz Nummer 4
Und so stoßen wir erneut auf eines der Naturgesetze, die sich ausJahrhunderten der menschlichen Erfahrung ergeben. Man kann es wiefolgt festhalten:
LEHRE: Unbedeutendes Geld ist Papiergeld, das nur zu einem Teilvon einem Edelmetall gedeckt wird. Es ist ein Hybride, teils Emp-fangs- und teils Papiergeld. Die Öffentlichkeit ist sich dieser Tatsa-che allgemein nicht bewußt und glaubt, unbedeutendes Geld könnejederzeit in voller Höhe zurückverlangt werden. Sobald die Wahrheitoffenkundig wird, wie dies gelegentlich geschieht, gibt es einenBankenansturm, bei dem nur die ersten Anleger in der Reihe ausge-zahlt werden können. Da das unbedeutende Geld für die Bankergenausoviel Zinsen einbringt wie Gold oder Silber, ist die Verlok-kung groß, davon so viel wie möglich zu schaffen. Während dasgeschieht, wird der Anteil an der Reserve kleiner und kleiner, bis erschließlich Null wird. Also:
GESETZ: Unbedeutendes Geld wird immer zu Papiergeld dege-nerieren, aber dieses befindet sich nur im Übergang.
So viel zum Überblick und zu den Allgemeinheiten. Im nächsten Kapi-tel werden wir die Lehren aus der Geschichte betrachten. Und welcheine Geschichte das ist!
(20)William Graham Sumner, A History of American Currency (New York: Holt,1884), S. 214.
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Zusammenfassung
Papiergeld entbehrt der Deckung durch ein Edelmetall, und die Bür-ger müssen es per Gesetz annehmen. Das erste Auftreten von Papiergeldgeschah im 13. Jahrhundert in China, doch in großem Umfang wurde eserst in den amerikanischen Kolonien benutzt. Die Erfahrung war ver-heerend; es gab eine massive Inflation, Arbeitslosigkeit, Verlust vonEigentum und politische Unruhe. Während einer kurzen Periode, als dieBank of England die Kolonien zur Aufgabe des Papiergeldes zwang,kam der Wohlstand zurück. Mit dem Unabhängigkeitskrieg kehrte dasPapiergeld als Rache für die Kolonien zurück. Das folgende wirtschaft-liche Chaos zwang die Regierungen der Kolonien, Preiskontrollen undstrenge Gesetze zu den Zahlungsmitteln einzuführen, doch nichts davonwar wirklich effektiv.
Unbedeutendes Geld wird als Papiergeld mit einer geringen Edelme-tall-Deckung definiert. Es wurde in Europa eingeführt, als Goldschmie-de Quittungen für Gold ausgaben, das sie gar nicht verwalteten; nur einTeil davon konnte also jeweils eingelöst werden. Unbedeutendes Gelddegeneriert früher oder später zu reinem Papiergeld.
Kapitel 9
Die Geheimwissenschaft
Die zusammengefaßte Geschichte des unbedeutendenGeldes; das ungebrochene Verzeichnis von Täuschung,Aufschwung, Niedergang und wirtschaftlichem Chaos;die Gründung der Bank of England als erste Zentral-bank der Welt, die zum Vorbild für das Federal ReserveSystem wurde.
Einlegerbanken traten zuerst im antiken Griechenland auf den Plan, undzwar gleichzeitig mit dem Münzgeld. Über Alexander den Großenwurden sie auch in Indien und in Ägypten bekannt. Und sie erschienenin Damaskus 1200 n. Chr. und in Barcelona 1401 n. Chr. Es war jedochder Stadtstaat Venedig, der als Wiege des Bankensystems angesehenwird, wie wir es heute kennen.
Die Bank von Venedig
Im Jahre 1361 gab es bereits genügend Mißbrauch, so daß der Senatdes Stadtstaates per Gesetz seinen Bankleuten verbot, sich gleichzeitigin irgendwelchen anderen Geschäften zu betätigen. Damit sollte derVersuchung widerstanden werden, das Geld der Anleger für eigeneGeschäfte zu nutzen. Gleichzeitig wurden die Banken gezwungen, ihreBücher der Öffentlichkeit offenzulegen und Einblick in ihre Vorräte zugewähren. 1524 wurde eine Bankenaufsicht gegründet, und zwei Jahrespäter mußten die Banken alle geschäftlichen Abwicklungen unterein-ander mit Münzen statt mit Schecks abwickeln.
Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen mußte die damals größte Bank,Pisano und Tiepolo, die über Gebühr Kredite vergeben hatte, 1584wegen Zahlungsunfähigkeit schließen. Die Regierung versuchte zu ret-ten, was zu retten war, und errichtete eine Staatsbank namens Bancodella Piazza del Rialto. Als Lehre aus dem jüngsten Bankrott wurde derneuen Bank untersagt, Darlehen herauszugeben. Jeder Gewinn aus Kre-diten war untersagt. Die Bank mußte sich selbst ausschließlich durchGebühren für die Lagerung von Münzen, durch Umtausch von Währun-gen, Überweisungen zwischen ihren Klienten und notariellen Beurkun-dungen finanzieren.
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Damit war die Formel für ein ehrliches Bankwesen geboren. DasInstitut florierte und wurde bald zum Zentrum des Handels von Vene-dig. Seine Quittungen wurden weit über die Grenzen hinaus akzeptiert,und statt diese, wie üblich, beim Eintausch in Goldmünzen abzuwerten,gab es sogar einen Zuschlag darauf. Dies lag daran, daß damals so vieleverschiedene Münzarten von unterschiedlichster Qualität in Umlaufwaren, daß nur ein Experte ihren tatsächlichen Wert erkennen konnte.Die Bank aber übernahm diese Schätzung automatisch, sobald sie dieMünzen in ihre Tresore legte. Jede einzelne wurde bewertet, und dieerteilte Quittung gab ihren akkuraten Wert wieder. Die Menschen ver-trauten also den auf Papier geschriebenen Quittungen mehr als denMünzen und billigten ihnen folgerichtig einen etwas höheren Wert zu.
Im Laufe der Zeit ging leider die Erinnerung an die früheren unseli-gen Praktiken verloren, und der Senat des Stadtstaates erlag der Versu-chung, Kredite auszugeben. Ohne Geld und unwillig, den Bürgern eineSteuererhöhung zuzumuten, entschieden sich die Politiker, einer neuenBank die Konzession zu erteilen; sie durfte Darlehen ausgeben, Geldschaffen und es dann »ausleihen«. So trat 1619 die Banco del Giro aufden Plan, die wie ihr Vorläufer sofort aus dem Nichts heraus Geld schuf,um es der Regierung zu leihen. Nur 18 Jahre später wurde die Bancodella Piazza del Rialto vor der neuen Bank geschluckt, und die erstewinzige Flamme des ehrlichen Bankwesens verlosch.
Während des 15. und 16. Jahrhunderts kamen überall in Europa neueBanken auf. Doch fast ausnahmslos folgten sie der lukrativen Praxis desVerleihens von Geld, das eigentlich gar nicht existierte. Als Ergebnisder zügellosen Kreditwirtschaft versagte eine Bank nach der anderen.Allerdings heißt das nicht, daß ihre Eigentümer und die DirektorenSchaden nahmen. Es heißt nur, daß die Einleger Teile ihrer Einlagenoder die gesamte Summe verloren.
Die Bank von Amsterdam
Das zweite Beispiel einer gut geführten Bank war die 1609 gegrün-dete Bank von Amsterdam; ihre Ergebnisse spiegelten die Erfahrungender früher gegründeten Banco della Piazza del Rialto wider. Die Bankakzeptierte nur Einlagen und weigerte sich, Darlehen auszuteilen. IhreEinnahmen bezog sie ausschließlich aus ihren Dienstleistungen. AlleZahlungen in und um Amsterdam herum wurden schon bald mit Papier-geld der Bank getätigt, und auch dieses wurde rasch höher bewertet alsMünzen. Die Bürgermeister und der Stadtrat mußten jedes Jahr schwö-
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ren, daß die Münzreserven der Bank in Ordnung waren. Galbraithhierzu:
Ein Jahrhundert lang funktionierte diese nützliche und bemerkens-werte Rechtschaffenheit. Einlagen waren Einlagen, und ursprünglichblieb das Metall für den Eigentümer unangetastet, bis er es jemandanderem übereignete. Nichts wurde ausgeliehen. Als 1672 die Ar-meen von Ludwig XIV sich Amsterdam näherten, läuteten die Alarm-glocken. Kaufleute belagerten die Bank, einige von ihnen fürchteten,ihr Besitz könnte verschwunden sein. Alle, die ihr Geld ausbezahlthaben wollten, erhielten dieses zurück, aber dann wollten sie es garnicht mehr Wie so häufig in der Zukunft, haben Menschen, dieverzweifelt ihr Geld von der Bank zurückfordern wollten, dieses garnicht mehr haben wollen, sobald sie sicher waren, daß es nochexistierte.(1)
Das Prinzip von Ehrlichkeit und Zurückhaltung überdauerte jedochnicht lange. Die Versuchung, schnellen Profit aus der Schaffung vonGeld zu ziehen, war einfach zu groß. Schon 1657 wurde einzelnenKunden gestattet, ihr Bankkonto zu überziehen ..., was natürlich bedeu-tete, daß die Bank neues Geld aus diesen Schulden erschuf. In denkommenden Jahren wurden der Dutch East Indies Company enormeKredite gewährt. Die Wahrheit wurde schließlich im Januar 1790 derÖffentlichkeit bekannt, und von da an verlangten die Kunden die Rück-zahlung ihrer Einlagen. Nur zehn Monate später erklärte sich die Bankfür zahlungsunfähig und wurde von der Stadt Amsterdam übernommen.
Die Bank von Hamburg
Das dritte und letzte Experiment mit einem aufrichtigen Bankwesengab es in Deutschland mit der Bank von Hamburg. Für über zweiJahrhunderte hielt sie sich an die Regel sicherer Einlagen. Die Verwal-tung der Bank war so penibel, daß Napoleon, als er 1813 Besitz von ihrergriff, genau 7 506 956 Silbermark vorfand, denen 7 489 343 Mark anVerbindlichkeiten gegenüberstanden. Also überstiegen die Einlagen um17 613 Mark die Verbindlichkeiten. Der größte Teil des Schatzes, denNapoleon fortschaffen ließ, wurde wenige Jahre später von der französi-schen Regierung in Form von Effekten gutgemacht. Man kann heute
(1)Galbraith, S. 16.
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nicht beurteilen, ob diese von irgendeinem Wert waren, doch selbstwenn, so lassen sie sich nicht mit Silber vergleichen. Wegen der auslän-dischen Invasion war die Währungsreserve der Bank nicht mehr tausch-bar in Münzgeld. Sie war zu unbedeutendem Geld geworden, und derSelbstzerstörungsmechanismus war in Gang gesetzt. 1871 wurde dieBank schließlich gezwungen, all ihre Geschäftstätigkeiten einzustellen.
Dies ist das Ende der sehr kurzen Geschichte des ehrlichen Bankwe-sens. Von diesem Punkt an wurde die Praxis des unbedeutenden Geldesallgemein gültig. Dennoch gab es viele interessante Bewegungen undEntwicklungen, ehe daraus etwas so Hochgestochenes wie das FederalReserve System werden konnte.
Frühes Bankwesen in England
In England wurde das erste Papiergeld auf Erlaß von Charles II.ausgegeben. Es war reines Papiergeld, und obwohl es offiziell zumlegalen Zahlungsmittel erklärt worden war, wurde es kaum genutzt.1696 wurde es von Banknoten des Finanzministeriums ersetzt. DieseNoten waren umtauschbar in Gold, und die Regierung gab sich größteMühe sicherzustellen, daß es genug Münzen oder Barren zur Erfüllungdieser Ansprüche gab. Anders ausgedrückt, es war echtes( Empfangs-oder Quittungs-Geld und wurde weithin akzeptiert als Zahlungsmittel.Außerdem betrachtete man diese Banknoten als kurzfristige Anleihenan die Regierung und bot sogar Zinsen darauf.
1707 wurde der neu gegründeten Bank of England die Verantwortungfür diese neue Währung übertragen, doch die Bank war stärker an derVerbreitung eigener Banknoten interessiert, die sich an dem Modell desunbedeutenden Geldes orientierten und zur Einnahme von Zinsen undnicht zur ihrer Zahlung taugte. Als Folge hiervon gerieten die Noten derRegierung allmählich außer Gebrauch und wurden von Banknoten er-setzt, die Mitte des 18. Jahrhunderts Englands einziges Papiergeldwurden.
Zu dieser Zeit war die Bank von England noch keine echte Zentral-bank. Sie besaß ein Monopol zur Ausgabe von Banknoten in Londonund anderen wichtigen Zentren, doch diese galten nicht als legalesZahlungsmittel. Niemand mußte sich ihrer bedienen. Sie stellten ledig-lich Teilbescheinigungen einer Privatbank für Goldmünzen dar, die vonder Öffentlichkeit angenommen, abgelehnt oder nach Belieben zu ei-nem geringeren Wert behandelt werden konnten. Der Status eines ge-setzlichen Zahlungsmittels wurde erst 1833 gewährt.
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Bis dahin hatte das Parlament zahlreichen anderen Banken des Em-pire Konzessionen erteilt; ohne Ausnahme führte die Ausgabe vonunbedeutendem Geld letzten Endes zum Ruin dieser Banken und ihrerEinleger. »Ein Unglück nach dem anderen kam über das Land«, be-merkte Schaw, wegen »der Gleichgültigkeit des Staates gegenüber die-sen privat herausgegebenen Gutscheinen«(2). Die Bank von England wur-de jedoch von der Regierung bevorzugt und wieder und wieder vomParlament vor der Zahlungsunfähigkeit bewahrt. Dies ist eine interes-sante Geschichte.
Die Bank von England
Nach einem halben Jahrhundert der Kriegsführung gegen Frankreichund zahlreicher Bürgerkriege wegen erdrückender Steuern war Englandfinanziell erschöpft. Zur Zeit der Kriegswirren von 1693 war KönigWilhelm in größter Not, sich neue Einnahmequellen zu erschließen.20 Jahre vorher hatte König Karl II. schlichtweg die Existenz einesDarlehens von einer Million Pfund geleugnet, die ihm eine Gruppe vonGoldschmieden geliehen hatte; auf einen Schlag verloren 10 000 Einle-ger ihre Ersparnisse. Diese Ereignisse waren noch frisch in Erinnerung,und es braucht deswegen gar nicht erklärt zu werden, daß die Regierungkaum als eine gute Geldeinlage galt. Da Steuererhöhungen und Anlei-hen ausschieden, suchte das Parlament verzweifelt nach anderen Mög-lichkeiten, an Geld zu kommen. Es ging nicht darum, sagt Groseclose,»die Mechanismen der Geldwirtschaft intelligenter zu nutzen, sonderndarum, die finanziellen Bedürfnisse einer mittellosen Regierung aufandere Weise als über drückende Steuern und öffentliche Anleihen zubefriedigen«(3).
Zwei Gruppen von Männern entdeckten darin eine einzigartige Gele-genheit. Die erste Gruppe umfaßte die politischen Fachleute innerhalbder Regierung und die zweite die Finanzfachleute des aufstrebendenBankwesens. Der Organisator und Sprecher dieser Gruppe war WilliamPaterson aus Schottland. Paterson war aus Amerika zurückgekehrt miteinem grandiosen Plan zur Erlangung des Privilegs zur Gründung einerGesellschaft, die den Isthmus von Panama, damals bekannt als Darien,kolonisieren sollte. Jedoch zeigte sich die Regierung daran desinteres-
(2)W. A. Shaw, Theory and Principles of Central Banking (London & New York:Sir I. Pitman&Sons, 1930), S. 175. (3)
Groceclose, Money and Man, S. 175.
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siert, und so wandte sich Paterson einer Aufgabe zu, welche die Regie-rung wirklich interessierte: der Schaffung von Geld.
Schon bald schlossen sich beide Gruppen zusammen. 0 nein, diesklingt zu harmlos. Das American Heritage Dictionary beschreibt eineVerschwörergruppe als »eine Gruppe von Verschwörern und Intrigan-ten«. Keine andere Beschreibung könnte diese Gruppe so treffend cha-rakterisieren. Ähnlich geheimnisvoll und mysteriös wie das Treffen aufJekyll Island gestaltete sich die Zusammenkunft der Verschwörer inMercer's Chapel in London, wo sie zur Erfüllung ihrer Interessen einenSieben-Punkte-Plan ausheckten:
1.Die Regierung sollte die Konzession zur Gründung einer Bankerteilen.
2.Die Bank würde das Monopol zur Ausgabe von Banknoten erhal-ten, die als Englands Papierwährung dienen sollten.
3.Die Bank sollte Geld aus dem Nichts und nur zu einem Bruchteildes Wertes vorhandener Münzen schaffen.
4.Die Finanzleute würden der Regierung dann all das Geld leihen,das sie benötigte.
5.Das für die Regierung bereitgestellte Geld würde im wesentlichenaus Schuldverschreibungen bestehen.
6.Obwohl das Geld im Grunde nichts kostete, sollte die Regierung»Zinsen« in Höhe von acht Prozent zahlen.
7.Die Schuldverschreibungen der Regierung sollten als »Reserven«zur Schaffung zusätzlicher Darlehen für die Privatwirtschaft die-nen. Auch darauf sollten Zinsen fällig werden. Die Finanzfachleutewürden also zweimal Zinsen für das gleiche Nichts einstreichen.(4)
Das Rundschreiben, mit dem die erste Tranche angeboten wurde, ver-hieß: »Die Bank genießt Zinsen auf alle Gelder, die sie erschafft.«(5) Die
(4)Murray Rothbard, The Mystery of Banking (New York: Richardson & Snyder,1983), S. 180.
(5)Caroll Quigley, Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time (NewYork: Macmillan, 1966), S. 49. Paterson zog keinen Nutzen aus seiner Schöp-fung. Er zog sich in Unfrieden über die Bankgeschäfte schon wenige Monatespäter zurück und ging nach Schottland, wo er das Darien-Projekt zu Geldmachte. Sparsame Schotten drängten sich nach den Aktien und reisten in einvon Fieber geschütteltes Land. Die Aktien verloren an Wert, fast alle 1200 Ko-lonisten starben.
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Konzession wurde 1694 erteilt, und damit erblickte eine seltsame Krea-tur das Licht der Welt. Es war die erste Zentralbank. Rothbard hierzu:
Kurz gesagt, weil es nicht genug Privatsparer zur Finanzierung desDefizits gab, erklärten sich Paterson und seine Gruppe zum Aufkaufvon öffentlichen Anleihen bereit, jedoch unter der Voraussetzung,daß sie dies mit aus der Luft geschaffenen Banknoten tun könntenund dafür noch ein ganzes Bündel an Privilegien genießen dürften.Dies war ein großartiges Geschäft für Paterson und die anderen, unddie Regierung profitierte von dem Mumpitz der Finanzierung ihrerSchulden durch eine scheinbar legitime Bank ... Sobald die Bank ofEngland 1694 ihre Konzession erhielt, drängten sich König Wilhelmpersönlich und etliche Mitglieder des Parlamentes zum Erwerb vonAnteilen der von ihnen gerade geschaffenen Geldmaschine.(6)
Die Geheimwissenschaft des Geldes
Beide Gruppen der Clique wurden großzügig belohnt. Die politi-schen Gelehrten waren auf der Suche nach 500 000 Pfund zur Finanzie-rung des Krieges. Die Bank lieh ihnen mehr als doppelt so viel. DieFinanzfachleute begannen mit einem zugesagten Kapitalinvestment inHöhe von 1,2 Millionen Pfund. Die Lehrbücher behaupten, die Regie-rung habe acht Prozent Zinsen zu zahlen gehabt, doch meistens wird dieTatsache weggelassen, daß zur Zeit der Anleiher nur 720 000 Pfundtatsächlich investiert worden waren. Dies bedeutet, daß die Bank 66 Pro-zent mehr »verliehen« hatte, als sie besaß.(7) Zusätzlich genoß die Bankdas Privileg, mindestens noch einmal die gleiche Summe als öffentlicheAnleihen herauszugeben. Nachdem man also der Regierung Geld gege-ben hatte, durfte man diese Summe ein zweites Mal ausleihen.
Ein ehrliches Darlehen von 720 000 Pfund zu acht Prozent hätte57 600 Pfund Zinsen eingebracht. Mit Hilfe der neuen Geheim-wissenschaft konnte man acht Prozent auf die 1,2 Millionen Pfund fürdie Regierung einstreichen plus geschätzte neun Prozent auf 720 000Pfund an Geschäftsleute. Zusammengerechnet ergeben sich 160 800Pfund oder 22 Prozent auf die ursprüngliche Investition. Unter diesenUmständen scheint es jedoch sinnlos, überhaupt von Zinsraten zu spre-chen. Wird Geld aus dem Nichts heraus geschaffen, beträgt die tatsäch-
(6)Rothbard, Mystery, S. 180.
(7)R. D. Richards, The Early History of Banking in England (New York: AugustusM. Kelley, 1965), S. 148-150, Originaledition 1929.
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liche Zinsrate nicht acht oder neun oder 22 Prozent, sondern praktischunendlich.
An diesem ersten offiziellen Akt der ersten Zentralbank der Weltkann man die großartigen Täuschungsmanöver all derer studieren, diefolgten. Die Bank gab vor, ein Darlehen auszuhändigen, obwohl sie nurGeld für Regierungsbedürfnisse geschaffen hatte. Hätte die Regierungdies selbst getan, wäre die wahre Natur dieses Geldes sofort offenkun-dig geworden, und wahrscheinlich wäre es niemals zu dem aufgedruck-ten Wert in Umlauf gekommen. Weil aber das Geld von einer Bankstammte, wurde der Vorgang für die Öffentlichkeit undurchsichtig. Dieneu geschaffenen Noten waren nicht zu unterscheiden von den früherenmit Edelmetall gedeckten. Und die Bürger blieben arglos.
Die Wirklichkeit der Zentralbanken – und auch das Federal ReserveSystem ist solch ein Geschöpf – besteht darin, daß sie unter demVorwand, öffentliche Staatsanleihen zu erwerben, als versteckte Geld-maschinen dienen, die auf Wunsch der Politiker jederzeit angeworfenwerden können. Es ist ein Gottesgeschenk für die Politiker, die sichnicht länger auf Steuereinnahmen oder den guten Ruf ihrer Finanzmini-ster verlassen müssen, um an Kapital zu kommen. Es ist leichter alsGeld zu drucken und, weil niemand diese Prozesse versteht, politischungefährlich.
Natürlich werden die Finanzfachleute großzügig entlohnt. Um denSchein zu wahren, erhalten sie Zinsen, doch dies ist eine Fehlbezeichnung.Sie verliehen kein Geld, sie schufen es. Ihre Belohnung sollte alsolauten: eine Gebühr, eine Kommission, eine Tantieme, eine Provisionoder was auch immer, aber keineswegs Zinsen.
Von Inflation zum Bankenansturm
Das von der Bank von England neu geschaffene Geld rauschte wieein Regenfall im April durch die Wirtschaft. Die Banken außerhalbLondons erhielten das Recht, selbst Geld zu drucken, doch mußten sieeinen gewissen Prozentsatz in Form von Münzen oder Zertifikaten derBank von England in Reserve haben. Kaum hielten sie diese neuenBanknoten in Händen, schlossen sie sie rasch in die Tresore und gabenentsprechende eigene Noten in größerer Zahl heraus. Als Ergebnisdieser Lawine stiegen die Preise innerhalb von zwei Jahren um 100 Pro-zent. Schließlich geschah das Unvermeidliche: Es gab einen Ansturmauf die Bank, und die Bank von England konnte keine Münzen vorweisen.
Wenn dies geschieht, ist die Bank bankrott. Man sollte sie dann aus
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dem Geschäft gehen und ihre Aktiva veräußern lassen, um die Gläubi-ger zu befriedigen. Eigentlich war es allen Banken, die ihre Einlagenüberzogen und unbedeutendes Geld geschaffen hatten, so ergangen.Wäre alles dabei geblieben, hätten die Menschen zweifellos verstandenund sich von diesen Banken abgewandt. Mit Hilfe des schmerzhaften,aber höchst nützlichen Prozesses von Versuch und Irrtum hätte man zuunterscheiden gelernt zwischen echtem Geld und Narrengold. Und unsginge es heute besser!
Natürlich ließ man das nicht zu. Eine Clique ist eine Partnerschaft,und jede der beiden Gruppen muß die andere beschützen ..., nicht ausLoyalität, sondern weil es im gegenseitigen Interesse liegt. Wenn einerstürzt, stürzen beide. Als der Ansturm auf die Bank von England eintrat,schritt also das Parlament sofort ein. Im Mai 1696, gerade zwei Jahrenach der Gründung, wurde ein Gesetz erlassen, wonach sie berechtigtwar, »die Auszahlung von Hartgeld auszusetzen«. Per Gesetz brauchtefortan die Bank die Rückgabe des Goldes nicht mehr zu erfüllen.
Das Strickmuster der Protektion
Dies war ein folgenschwerer Augenblick in der Geschichte des Gel-des, denn es handelte sich um einen Präzedenzfall. In Europa undAmerika haben die Banken stets ihre Geschäfte in der Gewißheit getä-tigt, daß ihnen im Notfall die Regierungen zu Hilfe kommen. Politikerbeteuern beständig, »die Öffentlichkeit schützen« zu wollen, doch inWahrheit brauchen Regierungen das Papiergeld der Banken. Also dür-fen wenigstens die großen Institute nicht im Stich gelassen werden. Nurein Kartell mit Regierungsunterstützung kann sich von den Kräften desMarktes abschotten.
Es ist eine Tatsache, daß heutzutage Verbrecher häufig nur leichtbestraft werden, wenn sie ihren Nachbarn ausrauben. Viel härter sinddie Strafen, wenn man eine Regierung oder Bank bestiehlt. Auch diesbeweist die geheime Partnerschaft. In den Augen der Regierungen sindBanken etwas Besonderes, seit diese Bruderschaft besteht. So schreibtGalbraith:
Als Lord George Gordon 1780 im Protest gegen den »Catholic ReliefAct« den Mob durch Londons Straßen führte, war die Bank einwichtiges Ziel. Sie stellte das Establishment dar Solange nur diekatholischen Bezirke Londons ausgeplündert wurden, reagierten dieBehörden zögerlich. Bei der Belagerung der Bank wurde es ernst.
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Truppen schritten ein, und seither haben Soldaten die Bank jedeNacht bewacht.(8)
Booms und Pleiten garantiert
Sobald die Bank von England gesetzlich geschützt war vor denFolgen, Schulden in Geld umzuwandeln, war die britische Wirtschaft zueiner Achterbahn von Inflation und Booms und Pleiten verurteilt. Dernatürliche und sofortige Effekt waren gewaltige Darlehen für beinahejedes vorstellbare verrückte Projekt. Wieso auch nicht? Das Geld koste-te nichts, und der mögliche Profit konnte enorm sein. Die Bank ofEngland und alle anderen, die lawinenartig die Geldmenge vergrößer-ten, pumpten einen beständigen Strom neuen Geldes in die Wirtschaft.Große Aktiengesellschaften wurden gegründet und mit diesem Geldbezahlt. Ein Projekt sollte dazu dienen, das Rote Meer trockenzulegen,um das angeblich von den Ägyptern bei der Verfolgung der Israelitenverlorene Gold zu bergen. 150 Millionen Pfund flossen in unklare undnutzlose Unternehmungen in Südamerika und Mexiko.
Das Ergebnis dieser Geldflut – wie oft muß sich Geschichte wieder-holen? – war noch mehr Inflation. 1810 berief das Unterhaus einKomitee, das die hohen Preise von Goldbarren untersuchen und eineLösung finden sollte. Der Bericht ließ an Deutlichkeit nichts zu wün-schen übrig. Nicht die Preise seien gestiegen, hieß es, sondern der Wertder Währung sei gesunken, weil sie schneller gewachsen sei als dieMenge der Güter, die man damit erwerben konnte. Die Lösung? DasKomitee empfahl die volle Goldbindung der Noten der Bank of Eng-land, um den Geldvorrat zu begrenzen.
Verteidigung des Goldstandards
Einer der heftigsten Verfechter eines echten Goldstandards war einjüdischer Aktienhändler namens David Ricardo. Er meinte, die idealeWährung solle »im Wert absolut gleich bleiben«(9). Er räumte ein, Edel-metalle seien in dieser Hinsicht nicht absolut vollkommen, denn auchihr Wert sei kleinen Schwankungen unterworfen. Doch er fuhr fort:»Dennoch bleiben sie die beste Wahl.«(10)
(8)Galbraith, S. 34. (9)
David Ricardo, The Works and Correspondence of David Ricardo: Pamphlets1815-1823, Piero Sraffa (Cambridge: Cambridge University Press, 1951),Band IV, S. 58. (10)
Ebenda, S. 62.
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Fast jedermann in der Regierung stimmte mit Ricardos Einschätzungüberein, doch wie so häufig stand die theoretische Wahrheit auf verlore-nem Posten gegen die praktischen Notwendigkeiten. Die Ansicht derMenschen bezüglich des Geldes war die eine Seite. Die andere Seitewar der Krieg gegen Napoleon, der unablässig Geld kostete. Englandfuhr also fort, mit Hilfe der Zentralbank aus der Bevölkerung Geld zupressen.
Depression und Reformen
Im Jahre 1815 hatten sich die Preise wieder verdoppelt und fielendann scharf. In diesem Jahr wurde das Korn-Gesetz verabschiedet, umdie heimischen Bauern vor Billigimporten zu schützen. Als in der Folgedie Preise für Getreide und Weizen erneut stiegen, obwohl Löhne undandere Preise sanken, entstanden allgemeine Unzufriedenheit und Un-ruhe. »1816 erlebte England eine tiefe Depression«, schrieb Roy Jastram.»Industrie und Handel stagnierten, die Eisen- und Kohlewirtschaft wargelähmt ... Von Mai bis Dezember gab es immer wieder plötzlicheUnruhen.«(11)
Nachdem der Krieg 1821 zu Ende ging und man nicht länger militä-rische Kampagnen finanzieren mußte, wurde der Druck zugunsten einesGoldstandards übermächtig, und die Bank von England kehrte zurKonvertierbarkeit in Goldmünzen zurück. Der grundsätzliche Mecha-nismus der Zentralbank blieb jedoch unangetastet. Man führte lediglicheine neue Formel für notwendige Reserven ein. Die Bank schuf weiter-hin Geld aus dem Nichts für Kredite, und innerhalb eines Jahres erblüh-te ein neuer Boom. Dann, im November 1825, wuchs aus der Blüte dieunvermeidliche Frucht. Die Krise begann mit dem Zusammenbruch derSir Peter Cole and Company; bald darauf folgten 63 weitere Banken.Vermögen wurden vernichtet, und die Wirtschaft fiel zurück in eineDepression.
Das Parlament unternahm 1839 endlich einen Versuch zur Lösungdes Problems, nachdem eine erneute Krise weitere Bankinstitute rui-niert hatte. Nach fünf Jahren der Analyse und Diskussion konnteSir Robert Peel endlich eine Reform des Bankgesetzes durchsetzen. Eslegte ehrlich die Ursache von Englands Booms und Pleiten offen,nämlich dem elastischen Geldvorrat. Peels Banken-Akt von 1844 solltedie Ausgaben von Papiernoten ungefähr soweit begrenzen, als wären
(11)Roy Jastram, The Golden Constant (New York:Wiley, 1977), S. 113.
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diese von Gold oder Silber gestützt. Es war ein guter Versuch unddennoch nicht mehr, denn schließlich litt er unter drei Nachteilen:1) Das Ganze war ein politischer Kompromiß und zu weich formuliert,weil die Banken noch immer bis zu 14 Millionen Pfund drucken durften(ein »unbedeutender« Betrag, so glaubte man damals). 2) Die Ein-schränkung galt nur auf das von der Bank herausgegebene Papiergeld.Ausgenommen war das Scheckbuch-Geld, das sich gerade größter Be-liebtheit erfreute. Folglich traf die sogenannte Reform überhaupt nichtauf das Gebiet zu, bei dem es den größten Mißbrauch gab. 3) Grund-sätzlich unverändert blieb die Tatsache, daß der Mensch in seiner un-endlichen politischen Weisheit die Menge des Geldes nach seinen Vor-stellungen definieren kann, und zwar effektiver als ein unbeeinflußtesSystem von Gold und Silber, das sich nur an den Gesetzen von Angebotund Nachfrage orientiert.
Die Achterbahn fährt weiter
Nur drei Jahre nach dieser »Reform« gab es in England eine weitereKrise mit noch mehr Bankzusammenbrüchen und Verlusten für dieSparer. Doch als sich die Bank of England am Rande der Insolvenzbefand, schritt erneut die Regierung ein. 1847 wurde sie aus den Vor-schriften des »Peel Act« entlassen. Solcherart sieht die unerschütterli-che Verläßlichkeit auf menschliche Bestimmungen zur Begrenzung desGeldvorrates aus.
Groseclose fährt mit seinem Bericht fort:
Zehn Jahre späten 1857, kam es wegen exzessiver und unklugerKredite als Folge einer allzu optimistischen Erwartung in den Han-del zu einer weiteren Krise. Erneut stand die Bank vor dem Problemvon 1847, erneut gab es die gleiche Reaktion. Die Bank war genötigt,die treuhänderischen ... Beträge über die, von dem >Bank CharterAct< gesetzten Grenzen hinaus auszudehnen ...
Das Wachstum der Banken ohne Beachtung der tatsächlichenLiquiditätsreserven und der Gebrauch von Bankkrediten für Spekula-tionsobjekte führte 1866 erneut zu einem Zusammenbruch, der nochbeschleunigt wurde von dem Konkurs des Hauses Overend, Gurneyand Co. Erneut wurde der Act von 1844 außer Kraft gesetzt ...
1890 sah sich die Bank of England einer weiteren Krise gegen-üben auch diesmal als Ergebnis weitverbreiteter und exzessiver Spe-kulationen mit ausländischen Schuldverschreibungen vor allem in
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Amerika und Argentinien. Dieses Mal wurde die Krise vom Zusam-menbruch von Baring Brothers heraufbeschworen(12)
Der Mechanismus breitet sich aus
Es ist eine unglaubliche Tatsache der Geschichte, daß sich trotz derwiederholten Krisen der Bank of England der Zentralbank-Mechanis-mus als so attraktiv für Politiker und Finanzfachleute erwies, daß dasModell in ganz Europa Schule machte. Die Bank von Preußen wurdezur Reichsbank. Napoleon errichtete die Banque de France. EinigeJahrzehnte später wurde dieses Konzept zum bestaunten Modell für dasFederal Reserve System. Wen interessiert es schon, ob es gut ist? Schließ-lich handelt es sich um ein perfektes Werkzeug für unbegrenzteRegierungsausgaben und endlose Profite für Banker. Und am allerbe-sten: Die kleinen Leute, die die Rechnung für beide Gruppen begleichenmüssen, sind praktisch ahnungslos, was mit ihnen geschieht.
Zusammenfassung
Das Bankwesen erblühte in Europa im 14. Jahrhundert. Sein Zweckwaren die Begutachtung, der Austausch und die Sicherung der Münzen.Anfangs gab es bemerkenswerte Beispiele von grundehrlichen Banken,die trotz der in ihren Lagerräumen erhaltenen unterschiedlichsten Münz-arten mit erstaunlicher Effizienz arbeiteten. Zugleich gaben sie Papier-quittungen aus, die so verläßlich waren, daß sie wie echtes Geld zirku-lierten. Doch dann gab es einen steigenden Bedarf an Geld und weiterenKrediten, und so wuchs die Versuchung für die Banker, sich einfachereWege auszudenken. Sie verteilten Papierscheine und behaupteten, diesseien Quittungen, obwohl sie gefälscht waren. Die ahnungslosen Bürgernahmen beides an. Von diesem Zeitpunkt an überstieg der gedruckteWert des Papiergeldes die Menge der Goldreserven, und das Zeitalterdes »unbedeutenden Geldes« war eingeläutet. Seitdem gibt es eine fastununterbrochene Entwicklung von Inflation, Booms und Pleiten,Zahlungsaussetzungen, Bankzusammenbrüchen, Abwertungen vonWährungen und wiederholtes wirtschaftliches Chaos.
1694 wurde zur Institutionalisierung die Bank of England als ersteZentralbank gegründet; gleichzeitig entstand damit das Konzept einerPartnerschaft zwischen Banken und Politikern. Die Regierungen konn-ten auf diese Weise leicht an Geld kommen (geschaffen von den Ban-
(12)Grosedose, Money and Man, S. 195-196.
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kern aus dem Nichts), ohne Steuern erhöhen zu müssen. Im Austauscherhielten die Banker eine Kommission für die Transaktion – fälschli-cherweise Zins genannt –, die endlos weitergeht. Da all dies eingetauchtwar in die geheimnisvollen Rituale des Bankwesens, die kein gewöhnli-cher Mensch durchschauen kann, gab es praktisch keinen Widerstand.Dieses Arrangement erwies sich für alle Teilnehmer als so nützlich, daßes bald Schule machte in anderen europäischen Ländern und schließlichauch in den Vereinigten Staaten.
Kapitel 10
Der Mandrake-Mechanismus
Die Methode, wie die Federal Reserve Geld aus demNichts erzeugt; das Konzept des Zinswuchers zur Zah-lung von Zinsen auf vorgetäuschte Darlehen; die echteUrsache der versteckten Steuer, genannt Inflation; dieArt und Weise, wie das FED Zyklen von Boom undPleiten erzeugt.
In den 1940er Jahren gab es eine Comic-Figur, die Mandrake genanntwurde: der Magier. Seine Spezialität war es, Dinge aus dem Nichts zuschaffen und, wenn ihm danach war, sie in dasselbe Nichts zurückzu-schicken. Es scheint deshalb angebracht, die in diesem Kapitel zubehandelnden Vorgänge ihm zu Ehren so zu nennen.
In den vorangegangenen Kapiteln untersuchten wir die Techniken,die von Politikern und Finanzfachleuten zur Schaffung von Geld undKrediten entwickelt wurden. Dies ist keine vollständig zutreffende Be-schreibung, denn sie setzt voraus, daß zuerst das Geld geschaffen wird,das dann auf Kreditnehmer wartet. Allerdings behaupten viele Lehrbü-cher, daß Geld aus Schulden entsteht. Auch diese Aussage führt in dieIrre, denn dabei wird vorausgesetzt, daß erst die Schulden da sind, diedann in Geld umgewandelt werden. In Wahrheit wird Geld erst in demMoment geschaffen, in dem es geborgt wird. Der Vorgang des Borgensalso ist seine Geburtsstunde. Und ebenso verschwindet es in dem Au-genblick, da die Schulden zurückgezahlt werden.(1) Es gibt keine kurzeBeschreibung dieses Prozesses, und deshalb werden wir weiterhin diePhrase »Geld aus dem Nichts« benutzen und gelegentlich hinzufügen»zum Zwecke des Ausleihens«, sobald wir die Bedeutung noch unter-streichen möchten.
Verlassen wir nun die historischen Figuren der Vergangenheit undspringen wir in deren »Zukunft«, also in unsere Gegenwart, und be-
(1)Gedruckte Banknoten der Federal Reserve, die nur im Tresor lagern, sind solange kein wirkliches Geld, bis sie in Umlauf gebracht werden für Scheckbuch-geld, das durch ein Bankdarlehen erzeugt wurde. Solange die Noten im Tresorliegen, ohne von Schuldscheinen ersetzt zu werden, sind sie technisch gesehenkein Geld, sondern lediglich Papier.
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trachten wir, wie weit man diesen Prozeß des Geldschaffens und derSchulden getrieben hat und wie er funktioniert.
Zunächst müssen wir wissen, daß unser Geld heute weder Gold nochSilber als Deckung besitzt. Der anteilige Wert beträgt keine 54 oder15 Prozent. Er beträgt null Prozent. Es ist den Weg alles anderen Scheide-geldes der Geschichte gegangen und zu reinem Papiergeld verkommen.Die Tatsache, daß das meiste davon in Büchern verwaltet und nicht alsPapier herumgetragen wird, ist eine rein technische Unterscheidung.Die Tatsache, daß Banker von »anteiligen Reserven« sprechen, ist reineAugenwischerei. Die Reserven, auf die sie sich beziehen, sind langfri-stige Schatzanweisungen und andere Schuldpapiere. Unser Geld istdurch und durch Papier.
Zweitens muß man klar verstehen, daß trotz all der Fachbegriffe undscheinbar komplizierten Vorgänge der tatsächliche Mechanismus, mitdem die Federal Reserve Geld schafft, recht einfach ist. Sie tut es aufgenau die gleiche Art und Weise wie die Goldschmiede früherer Zeiten,nur mit der einzigen Ausnahme, daß die Goldschmiede etwas Edelme-tall zurückbehalten mußten, während das FED keinen solchen Be-schränkungen unterliegt.
Die Federal Reserve ist aufrichtig
Die Federal Reserve ist verblüffend offen in diesem Punkt. EinBüchlein der New Yorker Zweigstelle berichtet: »Geld kann nicht zu-rückgenommen oder in Gold getauscht werden oder in irgendeinenanderen Wert, der als Deckung dient. Die Frage, was genau die Bankno-ten der Federal Reserve deckt, besitzt höchstens für die BuchhaltungBedeutung.«(2)
An anderer Stelle heißt es: »Banken schaffen Geld auf dem Verspre-chen eines Schuldners, dies zurückzuzahlen ... Banken schaffen Gelddurch die Umwandlung privater Schulden oder der von Unternehmen ...«(3)
In dem Büchlein Modern Money Mechanics stellt die Federal Reser-ve Bank of Chicago fest:
In den Vereinigten Staaten besitzen weder Papiergeld noch Einlageneinen eigenen Wert als Vermögensgegenstand. Im tiefsten Inneren isteine Dollar-Note nur ein Stück Papier. Einlagen sind nichts weiter als
(2)I Bet You Thought, Federal Reserve Bank of New York, S. 11.(3)Ebenda, S. 19.
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Buchungseinträge. Münzen besitzen einen gewissen Eigenwert alsMetall, doch im allgemeinen weit weniger als der aufgedruckte Wert.
Was also macht diese Instrumente – Schecks, Papiergeld undMünzen – annehmbar zu dem angegebenen Wert zur Zahlung allerSchulden und für alle anderen Geldangelegenheiten? Hauptsächlichist dies die Zuversicht der Menschen, daß sie künftig solches Geldgegen andere Werte eintauschen und echte Waren und Dienstleistun-gen erwerben können, wann immer sie dies wünschen. Dies liegtteilweise an der Gesetzgebung; die Währung wurde als »gesetzlichesZahlungsmittel« von der Regierung erklärt, und dies muß hingenom-men werden.(4)
In der kleingedruckten Fußnote eines Mitteilungsblattes der FederalReserve Bank of St. Louis finden wir diese überraschend offenherzigeErklärung:
Moderne Währungssysteme gründen sich auf Papiergeld – also ei-gentlich verfügtes Geld –, während Hinterlegungsstellen, die alsTreuhänder dienen, gegen sich selbst Schuldverpflichtungen erzeu-gen ..., wobei das Papiergeld teilweise als Reserve dient. Der Erlaßerscheint auf den Banknoten: »Diese Note ist gesetzliches Zahlungs-mittel für alle Schulden, öffentliche wie private.« Während sich keinIndividuum der Annahme dieses Geldes zur Rückzahlung von Schul-den widersetzen könnte, könnte es Tauschkontrakte geben, die seinenGebrauch im täglichen Handel hintertreiben. Doch eine bedeutendeErklärung dafür, weshalb Geld überhaupt akzeptiert wird, liegt inder Tatsache begründet, daß die Bundesregierung seine Nutzung fürSteuerzahlungen verlangt. Die Erkenntnis der Notwendigkeit, dieseArt von Schuld zu begleichen, erzeugt eine Nachfrage nach demreinen Papiergeld.(5)
Geld verschwindet ohne Schulden
Amerikanern fehlt es schwer, sich vorzustellen, daß ihr gesamterGeldvorrat durch nichts als Verschuldung abgesichert wird. Und es istnoch weit verwirrender, sich vorzustellen, daß, wenn jeder alles zurück-
(4)Modern Money Mechanics, Federal Reserve Bank of Chicago, Oktober 1982,S. 3. (5)
»Money, Credit and Velocity«, Review, Mai 1982, Band 64, Nr. 5, FederalReserve Bank of St. Louis, S. 25.
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zahlen würde, was jemals geliehen wurde, es überhaupt kein Geld mehrgeben würde. Richtig, es gäbe keinen Cent mehr im Umlauf, alleMünzen und Banknoten würden zurückwandern in die Tresore, und esgäbe keinen Dollar mehr auf irgendeinem Girokonto. Kurz gesagt, allesGeld würde verschwinden.
Marriner Eccles war Präsident des Federal Reserve Systems 1941.Am 30. September dieses Jahres sollte er vor dem Ausschuß für dasWährungs- und Bankenwesen in den Zeugenstand treten. Der Zweckbestand darin zu ergründen, inwieweit die Federal Reserve gewisseUmstände mit herbeigeführt haben könnte, die zu der Depression der1930er Jahre geführt hatten. Der Kongreßabgeordnete Wright Patman,Vorsitzender des Komitees, verlangte zu wissen, woher das FED 1933zwei Milliarden Dollar für den Kauf von Regierungsanleihen gehabthätte. Es folgte dieser Wortwechsel:
Eccles: Wir erschufen es.
Patman: Woraus?
Eccles: Aus dem Recht, Kreditgeld herauszugeben.
Patman: Und es steht nichts dahinter, wirklich nichts, außer derKreditwürdigkeit unserer Regierung?
Eccles: So ist unser Geldsystem. Gäbe es keine Schulden, gäbe eskein Geld.
Man muß sich folgendes vor Augen halten: Geld mag einzelnen Indivi-duen zwar als ein Aktivposten gelten, doch wenn es als Anhäufung desgesamten Geldvorrates betrachtet wird, ist es keineswegs ein Aktivpo-sten. Wenn sich jemand 1000 Dollar leiht, mag er seine finanziellePosition um diese 1000 Dollar verbessert sehen; tatsächlich ist siejedoch nicht besser geworden. Die 1000 Dollar in Form von Bargeldwerden von 1000 Dollar in Form von Verbindlichkeiten aufgefressen, sodaß seine Netto-Position null ist. Bankkonten sind dasselbe in einemwesentlich größeren Maßstab. Addiert man alle Bankkonten der ganzenNation, könnte man annehmen, dieser gigantische Betrag wäre einungeheuerer Aktivposten zur Unterstützung der Wirtschaft. Doch jedesbißchen dieses Geldes wird jemandem geschuldet. Manche Menschenwerden nichts schuldig sein, andere werden das Vielfache ihres gesam-ten Besitzes schuldig sein. Alles zusammengezählt, beträgt der nationa-le Saldo null. Was wir für Geld halten, ist im Grunde nur eine Illusion.Die Wirklichkeit heißt Verschuldung.
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Robert Hemphill war Kreditmanager der Federal Reserve Bank inAtlanta. Im Vorwort des Buches 100 Prozent Geld von Irving Fisherschrieb er:
Würden alle Bankdarlehen zurückgezahlt, hätte niemand ein Bank-konto, und es gäbe keinen Dollar im Zahlungsumlauf Das ist eineüberwältigende Vorstellung. Wir hängen vollständig von den Ge-schäftsbanken ab. Jemand muß jeden Dollar borgen, der in Umlaufist ..., sei es Bargeld oder in Form von Kredit. Schaffen die Bankenausreichend synthetisches Geld, haben wir Wohlstand; tun sie esnicht, hungern wir Wir besitzen überhaupt kein unabhängiges Geld-system. Sobald man eine Ahnung der Wirklichkeit erhascht, wird dietragische Absurdität unserer hoffnungslosen Situation beinahe un-glaublich ...(6)
Mit dem Wissen, daß sich das Geld in Amerika auf Schulden gründet,ist es überhaupt nicht überraschend zu erfahren, daß das Federal Reser-ve System natürlich niemals ernsthaft an einer allgemeinen Senkung derSchulden interessiert sein kann. Eine letzte Schlußzeile der Publikatio-nen des Systems scheint hier interessant. Die Federal Reserve Bank ofPhiladelphia schreibt: »Andererseits betrachtet eine große und weiter-hin wachsende Zahl von Analysten die nationale Verschuldung alssinnvoll, wenn nicht sogar als Segen ... [, sie glauben,] ... die nationaleVerschuldung müsse gar nicht reduziert werden.«(7)
Die Federal Reserve Bank of Chicago fügt hinzu: »Verschuldung,öffentliche oder private, wird es immer geben. Sie spielt eine wesentli-che Rolle in wirtschaftlichen Prozessen ... Erforderlich ist nicht dieAbschaffung der Schuld, sondern deren vernünftige Nutzung und intel-ligente Handhabung.«(8)
Was ist schlecht an geringen Schulden?
Diese Theorie besitzt durchaus einige verlockende Aspekte. IhreVerfechter werden von einer Aura des Intellektualismus umhüllt, alsoder Vermutung, sie seien in der Lage, komplexe wirtschaftliche Regelnzu beherrschen, die jenseits der Vorstellungskraft der normalen Sterbli-chen liegen. Und für die weniger akademisch orientierten Mitmenschen
(6)Irving Fisher, 100% Money (New York: Adelphi, 1936).
(7)The National Debt, Federal Reserve Bank of Philadelphia, S. 2, 11.(8)The National Debt, Federal Reserve Bank of Chicago, S. 33.
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klingt dies wenigstens vernünftig. Was kann denn wirklich falsch aneiner moderaten Schuld sein, die zurückhaltend genutzt und wohl über-legt ist? Die Antwort lautet: Nichts, vorausgesetzt, die Schuld basiertauf einer aufrichtigen Transaktion. Es wäre verheerend, wenn alles nurauf einem Betrug gründen würde.
Bei einer ehrlichen Transaktion zahlt ein Ausleiher eine vorher ver-einbarte Summe als Ausgleich für die vorübergehende Nutzung desBesitzes des Ausleihers. Dieser Besitz kann jede Art von Wert sein.Handelte sich um ein Auto, würde der Leihende eine »Leihgebühr«zahlen, handelt es sich um Geld, spricht man von »Zinsen«. Das Prinzipjedenfalls ist gleich.
Gehen wir zu einem Ausleiher, einer Bank oder einer Privatperson,und erhalten einen Geldbetrag ausgeliehen, sind wir zur Zahlung vonZinsen als Anerkennung der Tatsache bereit, daß das von uns geborgteGeld nun zu einem von uns genutzten Aktivposten werden wird. Dascheint es nur gerecht, daß wir eine Gebühr an den eigentlichen Besitzerdes Geldes entrichten. Es ist nicht leicht, ein Automobil zu erwerben,aber auch nicht, Geld zu bekommen ..., echtes Geld. Wenn das Geld,das wir uns ausleihen, durch jemandes Arbeit und Begabung erworbenwurde, so stehen diesem auch die Zinsen auf dieses Geld zu. Doch wassollen wir von Geld halten, das durch einen Federstrich oder den Klickeiner Computertaste erzeugt wurde? Weshalb sollte irgend jemandemeine Leihgebühr dafür zustehen?
Sobald Banken Kredite auf ihr Girokonto verbuchen, tun sie nur so,als würden sie Geld ausleihen. In Wirklichkeit besitzen sie gar nichtszum Ausleihen. Selbst das Geld von schuldenfreien Einlegern wurdeursprünglich aus dem Nichts heraus als Reaktion auf die Anleihe eineranderen Person geschaffen. Was berechtigt die Bank also, Zinsen fürNichts zu fordern? Es ist unerheblich, daß Menschen überall per Gesetzgezwungen sind, solch inhaltslose Zertifikate anstelle echter Güter undDienstleistungen zu akzeptieren. Es geht uns hierbei nicht darum, waslegal ist, sondern um die Moral. Wie Thomas Jefferson während seineslangwierigen Kampfes gegen das Zentralbanksystem der VereinigtenStaaten bemerkte: »Niemand besitzt ein natürliches Recht, als Geld-verleiher tätig zu werden, außer demjenigen, der Geld zum Verleihenbesitzt.«(9)
(9)The Writings of Thomas Jefferson, Library Edition (Washington: JeffersonMemorial Association, 1903), Band XIII, S. 277-278.
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Dritter Grund zur Abschaffung des Systems
Vor Jahrhunderten galt jede Art von Zinsen als Zinswucher. Heutezählen wir nur übertriebene Zinsen dazu. Tatsächlich aber ist jede Artvon Zinszahlung für einen vorgetäuschten Kredit exzessiv hoch. Alsomüßte eigentlich das Wörterbuch neu geschrieben werden. Zinswucher:Die Forderung jeglicher Zinsen für ein Darlehen aus Papiergeld.
Schauen wir uns also in diesem Zusammenhang die Schulden undZinsen näher an. Thomas Edison faßte die Unsittlichkeit des Systemszusammen:
Menschen, die keine Schaufel voll Erde bei einem Projekt bewegenoder sonstwie etwas dazu beitragen, werden mehr Geld gewinnen alsdiejenigen, die alles Material bereitstellen und die Arbeit verrichten.(10)
Ist das eine Übertreibung? Nehmen wir als Beispiel den Kauf einesHauses zum Preis von 100 000 Dollar, wovon 30 000 Dollar auf dasGrundstück, das Architektenhonorar, die Vermittlungsgebühr, die Bau-erlaubnis usw. entfallen, und 70 000 auf Arbeitskraft und Baumaterial.Besitzt der Bauherr 30 000 Dollar Anfangskapital, muß er 70 000 auf-nehmen. Wird das Darlehen mit elf Prozent über 30 Jahre verzinst,betragen die Zinskosten insgesamt 167 806 Dollar. Die Kosten für dasDarlehen sind also etwa 2,5 Mal so groß wie der Betrag, der für dieArbeitskraft und das Baumaterial auszugeben ist. Es ist wahr, das sichdiese Summe auf den jeweiligen Zeitwert des Geldes über 30 Jahrehinweg erstreckt, und man könnte einwenden, daß ein Geldverleiherdafür entschädigt werden muß, daß er die Nutzung seines Kapitals einhalbes Leben lang jemand anderem überläßt. Dabei wird jedoch voraus-gesetzt, daß jemand tatsächlich etwas zum Verleihen besaß, daß er dasKapital erworben und erspart hatte und es dann für den Bau einesHauses einer anderen Person zur Verfügung stellte. Wie aber würdenwir darüber denken, wenn der Kreditgeber das Geld nicht erworbenoder gespart hatte, sondern es aus der Luft heraus geschaffen hatte? Wiehoch ist der Zeitwert eines Nichts?
(10)Zitiert von Brian L. Bex, The Hidden Hand (Spencer, Indiana: Owen Litho,1975), S. 161. Leider verstand Edison nicht das ganze Problem. Er war gegendie Zahlung von Zinsen für Papiergeld, aber nicht gegen das Papiergeld derRegierung. Er vermochte nicht zu erkennen, wie Papiergeld (auch wenn es nurvon der Regierung ausgegeben und ohne Zinsen war) der Wirtschaft durchInflation, Auf- und Abschwünge geschadet hat.
222
Wie bereits gezeigt, existiert jeder Dollar (egal ob in der Form vonGeldscheinen, Bankeinlagen oder auch Kreditkarten-Geld, also der ge-samte Geldvorrat) nur deshalb, weil er irgendwann einmal von jeman-dem geborgt wurde ..., vielleicht nicht von Ihnen, aber von jemandem.Das bedeutet, daß sämtliche amerikanischen Dollars in der ganzen Weltjeden Tag Zinsen für die Bank einbringen, die sie erschuf. Ein gewisserTeil jedes geschäftlichen Vorganges, jeder Zinszahlung, jedes Gewinnsund jeder Transaktion von Geld – einschließlich sogar der Verluste undder Zahlung von Steuern – bringt einer Bank einen gewissen Gewinn.Und was haben die Banken dazu beigetragen, diesen unablässig fließen-den Strom des Geldes zu verdienen? Haben sie ihr eigenes Kapital ausden Investitionen der Aktienbesitzer ausgeliehen? Haben sie das schwerverdiente Geld ihrer Kunden ausgeliehen? Nein, nichts davon ist dieQuelle ihres Einkommens. Sie haben lediglich mit dem Zauberstab desPapiergeldes gewedelt.
Der Strom solch unverdienten Wohlstandes unter dem Deckmäntel-chen des Zinses kann nur als Zinswucher auf höchstem Niveau bezeich-net werden. Auch wenn es keine anderen Gründe zur Abschaffung desFED gäbe, wäre die Tatsache, daß es das oberste Instrument des Zins-wuchers ist, Grund genug dafür.
Wer schafft das Geld für die Zinsen?
Eine der verwirrendsten Frage lautet: »Woher stammt das Geld fürdie Zinsen?« Leihen Sie 10 000 Dollar zu neun Prozent Zinsen, schul-den Sie der Bank 10 900 Dollar. Die Bank hat aber nur 10 000 Dollar»hergestellt«. Daraus entsteht der Eindruck, daß Sie und alle anderenmit ähnlichen Krediten unmöglich jemals Ihre Schulden werden abtra-gen können. Die in Umlauf gebrachte Geldmenge genügt einfach nichtfür die gesamte Schuldensumme, einschließlich der Zinsen. Dieses hatmanche zu der Schlußfolgerung verleitet, daß sie sich auch 900 Dollarfür die Zinsen borgen müßten, was aber noch mehr Zinsen kostenwürde. Die Annahme lautet also: Wir müßten immer mehr borgen, jemehr wir leihen, und alle auf Papiergeld beruhenden Schulden mündenin einer niemals endenden Spirale.
Dies ist nur teilweise richtig. Tatsächlich gibt es nicht genug geschaf-fenes Geld auch für die Zinsen, doch es ist ein Trugschluß zu glauben,der einzige Weg, es zurückzuzahlen, bestünde darin, noch mehr zuborgen. Bei diesem Gedankenspiel wird der Wert der Arbeit vergessen.Nehmen wir der Einfachheit halber an, daß Sie Ihren 10 000-Dollar-
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Kredit mit monatlich 900 Dollar zurückzahlen, wovon etwa 80 DollarZinsen sind. Diese Zahlungen fallen Ihnen schwer, und Sie nehmen alsoTeilzeitarbeit auf. Allerdings gewinnt jetzt die Bank monatlich 80 Dol-lar auf Ihren Kredit. Da dieser Betrag als »Zins« verbucht wird, wird ernicht gelöscht wie der größere Anteil, der eine Rückzahlung des eigent-lichen Kredites ist. Dieses Geld bleibt also in den Büchern der Bank alsanderweitig auszugebendes Geld. Nun beschließt man, den Fußbodender Bank wöchentlich pflegen zu lassen. Sie sehen die Anzeige in derZeitung und werden für 80 Dollar monatlich angeheuert. Als Ergebnisnehmen Sie das Geld ein, das Sie als Zins auf Ihr Darlehen bezahlen,und tatsächlich ist es die gleiche Summe, die Sie vorher eingezahlthaben. Solange Sie jeden Monat für die Bank auf diese Weise arbeiten,wandern diese Dollars in Form von Zinszahlungen in die Bank und dannwieder durch die Drehtür als Ihr Lohn hinaus und wieder zurück an dieBank.
Sie müssen gar nicht direkt für die Bank arbeiten. Wo auch immer Sieihr Geld verdienen – sein Ursprung war die Bank, und sein endgültigesZiel ist ebenfalls eine Bank. Der Kreislauf kann groß sein oder klein. Esbleibt eine Tatsache, daß alle Zinsen letzten Endes von menschlicherArbeitskraft aufgebracht werden. Die Bedeutung dieser Tatsachen istwesentlich verblüffender als die Annahme, es könnte nicht genug Geldvorhanden sein zur Zahlung von Zinsen. Sie liegt nämlich darin, daß dieGesamtheit menschlicher Handlungen letzten Endes denen nützt, diedas Papiergeld schaffen. Es handelt sich um eine moderne Form derLeibeigenschaft, in der die große Masse der Gesellschaft als vertrags-gebundene Diener für eine herrschende Klasse des Geldadels arbeitet.
Zum Verständnis der Illusion
Mehr braucht man eigentlich nicht zu wissen über die Arbeitsweisedes Bankenkartells unter dem Schutz der Federal Reserve. Doch eswäre eine Schande, hier aufzuhören, ohne einen Blick auf die Zahnrä-der, Spiegel und Flaschenzüge zu werfen, die den magischen Mechanis-mus in Gang halten. Das Ganze ist eine faszinierende Maschinerievoller Geheimnisse und Täuschungen. Wenden wir uns also dem tat-sächlichen Prozeß zu, mit dem die Zauberer die Illusion der modernenGeldwirtschaft in Gang halten. Zunächst einmal ein Überblick; späterwerden wir die Einzelheiten betrachten.
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Der Mandrake-Mechanismus – ein ÜberblickSCHULDEN
Der ganze Zweck dieser Maschine besteht darin, Schulden inGeld umzuwandeln. So einfach. Zuerst übernimmt das FEDalle von der Öffentlichkeit nicht gekauften Staatsanleihenund schreibt dem Kongreß im Tausch dafür einen Scheck aus.(Sie erwirbt zwar auch andere Verbindlichkeiten, doch Staats-anleihen machen den größten Teil ihres Bestandes aus.) Esgibt kein Geld für die Deckung dieses Schecks. Dieses Pa-piergeld wird in diesem Augenblick für diesen Zweck ge-schaffen. Nachdem sie diese Anleihen als »Reserven« erklärthat, benutzt das FED diese für die Schaffung von neuenweiteren Dollars für jeden einzelnen Dollar der Anleihe. DasGeld für die Anleihen wird von der Regierung ausgegeben,während das zusätzlich geschaffene Geld die Quelle für alleanderen Kredite darstellt, welche die Bank der Wirtschaft undEinzelpersonen ausleiht. Das Ergebnis ist das gleiche, alswürde man Geld auf einer Druckmaschine erzeugen, doch dieIllusion entsteht durch die Buchhaltungstricks und nicht durchdie Druckmaschine. Unter dem Strich haben sich der Kon-greß und das Bankenkartell auf eine Partnerschaft eingelas-sen, bei der dem Kartell das Privileg der Zinseinnahmen aufdas Geld zugestanden wurde, das es aus dem Nichts schafft.Der Kongreß besitzt nun aber auch Zugang zu einem prak-tisch unbegrenzten Geldvorrat, ohne den Wählern sagen zumüssen, daß die Steuern über die Inflation erhöht werden.Wenn Sie diesen Absatz verstehen, verstehen Sie auch dasFederal Reserve System.
GELD
Nun ein genauerer Blick. Es gibt drei Wege, wie die Federal ReservePapiergeld aus Schulden erzeugen kann. Einer besteht darin, über dassogenannte Diskont-Fenster den Mitgliedsbanken Kredite zu gewähren.Der zweite führt über Schatzanweisungen und andere Schuldanleihenüber das sogenannte Open Market Committee. Und der dritte Weg führt
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über die Änderung des sogenannten Reserveverhältnisses, an das sichandere Banken halten müssen. Jede Methode ist lediglich ein andererWeg zum selben Ziel: die Übernahme von Schuldverschreibungen undderen Umwandlung in Geld.
Das Diskont-Fenster
Dieser Begriff wird von den Bankern für ein Darlehensfenster ver-wendet. Wenn den Banken das Geld ausgeht, steht die Federal Reservebereit als eine »Bank der Banken«. Es gibt viele Gründe, warum sieKredite benötigen. Da sie in ihren Tresoren nur »Reserven« von einoder zwei Prozent der Einlagen beziehungsweise acht oder neun Pro-zent in Form von Schuldverschreibungen besitzen, ist ihr Spielraumextrem klein. Es ist für sie durchaus üblich, in Geldnöte zu geraten,wenn ungewöhnlich viele Kunden gleichzeitig ihre Einlagen zurückfor-dern oder von anderen Banken ungewöhnlich viele Schecks zur Beglei-chung eintreffen. Gelegentlich platzen auch Kredite, und wenn dieseehemaligen »Aktiva« aus den Büchern getilgt werden müssen, verrin-gern sich auch die sogenannten Reserven oder sie rutschen ins Minus.Schließlich gibt es auch noch das Motiv des Profitstrebens. WennBanken von der Federal Reserve zu einem bestimmten Zinssatz Geldleihen und dieses zu einem höheren Zins weitergeben, handelt es sichum einen Vorteil. Dies ist aber nur der Anfang. Sobald eine Bank einenDollar vom FED ausleiht, wird daraus eine »Ein-Dollar-Reserve«. Weildie Banken nur Reserven von ungefähr zehn Prozent einbehalten müs-sen, können sie tatsächlich bis zu neun Dollar für jeden geborgtenDollar ausleihen.(11)
Rechnen wir ein bißchen. Angenommen, die Bank erhält eine Mil-lion Dollar vom FED zum Zinssatz von acht Prozent. Die jährlichenKosten belaufen sich also auf 80 000 Dollar. Die Bank behandelt diesesDarlehen als Bareinlage, so daß sie daraus zusätzliche neun MillionenDollar für ihre Kunden schaffen kann. Angenommen, sie verleiht diesenBetrag zu elf Prozent, so wird ihr Gesamtgewinn 990 000 Dollar betra-gen. Ziehen wir hiervon die allgemeinen Kosten in Höhe von 80 000Dollar plus laufende Geschäftskosten ab, ergibt sich ein Nettogewinn
(11)Diese zehn Prozent (10-zu- 1 -Verhältnis) beruhen auf einem Durchschnitt. DasFED verlangt eine Reserve von zehn Prozent auf alle Einlagen über 46,8 Millio-nen Dollar, doch nur eine Drei-Prozent-Reserve bis zu diesem Betrag. Für Euro-Dollar und Zeiteinlagen brauchen keine Reserven gebildet zu werden. Reservenbestehen aus Bargeld und Einlagen bei der Federal Reserve.
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von rund 900 000 Dollar. In anderen Worten: Die Bank hat sich eineMillion geborgt und kann diesen Betrag in einem Jahr beinahe verdop-peln.(12) Eine echte Hebelwirkung! Doch vergessen Sie nicht die Quelle:die Erzeugung weiterer neun Millionen Dollar, die zum Geldvorrat desLandes hinzukommen.
Die Open-Market-Operation
Die häufigste Methode der Federal Reserve für die Schaffung vonPapiergeld sind der Kauf und Verkauf von Papieren auf dem freienMarkt. Doch vorher eine Warnung: Erwarten Sie nicht, daß die folgen-den Zeilen einen Sinn ergeben. Sie sollten nur wissen, wie man dasmacht.
Der Trick besteht darin, Worte und Begriffe zu verwenden, derenBedeutung eigentlich eine ganz andere ist als das, was der Durch-schnittsbürger darunter versteht. Schauen Sie sich diese Worte an. Siedienen nicht der Erklärung, sondern der Täuschung. Trotz des erstenEindruckes ist dieser Prozeß nicht kompliziert, sondern nur absurd.
Der Mandrake-Mechanismus, ein genauer Blick:
Beginnen wir mit ...REGIERUNGSSCHULDEN
Die Bundesregierung verteilt Tinte auf ein Stück Papier, machtschöne Ornamente drum herum und nennt es dann Schuldver-schreibung oder Schatzanweisung. Es handelt sich nur um einVersprechen, eine spezielle Summe einschließlich eines fest-gelegten Zinssatzes zu einem bestimmten Datum auszuzah-len. Wie wir weiter unten sehen werden, bildet diese Schuldschließlich die Grundlage für praktisch den gesamten Geld-vorrat der Nation.(13) In Wirklichkeit hat die Regierung Bar-geld geschaffen, obwohl es noch nicht so aussieht. Um dieseSchuldverschreibungen in Papiergeld und Scheckbuchgeld
(12)Die Bank muß diese Darlehen mit eigenen Papieren oder anderen zinstragendenAktiva decken, doch damit wird der Multiplikationseffekt der neuen Einlagennicht ausgelöscht.
(13)In der gleichen Weise werden auch die Schuldverschreibungen der Privatwirt-schaft und anderer Regierungen genutzt, doch die Schuldverschreibungen unse-rer Regierung sind der größte Brocken.
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zu verwandeln, braucht man das Federal Reserve System. Fürdiese Umwandlung wird die Schuldverschreibung an das FEDweitergegeben und heißt nun:
WERTPAPIERVERMÖGEN
Ein Instrument der Regierungsverschuldung wird als Vermö-gen angesehen, weil man davon ausgeht, daß die Regierungihr Versprechen zur Rückzahlung einhalten wird. Dies grün-det sich auf ihre Fähigkeit, jeden benötigten Geldbetrag überSteuern einziehen zu können. Die Stärke dieses Vermögensist also die Fähigkeit, das zurückzunehmen, was es gegebenhat. Die Federal Reserve besitzt nun also ein »Vermögen«,das sie zur Begleichung ihrer Verbindlichkeiten einsetzenkann. Sie erzeugt dann ihrerseits diese Verbindlichkeit, indemsie erneut Tinte auf ein Stück Papier aufträgt und dieses derRegierung überreicht. Es heißt:
FEDERAL-RESERVE-SCHECK
Auf keinem Konto gibt es Geld zur Deckung dieses Schecks.Jeder andere würde dafür ins Gefängnis geworfen. Für dasFED ist dieses jedoch legal, denn der Kongreß wünscht die-ses Geld, und so kann es am leichtesten beschafft werden.(Die Steuern zu erhöhen, wäre politischer Selbstmord; auf dieÖffentlichkeit für den Kauf all dieser Schuldverschreibungenzu vertrauen wäre unrealistisch, vor allem, wenn die Zinsenkünstlich niedrig gehalten werden; und das Drucken großerMengen von Geld wäre allzu offensichtlich und unbeliebt.)Auf diese Weise jedoch bleibt der Prozeß geheimnisvoll imBankenwesen verborgen. Das Ergebnis allerdings ist das glei-che, als würde die Regierung die Gelddruckmaschinen an-werfen und weiteres Papiergeld ausgeben zur Begleichungihrer Ausgaben (Geld auf Befehl der Regierung erzeugt ohnegreifbare Deckung). Doch in der Sprache der Fachleute istalles »ausgeglichen«, weil den Verbindlichkeiten des Geldesdas »Vermögen« der Schuldverschreibungen gegenübersteht.Der Scheck des FED wird nun von der Regierung indossiertund an eine der Banken geschickt. Dort wird er eine ...
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REGIERUNGSEINLAGE
Sobald der Scheck der Federal Reserve auf dem Konto der
Regierung liegt, wird er zur Bezahlung von Regierungs-
ausgaben genutzt und so verwandelt in viele ...
REGIERUNGSSCHECKS
Diese Schecks stellen die erste Welle von Papiergeld dar, das
in die Wirtschaft strömt. Die Empfänger bringen diese nun zu
ihren eigenen Banken; dort werden sie zu ...
GESCHÄFTSBANKEN-EINLAGEN
Geschäftsbanken-Einlagen sind wie eine gespaltene Persön-
lichkeit. Einerseits sind sie Verbindlichkeiten der Bank, denn
sie schuldet diese ja den Einlegern. Doch während sie in der
Bank bleiben, werden sie gleichzeitig als Aktivposten be-
trachtet, weil sie ja verfügbar sind. Wieder einmal sind die
Bücher ausgeglichen: Aktivposten gegen Verbindlichkeiten.
Doch der Vorgang endet hier nicht. Durch die Magie des
Scheidegeldes dienen diese Einlagen einem zusätzlichen und
noch lukrativeren Zweck. Um dieses zu tun, werden die
Einlagen jetzt umbenannt in ...
BANKRESERVEN
Reserven wofür? Sollen sie zur Auszahlung von Einlegerndienen, die ihr Konto schließen möchten? Nein. Das war nurihre bescheidene Funktion, als sie noch Aktivposten genanntwurden. Nun, da sie den Titel »Reserven« verliehen beka-men, wurden sie zum Zauberstab für die Schaffung viel grö-ßerer Mengen von Papiergeld. Hier genau beginnt das richti-ge Leben: auf der Ebene der Geschäftsbanken. Und so funk-tioniert das: Das FED gestattet den Banken, lediglich zehnProzent der Einlagen als »Reserve« zurückzubehalten. Be-kommen sie also eine Million Dollar in einer ersten Aktionvom FED, haben sie 900 000 Dollar mehr, als sie zurückbe-
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halten müssen (eine Million minus zehn Prozent Reserve). Inder Sprache der Banker heißen diese 900 000 Dollar ...
ÜBERSCHUSS-RESERVEN
Der Begriff »Überschuß« ist ein Wink, daß diese Reserven
ein besonderes Schicksal haben. Da sie nun zu einem Über-
schuß geworden sind, werden sie als ausleihefähiges Geld
angesehen. Und so verwandeln sich diese sogenannten Über-
schuß-Reserven früher oder später in ...
BANKDARLEHEN
Doch halt! Wie kann dieses Geld ausgeliehen werden, wenn
es doch den ursprünglichen Einlegern gehört, die es doch
jederzeit mit Schecks ausgeben können? Wird hier das Geld
nicht zweimal in Anspruch genommen? Die Antwort lautet:
Sobald neue Kredite vergeben werden, handelt es sich nicht
um dasselbe Geld. Sie stützen sich auf neues Geld, das für
diesen Zweck aus der Luft gekommen ist. Der Geldvorrat des
Staates wächst lediglich um 90 Prozent der Bankeinlagen.
Außerdem ist dieses Geld für die Banken wesentlich interes-
santer als das alte. Auf das alte Geld, das sie von den Einle-
gern erhielten, müssen sie Zinsen zahlen oder andere Dinge
dafür leisten, damit sie es vorübergehend nützen können. Für
das neue Geld jedoch erhalten die Banken Zinsen ..., nicht
schlecht, wenn man bedenkt, daß sie dafür nichts tun müssen.
Und dies ist nicht das Ende. Sobald die zweite Welle von
Papiergeld in die Wirtschaft fließt, kommt sie wie die erste
direkt zurück in der Form von ...
WEITEREN GESCHÄFTSBANKEN-EINLAGEN
Von hier an wiederholt sich der Vorgang, jedoch jedesmal mitetwas kleineren Zahlen. Was am Freitag noch ein »Darlehen«war, kehrt als »Einlage« am Montag zurück. Sie wird dannzur »Reserve« erklärt, und 90 Prozent davon gelten als »Über-schuß«-Reserve, die erneut für ein »Darlehen« zur Verfügungsteht. Die eine Million der ersten Runde hat in der zweiten
900 000 Dollar geboren, die ihrerseits beim dritten Mal 810 000Dollar (900000 minus zehn Prozent Reserve) erzeugt haben.Es geht ungefähr 28 Mal durch die Drehtür: von Einlagen zuDarlehen, von Darlehen zu Einlagen ... und immer so weiter,bis das Maximum erreicht ist in Form von ...
BANKEN-PAPIERGELD =
BIS ZUR NEUNFACHEN NATIONALEN VERCHULDUNG
Der vom Bankenkartell geschaffene Papiergeld-Betrag ist
ungefähr neunmal so groß wie die ursprüngliche Regierungs-
schuld, mit der alles begann.(14) Wird die ursprüngliche Schuld
hinzuaddiert, erhalten wir ...
GESAMTES PAPIERGELD
BIS ZUR ZEHNFACHEN NATIONALEN VERSCHULDUNG
Die gesamte Menge des von der Federal Reserve und den
Geschäftsbanken geschaffenen Papiergeldes ist ungefähr zehn-
mal so groß wie die eigentliche Regierungsschuld. In dem
Maße, wie das neu geschaffene Geld die Gesamtsumme aller
Güter und Dienstleistungen übersteigt, verringert es die Kauf-
kraft sowohl des alten als auch des neuen Geldes. Die Preise
steigen, weil der relative Wert des Geldes gesunken ist. Die
Wirkung ist genauso, als hätte man uns mit Hilfe von Steuern
Kaufkraft entzogen. Der Vorgang ist also eine ...
VERSTECKTE STEUER
BIS ZUR ZEHNFACHEN NATIONALEN VERSCHULDUNG
Ohne es zu bemerken, haben die Amerikaner also über all dieJahre zusätzlich zu ihren Einkommens- und Verbrauchsteuerneine verborgene Steuer entrichtet, die das Vielfache der natio-nalen Verschuldung ausmachte! Und das ist noch immer nichtdas Ende der Geschichte. Da unser Geldvorrat eine willkür-
(14)Das ist ein theoretisches Maximum. In Wirklichkeit können die Banken seltenall das Geld ausleihen, das sie schaffen dürfen, so daß die Zahl unterhalb desMaximus bleiben wird.
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lich festgelegte Menge ist, hinter der sich nur Schulden ver-bergen, kann sie steigen ebenso wie sinken. Wenn sich Men-schen stärker verschulden, wächst der Geldvorrat, und diePreise steigen. Zahlen sie jedoch ihre Schulden zurück undnehmen keine neuen auf, schrumpft die Geldmenge, und diePreise sinken. Genau dies geschieht zu Zeiten wirtschaftli-cher oder politischer Unsicherheit. Die Schwankungen zwi-schen der Ausweitung und dem Sinken des Geldvorrats ist dietiefere Ursache der ...
BOOMS, PLEITEN UND DEPRESSIONEN
Wem nützt all dies? Gewiß nicht dem Normalbürger. Nutz-nießer sind die Politiker im Kongreß, die sich einer unbe-grenzten Einkommensquelle zur Sicherstellung ihrer Machterfreuen, und die Finanzleute innerhalb des Bankenkartellsdes Federal Reserve System, die das amerikanische Volk demJoch des modernen Feudalismus unterwerfen konnten, ohnedaß es sich dessen bewußt wird.
Die Reserve
Die vorangegangenen Zahlen basierten auf einer »Reserve« in Höhevon zehn Prozent (ein Geld-Ausweitungs-Verhältnis von 10 zu 1). Manmuß sich jedoch daran erinnern, daß all dies willkürlich ist. Da das Geldnur Papier ist ohne Edelmetall-Deckung, gibt es keine wirkliche Be-schränkung; es gilt nur das, was Politiker und Banker in einem be-stimmten Augenblick für zweckdienlich halten. Durch die Änderungdes »Reserve-Verhältnisses« kann die Federal Reserve die gesamteGeldmenge beeinflussen. Alle Zahlen sind deshalb vergänglich. Zujeder Zeit, wenn es ein »Bedürfnis« für mehr Geld gibt, kann dasVerhältnis auf 20 zu 1 oder 50 zu 1 erhöht werden; ebenso könnte manvollständig auf die Vorspiegelung einer Reserve verzichten. Unter dengegenwärtigen Umständen gibt es buchstäblich keine Grenze für dieMenge des Papiergeldes.
Staatsverschuldung nicht nötig für Inflation
Da die Federal Reserve zuverlässig buchstäblich jede Regierungs-schuld in Geld umwandelt, und weil dieser Vorgang der Geldausweitung
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der wichtigste Grund für die Inflation ist, ist die Schlußfolgerung ver-lockend, Staatsschulden und Inflation seien nichts anderes als zweiAspekte desselben Phänomens. Dieses aber ist nicht notwendigerweiseder Fall. Es kann sehr wohl das eine ohne das andere geben.
Das Bankenkartell besitzt das Monopol für die Herstellung von Geld.Folgerichtig wird Geld nur dann geschaffen, wenn Schuldverschreibun-gen vom FED oder den Geschäftsbanken zu Geld gemacht werden.Sobald Privatleute, Gesellschaften oder Institutionen Regierungsanlei-hen erwerben, müssen sie dafür Geld einsetzen, das sie vorher verdientoder gespart haben. Es wird also in anderen Worten kein neues Geldgeschöpft, denn sie nutzen nur bereits vorhandene Mittel. Der Verkaufvon Regierungsanleihen an die Banken wirkt also inflationär, die Ver-äußerung an den privaten Sektor aber nicht. Dieses ist der wesentlicheGrund, wieso die Vereinigten Staaten während der 1980er Jahre einemassive Inflation vermeiden konnten, obwohl der Staat sich stärker alsjemals zuvor verschuldete. Wegen der hohen Zinsen wurden dieseObligationen auch für private Investoren interessant, einschließlichsolcher im Ausland.(15) Sehr wenig Geld wurde geschaffen, denn diemeisten Anteile wurden mit bereits im Umlauf befindlichen Dollar-Noten bezahlt. Natürlich bezog sich dieses auf die Tagespreise. Inzwi-schen werden diese Staatsanleihen fällig, und sie werden von immermehr Anleihen mit der ursprünglichen Schuld plus der angesammeltenZinsen ersetzt. Irgendwann wird dieser Prozeß zu Ende gehen müssen,und wenn das geschieht, wird das FED keine andere Wahl haben, alsbuchstäblich alle Schulden der 1980er zurückzukaufen. Das heißt abernur, sie muß das früher investierte private Kapital durch neu geschaffe-nes Papiergeld ersetzen – und noch viel davon oben drauf packen für dieZinsen. Dann werden wir die Bedeutung der Inflation begreifen.
Allerdings steht es der Federal Reserve frei, selbst dann Geld zuverbreiten, wenn die Bundesregierung sich nicht tiefer verschuldet. Diegewaltige Ausweitung des Geldvorrates, die 1929 zum Zusammenbruchder Aktienmärkte führte, geschah beispielsweise zu einer Zeit, als dieStaatsschulden zurückgezahlt wurden. In jedem einzelnen Jahr zwi-schen 1920 und 1930 überstiegen die Staatseinnahmen die Ausgaben,und es gab nur wenige Staatsanleihen. Die gewaltige Ausweitung desGeldvorrates wurde dadurch ermöglicht, daß die Darlehen der Ge-
(15)Zu dieser Zeit wurden nur ungefähr elf bis 15 Prozent der Bundesschulden vomFederal Reserve System gehalten.
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schäftsbanken am Diskont-Fenster des FED zu »Reserven« wurden undweil das FED in großem Stile von den Banken Wechsel übernahm, dieals Warenwechsel für den Erwerb von Gütern ausgestellt worden wa-ren. (16)
Heute stehen wesentlich mehr Optionen offen. Der »Monetary ControlAct« von 1980 gestattet es der Kreatur, beinahe jede Schuld zu Geld zumachen, einschließlich der Schuldverschreibungen ausländischer Re-gierungen. Der offensichtliche Sinn besteht darin, diesen Regierungenaus der Patsche zu helfen, sollten sie amerikanischen Banken gegenüberin Zahlungsverzug zu geraten. Wenn das FED Papier-Dollar für dieseausländischen Regierungen im Austausch für deren wertlose Anleihenverteilt, ist der Weg des Geldes etwas länger und verschlungener, dieWirkung aber ist die gleiche wie beim Kauf von amerikanischen Schatz-anweisungen. Die neu geschaffenen Dollar gehen an die ausländischeRegierung, dann zu den amerikanischen Banken, wo sie zu Bargeld-reserven werden. Schließlich fließen sie in den gesamten Geldvorrat(mit neun multipliziert) in der Form zusätzlicher Anleihen. Auch dieseOperation wird von den Bürgern über den Verlust ihrer Kaufkraft finan-ziert. Für die Ausweitung des Geldvorrates und der folgenden Inflationbraucht man also gar keine eigenen Staatsdefizite mehr. Solange irgendjemand bereit ist, Dollar zu borgen, hat das Kartell die Option, für denErwerb solcher Anleihen Dollar zu schaffen und somit die Geldmengeauszuweiten.
Wir sollten jedoch nicht vergessen, daß die Gründung des FED nichtzuletzt deshalb geschah, damit der Kongreß Geld ausgeben konnte,ohne daß die Öffentlichkeit etwas von Steuern ahnte. Die Amerikanersind erstaunlich gelassen geblieben, daß sie so geschröpft werden;jedoch erklärt sich dieses sicherlich aus ihrer Unkenntnis des Mandrake-Mechanismus. Als Folge davon besteht nur eine ganz geringe Gefahr,daß der gemütliche Vertrag zwischen dem Bankenkartell und den Politi-kern verändert werden müßte. Obwohl das FED Papiergeld im Aus-tausch für Geschäftsschulden oder Anleihen ausländischer Regierungenerschaffen kann, bleibt ihre Hauptaufgabe die Versorgung des Kon-gresses.
Bei den Konsequenzen wird einem schwindlig. Da unser Geldvorratgegenwärtig mit der nationalen Verschuldung verknüpft ist, würde beider Tilgung dieser Schuld Geld verschwinden. Selbst eine Senkung
(16)Siehe Kapitel 23.
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würde aber die Wirtschaft verkrüppeln.(17) Solange also die FederalReserve existiert, wird, ja muß Amerika Schulden haben.
Aufgrund der gegenwärtigen Internationalisierung wird der Kaufausländischer Anleihen sogar noch beschleunigt. So gründet sich unsereigener Geldvorrat zusätzlich auf ihren Schulden, und so dürfen sieebensowenig wie wir Staatsschulden tilgen.
Steuern wären nicht nötig
Es ist ein ernüchternder Gedanke, daß die Regierung auch bei gleich-bleibenden Ausgaben ohne Steuern zurechtkäme. Sie müßte sich dafürnur über eigene Staatsanleihen durch das Federal Reserve System dasGeld beschaffen lassen. Und dies geschieht ja auch bereits.
Die Idee, Steuern zu eliminieren, klingt wie eine gute Nachricht.Denn die aus der Geldschöpfung von Schulden entstehende Inflation isteine Steuer wie jede andere. Weil sie sich allerdings den Blicken ver-birgt und so wenige Amerikaner die Wirkungsweise verstehen, ist siepolitisch populärer als eine offenliegende Steuer.
Inflation kann mit einem Monopoly-Spiel verglichen werden, beidem derjenige, der die Bank übernimmt, die Menge des Geldes beliebigbestimmen darf. Bei jedem Wurf des Würfels greift er unter den Tischund holt weitere Spielmarken hervor, welche die Spieler als Geld benut-zen müssen. Ist der Banker zugleich einer der Spieler – wie dies inunserer realen Welt der Fall ist –, wird er am Ende alles besitzen. In derZwischenzeit werden die Spieler von der Geldflut verschlungen. Wäh-rend diese Menge wächst, sinkt der relative Wert jeder Spielmarke, unddie Preise für die einzelnen Bereiche werden steigen. Der Name Mono-poly ist gut begründet. Am Ende besitzt eine Person alles, und dieanderen sind bankrott. Egal. Es ist nur ein Spiel.
Leider ist die Wirklichkeit kein Spiel. Es geht um unseren Lebensun-terhalt, unser Essen, unsere Unterkunft. Es ist ein Unterschied, wenn esnur einen Gewinner gibt, und das ist ein großer Unterschied, wenn derGewinner seine Monopolstellung nur durch die Schaffung des Geldesfür alle anderen erwarb.
(17)Obwohl das FED nur sieben Prozent der nationalen Schuld hält, wäre dieAuswirkung verheerend. Da der Geldvorrat lawinenartig auf das Zehnfache dereigentlichen Regierungsanleihen angewachsen ist, würde jeder Dollar, der ausder Schuld getilgt wird, eine Senkung der Geldmenge um 70 Cent bewirken.
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Vierter Grund zur Abschaffung des Systems
Täuschen Sie sich nicht: Inflation ist eine Steuer. Außerdem ist siedie unfairste von allen, denn sie betrifft vor allem die Sparsamen, dieauf ein festes Einkommen Angewiesenen und die Angehörigen dermittleren und unteren Einkommensschicht. Diese versteckte Steuer wäreohne Papiergeld unmöglich. In Amerika wird Papiergeld nur vom FederalReserve System erschaffen, und es ist vollkommen korrekt zu behaup-ten, das System verursache unsere unfairste Steuer. Sowohl die Steuerals auch das schuldige System sollten abgeschafft werden.
Die Politiker, die den Prozeß der Geldschaffung aus nationaler Schulderlauben, und die Finanzfachleute, die das alles umsetzen, wissen, daßes sich um keine echten Schulden handelt. Sie sind deshalb nicht echt,weil niemand in Washington daran denkt, sie zurückzuzahlen ..., nie-mals! Die beiden Gründe für diese Zauberei sind einerseits die Schaf-fung von frei verfügbarem Geld für die Politiker ohne die Unbequem-lichkeit von Steuererhöhungen, und zweitens, um einen ständigen Stromvon Gold in das Bankenkartell zu erhalten. Die Partnerschaft sorgt nurfür sich selbst.
Weshalb also gibt sich die Regierung überhaupt mit Steuern ab?Wieso beschränkt sie sich nicht auf die zu Geld gemachten Schulden?Dafür gibt es zwei Antworten. Zunächst einmal würden sich die Bürgerüber die Quelle des Geldes wundern, so daß sie schließlich auf dieWahrheit kämen, nämlich daß Inflation eine Steuer ist. Direkte Steuernin irgendeiner Höhe verfestigen also die Unwissenheit, und dies ist fürden Erfolg des Planes wichtig. Und zweitens können vor allem progres-sive Steuern als Waffen dienen, mit denen elitäre Sozialplaner gegen diemittlere Klasse vorgehen können.
Ein Werkzeug der Sozialplaner
Im Januar 1946 veröffentlichte Beardsley Ruml, damals Präsidentder Federal Reserve Bank of New York, einen Artikel in der ZeitschriftAmerican Affairs. Während des Zweiten Weltkrieges hatte er das Quelle-abzugsverfahren bei Steuern ersonnen. Er war also gut qualifiziert, sichzu der Natur und der Absicht von Einkommensteuern zu äußern. SeineAbsicht stand bereits in der Überschrift des Artikels: »Als Einnahme-quelle sind Steuern überflüssig«.
In der Einleitung des Artikels faßte der Chefredakteur Rumls Ansich-ten wie folgt zusammen:
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Seine These lautet, eine souveräne nationale Regierung sei endlichfrei von Geldsorgen und brauche nicht länger Steuern zu erheben, uman Geld zu kommen, vorausgesetzt, sie besitzt die Kontrolle über einZentralbanksystem und eine nicht konvertierbare Währung [alsoeine ohne Golddeckung]. Steuern sollten deshalb ausschließlich imLichte der sozialen und wirtschaftlichen Konsequenzen betrachtetwerden.(18)
Da nun die Federal Reserve aus dem Nichts heraus jede Summe Geldesschaffen könne, welche die Regierung benötige, gebe es nur noch zweiGründe für Steuern. Der erste sei, daß man damit einen generellenAnstieg der Preise verhindern könne. Wenn Menschen Geld in ihrenTaschen hätten, würden sie es für Güter und Dienstleistungen ausgebenund damit einen Preisanstieg verursachen. Die Lösung sei also, ihnendas Geld mit Hilfe der Besteuerung wegzunehmen, damit es die Regie-rung ausgeben könne. Zwar würden die Preise auch dann steigen, dochRuml ging darauf nicht ein. Seine Theorie erläuterte er so:
Die von einer Regierung ausgegebenen Dollars werden in den Hän-den der Menschen, die sie erhalten haben, zu Kaufkraft. Die von derRegierung in Form von Steuern eingezogenen Dollars können vonden Menschen nicht ausgegeben werden und stehen deshalb nichtzum Erwerb derjenigen Dinge zur Verfügung, die zum Verkauf stehen.Deshalb ist die Besteuerung ein Instrument erster Ordnung jedwederFinanz- oder Geldpolitik. (19)
Umverteilung des Wohlstandes
Nach Ruml ist der zweite Zweck der Besteuerung die Umverteilungdes Wohlstandes von einer Klasse auf die andere. Dies muß stets imNamen sozialer Gerechtigkeit oder Gleichheit geschehen, doch derwahre Hintergrund besteht in der Absicht, sich über den freien Markthinwegzusetzen und die Gesellschaft den Plänen der Drahtzieher zuunterwerfen. Ruml hierzu:
Der zweite wesentliche Grund staatlicher Steuern besteht darin,einen stärkeren Ausgleich des Wohlstandes und Einkommens zu er-
(18)»Taxes for Revenue Are Obsolete« von Beardsley Ruml in: American Affairs,Januar 1946, S. 35.(19)
Ruml, S. 36.
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zielen, als dies allein mit den Kräften des Marktes möglich wäre. Diefür diesen Zweck nützlichen Steuern sind die progressive Einkom-mensteuer, die progressive Erbschaftsteuer und die SchenkungsteuerDie Höhe dieser Steuern hängt von der jeweiligen politischen Ab-sicht bezüglich der Umverteilung von Wohlstand und Einkommen ab.Zustimmung oder Ablehnung dieser Steuern sollten sich an ihrerAuswirkung auf das Leben in diesem Lande bemessen und nicht alsEinkommensquelle gewertet werden.(20)
Wie wir bereits sahen, gehörte Senator Nelson Aldrich zu den Gründerndes Federal Reserve System. Im Hinblick auf die Natur des Kartells undseiner eigenen finanziellen Interessen überrascht dies nicht. Aldrich warebenfalls einer der ersten Paten der Einkommensteuer. Beide Schöpfun-gen wirken zusammen als ein wesentlich effektiverer Kontrollmecha-nismus über das wirtschaftliche und soziale Leben der Gesellschaft alsjedes für sich allein.
In der jüngsten Vergangenheit gab es hoffnungsvolle Anzeichen, daßdie großen Planer sich von Rumls Entwurf abwenden würden. Oftwurde sowohl im Kongreß als auch bei der Federal Reserve über dieNotwendigkeit gesprochen, zur Senkung der nationalen Verschuldungund der Inflation die Ausgaben zu senken. Dieses aber war lediglich einLippenbekenntnis. Der größte Anteil der Bundesausgaben wird weiter-hin mit Hilfe des Mandrake-Mechanismus erzeugt, die Kosten desRegierungsapparates übersteigen weiterhin die Steuereinnahmen, unddie Ruml-Formel beherrscht alles.
Expansion führt zu Kontraktion
Es ist richtig, daß der Mandrake-Mechanismus für die Ausweitungdes Geldvorrates verantwortlich ist; der Prozeß ist jedoch auch umkehr-bar. Wie Geld geschaffen wird, wenn die Federal Reserve Anleihen oderandere Schuldverschreibungen erwirbt, so wird es beim Verkauf solcherPapiere ausgelöscht. Werden sie verkauft, fließt das Geld zurück in dasSystem und verschwindet in den Tintenfässern oder den Computer-chips, aus denen es geschaffen wurde. In diesem Falle wird der sekun-däre Effekt, der Geld durch das kommerzielle Banksystem erschuf,dann aus der Wirtschaft zurückgezogen. Außerdem: Selbst wenn dieFederal Reserve den Geldvorrat nicht absichtlich verringert, tritt häufig
(20)Ruml, S. 36.
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derselbe Effekt auf, wenn die Öffentlichkeit sich der Verfügbarkeit vonKrediten verschließt, um ihre eigene Verschuldung zu senken. EinMensch kann nur in Versuchung geraten, sich zu verschulden; gezwun-gen werden kann er dazu nicht.
Viele psychologische Faktoren stecken hinter der Ablehnung vonKreditaufnahmen, obwohl das Geld leicht und zu niedrigen Zinsenverfügbar sein mag: ein Abschwung der Wirtschaft, drohende sozialeUnruhen, Furcht vor Krieg, ein unsicheres politisches Umfeld – um nureinige zu nennen. Obwohl das FED vielleicht Geld in die Wirtschaftpumpen möchte, indem es dieses leicht verfügbar macht, können dieBürger diese Absicht vereiteln, indem sie einfach sagen: Nein danke! Indiesem Falle werden die alten zurückgezahlten Schulden nicht durchneue ersetzt, und der Gesamtbetrag der Privat- und Geschäftsschuldenwird sinken. Ebenso wird dann der Geldvorrat schrumpfen, denn immodernen Amerika bedeuten Schulden Geld. Diese ständige Fluktua-tion von Expansion und Kontraktion des Geldvorrates, die praktischjedem Boom und jeder Pleite zugrundeliegt, welche die Menschheit inihrer Geschichte erlebt hat, könnte sich gar nicht ereignen, wäre dassämtliche Handeln allein nach dem Gesetz von Angebot und Nachfragegeregelt.
Zum Abschluß kann man feststellen, daß die moderne Geldwirtschafteine große Illusion der Zauberer der Finanzen und der Politik ist. Wirleben in einem Zeitalter des Papiergeldes, und es ist sehr ernüchterndfestzustellen, daß jede Nation, die wesentlich früher als wir solchesGeld akzeptiert hat, letzen Endes davon wirtschaftlich ruiniert wurde.Auch innerhalb unserer gegenwärtigen geldwirtschaftlichen Strukturgibt es keinerlei Sicherheiten, daß wir nicht auch irgendwann vor solcheinem Schicksal bewahrt werden könnten.
Korrektur. Es gibt doch eine: Noch immer liegt es in der Macht desKongresses, das Federal Reserve System abzuschaffen.
Zusammenfassung
Der amerikanische Dollar besitzt keinen eigenen Wert. Er ist einklassisches Beispiel des Papiergeldes, dessen Menge unbeschränkt ist.Sein vordringlichster Wert liegt in der Bereitschaft der Menschen, ihnanzunehmen; die Gesetze bezüglich allgemein gültiger Zahlungsmittelzwingen sie sogar dazu. Es stimmt, daß unser Geld aus dem Nichtsgeschaffen wird, doch es ist genauer zu sagen, daß es auf der Verschul-dung beruht. In bestimmter Weise könnte man sogar behaupten, unser
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Geld stamme von weniger als Nichts. Der gesamte Geldvorrat würde inden Tresoren und Computern verschwinden, würde alle Schulden zu-rückgezahlt. Deshalb können unsere politischen Führer eine wesentli-che Verringerung der nationalen oder persönlichen Verschuldung garnicht zulassen. Zinszahlungen auf vorgetäuschte Darlehen ist Zinswu-cher, und diese Praxis wurde unter dem Federal Reserve System institu-tionalisiert. Der Mandrake-Mechanismus, bei dem das FED Schuldenin Geld umwandelt, mag auf den ersten Blick kompliziert wirken, unddennoch ist er einfach, sobald man begriffen hat, daß er nicht logischsein soll, sondern verwirrend und täuschend. Das eigentliche Ziel diesesMechanismus' ist die künstliche Ausweitung des Geldvorrates, welchedie tiefere Ursache der versteckteti Steuer namens Inflation ist. DieseExpansion führt unweigerlich zur Kontraktion, und zusammen gehörensie zu dem zerstörerischen Zyklus von Boom und Pleite, welche dieGeschichte der Menschheit seit der Erfindung des Papiergeldes beglei-tet hat.
Cecil Rhodes erwarb im19. Jahrhundert eines dergrößten Vermögen der Welt.Finanziell unterstützt vonNathan Rothschild und derBank of England, errichtete erein Diamanten-Monopol inSüdafrika ... und auch einesüber die meisten Goldminen.Er gründete eine Geheim-gesellschaft, in der viele füh-rende RegierungsvertreterEnglands Mitglied waren. Ihrelitäres Ziel war nichts Geringe-res als die Beherrschung derWelt und die Schaffung einer
modernen feudalen Gesellschaft
unter ihrer Kontrolle mit Hilfe
der Zentralbanken. Der amerikanische Ausschuß für AuswärtigeBeziehungen (CFR) war ein Sproß dieser Gruppe.
August Belmont kam 1837als Finanzvertreter derRothschilds nach New York.Er schleuste gewaltigesKapital in amerikanischeInvestitionen, häufig ohnedaß jemand wußte, wessenGeld er eigentlich ausgab.Der Grund dieser Heimlich-tuerei war, die wachsendenAnti-Rothschild-Ressenti-ments in Europa und Amerikazu unterlaufen. Als seineVerbindung offenkundigwurde, büßte er seine Nütz-lichkeit ein und wurde vonJ. P. Morgan ersetzt.
J. P. Morgan sr. (links) wurde in England von seinem Vater Junius Morgan in dasBankwesen eingeführt. Die Morgans waren freundliche Wettbewerber der Rothschildsund entwickelten enge Beziehungen zu ihnen. Morgans Londoner Firma wurde 1857von der Bank of England— auf die Rothschild großen Einfluß ausübte — vor dem Ruinbewahrt. Später schien Morgan als Rothschilds Vertrauter tätig gewesen zu sein,und er war deutlich bemüht, als Amerikaner zu wirken.
John D. Rockefeller (rechts) erwarb sein erstes Vermögen mit Öl, strebte jedochschon bald ins Bank- und Finanzgeschäft. Schließlich beschlossen J. P. Morgan under, ihre Konkurrenz zu beenden, indem sie gemeinsame Geschäfte gründeten. AmEnde arbeiteten sie offen bei der Schaffung eines nationalen Bankenkartells namensFederal Reserve System zusammen.
Das Klubhaus auf Jekyll Island in Georgia, wo 1910 unter größter Geheimhaltung dasKonzept des Federal Reserve Systems entworfen wurde. Das Foto zeigt das Gebäudekurz nach seiner Fertigstellung.
Jacob Schiff leitete die NewYorker InvestmentfirmaKuhn, Loeb & Co. Er wareiner der wichtigstenUnterstützer der Bolsche-wistischen Revolution undfinanzierte persönlichTrotzkis Reise von New Yorknach Rußland. Außerdemfinanzierte er WoodrowWilsons Präsidentschafts-kampagne und war einBefürworter der Verab-schiedung des »FederalReserve Act«.
/V. u. 1
"DEE•LIGIITEDr"
Diese Karikatur von Robert Minor erschien 1911 im St. Louis Post-Dispatch. Siezeigt Karl Marx, der enthusiastisch von Wall-Street-Finanzleuten umringt wird:Morgans Partner George Perkins, J. P. Morgan, John Ryan von der National CityBank, John D. Rockefeller und Andrew Carnegie. Direkt hinter Marx steht TeddyRoosevelt, Führer der Progressive Party.
Harry Dexter White(links) und JohnMaynard Keynes (rechts)waren die Theoretikerder Bretton WoodsMonetary Conference,auf der die Weltbank undder Internationale Wäh-rungsfonds geschaffenwurden. White war Mit-glied der Kommunisti-schen Partei. Keynes warMitglied der Fabier. Sieteilten das Ziel derSchaffung des internatio-nalen Sozialismus. DerIWF/die Weltbank habenseitdem dieses Vorhabenweiterverfolgt.
Raymond Robins wird hierals Vorsitzender der Partei-versammlung der Progres-sive Party im Jahre 1912
gezeigt. Nach der Bolsche-wistischen Revolution wur-de er Leiter des amerikani-schen Roten Kreuzes in
Rußland. Obwohl ein Ver-treter der Interessen derWall Street, war er einJünger von Cecil Rhodesund im Grunde anti-kapita-listisch gesinnt. Er besaßgroßen Einfluß auf Lenin.
Edward Mandell Housewar der Mann, derWoodrow WilsonsPräsidentschafts-kandidatur betrieb unddanach heimlicher Herr-scher im Weißen Hauswurde. Er verhandelte einGeheimabkommen zurEinbeziehung der USA inden Ersten Weltkrieg,während Wilson noch mitdem Versprechen kandi-dierte, Amerika aus demKrieg herauszuhalten. ImSinne der Wall Streetwirkte er im Kongreß fürdie Verabschiedung des»Federal Reserve Act«.
Carroll Quigley warGeschichtsprofessor an derGeorgetown University. SeinBuch Tragedy and Hope offen-barte, daß der Ausschuß fürAuswärtige Beziehungen (CFR)eine Nebenerscheinung derGeheimgesellschaft, die vonCecil Rhodes gegründet wur-de, ist. Er verfaßte ein Werkdarüber, wie ein internationa-les Netzwerk von Finanzleutenein weiteres Netzwerk geschaf-fen hat, das die politischenSysteme aller Länder mit Hilfeder Zentralbanken beherrschenkann. Er nannte Namen undlieferte eine peinlich genaueDokumentation. Sein Buchwurde unterdrückt.
Winston Churchill war im Ersten Welt-krieg First Lord der Admiralität. Als dieLusitania in ein Gebiet kam, in dem eindeutsches U-Boot lauerte, rief er den
zum Schutz der Lusitania berufenenZerstörer zurück. Er rechnete damit,daß die Versenkung eines britischenSchiffes mit amerikanischen Passa-gieren an Bord in den USA anti-deut-sche Gefühle hochkochen lassen unddie politische Meinung zugunsteneines Kriegseintritts umschwenkenlassen würde.
Lord Mersey (links) wurde mit der amt-lichen Untersuchung der Versenkung derLusitania beauftragt. Es gab jedoch keineechte Untersuchung, sondern nur eineVertuschung. Von der Admiralität wurde erinstruiert, die gesamte Schuld auf denKapitän des Schiffes abzuwälzen. Merseygehorchte den Befehlen, lehnte jedoch eineEntlohnung für seine Dienste ab, ebensowie weitere rechtliche Aufträge. In späterenJahren sagte er, diese Affäre sei »ein ver-dammt schmutziges Geschäft» gewesen.
Teil IIIDie neue Alchimie
Die antiken Alchimisten bemühten sich vergebens, Blei in Gold zuverwandeln. Die modernen Alchimisten waren erfolgreich. Für dieZauberer, die den Mandrake-Mechanismus beherrschen, haben sichdie Bleikugeln des Krieges in eine endlose Quelle Goldes verwandelt.Es ist eine verblüffende Erkenntnis, daß die meisten Kriege derNeuzeit gar nicht hätten geschehen können ohne die Kunst, Papier-geld zu schaffen. Solange dieser Mechanismus am Leben erhaltenwird, sind auch künftige Kriege unvermeidbar. Dies ist die Geschich-te, wie es funktioniert.
Kapitel 11
Die Rothschild-Formel
Der Aufstieg des Hauses Rothschild in Europa; dieTradition der Bankleute, von beiden Seiten eines be-waffneten Konfliktes zu profitieren; die Formel, mit dersich Kriege in Schulden und Schulden zurück in Kriegeverwandeln lassen.
Bisher haben wir uns dicht an das Thema Geld in der Geschichte seinerManipulation durch Politiker und Finanzleute gehalten. Nun wollen wireinen kurzen Umweg über einen parallelen Pfad nehmen und einigepolitische Ereignisse aus einer anderen Perspektive betrachten. Viel-leicht werden Sie sich zwischendurch fragen, ob wir vom Weg abge-kommen sind und wo die Verbindung zum Federal Reserve Systemgeblieben ist. Doch seien Sie versichert, daß es viel damit zu tun hat,und wenn wir schließlich zu diesem Thema zurückkehren werden, wirddiese Verbindung schmerzlich offenbar.
Der Profit des Krieges
Der Kern dieses Kapitels handelt vom Profit des Krieges und, nochgenauer, von der Gruppe der Leute, die diesen Profit einstreichen unddeshalb Regierungen in militärische Konflikte hineinmanövrieren, undzwar nicht aus nationalen oder patriotischen Gründen, sondern desprivaten Gewinns wegen. Der Mechanismus, mit dem man dies in derVergangenheit erreichte, war wesentlich komplizierter, als den krieg-führenden Regierungen nur Geld zu leihen und dafür die Zinsen einzu-streichen. Natürlich war dies ein Teil der Absicht, doch der echteGewinn lag in der politischen Günstlingswirtschaft. 1937 schrieb derfranzösische Historiker Richard Lewinsohn:
Obwohl auch sie Bankiers genannt wurden, waren diejenigen, die inder vor-kapitalistischen Zeit Kriege finanziert haben ... keine Ban-kiers im modernen Sinne des Wortes. Anders als die modernen Finanz-leute, die mit dem Geld ihrer Einleger umgehen [oder noch jünger,mit dem Geld der Zentralbanken aus dem Nichts heraus], haben sieim allgemeinen mit dem von ihnen selbst angesammelten oder geerb-
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ten Vermögen gewirtschaftet, das sie zu hohen Zinsraten ausliehen.Diejenigen also, die das Risiko der Finanzierung eines Krieges ein-gingen, waren bereits vorher sehr reich, und dies begann schon im17. Jahrhundert.(1)
Sobald sie sich zur Finanzierung eines Krieges bereiterklärten,legten diese reichen Finanzleute jedoch nicht immer besonderes Ge-wicht auf die Zinsraten. In diesem Zusammenhang legten sie häufigallergrößte Willfährigkeit gegenüber ihren erlauchten Kunden an denTag. Im Gegenzug erwarteten sie Privilegien, die man in industrielleoder geschäftliche Profite umwandeln konnte, wie zum BeispielBergwerkskonzessionen, Monopole, Einfuhrgenehmigungen usw. Bis-weilen wurden ihnen sogar gewisse Steuern zugestanden als Sicher-heit für ihre Darlehen. Obwohl also diese Kredite mit beachtlichenRisiken behaftet waren und wenig Zinsen einbrachten, war der indi-rekte Gewinn häufig beträchtlich; die Nachsicht des Kreditgeberswurde großzügig belohnt.'
Die Rothschild-Dynastie
Keine Untersuchung über den Mechanismus der Kriegsfinanzierungwäre vollständig, ohne sich mit dem Namen Rothschild befaßt zuhaben. Mayer Amschel Rothschild wird gern mit der Aussage zitiert:»Laßt mich das Geld einer Nation herausgeben und kontrollieren, undes ist mir egal, wer die Gesetze schreibt.«(2) Der Biograph FredericMorton zog den Schluß, daß die Rothschild-Dynastie »... die Weltgründlicher und schlauer und nachhaltiger erobert hat, als alle Cäsarenvor ihnen und alle Hitlers nach ihnen«(3).
Gegründet wurde diese Dynastie in Frankfurt, Deutschland, in derMitte des 18. Jahrhunderts von Mayer Amschel Bauer, dem Sohn einesGoldschmiedes. Mayer trat als Angestellter in die Oppenheim-Bank inHannover ein und wurde schließlich deren Juniorpartner. Nach dem
(1)Richard Lewinsohn, The Profits of War through the Ages (New York: E. P. Dutton1937), S. 55-56.
(2)So zitiert von Robert L. Owen, dem früheren Vorsitzenden des Senatsausschus-ses Banken und Währungen und einer der Mitbegründer des »Federal ReserveAct«. Dieses Zitat konnte nicht verifiziert werden; betrachtet man jedoch dasLeben und Wirken des älteren Rothschild, kann man kaum daran zweifeln, daßdies seiner Ansicht und Handlungsweise entsprach.
(3)Frederic Morton, The Rothschilds: A Family Portrait (New York: Atheneum,1962), S. 14.
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Tode seines Partners kehrte er nach Frankfurt zurück und führte dasFamiliengeschäft weiter. Über der Eingangstür prangte ein rotes Schildmit einem Adler. Das deutsche Wort für ein rotes Schild lautet »Rot-schild«, und deshalb nahm Herr Bauer den Namen Rothschild an undfügte für seine fünf Söhne fünf goldene Pfeile in die Klauen des Adlersein.
Das Glück der Familie Rothschild nahm seinen Anfang, als Mayerdie Praxis des Scheidegeldes aufnahm. Wie wir sahen, stand er damalsnicht allein, aber das Haus Rothschild übertrumpfte alle anderen. Dieslag an seinem ausgeprägten Geschäftssinn und an seinen fünf unge-wöhnlichen Söhnen, die alle selbst Finanzfachleute wurden. Als sieerwachsen wurden und die Zauberei verstanden, wie man Schulden inGeld umwandelt, verließen sie die engen Grenzen Frankfurts und enga-gierten sich in den Finanzzentren Europas und weiten Teilen der zivili-sierten Welt.
Während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kümmerten sich dieBrüder um wichtige finanzielle Transaktionen für die RegierungenEnglands, Frankreichs, Preußens, Österreichs, Belgiens, Spaniens, Nea-pels, Portugals, Brasiliens und verschiedener deutschen Staaten undvieler anderer kleiner Länder. Sie wurden zu persönlichen Bankiersvieler gekrönter europäischer Häupter. Mit Hilfe von Vertrauensleuteninvestierten sie in den Märkten der Vereinigten Staaten, Indiens, Kubasund Australiens. Sie wurden zu den Geldgebern von Cecil Rhodes undermöglichten es ihm, das Monopol über die Diamantenfelder Südafri-kas zu erlangen. Noch immer haben sie eine Verbindung zu de Beers.(4)
Der Biograph Derek Wilson schreibt:
Diejenigen, welche die Rothschilds für ihren »unheilvollen« Einflußschmähten oder verspotteten, hatten ausreichend Grund für ihrenÄrger und ihre Furcht. Die Bankleute hatten schon immer einen»fünften Stand« gebildet, dessen Mitglieder wegen der Kontrolleüber die Geldbörsen des Hochadels wichtige Dinge beeinflussenkonnten. Doch das Haus Rothschild war ungleich mächtiger alsjemals ein Finanzimperium zuvor Es beherrschte unglaublichen Reich-tum. Es war international. Es war unabhängig. Königshäuser warenseinetwegen unruhig, weil es sich ihrer Kontrolle entzog. Volksbewe-gungen haßten es, weil es der Öffentlichkeit keine Antworten schul-
(4)Morton, S. 145, 219.
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dete. Verfassungsrechtler waren aufgebracht, weil es hinter den Ku-lissen agierte ..., geheim.(5)
Natürlich ist Heimlichkeit die Voraussetzung für eine Verschwörung,und die Rothschilds beherrschten diese Kunst. Indem sie hinter denKulissen wirkten, konnten sie den Zorn der Öffentlichkeit meiden, dersich statt dessen auf die von ihnen kontrollierten politischen Figurenrichtete. Dieser Schachzug wurde seitdem immer wieder von Finanz-manipulatoren angewandt, und er wird ebenfalls beherzigt von denen,die das Federal Reserve System heute leiten. Wilson informiert unsweiter:
Heimlichkeit war und ist noch immer das Merkmal politischer Tätig-keiten der Rothschilds. Nur selten haben sie sich öffentlich zu wichti-gen Themen geäußert. Niemals strebten sie in Regierungsämter Selbstals einige in späteren Jahren Mitglieder von Parlamenten wurden,spielten sie dort niemals eine wichtige Rolle in London, Paris oderBerlin. Und dennoch wirkten sie an allen wichtigen Tagesereignissenmit: Indem sie Gelder vergaben oder zurückhielten, Politikern einendiplomatischen Dienst anboten, die Berufung in hohe Ämter beein-flußten und durch ihren beinahe täglichen Umgang mit den wichtigenEntscheidungsträgern.(6)
Ein Vermögen durch Schmuggel
Die ständigen Kriege in Europa boten hervorragende Gelegenheitenfür Gewinne, indem man rare Verbrauchsgüter durch die militärischenLinien schmuggelte. Da die Rothschilds häufig beide Seiten eines Kon-fliktes finanzierten und bekannt für ihren großen politischen Einflußwaren, genügte meist ein Blick auf das rote Wappen eines Lederbeutels,einer Kutsche oder einer Schiffsflagge, um den Boten oder die Ladungin jeder Richtung die Kontrollstellen passieren zu lassen. Diese Immu-nität gestattete es ihnen, in einem blühenden Schwarzmarkt für Baum-wolle, Garn, Tabak, Kaffee, Zucker und Indigo tätig zu bleiben. Siebewegten sich ungehindert von Grenzen zwischen Deutschland, Skan-dinavien, Holland, Spanien, England und Frankreich.(7) Diese Protektion
(5)Derek Wilson, Rothschild: The Wealth and Power of A Dynasty (New York: Charles Scribner's Sons, 1988), S. 79, 98-99. (6)
Derek Wilson, S. 99.
(7)Morton, S. 40-41.
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gehörte zu den indirekten Vergünstigungen, die weit größere Profiteeinbrachten als die Zinsen für ein Regierungsdarlehen.
Allgemein gilt, daß eines Menschen Verlust des anderen Gewinn ist.Selbst die geneigtesten Biographen geben zu, daß für mehr als zweiJahrhunderte das Haus Rothschilds prächtig an Kriegen und Wirtschafts-zusammenbrüchen verdiente, auch wenn andere dabei riesige Verlusteerlitten.
Napoleon gegen die Banker
Wenn ein Bild so viel spricht wie 1000 Worte, dann muß ein Beispielein Dutzend Erläuterungen wert sein. Es gibt kein besseres Beispiel alsder von den europäischen Finanzleuten des 19. Jahrhunderts gegenNapoleon Bonaparte geführte Wirtschaftskrieg. Häufig wird vergessen,daß Napoleon Recht und Ordnung in dem chaotischen nachrevolutionärenFrankreich etabliert hatte und seine Aufmerksamkeit nicht auf Kriege,sondern auf die Wiederherstellung von Frieden und wirtschaftlicherErholung im Lande richtete. Vor allem wollte er die Bürger und dasLand von den Schulden befreien und die Kontrolle der Banker abschüt-teln. In der Schrift Monarchy or Money Power schreibt R. McNairWilson:
Von ihm wurde angeordnet, daß Geld unter keinem Vorwand ausFrankreich hinausgebracht werden durfte, es sei denn mit der Zu-stimmung der Regierung. Außerdem durften unter keinen UmständenDarlehen zur zivilen oder militärischen Finanzierung herangezogenwerden ... »Man muß bedenken«, bemerkte Napoleon, »wohin Kredi-te führen können, um die Gefahr zu erkennen. Deshalb möchte ichniemals etwas damit zu tun haben und habe mich immer dagegengewehrt ...«
Der Zweck bestand darin, der Finanzwirtschaft keine Macht überdie Regierung einzuräumen, wie dies unter der Herrschaft von Lud-wig XVL der Fall war. Sobald eine Regierung auf das Geld derBanken angewiesen ist, erklärte Bonaparte, würden diese und nichtdie Regierung die Situation beherrschen, denn »die gebende Handsteht über der nehmenden ...«
»Geld«, meinte er, »besitzt kein Vaterland. Financiers sind ohnePatriotismus und Anständigkeit; ihr einziges Streben ist Gewinn. «(8)
(8)R. McNair Wilson, Monarchy or Money Power (London: Eyre and Spottiswoode,1933), S. 68, 72.
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Der erste Schlag gegen die Banken war Napoleons Gründung der unab-hängigen Bank von Frankreich, der er selbst vorstand. Aber nicht ein-mal ihr vertraute man, und Regierungsgelder wurden dort nicht depo-niert. Doch die größte Sorge der Finanzleute war seine Weigerung, Geldzu leihen. Tatsächlich war dies für sie eine gute und zugleich schlechteNachricht. Die schlechte war, daß man ihnen die Gewinne auf Scheide-geld verweigerte. Die gute Nachricht war – davon waren sie überzeugt –,daß Napoleon sich ohne Verschuldung nicht würde verteidigen können.Dann könnte er leicht gestürzt und von Ludwig XVI. ersetzt werden, derviel stärker dem Einfluß der Banker unterlag. Wilson läßt uns weiterhinwissen:
Sie waren überzeugt, seinen Sturz herbeiführen zu können. Keinerglaubte, er könne einen Krieg in großem Stile finanzieren, da ihmdurch die Zerstörung der Assignaten der Einsatz des Papiergeldesverwehrt blieb.(9) Woher jedoch sollte er das unerläßliche Gold undSilber erhalten, um eine große Armee auszurüsten und zu versorgen?Pitt [der Premierminister Englands] rechnete bereits mit einer Koa-lition aus England, Österreich, Preußen, Rußland, Spanien, Schwe-den und etlichen Kleinstaaten. 600 000 Männer sollten zu Feldegeschickt werden. Der gesamte Wohlstand Englands – eigentlich vonder Welt – würde dieser überwältigenden Macht zur Verfügung ge-stellt werden. Könnte der Korse 200 000 mustern? Könnte er siebewaffnen? Sie ernähren? Wenn ihn die Bleikugeln nicht zerstörten,würden die goldenen Kugeln ihm bald ein Ende bereiten. Er würdegezwungen, wie seine Nachbarn zu kommen, den Hut in der Hand,um Kredite bittend und wie diese die Bedingungen der Banker erfül-len...
Er konnte seine Hände nicht auf zwei Millionen Pfund legen, soleer war die Schatztruhe und so geplündert der Münzstock der Na-tion. London wartete voller Interesse, wie dieses Problem gelöstwerden würde.(10)
Napoleon löste das Rätsel, indem er einfach Grundbesitz verkaufte.Diese verrückten Amerikaner boten ihm drei Millionen Pfund für einenriesigen Sumpf namens Louisiana.
(9)Assignaten waren echtes Papiergeld, die rasch ihren Wert im Handel verlorenund praktisch zur Zerstörung der französischen Wirtschaft führten. (10)R. McNair Wilson, S. 71-72.
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Ein Plan zur Zerstörung der Vereinigten Staaten
Napoleon wünschte keinen Krieg, aber er wußte, Europas Geld-barone wären mit einem Frieden nicht zufrieden ..., es sei denn, natür-lich, sie würden durch die Niederlage ihrer Marionettenregierungendazu gezwungen, oder wenn es irgendwie anders zu ihrem finanziellenVorteil wäre. In der Verfolgung der letzteren Taktik drohte er mit derEinnahme Hollands, das von seinem Bruder König Ludwig regiertwurde. Napoleon wußte, daß die Holländer bei englischen Banken tiefverschuldet waren. Würde also Holland von Frankreich annektiert,würde diese Schuld niemals zurückgezahlt werden. Napoleon machtefolglich den englischen Banken den Vorschlag, Holland in Frieden zulassen, wenn sie ihrerseits die englische Regierung für einen Friedenmit Frankreich gewinnen würden.
Die Verhandlungen führten der Banker Pierre-Cesar Labouchere, dervon den Holländern geschickt wurde, und der englische BankerSir Francis Baring, der Laboucheres Schwiegervater war. Obwohl essich für die Banker um einen sehr attraktiven Vorschlag handelte, we-nigstens kurzfristig, widersprach es ihrer Natur, sich der immensenProfite eines Krieges und des Merkantilismus zu entsagen. Sie revidier-ten also den Vorschlag mit einem Plan für die Vereinigung der Streit-kräfte von Frankreich und England, um die grade unabhängig geworde-nen Vereinigten Staaten, oder wenigstens den industrialisierten Teildavon, zurück unter die Kontrolle Englands zu zwingen. Dieser un-glaubliche, von dem französischen Banker Ouvrard entwickelte Plansah die militärische Invasion vor, um nach erfolgter Eroberung dieBeute zu teilen. England sollte die nördlichen Staaten einschließlichKanada erhalten, während die südlichen Staaten an Frankreich fallensollten. Napoleon wollte man damit in Versuchung führen, daß man ihmden schrecklichen Titel »König von Amerika« anbot. McNair Wilson:
Labouchere schrieb an Baring am 21. März und fügte eine vonOuvrard diktierte Note an den [britischen Außenminister] Wellesleybei. Sie lautete:
»Aus einem Eroberer (Napoleon) wird ein Bewahrer; als erstesErgebnis seiner Ehe mit Marie Louise wird er England ein Friedens-angebot unterbreiten. Es liegt im Interesse dieser Nation (also Eng-lands), Frieden zu schließen, denn es besitzt die Oberhoheit über dieMeere; im Gegensatz dazu liegt es im Interesse Frankreichs, denKrieg fortzusetzen, damit es sich grenzenlos ausweiten und eine
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frische Flotte erschaffen kann, was im Frieden nicht möglich wäre.Weshalb schlägt nicht das englische Kabinett Frankreich vor, ge-meinsam die Vereinigten Staaten von Amerika zu zerschlagen und sieerneut abhängig zu machen von England und gleichzeitig Napoleonzu überzeugen, mitzuhelfen bei der Zerstörung des Lebenswerkes vonLudwig XVL? Es ist in seinem (Englands) Interesse, Frieden zuschließen und Napoleons Eitelkeit zu schmeicheln, indem es seinWerk und seinen kaiserlichen Titel anerkennt ...«
Das Kabinett bedachte diese Vorschläge und stimmte ihnen zu.Wellesley eilte sofort zu Barings Haus und überbrachte ihm die guteNachricht ... Die Holländer würde zahlen können und müßten diesmit Gold tun.
Unglücklicherweise entdeckte Napoleon, was im Busch war, undlehnte auf das Heftigste den Plan eines gemeinsamen Überfalls aufdie Vereinigten Staaten ab. Er ließ Ouvrard verhaften, entließ undvertrieb Fouche und machte zum Leidwesen von Wellesley und Baringdie ganze Geschichte publik.(11)
Aus dieser Geschichte darf man nicht schließen, Napoleon sei einAusbund an Tugend oder ein Meister des ehrlichen Geldes gewesen.Seine Ablehnung der Banker lag nur daran, daß ihre Finanzkraft in derLage war, seine eigene politische Macht zu bedrohen. Er ließ ihnen freieHand, solange sie den Zwecken des Staates dienten. Sobald aber dieGeldnot nachließ, verurteilte er sie wegen »unheiliger Profite« undnahm sie ihnen fort im Namen der Menschen. Wer protestierte, wurdeins Gefängnis geworfen.
Und so wurden die Kampflinien gezeichnet. Napoleon mußte unterallen Umständen vernichtet werden. Um dieses zu ermöglichen, schufdie Bank of England Papiergeld für die Regierung, die damit eineüberwältigende Armee finanzieren konnte. Ein beständiger Strom vonGold floß aus dem Land, um die Armeen Rußlands, Preußens undÖsterreichs zu finanzieren. Wieder geriet die Wirtschaft unter der finan-ziellen Last des Krieges ins Stolpern, und die kleinen Leute zahltenohne zu murren die Rechnung, denn sie besaßen nicht die geringsteAhnung, daß sie ihnen aufgebürdet wurde. Wilson schließt die Ge-schichte ab:
(11)R. McNair Wilson, S. 81-82.
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Die Banker hatten gewonnen. Ludwig XVIII. wurde mit Hilfe briti-scher Waffen und britischer Diplomatie auf den Thron seiner Vorfah-ren gesetzt. Darlehen wurden ihm zur Verfügung gestellt, obwohlNapoleon ein Frankreich mit ausgeglichenem Haushalt hinterlassenhatte.
Ein Jahr später gewann einer mit 800 Männern, und ohne eineneinzigen Schuß abzufeuern, seinen Thron zurück, der von jedemKönig und jedem Banker in Europa ein »Usurpator« genannt wurde.Diesmal blieb ihm keine andere Wahl: Er mußte zur VerteidigungFrankreichs ein Darlehen aufnehmen. Die City of London [der Ban-ken-Distrikt] stattete ihn mit fünf Millionen Pfund aus. Mit dieserSumme rüstete er die Armee aus, die von Wellington bei Waterloogeschlagen wurde.(12)
Gold für den Herzog von Wellington
Eine der faszinierendsten und enthüllendsten Episoden, festgehaltenvon Rothschilds Biographen, betrifft den Schmuggel einer großen Gold-ladung für den Herzog von Wellington, der eine große Armee in Portu-gal und in den Pyrenäen zwischen Spanien und Frankreich ausrüstenund ernähren wollte.
Es war keineswegs sicher, daß Wellington in der bevorstehendenSchlacht Napoleon besiegen könnte, und dem Herzog fiel es schwer,Banker und Händler in Portugal und Spanien zur Annahme seinerschriftlicher Zahlungsversprechen zu bewegen, obwohl sie offiziell vonder britischen Regierung garantiert waren. Diese Noten waren starkabgewertet, und Wellington suchte verzweifelt nach Goldmünzen. Andieser Stelle bot ihm Nathan Rothschild seine und die Dienste seinerBrüder an. Mit Hilfe des Schmuggelapparates, der in ganz Europafunktionierte, konnte er Wellington hervorragende Konditionen anbie-ten und dennoch einen glänzenden Gewinn machen. Doch dazu mußtedas Gold direkt vor Napoleons Augen transportiert werden. FredericMorton beschreibt die Szene:
Es gab nur einen Weg für das Geld: mitten durch Frankreich, dasEnglands Armee bekämpfte. Natürlich besaß die Rothschildscheblockadebrechende Maschinerie hervorragende Zahnräder überallin Deutschland, Skandinavien und England, sogar in Spanien und in
(12)R. McNair Wilson, S. 83.
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Südfrankreich. Aber ein ganz gerissenes neues Rad benötigte man inNapoleons Hauptstadt. Hier tritt Jacob – fortan James genannt –, derjüngste von Mayers Söhnen, auf den Plan(13)
James war erst 19 Jahre alt, aber von seinem Vater hervorragend ausge-bildet in der Kunst der Täuschung. Bei seinem Eintreffen in Paris hatteer zwei Aufgaben. Zunächst sollte er den französischen Behörden einenfalschen Bericht über die britischen Goldbewegungen liefern, der gera-de genug Wahrheit enthielt, um überzeugend zu klingen. Er präsentierteder Regierung gefälschte Briefe, aus denen hervorging, die Engländerwürden verzweifelt versuchen, den Fluß ihres Goldes nach Frankreichzu stoppen. Die List zahlte sich aus, als die französischen Autoritätendie Bankleute tatsächlich ermutigten, das britische Gold anzunehmenund es in sichere Banknoten umzuwandeln. Zweitens sollte James alsVerbindungsmann einer Finanzkette von London bis zu den Pyrenäendienen. Er sollte den Fluß des Goldes nach Frankreich, die Umwand-lung des Goldes in spanische Banknoten und deren Weitertransport zuWellington koordinieren. Dies alles schaffte er mit verblüffender Ge-schicklichkeit, wenn man seine Jugend in Betracht zieht. Morton schluß-folgert:
Innerhalb weniger hundert Stunden hatte Mayers Jüngster nicht nurdas englische Gold durch Frankreich rollen lassen, sondern einefinanzpolitische Fata Morgana beschworen, die Napoleon selbst ein-schloß. Ein Rothschild im Teenager-Alter verleitete die kaiserlicheRegierung dazu, genau jenen Vorgang zu sanktionieren, der sie schließ-lich ruinierte ...
Die Maschinerie der Familie sprang an. Nathan sandte ganzeLadungen britischer Guineas, portugiesischer Goldunzen und fran-zösischer Napoleon d'Or (häufig frisch in London geprägt) über denKanal. Von der Küste schaffte James sie nach Paris und verwandeltedas Metall heimlich in Noten gewisser spanischer Banker Danntauchte südlich der Hauptstadt Kalmann [ebenfalls einer von MayersSöhnen] auf übernahm die Noten, tauchte unter in einer der tausenddunklen Schluchten der Pyrenäen ... und tauchte mit WellingtonsQuittungen wieder auf Salomon [ein Sohn] sorgte dafür, daß allesglatt ging und die Transitstellen so unklar blieben, daß weder die
(13)Morton, S. 46.
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französische Illusion noch der Wechselkurs des britischen Guineas inGefahr gerieten. Amschel blieb derweil in Frankfurt und verstärktedort Mayers Hautquartier.
Die Franzosen erkannten einige Bruchstücke der Wahrheit. Manch-mal konnten die Mißtrauischen von ihrem Verdacht befreit werden.So lebte der Polizeichef von Calais beispielsweise plötzlich in solchopulentem Luxus, daß es ihm schwer fiel, das Ufer sorgsam zubewachen ...
Während Napoleon mit seiner Streitmacht im russischen Winterkämpfte, rann durch Frankreich selbst eine Goldader zu der Armee,die an des Kaisers Hintertür hungerte.(14)
Ein paar Jahre später faßte Nathan auf einer Abendgesellschaft dieseEpisode zusammen, als habe es sich lediglich um ein Routineunter-nehmen gehandelt:
Die East India Company wollte für 800 000 Pfund Gold verkaufen.Ich ging hin und kaufte alles. Ich wußte, der Herzog von Wellingtonbrauchte es. Die Regierung schickte nach mir und ließ mich wissen,daß sie das Gold benötigt. Ich verkaufte es ihnen, aber sie wußtennicht, wie es zu dem Herzog in Portugal gelangen könnte. Ich küm-merte mich darum und schickte es durch Frankreich. Es war dasbeste Geschäft meines Lebens.(15)
Die Schlacht von Waterloo
Das Ergebnis der Schlacht von Waterloo zwischen Wellington undNapoleon war sowohl politisch als auch ökonomisch von größter Be-deutung für Europa. Hätte Napoleon gesiegt, wäre England in nochgrößere wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. Nicht nur hätte esinternational an Macht und Ansehen verloren, sondern seine eigenenUntertanen hätten wegen der großen persönlichen und finanziellenOpfer aufbegehrt. Bei einer Niederlage wäre es nicht in der Lagegewesen, die großen Summen zurückzuzahlen, die es zur Führung desKrieges hatte aufnehmen müssen. Also wartete jedermann an der Lon-doner Aktienbörse, wo neben anderen Schuldverschreibungen auch dieöffentlichen Staatsanleihen der Regierung gehandelt wurden, vollerSpannung auf Nachrichten über den Ausgang der Schlacht.
(14)Morton, S. 47.(15)
Ebenda, S. 45.
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Es ist bekannt, daß die Rothschilds einen privaten Kurierdienst ent-wickelt hatten, der nicht nur zum Transport von Gold und anderenwertvollen Frachten genutzt wurde, sondern auch für Informationen,die für Geschäftsentscheidungen von Bedeutung waren. Also erwarteteman, daß Nathan in London als erster den Namen des Siegers erfahrenwürde, nachdem sich der Pulverqualm auf dem Schlachtfeld gelegthatte. Und niemand wurde enttäuscht. Die erste Nachricht vonWellingtons Sieg erreichte Brüssel am 18. Juni 1815 gegen Mitternacht.Dort wartete bereits ein Agent der Rothschilds namens Rothworth. Erbestieg sofort ein frisches Pferd und ritt nach Ostende, wo ein Bootbereitstand, um ihn über den Kanal nach London zu bringen. In denfrühen Morgenstunden des 20. Juni klopfte der erschöpfte Bote anNathans Tür ..., volle 24 Stunden früher, als Wellingtons Kurier MajorHenry Percy eintraf.
Wenigstens ein freundlicher Biograph behauptet, Nathan habe zuerstden Premierminister unterrichtet, aber Regierungsbeamte zögerten, ihmzu glauben, weil dies im Widerspruch zu ersten Meldungen stand,denen zufolge die Briten ernste Rückschläge erlitten hätten. Wie demauch sei, zweifellos war Nathans zweite Handlung an diesem Morgen,sich auf den Weg zur Börse zu machen und seinen üblichen Platz an derSäule einzunehmen.
Alle Augen ruhten auf ihm, während er niedergeschlagen auf denFußboden starrte. Dann hob er den Kopf und begann mit niedergeschla-genem Ausdruck zu verkaufen! Ein Raunen ging durch den überfülltenRaum: »Nathan verkauft?« – »Nathan verkauft!« – »Wellington mußverloren haben.« – »Die Regierungsanleihen werden niemals zurückge-zahlt werden.« – »Verkauft sie jetzt. Verkauft. Verkauft!«
Die Preise gaben nach, und Nathan verkaufte. Die Preise stürzten,und Nathan verkaufte noch immer. Schließlich brachen die Preise voll-kommen zusammen, und plötzlich zog Nathan sein Angebot zurück understand alle Regierungsanleihen. Innerhalb weniger Stunden hatte er Eng-lands gesamte Schulden zu einem Bruchteil des Wertes übernommen.(16)
(16)In ihrer Ausgabe vom 1. April 1915 berichtete die New York Times, BaronNathan Mayer de Rothschild habe sich um einen Gerichtsbeschluß bemüht, umdie Herausgabe eines Buches von Ignatious Balla mit dem Titel The Romance ofthe Rothschilds zu verhindern mit der Begründung, der Bericht über seinenGroßvater in bezug auf Waterloo sei unwahr und verleumderisch. Das Gerichterklärte die Geschichte für wahr, wies die Anklage zurück und befand, Rothschildmüsse die Gerichtskosten tragen.
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Sidonia
Der englische Premierminister Benjamin Disraeli veröffentlichte 1844das Buch Coningsby. Darin brachte er seine Ansichten zur Zeitge-schichte zum Ausdruck. Eine wichtige Figur des Buches war ein Finan-zier namens Sidonia, doch jedes Detail von dessen Handlungen wareine exakte Replik von Lord Rothschild, den Disraeli bewunderte. Inder Form eines Romans lesen wir darin von Rothschilds Immigrationaus Deutschland, über seine Familie und die Bankverbindungen nachganz Europa, die Transaktion des Goldes für Wellington und den finan-ziellen Coup nach Waterloo. Dann schrieb Disraeli:
Europa brauchte Geld, und Sidonia war bereit, es auszuleihen. Frank-reich brauchte etwas, Österreich mehr, Preußen ein wenig, Rußlandein paar Millionen. Sidonia konnte sie alle zufriedenstellen ...
Es fällt nicht schwer sich vorzustellen, daß Sidonia eine der be-deutendsten Persönlichkeiten in Europa war, nachdem wir seinenAufstieg über zehn Jahre hinweg begleitet hatten. Er hatte einenBruder oder nahen Verwandten, dem er vertrauen konnte, in denmeisten großen Hauptstädten etabliert. Er war Herr und Meister desGeldmarktes der Welt, und natürlich auch Herr und Meister vonbeinahe allen anderen Dingen. Man hatte ihm buchstäblich die Ein-künfte des südlichen Italiens verpfändet, und die Monarchen undMinister aller Länder suchten seinen Rat und ließen sich von seinenVorschlägen leiten.(17)
Daß Disraeli nicht übertrieb, wurde durch die Prahlereien von JamesRothschild selbst deutlich. Als 1842 in Paris amerikanische Abgesandtedes Finanzministeriums mit der Bitte um ein Darlehen für die amerika-nische Regierung an ihn herantraten, sagte er: »Sie haben einen Manngetroffen, der an der Spitze des Finanzwesens Europas steht.«(18)
Schon immer gab es Männer, die in der Lage waren, private Vermö-gen aus der Kooperation mit beiden Seiten eines Krieges zu zeugen. DieRothschilds waren in dieser Hinsicht nicht einzigartig, doch sie hattendie Kunst vervollkommnet und wurden zur Personifizierung dieserGruppe. In einem moralischen Sinne waren sie nicht unbedingt böse.
(17)Benjamin Disraeli, Coningsby (New York: Alfred A. Knopf), S. 225, Originalherausgegeben in England 1844.(18)
Stephen Birmingham, »Our Crowd«: The Great Jewish Families of New York(New York: Harper & Row, 1986), S. 73.
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Was ihren Geist beschäftigte, war nicht die Frage nach Recht oderUnrecht, sondern nach Profit oder Verlust. Diese Gleichgültigkeit mensch-lichen Leides gegenüber wurde von einem Rothschild selbst treffendbeschrieben: »Wenn Blut die Straßen von Paris bedeckt, kaufe ich.«(19)Sie mögen die jeweilige Staatsbürgerschaft ihrer Gastländer besessenhaben, doch Patriotismus lag jenseits ihrer Vorstellungskraft. Sie warenschlau, ja gerissen, und diese Kombination an Charakterzügen ließ siezum Vorbild der kühlen Pragmatiker werden, welche die politische undfinanzielle Welt von heute beherrschen. Disraeli charakterisierte diesenTypus treffend, wenn er über Sidonia schrieb:
Er war ein Mann ohne Gemütsbewegungen. Es wäre zu hart zubehaupten, er besäße kein Herz, denn er war für tiefe Gefühle emp-fänglich, aber nicht für Individuen ... Der einzelne Mensch berührteihn nicht. Frauen waren für ihn ein Spielzeug, Männer eine Maschine.(20)
Man könnte meinen, ein Mangel an Patriotismus und ein kalter, analyti-scher Verstand würde es Financiers verbieten, Regierungen, womöglichgar ausländischen Regierungen Kredite zu gewähren. Private Kredit-nehmer können vor Gericht gezerrt und ihre Besitztümer zur Beglei-chung der Schuld enteignet werden. Doch Regierungen kontrollierendie legalisierte Anwendung der Macht. Sie sind das Gericht. Sie sind diePolizei. Wer kann sich ihre Besitztümer aneignen? Die Antwort lautet:eine andere Regierung. Ron Chernow erläutert ein relativ zeitgenössi-sches Beispiel dieses Prinzips:
Die neue Allianz [zwischen Finanzleuten und Politikern] war fürbeide Seiten vorteilhaft. Washington wollte die neue Finanzkraftnutzen, um die Öffnung ausländischer Märkte für amerikanischeGüter oder eine pro-amerikanische Politik zu erzwingen. Die Bankenwiederum brauchten Hebel, um die Schulden-Rückzahlung zu er-zwingen, und begrüßten die Macht der Regierung in fernen Ländern.Die Androhung militärischer Intervention war ein hervorragendesMittel, um Rückzahlungen zu beschleunigen. Als Kuhn, Loeb & Co.über ein Darlehen an die Dominikanische Republik nachdachte, dasvon Zolleinnahmen gedeckt werden sollte, erkundigte sich Jacob
(19)New York Times, 21. Oktober 1987, Zitat von Chernow, S. 13. (20)
Disraeli, S. 229.
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Schiff bei seinem Londoner Gesellschafter Sir Ernest Cassel: »Wennsie nicht zahlen, wer wird die Zölle erheben?« Cassel erwiderte:»Ihre Marine und unsere. «(21)
Eines der großen Rätsel der Geschichte ist, wieso Regierungen sichständig verschulden und nur so selten ihre Ausgaben an den Einnahmenausrichten. Ein Grund mag sein, daß Könige und Politiker nicht denMut besitzen, ihren Untertanen die enormen Steuern aufzuerlegen, diehierfür nötig wären. Es gibt aber auch die tiefere Frage, weshalb dieseAusgaben so hoch sein müssen.
Zieht man die Mentalität der Finanzfachleute und Meister in Be-tracht, wie Disraeli sie beschrieben hat, wäre es denkbar, daß eine kühlkalkulierte Strategie über die Jahre hinweg dazu geführt hat. Vielehistorische Fakten scheinen sogar nahezulegen, daß solch ein Plan im18. Jahrhundert in Europa entwickelt und im 20. Jahrhundert in Ameri-ka perfektioniert wurde. Für den Zweck einer hypothetischen Analysekönnen wir diese Strategie als die Rothschild-Formel bezeichnen.
Die Formel
Stellen wir uns einen vollkommen pragmatischen Mann vor. Er istklüger und gerissener als die meisten Menschen und betrachtet sie mitkaum verhohlener Geringschätzung. Er respektiert die Talente einigerweniger, kümmert sich aber kaum um den Zustand der Menschheit. Erhat bemerkt, daß Könige und Politiker ständig wegen irgend etwaskämpfen, und daraus den Schluß gezogen, Kriege seien unvermeidbar.Er hat auch verstanden, daß Kriege Gewinne abwerfen können, undzwar nicht nur durch das Ausleihen oder Schaffen von Geld, um sie zufinanzieren, sondern auch durch die Begünstigung durch Regierungenbei der Vergabe von Subventionen oder Monopolen. Er zeigt sich unfä-hig zu einem primitiven Gefühl wie Patriotismus, und deshalb ist er frei,jede Seite eines Konfliktes zu finanzieren, und wird darin nur vonseinem Eigeninteresse eingeschränkt. Würde ein solcher Mann die Weltum sich herum betrachten, kann man sich leicht vorstellen, daß er zuden folgenden Schlußfolgerungen käme und diese zu seinen Lebenszie-len erheben würde:
(21)Zitiert von Jacques Attali, Übersetzung Barbara Ellis, A Man of Jnfluence: SirSiegmund Warburg, 1902-1982 (London: Weidenfeld & Nicolson, 1986), S. 57.
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1.Der Krieg ist die äußerste Bestrafung für eine Regierung. Kann sieden Herausforderungen des Krieges standhalten, wird sie überle-ben. Kann sie es nicht, wird sie untergehen. Alles andere istzweitrangig. Die Unangreifbarkeit ihrer Gesetze, den Wohlstandihrer Bürger und die Vorräte in den Schatzkammern wird siebedenkenlos opfern zugunsten ihres Überlebens.
2.Will man die Schulden einer Regierung erhalten oder sogar stei-gern, muß man sie nur in einen Krieg verwickeln oder diesenandrohen. Je größer die Drohung und je verheerender der Krieg,desto größer wird der Bedarf an Schulden.
3.Um ein Land in einen Krieg zu verstricken oder damit zu drohen,muß es Feinde mit einer furchteinflößenden Militärmacht haben.Sollten diese Feinde schon bestehen, umso besser. Mangelt esihnen an militärischer Stärke, muß man sie mit Geld ausstatten fürden Aufbau einer Kriegsmaschine. Gibt es keinen Feind, muß maneinen erzeugen, indem man den Aufstieg eines feindlichen Re-gimes finanziert.
4.Das unüberwindbare Hindernis ist eine Regierung, die zur Finan-zierung von Kriegen Schulden ablehnt. Dies ist zwar selten, wennes aber doch eintrifft, muß man eine interne politische Oppositionins Leben rufen, Aufruhr oder Revolution erzeugen, damit dieseRegierung durch eine unserem Willen geneigtere ersetzt wird.Auch die Ermordung eines Staatsoberhauptes könnte nützlichsein.
5.Keiner Nation darf gestattet werden, militärisch stärker als ihreGegner zu bleiben, denn dies könnte zu Frieden und Schulden-reduzierung führen. Um das Gleichgewicht der Macht zu schaf-fen, kann es nötig sein, beide Seiten finanziell zu unterstützen.Solange nicht einer der Streitenden unseren eigenen Interessenfeindlich gegenübersteht (und deshalb zerstört werden muß), soll-te man keiner Seite einen entscheidenden Sieg gestatten. Währendwir immer den Siegen des Friedens hervorheben müssen, bleibtdas unausgesprochene Ziel der ständige Krieg.
Es spielt keine Rolle, ob jemand diese Strategie deutlich ausgesprochenoder sie von Generation zu Generation weitergereicht hat. Es ist sogarzweifelhaft, daß es jemals so geschah. Ob ein Produkt bewußter Pla-nung oder nur die Auswirkung der Aussicht, mit Papiergeld riesigeProfite einzustreichen, die Finanzmagnaten der Welt haben so gehan-
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delt, als ob sie solch einen Plan verfolgten, und dies wurde besondersdeutlich mit der Schaffung der Zentralbanken und des Mandrake-Me-chanismus vor 300 Jahren.
Das sogenannte »Gleichgewicht der Kräfte« ist besonders faszinie-rend. Die meisten Geschichtsbücher stellen es als eine Art von natürli-chem sozialem Phänomen dar, das irgendwie zum Nutzen der Mensch-heit gewirkt hat. Die Schlußfolgerung könnte lauten, es sei einfachwunderbar, daß nach all diesen europäischen Kriegen keine Nationstark genug war, jemals die anderen zu dominieren. Als die VereinigtenStaaten aus dem Zweiten Weltkrieg mit dem Besitz genau dieser Krafthervorgingen, wurde dies allgemein bedauert, und man setzte riesigefinanzpolitische Mechanismen wie Entwicklungshilfe und Abrüstung inGang, um ein erneutes Gleichgewicht herzustellen. Es wurde zu einerbeinahe angebeteten Doktrin der Demokratie. Allerdings übersah manin dieser sentimentalen Anwandlung, daß Kriege stets »zwischen glei-chen« geführt werden.
Das bedeutet nicht, daß jede kriegslüsterne Partei, die des Wegeskommt, gleich von den Herrn und Meistern finanziert wird. Das hängtdavon ab, wen sie bedroht und wie groß die Aussicht auf Erfolg ist.1830 sahen sich beispielsweise die Holländer einem Aufstand ihrerUntertanen in Belgien gegenüber. Sowohl die Regierung als auch dieAufständischen waren von der Finanzierung des Konfliktes durch dieRothschilds abhängig. Die Holländer waren verläßliche Kreditnehmerund für zuverlässige Zinszahlungen bekannt. Es wäre geradezu tollkühngewesen, den Rebellen mehr als Spielmarken zu gewähren, denn einmalan der Macht, hätten sie wahrscheinlich abgelehnt, die Schulden desfrüheren Marionettenregimes zu begleichen. Salomon Rothschild erläu-terte:
Diese Herren sollten nicht auf uns zählen, solange sie keine Vernunftund Zurückhaltung an den Tag legen ..., unser guter Wille reicht nochnicht aus, ihnen die Knüppel in die Hand zu legen, mit denen sie unsschlagen würden, also ihnen für den Krieg Geld zu leihen und damitunseren Ruf zu schädigen, den wir mit allen Mitteln und Anstrengun-gen aufrecht erhalten wollen.(22)
Nachdem die Revolution mit Verhandlungen statt mit Waffen beendetworden war, stellte die neue Regierung in Brüssel ein natürliches Ziel
(22)Derek Wilson, S. 100
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für die finanzpolitische Übernahme dar. James Rothschild formuliertedie Strategie, die seitdem als Modell solcher Operationen dient:
Jetzt ist der Augenblick gekommen, den wir nutzen sollten, um uns zuden absoluten Herrschern der Finanzen dieses Landes zu machen.Als ersten Schritt werden wir eine intime Beziehung zu Belgiensneuem Finanzminister herstellen, um sein Vertrauen zu gewinnen undalle Anleihen zu übernehmen, die er uns anbieten mag.(23)
Beständiger Krieg im 18. Jahrhundert in England
Kriege, große wie kleine, waren stets eine Plage Europas, aber erstals es leicht wurde, sie mit Hilfe von Zentralbanken und Papiergeld zufinanzieren, gab es praktisch kein Ende. Die folgenden Kriege, zumBeispiel, begannen unmittelbar nach der Errichtung der Bank of Eng-land, die, wie Sie sich erinnern mögen, für die Finanzierung einesKrieges gegründet worden war:
1689-1697 Der Pfälzische Krieg (Liga von Augsberg)1702-1713 Der Spanische Erbfolgekrieg
1739-1742 The War of Jenkin's Ear (Kolonialkrieg zwischenSpanien und England)
1744-1748 Der Österreichische Erbfolgekrieg
1754-1763 Der Französisch-Indianische Krieg
1793-1801 Der Krieg gegen das revolutionäre Frankreich1803-1815 Die Napoleonischen Kriege
Zusätzlich zu diesen europäischen Konflikten gab es zwei Kriege mitAmerika: den Unabhängigkeitskrieg und den Krieg von 1812. In den126 Jahren zwischen 1689 und 1815 befand sich England 63 Jahre imKrieg. Jedes zweite Jahr also wurde gekämpft; die anderen wurden fürdie Vorbereitung gebraucht.
Die Spur der Rothschild-Formel liegt unverkennbar auf diesen Kon-flikten. Häufig finanzierten die Geldleute beide Seiten. Ob Sieg oderNiederlage, das Ergebnis erhielt die europäische »Balance der Macht«oder stellte sie wieder her. Und das langfristigste Ergebnis all dieserKriege war die Verschuldung aller Regierungen.
(23)Derek Wilson, S. 100.
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Zusammenfassung
Am Ende des 18. Jahrhunderts war das Haus Rothschild eine dererfolgreichsten Finanzinstitutionen der Welt. Sein kometenhafter Auf-stieg stammt von dem Fleiß und der Gerissenheit der fünf Brüder, diesich in verschiedenen europäischen Hauptstädten niederließen und daserste internationale Finanznetzwerk schufen. Als Pioniere der Praxis,Geld an Regierungen zu verleihen, lernten sie rasch, daß dies eineeinzigartige Gelegenheit war, Reichtum in politische Macht umzumün-zen. Über kurz oder lang standen die meisten Prinzen und KönigeEuropas unter ihrem Einfluß.
Die Rothschilds beherrschten ebenfalls den Schmuggel in großemStile, häufig mit der stillschweigenden Duldung der Regierungen, derenGesetze sie eigentlich verletzten. Dieser Sachverhalt wurde aber vonallen Parteien als inoffizieller Bonus dafür betrachtet, daß sie dieseRegierungen, besonders in Zeiten des Krieges, mit Geld versorgten. DieTatsache, daß andere Zweige des Rothschild-Netzwerkes den Feindbedienen könnten, wurde geflissentlich übersehen. So wurde eine »alt-ehrwürdige« Tradition der Bankleute geboren: von beiden Seiten zuprofitieren.
Die Rothschilds betrieben ein höchst effizientes Nachrichtensystem,das sie mit wichtigen Kenntnissen schon vor wichtigen Ereignissenversorgte, Kenntnissen von unschätzbarem Wert für Investitionsent-scheidungen. Als der erschöpfte Kurier der Rothschilds die erste Nach-richt vom Ausgang der Schlacht bei Waterloo brachte, konnte Nathandie Londoner Wertpapierhändler zu Panikverkäufen anstiften. Dies ge-stattete ihm, Englands Gesamtschulden zum Bruchteil ihres Wertesaufzukaufen.
Eine Untersuchung dieser und ähnlicher Ereignisse fördert einPersönlichkeitsprofil zutage, und zwar nicht nur das der Rothschilds,sondern eines ganzen Stammbaumes internationaler Financiers, derenErfolg sich auf besonderen Charaktereigenschaften gründet. Diese be-inhalten kühle Objektivität, Immunität gegenüber Patriotismus undGleichgültigkeit für das Leben der Menschen. Dieses Profil ist die Basisfür die Rothschild-Formel, die solche Männer dazu motiviert, Regierun-gen zum Zwecke des Profits zum Krieg anzustacheln. Diese Formelwurde vermutlich niemals so deutlich niedergeschrieben, wie sie hiererscheint, doch unbewußte Motivationen und Persönlichkeitseigen-schaften können im Zusammenwirken dahin führen. Solange der Me-chanismus der Zentralbanken existiert, wird dies eine unwiderstehliche
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Versuchung sein, Schulden in beständige Kriege und Kriege in bestän-digen Schulden zu verwandeln.
In den folgenden Kapiteln werden wir den unverwechselbaren Fuß-abdruck der Rothschild-Formel verfolgen, wie sie bis an unsere heutigeHaustür wirkt.
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Eine satirische Karikatur aus dem Jahre 1848 stellt »Rothschild« dar, wie er grübelt,welchen europäischen Herrscher er mit Darlehen bedenken sollte, während Revolu-tionäre bereits die von ihm unterstützte althergebrachte Ordnung herausfordern.
Eine Karikatur von Nathan Rothschild,wie er in seiner üblichen Pose an einerSäule in der Börse steht. Hier zahlte sichseine frühe Kenntnis von Wellingtons Siegüber Napoleon aus, denn dies ermöglichteihm, die Mehrheit von Englands gesamtenSchulden zu einem Bruchteil ihreswahren Wertes zu erwerben.
Kapitel 12
Versenkt die Lusitania!
Die Rolle von J. Morgan bei der Gewährung vonDarlehen an England und Frankreich im Ersten Welt-krieg; wie diese Darlehen schlecht wurden, als eindeutscher Sieg drohte; der Betrug eines britischenSchiffes und das Opfer amerikanischer Passagiere alsKriegslist, um Amerika in den Krieg zu ziehen; ameri-kanische Steuern zur Tilgung der Darlehen.
Der Beginn des Ersten Weltkrieges wird meistens der Ermordung vonErzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Ungarn durch einen serbi-schen Nationalisten 1914 zugeschrieben. Dabei handelte es sich tat-sächlich um einen ersten Affront gegen Österreich, doch kaum um einenausreichenden Grund, die Welt in einen tödlichen Konflikt zu stürzen,der schließlich mehr als zehn Millionen Menschenleben und 20 Millio-nen Verwundete forderte. Amerikanischen Schulkindern wird beige-bracht, »Uncle Sam« sei in den Krieg gegangen, um »die Welt sicher zumachen für die Demokratie«. Doch wie wir sehen werden, wurden dieamerikanischen Kriegstrommeln von Männern mit wesentlich schwä-cher ausgeprägten idealistischen Motiven geschlagen.
Seit der späteren Hälfte des 18. Jahrhunderts hatte die Rothschild-Formel das politische Klima in Europa bestimmt. Die Nationen standensich immer feindseliger gegenüber wegen Grenzkonflikten, Kolonienund Handelsrouten. Viele Jahre tobte ein Wettlauf der Waffenindustrien,große stehende Armeen waren gezogen und ausgebildet worden, militä-rische Allianzen wurden geschmiedet ..., all das in Vorbereitung für denKrieg. Die Ermordung Ferdinands war nicht die Ursache, sondern nurder Auslöser. Es war der Funke, der den Zünder entflammte, der dieerste geladene Kanone abfeuerte.
Eine Investition im Krieg
Die Dringlichkeit eines Krieges in Europa zwang England und Frank-reich in eine schwere Verschuldung. Sobald die jeweiligen Zentralban-ken und lokalen Geschäftsbanken diesen Bedarf nicht länger deckenkonnten, wandten sich die belagerten Regierungen an Amerika und
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baten das House of Morgan – Partner der Rothschilds –, ihre Anleihenherauszugeben. Der größte Teil des auf diese Weise gewonnenen Geldeswurde rasch in die Vereinigten Staaten zurückgeschafft, um kriegswich-tige Materialien zu erwerben. Wieder wurde Morgan für die Abwick-lung dieser Käufe eingesetzt. Für alle Transaktionen in beiden Richtun-gen wurde eine Gebühr fällig: wenn das Geld geborgt wurde und wennes ausgegeben wurde. Außerdem gehörten viele der beauftragten Fir-men entweder direkt zu Morgan, oder sie standen unter seinem Einfluß.Unter solchen Umständen überrascht es nicht zu erfahren, daß Morgankein besonderes Interesse an einem Ende der Feindseligkeiten zeigte.Selbst ehrenwerteste Männer können von der Versuchung dieser gigan-tischen Geldflüsse korrumpiert werden.
Nur wenige Monate nach dem Ende des Krieges schrieb John Moody1919:
Nicht nur haben England und Frankreich ihre Vorräte mit dem vonder Wall Street bereitgestellten Geld bezahlt, sondern sie tätigten ihreErwerbungen mit Hilfe desselben Mediums ... Unweigerlich wurdeMorgan für diese wichtige Aufgabe ausgesucht. Der Krieg hatte alsoder Wall Street eine vollkommen neue Rolle zugewiesen. Bis dahinwar es ausschließlich ein Hauptquartier der Finanzwelt; nun wurdees zum größten industriellen Marktplatz, den die Welt je gesehenhatte. Zusätzlich zum Handel mit Aktien und Anleihen, der Finanzie-rung von Eisenbahnen und den sonstigen Aufgaben eines großenBankenzentrums handelte man nun auf der Wall Street ebenso mitMunition, Kanonen, U-Booten, Decken, Kleidung, Schuhen, Dosen-fleisch, Weizen und mit Tausenden von anderen Artikeln, die für dieFührung eines großen Krieges benötigt wurden.(1)
Das Geld begann im Januar 1915 zu fließen, als das House of Morganeinen Vertrag mit der britischen Admiralität und Armee unterschrieb.Seltsamerweise waren Pferde der erste Einkauf; die ausgeschriebeneSumme betrug zwölf Millionen Dollar. Doch dies war nur der ersteTropfen vor dem großen Regen. Die gesamten Einkäufe erreichtenschließlich die astronomische Summe von drei Milliarden Dollar. DieFirma wurde zum größten Konsumenten der Erde; täglich gab sie bis zu
(1)John Moody, The Maters of Capital (New Haven: Yale University Press, 1919),S. 164-165.
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zehn Millionen Dollar aus. Morgans Büros in der Wall Street Num-mer 23 wurden von Händlern und Herstellern geradezu belagert auf derSuche nach Aufträgen. Man mußte Wachleute an jeder Tür aufstellenund auch an den Wohnhäusern der Besitzer. Jeden Monat führte MorganAufsicht über Einkäufe, die nur eine Generation vorher den Wert desBruttosozialproduktes der gesamten Welt entsprochen hätten.(2)
Die ganze Zeit behauptete Morgan lebhaft, ein Pazifist zu sein.»Niemand könnte den Krieg mehr hassen als ich«, erklärte er demSenats-Rüstungs-Ausschuß. Doch deratige Bekundungen der Aufrich-tigkeit waren schwer zu glauben. Lewinsohn kommentiert:
Das 500-Millionen-Dollar-Darlehen vom August 1915 verschaffteder Gruppe von Bankern, an ihrer Spitze Morgan, einen Nettoprofitvon neun Millionen Dollar ... 1917 zahlte die französische RegierungMorgan und anderen Banken eine Kommission in Höhe von 1,5 Mil-lionen Dollar und eine zusätzliche Million 1918.
Außer der Vermittlung von Darlehen gab es eine weitere Einnah-mequelle: den Erwerb und Verkauf amerikanischer Aktien, die dieAlliierten zurückgaben, um Munition in den Vereinigten Staaten kau-fen zu können. Im Laufe des Krieges gingen auf diese Art schätzungs-weise zwei Milliarden Dollar durch Morgans Hände. Auch wenn dieKommission sehr gering gewesen sein mag, hätten ihm Transaktio-nen solchen Ausmaßes einen Einfluß auf dem Aktienmarkt verschafft,der ihm sehr reale Vorteile eingetragen hätte ...
Sein Haß auf den Krieg hielt ihn, den Bürger eines neutralenLandes, nicht davon ab, kriegführende Mächte für 194 MillionenDollar mit 4,4 Millionen Gewehren auszustatten ... Sein Profit wardergestalt, daß dieser in gewissem Maße seinen Haß auf den Kriegdämpfte. Nach seinen eigenen Angaben erhielt er als Agent derenglischen und französischen Regierung eine Kommission von einemProzent auf Gesamtbestellungen in Höhe von drei Milliarden DollarAlso strich er 30 Millionen Dollar ein ... Neben diesen beiden Haupt-auftraggebern wurde Morgan jedoch auch für Rußland (Geschäfte inHöhe von 412 Millionen Dollar), für Italien und Kanada tätig (fürdie letzen beiden Staaten wurden keine Zahlen veröffentlicht) ...
J. P Morgan und einige seiner Partner waren zu der Zeit Aktionärevon Gesellschaften, die ... erheblichen Gewinn aus den Aufträgen
(2)Chernow, S. 187-189.
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zogen, die er ihnen vermittelte ... Es ist äußerst erstaunlich, daß einegrundsätzlich aufkaufende Organisation jemandem anvertraut wur-de, der zugleich Käufer und Verkäufer war.(3)
Deutschlands U-Boote gewannen beinahe den Krieg
Doch als das Kriegsglück sich gegen die Alliierten zu wenden be-gann, zogen sich dunkle Wolken über der Wall Street zusammen. ImLaufe der Zeit und in der Verkürzung der Geschichte wird häufigvergessen, daß Deutschland und die Mittelmächte vor dem Eintritt derVereinigten Staaten von Amerika in den Krieg diesen beinahe gewon-nen hätten. Durch den Einsatz einer kleinen Flotte neuentwickelterUnterseeboote war Deutschland auf dem besten Wege, England undseine Alliierten von auswärtiger Hilfe abzuschneiden. Dies war eineverblüffende Leistung, und sie veränderte fortan das Konzept derSeekriegsführung. Deutschland besaß insgesamt 21 U-Boote, aber weilsie ständig repariert und gewartet werden mußten, waren jeweils höch-stens sieben davon einsatzbereit. Dennoch hatten deutsche Untersee-boote zwischen 1914 und 1918 insgesamt 5700 Schiffe versenkt. 300 000Tonnen der Alliierten-Schiffsfrachten wurden jede Woche auf den Mee-resgrund geschickt. Einer von vier Dampfern, die die britischen Inselnverließen, kehrte niemals zurück. In späteren Jahren schrieb der briti-sche Außenminister Arthur Balfour: »Damals sah es aus, als würden wirden Krieg verlieren.«(4) Und Robert Ferrell schlußfolgerte in seinemBuch Woodrow Wilson and World War 1: »Die Alliierten näherten sichdem Abgrund, und die einzige Möglichkeit schien zu sein, Deutschlandnach den Bedingungen zu fragen.«(5) William McAdoo, der seinerzeitFinanzminister (und zugleich Wilsons Schwiegersohn) war, läßt inseinen Memoiren wissen:
Über die See kam ein Schrecken für die Briten ... Ein Schrecken, dervon furchtbarem Unheil kündete. Es gab die Befürchtung, und zwareine gut begründete, daß England ausgehungert werden könnte biszur jämmerlichen Kapitulation ... Am 27. April 1917 berichteteBotschafter Walter H. Page dem Präsidenten vertraulich, die Nah-
(3)Lewinsohn, S. 103-104 und 222-224.
(4)Robert H. Ferrell, Woodrow Wilson and World War I (New York: Harper & Row, 1985), S. 35.
(5)Ferrell, S. 12.
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rungsmittelvorräte auf den britischen Inseln würden für die Zivilbe-völkerung höchstens noch sechs Wochen bis zwei Monate genügen.(6)
Unter diesen Umständen wurde es für Morgan praktisch unmöglich,neue Käufer für die Kriegsanleihen der Alliierten zu werben, und zwarweder für neue Anleihen noch für die Verlängerung der älteren, die zurAuszahlung fällig wurden, aber in Verzug zu geraten drohten. Dies warin mehr als einer Hinsicht ernst. Käme der Verkauf von Anleihen zumStillstand, gäbe es kein Geld mehr für Kriegsmaterialien. Beide Seitenwürden ihre Kommissionen verlieren. Außerdem: Wenn die schon frü-her veräußerten Anleihen platzen würden (wie dies sicherlich der Fallwäre, wenn Großbritannien und Frankreich einen von Deutschlanddiktierten Frieden hätten akzeptieren müssen), würden die Investorengigantische Verluste erleiden. Etwas mußte geschehen. Doch was? Ro-bert Ferrell deutet die Lösung an:
In der Mitte der 30er Jahre untersuchte ein Ausschuß des Senatesunter der Führung von Gerald P. Nye aus North Dakota den Waffen-handel vor 1917 und die Möglichkeit, daß die Regierung Wilson inden Krieg eingetreten sei, weil amerikanische Banker ihre Darlehenan die Alliierten retten wollten.(7)
Der amerikanische Botschafter in England war seinerzeit (wie vonWilliam McAdoo bereits erwähnt) Walter Hines Page, ein Vertrauter derRockefeller-Stiftung General Education Board. Aus dem Bericht desvon Nye geleiteten Ausschusses geht hervor, daß Page zusätzlich zuseinem Regierungsgehalt (das er für zu gering hielt) eine Zuwendungvon jährlich 25 000 Dollar (eine gewaltige Summe 1917!) von demPräsidenten von Rockefellers National City Bank, Cleveland Dodge,erhielt. Am 15. März 1917 sandte Botschafter Page ein Telegramm andas Außenministerium, in dem er die Finanzkrise Englands schilderte.Weil alle Quellen neuen Kapitals ausgetrocknet seien, könne der Kriegnur aufrechterhalten werden, schrieb er, durch die direkten Zuwendun-gen des amerikanischen Finanzministeriums. Da dies jedoch einer Ver-letzung der Neutralität gleichkäme, müßten die Vereinigten Staaten ihreNeutralität aufgeben und in den Krieg eintreten. Er meinte:
(6)William G. McAdoo, Crowded Years (New York: Houghton Mifflin, 1931; NewYork: Kennikat Press, 1971), S. 392.
(7)Ferrell, S. 88.
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Ich denke, der Druck dieser kommenden Krise übersteigt die Mög-lichkeiten der Morgan Financial Agency für die britische und franzö-sische Regierung ... Die größte Hilfe, die wir den Alliierten gewährenkönnten, wäre solch ein Kredit ... Solange wir Deutschland nicht denKrieg erklären, kann unsere Regierung natürlich keinen solchendirekten Kredit gewähren.(8)
Die Morgan-Gruppe hatte Darlehen für Großbritannien und Frankreichin Höhe von 1,5 Milliarden Dollar in Gang gesetzt. Mit der Wende desKriegsglückes sahen sich die Investoren plötzlich mit der Möglichkeiteines Totalverlustes konfrontiert. Wie Ferdinand Lundberg bemerkte:»Die Kriegserklärung der Vereinigten Staaten eröffnete neue Gewinn-aussichten zusätzlich zu der Tatsache, daß sie die wohlhabendsten ame-rikanischen Familien aus einer schwierigen Situation befreite.«(9)
Oberst House
Einer der hinter den Kulissen agierenden einflußreichsten Männerwar damals Oberst Edward Mandell House, persönlicher Berater vonWoodrow Wilson und später von Roosevelt. House besaß enge Kontaktesowohl zu Morgan als auch zu den alten Bankenfamilien Europas. Erhatte mehrere Jahre Schulbildung in England genossen und sich inspäteren Jahren mit einflußreichen Mitgliedern der Gesellschaft derFabier umgeben. Außerdem besaß er großen persönlichen Reichtum,das meiste davon während des Bürgerkrieges erworben. Sein Vater,Thomas William House, war als geheimer amerikanischer Agent inLondoner Bankkreisen tätig gewesen. Allgemein hielt man ihn für einenRepräsentanten der Rothschilds. Obwohl er in Houston, Texas, lebte,hat er oft den Wunsch geäußert, seine Söhne sollten »England kennenund dienen«. Er gehörte zu den wenigen Einwohnern der konföderier-ten Staaten, die aus dem Krieg mit einem großen Vermögen hervor-traten.
Es wird weithin angenommen, daß Oberst House Wilson als Präsi-dentschaftskandidat ausgesucht und für seine Nominierung gesorgt hat.(10)Er wurde Wilsons ständiger Begleiter, und der Präsident sprach öffent-lich davon, wie sehr er von seiner Anweisung und Führung abhänge.
(8)Ferdinand Lundberg, America's Sixty Families (New York: Vanguard Press,1937), S. 141. (9)
Lundberg, S. 141-142. (10)
The Columbia Encyclopedia (3. Edition 1962, S. 2334).
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Viele von Wilsons wichtigen Personalentscheidungen der Regierungwurden in Wahrheit von House getroffen. Er und Wilson gingen sogarso weit, einen persönlichen Code zu vereinbaren, damit sie ungestörtüber das Telefon miteinander sprechen konnten.(11) Der Präsident hatpersönlich geschrieben: »Mr. House ist meine zweite Persönlichkeit. Erist mein unabhängiges Ich. Seine Gedanken und meine sind eins.«(12)
George Viereck, ein bewundernder Biograph von House, berichtet:
House hatte die ganze texanische Delegation in seiner Tasche ...Ständig ging er im Hintergrund umher, machte Gouverneure vonTexas und setzte sie ab ... House entschied sich für Wilson, weil er ihnfür den besten verfügbaren Kandidaten hielt ...
Sieben lange Jahre war Oberst House Wilsons anderes Selbst.Sechs lange Jahre teilte er mit ihm alles bis auf den Titel des erstenVerwaltungsbeamten der Republik. Sechs lange Jahre standen ihmzwei Räume im Nordflügel des Weißen Hause zur Verfügung. Housestellte die Kandidatenliste für das Kabinett zusammen, formuliertedie Prioritäten der Verwaltung und führte praktisch die Auslandsbe-ziehungen der Vereinigten Staaten. Tatsächlich besaßen wir zweiPräsidenten zum Preis von einem! ... Als Super-Botschafter spracher zu Kaisern und Königen als gleicher Er war der spirituelleGeneralissimo der Regierung. Er war der Kapitän, der das Schiffführte.(13)
Ein geheimes Abkommen zum amerikanischen Kriegseintritt
Als sich die Wahlen für eine zweite Amtszeit näherten, hielt OberstHouse eine Reihe von vertraulichen Gesprächen mit William Wisemanvon der britischen Botschaft in Washington, der als geheimer Vermittlerzwischen House und dem britischen Außenministerium agierte. CharlesSeymour schrieb dazu: »Schon bald gab es keine politischen Geheim-nisse zwischen House und Wiseman.«(14) Dies verstimmte AußenministerWilliam Jennings Bryan. Frau Bryan schrieb als Co-Autorin der Me-moiren ihres Gatten:
(11)Charles Seymour, The Intimate Papers of Colonel House (New York: Houghton Mifflin Co., 1926), Band I, S. 114-115. (12)
Seymour, S. 114.
(13)George S. Viereck, The Strangest Friendship in History: Woodrow Wilson and Colonel House (New York: Liveright Publishers, 1932), S. 4, 18-19, 33, 35.(14)Seymour, Band II, S. 399.
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Während Minister Bryan die schwere Verantwortung des Ministeri-ums trug, kamen die merkwürdigen Umstände von Houses inoffiziel-len Verbindungen zu dem Präsidenten und seine Auslandsreisen zuaußenpolitischen Themen hervor, die Minister Bryan nicht vermitteltwurden ... Der Präsident also sprach inoffiziell mit anderen Regie-rungen.(15)
Welche Absicht steckte dahinter? Nichts anderes, als Mittel und Wegezu finden, wie die Vereinigten Staaten in den Krieg eintreten könnten.Viereck erklärt:
Zehn Monate vor der Wahl, die Wilson 1916 zurück ins Weiße Hausbrachte, »weil er uns aus dem Krieg herausgehalten hat«, verhandel-te Oberst House für Wilson ein geheimes Abkommen mit England undFrankreich, in dem die Vereinigten Staaten sich zur Intervention aufSeiten der Alliierten bereiterklärten.
Am 9. März 1916 billigte Wilson das Vorhaben. Wäre eine Andeu-tung der Gespräche zwischen Oberst House und den Führern Eng-lands und Frankreichs vor den Wahlen an die amerikanische Öffent-lichkeit gedrungen, hätte dies einen unberechenbaren Umschwungder öffentlichen Meinung verursachen können ...
Aus diesen Gesprächen und verschiedensten Konferenzen mit SirEdward Grey entstand ohne Wissen und Zustimmung des US-Senatesdas Geheime Abkommen, mit dem Wilson und House die VereinigtenStaaten an den Streitwagen der Entente ankoppelten ... Nach demKrieg wurde nach und nach der Text des Abkommens bekannt. Greyplauderte als erster. Page äußerte sich in aller Breite dazu. OberstHouse erzählt die Vorgeschichte. C. Hartley Grattan schreibt dar-über in dem Buch Why We Fought. Doch aus irgendeinem unver-ständlichen Grund durchdrang die enorme Bedeutung dieser Enthül-lungen niemals das Bewußtsein der amerikanischen Öffentlichkeit.(16)
Die Grundlage des Abkommens war das Angebot der Regierung derVereinigten Staaten, einen Friedenschluß zwischen Deutschland undden Alliierten auszuhandeln und dann spezifische Vorschläge für die
(15)William Jennings Bryan and Mary Baird Bryan, The Memoirs of WilliamJennings Bryan (New York: Kennikat Press , 1925), Band II, S. 404-405.(16)
Viereck, S. 106-108.
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Bestimmungen des Vertrages vorzulegen. Sollte eine Seite den Vor-schlag ablehnen, würden die Vereinigten Staaten auf der anderen Seitein den Krieg eintreten. Der Haken an der Geschichte war der, daß dieVertragsvorschläge so sorgfältig formuliert waren, daß Deutschland sieunmöglich akzeptieren konnte. Für die Welt sollte es so aussehen, als seiDeutschland im Unrecht und die Vereinigten Staaten auf einer humani-tären Aktion. Wie Botschafter Page in einem Memorandum vom 9. Fe-bruar 1916 feststellte:
House kehrte von einer Reise Berlin/Havre/Paris mit der Idee eineramerikanischen Intervention zurück. Sein Plan lautete, daß er undich und eine Gruppe britischer Kabinettsmitglieder (Grey, Asquith,Lloyd George, Reading usw.) umgehend einen Friedensplan ausar-beiten sollten ... mit dem mindesten, was die Alliierten noch hinneh-men konnten, der aber, wie er vermutete, vollkommen inakzeptabelfür die Deutschen sein würde. Der Präsident sollte dieses Papierdann beiden Seiten präsentieren, und diejenige, die es ablehnte, wäreverantwortlich für die Weiterführung des Krieges ... Natürlich be-stand die fatale moralische Schwäche des Planes darin, daß wir unsin einen Krieg stürzen sollten, nicht aufgrund einer gerechten Sache,sondern wegen eines sorgsam ausgedachten Tricks.(17)
Oberflächlich betrachtet war es geradezu paradox, daß ausgerechnet derPazifist Wilson sich nun auf ein geheimes Abkommen mit ausländi-schen Mächten einlassen sollte mit dem Ziel, die Vereinigten Staaten ineinen Krieg hineinzuziehen, den sie leicht hätten vermeiden können.Der Schlüssel zur Lösung dieses Geheimnisses ist die Tatsache, daßWilson ebenfalls ein Internationalist war. Eines der stärksten Bandezwischen House und ihm war ihr gemeinsamer Traum von einer Welt-regierung. Beiden war bewußt, daß die Amerikaner solch ein Konzeptniemals hinnehmen würden, zumindest nicht ohne beschönigende Um-stände. Sie dachten, ein langer und blutiger Krieg sei wahrscheinlich dereinzige Anlaß, der Amerikanern den Verlust nationaler Souveränitäterleichtern könnte, und besonders dann, wenn alles mit dem Verspre-chen verbunden wäre, für immer alle Kriege abzuschaffen.
Wilson wußte auch, daß die Vereinigten Staaten frühzeitig genug inden Krieg eintreten mußten, um einen wirklichen Anteil am Sieg vor-
(17)Viereck, S. 112-113.
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weisen zu können, und daß er, wenn es große Darlehen für die Alliiertengeben würde, nach dem Krieg die Bedingungen des Friedens diktierenkonnte. Er schrieb an Oberst House: »England und Frankreich teilennicht mit uns dieselben Ansichten zum Frieden. Sobald der Kriegvorüber ist, können wir ihnen unser Denken aufzwingen, denn bis dahinwerden sie auch finanziell in unserer Hand sein.«(18) So ertrug Wilsonalso die Qual innerer Zerrissenheit, während er auf den Krieg zusteuerteals notwendiges Übel auf dem Wege zum ultimativen Guten, der Weltre-gierung.
1917 brachte er in beinahe jeder öffentlichen Rede Hinweise auf denKrieg und eine Weltregierung unter. In einer typischen Erklärung vomMärz dieses Jahres sagte er: »Die tragischen Ereignisse der letzten30 Monate haben uns zu Bürgern dieser Welt gemacht. Es kann keinZurück geben. Dabei geht es auch um unser Glück als Nation, ob wirwollen oder nicht.«(19).
Zu jener Zeit rief Wilson die Demokraten des Kongresses zu einemFrühstück im Weißen Haus zusammen. Er sagte ihnen, daß es unabhän-gig von der öffentlichen Meinung viele vernünftige Gründe für einenKriegseintritt gäbe, und bat sie, diesen Plan im Kongreß und bei denWählern durchzusetzen. Harry Eimer Barnes hierzu:
Diese Männer waren gegen den Krieg und lehnten seine Vorschlägedeshalb einigermaßen hitzig ab. Wilson wußte, daß die Zeit für eineSpaltung der Partei kurz vor der Wahl vollkommen unpassend warund ließ das Thema sofort fallen. Mit Oberst House entwickelte erumgehend eine pazifistische Kampagne für den bevorstehenden Wahl-kampf Gouverneur Martin Glynn aus New York und Senator 011ieJames aus Kentucky wurden zum Parteitag nach St. Louis geschickt,um dort Grundsatzreden mit dem Slogan zu halten: »Er hat uns ausdem Krieg herausgehalten!« ... Noch ehe er ein zweites Mal im Amtwar, spielten ihm die Deutschen direkt in die Hände mit der Ankündi-gung, den U-Boot-Krieg wieder aufzunehmen ... Für Großbritannienund die Banker kam dieser grobe deutsche Fehler gerade rechtzeitig,denn die Briten hatten ihre amerikanischen Kredite um 450 Millio-nen Dollar überzogen, und die Banker fanden es zunehmend schwie-riger, große Anleihen auf dem Privatmarkt unterzubringen. Die Zeit
(18)Ferrell, S. 88. (19)
Ebenda, S. 12.
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war gekommen, die Finanzierung der Entente auf das Finanzministe-rium zu übertragen.(20)
Den Amerikanern den Krieg verkaufen
Durch geheime Abkommen und kleine Betrügereien war Amerikabereits auf den Krieg festgelegt, doch die Politiker und Finanzleuteerkannten, daß man noch etwas tun müsse, um die öffentliche Meinungzu ändern. Doch wie?
Der Einfluß der Wall Street auf wesentliche Bereiche der Medien warbeträchtlich. George Wheeler schreibt: »Ungefähr zu dieser Zeit suchteMorgan eine neue Leitungsebene für das alte und in Schwierigkeitengeratene Verlagshaus Harper & Brothers ... Pierpont Morgan beherrschtedie New York Sun, The Boston News Bureau, das Magazin Barron's unddas Wall Street Journal.(21)
Am 9. Februar 1917 trat der Abgeordnete Callaway aus Texas an dasRednerpult des Kongresses und gab weitere Details preis:
Im März 1915 haben J. P. Morgan, die Stahlindustrie, Reeder undMunitionsbetriebe sowie ihre Tochterfirmen insgesamt zwölf Männerin der Zeitungsbranche untergebracht und beauftragt, die einfluß-reichsten Zeitungen der Vereinigten Staaten, und zwar in ausreichendgroßer Zahl, auszuwählen und damit Einfluß zu nehmen auf dieTagespresse ... Sie fanden, es reiche aus, lediglich 25 der größtenZeitungen zu übernehmen ... Ein Abkommen wurde geschlossen, dieBerichterstattung der Zeitungen war gekauft, monatlich zu bezahlen,ein Chefredakteur wurde für jede Zeitung bereitgestellt, um alles zuüberwachen und Informationen zu redigieren, die Fragen der Vorbe-reitung, des Militärwesens oder der Finanzpolitik, ebenso andereDinge von nationalem oder internationalem Wesen, die den Interes-sen der Käufer wichtig schienen.(22)
Charles S. Mellen von der New Haven Railroad sagte vor dem Kongreßaus, seine zu Morgan gehörende Eisenbahngesellschaft habe auf ihren
(20)Harry Elmer Barnes, In Quest of Truth and Justice: De-Bunking the War GuiltMyth (Chicago: National Historical Society, 1928), später New York: ArnoPress & The New York Times, 1972), S. 104.(21)
George Wheeler, Pierpont Morgan and Friends: The Anatomy of the Myth(Englewood Cliffs, New Jersey: Prentice Hall, 1973), S. 283-284.(22)Congressional Record, Band 54, 9. Februar 1917, S. 2947.
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Lohnlisten mehr als 1000 Redakteure der New-England-Staaten; dieskoste rund 400 000 Dollar jährlich. Die Eisenbahn besaß auch Anteiledes Boston Herald in Höhe von fast einer Million Dollar. Hinzu kamenHunderte weiterer Gesellschaften, die auch von Morgan und anderenInvestitionsbanken kontrolliert wurden.
Zusätzlich konnte Morgan natürlich über die Anzeigenvergabe Ein-fluß auf die Medien ausüben. 1937 schrieb Lundberg: »Von derJ.-P.-Morgan-Junta werden mehr Anzeigen plaziert als von irgendeineranderen Finanzgruppe ... Ein Faktor, der dem Bankhaus sofort dierespektvolle Aufmerksamkeit aller wachen und unabhängigen Heraus-geber sichert.«(23)
Morgans Einfluß auf die Medien jener Zeit ist hinreichend belegt,aber er war kein Einzelfall. Während der Anhörungen 1912 vor demSenatsausschuß zur Untersuchung von Rechtsübergriffen wurde be-kannt, daß der Abgeordnete Joseph Sibley aus Pennsylvania fürRockefeller Geld an verschiedene bereitwillige Kongreßabgeordneteweitergegeben hatte. Dem Ausschuß wurde ein Brief von Sibley ausdem Jahre 1905 an John D. Archbold vorgelegt, der bei RockefellersStandard Oil Company Geld bereitgestellt hatte. In dem Brief schriebSibley: »Ein effizientes literarisches Büro wird benötigt, nicht für denTag oder eine Krise, sondern um eine ständige und gesunde Kontrolleüber die Agentur Associated Press und andere auszuüben. Dies wirdGeld kosten, doch am Ende wird es das Billigste sein.«(24)
Lundberg schreibt weiterhin:
Soviel man weiß, haben die Rockefellers ihre alte Strategie aufgege-ben, Zeitungen und Magazine einfach aufzukaufen. Jetzt verlassensie sich auf Publikationen in allen Lagern darauf daß diese ange-messen berichten für die riesigen Mengen an Öl- und anderen Inse-raten der Rockefellers. Nach dem Morgan-Block besitzen dieRockefellers den größten Anzeigentopf und wenn Anzeigen alleinnicht ausreichen, die Treue einer Zeitung zu sichern, so haben dieRockefeller-Gesellschaften direkte Zahlungen für eine freundlicheBerichterstattung geleistet.(25)
(23)Lundberg, S. 252.
(24) Ebenda, S. 97, 249.
(25) Ebenda, S. 247.
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Kein Wunder also, daß ein großer Teil der Presse, vor allem der imOsten, sich zunehmend gegen Deutschland wandte. Der Schrei gingüber das Land, die Waffen aufzunehmen gegen den »Feind« der westli-chen Zivilisation. Die Redakteure schilderten wortreich die patriotischePflicht aller Amerikaner, die Demokratie in der Welt zu verteidigen.Riesige Demonstrationen und Paraden zur »Bereitschaft« wurden orga-nisiert.
Nicht genug damit. Trotz dieser massiven Kampagne wollten dieAmerikaner noch immer nicht anbeißen. Befragungen zeigten, daß dieStimmung im Volk weiterhin 1 zu 10 gegen eine Teilnahme an demeuropäischen Krieg war. Es war demnach klar: Es mußte etwas Drasti-sches und Dramatisches geschehen, um die öffentliche Meinung umzu-drehen.
Morgans Macht über Schiffe
Morgan besaß nicht nur ein starkes finanzielles Interesse an denBanken. Mit Hilfe seiner Eisenbahnen hatte er einen internationalenReedereikonzern gegründet, zu dem zwei von Deutschlands größtenSchiffahrtslinien plus eine der beiden englischen, die White Star Lines,gehörten. 1902 wollte er zudem die britische Cunard Company über-nehmen, wurde daran aber von der britischen Admiralität gehindert, dieCunard frei von ausländischer Kontrolle halten wollten, um in Kriegs-zeiten deren Schiffe bei Bedarf für militärische Zwecke heranziehen zukönnen. Die Lusitania und die Mauretania wurden von Cunard gebautund wuchsen zu Wettbewerbern des Morgan-Kartells heran. Es ist eineinteressante Fußnote der Geschichte, daß, aus der Perspektive vonMorgan betrachtet, die Lusitania ziemlich überflüssig war. Ron Chernowerläutert dies:
Pierpont stellte einen Plan für ein Reedereikartell Amerikas zusam-men, welches das Prinzip der »Interessengemeinschaft« (also derKooperation zwischen Wettbewerbern in einer bestimmten Wirtschafts-branche) auf eine globale Ebene heben könnte. Er schuf ... der Weltgrößte Flotte in privatem Besitz ... Ein wichtiger Architekt desSchiffahrtskartells war Albert Ballin, dessen Hamburg-Amerika-Schiff-fahrtslinie mit Hunderten von Schiffen die größte Gesellschaft derWelt war Pierpont mußte sich mit einem einzigen Stückchen begnü-gen, der britischen Cunard Line. ... Nach dem Buren-Krieg schwäch-
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ten sich der Morgan- Verband und Cunard gegenseitig mit ihrer Preis-politik.(26)
Wie bereits festgestellt, war Morgan als einziger offizieller Handels-agent für Britannien tätig. Er sorgte für den Einkauf sämtlichen Kriegs-materials in den Vereinigten Staaten und koordinierte dessen Verschif-fung. Als Nachfolger in den Fußstapfen der Rothschilds Jahrhundertezuvor lernte er rasch die gewinnträchtigen Tricks des Kriegsschmuggels.Colin Simpson, der Autor des Buches The Lusitania, beschreibt dieVorgänge:
Während Amerikas Neutralität waren britische Soldaten in Zivilklei-dung bei Morgan tätig. Dieses große Bankenkartell schuf rasch einsolches labyrinthartiges Netzwerk von falschen Spediteuren, Bank-konten und dem Ganzen »Drum und Dran« des Schmuggels, daß sienicht nur die Deutschen täuschten, sondern bei einigen sehr ernstenZwischenfällen auch die Admiralität und Cunard aus der Fassungbrachten. Ganz zu schweigen von den unglücklichen Passagieren derSchiffe, welche die Schmuggelware trugen.(27)
Die Lusitania
Die Lusitania war ein britisches Passagierschiff, das regelmäßigzwischen Liverpool und New York verkehrte. Sie gehörte der CunardCompany, die, wie bereits erwähnt, das einzige größere Schiff einesWettbewerbers des Morgan-Kartells war. Sie verließ den New YorkerHafen am 1. Mai 1915 und wurde sechs Tage später von einem deut-schen U-Boot vor der Küste Irlands versenkt. Von den 1195 Toten waren195 Amerikaner. Mehr als jedes andere Ereignis bereitete dieses denBefürwortern eines Kriegseintrittes eine überzeugende Plattform fürihre Ansichten. In diesem Augenblick begannen die Amerikaner, nochimmer zögerlich, nicht unbedingt die Notwendigkeit eines Krieges,aber doch dessen Unausweichlichkeit zu akzeptieren.
Die Beschreibung der Lusitania als Passagierschiff täuscht. Obwohlals Luxusschiff gebaut, war ihre Konstruktion von der britischen Admi-ralität so bestimmt, daß sie beim Bedarf zu einem Kriegsschiff umge-wandelt werden konnte. Von der Kraft der Maschinen über die Form
(26)Chemow, S. 100-101.(27)
Colin Simpson, The Lusitania (Boston: Little, Brown & Co., 1972), S. 50.
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ihres Rumpfes bis hin zu den Munitionskammern zeugte alles vonmilitärischem Plan. Sie war für die Ausrüstung mit zwölf Sechs-Zoll-Kanonen konstruiert. Die Kosten für diese Sonderausrüstung wurdenvon der britischen Regierung getragen. Selbst in Friedenszeiten mußteihre Mannschaft mit Offizieren und Matrosen der Reserve der RoyalNavy verstärkt werden.
Im Mai 1913 wurde sie ins Trockendock geschleppt und mit zusätzli-chen Panzerungen, Drehgestellen für Kanonen auf den Decks und Mu-nitionsdepots ausgerüstet. Ebenfalls gab es Flaschenzüge, um Granatenzu den Kanonen zu heben. Zwölf mächtige Kanonen wurden zumTrockendock geschafft. All dies wird im National Maritime Museum inGreenwich, England, dokumentiert, doch noch immer wird darübergestritten, ob diese Kanonen damals tatsächlich eingebaut wurden.Dafür gibt es keinen Beweis. Am 17. September jedenfalls kehrte dieLusitania zur See zurück, bereit für die Härte des Krieges, aber siewurde in das Flottenregister der Admiralität nicht als Passagierschiff,sondern als ein bewaffnetes Hilfsschiff eingetragen! Von da an wurde sieauch in Jane 's Fighting Ships als Hilfskreuzer und in der britischenPublikation The Naval Annual als ein bewaffnetes Handelsschiff ge-führt.(28)
Ein Teil der Umbauten im Trockendock diente dazu, Passagier-kabinen auf den unteren Decks zu entfernen, um Platz für größeremilitärische Ladungen zu schaffen. So wurde aus der Lusitania einesder wichtigsten Transportmittel für Kriegsmaterial, einschließlich Mu-nition, aus den Vereinigten Staaten nach England. Am 8. März 1915reichte der Kapitän der Lusitania seinen Rücktritt ein, nachdem esmehrere bedrohliche Annäherungen deutscher U-Boote gegeben hatte.Zwar sei er bereit, den U-Booten gegenüberzutreten, erklärte er, abernicht länger willens, »die Verantwortung dafür zu tragen, daß manPassagiere mit Munition oder Schmuggelgütern vermischt«(29).
Churchill stellt eine Falle
Aus Englands Sicht waren die Zeichen an der Wand klar. Wenn dieVereinigten Staaten nicht in den Krieg gezogen werden konnten alsVerbündeter, müßte England schon bald um Frieden nachsuchen. DieHerausforderung lautete also: Wie konnte man die Amerikaner aus ihrer
(28)Simpson, S. 17-28, 70.(29)
Ebenda, S. 87.
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hartnäckigen Neutralität herausholen? Wie dies gelang, ist einer derumstrittenen Aspekte des Krieges. Es ist für viele Menschen geradezuunvorstellbar, daß englische Politiker möglicherweise die Zerstörungeines ihrer Schiffe mit amerikanischen Bürgern an Bord ins Kalkülgezogen haben könnten, um die Vereinigten Staaten auf ihre Seite in denKrieg hineinzuziehen. Allein der Gedanke scheint deutscher Propagan-da zu entspringen. Robert Ballard schrieb in National Geographic:»Innerhalb weniger Tage nach der Versenkung tauchten in New YorkSympathisanten der Deutschen mit einer Verschwörungstheorie auf.Die britische Admiralität, so behaupteten sie, habe die Lusitania ab-sichtlich in Gefahr gebracht in der Hoffnung, sie würde angegriffen unddie USA damit in den Krieg gezogen.«(30)
Schauen wir uns diese Verschwörungstheorie näher an. WinstonChurchill, damals First Lord der Admiralität, meinte:
Es gibt viele Arten von Kriegsmanövern ... Es gibt Manöver der Zeit,der Diplomatie, der Konstruktion oder der Psychologie. Keines da-von hat direkt mit dem Schlachtfeld zu tun und wirkt sich dennochhäufig entscheidend darauf aus ... Ein Manöver, das einen Alliiertenins Feld führt, ist so nützlich wie jenes, das eine große Schlacht zugewinnen hilft. Das Manöver, das einen wichtigen strategischen Punkteinzunehmen hilft, mag weniger wertvoll sein als jenes, das einengefährlichen Neutralen besänftigt oder einschüchtert.(31)
Das von Churchill gewählte Manöver war ausgesprochen rücksichtslos.Nach den sogenannten Cruiser Rules gaben sowohl England als auchDeutschland den Mannschaften unbewaffneter Handelsschiffe des Geg-ners eine Chance, in die Rettungsboote zu steigen, ehe man das Schiffversenkte. Doch im Oktober 1914 erteilte Churchill Befehl, daß briti-sche Handelsschiffe nicht länger die Befehle von U-Booten zum Anhal-ten beachten und sich durchsuchen lassen dürfen. Besaßen sie Waffen,mußten sie den Feind angreifen. Wenn nicht, sollten sie versuchen, dasU-Boot zu rammen. Die unmittelbare Auswirkung dieses Befehles war,daß deutsche U-Boote zu ihrem Schutz unter Wasser blieben und dieSchiffe ohne Warnung versenkten.
(30)»Riddle of the Lusitania« von Robert Ballard in: National Geographic, April1994, S. 74.
(31)Winston Churchill, The World Crisis (New York: Scribner's Sons, 1949), S. 300,und Barnes & Noble (Reprint), 1993, S. 464.
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Weshalb sollten die Briten eine solche Dummheit begehen, die dasLeben von tausenden ihrer eigenen Seeleute fordern konnte? Die Ant-wort lautet: Es war keine Dummheit. Es handelte sich um eine kaltblüti-ge Strategie. Churchill rühmte sich:
Der erste britische Gegenzug, auf meine Verantwortung, lag darin,die Deutschen von Angriffen von der Oberfläche abzuhalten. Dasuntergetauchte U-Boot mußte sich deshalb zunehmend auf Unter-wasserangriffe verlassen und ging damit das große Risiko ein, neu-trale für britische Schiffe zu halten und neutrale Seeleute zu erträn-ken und somit Deutschland in Konflikte mit anderen großen Mächtenzu verwickeln.(32)
Um die Wahrscheinlichkeit eines versehentlichen Versenkens einer neu-tralen »großen Macht« zu erhöhen, befahl Churchill den britischenSchiffen, die Namen an den Rümpfen zu entfernen und in den Häfen dieFlagge eines neutralen Landes aufzuziehen, vorzugsweise die der Verei-nigten Staaten. Als eine weitere Provokation wurde der britischen Mari-ne befohlen, gefangene U-Boot-Matrosen nicht als Kriegsgefangene,sondern als Verbrecher zu behandeln. »Überlebende«, schrieb Chur-chill, »sollten gefangengenommen oder erschossen werden ..., wasimmer passend sein mag.«(33) Weitere Befehle, die heute einen peinlichenTeil der offiziellen Archive der Marine darstellen, waren sogar nochrücksichtsloser: »Bei allen Aktionen sollte unverzüglich auf weiße Flag-gen geschossen werden.«(34)
Die Falle wurde sorgfältig gelegt. Die deutsche Marine wurde dazuangestachelt, erst zu schießen und später Fragen zu stellen. Unter diesenUmständen war es praktisch unvermeidbar, daß auch Amerikaner ihrLeben würden lassen müssen.
Ein schwimmendes Munitionsdepot
Nach vielen Jahren der Forschung ist es jetzt endlich möglich, dieLadung der Lusitania auf ihrer letzen Reise festzustellen. Sie bestandunter anderem aus 600 Tonnen Pyroxyline (bekannt als Schießbaum-
(32)Churchill, S. 274-275.(33)
Simpson, S. 37, und Diaries of Admiral Sir Hubert Richmond, 27. Februar 1915,National Maritime Museum in Greenwich.(34)
Simpson, S. 37.
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wolle)(35), sechs Millionen Schuß Munition, 1248 Kisten Schrapnell-Ladungen (möglicherweise ohne Sprengladungen) plus eine unbekann-te Menge von Munition, die alle Kammern des untersten Decks und dieKorridore des F-Decks ausfüllte. Zusätzlich gab es viele Tonnen von»Käse«, »Schmalz«, »Fellen« und anderen Sachen, die, wie sich späterherausstellte, falsch beschriftet worden waren. Worum es sich dabeihandelte, ist unbekannt, doch es scheint sicher, daß es Schmuggelwarewar oder gar Waffen. Die ganze Ladung war von der J. P. MorganCompany übergeben worden. Doch davon ahnte die Öffentlichkeit nichts,schon gar nicht die arglosen Amerikaner, die unwissentlich für sich undihre Familien eine Schiffahrt in den Tod gebucht hatten und als mensch-liche Köder in dem globalen Spiel der Hochfinanz und der niederenPolitik dienten.
Die deutsche Botschaft in Washington war sich der Natur der Ladungauf der Lusitania wohlbewußt und schickte eine offizielle Beschwerdean die amerikanische Regierung, weil praktisch alles davon eine direkteVerletzung internationaler Neutralitätsabkommen darstellte. Als Ant-wort traf eine kategorische Leugnung der Kenntnis von solch einerLadung ein. Nach der Erkenntnis, daß die Regierung Wilson die Schiffs-ladung stillschweigend billigte, unternahm die deutsche Botschaft einenletzten Versuch, das Unheil abzuwenden. Sie plazierte Anzeigen in50 Zeitungen der Ostküste einschließlich New Yorks, in denen Ameri-kaner davor gewarnt wurden, mit der Lusitania zu reisen. Die Anzeigewurde vorab bezahlt, und sie sollte eine ganze Woche vor dem Ablegendes Schiffes auf den Reiseseiten erscheinen. Sie lautete:
Bekanntmachung!REISENDE, die sich auf eine Fahrt über den Atlantik begebenmöchten, mögen bedenken, daß zwischen Deutschland und seinenVerbündeten und Großbritannien und dessen Verbündeten Kriegherrscht; daß die Kriegszone auch die Gewässer in der Nähe derBritischen Inseln umfaßt; daß in Übereinstimmung mit der for-mellen Benachrichtigung der Kaiserlichen Deutschen RegierungSchiffe, welche die Flagge Großbritanniens oder seiner Verbünde-
(35)Schießbaumwolle explodiert dreimal heftiger als Schießpulver in einem ge-schlossenen Raum, und sie kann mit viel niedrigeren Temperaturen entzündetwerden. Siehe Manuel Eissler, Modern High Explosives (New York: John Wiley& Sons, 1914), S. 110, 112, 372.
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ten aufgezogen haben, in diesen Gewässern zerstört werden könn-ten und daß Reisende, die sich in dieser Kriegszone auf SchiffenGroßbritanniens oder deren Verbündeten aufhalten, dieses aufeigenes Risiko tun.
Kaiserliche deutsche BotschaftWashington D. C., 22. April 1915
Obwohl der Anzeigetext den Zeitungen rechtzeitig vorlag, interveniertedas Außenministerium mit dem Schreckgespenst möglicher Verleum-dungsklagen. Dieses verschreckte die Herausgeber dermaßen, daß siedie Anzeige nicht ohne vorherige Absprache mit den Anwälten desAußenministeriums drucken wollten. Von den 50 Zeitungen veröffent-lichte nur Des Moines Register die Anzeige zu dem gewünschten Da-tum. Was danach geschah, wird von Simpson so beschrieben:
George Viereck [der Herausgeber einer deutschen Zeitung, der dieAnzeigen für die Botschaft entworfen hatte] fragte am 26. April beimAußenministerium nach, weshalb seine Anzeigen nicht veröffentlichtworden waren. Endlich erhielt er einen Termin bei [AußenministerWilliam Jennings] Bryan und wies ihn darauf hin, daß die Lusitaniabis auf eine Ausnahme auf allen ihren Fahrten während des KriegesMunition transportiert hatte. Er zeigte Kopien ihrer Ladungs-verzeichnisse, die bei der Hafenmeisterei öffentlich einsehbar waren.Darüber hinaus informierte er Bryan, daß nicht weniger als sechsMillionen Schuß Munition am kommenden Freitag mit der Lusitaniaauslaufen sollten und daß man die Beladung in diesem Augenblick anPier 54 beobachten könne. Bryan griff zum Telefon und klärte dieSache mit den Anzeigen. Er versprach Viereck, er würde sich bemü-hen, den Präsidenten dazu zu bringen, Amerikaner vor Reisen zuwarnen. Keine solche Warnung wurde jemals vom Präsidenten aus-gesprochen, doch es kann keinen Zweifel daran geben, daß PräsidentWilson von der Natur der Ladung der Lusitania Bescheid wußte. Erunternahm nichts, gestand aber an dem Tage, da er von ihrer Versen-kung erfuhr, daß seine Vorahnungen ihm viele schlaflose Stundenbereitet hätten.(36)
(36)Simpson, S. 97.
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Wahrscheinlich stimmt es, daß Wilson in seinem Herzen Pazifist war,aber es ist gleichermaßen sicher, daß er nicht Herr seines eigenenSchicksals war. Bei ihm handelte es sich um einen umgesetztenHochschulprofessor aus dem Efeu-überwucherten Princeton, der imHerzen ein Internationalist war und davon träumte, eine Weltregierungzu schaffen, um ein Jahrtausend des Friedens zu erreichen. Doch er fandsich umgeben und abhängig von Männern starken Willens, scharfsinni-gen politischen Begabungen und mächtigen finanziellen Ressourcen.Gegen diese Kräfte vermochte er allein nichts auszurichten, und es gibtGrund zu der Annahme, daß er innerlich unter vielen Dingen litt, die erzu tun gezwungen war. Wir werden das moralische Urteil über einenMann, der wegen seiner absichtlichen Weigerung, seine Landsleute zuwarnen, 195 von ihnen in den Tod geschickt hat, anderen überlassen.Wir können uns auch darüber wundern, wie solch ein Mann die Schein-heiligkeit aufbringt, die Deutschen für diese Tat zu verdammen, abergleichzeitig alles dafür tut, damit die amerikanische Öffentlichkeit dieWahrheit nicht erfährt. Es wäre verblüffend, wären seine privaten Ge-wissensbisse nicht größer als nur ein paar schlaflose Stunden.
Die letzte Reise
Während Morgan und Wilson auf der amerikanischen Seite desAtlantiks die tödliche Bühne bereiteten, spielte Churchill auf der euro-päischen Seite seinen Teil. Als die Lusitania am 1. Mai aus dem Hafenvon New York auslief, erhielt sie den Befehl, sich dicht an der KüsteIrlands mit einem britischen Zerstörer, der Juno, zu treffen. Auf dieseWeise sollte sie in feindlichen Gewässern Begleitschutz erhalten. Alsdie Lusitania den Treffpunkt erreichte, war sie jedoch allein, und derKapitän vermutete, man habe sich im Nebel verpaßt. In Wahrheit jedochwar die Juno im allerletzen Augenblick aus diesem Gebiet abgezogenund nach Queenstown zurückbeordert worden. Dies geschah in vollerKenntnis der Tatsache, daß die Lusitania auf direktem Wege in einGebiet war, von dem man wußte, daß dort ein deutsches Unterseebootlauerte. Und noch schlimmer: Der Lusitania hatte man befohlen, weni-ger Kohle zu verbrauchen, und zwar nicht, weil es nicht genügenddavon gab, sondern weil dies weniger teuer sei. Natürlich sind langsameZiele viel leichter zu treffen als schnelle. Das Schiff war gezwungen,einen der vier Dampfkessel abzuschalten, und erreichte nun vonU-Booten infizierte Gewässer mit lediglich 75 Prozent seiner mögli-chen Höchstgeschwindigkeit.
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Während sich die Lusitania den gefährlichen Gewässern näherte,wußte praktisch jeder, daß sie sich in ernster Gefahr befand. Die Londo-ner Zeitungen waren voll mit Geschichten über deutsche Warnungenund Schiffsversenkungen. Im Kartenzimmer der britischen Admiralitätbeobachtete Churchill das Spiel und zählte kühl die Schüsse. KleineScheiben markierten die Stellen, wo am Tag zuvor zwei Schiffe vonTorpedos angegriffen worden waren. Ein Kreis deutete auf das vermute-te Operationsgebiet eines U-Bootes hin. Eine große Scheibe stellte dieLusitania dar, die mit 19 Knoten direkt auf den Kreis zusteuerte. Dochnichts wurde für sie getan. Admiral Coke at Queenstown wurde deroberflächliche Befehl erteilt, sie so gut, wie es ging, zu beschützen,wozu er gar keine Möglichkeit hatte. Tatsächlich machte sich auchniemand die Mühe, den Kapitän der Lusitania davon zu unterrichten,daß das Rendezvous mit der Juno abgesagt worden war.
Zu den anwesenden Offizieren im Kartenraum gehörte an diesemverhängnisvollen Tag Fregattenkapitän Joseph Kenworthy, der zuvorvon Churchill darum gebeten worden war, die politischen Auswirkun-gen zu untersuchen, wenn ein Ozeanschiff mit amerikanischen Passa-gieren an Bord versenkt werden würde. Entrüstet über den Zynismusseiner Vorgesetzten verließ er den Raum. In seinem 1927 erschienenenBuch The Freedom of the Seas stellte er ohne weitere Kommentierungfest: »Die Lusitania wurde mit erheblich reduzierter Geschwindigkeitund ohne Eskorte in ein Gebiet geschickt, von dem man wußte, daß dortein U-Boot lauerte.«(37) Hier muß man nichts hinzufügen.
Zu dieser Zeit befand sich Oberst House in England, und genau andem Tage der Versenkung sollte er eine Audienz bei König Georg V.erhalten. Begleitet wurde er von Sir Edward Grey, und auf dem Wegefragte ihn Sir Edward: »Was wird Amerika tun, falls die Deutschen einOzeanschiff mit amerikanischen Passagieren an Bord versenken?« –»Ich erwiderte, falls dies geschehen würde, würde eine Welle der Entrü-stung über Amerika hinwegfegen, die uns wahrscheinlich in den Krieghineinziehen würde.«(38) Im Buckingham Palast schnitt auch König Georgdas Thema an und nannte sogar ausdrücklich ein mögliches Ziel. Erfragte: »Angenommen, sie versenken die Lusitania mit amerikanischenPassagieren ... «(39)
(37)Joseph Kenworthy und George Young, The Freedom of the Seas (New York:Ayer Company, 1929), S. 211.
(38)Seymour, Band I, S. 432.(39)
Ebenda, S. 432.
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Eine mächtige Explosion, ein nasses Grab
Vier Stunden nach dieser Unterredung wurde durch das Periskop desdeutschen U-Bootes U-20 am Horizont der schwarze Rauch der Lusitaniaentdeckt. Das Schiff kam direkt auf das U-Boot zu, das mit Volldampffür einen 90-Grad-Schuß auf den Ozeanriesen auswich, der kaum600 Meter entfernt war. Der Torpedo traf drei Meter unter der Wasser-linie kurz vor der Brücke, Steuerbord. Ein zweiter Torpedo wurdevorbereitet, aber nicht benötigt. Unmittelbar nach dieser Explosion gabes eine zweite und viel größere Explosion, die buchstäblich die Seite deszweiten Lagerraumes aufriß und das Schiff auf den Meeresboden schick-te. Welch ein Loch muß das gewesen sein! Die Lusitania, eines dergrößten jemals gebauten Schiffe, sank in weniger als 18 Minuten!
Überlebende der Mannschaft, die während des Angriffs im Kessel-raum tätig waren, gaben an, daß die Kessel nicht explodiert waren.Simpson berichtet:
Der deutsche Torpedo war nicht hinter dem Schott des ersten Kessel-raumes explodiert, doch weiter vorn zerriß etwas den größten Teildes Schiffsbugs. Es könnten die Drei-Zoll-Granaten der BethlehemCompany gewesen sein, vielleicht die sechs Millionen Schuß Muniti-on oder auch der höchst zweifelhafte Inhalt der Fellballen oder derkleinen Käsekisten. Taucher, die das Wrack begutachtet haben, sag-ten übereinstimmend aus, der Bug sei von einer gewaltigen innerenExplosion zerstört worden, und große Teile der Panzerung, von derInnenseite verbogen, lägen in einiger Entfernung vom Rumpf(40)
Als eine Mannschaft des Woods Hole Oceanographic Institute im Som-mer 1993 das Wrack inspizierte, stellte sie fest: »Als unsere Kamerasüber den Frachtraum glitten, gab es eine große Überraschung: Es gabkein Loch ..., wir fanden keinen Beweis, daß ein Torpedo der U-20explodiert war, womit eine Theorie des Untergangs des Schiffes anÜberzeugungskraft verlor.«(41) Es fällt schwer, die Überraschung derMannschaft zu teilen. Fotografien zeigen, daß das Wrack auf der Steuer-bord-Seite, also der rechten Seite, liegt. Weil dort das Torpedo ein-schlug, ist es nur logisch, daß ein Loch verborgen bleibt. Es müßte sichauf der Seite befinden, die auf dem Ozeanboden liegt. Die Gruppe
(40)Simpson, S. 157. (41)
»Riddle of the Lusitania« von John Ballard, S. 74, 76.
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berichtete, daß sie nur einen Teil der Unterseite des Buges inspizierenkonnte. Sicher liegt es daran, daß der größte Teil davon, ebenso wie diegesamte Steuerbord-Seite, im Schlamm vergraben ist. Weil der Torpedonur drei Meter unter der Wasserlinie getroffen hatte, kann das entstande-ne Loch nicht einmal in der Nähe des Bodens des Schiffsrumpfes sein,sondern ungefähr auf mittlerer Höhe zwischen dem Hauptdeck und demBoden. Mit anderen Worten: Es müßte sich ungefähr in der Mitte derSeite befinden, die jetzt dem Meeresgrund zugewandt ist. Wenn keinLoch erkannt werden kann, so heißt das nicht, daß es keine interneExplosion gegeben habe. Statt dessen wäre genau diese zu erwarten.
Wie dem auch sei: Die Lusitania wäre nicht innerhalb von 18 Minu-ten gesunken, gäbe es nicht irgendwo ein Loch. Selbst die Suchmann-schaft mußte dieses indirekt anerkennen, als sie auf die Frage stieß, wasdie zweite Explosion verursacht haben könnte. In dem offensichtlichenVersuch, keiner »Verschwörungstheorie« Nahrung zu geben, stellte derBericht abschließend fest, die Explosion sei vermutlich nicht von Muni-tion, sondern von Kohlenstaub verursacht worden.
Letzten Endes scheint es relativ unerheblich, ob die Explosion vonWaffen oder durch Kohlenstaub ausgelöst wurde. Es genügt hier festzu-halten, daß sie auch von Munition hätte verursacht werden können.
Eiliges Vertuschen
Eine offizielle Untersuchung unter der Leitung von Lord Merseysollte die Umstände der Versenkung und die Schuldfrage klären. VonAnfang an war dies eine zusammengebastelte Angelegenheit. Alle Be-weise und Zeugenaussagen wurden sorgfältig begutachtet, um sicherzu-stellen, daß nichts in die Unterlagen einging, was die Doppelzüngigkeitder britischen und amerikanischen Beamten entlarvt hätte. Unter denPapieren, die Lord Mersey vor der Anhörung übergeben wurden, befandsich auch eines von Kapitän Richard Webb, einem der Männer, die vonder Marine für die Vertuschung ausgewählt worden waren. Darin stand:»Ich wurde angewiesen von der Admiralität, Sie zu informieren, daß esfür politisch zweckdienlich gehalten wird, Kapitän Turner als Befehls-haber auf der Lusitania als Hauptschuldigen des Unheils hinzustel-len.«(42)
Der Schlußbericht ist ein äußerst interessantes Dokument. Wer ihnohne Kenntnis der Fakten liest, könnte zu der Ansicht gelangen, Kapitän
(42)The Papers of Lord Mersey, zitiert von Simpson, S. 190.
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William Turner sei dafür verantwortlich gewesen. Dennoch versuchteMersey, diese Darstellung abzuschwächen. Er schrieb: »Die Schuldsollte nicht dem Kapitän angelastet werden ..., daß er den Ratschlägennicht in jeder Beziehung folgte, kann man rechtmäßigerweise nichteiner Nachlässigkeit oder Inkompetenz zuschreiben.« Dann fügte ereinen letzten Absatz hinzu, der oberflächlich betrachtet eine Verurtei-lung der Deutschen sein mag, aber mit dem Verständnis der Hintergrün-de eine Anklage von Churchill, Wilson, House und Morgan war:
Die ganze Schuld für die grausame Zerstörung von Leben in dieserKatastrophe liegt ausschließlich auf denen, die das Verbrechen er-sonnen, und bei denen, die es ausgeführt haben.(43)
War sich Lord Mersey der Doppeldeutigkeit dieser Worte bewußt?Möglicherweise nicht, aber zwei Tage nach seinem Bericht schrieb erPremierminister Asquith und lehnte die Vergütung für seine Dienste ab.Er fügte hinzu: »Ich bitte darum, künftig nicht mit der Wahrnehmungvon Aufgaben der Justiz seiner Majestät betraut zu werden.« Späterkommentierte er die Ereignisse äußerst knapp: »Der Lusitania-Fall warein verdammt schmutziges Geschäft.«(44)
Der Ruf nach Krieg
Der Zweck des Komplottes wäre besser erfüllt gewesen, hätten dieDeutschen ein amerikanisches Schiff versenkt, doch ein britisches Schiffmit 195 ertrunkenen Amerikanern genügte auch. Die Beteiligten verlo-ren keine Zeit, die öffentlichen Gefühle aufzuwühlen. Wilson schickteder Kaiserlichen Deutschen Regierung ein empörtes Telegramm, dasweithin von der Presse zitiert wurde.
Zu dieser Zeit war Bryan schon vollständig desillusioniert von derDoppelzüngigkeit seiner eigenen Regierung. Am 9. Mai schickte erWilson einen in scharfem Ton abgefaßten Brief:
Deutschland besitzt das Recht, den Versand von Kriegskonterbandean die Alliierten zu verhindern, und ein Schiff, das solche Konterban-de führt, darf sich nicht auf Passagiere als Schutz gegen Angriffverlassen. Es wäre so, als würde man Frauen und Kinder vor eineArmee stellen.(45)
(43)Simpson, S. 241.
(44)Ebenda, S. 241. (45)
Bryan, Band II, S. 398-399.
293
Wilson ließ sich von seinem Vorhaben nicht abbringen. Seinem erstenSchreiben folgte ein zweites mit drohendem Unterton, das am 1. Juniintensiv im Kabinett beraten wurde. Der bei der Besprechung anwesen-de McAdoo hierzu:
Ich erinnere mich, daß Bryan auf dieser Sitzung wenig zu sagenhatte, er hatte die Augen die meiste Zeit halb geschlossen. Nach derSitzung sagte er dem Präsidenten – wie ich später erfuhr –, er könnedas Schreiben nicht unterzeichnen ..., dann bemerkte er, er könne alsAußenminister nicht länger nützlich sein, und schlug seine Ablösung
Vor:(46)
Auf Bitten Wilsons wurde McAdoo zu Bryan nach Hause geschickt, umihn zu einem Sinneswandel zu überreden, da man seinen Rücktritt alsZeichen von Uneinigkeit im Kabinett werten könnte. Bryan wollte sichdie Sache noch einen Tag überlegen, aber am nächsten Morgen war erentschlossen. In seinen Memoiren, die von seiner Frau mit Anmerkun-gen versehen wurden, enthüllte Mrs. Bryan, ihr Mann habe in dieserNacht nicht schlafen können. »Er war so unruhig, daß ich ihm vor-schlug, ein bißchen zu lesen, um müde zu werden. Er hatte in seinerTasche ein altes Buch aus dem Jahre 1829 mit dem Titel A Wreath ofAppreciation of Andrew Jackson. Er fand es höchst interessant.«(47)
Welche Ironie! Im Kapitel 17 lesen wir von dem verbitterten KampfPräsident Jacksons gegen die Bank der Vereinigten Staaten, der Vorläu-ferin des Federal Reserve Systems, und seiner Vorhersage:
Geht keine Gefahr für unsere Freiheit und Unabhängigkeit von einerBank aus, deren Natur sie so wenig an unser Land bindet? ... KeinGrund zur Sorge um die Reinheit unserer Wahlen im Frieden und dieUnabhängigkeit unseres Landes zu Zeiten des Krieges? ... Weil sieunsere Währung kontrolliert, die öffentlichen Gelder verwaltet undTausende unserer Bürger in ihrer Abhängigkeit hält, könnte sie ernst-zunehmender und gefährlicher sein als die Kriegsschiffe oder Ar-meen eines Feindes.(48)
(46)McAdoo, S. 333.(47)
Bryan, Band II, S. 424.(48)
Herman E. Krooss, Documentary History of Banking and Currency in dieUnites States (New York: Chelsea House, 1983), Band III, S. 26-27.
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Es wäre spannend zu wissen, welche Gedanken Bryan durch den Kopfgingen, als er von Jacksons Warnung las und dies auf die künstlicherzeugte Kriegshysterie in diesen Tagen anwandte, die von den Finanz-kräften der Wall Street und der neu geschaffenen Federal Reservegeschürt wurde.
Aus England schickte Oberst House ein Telegramm an PräsidentWilson, der es im Kabinett verlas. Es rief Tausende von Leitartikelnaller Zeitungen im ganzen Land hervor. House schrieb in getragenenWorten:
Amerika steht an einem Scheideweg, wo es sich entscheiden muß, obes für zivilisierte oder unzivilisierte Kriegsführung steht. Nicht län-ger dürfen wir neutrale Zuschauer bleiben. Unsere Handlungen indieser Krisenzeit werden die Rolle bestimmen, die wir im Friedeneinnehmen werden. Und wie weit wir einen Friedensschluß für dasewige Wohl der Menschheit beeinflussen können. In der Zeit derBalance werden wir gewogen, und unsere Stellung unter den Natio-nen wird von der Menschheit bewertet.(49)
In einem weiteren Telegramm zwei Tage später entlarvt sich House alsein psycho-politischer Meister, der auf Wilsons Ego zu spielen ver-mochte wie ein Geiger die Saiten einer Stradivari. Er schrieb:
Sollte unglücklicherweise der Krieg nötig sein, werden Sie hoffent-lich der Welt ein Beispiel amerikanischer Tüchtigkeit zeigen, die eineLektion für ein Jahrhundert oder länger sein soll. Es wird allgemeingeglaubt in Europa, wir seien so unvorbereitet und daß es so langedauern würde, unsere Möglichkeiten auszuschöpfen, daß unser Ein-tritt in den Krieg kaum etwas bewirken würde.
Im Falle eines Krieges sollten wir die Herstellung von Munition sobeschleunigen, daß wir nicht nur unsere Truppen, sondern auch dieder Alliierten damit ausstatten könnten ... und dies so schnell, daßdie Welt darüber verwundert wäre.(50)
Dem gemeinsamen Druck der Presse und des Präsidenten konnte derKongreß nicht standhalten. Am 16. April 1917 erklärten die USA
(49)Seymour, S. 434.(50)Ebenda, S. 435.
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Deutschland den Krieg (und im Dezember Österreich-Ungarn). AchtTage später verabschiedete der Kongreß pflichterfüllt das Kriegs-darlehens-Gesetz, das eine Milliarde Dollar für die Alliierten vorsah.Schon am nächsten Tag wurden den Briten 200 Millionen Dollar über-wiesen, die jedoch sofort zur Schuldentilgung an Morgan weitergingen.Ein paar Tage später wurden 100 Millionen für Frankreich bereitge-stellt. Doch der Aderlaß ging weiter. Innerhalb von drei Monaten hattendie Briten bei Morgan schon 400 Millionen Dollar überzogen, und dieBank wandte sich an die Regierung mit einer Zahlungsaufforderung.Doch anfangs sah sich das Finanzministerium nicht in der Lage, so vielGeld aufzubringen, ohne seine eigenen verfügbaren Mittel zu gefähr-den, und lehnte eine Zahlung ab. Mit Hilfe eines Finanzmanövers,beschrieben in Kapitel 10, wurde dieses Problem jedoch rasch gelöst:Unter Benjamin Strong schuf das Federal Reserve System die benötig-ten Mittel mit Hilfe des Mandrake-Mechanismus. »Die Regierung Wilsonfand sich in der unangenehmen Position, J. P Morgan aus der Patschehelfen zu müssen«, schrieb Ferrell, doch Benjamin Strong »[Finanzmi-nister] bot an, McAdoo zu helfen. In den folgenden Monaten von 1917bis 1918 zahlte das Ministerium Morgan Stückchen für Stückchen derÜberziehung.«51(51)Gegen Ende des Krieges hatte das Ministerium insge-samt 9 466 000 000 einschließlich 2 170 000 000 Dollar nach dem Waf-fenstillstand ausgeliehen.
Dies waren die Summen, auf die man lange gewartet hatte. Zusätz-lich zu den Morgan-Darlehen wurden weit größere Gewinne mit derKriegsproduktion erzielt. Schon Monate vor der Kriegserklärung hattesich die Regierung insgeheim vorbereitet. Dem damaligen Ministerial-direktor der Marine, Franklin D. Roosevelt, zufolge hatte man bereitsim Herbst 1916 umfangreiche Kriegsmaterialien anzulegen begonnen.(52)Ferdinand Lundberg fügt hinzu:
Es war kein Zufall, daß alle strategischen Regierungsposten, vor-nehmlich solche, die mit Einkauf zu tun hatten, für die Wall-Street-Patrioten reserviert waren. Bei den meisten wichtigen Berufungenkonsultierte Wilson [den Präsidenten von Rockefeller's National CityBank] Dodge, der den bis dahin unbekannten Bernard Baruch, einen
(51)Ferrell, S. 89, 90.
(52) Clarence W. Barron, They Told Barron; Notes of Clarence Walker Barron,herausgegeben von Arthur Fund und Samuel Taylor Moore (New York: Harperand Brothers, 1930), S. 51.
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Spekulanten in Kupfer-Aktien, als Vorsitzenden des allmächtigen WarIndustries Board vorschlug ...
Als Leiter dieser Kommission gab Baruch jährlich zehn Milliar-den Dollar aus ... Baruch füllte dieses Amt und alle Ausschüsse mitfrüheren und künftigen Manipulatoren der Wall Street, Industrialisten,Financiers und Agenten ..., die die Preise auf einer »Kosten-plus«-Basis festlegten, und – wie Untersuchungen feststellten – achtetedarauf daß die Kosten großzügig gepolstert wurden, um versteckteProfite abzuwerfen
Die amerikanischen Soldaten in den Schützengräben, die Arbeiterzu Hause, die ganze Nation in Waffen ..., sie kämpften nicht nur, umDeutschland zu unterwerfen, sondern auch gegen sich selbst. Daßdieser Interpretation nichts Metaphysisches anhaftet, wird klar ander Feststellung, daß die gesamten Kriegsausgaben der VereinigtenStaaten vom 6. April 1917 bis zum 31. Oktober 1919, als die letztenTruppen aus Europa zurückkehrten, 35 413 000 000 Dollar betragenhatten. Die Netto-Unternehmensgewinne zwischen dem I. Januar1916 und Juli 1921, als die industriellen Kriegsaktivitäten endgültigeingestellt wurden, betrugen 38 000 000 000 Dollar und lagen damitungefähr so hoch wie die gesamten Kriegsausgaben. Mehr als zweiDrittel dieser Unternehmensgewinne wurden von genau den Unter-nehmen eingestrichen, die von dem Pujo-Ausschuß als unter derKontrolle des »Geld-Trustes« stehend bezeichnet worden waren.(53)
Mit Hilfe des Federal Reserve Systems war das Bankenkartell in derLage, Geld für Frankreich und England zu schaffen, damit diese beidenNationen es amerikanischen Banken zurückzahlen konnten ..., genausowie dieses erneut im Zweiten Weltkrieg und dann wieder zu Zeiten des»großen >Bailouts<« in den 1980er und 1990er Jahren geschah. Tatsäch-lich war 1917 die kürzlich eingeführte Einkommensteuer ein prakti-sches Instrument, um viel Geld für die Kriegführung einzuziehen undum, wie Beardsley Ruml etwas später erklärte, Kaufkraft der Mittel-klasse abzuschöpfen. Doch der größte Batzen kam, wie immer in Kriegs-zeiten, nicht von der Direktbesteuerung, sondern von der verstecktenSteuer, genannt Inflation. Zwischen 1915 und 1920 verdoppelte sich dieGeldmenge von 20,6 Milliarden auf 39,8 Milliarden Dollar.(54) Umgekehrt
(53)Lundberg, S. 134, 144-145.
(54)Banking and Monetary Statistics 1914-1942 (Washington, D.C.: Board ofGovernors of the Federal Reserve System, 1976), S. 34.
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fiel während des Ersten Weltkrieges die Kaufkraft um beinahe 50 Pro-zent. Mit anderen Worten: Die Amerikaner haben unwissentlich runddie Hälfte jeden existierenden Dollars an die Regierung bezahlt. Unddies natürlich zusätzlich zu ihren Steuern. Dieser massive Zuwachs anGeld war das Ergebnis des Mandrake-Mechanismus und kostete nichts.Doch die Banken durften Zinsen dafür verlangen. Die uralte Partner-schaft zwischen der Politik und dem Finanzwesen hatte ihre Missionerfüllt.
Zusammenfassung
Um den Anfang des Ersten Weltkrieges zu finanzieren, mußten Eng-land und Frankreich viel Geld von amerikanischen Investoren borgenund hatten sich für die Vermittlung ihrer Schuldverschreibungen dasHouse of Morgan ausgesucht. Morgan wurde für sie auch als Einkaufs-vermittler für Kriegsmaterial tätig und profitierte deshalb zweimal:wenn das Geld geborgt wurde und wenn es ausgegeben wurde. WeitereProfite entstanden durch die Vergabe der Aufträge an Unternehmen, dieunter dem Einfluß von Morgan standen. Doch der Krieg wurde für dieAlliierten bedrohlich, als deutsche U-Boote die atlantischen Schiffahrts-routen zu kontrollieren begannen. Als es so aussah, als würden Englandund Frankreich in die Nähe einer Niederlage oder eines Waffenstillstan-des nach deutschen Bedingungen kommen, wurde es zunehmend schwie-riger, ihre Anleihen zu plazieren. Keine Anleihen hieß keine Einkäufe,und Morgans Cashflow geriet in Gefahr. Außerdem, falls die schonfrüher ausgegebenen Schuldverschreibungen wertlos würden, wie diesin Folge einer Niederlage zu erwarten war, hätte das Morgan-Konsorti-um gigantische Verluste erlitten.
Der einzige Weg, das Britische Empire zu retten, den Wert derAnleihen wiederherzustellen und Morgans Cashflow zu erhalten, be-stand darin, daß die amerikanische Regierung mit Geld einsprang. Daaber neutrale Staaten durch internationale Verträge daran gehindertwaren, mußte man Amerika in den Krieg ziehen. Zwischen britischenBeamten und Oberst House wurde mit dem Einverständnis des Präsi-denten ein entsprechendes geheimes Abkommen getroffen. Von diesemAugenblick an drängte Wilson den Kongreß zu einer Kriegserklärung.Dies geschah genau zu der Zeit, als er mit der Parole »Er hält uns ausdem Krieg heraus« für eine Wiederwahl kandidierte. In der Zwischen-zeit hatte Morgan sich die Kontrolle über große Teile der Mediengesichert, mit denen er dann einen landesweiten »Zeitungs-Blitzkrieg«
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gegen Deutschland führen konnte, indem er den Eintritt in den Krieg alseinen Akt amerikanischen Patriotismus hinstellte.
Morgan hatte bereits ein internationales Schiffahrtskartell geschaf-fen, einschließlich der deutschen Handelsflotte, das auf hoher See bei-nahe ein Monopol besaß. Nur die britische Cunard Lines blieb abseits.Die Lusitania gehörte dazu und stand im Wettbewerb mit MorgansKartell. Die Lusitania war nach militärischen Spezifikationen gebautund bei der britischen Admiralität als ein bewaffneter Hilfskreuzerregistriert worden. Die Passagiere dienten der Verhüllung der wahrenAufgabe, nämlich Kriegskonterbande aus den Vereinigten Staaten zuholen. Dies war Wilson und anderen Personen der Regierung bekannt,ohne daß sie etwas dagegen unternahmen. Als die deutsche Botschafteine Warnung an amerikanische Passagiere drucken lassen wollte, inter-venierte das Außenministerium gegen die Veröffentlichung. Als dieLusitania zu ihrer letzen Fahrt den New Yorker Hafen verließ, war sieim Grunde ein schwimmendes Waffendepot.
Die Briten wußten, daß die Verwicklung der Vereinigten Staaten inden Krieg den Unterschied zwischen Niederlage und Sieg ausmachenwürde, und jede dazu taugliche Maßnahme schien willkommen – selbstdas kaltblütig geplante Opfer eines seiner größten Schiffe mit Englän-dern an Bord. Doch der Trick bestand darin, auch Amerikaner an Bordzu haben, um ein emotional aufgeheiztes Klima in den VereinigtenStaaten zu schaffen. Als die Lusitania in feindliche Gewässer vorstieß,wo ein deutsches U-Boot auf der Lauer lag, befahl der britische Marine-minister Winston Churchill den Abzug des Zerstörers, der das Schiffschützen sollte. Dieser Zug wie auch die befohlene Verringerung derGeschwindigkeit machte aus der Lusitania ein leichtes Ziel. Nach demEinschlag eines gut gezielten Torpedos zerriß eine zweite Explosionvon innen das Schiff, das viele für unsinkbar hielten, und es gurgelte inweniger als 18 Minuten auf den Meeresgrund.
Die Tat war vollbracht, und sie erzeugte ganze Wellen der Abneigunggegen die Deutschen. Diese Wellen überfluteten auch Washington undspülten die Vereinigten Staaten in den Krieg hinein. Innerhalb wenigerTage nach der Kriegserklärung billigte der Kongreß einen Milliarden-kredit für England und Frankreich. 200 Millionen Dollar wurden umge-hend nach England geschickt und auf Konten von Morgan geleitet. Diegewaltigen, für den Krieg benötigten Geldmengen wurden vom FederalReserve System geschaffen, also von den Amerikanern mit Hilfe derversteckten Steuer, Inflation genannt, eingezogen. Innerhalb von nur
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fünf Jahren hatte diese Steuer die Hälfte all ihrer Ersparnisse verschlun-gen. Die unendlich höheren Kosten in Form amerikanischen Bluteskamen auf diese Rechnung obendrauf.
So kam es also, daß vollkommen verschiedene Motive solch unter-schiedlichsten Persönlichkeiten wie Churchill, Morgan, Oberst Houseund Wilson sich in dem einen Punkt zusammenfanden: Amerika in denErsten Weltkrieg zu treiben. Churchill suchte den militärischen Vorteil,Morgan strebte nach den Kriegsgewinnen, House hatte es auf politischeMacht abgesehen, und Wilson träumte von der Chance, nach demKriege einen Völkerbund zu dominieren.

Kapitel 13
Maskerade in Moskau
Die von Cecil Rhodes gegründete geheime Gesellschaftzum Zwecke der Weltherrschaft; die Errichtung einerZweigstelle dieser Gruppierung in Amerika, genanntAusschuß für Auswärtige Beziehungen; die Rolle derFinanzleute in diesen Gruppen bei der Finanzierungder russischen Revolution; die Nutzung der Rot-Kreuz-Mission in Moskau als Tarnung für dieses Vorhaben.
Eine der größten Mythen der Geschichte besagt, die BolschewistischeRevolution in Rußland sei ein Aufstand der elenden Massen gegen dieverhaßte herrschende Klasse des Zaren gewesen. Wie wir jedoch sehenwerden, geschahen die Planung, die Lenkung und vor allem die Finan-zierung vollständig außerhalb Rußlands, zum größten Teil von Finanz-leuten in Deutschland, Großbritannien und den Vereinigten Staaten.Weiterhin werden wir feststellen, daß die Rothschild-Formel eine we-sentliche Rolle bei diesen Ereignissen spielte.
Die verblüffende Geschichte beginnt mit dem Krieg zwischen Ruß-land und Japan 1904. Jacob Schiff, Leiter des New Yorker Investment-hauses Kuhn, Loeb & Co., hatte das Kapital für eine große Kriegsanlei-he für Japan zusammenbracht. Aufgrund dieser Finanzierung waren dieJapaner zu dem verblüffenden Angriff auf die Russen bei Port Arthurund im folgenden Jahr zur Dezimierung der russischen Flotte fähig.1905 verlieh der Mikado Jacob Schiff eine Medaille in Anerkennungseiner Verdienste für Japan.
Während zwei Jahren der Feindseligkeit wurden Tausende von russi-schen Soldaten und Matrosen gefangengenommen. Gegner des Zaren-regimes außerhalb Rußlands finanzierten den Druck marxistischer Pro-pagandaschriften und ließen sie in die Gefangenenlager schaffen.Russischsprechende Revolutionäre wurden in New York ausgebildetund auf den Weg geschickt, um die Pamphlete unter den Gefangenen zuverteilen, um sie zur Rebellion gegen ihre eigene Regierung aufzusta-cheln. Als der Krieg vorüber war, kehrten diese Offiziere und Soldatennach Hause zurück und wurden dort zu einem Samen des Verrates gegenden Zaren. Einige Jahre später spielten sie eine wesentliche Rolle bei
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der Meuterei während der kommunistischen Machtübernahme in Ruß-land.
Trotzki als Doppelagent
Einer der bekanntesten russischen Revolutionäre dieser Zeit war LeoTrotzki. Im Januar 1916 wurde er aus Frankreich ausgewiesen und kamin die Vereinigten Staaten. Es wurde behauptet, seine Unkosten seienvon Jacob Schiff getragen worden, doch hierfür gibt es keine Beweise.Die Indizien jedoch weisen auf einen wohlhabenden Gönner in NewYork hin. Trotzki blieb mehrere Monate, schrieb für eine russischesozialistische Zeitung namens Novy Mir (Neue Welt) und hielt revolutio-näre Reden bei Massenversammlungen in New York City. Trotzki selbstberichtete, häufig sei ihm von einem reichen Freund, der nur Doktor M.genannt wurde, eine Limousine mit Chauffeur zur Verfügung gestelltworden. In dem Buch Mein Leben schrieb Trotzki:
Die Frau des Doktors nahm meine Frau und die Jungs mit dem Automit und war sehr nett zu ihnen. Doch war sie nur eine Sterbliche,während der Chauffeur ein Zauberer war, ein Titan, ein Supermann.Mit dem Wink einer Hand brachte er die Maschine dazu, seinegeringsten Befehle zu befolgen. Neben ihm zu sitzen war der höchsteGenuß. Wenn sie in eine Teestube gingen, fragten die Jungs besorgtihre Mutter: »Wieso kommt der Chauffeur nicht mit hinein?«(1)
Es muß ein seltsamer Anblick gewesen sein, die Familie des großensozialistischen Radikalen, des Verteidigers der Arbeiterklasse, des Fein-des des Kapitalismus dabei zu erleben, wie sie die Annehmlichkeiteneiner Teestube und eines Chauffeurs in Anspruch nahmen, also dereigentlichen Symbole des kapitalistischen Luxus!
Am 23. März 1917 gab es in der Carnegie Hall eine Versammlungzur Feier der Abdankung von Nikolaus II., die den Sturz des Zaren-regimes in Rußland bedeutete. Tausende von Sozialisten, Marxisten,Nihilisten und Anarchisten hatten sich zum Jubeln eingefunden. AmTag darauf veröffentlichte die New York Times auf Seite 2 ein Tele-gramm von Jacob Schiff, das vor dem Publikum verlesen worden war.Er drückte sein Bedauern aus, nicht teilnehmen zu können, und be-schrieb dann die erfolgreiche russische Revolution als »... worauf wir
(1) Leo Trotzki, My Life (New York: Scribner's, 1930), S. 277.
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gehofft und wonach wir gestrebt haben in diesen langen Jahren«(2). In derAusgabe des New York Journal American vom 3. Februar 1949 wirdSchiffs Enkel John von dem Kolumnisten Cholly Knickerbocker zitiert,sein Großvater habe ungefähr 20 Millionen Dollar für den Triumph desKommunismus in Rußland spendiert.(3)
Als Trotzki im Mai 1917 nach Petrograd zurückkehrte, um die bol-schewistische Phase der russischen Revolution zu organisieren, trug er10 000 Dollar für Reiseausgaben bei sich. Ein äußerst großzügigerFonds, wenn man den Wert des Dollar zu damaliger Zeit zugrundelegt.Die Höhe dieses Betrages ist gesichert, denn Trotzki wurde von kanadi-schen und britischen Marineangehörigen festgenommen, als sein Schiff,die S.S. Kristianiafjord, in Halifax, Kanada, anlegte. Deshalb gibt esamtliche Aufzeichnungen über seinen Geldbesitz. Die Quelle des Gel-des stand immer im Mittelpunkt von Spekulationen, doch alle Indiziendeuten darauf hin, daß es von der deutschen Regierung stammte. Es wareine erstklassige Investition.
Trotzki wurde nicht aus einer Laune heraus festgenommen. Man sahin ihm eine Bedrohung wichtiger Interessen Englands, also KanadasMutterland im British Commonwealth. Rußland war Englands Verbün-deter im Ersten Weltkrieg, der gerade in Europa wütete. Was auchimmer Rußland schwächte – und dies schloß natürlich eine Revolutionein –, würde umgekehrt Deutschland stärken und England schwächen.Am Abend vor seiner Abreise hatte Trotzki in New York eine Redegehalten, in der er sagte: »Ich kehre zurück nach Rußland, um dieprovisorische Regierung zu stürzen und den Krieg mit Deutschland zubeenden.«(4) Trotzki stellte also eine reale Bedrohung für England dar. Er
(2)»Mayor Calls Pacifits Traitors«, The New York Times, 24. März 1917, S. 2.
(3)Um Schiffs Motive zur Unterstützung der Bolschewiken zu begreifen, solltenwir uns daran erinnern, daß er Jude war und daß russische Juden unter demZaren verfolgt worden waren. Die Juden in Amerika waren also bereit, jedeBewegung zu unterstützen, die die russische Regierung stürzen wollte, und dieBolschewiken zählten zu den geeignetsten Kandidaten. Doch auch die WallStreet, vertreten zum Beispiel durch Kuhn, Loeb & Co. mit Schiff als Senior-partner, wollte das alte Regime in die Hände von Revolutionären fallen sehen,die möglicherweise in Zukunft lukrative Konzessionen erteilen würden imAustausch für frühere finanzielle Unterstützung.
(4)Der vollständige Bericht dieser Zusammenkunft wurde dem US-Militär-Ge-heimdienst übergeben. Siehe Senate Document Nr. 62, 66. Kongreß, Report andHearings of the Subcommittee an the Judiciary, United States Senate, 1919,Band II, S. 2680.
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wurde als ein deutscher Agent verhaftet und als Kriegsgefangener be-handelt.
In diesem Zusammenhang gesehen, kann man die Macht der geheim-nisvollen Kräfte verstehen, die in England und in den VereinigtenStaaten zugunsten einer Freilassung Trotzkis intervenierten. Umgehendtrafen Telegramme in Halifax aus solch unterschiedlichen Quellen einwie einem obskuren Anwalt in New York City, vom kanadischen Post-minister und selbst von einem hochrangigen britischen Offizier. Alleerkundigten sich nach Trotzkis Lage und drängten auf seine sofortigeFreilassung. Der Leiter des britischen Geheimdienstes in Amerika wardamals Sir William Wiseman, der, wie das Schicksal es fügte, direktüber dem Appartement von Edward Mandell House wohnte und sichrasch mit ihm angefreundet hatte. House berichtete Wiseman, PräsidentWilson wünsche Trotzkis Freilassung. Wiseman unterrichtete seine Re-gierung, und die britische Admiralität erteilte am 21. April den Befehl,Trotzki ziehen zu lassen.(5) Das war eine schicksalhafte Entscheidung,die nicht nur den Ausgang des Krieges, sondern die Zukunft der gesam-ten Welt beeinflußte.
Es wäre falsch, den Schluß zu ziehen, Jacob Schiff und Deutschlandwären in diesem Drama die einzigen Mitspieler gewesen. Trotzki wärenicht einmal bis Halifax gekommen ohne einen amerikanischen Paß,und diesen hatte er durch die persönliche Intervention Präsident Wilsonserhalten. Professor Antony Sutton erklärt:
Präsident Wilson war die gute Fee, die Trotzki mit einem Paß zurRückkehr nach Rußland ausstattete, um die Revolution »voranzu-tragen«. Zur gleichen Zeit waren aufmerksame Bürokraten des Au-ßenministeriums besorgt, solche Revolutionäre könnten nach Ruß-land gelangen, und deshalb versuchten sie, strengere Maßstäbe beiPaß-Angelegenheiten durchzusetzen.(6)
Und es gab noch andere. 1911 druckte der St. Louis Dispatch eineKarikatur von einem Bolschewiken namens Robert Minor. Dieser wur-de später im zaristischen Rußland wegen revolutionärer Aktivitätenverhaftet, und auch er war von berühmten Financiers der Wall Street
(5)»Why Did We Let Trotyky Go? How Canada Lost an Opportunity to Shorten theWar«, MacLeans magazine, Canada',' June, 1919. Siehe auch Martin, S. 163-164. (6)
Antony C. Sutton, Wall Street and the Bolshevik Revolution (New Rochelle,New York: Arlington House, 1974), S. 25.
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unterstützt worden. Da wir mit Sicherheit voraussetzen können, daß ersein Thema gut kannte, ist diese Karikatur von großer geschichtlicherBedeutung. Sie zeigt Karl Marx mit einem Buch, das den Titel Sozialis-mus trägt, unter dem Arm, wie er in einer jubelnden Menge auf der WallStreet steht. Umstanden und enthusiastisch begrüßt wurde er von Perso-nen mit Seidenhüten, die man als John D. Rockefeller, J. P. Morgan,John D. Ryan von der National City Bank, George W. Perkins undTeddy Roosevelt, dem Führer der Progressive Party, erkannte.
Der Betrachter kann hier ein klares Muster starker Unterstützung fürden Bolschewismus aus den höchsten finanziellen und politischen Macht-zentren der Vereinigten Staaten herauslesen; von Männern also, dievermutlich »Kapitalisten« waren und die dem allgemeinen Glaubenzufolge Todfeinde des Sozialismus und Kommunismus hätten seinmüssen.
Doch dieses Phänomen war nicht beschränkt auf die VereinigtenStaaten. In seinem Buch Mein Leben berichtet Trotzki von einem briti-schen Financier, der ihm 1907 ein »großes Darlehen« gegeben habe,rückzahlbar nach dem Sturz des Zaren. Arsene de Goulevitch, der auserster Hand die Bolschewistische Revolution beobachtete, teilte sowohlden Namen des Financiers als auch die Höhe des Darlehens mit. »Inprivaten Gesprächen«, sagte er, »wurde mir anvertraut, Lord AlfredMilner habe mehr als 21 Millionen Rubel für die russische Revolutionspendiert ... Der gerade genannte Financier war jedoch keineswegsallein unter den Briten, der die russische Revolution mit großen finanzi-ellen Zuwendungen unterstützte.« Ein weiterer, ausdrücklich vonGoulevitch genannter Name war Sir George Buchanan, zu der Zeitbritischer Botschafter in Rußland.(7)
Es war eine Sache, daß Amerikaner das zaristische Rußland untermi-nieren wollten und damit indirekt Deutschland im Krieg halfen, dennAmerika war bis dahin neutral. Doch für britische Bürger kam dieseinem Verrat nahe. Um zu verstehen, welcher übergeordneten Loyalitätsich diese Männer verpflichtet fühlten, daß sie ihren Kriegsalliiertenbetrogen und das Blut eigener Landsleute opferten, müssen wir uns dieeinzigartige Organisation anschauen, der sie angehörten.
(7)Arsene de Goulevitch, Czarism and Revolution (Hawthorne, California: OmniPublications, o. J.; zitiert aus der französischen Ausgabe, 1962), S. 224, 230.
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Die geheime Gesellschaft
Lord Alfred Milner war eine der Schlüsselfiguren bei der Organisa-tion einer geheimen Gesellschaft, die zu jener Zeit bereits 16 Jahreexistierte. Ihr Bestreben war nichts geringeres als die stille Beherr-schung der Welt. Die Eroberung Rußlands wurde nur als erster Teil ihresPlanes angesehen. Da die Organisation heute noch existiert und weitereFortschritte auf dem Weg zu ihrem Ziel macht, muß ihr Werdegang indieser Untersuchung erwähnt werden.
Eines der maßgeblichen Nachschlagewerke über diese Gruppe heißtTragedy and Hope von Dr. Carroll Quigley. Er war Geschichtsprofessoran der Georgetown University, wo der spätere Präsident Clinton zuseinen Studenten gehörte. Er war außerdem Autor des bekannten Lehr-buches Evolution of Civilization, Mitglied der Herausgeberschaft desmonatlich erscheinenden Magazins Current History, und er war begehrtals Dozent und Berater für das Industrial College of the Armed Forces,die Brookings Institution, das U.S. Naval Weapons Laborator y, dasNaval College, das Smithsonian Institute und das Außenministerium.Doch Dr. Quigley war nicht nur Akademiker. Er wurde auch mit vielenFamilien der Superreichen in Verbindung gebracht. Wie er sich selbstbrüstete, war er ein Insider mit dem allerfeinsten Ausblick auf die Weltdes Geldes.
Als Dr. Quigley sein gelehrtenhaftes 1300-Seiten-Buch mit trocke-ner Geschichte schrieb, war das gar nicht für die Massen bestimmt,sondern für die intellektuelle Elite. Dieser ausgesuchten Leserschafteröffnete er eines der bestgehüteten Geheimnisse aller Zeiten. Er ließjedoch auch durchblicken, daß er ein freundlicher Apologet dieserGruppe war und ihre Ziele und Absichten unterstützte. Dr. Quigleyschrieb:
Ich kenne das Wirken dieses Netzwerkes, weil ich es über 20 Jahrebeobachtet habe und weil mir in den 1960ern für zwei Jahre gestattetwurde, die Papiere und geheimen Aufzeichnungen durchzusehen. Ichverspüre keine Abneigung gegen das Netzwerk selbst oder seine Zieleund stand ihm lange nahe ... Ich kann jedoch keinesfalls seinenWunsch teilen, geheim zu bleiben.(8)
(8)Carroll Quigley, Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time (NewYork: Macmillan, 1966), S. 950.
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Wie gesagt, Quigleys Buch richtete sich an eine Elite aus Gelehrten undMitgliedern des Netzwerkes. Unerwarteterweise wurde er aber in denPublikationen der John Birch Society zitiert, die korrekt erkannt hatte,daß sein Werk einen wertvollen Blick in die innere Funktionsweiseeiner versteckten Machtstruktur gestattete. Die John Birch Society stießeine große Nachfrage nach dem Buch auch bei den Leuten an, die demNetzwerk gegenüberstanden und neugierig darauf waren, was ein Insi-der zu berichten hatte. Dies entsprach nicht der eigentlichen Absicht.Was dann geschah, wird am besten von Quigley selbst beschrieben. Ineinem persönlichen Brief vom 9. Dezember 1975 ließ er wissen:
Vielen Dank für Ihr Lob bezüglich Tragedy and Hope, ein Buch, dasmir Kopfschmerz bereitet, weil es offensichtlich Dinge erwähnt, diemächtige Leute nicht bekannt werden lassen möchten. Mein Heraus-geber stellte den Verkauf 1968 ein und versprach eine Wiederauflage(doch 1971 teilte er meinem Anwalt mit, man habe die Druckplatten1968 vernichtet). Der Preis für noch erhältliche Exemplare schnellteauf 135 Dollar hoch, und Teile davon wurden unter Verletzung desCopyrights nachgedruckt. Mir waren die Hände gebunden, denn ichglaubte dem Herausgeber, und er wollte nichts unternehmen, wenneine Kopie auf dem Markt erschien. Erst als ich 1974 einen Anwalteinschaltete, erhielt ich einige Antworten auf meine Fragen ...
In einem weiteren persönlichen Brief ging Quigley ebenfalls auf dieDoppelzüngigkeit des Herausgebers ein:
Sechs Jahre lang log er mich an, indem er behauptete, er würde eineNeuauflage herausgeben, sobald 2000 Bestellungen vorlägen ... Dieswar jedoch ausgeschlossen, denn man erzählte jedem Nachfragen essei ausverkauft und würde nicht neu erscheinen. Mir gegenüberwurde dies bestritten, bis ich ihnen Kopien solcher Nachfragen ausBibliotheken vorlegte, woraufhin man von einem Irrtum eines Ange-stellten sprach. Mit anderen Worten, sie haben mich angelogen undmich daran gehindert, die Nachdruckrechte zu erwerben ... Mir istziemlich klar, daß Tragedy and Hope unterdrückt werden sollte ...(9)
(9)Diese Briefe wurden zuerst im Sommer 1976 in Conspiracy Digest veröffent-licht, die Originale wurden nicht aufgefunden, doch der Autor konnte denAnwalt Paul Wolff ausfindig machen, der in Telefongesprächen und später auchschriftlich bestätigte, daß die entscheidenden Details korrekt seien.
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Für das Verständnis dafür, daß »mächtige Leute« das Buch unterdrük-ken wollten, sind die folgenden Zeilen wichtig, in denen Dr. Quigley dieZiele des Netzwerkes, das aus weltweit tätigen Financiers besteht,beschreibt:
... nichts geringeres als die Schaffung eines weltweiten Systems derFinanzkontrolle in privaten Händen, um das politische System jedesStaates und die Wirtschaft der Welt insgesamt bestimmen zu können.Das System konnte in geradezu feudalistischer Manier von den Zen-tralbanken kontrolliert werden durch geheime Absprachen, die beiregelmäßigen privaten Treffen und auf Konferenzen getroffen werdensollten ...
Jede Zentralbank – in den Händen solcher Männer wie Montagu Nor-man von der Bank of England, Benjamin Strong von der New YorkFederal Reserve Bank, Charles Rist von der Bank von Frankreich undHjalmar Schacht von der Reichsbank – suchte ihre jeweilige Regierungzu dominieren, und zwar mit ihrem Einfluß auf Schatzanweisungen,Wechselkurse, dem Einfluß auf die wirtschaftliche Aktivität eines Lan-des; außerdem wollte man mitwirkende Politiker für ihr Entgegenkom-men in der Geschäftswelt belohnen.(10)
Diese Art von Informationen möchten »mächtige Leute« vor demgemeinen Menschen verbergen.
Es ist bemerkenswert, daß Quigley diese Gruppe als »Netzwerk«beschreibt. Dieses stimmt genau, und erst dadurch versteht man dieKräfte des internationalen Finanzwesens. Das Netzwerk ist nicht diegeheime Gesellschaft. Es wird zweifellos von ihr dirigiert, und es gibtMitglieder dieser Gesellschaft an entscheidenden Stellen des Netzwer-kes, doch wir können gewiß sein, daß viele Menschen innerhalb diesesNetzwerkes wenig oder gar keine Ahnung von einer verborgenen Kon-trolle besitzen. Um dies zu erklären, sollten wir zu den Ursprüngendieser geheimen Gesellschaft zurückkehren.
Ruskin, Rhodes und Milner
1870 wurde ein wohlhabender britischer Sozialist namens John Ruskinzum Kunstprofessor an der Oxford University in London berufen. Erlehrte, der Staat müsse die Kontrolle über die Produktionsmittel ergrei-fen und zum Wohle der Gemeinschaft als Ganzem einsetzen. Er befür-
(10)Quigley, Tragedy, S. 324.
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wortete außerdem, die Geschäfte des Staates in die Hände einer kleinenherrschenden Klasse zu legen, möglicherweise gar eines einzigen Dik-tators. Er meinte: »Mein ständiges Bestreben war es, die Überlegenheiteiniger Menschen über andere zu zeigen, sogar die eines Mannes überalle anderen.«(11)
Dies ist natürlich die gleiche intellektuelle Denkweise wie die derKommunisten. Lenin hat gelehrt, man könne den Massen nicht vertrau-en, ihre eigenen Angelegenheiten zu regeln, und daß deshalb eineGruppe disziplinierter Intellektueller diese Rolle für sie übernehmenmüsse. Diese Funktion sollte die Kommunistische Partei erfüllen, derniemals mehr als drei Prozent der Bevölkerung angehörten. Selbst wenndie Farce freier Wahlen stattfindet, werden nur Parteimitglieder – odervom KGB kontrollierte Personen – für eine Kandidatur zugelassen. DasKonzept, daß nur eine herrschende Partei oder Klasse die ideale Grund-lage für die Gesellschaft darstellt, liegt allen kollektivistischen Syste-men zugrunde. Ob es sich nun um Sozialismus, Kommunismus, Nazis-mus, Faschismus oder irgendeinem anderen »-ismus« handeln mag.Anhänger dieser elitären Mentalität kommen also in jedem dieser Lagerzurecht. Eine Tatsache, auf die Dr. Quigley anspielte: »Dieses Netz-werk, das wir als Runder Tisch bezeichnen mögen, zeigt keine Ableh-nung gegen eine Kooperation mit den Kommunisten oder andere Grup-pen, und handelt häufig auch dementsprechend.«(12)
Zum Thema des Ursprungs dieser Gruppe schreibt Dr. Quigley:
Ruskin sprach zu den Oxford-Studenten als Mitgliedern der privile-gierten herrschenden Klasse. Er sagte ihnen, sie besäßen eine her-vorragende Tradition der Erziehung, Schönheit, Gerechtigkeit, Frei-heit, Anstand und Selbstdisziplin, daß diese Tradition jedoch nichtgerettet werden könne und dies auch nicht verdiene, wenn sie nichtauf die unteren Klassen in England selbst und in der ganzen Weltausgedehnt werden würde.
Ruskins Botschaft machte einen sensationellen Eindruck. SeineAntrittsvorlesung wurde von dem Studenten Cecil Rhodes hand-schriftlich vervielfältigt, der sie 30 Jahre aufbewahrte.(13)
(11)Siehe Kenneth Clark, Ruskin Today (New York: Holt, Reinhart & Winston,1964), S. 267.(12)
Quigley, Tragedy, S. 950.(13)
Ebenda, S. 130.
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Cecil Rhodes hat eines der größten Vermögen der Welt angehäuft. MitHilfe der Bank of England und Financiers wie Rothschild konnte erpraktisch ein Monopol der Diamantengewinnung in Südafrika und auchdes größten Teiles der Goldbergwerke gewinnen. Den größeren Teildieser enormen Einkommen gab er für John Ruskins Idee der herr-schenden Klasse aus.
Dr. Quigley:
Die Rhodes-Stipendien, Teil seines letzen Willens, sind wohlbekannt.Weit weniger bekannt ist die Tatsache, daß Rhodes in fünf früherenTestamenten sein Vermögen einer geheimen Gesellschaft vermachte,die sich dem Erhalt und der Ausweitung des Britischen Empirewidmen sollte. Was offensichtlich niemandem bekannt ist: Diesegeheime Gesellschaft wurde von Rhodes und seinem Vermögensver-walter Lord Milner gegründet und existiert bis zum heutigen Tag ...In dem Buch, das er über Rhodes Testamente schrieb, stellt Stead[Mitglied des inneren Kreises] an einer Stelle fest: »Mr. Rhodes warmehr als der Gründer einer Dynastie. Er trachtete danach, Schöpfereiner dieser riesigen semi-religiösen, quasi-politischen Vereinigun-gen zu werden, die, wie die Society of Jesus, eine solch wichtige Rollein der Welt spielen sollte. Um es auf den Punkt zu bringen: Er wollteeinen Orden gründen als Instrument des Willen der Dynastie.«(14)
In dieser geheimen Gesellschaft sollte Rhodes der Anführer sein;Stead, Brett (Lord Esher) und Milner sollten das Exekutivkomiteebilden; Lord Balfour, Sir Harry Johnston, Lord Rothschild, LordGrey und andere wurden als mögliche Mitglieder eines »Kreises derEingeweihten« genannt. Wobei es noch einen äußeren Kreis mit demTitel Association of Helpers gab (später von Milner zur Organisationdes Runden Tisches zusammengefügt).(15)
Das Muster der Konspiration
Hier war nun das klassische Muster der politischen Konspiration.Diese Struktur erlaubte es Quigley, zwischen dem internationalen »Netz-werk« und der geheimen Gesellschaft innerhalb dieses Netzwerkes zuunterscheiden. Im Mittelpunkt steht immer eine kleine Gruppe im Be-
(14)Carroll Quigley, The Anglo-American Establishment: From Rhodes to Cliveden(New York: Books in Focus, 1981) S. ix, 36.(15)
Quigley, Tragedy, S. 131.
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sitz der Macht, mit einem Mann als unumstrittenem Anführer. Dannkommt ein Kreis der zweiten Führerschicht, die sich zum größten Teildes inneren Kernes nicht bewußt ist. Man läßt sie glauben, sie selbstseien dieser innerste Kern.
Während sich diese Konspirationen vom Kern her immer weiterausweiten, bilden sie zusätzliche Ringe von Organisationen. Die amäußeren Rande tätigen gehören häufig zu den Idealisten mit dem auf-richtigen Wunsch, die Welt zu verbessern. Niemals würden sie eineinnere Kontrolle vermuten, die andere Zwecke verfolgt, und nur diewenigen, die unzweifelhafte Fähigkeiten zur höheren Führerschaft zei-gen, dürfen jemals einen Blick ins Zentrum werfen.
Nach dem Tode von Cecil Rhodes fiel die Führerschaft des innerenKreises an Lord Alfred Milner, den Governor-General und HighCommissioner of South Africa. Seine Funktionen bei einer Reihe öffent-licher Banken und auch bei der englischen Midland Bank machten ausihm einen der mächtigsten Männer in der Politik und im Finanzwesen.Milner rekrutierte für seine geheime Gesellschaft eine Gruppe jungerMänner vor allem aus Oxford und Toynbee Hall. Quigley dazu:
Durch seine Macht gewannen diese Männer wichtige Posten bei derRegierung und im internationalen Finanzwesen und erlangten einendominierenden Einfluß auf Großbritanniens Außenbeziehungen bis1939 ... Von 1909 bis 1913 organisierten sie quasi geheime Gruppen,bekannt als Runder-Tisch-Gruppen, in den britischen Überseegebie-ten und den Vereinigten Staaten ...
Das Geld für die weitverzweigten Aktivitäten dieser Organisationstammte ... ganz wesentlich aus dem Rhodes-Trust und von reichenGesinnungsgenossen wie den Beit-Brüdern, Sir Abe Bailey und nach1915 von der Familie Astor ... sowie von Stiftungen und Unterneh-men, die mit der Bruderschaft des internationalen Bankwesens ver-bunden waren, vor allem der Carnegie United Kingdom Trust, ande-re Organisationen verbunden mit Morgan, die Familien der Rockefellerund Whitney, den Teilhabern der Lazard-Brüder und von Morgan,Grenfell & Co ...
Am Ende des Krieges wurde es klar, daß man die Organisationdieses Systems stark ausweiten müßte. Wieder wurde diese AufgabeLionel Curtis übertragen, der in England und in jedem Dominion zuder jeweiligen Gruppe des Runden Tisches eine Speerspitze hinzufüg-te. Dieses sogenannte Königliche Institut für Internationale Angele-
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genheiten hatte als Kern den jeweiligen Runden Tisch. In New Yorkwar es bekannt als Council on Foreign Relations und pflegte gewisseBeziehungen mit der sehr kleinen American Round Table Group.(16)
The Council on Foreign Relations war ein Ergebnis des Fehlschlagesder Politiker, am Ende des Ersten Weltkrieges den Völkerbund als echteWeltregierung zu etablieren. Den geistigen Vorreitern war deutlich ge-worden, daß eine rasche Umsetzung nicht zu erwarten war. Sollte ihrPlan vorangebracht werden, könnte dieses nur auf der Basis des langsa-men Fortschrittes geschehen, wie dies die Schildkröte der Fabier dar-stellt. Rose Martin hierzu:
Oberst House war nur ein Mann, wo eine ganze Masse gebrauchtwurde. Er hatte das Muster vorgegeben und die Ziele der Zukunftskizziert, und noch immer hatte er ein oder zwei Vorhaben im KopfVor allem hielt er es für nötig, daß die Fabier eine anglo-amerikani-sche Planungsgruppe auf höchster Ebene ins Leben rufen, die sichmit auswärtigen Beziehungen befassen und insgeheim die Politikbeeinflussen und zudem die öffentliche Meinung »erziehen« sollte ...
Den ehrgeizigen jungen Fabiern, Briten wie Amerikaner, die alsWirtschaftler und Nachwuchsbeamte zur Friedenskonferenz ström-ten, wurde bald klar, daß es dort in Paris keine Neue Weltordnunggeben würde ... Sie alle lud Oberst House am 19. Mai 1919 zu einerAbendveranstaltung im Hotel Majestic ein, zu der auch eine Gruppeenglischer Fabier wie Arnold Toynbee, R. H. Tawney und JohnMaynard Keynes geladen war Sie alle waren aus unterschiedlichenGründen vom Ausgang des Friedens enttäuscht. Sie trafen die Verein-barung, eine Organisation mit Zweigstellen in England und Amerikazu gründen, die »internationale Fragen wissenschaftlich untersu-chen sollte«. Dies war der Beginn zweier mächtiger und eng verbun-dener meinungsbildender Institutionen. Der englische Zweig wurdeRoyal Institute of International Affairs genannt. Der amerikanischeZweig wurde 1921 zum Council on Foreign Relations.(17)
Vor allem mit Hilfe dieser Gruppierung und ihres Einflußes auf dieMedien, steuerfreien Stiftungen, Universitäten und Regierungsämtern
(16)Quigley, Tragedy, S. 132,951-952.(17)Martin, S. 174-175.
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konnten die internationalen Financiers die innen- und außenpolitischeHaltung der Vereinigten Staaten entscheidend bestimmen.
Wir werden noch ausführlicher über den CFR sprechen müssen, dochjetzt konzentrieren wir uns auf Großbritannien und die Unterstützungdes Kommunismus in Rußland durch Lord Alfred Milner und seinegeheimen Gesellschaften.
Agenten des Runden Tisches in Rußland
Vor und während der Revolution gab es in Rußland viele örtlicheBeobachter, Touristen und Zeitungsleute, die berichteten, überall imLande – aber besonders in Petrograd – gäbe es britische und amerikani-sche Agenten, die Geld für Aufruhr boten. In einem Bericht heißt esbeispielsweise, britische Agenten seien beobachtet worden, wie sie25-Rubel-Scheine an die Männer des Pawlowski-Regimentes verteilten,und zwar wenige Stunden, ehe diese gegen ihre Offiziere meuterten undsich auf die Seite der Revolution schlugen. Aus späteren Publikationenvon Dokumenten und Memoiren wurde deutlich, daß dieses Geld vonMilner bereitgestellt und über den britischen Botschafter in Rußland,Sir Georg Buchanan, weitergeflossen war.(18)Es war eine Wiederholungdes Tricks, der für die Clique in der Vergangenheit schon so oft und sogut funktioniert hatte. Mitglieder des Runden Tisches waren wieder aufbeiden Seiten des Konfliktes tätig, um eine in ihrem Visier befindlicheRegierung zu schwächen und zu stürzen. Zar Nikolaus hatte jedenGrund anzunehmen, britische Beamte wären die letzten auf dieser Erde,die gegen ihn konspirieren würden, denn schließlich war England Ruß-lands Alliierter im Krieg gegen Deutschland. Doch der britische Bot-schafter selbst gehörte zu der verborgenen Gruppe, die den Zarensturzfinanzierte.
Die amerikanischen Verschwörer des Runden Tisches besaßen nichtden Vorteil, den diplomatischen Dienst als Deckung nutzen zu können,und mußten deshalb raffinierter vorgehen. Sie traten nicht als Diploma-ten oder Geschäftsleute auf, sondern als Rot-Kreuz-Beamte auf einerhumanitären Mission. Die Gruppe bestand fast ausschließlich aus Finanz-leuten, Rechtsanwälten und Wirtschaftsprüfern New Yorker Bankenund Investmenthäuser. Sie hatten das amerikanische Rote Kreuz mithohen Zuwendungen bedacht und sich damit das Vorrecht erworben, inseinem Namen aufzutreten. Professor Sutton berichtet:
(18)Siehe de Goulevitch, S. 230.
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Der Spendenaufruf (des Roten Kreuzes) von 1910 erbrachte zweiMillionen Dollar, aber nur, weil er von den wohlhabenden Einwoh-nern New Yorks unterstützt wurde. J. P Morgan persönlich stellte100 000 zur Verfügung ..., [sein Partner] Henry P Davison warVorsitzender des Spenden-Komitees und wurde später Vorsitzenderdes Kriegs-Ausschusses des amerikanischen Roten Kreuzes ... DasRote Kreuz allein konnte die Anforderungen des Ersten Weltkriegesnicht erfüllen und wurde folglich von diesen New Yorker Bankernfaktisch übernommen.(19)
Während des Krieges war das Rote Kreuz praktisch zu einem Teil derStreitkräfte geworden und unterlag den Befehlen der Militärbehörden.Es war nicht klar, wer diese Behörden waren, denn es gab niemalsBefehle, aber das Arrangement ermöglichte den Teilnehmern, die Uni-form amerikanischer Armeeoffiziere zu tragen. Die gesamten Ausgabender Rot-Kreuz-Mission in Rußland einschließlich des Kaufes von Uni-formen wurden von dem Mann getragen, der von Präsident Wilson zumLeiter der Aktion berufen wurde: »Oberst« William Boyce Thompson.
Er war ein klassischer Vertreter des Netzwerkes des Runden Tisches.Nach dem Beginn seiner Karriere als Spekulant in Kupferminen ging erbald in die Welt der Hochfinanz. Er refinanzierte die American WoolenCompany und die Tobacco Products Company; gründete die CubanCane Sugar Company; erwarb die Mehrheit in der Pierce Arrow MotorCar Company; organisierte die Submarine Boat Corporation und dieWright-Martin Aeroplane Company; wurde Direktor der Chicago RockIsland & Pacific Railway, der Magma Arizona Railroad und derMetropolitan Life Insurance Company; war einer der größten Aktien-besitzer der Chase National Bank; ein Agent für J. P. Morgans briti-schen Wertpapierhandel; wurde der erste Vollzeitdirektor der FederalReserve Bank of New York und spendete natürlich eine ViertelmillionDollar dem Roten Kreuz.
Als Thompson in Rußland eintraf, machte er sogleich klar, daß ernicht der typische Rot-Kreuz-Vertreter sei. Der Biograph HermannHagedorn meinte:
Er schuf sich absichtlich das Ambiente, das von einem amerikani-schen Magnaten erwartet wurde: Er bezog Quartier in einer Suite
(19)Sutton, Revolution, S. 72.
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des Hotel de l'Europe, erwarb eine französische Limousine, besuchtepflichtbewußt Empfänge und entwickelte heftiges Interesse an derKunst. Die Gesellschaft und die Diplomaten, die ihn für einen talen-tierten und mächtigen Mann hielten, scharten sich bald um ihn. Erwurde bewirtet in den Botschaften, den Häusern von Kerenskys Mini-stern. Man bemerkte seine Vorliebe für Sammlungen, und wer antikeSchätze zum Verkauf besaß, umschwärmte ihn, bot ihm Miniaturenan, Dresdner Porzellan, Wandteppiche und sogar den einen oderanderen Palast?(20)
Wenn Thompson die Oper aufsuchte, wurde ihm die kaiserlicheLoge angeboten. Die Menschen auf der Straße nannten ihn denamerikanischen Zaren. Und es ist nicht erstaunlich, daß er GeorgeKennan zufolge »... von den Kerensky-Behörden als der >wahre<Botschafter der Vereinigten Staaten angesehen wurde«.(21)
Es ist inzwischen eine Tatsache, daß Thompson mit der Bildung einesKonsortiums an der Wall Street den Kauf von russischen Obligationenin Höhe von zehn Millionen Rubel ermöglichte.(22)Zusätzlich stellte erAlexander Kerensky für inländische Propagandazwecke mehr als zweiMillionen Rubel zur Verfügung. Zusammen mit J. P. Morgan stellte ereine Million Dollar in Rubel für die Bolschewiken bereit, damit sierevolutionäre Propaganda außerhalb Rußlands, vor allem in Deutsch-land und Österreich, betreiben konnten.(23)Eine Fotografie des Tele-gramms von Morgan an Thompson mit der Benachrichtigung, das Geldsei zur Zweigstelle der National City Bank in Petrograd überwiesenworden, ist in diesem Buch abgebildet.
Anschauungsunterricht in Südafrika
Auf den ersten Blick scheint es unvereinbar, daß die Morgan-GruppeGeld sowohl für Kerensky als auch für Lenin bereitstellen sollte. Beide
(20)Hermann Hagedorn, The Magnate: William Boyce Thompson and His Time(New York: Reynal & Hitchcock, 1935), S. 192-193.(21)
George F. Kennan, Russia Leaves the War: Soviet-American Relations1917-1920 (Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1956), S. 60.(22)
Hagedorn, S. 192.
(23) Sutton, S. 83, 91 Die von diesen Mitteln bezahlte Agitation führte zu demglücklosen deutschen Spartakus-Aufstand von 1918. Siehe auch »W. B. Thomp-son, Red Cross Donor, Believes Party Misrepresented«, Washington Post, 2. Fe-bruar 1918.
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Männer mögen sozialistische Revolutionäre gewesen sein, aber sielagen Welten auseinander in bezug auf ihre Pläne und waren verbitterteWettstreiter bei der Bildung einer neuen Regierung. Doch die Taktik,beide Seiten in einem politischen Wettstreit zu finanzieren, war von denMitgliedern des Runden Tisches damals schon zu einer Kunst entwik-kelt worden. Ein verblüffendes Beispiel dafür lieferte Südafrika beimAusbruch des Buren-Krieges 1899.
Mehrere Jahrzehnte schon waren Briten und Holländer als Siedlernach Südafrika gezogen. Die Holländer hatten die Provinzen Transvaalund den Oranje-Freistaat gegründet, während die Briten Rhodesien,Kap Hoorn, Basutoland, Swasiland und Betschuanaland kolonisierthatten. Der Konflikt zwischen diesen Siedlergruppen flammte immerwieder auf, sobald sie sich begegneten, doch die Entdeckung von Goldim Whitewater-Gebiet von Transvaal lieferte den Grund für einen Krieg.
Politisch war Transvaal in den Händen der Buren, also den Nach-kommen der niederländischen Siedler. Doch nach der Entdeckung vonGold wurden die Minen vor allem von den Briten entwickelt undstanden fest unter deren Kontrolle. Es ist eigentlich keine Überra-schung, daß einer der größten Mitspieler Cecil Rhodes war, der bereitsdie Diamantenfelder im Süden unter seine und die britische Kontrollegebracht hatte. Der Historiker Henry Pike schreibt:
Bei der Entdeckung von Gold in Transvaal wurde Rhodes Giergrenzenlos. Sein Haß auf Paul Kruger, den Afrikaner-Präsidentendes Transvaal, kannte keine Grenzen. Er lehnte Krugers unabhängi-gen Transvaal leidenschaftlich ab und sah dies als Haupthindernisgegen sein Bemühen, das gesamte südliche Afrika unter britischeHoheit zu zwingen.(24)
1895 begann Rhodes seinen Plan umzusetzen. Er wollte Krugers Regie-rung stürzen, indem er einen Aufstand unter den britischen Bewohnernvon Johannesburg anstachelte. Bezahlt wurde die Sache von ihm selbst,während sein Bruder Frank und andere loyale Mitstreiter die Führungübernehmen sollten. Das Ganze sollte sodann zu einer militärischenInvasion des Transvaal durch britische Truppen aus Betschuanaland undRhodesien unter der Leitung von Sir Leander Jameson führen. Doch der
(24) Henry R. Pike, A History of Communism in South Africa (Germiston, SouthAfrica: Christian Mission International of South Africa, 1985), S. 39.
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Aufstand verpuffte ohne Wirkung, Jameson fiel in Ungnade und wurdefestgesetzt.
Rhodes aber war entschlossen, den Transvaal zu bekommen, undbereitete umgehend einen zweiten raffinierteren Trick vor. Mit RhodesHilfe wurde Lord Alfred Milner zum britischen Hochkommissar fürSüdafrika berufen. In London wurde Lord Esher — ebenfalls Mitgliedder geheimen Gesellschaft — zum politischen Berater König Edwards,mit dem er in täglichem Kontakt stand. Soweit zur britischen Seitedieses Konfliktes. Über die Seite der Buren hat Professor Quigley eineverblüffende Geschichte zu erzählen:
Aufgrund bestimmter Vorgänge, deren Einzelheiten noch verborgensind, machte sich ein brillanterjunger Absolvent von Cambridge, JanSmuts, auf den Weg in den Transvaal. Er war ein leidenschaftlicherAnhänger von Rhodes und handelte als dessen Vertreter 1895 inKimberly [Südafrikas größter Diamanten-Mine] und wurde einesder wichtigsten Mitglieder der Rhodes-Milner-Gruppe von 1908 bis1950. Durch heftige anti-britische Agitation wurde er Minister desLandes (obwohl britischer Staatsangehöriger) und Berater von Prä-sident Kruger. Milner ließ provozierend Truppen entlang der Grenzedes Burenstaates aufziehen, trotz der heftigen Proteste des südafrika-nischen kommandierenden Generals, der später seines Amtes entho-ben wurde. Schließlich wurde der Krieg entfesselt, als Smuts ultima-tiv einen Rückzug der britischen Truppen verlangte und Milner diesablehnte.(25)
Und so, als Ergebnis der sorgfältigen Steuerung beider Seiten desRunden Tisches — die eine mit unerhörten Forderungen und die anderein Erwiderung mit Empörung reagierend —, begann der Krieg schließ-lich mit der britischen Invasion im Oktober 1899. Nach zweieinhalbJahren erbitterten Kampfes wurden die Buren gezwungen, sich zuergeben, und Milner verwaltete die frühere Republik wie ein militärischbesetztes Territorium. Mitglieder des Runden Tisches, die öffentlich»Milners Kindergarten« genannt wurden, kamen alle in entscheidendeRegierungspositionen, und die Goldminen waren gesichert.
(25)Quigley, Tragedy, S. 137-138.
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Wetten auf alle Pferde
Auf der anderen Seite der Welt, in New York City, wurde die gleicheTaktik, nämlich beide Seiten gegeneinander auszuspielen, mit brillanterPräzision von dem Mitglied des Runden Tisches J. P. Morgan ange-wandt. Professor Quigley berichtet:
Für Morgan waren alle politischen Parteien einfach nur brauchbareOrganisationen, und die Firma achtete darauf den Fuß in allenTüren zu behalten. Morgan selbst, Dwight Morrow und andere Part-ner waren den Republikanern verbunden; Russell C. Leffingwellzählte zu den Demokraten, Grayson Murphy gehörte der extremenRechten an, und Thomas W. Lamont der Linken.(26)
Obwohl Thomas Lamont der Vater von Corliss Lamont war, einembekannten Kommunisten, und auch selbst weithin als Mann mit linkenÜberzeugungen galt, muß man dennoch daran erinnern, wie wohl ersich unter den Faschisten fühlte; tatsächlich diente er in den 1920ernMussolini als inoffizieller Geschäftsberater.(27)
Zu der Zeit, als Morgan pro-bolschewistische Gruppierungen finan-ziell unterstützte, gründete er die wahrscheinlich stärkste anti-bolsche-wistische Organisation, die es jemals in Amerika gab. Sie nannte sichUnited Americans und versuchte, alle mit der Vorstellung zu erschrek-ken, genau in diesem Augenblick plane ein Roter Mob den direktenAngriff auf New York City. Die Gruppe gab schockierende Warnungenüber einen bevorstehenden Finanzkollaps, verheerende Hungersnöteund eine verzweifelte Arbeiterklasse heraus, die sich als letzten Ausweggezwungen sehe, kommunistische Slogans und Redewendungen anzu-nehmen. Komischerweise waren die Anführer dieser Organisation AllenWalker von der Guarantee Trust Company, die zu dieser Zeit die fiskali-- schen Interessen der Sowjets in den USA vertrat; ebenso Daniel Willard,Präsident der Baltimore & Ohio Railway, die gerade die sowjetischenEisenbahnen auszubauen half; H. H. Westinghouse von der WestinghouseAir Brake Company, die eine große Fabrik in Rußland betrieb, und OttoH. Kahn von Kuhn, Loeb & Co., eine der wichtigsten finanziellenStützen des gerade flügge gewordenen Sowjetregimes.(28)
(26)Quigley, Tragedy, S. 945.(27)
John P. Diggins, Mussolini and Fascism: The View from America (Princeton,New Jersey: Princeton University Press, 1972).(28)
Sutton, Revolution, S. 163-168.
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Sogar innerhalb Rußlands hatte sich der Runde Tisch ausgebreitet.Zusätzlich zu den genannten Finanzspritzen, die den Bolschewiken undihren Gegnern, den Menschewiken, zuteil wurden, finanzierte Morganaußerdem die Kräfte von Admiral Kolchak, der gegen die Bolschewikenin Sibirien kämpfte. Es ist nicht überraschend, daß Kolchak ebenfallsUnterstützung von einem Konsortium britischer Finanzleute einschließ-lich Alfred Milner erfuhr.(29)
Es wird allgemein behauptet, die ursprüngliche Absicht der Missiondes Roten Kreuzes in Moskau sei es gewesen, die russische Regierungvon einem Separatfrieden mit Deutschland abzuhalten, der deutscheTruppen freigestellt hätte für den Kampf gegen England und Frank-reich. Nach dieser Version der Geschichte, welche die Handelnden alsPatrioten darstellte, die nur das Beste für ihr Land taten, war das ersteZiel die Unterstützung des Zaren. Als der Zar dennoch gestürzt wurde,unterstützten sie die Menschewiken, weil diese den Krieg weiterführenwollten. Als die Menschewiken davongejagt wurden, unterstützten sienun die Bolschewiken, damit diese nicht den Deutschen in die Händespielten. Es gehört schon ziemlich viel Einfältigkeit dazu, dies zuglauben. Wesentlich plausibler ist die Annahme, daß man einfach dasgetan hat, was man schon immer tat: auf alle Pferde wetten, damitunabhängig vom Ausgang des Rennens der Sieger einem zu Dankverpflichtet ist.
Britischer Agent am Runden Tisch
Nachdem die Bolschewiken in Rußland die Macht ergriffen hatten,wurde der britische Botschafter, Sir George Buchanan, zurückgerufenund durch ein Mitglied von Milners Kindergarten ersetzt, einen jungenMann namens Bruce Lockhart. In dem Buch British Agent beschreibtLockhart die Umstände seiner Berufung. In bezug auf ein Treffen mitPremierminister Lloyd George berichtet er:
Mir war bewußt, daß er sich entschieden hatte. Wie Lord Milner mirspäter berichtete, war er tief beeindruckt von dem Gespräch mitOberst Thomson vom amerikanischen Roten Kreuz, der gerade ausRußland zurückgekehrt war und sich ziemlich abfällig über die Dumm-heit der Alliierten äußerte, weil sie keine Verhandlungen mit denBolschewiken aufnehmen wollten ...
(29)Sutton, Revolution, S. 102, 146, 166-167.
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Drei Tage später waren all meine Zweifel beseitigt. Ich sollte nachRußland reisen, um in einer geheimen Mission inoffizielle Beziehun-gen zu den Bolschewiken zu knüpfen ... Für diese russische Missionwar ich nicht vom Außenminister auserwählt worden, sondern vomKriegskabinett, insbesondere von Lord Milner und Lloyd George ...
Lord Milner traf ich beinahe täglich. Fünf Tage vor meiner Abrei-se aß ich mit ihm allein bei Brook's. Er war in sehr aufgeräumterStimmung. Mit umwerfender Offenheit sprach er über den Krieg,über Englands Zukunft, seine persönliche Zukunft und über die Mög-lichkeiten der jungen Menschen ... Er war weit entfernt von einemNationalisten oder einem konservativen Reaktionär, wie die Öffent-lichkeit ihn sah. Im Gegenteil, viele seine gesellschaftlichen Ansich-ten waren überraschend modern. Er glaubte an den gut organisiertenStaat, in dem Dienen, Effizienz und harte Arbeit mehr zählen solltenals Titel oder Bankkonten.(30)
Amerikanischer Agent am Runden Tisch
Als Thompson in die Vereinigten Staaten zurückkehrte, entschied ersich für seinen bisherigen Stellvertreter Raymond Robins als Leiter deramerikanischen Rot-Kreuz-Vertretung. Über Robins ist wenig bekannt,außer, daß er ein Schützling von Oberst House war, und er hätte durch-aus ein obskures Objekt in diesem Drama bleiben können, wäre er nichtdoch schließlich zu einer der zentralen Figuren in Bruce LockhartsBuch geworden. Und dort gewinnen wir folgende Einsicht:
Eine neue Bekanntschaft in diesen ersten Tagen des bolschewisti-schen St. Petersburg war Raymond Robins, der Leiter der amerikani-schen Rot-Kreuz-Mission ... Er war einer der führenden Figuren inRoosevelts »Bull Moose«-Wahlkampf 1912 gewesen. Obwohl selbstwohlhabend, war er ein Anti-Kapitalist ..., bis dahin hießen seinebeiden Helden Roosevelt und Cecil Rhodes. Nun jedoch hatte Leninvon ihm Besitz ergriffen ... Robins war der einzige Mann, für denLenin immer zu sprechen war und dem es als einzigem gelang, seineeigene Persönlichkeit auf den emotionslosen bolschewistischen An-führer zu übertragen.
In weniger offiziellem Sinne hatte Robins eine mir selbst ver-gleichbare Aufgabe: Er war der Mittler zwischen den Bolschewiken
(30)R. H. Bruce Lockhart, British Agent (New York and London: G.P. Putnam'sSons, 1933), S. 189-199,204,206-207.
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und der amerikanischen Regierung und hatte sich selbst zum Zielgesetzt, Präsident Wilson zur Anerkennung des Sowjetregimes zuüberreden.(31)
Welch eine verblüffende Enthüllung steckt in diesen Worten. Zunächsteinmal erfahren wir, daß Robins der Anführer gemeinsamer Anstren-gungen für die Wahl Wilsons 1912 war. Außerdem hören wir hier, er seiein Anti-Kapitalist. Drittens entdecken wir, daß ein Anti-KapitalistCecil Rhodes verehren kann. Dann erfahren wir von seiner Macht überLenin. Und schließlich erzählt man uns gar, obwohl er zu einer vonWall-Street-Bankern finanzierten Gruppe gehörte, er sei in Wirklichkeitder Vermittler zwischen den Bolschewiken und der amerikanischenRegierung gewesen. Vergebens würde man nach einer besseren Zusam-menfassung Ausschau halten.
Die Tatsache, daß Cecil Rhodes für Robins einer der großen Heldenwar, ist für diese Geschichte von besonderer Bedeutung. Hier ging esnicht um irgendeine intellektuelle Vernarrtheit aus Hochschulzeiten.Am Abend vor seiner Abreise aus Rußland aß Robins mit Lockhart zuAbend. Später berichtete Lockhart: »Er hatte Rhodes Biographie stu-diert, und nach dem Essen bot er uns eine wunderbare Zusammenfas-sung von Rhodes Charakter.«(32)Also waren sowohl Lockhart als auchRobins ergebene Schüler von Cecil Rhodes; beide waren unstreitig Teildes internationalen Netzwerkes, auf das Professor Quigley angespielthatte ..., möglicherweise sogar Mitglieder des Runden Tisches. Lockhartberichtete der britischen Gruppe, Robins der amerikanischen, aber bei-de arbeiteten offensichtlich für das gleiche Ziel, geleitet von einerunsichtbaren Hand.
Die Bolschewiken waren sich des Einflusses dieser Männer vollstän-dig bewußt, und so gab es keine verschlossenen Türen für sie. Siedurften die Sitzungen des Zentralkomitees beobachten und wurden beiwichtigen Entscheidungen befragt.(33)Doch der beste Weg, das Ausmaßdes Einflusses dieser »Kapitalisten« auf die »Anti-Kapitalisten« zuwürdigen, ist Lockharts eigener Bericht. In seinen Memoiren schrieb er:
Ich kehrte nach unserer Unterredung in die Wohnung zurück undfand eine dringende Botschaft von Robins, daß er mich umgehend zu
(31)Lockhart, S. 220.(32)
Ebenda, S. 270.(
33)Ebenda, S. 253.
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sehen wünschte. Ich fand ihn vollkommen aufgelöst vor. Er hatte sichmit Saalkind gestritten, dem Neffen Trotzkis und StellvertretendenKommissar für Auswärtige Angelegenheiten. Saalkind war unver-schämt geworden, und der Amerikaner, der von Lenin das Verspre-chen besaß, daß immer innerhalb einer Stunde ein Eisenbahnzug fürihn bereitstünde, bestand auf einer Entschuldigung, oder er wolltedas Land verlassen. Als ich eintraf hatte er gerade sein Telefonge-spräch mit Lenin beendet. Er hatte sein Ultimatum ausgesprochen,und Lenin wollte in zehn Minuten antworten. Ich wartete, währendRobins schäumte. Dann klingelte das Telefon, und Robins nahm denHörer ab. Lenin hatte kapituliert. Saalkind wurde entlassen, aber erwar ein langjähriges Mitglied der Partei. Ob Robins etwas dagegenhabe, wenn Lenin ihn als bolschewistischen Abgesandten nach Bernschicken würde? Robins grinste. »Vielen Dank, Mr. Lenin«, sagte er»Da ich diesen Scheißkerl nicht zur Hölle schicken kann, ist Bern dasNächstbeste. «(34)
So sah die rüde Macht über die kommunistischen Führer aus, die sichhinter der unschuldigen Fassade der amerikanischen Rot-Kreuz-Mis-sion verbarg. Doch bis heute hat die Welt keine auch nur vage Vorstel-lung von der Realität. Das alles war ein sorgsam gehütetes Geheimnis,aber selbst viele indirekt Beteiligte konnten es nicht durchschauen. DerAssistent von Thompson in Rußland war Cornelius Kelleher. In späte-ren Jahren schrieb Kelleher über die Naivität von Dr. Franldin Billings,dem Leiter der Ärztegruppe:
Der arme Mr. Billings glaubte, Leiter einer wissenschaftlichen Grup-pe zum Nutzen Rußlands zu sein ..., in Wirklichkeit war er nur eineMaske ... Überhaupt war die Rot-Kreuz-Mission nichts als eineMaske.(35)
Der Zweck einer Maske dient der Täuschung. Und so fragen wir unsnatürlich: Was steckte hinter dieser Maske? Welche waren die wirkli-chen Motive und Absichten?
Wir werden später darauf zu sprechen kommen.
(34)Lockhart, S. 225-226.(35)Kennan, Russia, S. 59.
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Zusammenfassung
Die Bolschewistische Revolution war keine spontane Erhebung derMassen. Sie war geplant, finanziert und geleitet von Außenseitern. EinTeil des Geldes kam aus Deutschland, das hoffte, interne Problemewürden Rußland aus dem Krieg heraushalten. Doch der größere Teil desGeldes und der geistigen Führerschaft stammte von Financiers ausEngland und den Vereinigten Staaten. Es war ein perfektes Beispiel derRothschild-Formel.
Das alles ging wesentlich von einer geheimen Gesellschaft aus, dievon Cecil Rhodes gegründet worden war – zu der Zeit einem derreichsten Männer der Welt. Das Ziel dieser Gruppe lautete: Weltherr-schaft und die Etablierung einer modernen feudalistischen Gesellschaft,kontrolliert von den internationalen Zentralbanken. Die in Englandansässige innere Führung wurde Runder Tisch genannt. In anderenLändern wurden untergeordnete Ableger gegründet, genannt RoundTable Groups. Die Runder-Tisch-Gruppe in den Vereinigten Staatenwurde bekannt als Ausschuß für Auswärtige Beziehungen, CFR. Dieserwurde ursprünglich von J. P. Morgan und später von den Rockefellersbeherrscht; er ist noch heute eine der mächtigsten Gruppierungen Ame-rikas. Der CFR ist sogar einflußreicher als die Bundesregierung, dennfast alle der wichtigsten Positionen in Regierung und Verwaltung wer-den von seinen Mitgliedern besetzt. Mit anderen Worten: Dies ist dieUS-Regierung.
Vertreter dieser beiden Gruppen arbeiteten eng im vor-revolutionärenRußland zusammen, und noch enger nach dem Sturz des Zaren. Deramerikanische Kontinent verkleidete sich in Rußland als eine Rot-Kreuz-Mission für angeblich humanitäre Aufgaben. Die enge Freund-schaft mit Trotzki und Lenin verschaffte ihnen profitable Geschäfte mitder neuen Regierung, die ein Vielfaches der ursprünglichen Investitio-nen ausmachten.
Die Rot-Kreuz-Mission in Moskau kurz nach der Bolschewistischen Revolution (v. I.):J. W. Andrews, Raymond Robins, Allen Wardell, D. Heywood Hardy. Unter demVorwand der Menschenfreundlichkeit waren die wichtigsten Leute Banker der WallStreet, die ihre eigenen Ziele, wie den Erwerb geschäftlicher Zugeständnisse derneuen Regierung, verfolgten. Sie finanzierten alle revolutionären Strömungen glei-chermaßen, um sich einen Einfluß zu sichern, gleichgültig, wer letztendlich siegenwürde.
Ein Telegramm von J. P. Morgan an William Boyce Thompson (vor Robins Leiter derRot-Kreuz-Mission) mit der Nachricht, daß eine Million Dollar an Thompson viaNational City Bank überwiesen worden sei. Es gab viele dieser kapitalistischen»Geld-Transfusionen« in das neue kommunistische Regime. Dies gilt bis zum heuti-gen Tage.
Kapitel 14
Der beste Feind, den Geld kaufen kann
Der coup d'etat in Rußland, mit dem die bolschewisti-sche Minderheit der revolutionären Mehrheit die Machtentriß; die Rolle der als Rot-Kreuz-Angehörige verklei-deten New Yorker Financiers bei der Unterstützung derBolschewiken; die seither ununterbrochene amerikani-sche Unterstützung für den Aufbau von Rußlands Kriegs-potential; das Erscheinen eines »glaubwürdigen Fein-des« in Übereinstimmung mit der Rothschild-Formel.
Im vorherigen Kapitel sahen wir, daß die Rot-Kreuz-Mission im revolu-tionären Rußland auch in den Worten des eigenen Personals »nur eineMaske« war. Dies legt natürlich die Frage nach den echten Motiven undZielen nahe.
In späteren Jahren haben alle Beteiligten erklärt, sie hätten sichlediglich an humanitären Maßnahmen beteiligt, um Rußland im Krieggegen Deutschland zu helfen und damit auch England und seinenAlliierten. Für Jacob Schiff und andere jüdische Finanzleute in NewYork gab es außerdem die Erklärung, sie seien gegen den Zaren gewe-sen wegen dessen antisemitischer Haltung. Natürlich waren dies allesehrenwerte Motive, und sie wurden von den meisten Historikern bisherkritiklos hingenommen. Leider passen jedoch die offiziellen Erklärun-gen nicht mit den Tatsachen zusammen.
Rußlands zwei Revolutionen
Tatsächlich gab es in diesem Jahr zwei Revolutionen in Rußland undnicht nur eine. Die erste, genannt die Februar-Revolution, führte zurErrichtung einer provisorischen sozialistischen Regierung unter Alex-ander Kerenski. Sie war relativ gemäßigt in bezug auf ihre politischenZiele und versuchte, alle revolutionären Gruppierungen einzuschließen,auch die kleinste Gruppe, die der Bolschewiken. Zum Zeitpunkt derFebruar-Revolution befanden sich Lenin und Trotzki nicht einmal inRußland. Lenin lebte in der Schweiz und traf erst im April ein. Trotzkiwar noch immer in New York, wo er Propagandamaterial verfaßte undReden hielt.
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Die zweite Revolution, bezeichnet als Oktober-Revolution, brachtedie Bolschewiken an die Macht. Tatsächlich war es keine Revolution,sondern ein coup d'etat. Die Bolschewiken nutzten einfach die Verwir-rung und Unentschlossenheit, die unter den verschiedenen Gruppierun-gen der neuen Regierung herrschten, und überraschten sie mit einerblitzartigen Aktion. Mit einer Kombination aus Bestechung und Propa-ganda brachten sie mehrere Regimenter von Soldaten und auch Matro-sen auf ihre Seite und besetzten am 25. Oktober, noch in der frühenDunkelheit des Morgens, systematisch alle Regierungsgebäude undKommunikationszentren. Niemand war auf diese Waghalsigkeit vorbe-reitet, und es gab praktisch keinen Widerstand. Im Morgengrauen wardas Land gefangen von einer Minorität und wurde die weltweit erstesogenannte »Volksrepublik«, ohne daß das russische Volk überhauptrichtig wußte, was geschehen war, geschweige denn, daß es gefragtworden wäre. Nach zwei Tagen war Kerenski aus Angst um sein Lebengeflohen, und alle Minister der Provisorischen Regierung waren verhaf-tet. So übernahmen die Kommunisten Rußland, und so haben sie es stetsgemacht. Anders als die Marx'sche Legende haben sie niemals das Volkvertreten. Sie hatten nur immer die Waffen.
Die Grundlagen dieser sogenannten Revolution werden von Profes-sor Leonard Schapiro in seinem lehrreichen Buch The Russian Revolu-tion of 1917 beschrieben:
Alle Umstände deuten darauf hin, daß zu Beginn der großen Krisedie eindeutige Mehrheit der Einheiten der Petrograder Garnisonnicht die Regierung unterstützte, sondern sich neutral verhielt ... DieKosaken-Einheiten lehnten den Hilferuf der Regierung ab und ließendiese mit nur einigen Hundert Soldatinnen und 2000 Militärkadettenallein. Andererseits konnten sich die Bolschewiken auf mehrere Regi-menter zur Erfüllung ihrer Befehle stützen. Auch die Einheiten derOstseeflotte unterstützten sie ...
Jedenfalls war der bolschewistische Putsch praktisch ohne Blut-vergießen vorüber. Im Vergleich zu den Ereignissen im Februar konn-te man der Stadt an diesem 25. Oktober fast nicht ansehen, daß sie inden Fängen der Revolution lag. Gruppen wohlgekleideter Menschenbelebten abends die Straßen. Theater und Restaurants waren geöff-net, und in der Oper sang Schaliapin Boris Godunow. Die strategischwichtigsten Plätze und Einrichtungen waren alle schon am Morgenohne einen Schuß übernommen worden ...
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Ein Kriegsschiff und mehrere Kreuzer, einschließlich der Aurora,waren aus Kronstadt in Petrograd eingetroffen, wo sie vor Anker gingenund die Kanonen auf Ziele der Stadt richteten ...
Die provisorische Regierung im Winterpalast ... wurde in einemUltimatum aufgefordert, sich zu ergeben; man drohte, den Winterpalastvon der Aurora und den Kanonen der Festung Peter und Paul unterBeschuß zu nehmen. Erst um 21:40 Uhr erhielt die Aurora Feuer-befehl ... und feuerte eine leere Hülse ab. Die wichtigste Auswirkungdieser Aktion lag darin, daß nun noch weniger Kadetten den Palastverteidigten, wobei ihre Zahl schon deutlich gesunken war Die Solda-tinnen, die auch zur Verteidigung herangezogen worden waren, zogennoch vor der Einnahme des Winterpalastes ab. Gegen 23:00 Uhr wur-den einige Granaten abgefeuert, und der Palast erlitt leichte Schäden ...
Die Geschichte des dramatischen Sturms auf den Winterpalast, die sobeliebt war bei sowjetischen Historikern und bei Filmemachern, istbloße Legende. Gegen 2:00 Uhr nachts, schon am 26. Oktober, betrateine kleine Truppeneinheit, angeführt von zwei Mitgliedern des MRC[Militärisch-Revolutionäres-Komitee], den Palast, gefolgt von einerausgelassenen Menge. Die verbliebenen Offizierskadetten waren offen-sichtlich zum Widerstand bereit, die Minister befahlen ihnen aber dieKapitulation. Am Ende waren drei Offizierskadetten verwundet.(1)
Des Volkes Unterstützung war nicht nötig
Eugene Lyons war Korrespondent der Nachrichtenagentur UnitedPress im revolutionären Rußland. Am Anfang seiner Karriere stand erden Bolschewiken und ihrem neuen Regime voller Sympathie gegen-über, doch sechs Jahre des täglichen Lebens im neuen sozialistischenUtopia zerstörten alle Illusionen. In seinem gelobten Buch Workers'Paradise Lost faßt er die wahre Bedeutung der Oktober-Revolutionzusammen:
Lenin, Trotzki und ihre Kohorten haben nicht die Monarchie gestürzt,sie stürzten die erste demokratische Gesellschaft der russischen Ge-schichte, die in einer wahrhaft populären Revolution im März 1917errichtet worden war Sie repräsentierten die kleinste der russischenradikalen Bewegungen ... Diese Bewegung ging höhnisch über Zah-
(1)Leonard Schapiro, The Russian Revolutions of 1917 (New York: Basic Books,1984), S. 135-136.
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len hinweg und mißtraute den Massen. Die Arbeiter könnte man nachder Revolution für ihre Rolle erziehen; sie würden nicht geführt,sondern in den irdischen Himmel getrieben. Lenin spottete immerüber die Fixierung der anderen sozialistischen Gruppen auf ihre»Massenbasis«. »Gebt uns eine Organisation von professionellenRevolutionären«, pflegte er zu sagen, »und wir werden Rußland aufden Kopf stellen« ...
Selbst diese Kontingente wurden auf das Lächerlichste betrogen,denn sie hatten nicht die geringste Ahnung, wofür man sie tatsächlicheinsetzte. Sie handelten, so glaubten sie, für Mehr-Parteien-Sowjets,für Freiheit, Gleichheit und andere Ziele, die ihre Anführer als emo-tionalen Schrott empfanden ...
Auf der Stufe zur Diktatur wagte Lenin das Versprechen, daß derStaat sich auflösen würde, weil sich »die Notwendigkeit der Gewaltauflösen wird«. Und zwar nicht in der Zukunft, sondern sofort: »Derproletarische Staat beginnt zu zerfallen unmittelbar nach seinemTriumph, denn in einer klassenlosen Gesellschaft ist ein Staat unnö-tig und unmöglich ... Sowjetmacht ist eine neue Art von Staat, in demes keine Bürokratie, keine Polizei und keine stehende Armee gibt. «Also: »Solange der Staat existiert, gibt es keine Freiheit, wenn esFreiheit gibt, wird es keinen Staat geben. «
Innerhalb weniger Monate nach ihrer Machtübernahme hattendie Leninisten die meisten der zaristischen Praktiken, die sie einstverdammt hatten, wiederbelebt, häufig genug in noch schrecklichererForm: politische Gefangene, Schuldsprüche ohne Gerichtsverhand-lung und formelle Anklage, brutale Verfolgung Andersdenkender unddie Todesstrafe für weit mehr Verbrechen als in irgendeiner anderenmodernen Nation. Mehr noch wurde in den folgenden Jahren einge-führt, einschließlich der Unterdrückung aller anderen Parteien, derWiedereinführung des internen Passes, einem Staatsmonopol derPresse und vieler Unterdrückungsmethoden, die auch die Monarchieschon seit mehr als einem Jahrhundert aufgegeben hatte.(2)
Natürlich führt dies alles etwas von der eigentlichen Erzählung weg,aber es mußte eine Tatsache klargestellt werden, die durch den Lauf derZeit und die Bereitschaft vieler Historiker, Legenden als Wahrheit zu
(2)Eugene Lyons, Workers' Paradise Lost (New York: Funk & Wagnalls, 1967),S. 13-29.
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akzeptieren, aus dem Bewußtsein zu schwinden drohte. Tatsache ist,Lenin und Trotzki wurden nicht nach Rußland geschickt, um einenantisemitischen Zaren zu stürzen. Ihre von der Wall Street gegebeneAufgabe lautete, die Revolution zu stürzen.
Notizen aus Lincoln Steffens Tagebuch
Daß dies die wirkliche Absicht der New Yorker Geldleute war, wirdin dem Tagebuch von Lincoln Steffens offenbar, einem von Amerikasbekanntesten linken Autoren jener Zeit. Steffens war an Bord derS. S. Kristianiafjord, als Trotzki in Halifax verhaftet wurde. Er notiertedie Unterhaltungen, die er mit anderen Passagieren führte, die ebenfallsin das von Unruhen erfaßte Rußland reisen wollten. Einer von diesenwar Charles Crane, Vizepräsident der Crane Company. Crane unter-stützte Wilson; er war sogar Präsident des Finanzkomitees der Demo-kraten gewesen. Er hatte die Westinghouse Company in Rußland mitaufgebaut und nicht weniger als 23 Mal Rußland besucht. Sein SohnRichard war Assistent von Außenminister Robert Lansing. Es ist des-halb aufschlußreich zu lesen, was Steffens über seine Mitreisendenschrieb: »... alle stimmen überein, die Revolution befinde sich nur inihrer ersten Phase, und daß sie noch wachsen müsse. Crane und dierussischen Radikalen auf dem Schiff glauben, daß wir nach Petrogradfür die Re-Revolution kommen.«(3)
Genau. Re-Revolution war die Erwartung und das Ziel, nicht dieElimination des Antisemitismus'.
Auch bei Thompsons Behauptung, er würde nur versuchen, Rußlandweiterhin im Krieg gegen Deutschland zu halten, spricht die Logik derEreignisse dagegen. Kerenski und die provisorische Regierung warenfür den Krieg. Dennoch unterstützten die Rot-Kreuz-Schauspieler dieBolschewiken, die gegen den Krieg waren. Die Begründung hierfürlautete, es sei offensichtlich, daß die Bolschewiken früher oder späterdie neue Regierung bilden würden und man deshalb schon die Zukunftim Auge behalten müsse. Sie würden die Bolschewiken zwar nichtmögen, behaupteten sie, doch müsse man mit ihnen pragmatisch umge-hen. So wurden sie zu deren zuverlässigen Unterstützern, um Einflußauf die sicheren Sieger zu nehmen und sie zu einer Änderung ihrerHaltung zum Krieg zu überzeugen.
(3)Lincoln Steffens, The Letters of Lincoln Steffens (New York: Harcourt, Brace,1941), S. 396.
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Leider funktionierte dies nicht. Einfluß besaßen sie schon, wie wirsehen konnten, doch die Bolschewiken wichen keinen Schritt von ihremWeg ab. Nachdem sie durch einen coup d'etat im Oktober die Machtübernommen hatte, taten sie genau das, was sie schon immer gesagthatten: Sie unterschrieben einen Friedensvertrag mit Deutschland undkonfiszierten das Privateigentum. Sie inszenierten auch eines der größ-ten Blutbäder der Welt, um die Opposition auszulöschen. Natürlichkann man all das nicht den Schauspielern zur Last legen, Sie wissenschon. Es war alles die Schuld von Wilson und der anderen Politiker, dieThomsons Empfehlung mißachteten, amerikanische Steuergelder denBolschewiken zu überweisen; sie hätten also solche unangenehmenAktionen mit verschuldet. Zumindest ist dies die allgemein gültigeAnsicht.
In Wahrheit war der bolschewistische Sieg zu dieser Zeit keineswegsgesichert, und es gab vergleichsweise wenig Anlaß zu glauben (abgese-hen von der Unterstützung der New Yorker Financiers), daß sie jemalseine beherrschende Stellung in Rußland einnehmen würden. Doch selbstwenn wir diese Männer als scharfsinnige politische Beobachter ein-schätzen, welche die Zukunft voraussehen konnten, so gibt es dochetliche Widersprüche und nicht zuletzt die Gedanken und Aussagen derAkteure selbst. So war im Februar 1918 Arthur Bullard in Rußland alsLeiter des russischen Büros des Ausschusses für Öffentliche Informa-tion, der im Grunde genommen Kriegspropaganda für die amerikani-sche Regierung betrieb. Bullard wurde von dem Historiker GeorgeKennan treffend als »liberaler Sozialist, freier Autor und Privatdetektivvon Oberst House« beschrieben.(4) In seiner beruflichen Tätigkeit hatte erviele Gelegenheiten, mit Raymond Robins zu sprechen, und in einemBericht über eine dieser Unterredungen schrieb Bullard:
Er [Robins] zeigte einen oder zwei Vorbehalte ..., insbesonderemeinte er, die Anerkennung der Bolschewiken sei längst überfäl-lig ..., daß sie sofort hätte geschehen müssen. Hätte Amerika dieBolschewiken rechtzeitig anerkannt, »... so glaube ich, würden wirlängst die Kontrolle über die immensen Ressourcen Rußlands besit-zen und hätten überall entlang der Grenze unsere Leute stationiert«.(5)
(4)George F. Kennan, The Dicision to Intervene: Soviet-American Relations1917-1920 (Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1958), S. 190,235.
(5)Bullard, U.S. State Dept. Decimal File, 316-11-1265, 19. März 1918.
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Wölfe hinter der Maske
Im folgenden Jahr untersuchte der US-Senat die Rolle, die prominen-te amerikanische Bürger als Unterstützer der bolschewistischen Macht-übernahme gespielt haben. Eines der Dokumente, das seinen Weg in dieArchive fand, war ein Schreiben von Robins an Bruce Lockhart. Darinsteht:
Sie werden davon hören, daß ich ein Agent der Wall Street sei; ich seider Diener von William B. Thompson, um Kupfer aus dem Altai-Gebirge für ihn zu besorgen; daß ich bereits 500 000 Acre [rund2000 km2] feinster Wälder in Rußland besitze; daß ich bereits mit derTranssibirischen Eisenbahn durchgebrannt bin; daß man mir dasMonopol für Platin in Rußland verliehen hat; daß all dies meineArbeit für die Sowjets erklärt ... Dieses Gerede werden Sie hören.Ach ja, natürlich ist all dies unwahr, doch nehmen wir einmal an, essei richtig. Nehmen wir an, ich sei hier, um Rußland für die WallStreet und amerikanische Geschäftsleute einzufangen. Nehmen wiran, Sie seien ein britischer und ich ein amerikanischer Wolf und daßwir uns nach dem Ende dieses Krieges gegenseitig wegen des russi-schen Marktes auffressen werden. Doch lassen Sie uns dies in einerabsolut offenen und angemessen Art tun. Lassen Sie uns dennochgleichzeitig annehmen, wir seien eigentlich recht intelligente Wölfe,die wissen: Wenn sie nicht gemeinsam jagen in dieser Stunde, so wirdder deutsche Wolf beide fressen.(6)
Professor Sutton hat all dies in die richtige Perspektive gerückt. In derfolgenden Passage äußert er sich insbesondere zu William Thompson,doch seine Bemerkungen treffen ebenso zu auf Robins und all dieanderen Finanzleute, die ein Teil der Rot-Kreuz-Mission in Rußlandwaren.
Thompsons Motive waren vor allem finanzieller und geschäftlicherNatur Er interessierte sich dafür, wie der russische Mark beeinflußtund umgeleitet werden könnte, damit er in der Nachkriegszeit voneinem Wall-Street-Syndikat übernommen werden könnte. Gewiß sahThompson Deutschland als einen Feind an, doch weniger als einen
(6)U.S. Cong., Senate, Bolshevik Propaganda, Subcommittee of the Committee anthe Judiciary 65th Cong., 1919, S. 802.
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politischen denn einen wirtschaftlichen oder handelsmäßigen Feind.Die deutsche Industrie und das deutsche Bankwesen waren der wirk-liche Feind. Um Deutschland zu überlisten, war Thompson bereit,Geld auf praktisch jedes politische Vehikel zu setzen, das ihn seinenZielen näher gebracht hätte. Mit anderen Worten: Thompson war einamerikanischer Imperialist, der gegen deutsche Imperialisten zu Fel-de zog, und dieser Wettstreit wurde scharfsinnig erkannt und ausge-nutzt von Lenin und Trotzki
Thompson war kein Bolschewik, nicht einmal ein Pro-Bolschewik.Ebensowenig war er Pro-Kerenski. Nicht einmal Pro-Amerikanerwar er Die alles beherrschende Motivation war die Aussicht, nachdem Krieg den gesamten russischen Mark an sich reißen zu können.Dies war ein geschäftlicher Beweggrund. Ideologie mag Revolutio-näre wie Kerenski, Trotzki, Lenin und andere bewegen, aber niemalsFinanciers.(7)
Haben die Wölfe des Runden Tisches ihr Ziel erreicht? Haben sieRußlands Reichtümer an sich reißen können? Die Geschichtsbüchergeben uns hierauf keine Antwort. Die Geschichte muß nach und nachaus den folgenden Ereignissen abgeleitet werden, und dies müssen wirtun. Sollte der Plan nicht erfolgreich gewesen sein, müßte man eigent-lich ein nachlassendes Interesse der Hochfinanz, wenn nicht gar offeneFeindseligkeit feststellen können. War er aber erfolgreich, könnte manfortgesetzte Unterstützung feststellen, jedoch auch einige Hinweisedarauf, daß die Investoren einen Gewinn entnommen haben als Ent-schädigung für ihren Einsatz und ihr Risiko. Mit diesen Punkten alsRichtschnur sollten wir uns einen Überblick über die tatsächlichenGeschehnisse verschaffen, seit die Bolschewiken mit Hilfe des Netz-werkes der Runden Tische zur Macht kamen.
FAKTUM: Nach der Oktober-Revolution wurden alle russischen Ban-ken von den Bolschewiken übernommen und »verstaatlicht« – bis aufeine: Rockefellers National City Bank in Petrograd.
FAKTUM: Auch die Schwerindustrie Rußlands wurde verstaat-licht ..., bis auf das Westinghouse-Unternehmen, das von Charles Cranegegründet worden war, einem der prominenten Passagiere derS. S. Kristianiafjord, mit der auch Trotzki nach Rußland gereist war.
(7)Sutton, Revolution, S. 97-98.
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FAKTUM: 1922 gründeten die Sowjets ihre erste internationaleBank. Sie wurde nicht vom Staat besessen und betrieben, wie derKommunismus dies eigentlich vorschrieb; statt dessen wurde sie alsSyndikat privater Banker erstellt. Unter ihnen befanden sich nicht nurfrühere zaristische Banker, sondern auch Vertreter deutscher, schwedi-scher und amerikanischer Banken. Der größte Teil des Kapitals kam ausEngland, sogar von der britischen Regierung.(8) Zum Direktor der Aus-landabteilung der neuen Bank wurde Max May bestellt, Vizepräsidentder Morgan's Guaranty Trust Company aus New York.
FAKTUM: In den Jahren unmittelbar nach der Oktober-Revolutiongab es einen beständigen und lukrativen (also wettbewerbslosen) Stromvon Aufträgen der Sowjets an britische und amerikanische Unterneh-men, die direkt oder indirekt vom Netzwerk des Runden Tisches betrie-ben wurden. Zu den größten Geschäftsabschlüssen zählte ein Vertragüber 50 Millionen Pfund Lebensmittel mit Morris & Company, einemFleischwaren-Großhändler in Chicago. Helen Swift war verheiratet mitEdward Morris, dem Bruder von Herold Swift, der als »Major« bei derRot-Kreuz-Mission in Rußland tätig gewesen war.
FAKTUM: Für die Bezahlung all dieser Aufträge und zur Tilgungder »Darlehen« der Financiers haben die Bolschewiken praktisch dasgesamte Goldvermögen ihres Landes ausgegeben – einschließlich derbeträchtlichen Reserve der Zaren – und es vor allem amerikanischenund britischen Banken übergeben. Allein 1920 erreichte eine Schiffsla-dung über Stockholm die USA, die auf 39 Millionen SchwedischeKronen geschätzt wurde. Drei Schiffsladungen kamen direkt, und zwarin Form von 540 Kisten mit Gold, dessen Gesamtwert auf 97 200 000Goldrubel geschätzt wurde. Hinzu kam noch wenigstens eine weitereSchiffsladung, die den Gesamtwert von 20 Millionen Dollar hatte.(Vergessen Sie nicht, dies sind die Werte von 1920!) Die Schiffsfrachtenwurden koordiniert von Jacob Schiffs Kuhn, Loeb & Company, undeingelagert wurden sie bei Morgan's Guaranty Trust.(9)
FAKTUM: Ungefähr zur selben Zeit schickte die US-Regierungunter Präsident Wilson der Sowjetunion etwa 700 000 Tonnen Lebens-mittel, die nicht nur das Regime von dem sicheren Untergang bewahr-ten, sondern Lenin eine Atempause zur Machtergreifung in ganz Ruß-
(8)U.S. State Dept. Decimal File, 861.516/129, 28. August 1922.(9)
U.S. State Dept. Decimal File, 861.51/815, 837, Oktober 1920, und Sutton,Revolution, S. 159-160, 165.
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land verschafften. (10) Die an dieser Aktion beteiligten privaten Unterneh-men erwarteten hübsche Gewinne. Die amerikanische Behörde, die diesalles administrierte, wurde von Herbert Hoover und Lewis LichtensteinStrauss geleitet. Letzterer war verheiratet mit Alice Hanauer, der Toch-ter einer des Gesellschafter von Kuhn, Loeb & Company.
FAKTUM: Verkäufe an das Sowjetregime wurden rasch zu einerGoldgrube für amerikanische, britische und deutsche Wölfe. StandardOil und General Electric stellten von 1921 bis 1925 Maschinen im Wertvon 37 Millionen Dollar zur Verfügung, und dies war nur der Anfang.Die deutsche Firma Junkers erschuf buchstäblich die sowjetische Luft-flotte. Mindestens drei Millionen versklavte Arbeiter gingen in deneisigen Bergwerken Sibiriens zugrunde ... für Britain's Lena Goldfields,Ltd. Der Eisenbahn-Magnat und Bankier W. Averell Harriman, derspäter amerikanischer Botschafter in Rußland werden sollte, erhielt einauf 20 Jahre begrenztes Monopol der gesamten sowjetischen Mangan-produktion. Armand Hammer, ein persönlicher Freund Lenins, erwarbeines der größten Vermögen in der Welt mit russischem Asbest.
Zusätzlicher Hintergrund: Die Tauben, Stummen, Blinden
In den Anfangsjahren waren die Bolschewiken verzweifelt auf derJagd nach Gütern, Dienstleistungen und Kapitalinvestitionen. Es warihnen bewußt, daß ihre kapitalistischen Geschäftspartner sie übervortei-len würden, doch wenn schon! Es war schließlich nicht ihr Geld. Ihnenging es einzig darum, an der Macht zu bleiben. Und das war schwergenug. Selbst nach dem coup d'etat besaßen sie noch längst nicht dieKontrolle über das ganze Land. 1919 hatte Lenin beinahe die Hoffnungaufgegeben, mehr als Petrograd und Moskau beherrschen zu können.Außer Odessa befanden sich der gesamte Süden Rußlands und die Krimin den Händen von General Deniken, einem entschiedenen Anti-Kom-munisten. Vor dem 10. Kongreß der Russischen Kommunistischen Par-tei sprach Lenin offen aus:
Ohne die Unterstützung des Kapitals wird es uns unmöglich werden,die proletarische Kraft zu erhalten in einem unvorstellbar herunter-gewirtschafteten Land, in dem der Bauernstand, ebenfalls zugrundegerichtet, die überwältigende Mehrheit stellt, ... und natürlich wird
(11) George F. Kennan, Russia and the West under Lenin and Stalin (Boston: Little,Brown and Company, 1961), S. 180.
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das Kapital für diese Unterstützung 100 Prozent aus uns heraus-quetschen. Dieses müssen wir verstehen. Also heißt es: entwederdiese Art der wirtschaftlichen Beziehungen oder nichts ...11
Bei anderer Gelegenheit erläuterte Lenin seine Beweggründe für dieHinnahme der Bedingungen der Wall Street:
In ihrem Bemühen, den sowjetischen Markt zu erobern, werden dieKapitalisten der Welt und ihre Regierungen die Augen verschließenvor der eigentlichen Wahrheit und sich in Taube, Stumme, Blindeverwandeln. Sie werden Kredite austeilen, die für uns die kommuni-stischen Parteien in ihren Ländern stärken werden, indem sie unsMaterialien und Techniken geben, an denen es uns mangelt. Siewerden unsere Rüstungsindustrie wiederherstellen, die unverzicht-bar ist für unseren künftigen erfolgreichen Angriff auf unsereUnterstützer. Mit anderen Worten, sie werden zur Vorbereitung ihreseigenen Selbstmordes arbeiten.(12)
Der Vertreter des Ausschusses für Öffentliche Information in Rußland,Arthur Bullard, verstand die bolschewistische Strategie offenbar sehrgut. Schon im März 1918 schickte er ein Telegramm nach Washington,in dem er schrieb, zwar solle man jeder ehrlichen Regierung helfen, diesich in Not befinde, doch »Männer oder Geld für die gegenwärtigenHerrscher Rußlands werden mindestens genauso gegen die Russenselbst eingesetzt werden wie gegen die Deutschen ... Ich rate dringenddavon ab, der gegenwärtigen russischen Regierung materielle Hilfe zugewähren. Unheilvolle Elemente scheinen die Macht zu übernehmen«.(13)
Leider war Mr. Bullard ein kleines Licht in diesem Spiel, und seineMeinung wurde auf dem Wege nach oben mehrfach gefiltert. DiesesTelegramm schickte er an seinen Vorgesetzten, der niemand anders warals Oberst House, in der Hoffnung, es würde an den Präsidenten weiter-gereicht. Die Botschaft kam nicht durch.
(11)V. I. Lenin, Bericht vom 10. Kongreß der Russischen Kommunistischen Partei am 15. März 1921, zitiert von Sutton, Revolution, S. 157. (
12)Joseph Finder, Red Carpet (New York: Holt, Rinehart and Winston, 1983), S. 8.(13)Sutton, Revolution, S. 46.
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Ein Seitenweg über den Zweiten Weltkrieg
Lassen Sie uns auf dem Wege zu den Ereignissen jener Zeit einekurzen Seitenweg über den Zweiten Weltkrieg einschlagen. Die Finan-zierung beider Seiten bei gleichzeitigem Profitieren von diesen beidenSeiten wurde niemals deutlicher.
FAKTUM: Seit Hitlers Aufstieg zur Macht wurde Deutschlands Indu-strie mit Hilfe amerikanischer und britischer Banker finanziert. Diemeisten der amerikanischen Großunternehmen investierten bewußt indie Rüstungsindustrie. Die I. G. Farben war das größte der industriellenKartelle und zugleich für Hitlers Kampagnen eine wichtige Finanz-quelle. Farben stattete Hitlers Geheimdienste mit Personal aus undbetrieb die Arbeitslager der Nazis als Verstärkung für DeutschlandsIndustrie. Farben beauftragte sogar die New Yorker Public-Relations-Firma Ivy Lee, die auch für Rockefeller tätig war, um Hitlers Ansehen inder amerikanischen Öffentlichkeit zu verbessern. Übrigens hatte Leeschon in den späten 1920er Jahren den Auftrag, das Sowjetregime deramerikanischen Öffentlichkeit näherzubringen.(14)
FAKTUM: Ein Großteil des Kapitals für die Ausweitung der
I. G. Farben kam von der Wall Street, vor allem von Rockefellers Natio-nal City Bank; von Dillon, Read & Company, ebenfalls einer Rockefeller-Firma; Morgan's Equitable Trust Company; Harns Forbes & Compa-ny; und - ja! - von der im wesentlichen jüdischen Firma Kuhn, Loeb &Company.(15)
FAKTUM: Während der alliierten Luftangriffe auf Deutschlandwurden auf Anweisung des US-Kriegsministeriums die Fabriken undVerwaltungsgebäude der I. G. Farben verschont. Das Kriegsministeriumwar großzügig ausgestattet mit Männern, die im Zivilleben für die ebengenannten Investmentfirmen gearbeitet hatten. Beispielsweise hieß derdamalige Kriegsminister Robert P. Patterson, und James Forrestal, derspätere Verteidigungsminister, war für die Marine zuständig. Beidekamen von Dillon Read, wo Forrestal zeitweilig sogar Präsident gewe-sen war.
FAKTUM: Während des Zweiten Weltkrieges schickten die Verei-nigten Staaten den Sowjets im Rahmen des Leih-Pacht-Programms
(14)Antony Sutton, Wall Street and the Rise of Hitler (Seal Beach, California: '76Press, 1976), S. 15-18,33-43,67-97,99-113, und Revolution, S. 174.(15)
Sutton, Hitler, S. 23-61.
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mehr als elf Milliarden Dollar an Hilfsgütern, einschließlich 14 000Flugzeuge, fast eine halbe Million Panzer und anderen Militärfahrzeuge,mehr als 400 Kriegsschiffe und sogar die Hälfte des gesamten amerika-nischen Uranvorrates, der eigentlich dringend benötigt wurde für dieEntwicklung der Atombombe. Doch allein ein Drittel aller Lieferungenin dieser Zeitspanne umfaßten Industriegüter und Ausrüstungen für dierussische Wirtschaft nach dem Krieg. Als der Krieg endete, lief diesesHilfsprogramm für die Sowjetunion für ein ganzes Jahr weiter. AmEnde des Jahres 1946 erhielt Rußland noch immer Zinsen wie für einen20-Jahres-Kredit, nämlich 2,38 Prozent, also viel weniger, als heimkeh-rende amerikanische Soldaten bezahlen mußten, wenn Sie Geld von derBank brauchten.(16)
Der Transfusion-Mechanismus
Nach dem Auslaufen des Hilfsprogrammes wurde es nötig, neueMechanismen für die Unterstützung der Sowjetunion und ihrer Satelli-ten zu finden. Einer davon war der Verkauf dringend benötigter Güter zuPreisen unterhalb der Weltmarktpreise und sogar unterhalb der Preise,welche die Amerikaner selbst dafür bezahlen mußten. Dies bedeutetenatürlich, daß die amerikanischen Steuerzahler wie zuvor schon beidem Leih-Pacht-Programm die Differenz zu begleichen hatten. DieSowjets brauchten nicht einmal das Geld zum Kauf dieser Güter zuhaben. Amerikanische Finanzinstitute, die Regierung und internationaleInstitutionen, die zum großen Teil von Washington mit Geld ausgestat-tet werden, wie der Internationale Währungsfonds und die Weltbank,liehen ihnen das Geld. Außerdem lagen die Zinsen für diese Darlehenebenfalls unter den üblichen Marktzinsen, so daß die amerikanischenBürger auch für diese indirekte Subvention aufkommen mußten.
Und das ist noch nicht alles. Fast all diese Darlehen wurden von derUS-Regierung garantiert. Das heißt, falls ..., nein, wenn diese Länderzahlungsunfähig werden sollten, wird die naive amerikanische Öffent-lichkeit erneut einspringen müssen. Mit anderen Worten: Der neue,unschuldig und täuschend als »Handel« eingeführte Mechanismus istkaum mehr als eine dürftig versteckte Methode, mit der die Mitgliederdes Runden Tisches Milliarden von Dollars aus amerikanischen Briefta-schen für eine fortgesetzte wirtschaftliche Transfusion in den Sowjet-
(16)Sutton, National Suicide: Military Aid to the Soviet Union (New Rochelle, NewYork: Arlington House, 1973), S. 24.
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block benutzt haben ... und immer noch tun, wenn auch das WortSowjet dem milder klingenden Begriff demokratischer Sozialismus ge-wichen ist. Diese Regime sind nun in der Lage, mit amerikanischenGeschäftsleuten Verträge über notwendige Lieferungen abzuschließen.Der Kreis schließt sich: vom amerikanischen Steuerzahler zur amerika-nischen Regierung, zum »sozialistischen« Regime, zu amerikanischenUnternehmen und, schließlich, zum amerikanischen Financier, der dasProjekt mit Geld ausstattet und mit Hilfe seiner politischen Einflußmög-lichkeit auf den Weg bringt.
Dies ist der Schlüssel zum Verständnis des Transfusions-Mechanis-mus. Viele Amerikaner haben diese Vorgänge beobachtet und sind zudem Schluß gekommen, es müsse ein Nest von kommunistischen Agen-ten innerhalb der Regierung geben. Bei einer Prüfung würden sie fürdiese Antwort einen halben Punkt erhalten. Ja, unstrittig gab es – undgibt es noch – rote Agenten und Sympathisanten tief im Gebälk derRegierung. Doch die treibende Kraft kam immer von den Nicht-Kom-munisten, den Nicht-demokratischen-Sozialisten, Nicht-Amerikanern,Nicht-irgend-etwas-Mitgliedern des Netzwerkes des Runden Tisches,also von all denen, über die Lenin sagte, bei ihrem Gewinnstrebenwürden sie an ihrem eigenen Selbstmord arbeiten.
Diese Männer sind zu echtem Patriotismus unfähig. Sie halten sichnicht für die Bürger irgendeines Landes, sondern für Bürger der Welt.Sie machen mit blutrünstigen Diktaturen genauso leichtfertig Geschäftewie mit jeder anderen Regierung, vor allem auch deswegen, weil derTransfer-Mechanismus ihnen garantiert, daß im Zweifelsfall stets undimmer der amerikanische Steuerzahler für alles aufkommen wird.
Als David Rockefeller nach der Schicklichkeit finanzieller Unterstüt-zung für marxistische und kommunistische Länder befragt wurde, dieoffene Feindseligkeit gegenüber den Vereinigten Staaten zeigen, erwi-derte er: »Ich glaube, eine internationale Bank wie unsere sollte sichnicht zum Richter darüber aufspielen, welche Art von Regierung einLand sich wünscht.«
Sich wünscht? Vorher war die Rede von Angola, wo den Menschenmit Hilfe kubanischer Soldaten und sowjetischer Waffen eine marxisti-sche Diktatur aufgezwungen worden war!
Der Vizepräsident der Citicorp, Thomas Theobald, wurde 1981 zueinem Bankdarlehen für Polen befragt. Wäre es ihm peinlich, einemkommunistischen Land ein Darlehen zu gewähren, das gerade die freienGewerkschaften brutal unterdrückt hatte? Keineswegs. »Wer weiß schon,
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welches politische System funktioniert?«, erwiderte er. »Der einzigeuns interessierende Test ist, ob sie ihre Rechnungen bezahlen können.«Was er natürlich meinte, war, ob der amerikanische Steuerzahler PolensRechnungen bezahlen könne.
FAKTUM: Der folgende Artikel aus der Los Angeles Times, veröffent-licht wenige Monate nach Theobalds Aussage, erläutert die Geschichte:
WASHINGTON – Seit Monaten hat die Regierung Reagan öffentli-che Mittel zur Rückzahlung polnischer Darlehen an amerikanischeBanken verwendet. Im laufenden Haushaltsjahr werde sich dies auf400 Millionen Dollar belaufen. Dies gab der stellvertretende Land-wirtschaftsminister Richard E. Lyng am Montag bekannt ... »Sie(die polnischen Behörden) haben zumindest im letzten halben Jahrkeine Zahlungen geleistet«, meinte Lyng. »Wenn sie keine Zahlun-gen leisten, wird das US-Landwirtschaftsministerium eintreten.«
Lyng erklärte, die US-Regierung habe 60 bis 70 Millionen Dollarmonatlich für polnische Darlehen im Oktober, November, Dezemberund Januar gezahlt, und ... »wir werden weiterhin zahlen«.(17)
Zu jener Zeit hatte die polnische Regierung gerade das Kriegsrechtausgerufen und die Arbeiterdemonstrationen für politische Reformenmit militärischer Gewalt unterdrückt. Der polnische Zahlungsverzugbei diesem 1,6-Milliarden-Dollar-Darlehen war keineswegs ein Einzel-fall. Schon bald folgten das kommunistische Rumänien und eine Viel-zahl lateinamerikanischer Staaten nach.
Es ist eine unverkennbare Tatsache, daß amerikanische Steuerzahlerunwissentlich Monat für Monat kommunistische, sozialistische undsogenannte Dritte-Welt-Staaten finanziert haben. Selbst nachdem derfrühere sowjetische Block anscheinend Reformen eingeführt hatte, hatsich der Kongreß beinahe mit weiteren finanziellen Hilfszusagen über-schlagen.
Natürlich wollten die Amerikaner glauben, das frühere »Reich desBösen« würde zerbröckeln, und die von ehemaligen Sowjets angeblichzu Demokraten gewordenen Politiker nutzten diese Stimmung. Seitdem Ende des Zweiten Weltkrieges lauteten ihre vordringlichsten Ziele:1) uns zu entwaffnen und 2) unser Geld zu kriegen. Die Fassade von
(17)»U.S. Repaying Loans Owed by Poland to American Banks« von William J.Eaton in: Los Angeles Times, 2. Februar 1982.
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Perestroika und Glasnost war lediglich ein Trick, um beides gleichzeitigzu erreichen. Sie mußten nur ein paar der alten Betonköpfe loswerdenund sie durch weniger bekannte Persönlichkeiten ersetzen, die jedochim Grunde genommen kaum anders sind (praktisch alle neuen Führerstammen aus den Reihen der alten Führungsriege), die Aufschriften»Kommunisten« zu »Sozialdemokraten« ändern und sich dann einfachnur zurücklehnen, während wir frohgemut unsere militärischen Vertei-digungslinien abbauen und Milliarden von Dollar für ihre kränkelndenWirtschaften überweisen. Zweifellos hat es einigen Fortschritt im Be-reich der freien Rede gegeben, doch die Militär-Sicherheitskräfte blie-ben unangetastet bestehen. Die eiserne Faust steckt weiterhin in Samt-handschuhen, bereit zuzuschlagen, wenn die Zeit gekommen ist undman auf die Fassade verzichten kann.
Selbst wenn dieses gesamte Komplott ehrlich gemeint wäre, gäbe eskeinen Grund anzunehmen, daß diese Sozialdemokratien jemals eingeringeres Investitionsrisiko würden. Das wichtigste Hindernis für einewirtschaftliche Weiterentwicklung war in der Vergangenheit das soziali-stische System, und dieses wird definitiv nicht grundlegend verändert.All die neuen »anti-kommunistischen Sozialdemokraten« haben sichvon den Prinzipien des Marxismus nicht losgesagt, sondern offen aus-gesprochen, sie würden unser Geld zur Entwicklung und nicht zurAbschaffung des Sozialismus einsetzen. Diese Länder werden weiter-hin unproduktiv und unfähig zur Rückzahlung der Darlehen bleiben,und der amerikanische Steuerzahler wird von dem Komplott weiterhinzur Kasse geben werden.
FAKTUM: Vor dem bolschewistischen coup d'etat war das russischeReich einer der größten Lebensmittelproduzenten der Welt. Die riesigenWeizenfelder der Ukraine ließen das Land zur Kornkammer Europaswerden. Doch als Utopia über die Menschen kam, stagnierte die Land-wirtschaft, und eine Hungersnot brach herein. Selbst in der Zeit nachStalin, als das Regime angeblich eine humanere und produktivere Poli-tik betrieb, hat Rußland niemals genug Nahrung für sich selbst erzeugt.Eine Nation, die ihre Menschen nicht ernähren kann, ist gewiß auchnicht in der Lage, ihre Industrie zu entwickeln oder bedeutende militäri-sche Kraft zu erlangen. Es ist deshalb nicht überraschend, daß dieVereinigten Staaten über Jahrzehnte viele Millionen Tonnen Weizenund andere Nahrungsmittel an Rußland »verkauft« haben. Die Anfüh-rungszeichen sollen den Transfusions-Mechanismus unterstreichen.
FAKTUM: Der industrielle Komplex der amerikanischen Regierung
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versorgte die Sowjets mit Geld, Technologie und zwei der größten undmodernsten Lastwagenfabriken der Welt. Die beiden Werke, KamaRiver und produzierten rasch 150 000 Schwerlastwagen jährlich –einschließlich gepanzerter Truppen- und Raketentransporter – sowie250 000 Dieselmotoren, von denen viele für sowjetische Panzer benö-tigt wurden. 45 Prozent der Kosten dieser Fabriken wurden von deramerikanischen Export-Import-Bank, einer Dienstelle der Regierung,finanziert, und ein ähnlich hoher Betrag kam von Rockefeller's ChaseManhattan Bank. Die Sowjets selbst steuerten nur zehn Prozent bei.Natürlich war wieder einmal der Steuerzahler dabei. Zu jener Zeit standdie Export-Import-Bank unter der Leitung von William Casey, derspäter die CIA leiten sollte, um Amerika vor dem globalen Kommunis-mus zu bewahren.(18) (Wird das Bild langsam deutlich?)
FAKTUM: Beinahe jedes wichtige Teil der Schwerindustrie desOstblocks hätte den Aufdruck »Made in USA« tragen können. Mit derausdrücklichen Billigung jedes einzelnen Präsidenten haben wir dasneueste Öl-Fördergerät, Flugradarsysteme, Ausrüstungen zur Herstel-lung von Präzisionslagern, Helikopter, Triebwerke, Lasertechnologie,hochentwickelte Computersysteme und Nuklearkraftwerke geliefert.Hunderte von Technikern wurden in amerikanischen Institutionen undFabriken ausgebildet, und sogar die Kosmonauten wurden mit von derNASA entwickelten Raumanzügen ausgestattet. Wir haben ihre Pilotenauf amerikanischen Luftwaffenstützpunkten ausgebildet und dafür be-zahlt, daß ihre Offiziere unsere Militärakademie besuchen konnten. Alldies wurde von der russischen Regierung (wie Lenin vorhergesagthatte) dazu benutzt, den militärischen Sektor für einen Angriff auf seineHelfer auszubauen. Das große Schauspiel des zerfallenden Kommunis-mus hat diese Strategie nicht verändert, sondern sie wird lediglichbrillant umgesetzt.
FAKTUM: Als Boris Jelzin von der früheren Sowjetregierung dieMacht übernahm, war eine seiner ersten offiziellen Amtshandlungen dieErlaubnis für ausländische Unternehmen, Gewinne außer Landes zubringen. Aus rein wirtschaftlicher Perspektive betrachtet, war dies eingeschickter Zug, denn damit entstanden Anreize für weitere ausländi-sche Investitionen. Doch es kam noch mehr hinzu. Schon in früherenKapiteln haben wir gesehen, daß der Löwenanteil dieser Investitionen
(18)»U.S. Builds Soviet War Machine«, Industrial Research & Development, Juli1980, S. 51-54.
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von amerikanischen Steuerzahlern getätigt wurde, und zwar in Formdirekter Hilfe, »Bailout« für Banken und Absicherungen der OverseasPrivate Investment Corporation. Jane Ingraham beschreibt die Einzel-heiten:
1992 gab es allerlei Machenschaften zwischen Jelzin und RoyalDutch/Shell, British Petroleum, Amoco, Texaco und Exxon. DasJoint Venture zur Entwicklung des Tengiz-Ölfeldes wurde mit Chev-ron unterzeichnet. McDermott International, Marathon Oil und Mitsuiunterschrieben einen Vertrag mit der russischen Regierung zur För-derung von Öl und Erdgas vor der Insel Sachalin. Chevron undOman bildeten ein Konsortium zum Bau einer riesigen Pipeline, dieRohöl aus Kasachstan zum Schwarzen Meer, dem Mittelmeer unddem Persischen Golf transportieren sollte. Occidental Petroleumunterschrieb ein Joint Venture mit Rußland zur Modernisierung zweierÖlfelder in Sibirien ... Newmont ging ein Joint Venture ein, um Goldin Usbekistan zu gewinnen. Der Vorsitzende von Merrill Lynch,William Schreyer (CFR), wurde Finanzberater für die »Privatisie-rung« der ukrainischen Staatsbetriebe. Robert Allen (CFR, TC(19)) vonAT & T unterschrieb einen riesigen Vertrag für die AusrüstungKasachstans mit Schaltsystemen ...
US West tat sich mit der ungarischen Regierung zusammen, umein nationales Telefonfunknetz zu errichten und zu betreiben; Vize-präsidentin Marina Whitman (CFR, TC) von General Motors halfUngarn und Jugoslawien bei der Herstellung von Automobilen; JackWelch (CFR) von General Electric kaufte gemeinsam mit dem Vize-präsidenten Lawrence Bossidy (TC) eine Mehrheit in UngarnsBeleuchtungsindustrie; Ralston-Purina, Dow Chemical, EastmanKodak, SC Johnson & Son, Xerox, American Express, Procter &Gamble, Woolworth, Philip Morris, Ford, Compaq Computer ... Esfehlte kaum ein einziger amerikanischer Markenname auf der Liste.(20)
FAKTUM: Im Februar 1996 gewährte die Regierung Clinton ein Mil-liarden-Darlehen aus amerikanischem Steuergeld an Rußlands staats-kontrollierte Aeroflot-Fluggesellschaft, damit diese effektiver mit ame-rikanischen Gesellschaften wie Boeing beim Bau von Großraumflug-zeugen konkurrieren konnte. Am Ende dieses Jahres hatten die ehemali-
(19)Trilateral Commission = Trilaterale Kommission.)(20)
»The Payoff« von Jane H. Ingraham, The New American, 28. Juni 1993, S. 25-26.
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gen Länder des Sowjetblocks von der Weltbank über drei MilliardenDollar erhalten. In der Jahresmitte 2000 wurde deutlich, daß russischeRegierungsbeamte zusätzlich sieben Milliarden Dollar vom IWF durchdie Bank von New York gewaschen hatten. Dennoch flossen weiterefrische Darlehen.
FAKTUM: Weiter ging es dann mit China. Amerikanische Bankenund Geschäftsleute – neben sich die Steuerzahler als Bürgen – liefertenKraftwerksausrüstungen, Stahlwerke und militärische Ausrüstungen ein-schließlich Anti-U-Boot-Torpedos und modernste elektronische Anla-gen zur Modernisierung der von Rußland gelieferten Kampfflugzeuge.All dies wurde als ein Mittel bezeichnet, um die Rotchinesen vonMutter Rußland abzunabeln und sie zur Einführung eines freien Unter-nehmertums zu ermutigen. Doch 1985, auf dem Höhepunkt der Begei-sterung über die neuen Handelsbrücken nach China, unterschrieb dasRegime in Peking einen 14-Milliarden Dollar-Handelspakt mit Rußlandund gewährte 1986 den kommunistischen Sandinistas in Nicaragua einzinsfreies Darlehen in Höhe von 20 Millionen Dollar. Selbst nach demMassaker auf dem Pekinger Tiananmen-Platz im Jahre 1989, als ameri-kanische Beamte öffentlich China für die Verletzung der Menschen-rechte verurteilten, gingen die Geschäfte wie gewohnt im Stillen weiter.»Die Vereinigten Staaten können nicht die brutalen Übergriffe verzei-hen und die Konsequenzen für unsere Beziehung zu China ignorieren«,meinte Präsident Bush. Doch nur wenige Wochen nach dem Blutvergie-ßen, und während studentische Anführer in China hingerichtet wurden,billigte seine Regierung ein Darlehen in Höhe von 200 Millionen Dol-lar, zu niedrigen Zinsen, für die Auslieferung von vier brandneuenJumbo-Jets. 1993 wurde weitere 47 Flugzeuge geliefert und noch ein-mal 800 im Laufe der nächsten 15 Jahre in Aussicht gestellt. Amocostellte 1,5 Milliarden Dollar für die Entwicklung von Ölfeldern imChinesischen Meer bereit. Ein Joint Venture zwischen der chinesischenRegierung und Chrysler betraf den Bau von Militär-Jeeps. Ein ähnli-ches Projekt wurde zum Umbau der F-8-Kampfflugzeuge aufgelegt.Drei Kommunikationssatelliten wurden zur Auslieferung freigegeben.AT & T sicherte sich einen Vertrag über 30 Millionen Dollar für denAusbau des Mobilfunknetzwerkes.
Chinas Interesse an Militärtechnologie ist enthüllend. Zusätzlich zuden Käufen aus den Vereinigten Staaten erwarben die Chinesen MIG-31-und SU-27-Kampfflugzeuge aus Rußland und einen Flugzeugträger ausder Ukraine. Im Mai 1992 zündete China unterirdisch seine bisher
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größte Atombombe. 1997 enthielt Chinas Einkaufsliste sogar modern-ste Granatwerfersysteme und die von Rußland diesel-elektrische Unter-seeboote.
Obwohl bekannt ist, daß China mehr als eine Million Menschen fürSklavenarbeit nutzt – Strafgefangene genannt –, und obwohl der »TarifAct« von 1930 den Vereinigten Staaten den Import jeglicher Güterverbietet, die auch nur teilweise von Strafgefangenen hergestellt wer-den, hat jede Regierung seit Nixon China die Meistbegünstigungsklau-sel eingeräumt.
Wie erhofft man von China die Bezahlung all dieser Lieferungen?Ganz einfach. Bis 1996 war China der größte Einzelempfänger vonDarlehen und Subventionen der Weltbank geworden.
FAKTUM: Zusätzlich zu diesen Jahrzehnten des Handels, der Kre-dite und der Steuerzahler-Garantien haben die Vereinigten Staaten vieleMilliarden Dollar direkter Auslandshilfe gegeben, ohne tatsächlich eineRückzahlung zu erwarten. Weshalb geschieht das? In einer Rede vordem russischen Parlament im Juni 2000 gab Präsident Clinton dieAntwort, indem er erklärte: »Die Vereinigten Staaten wünschen sich einstarkes Rußland.« Am nächsten Tag kündigte er amerikanische Unter-stützungen in Höhe von 78 Millionen Dollar zur Modernisierung desKernkraftwerkes Tschernobyl in der Ukraine an.
Die Spur führt zur Wall Street, und sie ist noch frisch. Das Netzwerkdes Runden Tisches war erfolgreich bei der Ausbeutung der osteuropäi-schen Märkte und ist es noch heute. Die Personen haben gewechselt,doch das Spiel bleibt das gleiche. Anfangs wurde der Ausschuß fürAuswärtige Beziehungen von J.P. Morgan dominiert, und noch immerwird er von internationalen Financiers kontrolliert. Die Morgan-Gruppewurde nach und nach durch das Rockefeller-Konsortium ersetzt, unddie Liste der beteiligten Unternehmen liest sich nun wie die Fortune-Liste der 500 Größten. Das ganze Unternehmen verleugnet sich nichtlänger als eine Rot-Kreuz-Mission, sondern firmiert nun unter derBezeichnung »Ost-West-Handel«.
Die Politiker lieben es, sich über die Notwendigkeit des Erhaltes desWeltfriedens zu äußern, und der Handel, so sagt man, sei der beste Wegdorthin. Dabei wird aber vorausgesetzt, daß jetzt tatsächlich eine Frie-denszeit ist. In Wahrheit leben wir in einer der kriegerischsten Perioden,welche die Welt jemals erlebt hat. Bis auf die Antarktis ist kein Konti-nent ohne Krieg. Jeden Tag des Jahres gibt es weltweit zwischen 25 und40 militärische Auseinandersetzungen. Seit dem Ende des Zweiten
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Weltkrieges gab es mehr als 150 bewaffnete Auseinandersetzungen mitbis jetzt weit über 20 Millionen Toten, und die Zahl steigt weiter.2' Wirmüssen hinzufügen, daß in dieser Zeit die Regierungsverschuldungebenfalls gestiegen ist, und auch die weltweite Schaffung von Papiergeld.
Die neue Alchimie
Die Alchimisten der Antike suchten vergeblich, den Stein der Weisenzu finden, der nach ihrer Vorstellung Blei in Gold verwandeln würde.Wäre es möglich, daß ein solcher Stein bereits entdeckt wurde? Könntees sein, daß die Geld-Alchimisten unserer Zeit verstanden haben, wieman Krieg in Schulden umwandelt, und Schulden in Krieg, und beidesin Gold für sie selbst?
In einem früheren Abschnitt beschäftigten wir uns mit einer Strate-gie, genannt die Rothschild-Formel, bei der das Finanz-Komplott derWelt absichtlich Kriege ermutigt, um die gewinnträchtige Produktionvon Waffen zu stimulieren und Staaten auf ewig in die Verschuldung zutreiben. Das ist kein Profitstreben, es ist Völkermord. Deshalb ist esauch keine Belanglosigkeit, die Möglichkeit zu untersuchen, ob unseregewählten und nicht gewählten Führer auch heute noch die Rothschild-Formel anwenden.
FAKTUM: In seiner Rede vor der Abschlußklasse von Annapolis sagteder Marineminister John Lehman 1983: »In wenigen Wochen werdenviele von Ihnen nur 100 Meter entfernt die beste jemals in Amerikaentwickelte Technologie vor Augen haben. Unglücklicherweise befin-det sie sich auf sowjetischen Schiffen.«
Wie Professor Sutton in seinem Buch The Best Enemy Money CanBuy bemerkte, stammten die Gewehre, die Munition, die Waffen und dieTransportsysteme, die amerikanische Soldaten in Korea und Vietnamtöteten, aus der von amerikanischen Unternehmen unterstützten Sowjet-union. Die Lastwagen, die diese Waffen den Ho-Chi-Minh-Pfad entlangtrugen, kamen aus Werken, die mit amerikanischer Unterstützung ge-baut worden waren. Die Schiffe, die Vorräte nach Sihanoukville undHaiphong und später nach Angola und Nicaragua brachten, stammtenvon NATO-Alliierten und nutzten Antriebssysteme, die das amerikani-
(21)Diese Zahlen stammen aus der Publikation der Vereinten Nationen Report anthe World Social Situation 1985, S. 14. Fortgeschriebene Ausgaben diesesDokumentes geben keine kumulierten Zahlen an, zeigen aber, daß die Zahl derKonflikte weiter gestiegen ist.
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sche Außenministerium sowjetischen Händen verweigert hätte. Suttonschlußfolgert: »Die technologischen Fähigkeiten des Korea- und desVietnam-Krieges stammten auf beiden Seiten aus dem Westen, vorallem aus Amerika, und die politische Illusion eines >friedlichen Han-dels<, wie sie von den Tauben, Stummen, Blinden propagiert wird, wardie Basis für diese kriegsfördernde Technologie.«(22)
FAKTUM: Dies führt uns zu den jüngsten Kriegen im MittlerenOsten und dem Aufkommen des »islamischen Fundamentalismus«.Iran, Irak, Syrien, Algerien, die PLO, die Muslimische Bruderschaftund ähnliche anti-amerikanische Gruppierungen haben alle Waffen,Geld und heimliche Unterstützung der US-Regierung erhalten. Im er-sten Golf-Krieg wurde jede Anstrengung unternommen, um sicherzu-stellen, daß Husseins Regime zwar in Schach gehalten, aber nichtzerstört wurde (Ähnlichkeiten hier zum Korea- und Vietnam-Krieg).Seine militärische Infrastruktur und die meisten seiner Waffen wurdendamals verschont. Nach dem Waffenstillstand durfte Hussein seineFlotte an Kampfhubschraubern behalten, die er prompt zur Niederwer-fung eines großen internen Aufstandes einsetzte.
Die bittere zu schluckende Pille ist dabei, daß Saddam Hussein fürdie globalen Planer im Westen ein Aktivum war, und sie taten alles, ihnan der Macht zu halten. Diese Strategie wurde schon damals so offen-sichtlich, daß es keine ernsten Anstrengungen mehr gab, dies zu verber-gen. Die Aufgabe lautete nur, wie man es der leichtgläubigen Öffent-lichkeit als eine gute Idee verkaufen könnte.
Wie schon festgestellt wurde, war der Ausschuß für AuswärtigeBeziehungen die Denkfabrik für die Umsetzung dieser Strategie. 1996bot der Herausgeber des Monatsmagazins Foreign Affairs, Fareed Zakaria,folgende Erläuterung:
Ja, es klingt verlockend, Saddam loszuwerden. Doch sein schlechtesBenehmen dient tatsächlich den amerikanischen Interessen in derRegion ... Würde Saddam Hussein nicht existieren, müßte man ihnerfinden. Das Ende von Hussein wäre das Ende der Anti-Saddam-Koalition. Nichts zerstört leichter eine Allianz als das Verschwindendes Feindes ... Der Erhalt der amerikanischen Präsenz im Golf wäreohne eine regionale Bedrohung schwierig.(23)
(22)Antony Sutton, The Best Enemy Money Can Buy (Billings, Montana: LibertyHouse Press, 1986), S. 191.(23)
»Thank Goodness for a Villain«, Newsweek, 16. September 1996, S. 43.
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Deutlicher kann man die Rothschild-Formel praktisch nicht ausdrük-ken. Dennoch können viele Leute sie nicht als real empfinden, selbstKongreßangehörige nicht. So rief beispielsweise der Abgeordnete JamesTraficant aus Ohio am 29. April 1997 aus:
Amerika gibt Rußland Milliarden. Mit amerikanischem Geld bautRußland Raketen. Dann verkauft Rußland diese an China, und Chi-na, das ungefähr 45 Milliarden Dollar an Handelsgeschenken vonUncle Sam erhält, verkauft diese russischen Raketen an den Iran.
Mit diesen russischen Raketen, erhalten von China, bedroht derIran den Mittleren Osten. Also schickt Uncle Sam ... weitere Truppenund gibt weitere Dollars ... Dies ist keine Außenpolitik! Dies istauswärtige Dummheit!(24)
Traficant zielte genau auf das Herz des Problems, aber er traf nicht dieUrsache. Amerikanische Führer sind nicht dumm. Sie setzten nur dieRothschild-Formel um. Um eine Weltregierung zu rechtfertigen, brauchtman Kriege und Kriegsdrohungen. Für Kriege braucht man Feinde mitfurchtbaren Waffen. Saddam Hussein war einer der besten Feinde, dieman für Geld kaufen kann.
Wenn es wahr ist, daß westliche Führer absichtlich ihre Feindeunterstützen, müssen wir annehmen, sie hätten Lenins Vorhersage be-dacht, daß sie damit ihren eigenen Untergang vorbereiten ... und übri-gens auch unseren. Wir sollten voraussetzen, daß sie auf die Vermei-dung dieses Schicksals hoffen. Es spielt hier keine Rolle, ob sie Rechtoder Unrecht haben. Der Punkt ist nur der: Sie glauben, richtig zuhandeln und eine Weltordnung zu errichten, die sie unter Kontrollehalten können. Wie sie dieses zu schaffen gedenken, ist Thema spätererKapitel, doch der unablässige Krieg ist ein wichtiger Teil davon. Solan-ge wir diese Strategen nicht entmachten, wird die Rothschild-Formeleine wichtige Rolle in unserer Zukunft spielen.
Fünfter Grund zur Abschaffung des Systems
Wenige Historiker würden die Tatsache bestreiten, daß die Finanzie-rung des Ersten Weltkrieges, des Zweiten Weltkrieges, des Korea-Krie-ges und des Vietnam-Krieges mit Hilfe des Mandrake-Mechanismusdes Federal Reserve Systems erzielt wurde. Eine Übersicht aller Kriege
(24)Congressional Record, 29. April 1997.
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seit der Errichtung der Bank of England 1694 legt den Schluß nahe, daßdie meisten davon weit weniger heftig oder gar nicht ausgefochtenworden wären ohne Papiergeld. Nur die Möglichkeit der Regierungen,ohne direkte Besteuerung an Geld zu kommen, ermöglicht die moderneKriegführung; und eine Zentralbank ist die beliebteste Methode hierfürgeworden.
Man kann über die Notwendigkeit oder zumindest Unvermeidlichkeitvon Papiergeld im Kriege als Mittel des puren Überlebens streiten.Schließlich ist dieses das vordringliche Ziel sowohl von Individuen alsauch von Regierungen. Mögen sich Philosophen darüber Gedankenmachen. Hingegen kann man nicht darüber diskutieren, daß Papiergeldin Friedenszeiten keine solche Berechtigung besitzt. Außerdem ist dieFähigkeit von Regierungen und Banken, Papiergeld zur Finanzierungvon Kriegen anderer Nationen einzusetzen, eine mächtige Versuchungfür sie, sich in solche Konflikte für den persönlichen Profit, politischeMacht oder anderes hineinziehen zu lassen. Alles das ist weit entferntvon einer moralischen Rechtfertigung für Blutvergießen.
Das Federal Reserve System hat stets solch eine Funktion erfüllt. Dieweiterhin bestehende Strategie, die militärischen Fähigkeiten von Ame-rikas Feinden aufzubauen, läßt nur eine Vermutung zu: daß wir nämlichnicht das Ende des Krieges in Sicht haben. Es ist also keine Übertrei-bung zu behaupten, das Federal Reserve System ermutige zum Krieg. Esgibt keinen besseren Grund, die Kreatur einzuschläfern.
Zusammenfassung
Die Bolschewistische Revolution war ein coup d' etat, in dem eineradikale Minderheit der moderaten revolutionären Mehrheit die Machtentrissen hat. Die Rot-Kreuz-Mission von New York half den Bolsche-wiken und erhielt im Gegenzug wirtschaftliche Vorteile in Form einesZugangs zu Rußlands Bodenschätzen und Verträgen für Baumaßnah-men und Ausrüstungen. Die ununterbrochene Teilnahme an der wirt-schaftlichen Entwicklung Rußlands und Osteuropas seitdem deutet dar-auf hin, daß dieses Verhältnis bis heute besteht. Diese Financiers sindnicht pro-kommunistisch. Ihre Motivation heißen Profit und Macht. Siearbeiten jetzt daran, Rußland und die Vereinigten Staaten in eine Weltre-gierung einzubringen, die sie jedoch kontrollieren möchten. Kriege undKriegsdrohungen sind Werkzeuge auf dem Wege, die Massen zur Hin-nahme dieses Zieles zu bewegen. Es ist also nötig, daß die VereinigtenStaaten und die industrialisierten Nationen der Welt glaubwürdige Fein-
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de besitzen. Während diese Zeilen geschrieben werden, trägt Rußlanddie Maske des Friedens und der Kooperation. Doch dies haben wirfrüher schon erlebt. Wir könnten durchaus eine Rückkehr zum Reichdes Bösen erleben, wenn der Zeitpunkt dafür reif ist. Die finanzielleUnterstützung der amerikanischen Regierung und der Mega-Banken fürRußlands Militär, später dann das der Chinesen und der Staaten imNahen Osten, läßt sich anders nicht hinreichend erklären.

Teil IV
Die Geschichte dreier Banken
Es wurde gesagt, daß diejenigen, die die Geschichte mißachten, zurWiederholung ihrer Fehler verdammt seien. Es mag eine Überra-schung sein, daß das Federal Reserve System Amerikas vierte Zen-tralbank ist, nicht ihre erste. Wir haben in der Vergangenheit all dieserlebt, und jedes Mal war das Ergebnis das gleiche. Interessiert anden Ereignissen? Lassen sie uns dann die Koordinaten unserer Zeit-maschine auf die Kolonie Massachusetts und das Jahr 1690 stellen.Um sie in Gang zu setzten, blättern Sie bitte um.
Kapitel 15
Die verlorene Schatzkarte
Die bittere Erfahrung der amerikanischen Kolonienmit Papiergeld; der Entschluß der Gründungsväter,der neuen Nation das Papiergeld ohne Deckung zuverbieten; der Entwurf der Verfassung mit diesem Ziel;die Erschaffung eines echten amerikanischen Dollars;der entstehende Wohlstand.
In den goldenen Zeiten des Radios fragte der Bauchredner Edgar Ber-gen seine Puppe Mortimer Snerd: »Wie kannst du so dumm sein?« Unddie Antwort lautete immer gleich. Nach einem Augenblick des Nach-denkens erwiderte Mortimer gedehnt: »Nun, das ist nicht leicht!«
Schauen wir auf das monetäre Chaos um uns herum – den ständigenWertverlust des Dollars und die zusammenbrechenden Finanzinsti-tute –, so drängt sich die Frage auf: Wie sind wir in diese Klemmegeraten? Dummerweise wäre Mortimers Antwort ziemlich treffend. Umherauszufinden, wo wir jetzt stehen, ist es nötig zu wissen, wie allesbegonnen hat. Ein guter Anfang für diese Untersuchung ist die Verfas-sung der Vereinigten Staaten von Amerika. In Artikel 1, Paragraphen 8und 10 heißt es:
Der Kongreß besitzt die Macht ...
Geld zu borgen ..., Geld zu prägen, den Wert dessen festzulegenund auch den des fremden Geldes, den Standard der Gewichte undMaße festzulegen ... [und] für die Bestrafung des Geldfälschens zusorgen ...
Kein Staat darf ... Geld prägen; Kreditscheine ausgeben ... [oder]etwas anderes als Gold- und Silbermünzen zu Zahlungsmitteln er-klären.
Die Abgeordneten waren damals sehr penibel in bezug auf diese Worte.Der Kongreß besaß die Macht, »Geld zu prägen« und nicht zu drucken.In seinem Werk Principles of Constitutional Law erklärt Thomas M.Cooley, »Geld zu prägen bedeutet, metallene Münzen als Mittel desTausches im Handel einzusetzen, ausgerichtet an einem festgelegten
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Wert«. Verboten war es, »Kreditscheine auszugeben«, die, gemessen anden Reden und Schriften der Urheber der Verfassung, papierene Schuld-scheine waren, die man hätte als Geld in Umlauf bringen können. Mitanderen Worten, es handelte sich um das Drucken von Papiergeld ohneDeckung durch Gold oder Silber.
Eigentlich könnte diese Bestimmung, was ihre Klarheit angeht, garnicht deutlicher sein. Dennoch boten die beiden einfachen Formulierun-gen Grund für buchstäblich Tausende von Seiten unterschiedlichsterInterpretationen. Die Crux des Problems liegt darin, daß die Verfassungzwar deutlich den Staaten die Ausgabe von Papiergeld untersagt, sichaber nicht ausdrücklich auf die Bundesregierung bezieht. Dies wartatsächlich ein unglückliches Versehen der Verfasser, die sich aberwahrscheinlich nicht einmal in ihren schlimmsten Alpträumen vorstel-len konnten, daß ihre Nachkommen »so dumm sein könnten«, ihreAbsicht nicht zu verstehen.
Außerdem: »Nun, das ist nicht leicht« ihre Absicht mißzuverstehen.Man muß lediglich die Geschichte des Geldes bis zur verfassunggeben-den Versammlung zurückverfolgen und die Briefe und Reden der Män-ner lesen, die ihre Unterschrift unter dieses Dokument setzten.
Liest man heute die Rede-Texte, ist man verblüfft von der Leiden-schaft, mit der diese Delegierten das Thema Geld diskutierten. Jedervon ihnen konnte sich noch an seine persönlichen Erfahrungen in demvollkommenen Chaos der Kolonien erinnern, das von Papiergeld verur-sacht worden war. Sie sprachen sich daher unverblümt dagegen aus undblieben unerschütterlich bei der Ansicht, es dürfe nie wieder in Amerikatoleriert werden ..., weder auf Staats- noch auf Bundesebene.
Papiergeld in den Kolonien
Die erste Erfahrung der Kolonien mit Papiergeld wurde in der Zeitvon 1690 bis 1764 gemacht. Massachusetts benutzte es damals alsMittel, seine militärischen Überfälle auf die französische Kolonie Que-bec zu finanzieren. Bald folgten die anderen nach, und in wenigenJahren gab es beinahe eine Orgie des Druckens von »Kreditscheinen«.Keine Zentralbank war damit befaßt. Das Vorgehen war einfach unddirekt, genau wie die Begründung. Wie ein Gesetzgeber der Kolonienerläuterte:
Glauben Sie etwa, Gentlemen, daß ich zustimmen würde, meineWähler mit Steuern zu belasten, wo wir doch nach unserem Drucker
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schicken und eine Wagenladung Geldes erhalten könnten, wobei eineeinzige Lage davon das Ganze bezahlen könnte?(1)
Die Konsequenzen dieser erleuchteten Staatskunst waren geradezu klas-sisch. Die Preise explodierten, man mußte Gesetze erlassen, um denSiedlern das wertlose Papier aufzuzwingen, und der sogenannte kleineMann erlitt große persönliche Verluste. Bis zum Ende der 1750er Jahreerfuhr Connecticut eine Inflationsrate bis zu 800 Prozent, North undSouth Carolina von 900 Prozent, Massachusetts von 1000 Prozent undRhode Island gar von 2300 Prozent.(2)
Die Lage geriet derart außer Kontrolle, daß 1751 das britische Parla-ment einzuschreiten beschloß. Es war einer der wenigen Fälle, in denendie Einmischung des Mutterlandes den Kolonien tatsächlich half: Eszwang sie, die Produktion des Papiergeldes einzustellen. Fortan solltenur noch die Bank of England zuständig sein.
Was folgte, war von den Befürwortern des Papiergeldes nicht vorge-sehen. Innerhalb der großen Düsternis wegen »unzureichenden Geldes«gab es aufblühenden Wohlstand. Die vorgeschriebene Nutzung desPapiergeldes hatte jeden dazu gezwungen, das echte Geld zu horten undstatt dessen wertloses Papier zu benutzen. Da dieses Papier nun inUngnade gefallen war, benutzten die Siedler wieder ihre englischen,französischen und holländischen Goldmünzen, die Preise paßten sichder Realität an, und der Handel stand erneut auf einer soliden Basis. Soblieb es sogar während der wirtschaftlichen Verwerfungen während desSiebenjährigen Krieges (1756-1763) und bis kurz vor dem Aufstand. Eswar dies ein perfektes Beispiel, wie ein in Schwierigkeiten gerateneswirtschaftliches System sich erholen kann, wenn die Regierung nicht inden Heilungsprozeß eingreift.(3)
Kriegsinflation
Doch all dies kam zum Stillstand, als die Kolonien sich erhoben.Nicht nur geriet England selbst zwischen die Zahnräder des Zentral-bank-Mechanismus', sondern auch die Kolonien kehrten zu ihren Druck-maschinen zurück. Die folgenden Zahlen sprechen für sich selbst:
(1)William M. Gouge, A Short History of Paper Money and Banking in the UnitedStates (Philadelphia: T. W. Ustick, 1833), Teil II, S. 27.
(2)Paul und Lehrman, S. 23.
(3)Roger W. Weiss, »The Colonial Monetary Standard of Massachusetts«, EconomicHistory Review, 27. November 1974. S. 589.
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–Am Anfang des Krieges 1775 betrug der gesamte Geldvorrat derföderierten Kolonien zwölf Millionen Dollar.
–Im Juni desselben Jahres gab der Continental Congress weiterezwei Millionen Dollar heraus; ehe die Banknoten gedruckt waren,wurde eine weitere Million Dollar autorisiert.
–Am Ende des Jahres kamen weitere drei Millionen Dollar hinzu.
–19 Millionen Dollar 1776
–13 Millionen Dollar 1777
–64 Millionen Dollar 1778
–125 Millionen Dollar 1779
–Ergibt eine Summe von 227 Millionen Dollar in fünf Jahrenzusätzlich zu der Anfangssumme von zwölf Millionen Dollar; dasist ein Zuwachs von rund 2000 Prozent.
–Zusätzlich zu diesem »Bundes«-Geld taten die Kolonien dasselbein ungefähr gleicher Höhe.
Und noch mehr: Die Continental Army gab, als sie nicht genugGeld vom Kongreß erhielt, »Schatzanweisungen« zum Kauf vonVorräten in Höhe von 200 Millionen Dollar heraus.
–Alles in allem wurden 650 Millionen Dollar in fünf Jahren ge-schaffen, und das zusätzlich zu den ursprünglichen zwölf Millio-nen Dollar. Das bedeutet eine Ausweitung des Geldvorrates umüber 5000 Prozent.(4)
Obwohl die Wirtschaft von dieser Geldflut verwüstet wurde, waren sichdie meisten Opfer der eigentlichen Ursache kaum bewußt. 1777 wurdendie Gefühle der Bevölkerung in den Worten einer patriotischen altenDame zusammengefaßt: »Welch eine Schande, daß der Kongreß diearmen Soldaten leiden läßt, wo er doch die Macht besitzt, so viel Geldzu schaffen, wie er mag.«(5)
Das unmittelbare Ergebnis dieser Infusion von Geld war aufblühen-der Wohlstand. Schließlich besaß jetzt jeder mehr Geld. Doch schonbald kam die Inflation als Folge des natürlichen Selbstzerstörungs-mechanismus'. 1775 wurde das Geld der Kolonien, der Continental, miteinem Gold-Dollar angesetzt. 1778 wurde er für 25 Cent gehandelt.
(4)Paul und Lehrman, S. 26-27.
(5)Gouge, S. 28. Die Naivität dieser Dame mag lustig sein, doch sind Amerikanerheute aufgeklärter? Würde sie sich nicht im heutigen Wahlvolk zu Hausefühlen, das die Regierung bedrängt, immer mehr Geld bereitzustellen, um denArmen und Arbeitslosen zu helfen?
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1779, gerade vier Jahre nach der Einführung, war er weniger als einenPenny wert und praktisch überhaupt nicht mehr als Geld im Umlauf. Indiesem Jahr schrieb George Washington: »Eine Wagenladung Geldwird kaum eine Wagenladung Proviant erstehen.«(6)
Der Ausspruch »keinen Continental wert« hatte seinen Ursprung indieser Zeit.
Die wahre Natur des Inflationseffektes wurde niemals genauer beob-achtet und lebendiger beschrieben als von Thomas Jefferson:
Man wird fragen, wie die beiden Geldmengen des Continental unddes Staatsgeldes die Menschen der Vereinigten Staaten 72 MillionenDollar kosten konnten, wenn sie jetzt mit etwas sechs Millionenabgelöst werden sollen? Meine Antwort ist, daß die Differenz von66 Millionen auf den Papiernoten verloren wurde, und zwar vonjedem einzelnen, der sie in Händen hielt. Schon in diesem Augenblickverlor sie an Wert. Dies war eine reale Steuer, und auf diese Weisesteuerten die Bürger der Vereinigten Staaten diese 66 MillionenDollar während des Krieges bei. Durch die Art dieser Besteuerungwurde sie die bedrückendste von allen, weil sie die ungerechteste ist.(7)
Preiskontrollen und gesetzliche Zahlungsmittel
Es war ganz natürlich, daß Menschen nach Wegen suchten, derVernichtung ihrer Ersparnisse zu entgehen. Die beiden offensichtlich-sten davon waren 1) regelmäßig die Preise nach oben zu treiben, wennder Wert des Geldes nach unten ging, oder 2) ihre Güter und Dienstlei-stungen nur gegen Goldmünzen zu veräußern. Die kolonialen Verwal-tungen und der Continental Congress taten genau das, was Regierungenimmer tun, um so etwas zu verhindern. Sie retten sich in Lohn- undPreiskontrollen und führen Gesetze zu Zahlungsmitteln ein, die beiNichtbeachtung hohe Strafen nach sich ziehen. In einem dieser Gesetzewurde derjenige, der die Annahme wertlosen Geldes verweigerte, sogarals Verräter bezeichnet:
Sollte irgendeine Person hiernach für alle Tugendhaftigkeit und Re-spekt vor seinem Land verloren sein, daß er dessen Banknoten ver-
(6)Bolles, Band I, S. 132.
(7)Thomas Jefferson, Observations an the Article Etats-Unis, Encyclopedia, 22. Juni1786, Band IV, S. 165.
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weigert, so wird diese Person als Feind ihres Landes betrachtetwerden.(8)
Rhode Island bestrafte die Verweigerung seiner Banknoten mit emp-findlichen Bußen, und bei Wiederholung drohte sogar der Verlust derBürgerrechte. Als diese Praxis von einigen Richtern für ungesetzlicherklärt wurde, reagierte die Legislative mit der Entlassung der betref-fenden Richter.(9)
Damals wie heute leiden diejenigen am meisten unter Papiergeld, diedas größte Vertrauen in die Regierung setzen. 1777 waren das vor allemdie konservativen Whigs, die aus Patriotismus Papiergeld angenommenund deshalb ihren Lebensunterhalt und ihre Ersparnisse verloren hatten.Die Tories wiederum mißtrauten der Regierung ebenso wie dem Papier-geld und tauschten es so rasch wie möglich in echte Werte um, vorzugs-weise in Gold. So überstanden sie als Gruppe den Sturm ziemlich gut,doch von ihren weniger vernünftigen Nachbarn wurden sie oft als»Torie-Spekulanten«, »Hamsterer« oder sogar »Verräter« beschimpft.
All dies war noch frisch in der Erinnerung der Delegierten zurConstitutional Convention. Als sie sich 1787 zur Eröffnungssitzung inPhiladelphia trafen, bedrohte ein verärgerter Mob die Delegierten aufden Straßen. Plünderungen waren an der Tagesordnung, Geschäfte wa-ren bankrott. Überall gab es Trunkenheit und Gesetzlosigkeit zu beob-achten. Die Frucht des Papiergeldes war herangereift, und die Delegier-ten mochten nicht deren Geschmack.
Im Oktober 1785 schrieb Georg Washington: »Die Räder der Regie-rung sind blockiert, und ... wir steigen hinab in das Tal der Verwirrungund Dunkelheit.«(10) Ein Jahr später meinte er in einem Brief an JamesMadison: »Kein Tag war jemals dunkler als der heutige. Wir schreitenrasch auf Anarchie zu.«(11)
Im Februar 1787 schrieb Washington an Henry Knox: »Hätte mirfrüher jemand vorausgesagt, es gäbe solch eine Rebellion, wie wir sieerleben, hätte ich ihn als reif für das Irrenhaus betrachtet.«(12)
Drei Monate vor der Eröffnung der Versammlung teilte Washingtonseine Gründe für die Ablehnung des Papiergeldes mit. In Erwiderung
(8)Sutton, The War an Gold (Seal Beach, California: '76 Press, 1977), S. 47-48.(9)
Jensen, S. 324.
(10)Atwood, S. 3. (11)Ebenda, S. 4. (12)Ebenda, S. 4.
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auf die Klage, es gebe nicht genug Goldmünzen (Hartgeld) für denBedarf des Handels, erklärte er:
Der aus der Nachfrage nach Hartgeld abgeleitete Bedarf wird fürgrößer gehalten, als er tatsächlich ist. Ich behaupte, es sei dieSubstanz und nicht der Schatten eines Dinges, was uns zum Wohlgereicht. Die Weisheit des Menschen kann in meiner bescheidenenMeinung zu dieser Zeit keinen Plan entwerfen, durch den das Anse-hen des Papiergeldes lange unterstützt würde; die Abwertung hält mitder Menge der Ausgabe Schritt. Und Artikel, für die es eingetauschtwird, steigen rascher als der sinkende Wert des Geldes. Wo also wirddies dem Farmer, dem Plantagenbesitzer oder dem Handwerker zumNutzen? Ein ebenso großes Übel ist die sofort für Spekulationengeöffnete Tür, wodurch die vielleicht ungeschicktesten und mögli-cherweise wertvollsten Teile der Gemeinschaft von den klügeren undraffinierten Spekulanten ausgebeutet werden.(13)
Die verfassunggebende Versammlung
Diese Ansicht teilte die große Mehrheit der Delegierten auf derVersammlung. Sie waren unerbittlich in ihrer Entschlossenheit, eineVerfassung zu schaffen, die es künftig jedem Staat und insbesondere derBundesregierung verbot, jemals Papiergeld zu drucken.
Oliver Ellsworth aus Connecticut, der später Vorsitzender des Ober-sten Bundesgerichtes wurde, sagte:
Dies ist ein günstiger Augenblick, um die Tür gegen Papiergeld zuschließen und zu verriegeln. Der Mißbrauch und die vielen Experi-mente, die gemacht wurden, sind noch immer frisch in der Erinne-rung der Öffentlichkeit und haben die Abscheu des respektablenTeiles Amerikas verdient.(14)
George Mason aus Virginia sagte den Delegierten, er verspüre einen»tödlichen Hass auf das Papiergeld«. Schon vorher hatte er an GeorgeWashington geschrieben: »Sie mögen ein Gesetz zur Herausgabe vonPapiergeld schaffen, doch 20 Gesetze werden die Menschen nicht zurAnnahme dessen bringen. Papiergeld ist gegründet auf Betrug undSchurkerei.«
(13)Washington to Stone, 16. Februar 1787, zitiert von Bancroft, S. 231-232.(14)Paul und Lehrman. S. 168.
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James Wilson aus Pennsylvania meinte: »Die Abschaffung der Mög-lichkeit von Papiergeld wird den heilsamsten Einfluß auf das Ansehender Vereinigten Staaten haben.«
John Langdon aus New Hampshire warnte, er würde eher den ganzenPlan einer Föderation ablehnen, als der neuen Regierung das Recht zumDrucken von Papiergeld zu geben.
George Reed aus Delaware erklärte, daß eine Bestimmung in derKonstitution für die Ausgabe von Papiergeld »so alarmierend wäre wiedas Zeichen in der Offenbarung«.
Obwohl kein Mitglied der Versammlung, schrieb Thomas Paine, ersei strickt gegen Papiergeld, das er als Staatsfälschung abtat; besonderssprach er sich gegen das Zahlungsmittelgesetz aus: »Ein Mitglied [derLegislative], das für solch ein Gesetz stimmt, sollte zum Tode verurteiltwerden«, meinte er.
Ein interessanter Gedanke.
Es gibt weitere Beweise dafür, daß die Gründungsväter der Bundes-regierung die Ausgabe von »Kreditscheinen« untersagen wollten. Dererste Entwurf der Verfassung rührte zum großen Teil von den ursprüng-lichen Articles of Confederation her. Als die Delegierten darüber berie-ten, enthielten diese immer noch die folgende alte Bestimmung, die soviel Chaos verursacht hatte: »Die Legislative der Vereinigten Staatenwird die Macht haben, Geld zu borgen und Kreditbriefe auszugeben.«Doch nach lebhafter Diskussion wurde mit überwältigender Mehrheitdie Streichung dieser Passage aus der Verfassung beschlossen.(15)Alex-ander Hamilton zeigte in seiner Ansprache die Ansicht der Mehrheitauf: »Die Ausgabe eines ungedeckten Papiers als Zeichen von Wertverdient es nicht, in die Verfassung aufgenommen oder später garumgesetzt zu werden. Denn von seiner Natur her lädt dieses zu Miß-brauch ein und kann leicht als Vehikel für Täuschung und Betrugbenutzt werden.«(16)
Das Protokoll vom 16. August enthält folgende Eintragung:
(15)Eine hervorragende Zusammenfassung der Diskussionen zwischen den Dele-gierten bietet Edwin Vieira Jr., Pieces of Eight: The Monetary Powers andDisabilities of the United States Constitution (New Jersey: Sound DollarCommittee, 1983), S. 71-76.(16)
Alexander Hamilton, Works, Teil II, S. 271, zitiert von Bancroft, S. 26.
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Es wurde beantragt und unterstützt, die Worte »die Ausgabe vonKreditscheinen« zu streichen, und dem Antrag ... wurde mit großerMehrheit zugestimmt. [Das Ergebnis lautete 4:1.](17)
Die zehnte Novellierung stellte fest: »Die nicht von der Konstitution aufdie Vereinigten Staaten übertragenen oder den Staaten untersagten Be-fugnisse und Rechte werden den einzelnen Staaten gegeben bezie-hungsweise den Menschen.« Das Recht, Kreditbriefe auszugeben, wur-de definitiv nicht den Vereinigten Staaten übertragen, und den einzelnenBundesstaaten ist es ausdrücklich untersagt. Das heißt, sollte es über-haupt irgendein Recht zur Herausgabe von Papiergeld geben, dann liegtdieses bei den Menschen. Mit anderen Worten, Individuen und privateInstitutionen wie Banken besitzen das Recht zur Herausgabe von Schuld-scheinen in der Hoffnung, sie mögen von der Öffentlichkeit angenom-men werden. Doch der Regierung wird dies auf allen Ebenen eindeutiguntersagt.
Ein Vorschlag für Ihren Abgeordneten
Übrigens wurde die Verfassung in diesem Punkt niemals geändert,ebensowenig wie die Bestimmung, daß nur Silber und Gold als gesetzli-ches Zahlungsmittel gültig sind. Es wäre eine interessante Sache, würdejeder Leser dieses Buches diese Zeilen oder wenigstens eine Kopiedavon an seinen Abgeordneten in Washington schicken. Jedes Mitglieddes Kongresses hat auf die Einhaltung der Verfassung einen Eid abge-legt, und so könnten Sie eine kurze Notiz mit der Frage beifügen, abwann sie dieses umzusetzen gedenken.
Seien Sie nicht enttäuscht über eine unbefriedigende Antwort. Politi-ker haben das gleiche Problem wie Richter. Zwar darf man das Boot vonZeit zu Zeit ins Schwanken bringen, doch Sie dürfen es nicht versenken.Anklagen gegen die Regierung in bezug auf unsere Währung kommenselten vor Gericht. Für die Gerichte ist es leichter, diese Fälle abzuleh-nen oder sie als angeblich »unernst« abzutun. Allerdings besäßen siesonst kaum eine Wahl. Entweder müßten sie jede Logik verstümmeln,um die gegenwärtigen Widersprüchlichkeiten zu begründen – und sichdabei öffentlich bloßstellen –, oder sie müßten sich für die Verfassungaussprechen und damit den Zusammenbruch der gesamten Defizit-finanzierung und des Zentralbank-Mechanismus' verursachen.
(17)Bancroft, S. 39, 40.
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Solch eine Handlungsweise setzt viel Mut voraus. Die Richter müß-ten nicht nur den Zorn des Establishments ertragen, das von diesemMechanismus zehrt. Sie würden auch einer entsetzten Öffentlichkeitgegenübertreten müssen, die, weil ihr weder die Verfassung noch dieNatur des Geldes bewußt ist, leicht glauben könnte, die Richter hättenihren Verstand verloren. Auch für Politiker ist es sicherer, bei Anfragenzu diesem Thema aus belanglosen Regierungsdokumenten zu zitieren,in denen unser Papiergeldsystem als legal und verfassungsgemäß darge-stellt wird.
Leider ist das die Realität. Solange die Öffentlichkeit nicht erheblichbesser informiert ist als zum gegenwärtigen Zeitpunkt, können wir nichtallzu viel erwarten von den Gerichten oder vom Kongreß. Doch es istden Aufwand wert, die Angelegenheit in das Bewußtsein der gewähltenAbgeordneten zu bringen, denn der Lernprozeß muß irgendwann ein-setzen, und Washington ist dafür der richtige Ort.
Nach dieser Abschweifung ist es jedoch wichtig zu wissen, daß dieBundesregierung eine präzise formulierte und beschränkte Befugnishat, nämlich »Geld zu prägen« und »dessen Wert zu regulieren«. InAnbetracht der Tatsache, daß Gold- und Silbermünzen als einzig erlaub-te Art von Geld genannt wurden, kann es keinen Zweifel an der Bedeu-tung des Begriffes Befugnis geben. Geld zu prägen heißt nichts anderesals Edelmetall-Münzen herzustellen. Punkt.
Die zweite Hälfte ist ähnlich klar. Sowohl in der Verfassung als auchin der Argumentation der Abgeordneten war das Recht, den Wert vonGold- und Silbermünzen zu regulieren, eindeutig an die Macht zurBestimmung von Maßen und Gewichten gebunden. Im Grunde geht esdabei um ein und dasselbe. Den Wert einer Münze festzulegen istgenauso, wie wenn man eine Meile oder ein Pfund oder ein anderesMaß bestimmt. Es handelt sich um einen Standard, an dem sich andereDinge messen lassen. Die Wortwahl dieses Teiles der Verfassung kannauf die ursprünglichen Articles of Confederation zurückverfolgt wer-den, wodurch die Bedeutung noch klarer wird:
Die Vereinigten Staaten ... werden ... das alleinige und ausschließli-che Recht und die Befugnis haben zur Festlegung der Legierung unddes Wertes der geprägten Münzen aufgrund ihrer Hoheitsgewalt oderder der jeweiligen Staaten ..., dadurch festlegend den Standard allerGewichte und Maße in den Vereinigten Staaten.
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Die Absicht war also einfach die, daß der Kongreß das exakte Gewichtund die Menge eines Edelmetalles bestimmen sollte, das als nationaleWährung vorgesehen war.
Der Ursprung des Dollars
Zu dieser Zeit waren spanische Silbermünzen praktisch schon zueiner De-facto-Währung geworden. Vom Continental Congress warbereits eine Kommission damit beauftragt worden, die im Lande zirku-lierenden Münzen auf ihren durchschnittlichen Wert, gemessen amGewicht und an der Reinheit, zu prüfen. Alle Münzen verschiedenstenUrsprunges wurden mit ihren vergleichenden Wertezahlen in Tafelneingetragen. Der Kongreß bestimmte also bereits den Wert des Geldes,als die Konstitution entworfen wurde. Es ist eine interessante Geschich-te, wie aus diesen Münzen der Dollar entstand. Edwin Vieira berichtet:
Die Kenner der Münzgeschichte verbinden den Dollar gern mit GrafSchlick, der solche Silbermünzen 1519 in Joachimsthal in Bayernprägte. Aus den früheren »Schlicken-Thalers« oder auch »Joachims-thaler« wurden einfach »Thaler«, die später in »Dollar« umge-schrieben wurden. Erstaunlich, daß die amerikanischen Kolonienden Dollar nicht aus England, sondern aus Spanien akzeptierten.Unter der Münzreform von 1497 wurde der Real die spanischeGeldeinheit. Später gab es auch eine Münze im Wert von acht Reales.Bekannt unter Bezeichnungen wie Pesos, Duros, Piezas de ocho(Stücke von Acht) oder spanische Dollar (wegen ihrer Ähnlichkeit imHinblick auf Gewicht und Reinheit zum Thaler) erlangten die Mün-zen rasch eine Vorherrschaft an den Finanzmärkten der Neuen Welt,nicht zuletzt wegen Spaniens damaliger Bedeutung beim Handel undin der Politik.(18)
1785 drängte Thomas Jefferson auf die Übernahme des spanischenSilber-Dollars als nationale Geldeinheit. In einer Schrift, die an dieDelegierten des Continental Congress gerichtet war, schrieb er:
In Anbetracht all der vielen Geldtransaktionen, großer und kleiner,stelle ich mir die Frage, ob eine gemeinsame Einheit von günstigererGröße als der Dollar vorgeschlagen werden könnte. Diese Einheit
(18)Vieira, S. 66.
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oder auch Dollar ist eine bekannte Münze und den meisten Menschenbereits vertraut. Sie wurde von Nord bis Süd angenommen, ist zuunserer Währung geworden und eignet sich deshalb vorzüglich fürdiesen Zweck.(19)
Am 6. Juli 1785 stimmte der Kongreß einstimmig über die Annahmedes spanischen Dollars als offizieller Währungseinheit der VereinigtenStaaten ab. Jefferson erkannte jedoch, daß dies noch nicht ausreichte.Obwohl die Münze in bezug auf Gewicht und Qualität seinerzeit dieverläßlichste war, gab es noch immer Unterschiede zwischen den ver-schiedenen Prägungen, und man mußte die Werte genau aufeinanderabstimmen. Dies war schließlich die Aufgabe des Kongresses, als ihmdas Recht zur »Bestimmung des Wertes« des Geldes übertragen wordenwar. Jefferson traf genau den Punkt, als er sagte: »Wenn wir festlegen,der Dollar sei unsere Währungseinheit, müssen wir mit Präzision fest-stellen, was ein Dollar ist. Diese Münze, zu unterschiedlichen Zeitengeprägt und von unterschiedlichem Gewicht und Reinheit, besitzt des-halb verschiedene Werte.«(20)
Jeffersons Argumentation konnte man nicht ignorieren. Nachdemzwei Jahre lang das tatsächliche Gewicht und die Reinheit der imUmlauf befindlichen spanischen Dollar untersucht worden waren, legteder Kongreß die Regeln fest. So sollte ein Dollar 371,25 Gran Feinsilbererhalten, und alle Handelsware einschließlich anderer Münzen solltennach diesem neuen Standard bemessen werden.
Als die Spanier schließlich den Silbergehalt ihrer Münzen nach undnach reduzierten, wuchs der Druck für die Prägung eines amerikani-schen Dollar mit verläßlichem Edelmetallgehalt. Finanzminister Alex-ander Hamilton drängte in seiner Rede vor dem Kongreß 1791 auf dieErrichtung einer staatlichen Münze und verläßlicher Standards für diedort zu prägenden Geldstücke:
Der Dollar, der für die finanziellen Transaktionen dieses Landesursprünglich vorgesehen war, hat durch verschiedene Verringerun-gen seines Gewichtes und Feingehaltes einen Verlust von fünf Prozenterlitten, und dennoch wird der neue Dollar in allen Zahlungen diegleiche Aufmerksamkeit erfahren, ohne auf die Unterschiede zwi-
(19)Vieira, S. 68.(20)
Ebenda, S. 11.
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schen beiden zu achten. Der Verlust des Wertes aller anderen Dinge,die auf bestehenden Verträgen beruhen, wird dadurch offensichtlich.Man braucht folglich keine Argumente dafür, daß eine Nation nichtden Wertverlust aller Güter ihrer Bürger hinnehmen muß wegen derSchwankungen fremder Währungen oder der Änderungen in denTauschkursen untereinander ...
Die Menge von Gold und Silber in den nationalen Münzen, dieeinem gegebenen Wert entsprechen, kann nicht verringert werden,ohne den inneren Wert zu verändern und ohne jeden Hektar Landesebenso wie jedes Büschel Weizen im Wert zu verringern ... Dieswürde unweigerlich die Gesellschaft beunruhigen und wäre geeignet,Unruhe zu erzeugen bei denen, die mit diesem Einkommen ihrenLebensunterhalt bestreiten müssen, und ebenso bei den ärmerenSchichten, für die alle Notwendigkeiten des Lebens teurer würden.(21)
Bimetallismus
Beachten Sie, daß Hamilton in seinem Zitat nicht nur von Silber,sondern von Gold und Silber sprach. Er tat dies, weil genau zu jener Zeitder Kongreß über bimetallische Münzen nachdachte. Rückwirkend ge-sehen war dies ein Fehler, denn in der gesamten Geschichte hat derBimetallismus niemals sehr lange standgehalten. Stets kam es zu Ver-wirrung und schließlich zum Verschwinden eines dieser Metalle alsGeld. Dies liegt daran, daß es stets eine leichte Verschiebung zwischenden Werten von Gold und Silber gibt (wie bei anderen Metallen auch),und zwar abhängig jeweils von Angebot und Nachfrage. Wir mögen einVerhältnis zwischen den beiden definieren, das heute hinnehmbar ist,aber langfristig wird es von der Realität überholt werden. Ein Metall,das im Wert steigt, wird wahrscheinlich gehortet oder sogar einge-schmolzen, wenn es als Metall einen höheren Wert erzielt denn alsMünze.
Genau dies ereignete sich in den Anfangsjahren unserer Republik.Nach sorgfältigen Analysen des freien Marktes wurde damals der Wertdes Goldes auf das 15fache des Silberwertes festgelegt. Der Münzaktvon 1792 legte den relativen Wert »Gold-zu-Silber« auf 15 zu 1 fest. DieBundesregierung wurde sodann beauftragt, Goldmünzen mit dem Na-men Eagle zu prägen, deren Wert zehn Dollar betragen sollte. Mitanderen Worten betrug der Wert der Goldmünzen zehn Silbermünzen.
(21)Vieira, S. 95, 97.
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Diese enthielten jeweils 371,25 Gran Feinsilber, zusammen also 3712,5Gran. Der Gehalt des Eagles war also ein Fünfzehntel dessen, nämlich247,5 Gran Feingold.
Entgegen der allgemeinen Annahme hat der Kongreß keinen Gold-Dollar geschaffen. (Dies geschah erst 75 Jahre später mit der Umset-zung des Münzaktes von 1849.) Er bestätigte jedoch neu, daß »das Geldder Vereinigten Staaten in Dollar oder Einheiten« ausgedrückt werdensollte, und bekräftigte einen reinen Silbergehalt der Münzen von 371,25Gran. Der Kongreß gestattete allerdings die Prägung einer Goldmünzeund bestimmte im Grunde willkürlich, der Wert des Goldes dieserMünze möge den 15fachen Wert des Dollar haben. Er bestimmte eben-falls, daß alle Silber- und Goldmünzen der staatlichen Prägeanstaltoffizielle Zahlungsmittel zu sein hätten in Übereinstimmung mit ihremWert, basierend auf Gewicht und Reinheit und relativ zum Standard desSilber-Dollar.
Ach ja, noch etwas. Er legte die Todesstrafe fest für jedermann, derden Wert der nationalen Währung herabmindert ..., ein Gesetz, sollteman es heute anwenden, das Repräsentantenhaus, den Senat, die Vor-standsetagen des Finanzministeriums und den Präsidenten selbst auslö-schen würde.
Freies Münzwesen
Vielleicht die wichtigste Bestimmung dieses Gesetzes war jedoch dieTatsache, daß es ein sogenanntes »freies Münzwesen« einführte. Damitdurften alle Bürger Rohsilber oder Rohgold zur Münze bringen undgegen eine bestimmte Gebühr zu Münzen für den persönlichen Ge-brauch umarbeiten lassen. Die Regierung übernimmt dabei nur dietechnische Funktion der Herstellung der Münze und versieht sie miteinem Amtszeichen zur Bestätigung des korrekten Gewichtes und derReinheit. Die Rolle des Staates beschränkt sich dabei auf den gleichenVorgang, als würde er die Waage eines Gemüsehändlers oder die Ben-zinpumpe einer Tankstelle eichen. Er erfüllt lediglich die verfassungs-mäßigen Vorschriften zur Setzung von Standards und zur Überprüfungder Genauigkeit von Maßen und Gewichten.
Das freie Münzwesen wurde ein wichtiger Teil der amerikanischenErfolgsgeschichte, und es blieb bis zum »Gold Reserve Act« von 1934bestehen, der dieser Praxis nicht nur ein Ende setzte, sondern es Nor-malbürgern sogar verbot, Gold zu besitzen. Wir werden später einenBlick auf diese traurige Geschichte werfen, doch im Augenblick sollten
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wir uns an die Größe unseres früheren Währungssystems erinnern.Elgin Groseclose erklärt:
Das Prinzip des freien Münzwesens hat seinen praktischen Zweck zurAbschreckung von Wertminderungen und Abwertungen erwiesen. WennMünzen auf privaten Konten liegen, ist es für den Staat sinnlos, mitdem Standard zu spielen, und das Individuum besitzt für solchePraktiken sowieso keine Möglichkeit. Der Umlauf von Münzen ähnli-cher Erscheinung und mit gleichen Aufdrucken, aber von unsicheremStandard, die willkürlichen und unvorhersehbaren Änderungen durchautokratische Regierungen, die Verlockung von Profit, die despoti-schen Herrschern ständig vor Augen waren ..., all diese Übel hattendie Gesellschaft schikaniert und das natürliche Wachstum der Wirt-schaft behindert seit den Tagen, da die ersten Münzen erschienen.Mit einem Federstrich wurde dies weggewischt. Gleichzeitig ermög-lichte das freie Münzwesen ein lebendiges und gesundes Geschäfts-klima und verlieh der Regierung Ansehen, indem es einem der wich-tigsten Instrumente einer geordneten Wirtschaft Stabilität und Cha-rakter verlieh.(22)
Gesundes Geld und wirtschaftliche Prosperität
Dies war tatsächlich ein vielversprechender Anfang für eine neueNation, und das Resultat war rasch sichtbar in Form wachsenden Wohl-stands. Am 16. September 1789 schrieb die Pennsylvania Gazette: »Seitdie Verfassung jede Gefahr von Papiergeld beseitigt hat, ist unser Han-del um 50 Prozent gewachsen.«(23) Doch dies war erst der Anfang. DerHistoriker Douglass North stellte fest, »die Jahre 1793 bis 1808 warenJahre unvergleichlichen Wohlstandswachstums«(24). Louis Hacker be-schreibt diese Zeit als eine mit »unvergleichbarem Wirtschaftswachs-tum, tatsächlich eines der größten der Vereinigten Staaten ..., die Ex-porte stiegen von 19 Millionen Dollar 1791 auf 93 Millionen Dollar1801«(25). Außerdem sank das Staatsdefizit, das 1792 noch 28 Prozentder Ausgaben betragen hatte, auf 21 Prozent 1795. Schon 1802 war das
(22)Groseclose, Money and Man, S. 67.(23)
Saussy, S. 36.(24)
Douglass North, The Economic Growth of the United States (New York:W. W. Norton, 1966), S. 53.
(25) Louis Hacker, American Capitalism (New York: Anvil, 1957), S. 39.
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Defizit vollkommen verschwunden und wurde von einem Überschußfast in Höhe der gesamten Staatsausgaben abgelöst.
George Washington beobachtete dieses wirtschaftliche Wunder mitgroßer Genugtuung und kommentierte diese Entwicklung in einemSchreiben an seinen Freund LaFayette, den französischen Staatsmannund ehemaligen General der Continental Army: »Unser Land, meinlieber Herr, ... macht rasche Fortschritte in seiner politischen Bedeu-tung und seinem sozialen Glück.« In einem Brief an Catherine MacaulayGraham stellte er fest: »Die Vereinigten Staaten erfreuen sich unter derneuen Regierung eines Wohlstandes und einer Ruhe, die man kaum zuerhoffen gewagt hätte.« Und in einem Brief an den amerikanischenDichter und Diplomaten David Humphreys jubelte Washington: »Unseröffentliches Ansehen steht auf solch hohem Niveau, daß man, hätte mandies vor drei Jahren vorausgesagt, für verrückt erklärt worden wäre.«(26)
Zum Thema Papiergeld ohne Gold- oder Silberdeckung schriebWashington:
Eines Tages könnten wir eine große blühende Nation werden, dochsollten wir auf diesem Wege unglücklicherweise erneut über unge-decktes Papiergeld oder andere Arten von Betrug stolpern, würdenwir gewiß unserem nationalen Ansehen schon in seiner Kindheiteinen tödlichen Stoß versetzen.(27)
Dieses also war die Absicht der Männer, die unsere Verfassung schrie-ben. Rückblickend war der einzige Makel, den wir entdecken können,der Versuch eines festgelegten Verhältnisses zwischen dem Wert vonGold und Silber. Statt einen Dollar-Wert auf eine Münze zu prägen,hätte die Münzanstalt den Gold-Wert nach Gewicht und Reinheit prägensollen. Der freie Markt hätte dem dann einen Tausch-Wert für Güter undDienstleistungen zugeschrieben, was automatisch den korrekten Geld-wert als Verhältnis zum Silber-Dollar bestimmt hätte, die für den Kaufder gleichen Dinge bereitstanden. Es war deshalb unvermeidlich, daßbald nach der Schaffung des »Zehn-Dollar«-Eagles der Wert des Goldesüber das Silber höher zu steigen begann als das Verhältnis 15 zu 1; soverschwanden die Eagles aus dem Verkehr. Mit der Entdeckung der
(26)Atwood, S. 5-6.(27)
Louis Basso, A Treatise an Monetary Reform (St. Louis, Missouri: MonetaryRealist Society, 1982), S. 5.
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großen Gold-Lagerstätten in Kalifornien und Australien kehrte sichdieser Prozeß später um, und Silber-Dollars verschwanden aus demHandel. Doch obwohl dieser Bimetallismus zu einer Diskrepanz zwi-schen der tatsächlichen Tauschrate und dem, was die Regierung vorge-schrieben hatte, führte, geschah all dies auf dem offenen Markt, undniemand erlitt einen tatsächlichen Schaden. Während der ganzen Zeitgab es nur einen Standard: den festgelegten Silbergehalt des Dollars.Aber sowohl die Silber- als auch die Goldmünzen besaßen einen inne-ren Wert und ehrliche Maße. Keine Nation könnte mehr für den Wohl-stand ihrer Bürger tun.
Zusammenfassung
Die Verfassung verbietet es den Staaten und der Bundesregierung,Papiergeld auszugeben. Dies war die Absicht der Gründungsväter, diesowohl vor als auch während des Revolutionskrieges bittere Erfahrun-gen damit gemacht hatten. Um eine exakte nationale Währungseinheitzu haben, übernahm der Kongreß den spanischen Dollar, der damals imUmlauf war, und definierte den Silber-Gehalt auf 371,25 Gran. Bei derEinrichtung einer staatlichen Münze wurden amerikanische Silber-Dol-lars nach diesem Standard geprägt, ebenso Gold-Eagles mit dem Wertvon zehn Silber-Dollar. Vor allem aber: Es wurde ein freies Münzweseneingerichtet, wobei Amerikaner ihr Rohsilber und Gold in nationaleMünzen umtauschen konnten, die von der Regierung mit ihrem innerenWert bezeichnet wurden. Als Ergebnis gab es eine lange Zeit stabilenGeldes und großer wirtschaftlicher Prosperität, eine Periode, die erstendete, als die Amerikaner ihre eigene Geschichte vergaßen und zumPapiergeld als »Kreditbriefe« zurückkehrten.
Der Plan der Gründungsväter war das Ergebnis gemeinsamer Bera-tungen. Nirgendwo in der Geschichte kann man so viele Männer ineiner gesetzgebenden Körperschaft wiederfinden, die den verstecktenBetrug des Papiergeldes und die versteckte Steuer durch Inflation so gutverstanden. Niemals gab es eine solche Versammlung von Gelehrtenund Staatsmännern, entschlossen, die von ihnen geschaffene Nation aufeinen sicheren Kurs zu bringen. Sie haben uns buchstäblich eine Schatz-karte hinterlassen. Wir brauchten ihr nur zu folgen auf dem Wege zuwirtschaftlicher Sicherheit und nationalem Wohlstand. Doch wie wir imfolgenden Kapitel sehen werden, wurde diese Karte beiseitegeschoben,als die Lehren der Geschichte mit denen untergingen, die sie gelebthatten.
Kapitel 16
Die Kreatur kommt nach Amerika
Die Geschichte der Bank of North America, die schonvor dem Inkrafttreten der Verfassung gegründete ersteZentralbank des Landes; die Geschichte der First Bankof the United States, die 1791 gegründete zweite Zen-tralbank; die von beiden Banken verursachte massiveInflation; die Gründe für ihr Scheitern.
Es ist eine überraschende Tatsache, daß die Vereinigten Staaten schonvor der Verabschiedung der Verfassung ihre erste Zentralbank hatten.Sie wurde im Frühjahr 1781 vom Continental Congress konzessioniertund öffnete im folgenden Jahr ihre Türen. Damals gab es große Hoff-nungen, daß die Provinz Kanada sich bald den rebellierenden Kolonienanschließen und damit eine Union über den gesamten nordamerikani-schen Kontinent ermöglichen würde. In dieser Erwartung wurde dieneue Institution Bank of North America genannt.
Die Neuorganisation wurde von dem Mitglied des Kongresses Ro-bert Morris übernommen. Er war der Anführer einer Gruppe von Politi-kern und Kaufleuten, deren Wunsch es war, den Merkantilismus Eng-lands zu imitieren. Sie verlangten hohe Steuern als Stütze einer mächti-gen, zentralistischen Regierung, hohe Zölle für die Subventionierungder einheimischen Industrie, eine große Armee und Marine, und siewollten koloniale Außenposten erwerben, um in ferne Länder und Märkteexpandieren zu können. Er selbst war ein reicher Kaufmann aus Phi-ladelphia, der viel verdient hatte an der Revolution. Er hatte sorgfältigdie Geheimwissenschaft des Geldes studiert und wurde 1781 im Kon-greß als finanzieller Hexenmeister angesehen.
Die Bank of North America wurde nach dem Vorbild der Bank ofEngland geschaffen. Weil man von der Ausgabe unbedeutenden Geldesgelernt hatte, war es der Bank gestattet, Schuldscheine über die tatsäch-lichen Einlagen hinaus auszustellen. Da jedoch etwas Gold und Silberin den Tresoren sein mußte, gab es klare Grenzen für diese Praxis. DenMenschen wurden nicht immer Banknoten für öffentliche oder privateSchulden aufgezwungen, doch die Regierung garantierte ihre Rücknah-me zum aufgedruckten Wert als Zahlungsmittel für alle Steuern und
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Zölle, was sie in diesem Falle so gut wie Gold werden ließ. Außerdembesaß die Bank of North America noch nicht wie die heutigen Zentral-banken das Recht, direkt Geld für die Nation herauszugeben.
Aufgabe als Zentralbank
Allerdings wurde der Bank ein Monopol auf ihrem Gebiet überlas-sen; dies bedeutete, keine anderen Banknoten durften in Umlauf ge-bracht werden. Dieser Sachverhalt plus die Tatsache, daß sie mit ihremNennwert als Zahlungsmittel für alle staatlichen und bundesstaatlichenSteuern akzeptiert wurden, und weil die Bundesregierung zu jener Zeitkein anderes eigenes Zahlungsmittel besaß, machte diese Banknotenattraktiv als Währung. Als durchaus beabsichtigtes Ergebnis wurden diePapiere der Bank als Geld hingenommen, was ja auch zeitweilig durch-aus den Tatsachen entsprach. Außerdem diente die Bank als offizielleHinterlegungsstelle für alle Vermögenswerte des Bundes. Die Bank liehpraktisch sofort der Regierung 1,2 Millionen Dollar, wobei ein großerTeil dieses Geldes aus dem Nichts heraus für diesen Zweck geschaffenworden war. Trotz aller der Bank auferlegten Beschränkungen und trotzder Tatsache, daß sie als private Institution gedacht war, handelte sie wieeine Zentralbank.
Die Bank of North America agierte von Anfang an betrügerisch. DieGründungsurkunde sah vor, daß private Investoren mindestens 400 000Dollar zeichnen mußten. Als Morris diese Summe nicht aufbringenkonnte, machte er von seinem politischen Einfluß Gebrauch, um denDifferenzbetrag aus dem Regierungsvermögen beizusteuern. Mit einemSchachzug, der im Grunde einer legalisierten Veruntreuung gleich kam,nutzte er das von Frankreich den Vereinigten Staaten geliehene Goldund führte es der Bank zu. Mit diesem Trick schuf er das für dieZeichnung benötigte Geld und lieh es sich selbst und seinen Geschäfts-freunden aus. Solche Macht besitzt diese Geheimwissenschaft.(1)
Es fällt schwer, sich mit der Tatsache auszusöhnen, daß dieselbenMänner, welche die brillanten monetären Regeln der Verfassung einigeJahre später annahmen, gerade vorher der Bank of North America ihrePraktiken gestattet hatten. Jedoch muß man bedenken, daß der Kriegnoch im Gange war, als die Konzession erteilt wurde, und selbst dieklügsten Staatsmänner müssen in solchen Zeiten häufig einer höheren
(1)Murray N. Rothbard, Conceived in Liberty: The Revolutionary War 1775-1784(New Rochelle, New York: Arlington House, 1979), Band IV, S. 392.
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Weisheit gehorchen. Außerdem mögen die Gründungsväter zwar dieinnere Natur des Papiergeldes aus der Druckmaschine erkannt haben,doch besaßen sie noch keine hinreichende Erfahrung mit den dunklenMachenschaften in bezug auf die Minimal-Reserven.
Jedenfalls wurde die Charta der Bank vom Kongreß nicht geändert,und sie überlebte auch nicht bis zum Ende des Krieges. Murray Rothbardbeschreibt ihr Ende:
Trotz der monopolartigen Privilegien der Bank of North Americaund ihrer nominellen Verpflichtung zur Auszahlung in Hartgeld führ-te der Vertrauensverlust in die inflationären Banknoten zu derenAbwertung außerhalb der Heimatadresse von Philadelphia. Die Bankversuchte gar, den Wert ihrer Noten zu unterstützen, indem sie Leuteanheuerte, die Menschen davon abbringen sollten, auf Hartgeld zubestehen ..., was keineswegs zu einem langfristigen Vertrauen in dieBank beitrug. Nach einem Jahr schon schwand Morris' politischerEinfluß, und er sorgte rasch dafür, daß die Bank of North Americavon einer Zentralbank zu einer reinen vom Staate Pennsylvaniakonzessionierten Geschäftsbank wurde. Ende 1783 fand das ersteExperiment mit einer Zentralbank in den Vereinigten Staaten einEnde.(2)
Ein passendes Nachwort hierzu wurde 1980, also 200 Jahre später,geschrieben, als die »älteste Bank der Nation«, die First PennsylvaniaBank of Philadelphia, von der FDIC gerettet werden mußte.
Schlußlauf um die Verfassung
Nachdem die Bank of North America geschlossen worden war unddie verfassunggebende Versammlung die Tore für Papiergeld versperrthatte, erfreuten sich die USA einer Periode unvergleichlichen wirt-schaftlichen Wachstums und Wohlstandes. Doch während die Tür zuwar, blieb das Fenster weit geöffnet. Dem Kongreß war untersagt wor-den, Geld zu drucken, aber ihm blieb die Befugnis, es zu borgen.
Im Vokabular des Normalbürgers heißt borgen, etwas anzunehmen,was bereits existiert. Er ist deshalb auch verwirrt, wenn der Banker Geldaus dem Nichts schafft und dann behauptet, er würde es verleihen. Zwarmag es aussehen wie Verleihen, doch in Wirklichkeit erzeugt er es.
(2)Rothbard, Mystery, S. 194-195.
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Damals wie heute bleiben die Geheimnisse der Bankensprache dennormalen Menschen verschlossen, und es war immer schon schwer zuverstehen, wie das von Privatbanken herausgegebene Geld denselbenZweck erfüllen kann wie das Geld aus der staatlichen Druckerei ..., mitgenau denselben verheerenden Folgen. Die Finanzleute und Politikerbeschlossen also, die Verfassung zu umgehen. Ihr Plan war die Einrich-tung einer Bank; diese sollte zur Schaffung von Geld befugt sein, daszum größten Teil der Regierung ausgeliehen werden konnte, und dannmußte man nur noch sicherstellen, daß die Schuldscheine von derAllgemeinheit als Geld akzeptiert werden. Der Kongreß also würdekeine Kreditbriefe ausgeben. Die Bank würde dies tun.
So war die First Bank of the United States entworfen. Der Vorschlagwurde im Jahre 1790 von Finanzminister Alexander Hamilton demKongreß unterbreitet. Übrigens war Hamilton früher Mitarbeiter vonRobert Morris, dem Gründer der Bank of North America; sein Vorschlagist also eigentlich keine Überraschung. Wirklich überraschend ist nurder Umstand, daß Hamilton in der verfassunggebenden Versammlunghartnäckig für eine gesunde Währung eingetreten war. So schwer ver-ständlich wie das Ganze ist, muß man annehmen, daß selbst derWohlmeinendste den Verlockungen von Reichtum und Macht erliegenkann. Möglicherweise hatten Hamilton, Morris und andere gehofft, dieRegierung aus dem gesamten Geldgeschäft heraushalten zu können,und zwar nicht, weil die Verfassung dies so verlangte, sondern weildamit das Feld für einen Zentralbankenmechanismus bereitet war, derihrem eigenen Profit nutzen konnte, weil er außerhalb der politischenKontrolle und weit aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit liegen würde.Die einzig mögliche andere Erklärung wäre gewesen, daß diese Männerwankelmütig in ihren Ansichten waren und die Auswirkungen ihrerHandlungen nicht wirklich verstanden. In Anbetracht ihrer sonstigenbrillanten Leistungen jedoch scheint dies allerdings äußerst unwahr-scheinlich.
Der Hamilton-Jefferson-Konflikt
Hamiltons Vorschlag wurde vom damaligen Außenminister Jeffersonheftig abgelehnt, und dies war der Auftakt einer hitzigen politischenDebatte, die den Kongreß lange Zeit beschäftigen sollte. Tatsächlichentstand daraus der Anstoß für die Gründung der ersten politischenParteien. Die Föderalisten scharten sich um Hamiltons Vorstellungen,während die Anti-Föderalisten, die späteren Republikaner, Jeffersons
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Vorstellungen näherstanden.(3) Jefferson wies darauf hin, die Konstitu-tion gebe dem Kongreß kein Recht, eine Bank oder etwas ähnliches zuschaffen. Diese Befugnis obliege allein den Staaten oder den Bürgern.Im Widerspruch zu Hamiltons Vorschlag sagte er: »Ein einziger Schrittjenseits der Macht des Kongresses heißt, Besitz zu ergreifen von schran-kenloser Macht, die sich jeder Definition verschließt.«(4)Doch selbstwenn nach der Verfassung dieses Recht bestünde, wäre es außerordent-lich töricht, es zu nutzen, denn wenn Banken Geld schaffen dürften,würde dies nur zum nationalen Ruin führen.
Hamilton argumentierte allerdings auch, ein vernünftiges Maß anVerschuldung könne durchaus gut sein und die Nation brauche mehrGeld im Umlauf, um mit der aufblühenden Wirtschaft Schritt zu halten.Nur die Bank, so meinte er, könne dieses ermöglichen. Und außerdem:Obwohl die Verfassung nicht ausdrücklich das Recht zur Gründungeiner solchen Bank nenne, handele es sich um ein einbezogenes Recht,denn die Gründung einer Bank sei eben zur Erfüllung der in der Verfas-sung genannten anderen Aufgaben unerläßlich.
Das war der Schlußlauf.
Nichts konnte weiter auseinander liegen als die Vorstellungen dieserbeiden Männer:
JEFFERSON: »Eine private Zentralbank, die Zahlungsmittel aus-gibt, ist für die Freiheiten der Menschen eine größere Gefahr als einestehende Armee.«(5) – »Wir können nicht zulassen, daß unsere Führer unsmit ständigen Schulden belasten.«(6)
HAMILTON: »Keine Gesellschaft könnte erfolgreich sein, die nichtdie Interessen und das Vermögen reicher Bürger mit denen des Staatesvereint.«(7)– »Eine nicht zu hohe nationale Verschuldung kann ein natio-naler Segen sein.«(8)
(3)Merkwürdigerweise führt die heutige Democratic Party ihre Ursprünge aufJeffersons Republikaner zurück.
(4)Krooss, S. 147-148.
(5)Der Vergleich zwischen Privatbanken und stehenden Armeen findet sich invielen von Jeffersons Briefen und Reden, The Writings of Thomas Jefferson(New York: G. P. Putnam&Sons, 1899), Band X, S. 31.
(6)The Basic Writings of Thomas Jefferson (Willey Book Company, 1944), S. 749.(7)Arthur M. Schlesinger jr. The Age of Jackson (New York: Mentor Books, 1945),S. 6-7.
(8)John H. Makin, The Global Debt Crisis: America's Growing Involvement (NewYork: Basic Books, 1984), S. 246.
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Amerikas zweite Zentralbank
Nach einem Jahr intensiver Beratungen siegten Hamiltons Ansich-ten. 1781 gewährte der Kongreß der Bank of the United States eineKonzession über 20 Jahre. Sie wurde nach dem Modell der Bank ofEngland aufgebaut, was nichts anderes heißt, als daß sie eine Nachbil-dung der früheren Bank of North America war. Als Beweis der Verbin-dung mit der Vergangenheit sei folgender Hinweis erwähnt: Der Präsi-dent der neuen Bank hieß Thomas Willing und war derselbe Mann, derein Partner von Robert Morris und Präsident der alten Bank gewesenwar.(9)
Wie zuvor erhielt die Bank ein Monopol auf die Herausgabe vonBanknoten. Und auch diesmal wurden die Noten den Privatleuten nichtals Zahlungsmittel für private Schulden und Verträge aufgezwungen,sondern sie waren gesetzliches Zahlungsmittel für alle Schulden an dieRegierung in Form von Steuern und Zöllen, was sie jedoch auch imtäglichen Leben nützlich werden ließ. Wieder einmal wurde die Bankzum offiziellen Hinterlegungsort für alle staatlichen Gelder.
Die Charta verlangte, die Bank müsse zu jeder Zeit auf Verlangen desEinlegers ihre Noten gegen Ausgabe von Gold- oder Silbermünzgeldzurücknehmen. Dieses war eine bewundernswerte Vorschrift, doch weildie Bank niemals gezwungen wurde, tatsächlich in ausreichender Men-ge Münzgeld in ihren Tresoren bereitzuhalten, war die Vorschrift schonmathematisch unhaltbar.
Wie schon bei der alten Bank of North America sollte auch die neueBank of United States 80 Prozent ihres Kapitals von privaten Investorenerhalten, während 20 Prozent von der Regierung beizutragen waren.Das war jedoch ein Buchhaltungstrick, denn es war bereits vorherabgesprochen, daß die Bank unmittelbar nach ihrer Gründung genaudiese Summe wieder der Regierung leihen sollte. In vollkommenerGleichartigkeit zu früher war auch diese »Investition« nur eine Metho-de, um mit staatlichen Mitteln das Fehlen privater Investitionen auszu-gleichen.
»Nennen Sie es, wie Sie mögen«, meinte Jefferson, dies sei weder einDarlehen noch eine Investition, sondern ein direktes Geschenk. Undsicherlich hatte er Recht. Schon mit weniger als neun Prozent des nachder Satzung erforderlichen Privatkapitals konnte die Bank eröffnen. Als
(9)Es ist interessant festzustellen, daß Willing als Mitglied des Continental Congressgegen die Unabhängigkeitserklärung gestimmt hatte.
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Gründungskapital wurden zehn Millionen Dollar genannt, also hättenacht Millionen von privaten Anlegern stammen müssen. Doch wie JohnKenneth Galbraith sarkastisch bemerkte: »Zahlreiche sparsame Betei-ligte beschränkten sich auf eine bescheidene Einlage, und die Banknahm ihre Tätigkeit mit 675 000 Dollar Bargeld auf.«(10)
Die Kreatur kommt aus Europa
Wer waren diese privaten Investoren? Obwohl ihre Namen nirgend-wo in den Veröffentlichungen auftauchen, können wir sicher sein, daßKongreßabgeordnete und Senatoren sowie deren Geschäftsfreunde die-se Charta entworfen haben. In dem Text von Galbraith taucht jedoch einHinweis auf eine ganz andere Dimension der Zusammensetzung dieserGruppe auf. Auf Seite 72 des Buches Money: Whence lt Came, Where ltWent schreibt er klipp und klar: »Ausländer durften Anteile besitzenohne Stimmrecht.«
Welch eine Geschichte verbirgt sich hinter diesem harmlosen Aus-spruch? Die schonungslose Realität ist, daß die Bankendynastie derRothschilds in Europa sowohl finanziell als auch politisch die dominan-te Kraft bei der Bildung der Bank of the United States war. Der BiographDerek Wilson erläutert:
Über die Jahre, seit N. M. [Rothschild] als Textilfabrikant aus Man-chester Baumwolle aus den Südstaaten aufgekauft hatte, waren dieRothschilds tief in der amerikanischen Wirtschaft verstrickt. Nathanhatte verschiedenen Staaten Darlehen gewährt, war für einige Zeitder europäische Bankenvertreter für die amerikanische Regierunggewesen und war ein Unterstützer der Bank of the United States.(11)
Gustavus Myers kommt in seiner Schrift History of the Geat AmericanFortunes direkt auf den Punkt:
Unter der Oberfläche übten die Rothschilds schon lange einen mäch-tigen Einfluß auf die amerikanischen Finanzgesetze aus. Die Unter-lagen beweisen, daß sie die alte Bank of the United States beherrsch-ten.(12)
(10)Galbraith, S. 72.(11)
Derek Wilson, S. 178.(12)
Gustavus Myers, History of the Great American Fortunes (New York: RandomHouse 1936), S. 556.
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Die Rothschilds waren also weder nur Investoren noch einfach nurmächtig. Sie waren die Kraft hinter der Bank of the United States! DieBedeutung des Einflusses der Rothschilds auf das amerikanischeFinanzwesen und die Politik war schon in einem vorherigen Kapitel einThema, so daß wir nicht erneut darauf zurückkommen müssen. Andieser Stelle genügt es, einfach darauf hinzuweisen, daß die Kreatur vonJekyll Island von einer Spezies stammt, die ihren Ursprung nicht indiesem Land hat.
Schon wieder Inflation
Von Anfang an war der wichtigste Zweck der Bank, Geld für dieBundesregierung zu schaffen. Geld für den privaten Sektor war nach-rangig. Dies wurde von der Tatsache unterstrichen, daß die höchste ihrerlaubte Zinsrate sechs Prozent betrug. Das machte es einfach unklug,anderen außer der Bundesregierung und einigen wenigen hochkarätigenKreditnehmern Geld zu leihen. Die Regierung ihrerseits vergeudetekeine Zeit, den neuen Zentralbankmechanismus einzusetzen. Nachdemsie am Anfang zwei Millionen Dollar »investiert« hatte, verwandelte siediese Summe in 8,2 Millionen Dollar geliehenen Geldes in den folgen-den fünf Jahren. Das heißt, 6,2 Millionen wurden für genau diesenZweck geschaffen.
Wer auch immer mit der Geschichte des Geldes vertraut ist, wie siekurz vorher beschrieben wurde, könnte ebenso gut die folgenden Absät-ze verfassen.
Die Schaffung von Millionen von Dollars über solche finanziellenMachenschaften, die dann über Ausgabenprogramme in die Wirtschaftgeschoben wurden, erzeugten ein Ungleichgewicht zwischen dem Geld-vorrat und der Menge der Güter und Dienstleistungen. Die Preiseschienen zu steigen, während der relative Wert des Dollars sank. Wäh-rend dieser fünf Jahre stiegen die Großhandelspreise um 72 Prozent,was nichts anderes bedeutet, als daß 42 Prozent der Ersparnisse in Formvon Geld von der Regierung stillschweigend mit Hilfe der verstecktenSteuer, die Inflation genannt wird, konfisziert wurden.
Derselbe Inflationseffekt, der früher die Kolonien geplagt hatte, kehrtenun als Plage der neuen Generation zurück. Diesmal handelte es sichnicht um Geld aus der Druckerpresse, sondern um künstlich über dieMinimal-Reserven geschaffenes Geld. Der Zahnriemen, der die beidenMechanismen verband, war die staatliche Verschuldung. Diese gestatte-te es den Politikern und Finanzleuten, die Absichten der Gründungs-
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väter zu mißachten. Genau diese Verschuldung ließ Jefferson verkün-den:
Ich wünschte, man könnte eine einzige Verbesserung unserer Verfas-sung einführen. Schon allein für die Verringerung der Verwaltungs-aufgaben der Regierung würde ich mir dies wünschen; ich meineeinen zusätzlichen Artikel, welcher der Bundesregierung die Mög-lichkeit entzieht, Geld zu borgen.(13)
Wie so viele Dinge in der Wirklichkeit, war auch die Bank of the UnitedStates eine Mischung aus schlechten und einigen guten Dingen. In denKolonialzeiten hatten die Staatsregierungen so viel Papiergeld druckenlassen, wie es ihnen behagte, und der Verlust an Kaufkraft war häufigüberwältigend. Jedoch mußte die Bank auch etwas Gold und Hartgeldals Basis für die Geldpyramide behalten. Obwohl dies eine auf dieSpitze gestellte Pyramide war, weil die Reserven kleiner waren als dieMenge der Banknoten, so war dies trotzdem eine Begrenzung für dieGeldmenge. Und das war gut so.
Es ist weiterhin offensichtlich, daß die Bankdirektoren von einemgewissen Eigeninteresse erfüllt waren und deshalb tatsächlich die Schaf-fung neuen Geldes einer gewissen Beschränkung unterwerfen wollten.Von dem Zentralbank-Mechanismus konnten sie nur solange profitie-ren, wie die Wirtschaft produktiv genug war, das System zu stützen. Siehatten nicht vor, die Gans zu töten, die goldene Eier legte. Wie ihreKollegen im Federal Reserve System unserer Tage sprachen sie vomMaßhalten und handelten tatsächlich danach.
Wildkatzen-Banken
In dieser Zeit begannen auch die »Schwindelbanken« zu blühen. InAmerika wurde ihnen der Name »Wildkatzen-Banken« gegeben, abernicht, weil sie ungezähmt waren – obwohl auch das auf sie zutraf –,sondern weil sie häufig in so abgelegenen Landesteilen lagen, daß derVolksmund spottete, Wildkatzen seien ihre einzige Kundschaft.
Diese Banken waren nicht gerade berühmt für akkurate Buchführungoder Geschäftspraktiken. Wie alle anderen mußten sie einen gewissenProzentsatz der Einlagen in Form von Gold- oder Silbermünzen bereit-
(13)Martin A. Larson, The Continuing Tax Rebellion (Old Greenwich, Connecticut:Devin-Adair, 1979), S. xii.
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halten. Um der Öffentlichkeit ihre Gesetzestreue zu offenbaren, war esallgemein üblich, die Tresortür offen zu lassen, damit man ein oder zweikleine Fäßchen mit Goldmünzen sehen konnte ... Nicht sehr viel andersals die heutige Praxis der Finanzinstitute, die sich in Anzeigen damitbrüsten, wie viele Milliarden an Aktiva sie haben, ohne jemals von denVerbindlichkeiten zu sprechen. Diese Wildkatzen zögerten auch nicht,mit ein paar Edelmetallmünzen herumzuspielen, um damit öffentlichesInteresse zu erregen. Einige Male, wenn staatliche Aufsichtsbeamte vonBank zu Bank fuhren, um die Reserven zu prüfen, war das Gold nurwenige Minuten vor ihnen eingetroffen ..., direkt aus dem Tresor derBank, die sie gerade inspiziert hatten.
Tatsächlich konnte die Bank of the United States den Geschäfts-praktiken anderer Banken, draußen in der Wildnis wie in den Großstäd-ten, ziemliche Beschränkungen auferlegen. Sie tat dies einfach durchdie Weigerung, die Noten anderer Banken anzunehmen, solange diesenicht im Ruf standen, auf Verlangen Münzgeld ausgeben zu können.Genauso reagierte die Öffentlichkeit. Waren die Noten nicht gut genugfür die Bank of the United States, so waren sie auch nicht gut genug fürsie. Dies wirkte wie eine indirekte Kraft zur Mäßigung, die damals alleBanken einschloß. Auch das war gut.
Einige Historiker glauben an eine positive Wirkung der Bank aufganz andere Weise. Zum Beispiel schrieb Galbraith bewundernd:
Gelegentlich kam die Bank of the United States guten Staatsbankenzur Hilfe, die von ihren Einlegern oder anderen Gläubigern bedrängtwurden. Sie erwirkte also nicht nur eine gewisse Zurückhaltung vonseiten der Banken, sondern diente auch als Retter in letzter Minute.In der kurzen Zeit ihrer Existenz nahm sie also die grundlegendenregulatorischen Funktionen einer Zentralbank wahr.(14)
Wer von der Idee einer Zentralbank weniger angetan ist, könnte fragen:Wenn diese Staatsbanken so »gut« sind, weshalb brauchten sie dannUnterstützung zur Aufrechterhaltung des Vertrauens ihrer Einleger? Dieganze Einrichtung eines »Kreditgebers der letzen Zuflucht«, die heuteein heiliges Dogma zu sein scheint, beruht auf der Annahme, es seivollkommen in Ordnung anzunehmen, das gesamte Bankenwesen seibetrügerisch. Es wird angenommen, daß eine Einzelbank oder eine
(14)Galbraith, S. 73.
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Gruppe von Banken jederzeit »von den Notenbesitzern oder anderenGläubigern« belagert werden könnte. Es ist also eigentlich umsichtig,eine Zentralbank zu errichten, um die mageren Reserven von einerBank zur anderen zu schaffen ..., wenn auch nicht Minuten vor derAnkunft der Prüfer, so wenigstens vor der Ankunft der Kunden.
Was die Mäßigung anderer Banken angeht, so könnte dieser Effektvielleicht auch ohne eine Regierungsbank erzielt werden. Würde derfreie Markt allein wirken dürfen, würde sicherlich die eine oder andereBank einen guten Ruf für ihre Aufrichtigkeit und Verläßlichkeit erwer-ben. Daraus könnten sich die beliebtesten und damit erfolgreichstenBanken entwickeln. Allerdings müßten sie dafür die wertlosen Notenanderer Banken zurückweisen. Die Öffentlichkeit würde durchaus vor-hersehbar reagieren; selbst die skrupelloseste Bank müßte sich in dieSchlange einreihen, um zu überleben. Die Mäßigung würde dem ge-samten Bankensystem aufgezwungen werden, als Ergebnis des offenenWettbewerbes in einem freien Markt. Die Annahmen, nur eine staatlicheingerichtete Zentralbank könnte dem gesamten Geldwesen eine gewis-se Verläßlichkeit bringen, erinnert an den Glauben, daß nur Politiker,Bürokraten und Regierungsbehörden rechtschaffen handeln können.Eine sehr zweifelhafte Annahme.
Ein Instrument der Plutokratie
Wie dem auch sei, es ist unbestreitbar, daß die Bank of the UnitedStates in vielerlei Hinsicht als Bremse auch für viele Privatbanken desLandes wirkte. Es hätte also schlechter kommen können. Die Inflation,die sie verschuldete, hätte von ähnlichen Handlungen der anderen Ban-ken noch verschlimmert werden können. Dies aber macht die Sachenicht besser. Wegen der Bank verloren die Amerikaner 42 Prozent desWertes ihres Geldes, das sie in diesen fünf Jahren besessen oder ver-dient hatten. Wir dürfen auch nicht vergessen, daß diese Konfiszierungvon Eigentum selektiv war. Sie betraf nicht die Schicht der Reichen, dievon der Inflation weniger betroffen war, weil sie vor allem materielleVermögenswerte besaßen. Und es schadete auch nicht der Elite ausPolitikern und Finanzfachleuten, die sogar noch Gewinne machen konn-ten. Die Bank tat präzise das, was Hamilton verlangt hatte, nämlich dieInteressen und das Vermögen reicher Individuen mit denen des Staateszu verschmelzen.
Die Entwicklung dieser Plutokratie wurde sehr gut von GouverneurMorris beschrieben, dem New Yorker Abgeordneten, der die Verfassung
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mit ausgearbeitet hatte. Er war ein Fürsprecher der natürlichen Aristo-kratie und wußte deshalb genau, wovor er warnte:
Die Reichen werden danach trachten, ihre Herrschaft zu errichtenund den Rest zu unterjochen. Das haben sie immer getan, das werdensie immer tun ... Sie werden hier so wirken wie anderswo, sofern wirsie nicht mit einer Regierung in Schranken halten. Wir sollten darandenken, daß Menschen niemals allein aus Vernunft handeln. DieReichen werden Nutzen ziehen aus ihren Vorlieben und daraus In-strumente der Unterdrückung machen. Das Ergebnis des Wettstreiteswird eine starke Aristokratie sein oder eine noch stärkere Tyrannei.(15)
In diesen Jahren wuchs der Druck auf die Bank beständig. Für Kritikerist es verlockend, dieses einem allgemein erwachenden Bewußtsein deramerikanischen Öffentlichkeit zuzuschreiben. Leider ist jedoch dasBild nicht so angenehm. Es stimmt, daß die Republikaner sich wort-reich über den Vorläufer der Kreatur ausließen, und ihr Einfluß warbeträchtlich. Doch es schloß sich ihnen noch eine andere Gruppe an, diepraktisch genau entgegensetzte Ideen und Ziele verfolgte. JeffersonsAnhänger lehnten die Bank ab, weil sie diese nicht für verfassungsge-mäß hielten und ein Währungssystem allein auf Gold- und Silbermün-zen basierend haben wollten. Die andere Gruppe bestand aus den soge-nannten Wildkatzen, den Bodenspekulanten und Großindustriellen. Sielehnten die Bank ab, weil sie ein Währungssystem ohne jede Beschrän-kung wünschten, nicht einmal eines mit Scheidegeld. Sie wünschtensich, daß jede lokale Bank frei sein sollte, soviel Papiergeld zu schaffen,wie die Kunden verlangten, denn dann könnten sie dieses Geld für ihreeigenen Projekte und ihren eigenen Profit einsetzen. Tatsächlich schafftdie Politik seltsame Bettgenossen.
Als die Zeit für eine Erneuerung der Konzession näherrückte, kamensich auch die Kampflinien näher, die beide etwa gleich stark waren. DieFlure des Kongresses hallten wider vom Klang zorniger Debatten. DieAbstimmung endete in einem Patt. Noch ein Angriff und ein Gegenan-griff, wieder ein Patt. Bis in die Nacht hinein, als sich der Rauch vomKampfplatz lichtete, war die Vorlage für eine Erneuerung der Charta miteiner Stimme im Repräsentantenhaus und einer Stimme (nämlich dervon Vizepräsident Georg Clinton) im Senat abgelehnt worden. Also
(15)W. Cleon Skousen, Freeman Digest, Februar 1985, S. 9.
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schloß die Bank of the United States am 24. Januar des Jahres 1811 ihreTore.
Die Schlacht mag verlorengegangen sein, doch der Krieg war längstnicht vorbei. Die verbitterten Verlierer sammelten ihre Kräfte und berei-teten sich auf das nächste Unternehmen vor. Leider waren die folgendenEreignisse geradezu ideal für ihre Absichten.
Da der mäßigende Effekt der Bank nun verloren war, geriet dasBankensystem des Landes vollkommen in die Hände der staatlich kon-zessionierten Unternehmen, von denen viele der sogenannten Wildkat-zen-Mentalität angehörten. Ihre Zahl wuchs beständig, und so auch derGeldvorrat, den sie schufen. Und in ihrem Gefolge die Inflation. DieUnzufriedenheit der Öffentlichkeit begann zu wachsen.
Hätte man den Marktkräften freie Hand gelassen, hätte der Wettbe-werb sicherlich viele der sogenannten Wildkatzen fortgespült und einneues Gleichgewicht geschaffen. Doch dafür gab es niemals eine Chan-ce. Dafür sorgte schon der Krieg von 1812.
Der Krieg von 1812
Dieser Krieg war einer der sinnlosesten der Geschichte. Die wesent-liche Ursache, so sagt man, sei die britische Requirierung amerikani-scher Matrosen auf hoher See in ihre eigene Marine gewesen, wo sie imKrieg gegen das napoleonische Frankreich helfen sollten. Zwar hattendie Franzosen genau das gleiche getan in ihrem Krieg gegen England,doch diese Tatsache wurde allgemein ignoriert. Außerdem hatten dieBriten schon vor dem Krieg amerikanische Seeleute ungeschoren gelas-sen, so daß es eigentlich keinen Grund mehr für diesen Krieg gab; derFriede hätte wiederhergestellt werden können, hätte der Kongreß diesso gewünscht. Doch die Bankeninteressen in den Vereinigten Staatenwünschten sich diesen Konflikt wegen der damit verbundenen Profite.Als Beweis dieser Tatsache mag gelten, daß die Neu-England-Staaten,deren Seeleute in den Dienst gezwungen worden waren, sich eindeutiggegen den Krieg aussprachen, während die westlichen und südlichenStaaten, in denen es Myriaden von »Wildkatzen-Banken« gab, lauthalsnach der bewaffneten Auseinandersetzung riefen.
Wie dem auch sei, der Krieg war bei den Bürgern unbeliebt, und esstand außer Frage, daß der Kongreß für die Rüstung Steuern erhebenkönnte. Deshalb brauchte die Regierung die Staatsbanken, um außer-halb der Steuerstrukturen Geld zu schaffen; er kam ihnen deshalb zuHilfe gegen die Beschränkungen des freien Marktes. Es war dies ein
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klassisches Beispiel einer unheiligen Allianz, das Komplott, das sichunweigerlich zwischen Politikern und Finanzleuten entwickelt. Profes-sor Rothbard erläutert die Einzelheiten:
Die amerikanische Regierung ermunterte eine enorme Ausweitungder Zahl der Banken und Banknoten und Einlagen, um die wachsen-den Kriegslasten bezahlen zu können. Diese neuen und rücksichtslosinflationär wirkenden Banken an der Atlantik-Küste, in den südli-chen und westlichen Staaten druckten ungeheuere Mengen neuerBanknoten, um Regierungsanleihen zu erwerben. Die Bundesregie-rung nutzte sodann diese Noten zum Kauf von Waffen und Industrie-gütern in den Neu-England-Staaten ...
Im August 1814 wurde deutlich, daß die Banken — außer denen inNeu-England — nicht länger zahlungsfähig waren, sondern insolvent.Statt diese Banken zusammenbrechen zu lassen, beschlossen diestaatlichen und bundesstaatlichen Regierungen im August 1814, dieBanken weiterhin arbeiten zu lassen, und zwar ohne die Verpflich-tung zur Auslösung in Hartgeld. Mit anderen Worten wurde den Ban-ken gestattet, die Rückzahlung ihrer Verpflichtungen abzulehnen ...
Diese Handlungsweise wirkte nicht nur inflationär zu dieser Zeit,es wurde damit auch für alle künftigen finanziellen Krisen ein Präze-denzfall gesetzt. Ob die Vereinigten Staaten nun eine Zentralbankhatten oder nicht ..., die Banken konnten sicher sein, daß, wenn siegemeinsam ihre Geschäfte aufblähten und deshalb in Schwierigkei-ten gerieten, die Regierung ihnen aus der Patsche helfen würde. (16)
Die Staatsbanken hatten genug schnelles Geld für die Bundesregierunggeschaffen, um die Schulden von 45 Millionen Dollar auf 127 Millio-nen anzuheben ... Eine ungeheuere Summe für eine gerade flüggegewordene Nation! Die Verdreifachung des Geldvorrates ohne den ent-sprechenden Zuwachs an Gütern bedeutet, daß der Dollar auf ungefährein Drittel seiner früheren Kaufkraft sank. Als die Einleger 1814 sichdieser Gaunermethode bewußt wurden und ihr Gold statt Papier forder-ten, schlossen die Banken ihre Tore und mußten sogar Wächter beschäf-tigen, um die Angestellten vor der aufgebrachten Menge zu beschützen.Wieder einmal hatten es die Finanzleute und Politiker geschafft, deramerikanischen Öffentlichkeit 66 Prozent ihres Geldes zu rauben, und
(16)Rothbard, Mystery, S. 198-199.
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dieses kam noch zu den 42 Prozent hinzu, die sie bereits über die Bankof the United States verloren hatte.
Fälschungstricks und Bankenträume
Gegen die riesige Flut des Papiergeldes hat sich Thomas Jefferson,inzwischen Ex-Präsident, immer aufgelehnt. Um die Nation zur Ver-nunft zu bringen, erhob er wieder und wieder seine Stimme gegen einefalsche Währungspolitik und Verschuldung:
Obwohl alle Nationen Europas alles versucht haben und jeden Pfadder Gewalt und Dummheit auf der sinnlosen Suche nach demselbenZiel gegangen sind, erwarten wir noch immer, mit betrügerischenTricks und Bankenträumen Geld aus dem Nichts heraus zu schaffen,und zwar in ausreichender Menge, um die Ausgaben großer Kriegefinanzieren zu können(17)
Die Tolerierung dieser gewissen Banken kostet die VereinigtenStaaten die Hälfte der Kriegssteuern, oder, mit anderen Worten, diesverdoppelt die Kosten jeden Krieges.(18)
Das Zeitalter des Mißbrauches der Banken ist gekommen. Siehaben selbst ihr Todesurteil gesprochen. Zwischen zwei- und drei-hundert Millionen Dollar dieser Schuldscheine befinden sich in denHänden der Menschen, und zwar im Austausch für Produkte undverkauftes Eigentum, und sie [die Banken] erklären geradeheraus,sie würden nicht zahlen ... Papier wurde angenommen in dem Glau-ben, es sei Geld [Gold], und solche Szenen werden sich nun ereignenund den Leichtgläubigen und Verrückten die Augen öffnen für dieGefahr von Papiergeld, das man der Verfügungsgewalt von Habsüch-tigen und Schwindlern überließ.(19)
Es ist eine gute Regel, niemals einen Dollar zu leihen, ohnezugleich eine Steuer für die jährlichen Zinszahlungen und die eigent-liche Rückzahlung zu erhebenm ... Wir betrachten uns als unbefugt,den Wohlstand mit unseren Schulden zu belasten, und fühlen unsmoralisch verpflichtet, diese selbst zurückzuzahlen(21) ... Die Erde ge-hört den Lebenden, nicht den Toten ... Wir betrachten jede Genera-
(17)Writtings, Library Edition, Band XIV, S. 227. (18)
Writtings, Library Edition, Band XIII, S. 364. (19)Writtings, Library Edition, Band XIV, S. 187-189. (20)Writtings, Library Edition, Band XIII, S. 269. (21)
Writtings, Library Edition, Band XIII, S. 358.
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tion als eine eigene Nation, mit dem Recht ... sich zu binden, dochnicht die folgende Generation(22) ...
Die moderne Praxis der Weiterreichung von Schulden hat die Erdemit Blut getränkt und ihre Bewohner durch ständig steigende Lastenerdrückt.(23)
Und noch immer wollte der Kongreß nicht hören.
Zusammenfassung
Die erste Zentralbank Amerikas gab es schon vor der Verfassung. Siehieß Bank of North America und war vom Continental Congress 1781konzessioniert worden. Geformt nach der Bank of England, durfte siemehr Schuldscheine ausstellen, als sie an Aktiva besaß. Angangs befan-den sich diese Noten im Umlauf und dienten als nationale Währung.Obwohl im Grunde genommen ein Privatunternehmen, sollte die Auf-gabe der Bank darin bestehen, Geld für die Bundesregierung bereitzu-stellen.
Die Bank of North America wurde von Betrügereien geschüttelt undfiel politisch rasch in Ungnade. Die inflationierten Banknoten wurdenschließlich von den Bürgern nicht mehr angenommen und waren amEnde nur noch am Sitz der Bank in Philadelphia im Umlauf. DieKonzession lief aus, und 1783 wurde daraus eine reine Geschäftsbankdes Staates Pennsylvania.
Die Befürworter des Papiergeldes gaben jedoch nicht auf. 1791wurde die First Bank of the United States (Amerikas zweite Zentral-bank) vom Kongreß geschaffen. Die neue Bank war nichts außer eineReplik der ersten, einschließlich der Untreue. Die privaten Investorender Bank gehörten zu den reichsten und einflußreichsten Bürgern desLandes einschließlich etlicher Abgeordneter und Senatoren. Doch diegrößte Investition und Beeinflussung kamen von den Rothschilds ausEuropa. Die Bank machte sich sofort daran, Geld für die Regierung zuschöpfen. Das führte zu einer heftigen Inflation des Geldvorrates und zusteigenden Preisen. In den ersten fünf Jahren wurde 42 Prozent alldessen, was Menschen in der Form von Geld gespart hatten, durch dieversteckte Steuer, genannt Inflation, konfisziert. Es war dasselbe Phä-nomen, das weniger als zwei Jahrzehnte vorher die Kolonien bedrückt
(22)Writtings, Library Edition, Band XIII, S. 270.(23)
Writtings, Library Edition, Band XIII, S. 272.
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hatte, nur daß diesmal nicht das Geld aus der Druckerpresse daranschuld war, sondern das Scheidegeld einer mit Minimal-Reserven ope-rierenden Zentralbank.
Als die Zeit für eine Erneuerung der Konzession näherrückte, ver-bündeten sich zwei unterschiedliche politische Strömungen gegen dieBank: die sogenannten Jeffersonians, die gesundes Geld wollten, unddie sogenannten Wildkatzen-Banken weit draußen im Lande, die sichim Grunde einen Freibrief zum Stehlen erhofften. Am 24. Januar 1811wurde die Neuzulassung mit einer Stimme im Senat und einer imAbgeordnetenhaus abgelehnt. Die Zentralbank war weg, doch überallblieben die Wildkatzen.
Der Krieg von 1812 war äußerst unpopulär bei den Menschen, unddeshalb hätte er nicht über Steuern finanziert werden können. DieRegierung entschied sich dafür, diesen Krieg zu finanzieren, indem siediese Wildkatzen-Banken ermutigte, Kriegsanleihen zu erwerben unddiese dann in Banknoten umzuwandeln, damit die Regierung damitmilitärische Ausrüstungen erwerben konnte. Innerhalb von zwei Jahrenverdreifachte sich die Geldmenge, ebenso die Preise. Wieder einmalwar es den Politikern und Finanzleuten gelungen, der amerikanischenÖffentlichkeit rund zwei Drittel ihres Geldes aus der Tasche zu ziehen.Und dies noch zusätzlich zu den 42 Prozent, die sie nur wenige Jahrevorher durch die Bank of the United States verloren hatte.
Kapitel 17
Eine Vipern-Höhle
Die Geschichte der Second Bank of the United States,der dritten Zentralbank; die Wahl von Andrew Jacksonwegen des Anti-Banken-Wahlkampfes; der Kampf zwi-schen Präsident Jackson und Nicholas Biddle als Vor-sitzendem der Bank; die Inszenierung einer Depres-sion, um die Öffentlichkeit für die Bank zu beeinflus-sen; schließlich Jacksons Sieg.
Das monetäre Chaos am Ende des Krieges von 1812 wurde von beinaheuniversalen Betrügereien im Bankensektor verursacht. Im guten Glau-ben brachten Einleger ihr Gold und Silber zu den Banken, weil sie es inSicherheit wissen wollten und gleichzeitig die Bequemlichkeit vonPapiergeld im täglichen Geschäftsleben schätzten. Die Banken wieder-um versprachen, das Papiergeld jederzeit in Münzgeld zurücktauschenzu können. Gleichzeitig wurde aber durch den Mechanismus der Mini-mal-Reserve weit über den Wert der tatsächlich in Reserve gehaltenenMünzen Papiergeld geschaffen. Da das neue Geld den gleichen An-spruch auf dieses Münzgeld hatte wie das alte, konnte das feierlicheVersprechen gar nicht eingehalten werden, sobald eine gewisse Anzahlvon Kunden gleichzeitig auf die Herausgabe von Münzgeld bestand.Genau dies aber ist wieder und wieder in dieser Zeit geschehen.
1814 hatte sich Thomas Jefferson nach Monticello zurückgezogen;insbesondere zum Thema Geld hatte er verbittert resigniert. In einemBrief an John Adams schrieb er:
Stets war ich der Feind der Banken; nicht derjenigen, die Zinsen fürechtes Geld verlangen, sondern ein Feind derer, die uns ihr eigenesPapier unterschieben und damit unsere Währung gefährden. MeinEifer gegen diese Institutionen war so ehrlich und offen, daß ich alsWahnsinniger verspottet wurde von der Brut der Bank-Krämer, dievon der Öffentlichkeit die erschwindelten und armseligen Gewinnestehlen wollten ... Sollen wir einen Altar dem alten Papiergeld derRevolution errichten, das Individuen ruiniert, aber die Republikgerettet hat, und alle früheren und künftigen Bankkonzessionen und
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gleichzeitig auch alle Banknoten selbst darauf verbrennen? Denndiese ruinieren sowohl die Republik als auch die Menschen. Doch eskann nicht getan werden. Die Besessenheit ist zu stark. Sie hat mit.ihren Irreführungen und Täuschungen alle Mitglieder der Regierun-gen und alle Individuen ergriffen.(1)
Jefferson hatte Recht. Der Kongreß besaß weder die Weisheit noch denMut, den freien Markt den Schlamassel aufräumen zu lassen, der nachdem Abgang der ersten Bank zurückgeblieben war. Sonst wären dieBetrügereien rasch der Öffentlichkeit bewußt geworden. Die unaufrich-tigen Banken hätten schließen und die Verluste hätte man hinnehmenmüssen, doch das Leid wäre zu Ende gegangen, vielleicht für immer.Statt dessen beschloß der Kongreß, die Banken zu unterstützen, dieseArt von Betrug noch zu organisieren, und die Verluste zu verstetigen.All dies geschah 1816, als der Second Bank of the United States eineKonzession über 20 Jahre erteilt wurde.
Die Second Bank of the United States
In jeder Hinsicht war die neue Bank eine exakte Kopie der alten, bisauf eine Kleinigkeit. Schamlos nahm der Kongreß von den privatenInvestoren nichts anderes als eine Bestechung in Form von 1,5 Millio-nen Dollar »in Anbetracht der exklusiven Privilegien und des Nutzensaus diesem Gesetz«(2). Die Banker zahlten klaglos, und zwar nicht nur,weil dies ein bescheidener Preis für solch ein profitables Unternehmenwar, sondern weil sie wieder einmal eine Regierungseinlage in Höhevon einem Fünftel erhielten, aus der sie einen Großteil des Startkapitalserzeugen konnten. Die Charta verlangte von der Bank, mindestenssieben Millionen Dollar Bargeld aufzubringen, doch selbst nach zweiJahren waren erst 2,5 Millionen erreicht.(3) Wieder einmal hatten sich diePolitiker und Finanzleute eine gewinnträchtige Nische eingerichtet, undder einfältige Steuerzahler, den Kopf voller süßer Träume von einer»Bankenreform«, konnte die Stückchen aufsammeln.
Eine weitere Ähnlichkeit zwischen der alten und der neuen Bankbestand in der Konzentration auf ausländisches Kapital. Tatsächlichwurde das größte Aktienpaket der neuen Bank, ungefähr ein Drittel, von
(1)Lester J. Cappon, The Adams-Jefferson Letters (New York: Simon and Schuster,1971), Band II, S. 424. (2)
»Act of 1816«, Section 20.
(3)Rothbard, Mystery, S. 203.
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dieser Gruppe gehalten.(4) Es ist sicherlich keine Übertreibung zu be-haupten, daß die Second Bank of the United States genauso tief inGroßbritannien wurzelte wie in Amerika.
Gleich zu Anfang geriet die dritte Zentralbank in große Schwierig-keiten. Sie hatte versprochen, die Tradition der Mäßigung auf andereBanken fortzusetzen, indem sie deren Banknoten ablehnte, sofern sienicht auf Verlangen in Münzgeld umgetauscht werden konnten. Dochals die anderen Banken den Spieß umdrehten und von der neuen Bankverlangten, ebenfalls die Auszahlung von Hartgeld zu garantieren, löstesich dieser Konflikt auf. Auch gab es das kleine Problem der Korrup-tion. Wie ein Kenner der Bank schrieb: »So viele einflußreiche Leuteinteressierten sich als Aktienkäufer für die neue Bank, daß es nichtratsam war, Ärgernis durch das Bestehen auf Hartgeld zu erregen, unddie Kreditnehmer setzten alles daran, die Freigebigkeit der Bank nichtzu stören.«(5)
In der Wirtschaft hat jede politische Handlung eine Konsequenz, unddie Konsequenz der Politik des leichten Geldes der Second Bank of theUnited States war Amerikas erste Erfahrung mit dem Phänomen, daswir heute »Aufschwung-Abschwung-Zyklus« nennen. Galbraith hier-zu: »1816 war der Nachkriegsaufschwung in vollem Gange. Vor allemin den westlichen Ländern gab es lebhafte Spekulationen. Die neueBank nahm bereitwillig daran Teil.«(6)
Die Bank besaß gegenüber ihren Wettbewerbern den Vorteil, daß siesich auf ein Bundesgesetz stützen konnte und daß die Regierung ihreBanknoten bei der Entrichtung von Steuern akzeptierte. Doch die Ban-ken der Staaten blieben bei diesem Spiel keineswegs vor der Tür. Es lagnoch immer in ihrer Macht, Geld mit Hilfe der Minimal-Reserve zuschaffen und damit den Gesamtbetrag der Geldmenge zu inflationieren.In dem Versuch dabeizubleiben, erteilte Pennsylvania 1817 37 neueBank-Konzessionen. Im selben Jahr folgte Kentucky mit 40 Konzessio-nen. Allein in den ersten beiden Jahren nach der Schaffung der Zentral-bank wuchs die Zahl neuer Banken um 46 Prozent. Jeder kleinsteFlecken entlang der Landstraße, der »eine Kirche, eine Kneipe odereinen Hufschmied besaß, schien gut genug für die Gründung einer
(4)Krooss, S. 25.
(5)Ralph C. H. Catterall, The Second Bank of the United States (Chicago: Universityof Chicago Press, 1902), S. 36.
(6)Galbraith, S. 77.
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Bank«(7). In dieser Zeit wuchs der Geldvorrat um zusätzliche 27,4 Millio-nen Dollar. So wurden die Steuerzahler um mehr als 40 Prozent ge-schröpft.
Der erste Aufschwung-Abschwung-Zyklus
In der Vergangenheit war die Auswirkung dieses inflationären Pro-zesses stets das langsame Verschwinden der Kaufkraft und ein kontinu-ierlicher Transfer von Eigentum derer, die es geschaffen hatten, zudenen, die in der Regierung waren und die Banken besaßen. Diesmaljedoch gab es eine ganz andere Entwicklung. Der frühere langsameProzeß wurde vom Katastrophentum abgelöst. Die Finanzleute, dieHände fest am Steuerknüppel der Geldmaschine, warfen ihn jetzt her-um, zuerst hierhin, dann dorthin. Die Expansion und nachfolgendeabsichtliche Verringerung des Geldvorrates bescherten der Nation wirt-schaftliche Zuckungen. Weshalb sollte man auch auf die Äpfel bis zumHerbst warten, wenn man die Erntezeit durch das Schütteln des Baumesbeschleunigen kann?
1818 führte die Bank plötzlich strengere Regeln für neue Darlehenein und versuchte, so viele wie möglich der alten einzutreiben. DieseVerringerung des Geldvorrates wurde der Öffentlichkeit genauso be-gründet wie heute: Es sei nötig, die Inflation zu bremsen. Die Tatsache,daß die Bank diese Inflation selbst in Gang gesetzt hatte, blieb dabeiunbemerkt.
Zweifellos handeln viele Politiker und Banker in guter Absicht, wennsie die Inflation unter Kontrolle zu bringen versuchen, die sie selbstverursacht haben. Nicht jeder, der von dem Zentralbank-Mechanismusprofitiert, kann ihn auch verstehen. Wie Frankenstein hat man einMonster geschaffen, ohne die Macht darüber zu behalten. Das eigentli-che Verbrechen dieser Leute heißt Dummheit, nicht Bösartigkeit. Den-noch gehört Dummheit nicht zu den Eigenschaften des durchschnittli-chen Bankers, schon gar nicht des bei einer Zentralbank beschäftigten,so daß wir trotzdem die Schlußfolgerung ziehen müssen, viele derFinanzfachleute seien sich der zerstörerischen Kraft dieses Monstersdurchaus bewußt. Im besten Falle ist ihnen das alles egal, solange sie inSicherheit sind. Und im schlimmsten Fall erkennen sie, daß sie dieErnte einfahren werden. Sie stacheln das Monster absichtlich an und
(7)Norman Angell, The Story of Money (New York: Frederick A. Stokes Co.,1929), S. 279.
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locken es in der Erwartung, daß es durch die Obstgärten wütet. LetztenEndes ist es natürlich gleichgültig, ob die Bäume aus Unwissenheit oderBöswilligkeit geschüttelt werden. Das Ergebnis ist das gleiche. Oh, wiedie Äpfel fallen!
Die ersten Erfahrungen mit einem absichtlich verringerten Geldvor-rat machte man 1818, als sich die Bank um ihr Überleben zu sorgenbegann. Professor Rothbard schreibt:
Im Juli 1818 sahen die Regierung und die BUS [Bank of the UnitedStates] die stürmischen Zeiten voraus: Die enorme Ausweitung vonGeld und Krediten plus erste Betrügereien hatten die Gefahr einesUnterganges der BUS heraufbeschworen. In den nächsten Jahrenunternahm die BUS eine ganze Serie zur Einschränkung des Noten-umlaufes, zur Kürzung von Darlehen, der Kontraktion von Kreditenim Süden und im Westen ... Diese Kontraktion von Geld und Kreditbescherten den Vereinigten Staaten ihre erste weitläufige ökonomi-sche und finanzielle Krise. Der erste »Aufschwung-Abschwung-Zyklus« hatte die Vereinigten Staaten erreicht ...
Die Ergebnisse waren reihenweise Firmenzusammenbrüche,Geschäftsbankrotte, Firmenschließungen und die Liquidation unge-sunder Investitionen.(8)
Regierungseinfluß verschärft den Zyklus
Es wird oft vermutet, daß Paniken, Aufschwung-Abschwung-Zyklenund Depressionen von der ungezügelten Konkurrenz zwischen denBanken verursacht werden und daß deshalb die Regierung eingreifenmüsse. Die Wahrheit ist genau das Gegenteil. Diese Störungen desfreien Marktes sind gerade das Ergebnis der Tatsache, daß die Regie-rung den Wettbewerb durch die monopolistische Kraft einer Zentral-bank verhindert. Ohne eine monopolartige Situation können einzelneBanken nur bis zu einem gewissen Grade in betrügerischer Weiseoperieren, und auch nur kurzfristig. Unweigerlich werden sie von ihrenehrlichen Wettbewerbern entlarvt und somit aus dem Geschäft gedrängtwerden. Ja, die Einleger werden bei diesem Bankrott verlieren, doch derSchaden wird sich auf einige wenige konzentrieren und nur seltenauftreten. Sogar ganze Landstriche könnten bei solchen Gelegenheitenhart getroffen werden, doch niemals wäre es eine nationale Tragödie,
(8)Rotbard, Mystery, S. 204-205.
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die jeden in die Knie zwingt. Die gesamte Wirtschaft wird die Verlusteabsorbieren und die Geschäftstätigkeit keinen Schaden erleiden. Insolch einer Situation können sich selbst diejenigen, die Schaden erlit-ten, rasch erholen. Doch wenn eine Zentralbank betrügerischen Unter-nehmern zu Hilfe kommt und alle Banken zu denselben Praktikenanstachelt, kann der Wettbewerb nicht länger helfend eingreifen. DerSchaden wird gigantisch, und so natürlich auch die Kontraktion. Außerden Bankern und Politikern wird jeder leiden, wird überall Depressionherrschen, und der Aufschwung wird verzögert.
Genau dieses geschah während der sogenannten Panik 1819. In demBuch Documentary History of Banking and Currency schrieb HermanKrooss:
Als größter Gläubiger [der Staatsbanken] hatte die Bank zwei Alter-nativen: Sie konnte ihre Schulden abschreiben und damit das Kapitalder Aktionäre vernichten und Bankrott gehen, oder sie konnte dieStaatsbanken zwingen, ihre Verpflichtungen zu erfüllen, was wieder-um die Staatsbanken in den Bankrott geführt hätte. Es konnte keinenZweifel geben an der Entscheidung ... Der Druck auf die Staatsban-ken deflationierte die Wirtschaft drastisch, und während die Geld-menge schrumpfte, geriet das Land in eine ernste Krise.(9)
Wie der Historiker William Gouge bemerkte: »Die Bank war gerettet,die Menschen ruiniert.«(10)
Der Wettbewerb zwischen der Nationalbank und den Staatsbankenhatte sich vom offenen Feld des freien Marktes in die geschlosseneArena der Politik verlagert. Der Wettbewerb des freien Marktes wurdevon Begünstigungen der Regierung in Form von Konzessionen wettge-macht, die Monopole ermöglichten. Die Konzession der Bundesregie-rung war deutlich besser als die eines Staates, doch die Bundesstaatenschlugen mit allen Waffen zurück, und eine davon war das Recht,Steuern zu erheben. Mehrere Staaten erhoben eine Steuer auf die Papier-noten, die von einer Bank innerhalb ihrer Grenzen ausgegeben wurden,wenn diese nicht zugleich eine lokale Konzession besaßen. Obwohlbehauptet wurde, dies diene nur der Erhöhung der Staatseinnahmen,war die wahre Absicht, die Bundesbank aus dem Geschäft zu drängen.
(9)Krooss, S. 190-191.
(10)William Gouge, A Short History of Paper Money and Banking in the UnitedStates (New York: Augustus M. Kelly, 1968), S. 110.
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Das Oberste Bundesgericht stützt die Bank
Als die Bank die Zahlung dieser Steuer an den Staat Marylandablehnte, kam der Fall 1819 vor das Oberste Bundesgericht und wurdeberühmt als McCulloch gegen Maryland. Der Oberste Richter warseinerzeit John Marshall, ein heftiger Befürworter einer starken Zen-tralregierung. Wie erwartet, lieferte das Gericht eine maßgeschneiderteEntscheidung zugunsten der Zentralbank.
Der schmale Grat, auf dem die Verfassungsmäßigkeit der Bank entschieden wurde, war nicht die Frage, ob der Kongreß die Macht besitze,direkt oder indirekt Schuldscheine auszugeben oder anderweitig Schul-den zu Geld zu machen. Währe das der Punkt gewesen, hätte dasGericht große Schwierigkeiten gehabt, die Bank zu stützen, denn daswar ihr nicht nur durch die Verfassung ausdrücklich verboten, sonderndie Bank hatte genau dies die ganze Zeit getan, und jeder wußte davon.Statt dessen beschränkte sich das Gericht auf die Frage, ob die Bank ein»notwendiges und angemessenes« Mittel des Kongresses sei, jedesandere verfassungsgemäße Recht auszuüben. In diesem Lichte besehen,entschied man sich dafür, die Bank als verfassungsgemäß zu erklären.
War das Papiergeld der Bank dasselbe wie Schuldscheine? Nein,denn sie wurden von der Bank gedeckt und nicht von der Bundesregie-rung. Zwar stimmte es, daß die Bank Geld geschaffen hatte, das vor derRegierung genutzt wurde. Trotzdem. Das Finanzministerium hatte esnicht drucken lassen, und deshalb war es kein Regierungsgeld.
War die Bank nicht dasselbe wie eine Regierungsbehörde? Nein,denn allein aus der Tatsache, daß sie ein Monopol besaß und dieses mitder Kraft des Staates ausübte, wurde sie nicht notwendigerweise einstaatliches Organ.
Weiterhin können die Staaten nicht die Bundesregierung oder irgend-eine ihrer Institutionen besteuern, einschließlich der Bank of the UnitedStates, denn wie Marshall feststellte: »Die Macht der Besteuerung istdie Macht zur Zerstörung.«
Hier gab es noch einen letzten Schlußlauf um die Verfassung, dies-mal von denselben Männern, die ihre treuesten Verteidiger sein sollten.
Das Oberste Bundesgericht hatte gesprochen, doch das »Gericht deröffentlichen Meinung« war mit diesem Fall nicht fertig. In den 1820ernschlug das Pendel der öffentlichen Meinung wieder in Richtung einerHaltung des laissez-faire aus und ebenso zu den Prinzipien eines ordent-lichen Geldwesens, wie es Jeffersons Republikaner gefordert hatten.Doch weil die Republikaner diese Prinzipien verlassen hatten, bildete
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sich eine neue Koalition, die von Martin van Buren und Andrew Jacksongeführt wurde, um sie wiederaufleben zu lassen. Sie nannte sichDemocratic Party, und eines ihrer Ziele war die Abschaffung der Bankof the United States. Nachdem Jackson 1828 zum Präsidenten gewähltworden war, vergeudete er keine Zeit in seinem Bemühen, die Unter-stützung des Kongresses für dieses Ziel zu gewinnen.
Nicholas Biddle
Damals stand die Bank unter der Leitung von Nicholas Biddle. Erwar ein ernstzunehmender Gegner Präsident Jacksons, und zwar nichtnur wegen seiner Machtbefugnisse, sondern auch wegen seines starkenWillens und seiner klaren Zielvorstellung. Er war das Urbild des Esta-blishments der Ostküste: reich, arrogant, skrupellos und brillant. Erhatte sein Studium an der University of Pennsylvania schon in jungenJahren abgeschlossen, war bereits in die Geschäftswelt eingetreten undkannte die geheime Wissenschaft des Finanzwesens in- und auswendig.
Aufgrund seiner Fähigkeit, die Geldströme der Nation zu beherr-schen, wurde Biddle rasch einer der mächtigsten Männer Amerikas.Dies kam auf dramatische Weise zutage, als er von einem Senatsaus-schuß gefragt wurde, ob seine Bank jemals einen Vorteil aus ihrerherausgehobenen Stellung gezogen habe. Er erwiderte: »Niemals. Esgibt sehr wenige Banken, die nicht durch die Macht meiner Bank hättenzerstört werden können. Keine wurde jemals beschädigt.«(11) Wie Jacksoneinige Monate später öffentlich bemerkte, war dies das Eingeständnis,daß die meisten Staatsbanken nur durch die Tolerierung der Bank of theUnited States existieren konnten, und dieses bedeutete natürlich: durchdie Gnade von Mr. Biddle.
1832 war die Konzession der Bank noch vier weitere Jahre gültig.Doch Biddle beschloß, Jackson nicht so lange Zeit zu lassen, um seineKräfte zu bündeln. Er wußte, daß der Präsident vor einer Neuwahlstand, und kalkulierte, daß dieser als Kandidat keine allzu heißen Eisenanpacken wollte. Die Bank zu kritisieren war eine Sache, aber hätte errundweg ihre Abschaffung gefordert, hätte ihn das zweifellos vieleStimmen gekostet. Biddle forderte also den Kongreß auf, eine vorzei-tige Verlängerung der Konzession zu gewähren, um Jacksons erwartete
(11)J. D. Richardson, A Compilation of the Messages and Papers of the President1789-1908 (Washington: Bureau of National Literature and Art, 1908), Band II,S. 581.
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Kampagne gegen die Bank zu unterlaufen. Diese Strategie wurde vonden Republikanern unter der Leitung von Senator Henry Clay unter-stützt und am 3. Juli, kurz vor Beginn des Wahlkampfes, Gesetz.
Jackson überfährt den Kongreß
Dies war eine brillante Strategie Biddles, doch sie funktioniertenicht. Jackson beschloß, seine gesamte Karriere mit dieser Frage zuverbinden. In der vielleicht leidenschaftlichsten Rede, die je von einemPräsidenten vor dem Kongreß geliefert wurde, damals wie heute, plä-dierte er gegen diese Maßnahme. Der Biograph Robert Remini schrieb:»Seine Ablehnung traf die Nation wie ein Tornado. Er zitierte nicht nurdie Bestimmungen der Verfassung gegen eine Verlängerung der Kon-zession – vermutlich die einzig wahre Begründung für ein Veto –,sondern auch politische, soziale, wirtschaftliche und staatspolitischeGründe.«(12)
Jackson widmete sich in seinem Plädoyer drei wesentlichen Themen:
1)der Ungerechtigkeit eines von der Regierung gewährten Monopols,
2)dem Verfassungsverstoß auch dann, wenn dies nicht ungerecht wäre,und 3) der Gefahr für das Land, weil die Bank von ausländischenInvestoren beherrscht wurde.
In bezug auf die Ungerechtigkeit eines von der Regierung getragenenMonopols wies er darauf hin, daß die Anteile der Bank ausschließlichden reichsten Bürgern des Landes gehörten. Darüber hinaus sei derVerkauf von Anteilen auf einige wenige mit politischem Einfluß be-schränkt, so daß der normale Bürger nicht nur von der Möglichkeitausgeschlossen sei, daran teilzuhaben, sondern daß er noch gezwungensei, für die Leistungen der Bank mehr als nötig zu bezahlen. Unverdien-te Gewinne sind schon schlimm genug, wenn sie von einer Schicht derBürger genommen werden, um sie einer anderen zu geben, doch es istnoch schlimmer, wenn die Nutznießer dieser Gewinne nicht einmalBürger des eigenen Landes, sondern Ausländer sind. Jackson:
Es sind nicht nur die Bürger unseres Landes, welche die Freigebig-keit unserer Regierung genießen werden. Mehr als acht MillionenAktien dieser Bank werden von Ausländern gehalten. Durch diesenGesetzesakt würde die amerikanische Republik ihnen buchstäblich
(12)Robert V. Remini, The Life of Andrew Jackson (New York: Harper & Row1988), S. 227-228.
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Millionen von Dollar schenken ... Es scheint so zu sein, daß einViertel aller Aktien von Ausländern gehalten wird, und der Restgehört einigen wenigen Hundert unserer eigenen Bürger, vor allemden reichen. Für ihren Nutzen schließt diese Vorlage das amerikani-sche Volk von jeglichem Anteil an diesem Monopol aus und vergibt esfür viele Millionen unter seinem tatsächlichen Wert.(13)
Zum Thema Verfassungstreue meinte er, er sei nicht an die frühereEntscheidung des Obersten Bundesgerichtes gebunden, weil der Präsi-dent und der Kongreß dasselbe Recht besäßen, über die Verfassungs-treue eines Gesetzes zu entscheiden. Diese Ansicht war übrigens nichtneu zu jener Zeit. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sich die Ansichtdurchgesetzt, das Oberste Gericht sei die letzte Instanz für solcheFragen. In seinem Kampf gegen die Annahme der Vorlage wies Jacksonzurecht darauf hin, die Gründungsväter hätten ein System mit derTrennung der Macht zwischen Exekutive, Legislative und Judikativegeschaffen und daß es dabei nicht nur um die Aufteilung der Aufgabengehe, sondern darum, die Gewalten gegeneinander auszubalancieren.Ziel war nicht, die Effizienz der Regierung zu verbessern, nein, siesollte absichtlich ineffizient gemacht werden. Jeder Präsident und jedesMitglied einer gesetzgebenden Körperschaft ist durch einen Eid an dieVerfassung gebunden. Wenn keine dieser Personen in der Lage ist, nachihrem Gewissen die Rechtmäßigkeit ihres Tuns zu beurteilen, hat derEid auf die Verfassung wenig Bedeutung.
Eine Bank unter ausländischer Kontrolle
In Anbetracht der Gefahr für unsere nationale Sicherheit kam Jacksonauf die Tatsache zurück, daß viele der Aktienbesitzer der Bank Auslän-der waren. Obwohl diese ausländischen Investoren kein Stimmrechtbesaßen, war ihre Finanzkraft so groß, daß die amerikanischen Anteils-eigner auf sie schauten und wahrscheinlich ihren Anweisungen folgenwürden. Jackson zog daraus den Schluß:
Geht wirklich für unsere Freiheit und Unabhängigkeit keine Gefahraus von einer Bank, die ihrer Natur zufolge so wenig an unser Landbindet? ... Gibt es keinen Grund, sich um die Reinheit unsererWahlen im Frieden und unsere Unabhängigkeit im Kriege zu sor-
(13)Krooss, S. 22-23.
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gen? ... Über den Kurs, den eine Bank verfolgen würde, die von denBürgern eines fremden Staates besessen wird, die ihre Interessen undVorlieben dort einbringen würden, kann es keinen Zweifel geben ...Unsere Währung kontrollieren, von uns öffentliches Geld erhaltenund Tausende unserer Bürger in Abhängigkeit halten, dies wäreschrecklicher und gefährlicher als die militärische Macht eines Fein-des.(14)
Jackson sparte sich das stärkste Argument für das Ende der Auseinan-dersetzung auf. Nicht an den Kongreß, sondern an alle Wähler gewandt,sagte er:
Es ist bedauerlich, daß die Reichen und Mächtigen allzu oft dieHandlungen der Regierung für ihren eigenen Nutzen zurechtbiegen.Bei jeder aufrichtigen Regierung würde es zwangsläufig Unterschei-dungen nach Gesellschaftsschichten geben. Eine Gleichheit der Ta-lente, der Ausbildung oder des Wohlstandes kann von menschlichenEinrichtungen allein nicht gewährleistet werden. Nach den Gabendes Himmels und den Früchten der Strebsamkeit, der Arbeit und derTugendhaftigkeit steht jedem Menschen der Schutz des Gesetzes zu.Doch wenn mit den Gesetzen versucht werden soll, diesen natürli-chen und gerechten Gegebenheiten künstliche Unterscheidungen hin-zuzufügen, Titel zu gewähren, Vorteile und einzelne Privilegien, umdie Reichen reicher und die Mächtigen noch mächtiger zu machen, sohaben die bescheidenen Mitglieder der Gesellschaft – die Farmer,Mechaniker und Arbeiter –, die weder die Zeit noch die Mittelbesitzen, sich gewisse Vorrechte zu verschaffen, das Recht, sich beiihrer Regierung über erlittene Ungleichheit zu beklagen. Es gibtkeine notwendigen Übel der Regierung. Die Übel entstehen nurdurch Mißbrauch. Würde sie sich darauf beschränken, jederzeit dengleichen Schutz für alle zu gewähren, wie der Himmel seinen Regenausschüttet, die Vorteile gleichermaßen auf die Gehobenen und dieNiederen, die Reichen und die Armen ausschütten, wäre dies einunberechtigter Segen. In dem vor mir liegenden Gesetzentwurf stecktnach meiner Meinung eine große und unnötige Abkehr von diesengerechten Prinzipien.(15)
(14)Krooss, S. 26-27.(15)Krooss, S. 36-37.
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Sein Veto brachte die Bank nicht zu Fall. Es war lediglich eine Kriegs-erklärung. Die großen Schlachten standen noch bevor.
Biddles Macht über den Kongreß
Als Befehlshaber der Streiter für die Bank besaß Biddle einen mäch-tigen Vorteil. Alles in allem hatte er den Kongreß in seiner Tasche. Umpräziser zu sein: Das Produkt seiner Großzügigkeit befand sich in denTaschen der Abgeordneten. Nach den Regeln der Rothschild-Formelhatte Biddle sorgfältig darauf geachtet, daß willfährige Politiker mitErfolg in der Geschäftswelt belohnt wurden. Nur wenige von ihnenwaren gewillt, die Hand zu beißen, die sie fütterte. Selbst der mächtigeSenator Daniel Webster sah sich vor Biddles Thron knien. Galbraithhierzu:
Biddle war nicht mittellos. In Übereinstimmung mit seiner Überzeu-gung, daß die Banken die letztendliche Quelle der Macht seien, hatteer regelmäßig die Mitglieder des Kongresses bedacht, wenn ihreBesoldung aufgehalten worden war Daniel Webster war zu verschie-denen Zeiten Direktor der Bank oder ihr Honorar-Berater »Ichglaube, mein Gefolgsmann wurde nicht erneuert oder wie üblichaufgefrischt. Sollte es gewünscht sein, daß mein Verhältnis zur Bankfortbestehen soll, wäre es günstig, mir die üblichen Gefolgsleute zuschicken. « Zahlreiche andere berühmte Männer hatten eine Gefällig-keit erhalten, einschließlich Mitglieder der Presse.(16)
Webster ist ein besonders interessantes Studienobjekt dafür, wie sogardie »großen Männer« sich durch ihre Gier nach Reichtum kompromit-tieren lassen. Im Kongreß war er stets als ein Vertreter einer Politik dessoliden Geldes aufgefallen, doch als von Biddle bezahlter Rechtsanwaltvertrat er die Position der Bank vor dem Obersten Gericht im FallMcCulloch gegen Maryland. Ein Großteil der verworrenen Logik, diedem Gericht den Schlußlauf um die Verfassung erlaubte und zur Zerstö-rung der soliden Geldpolitik führte, stammte aus seiner Feder.
Nach Jacksons Veto gegen die neue Bankkonzession beauftragteBiddle Webster, Reden zu verfassen mit der Absicht, diese von der Bankdrucken und in großer Stückzahl verteilen zu lassen. In einer davonwiederholte Webster den alten Slogan, die Bank diene als mäßigender
(16)Galbraith, S. 80.
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Einfluß auf die anderen Banken des Landes, und dann erklärte erfromm: »Der Kongreß allein kann Münzen prägen ..., kein Staat (nichteinmal der Kongreß selbst) kann etwas anderes als Gold und Silber zumZahlungsmittel erklären bei der Bezahlung von Schulden.«(17) In einemAkt erstaunlicher Scheinheiligkeit wurde diese Rede ausgerechnet vonder Institution weit verbreitet, die über die Minimal-Reserve Rechen-geld schuf, und zwar ohne Gold- oder Silberdeckung. Damals wie heuteunterschieden die Menschen nicht zwischen Worten und Handlungenund glaubten, diese Rede eines »wichtigen« Mannes sei Beweis für dieErnsthaftigkeit dieser Bank. Biddle ließ sogar 300 000 Ausgaben vonJacksons Rede verteilen, und zwar offensichtlich in der Annahme, daßniemand sie lesen würde. Das Motto lautete: Wenn die Bank die Redefür so schlecht hielt, daß sie sie verteilen ließ, dann muß sie schlechtsein.(18)
Die Macht des Geldes der Bank war überall. Wie John Randolph, deralte Republikaner aus Virginia, leidenschaftlich erklärte: »Jeder Mann,den Sie in diesem Hause oder draußen treffen werden – mit einigenwenigen Ausnahmen, die nur die Regel bestätigen –, ist entweder einAktienbesitzer, Präsident, Kassierer, Angestellter oder Pförtner, Bote,Graveur, Papierhersteller oder Mechaniker, der in irgendeiner Weise mitder Bank in Verbindung steht.«(19)
Jackson wendet sich an die Wähler
Der Kongreß, die Banken, Spekulanten, Industrielle und Teile derPresse – dies waren die Kräfte, die von Biddle angeführt wurden. DochJackson besaß eine Geheimwaffe, die noch niemals zuvor in der ameri-kanischen Politik angewandt worden war. Sie hieß: direkte Ansprachean die Wähler. Er nahm diese Botschaft mit auf seine Wahlkampfreisenund verbreitete sie mit wohlbedachten Worten, die einen bleibendenEindruck bei den Wählern hinterließen. Er wandte sich gegen einevermögende Aristokratie, die sich der Räume des Kongresses bemäch-tigt und die Moral der Menschen geschwächt hatte, die die Freiheitbedroht und den Wahlgang untergraben hatte. Die Bank, erklärte er, seiein vielköpfiges Monstrum, das sich vom Fleisch des gemeinen Mannesernähre. Er schwor, das Monster zu bekämpfen und es zu erlegen odervon ihm verschlungen zu werden. Er bellte seine Ansicht jeder Men-
(17)Krooss, S. 2.(18)
Remini, Life, S. 234(19)
Annals of Congress, 14. Cong., 1" sess., S. 1066, 1110 ff.
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schenansammlung entgegen, die er traf: Die Bank und kein Jackson!Oder keine Bank und Jackson!(20)
Zum Thema Papiergeld nahm der Präsident eine ähnlich entschiede-ne Haltung ein. Sein Biograph beschrieb die Kampagne:
Auf seiner Heimreise, so wird berichtet, bezahlte er all seine Ausga-ben in Gold. »Kein Papiergeld mehr; seht her, Mitbürger!«, bemerkteer bei jeder Zahlung mit Gold. »Könnte ich nur diesen NicholasBiddle von dieser Monsterbank absetzen. « Gold, eigentlich kaum einübliches Tauschmittel, wurde den Leuten als sicheres und solidesZahlungsmittel angepriesen, das Jackson und seine Verwaltung gernwieder allgemein eingeführt hätten. Anders als Papiergeld, stellteGold einen echten Wert dar Es war die Münze ehrlicher Menschen.Auf der anderen Seite war das Lumpengeld das Instrument derBanken und Schwindler, mit der sie eine arglose und tugendhafteÖffentlichkeit betrügen konnten.(21)
Jackson hatte den Unwillen der Amerikaner erweckt. Als im Novemberdie Stimmzettel ausgefüllt wurden, erzielte er einen gigantischenVertrauensvorschuß. Er erhielt 55 Prozent der Stimmen (37 Prozent fürClay und acht Prozent für Wirt) und sogar 80 Prozent bei den Wahlmän-nern. Doch der Kampf war nicht vorbei. Jackson hatte die Wahl gewon-nen, doch die Bank durfte nochmals vier Jahre weitermachen, und siehatte sich vorgenommen, diese Zeit zu nutzen. Die größten Kämpfestanden erst bevor.
Jackson zieht Bundeseinlagen ab
Jackson wartete nicht lange. Er wußte, die Zeit würde gegen ihnarbeiten. »Die Hydra der Korruption ist nur verwundet, nicht tot«,meinte er.(22) Bald nach der Wahl wies er seinen Finanzminister WilliamDuane an, alle neuen Einlagen der Bundesregierung auf die verschiede-nen Staatsbanken zu verteilen und die laufenden Ausgaben von denKonten bei der Bank of the United States abzuziehen, bis diese auf Nullzurückgefahren waren. Ohne die Regierungsgelder, so hoffte man, wür-de die Kreatur austrocknen. Zu Jacksons Verdruß jedoch mißachtete
(20)Remini, Andrew Jackson and the Course of American Freedom 1822-1832(New York: Harper & Row, 1981), S. 373.(21)
Remini, Life, S. 234-235.
(22)Remini, Course, S. 52.
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Duane den Befehl aus der Überzeugung heraus, daß er damit derWirtschaft schaden würde.
Es war nicht das erste Mal, daß ein Kabinettsmitglied und der Präsi-dent unterschiedlicher Ansicht waren. In der Vergangenheit jedoch löstesich dieser Konflikt stets mit dem Rücktritt des Ministers. Diesmal wares anders. Duane weigerte sich, und damit war eine interessante verfas-sungsrechtliche Frage aufgeworfen. Der Präsident durfte ein Mitgliedder Exekutive nur mit der Zustimmung des Senates berufen. In derVerfassung jedoch fand sich kein Wort zu einer Entlassung. Benötigteman auch dafür die Zustimmung des Senates? So schien es zu sein, doches kam niemals zur Nagelprobe. Jackson brachte keine Geduld auf fürsolche theoretischen Fragen. Prompt lag ein Brief auf Duanes Schreib-tisch: »Ihre weiteren Dienste als Finanzminister sind nicht länger von-nöten.«(23) Am 1. Oktober 1833 wurden die ersten Einlagen aus der Bankabgezogen.
Jackson spürte, daß er endlich das Monster fest im Griff hatte. »Ichhabe es angekettet«(24), sagte er. Und mit freudiger Zuversicht fügte erhinzu: »Ich stehe bereit, mit der Zange jeden Zahn zu ziehen und späterauch die Wurzeln.« Und wenn er sich nicht irre, so fuhr er fort, werde er»in sechs Wochen Mr. Biddle und seine Bank still und harmlos wie einLamm haben«(25).
Biddle schafft absichtlich monetäres Chaos
Doch die Hoffnung des Präsidenten auf eine demütige Untergebenheitder Bank war voreilig, um es milde auszudrücken. Biddle reagiertenicht wie ein Lamm, sondern eher wie ein verwunderter Löwe. SeinPlan war, den Geldvorrat abrupt schrumpfen zu lassen und eine weiterePanik-Depression ähnlich der zu erzeugen, welche die Bank schon13 Jahre vorher verursacht hatte. Das Ganze könnte man dann auch aufJacksons Abzug von Regierungsgeldern schieben, und als Reaktionwürde der Kongreß sicherlich das Veto des Präsidenten ignorieren.Remini berichtet:
Biddle schlug zurück. Er setzte eine generelle Verringerung vonDarlehen im gesamten Bankenwesen in Gang ... Dies war der An-
(23) Remini, Life, S. 264.(24)
Herman J. Viola, Andrew Jackson (New York: Chelsea House, 1986), S. 88.(25)
Remini, Life, S. 264.
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fang eines mörderischen Kampfes zwischen einem mächtigen Financierund einem entschlossenen und ebenso mächtigen Politiker. Biddlewußte, worauf er hinauswollte. Er wußte, er mußte nur genug Druckauf den Geldmarkt ausüben, um den Präsidenten zu zwingen, dieEinlagen wieder auf die Bank zu übertragen. Er strotzte bereits vorSchadenfreude. »Dieser ehrenwerte Präsident glaubt, nur weil erIndianer skalpiert und Richter eingesperrt hat, könne er mit der Bankumspringen, wie es ihm beliebt. Er irrt sich. «(26) ...
»Die Bande der Parteitreuen kann nur zerstört werden«, erklärteer, »durch die tatsächliche Überzeugung des Leidens in der Gesell-schaft. « Und dieses Leiden würde natürlich früher oder später alleswieder geraderücken. Nur weitverbreitetes Leid wird auf den Kon-greß irgendeinen Effekt ausüben ... Unsere einzige Chance bestehtdarin, einen stetigen Kurs harter Zurückhaltung zu üben, und ichhege keinen Zweifel, daß diese Strategie schließlich zur Wiederher-stellung der Währung und der Konzession der Bank führen wird.(27) ...Ich bin entschlossen. Alle anderen Banken und alle Kaufleute mögenuntergehen, doch die Bank of the United States wird bleiben.«(28)
Biddle also hatte entschieden, das Volk als Faustpfand in dem Schach-spiel zum Überleben der Bank einzusetzen. Das entstehende wirtschaft-liche Chaos kann man sich leicht vorstellen. Biddles Verringerung derGeldmenge kam zu einem besonders gefährlichen Zeitpunkt. Das Ge-schäftsleben war als Ergebnis der früher von der Bank verfolgten Strate-gie des leichten Kredites rasch expandiert und hing jetzt davon ab. Auchwurden die Zolltarife genau zu jener Zeit fällig, so daß der Bedarf anBargeld und Krediten stieg. Überall gab es Verluste, Löhne und Preisesanken, Menschen verloren ihre Arbeit, und Unternehmen gingen Bank-rott. Als sich der Kongreß im Dezember zu einer sogenannten »Panik-Versammlung« zusammenfand, befand sich die Nation in Aufruhr. DieZeitungen schlugen Alarm, und Protestbriefe überschwemmtenWashington.
Während sich der Druck im Kongreß verstärkte, schien Biddles Planaufzugehen. In den Augen der Öffentlichkeit war ausschließlich Jacksonfür die Nöte der Nation verantwortlich: seine arrogante Entlassung von
(26)Remini, Life, S. 265.(27)
Remini, Democracy, S. 111.(28)
Nicholas Biddle, Correspondence 1807-1844, Reginald C. McGrane, Ed. (NewYork: Houghton Mifflin, 1919), S. 219, 221.
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Minister Duane, sein lächerliches Bestehen auf der Verlagerung derStaatsgelder und seine halsstarrige Opposition gegen den Kongreß.
Jackson wird vom Kongreß getadelt
100 Tage lang griff eine Phalanx von Rednern den Präsidenten jedenTag für seine angeblich arrogante und schädliche Handlungsweise an.Schließlich gab es einen Mißtrauensantrag im Senat, und am 28. März1834 wurde dieser mit 26 zu 20 Stimmen verabschiedet. Es war daseinzige Mal, daß der Kongreß einen Präsidenten getadelt hat, und es warein schwerer Schlag für Jacksons Stolz. Endlich gewann Biddle dieOberhand. Voller Zorn polterte der Präsident im Weißen Haus: »Sie sindein Natterngezücht«, herrschte er eine Delegation von Unterstützern derBank an. »Ich werde Euch austreiben, beim ewigen Gott werde ichEuch austreiben.«(29)
Der Tadel war keineswegs bezeichnend für die Stimmung im Volk.Selbst im Senat, der voller Unterstützer der Bank wer, hätten dreiStimmen genügt, um einen anderen Ausgang herbeizuführen. Die ganzeZeit, zuerst kaum spürbar, aber dann rasch wachsend, erfuhr die Öffent-lichkeit die Wahrheit. Jackson tat natürlich alles, um diesen Prozeß zubeschleunigen, aber andere Faktoren spielten ebenso eine Rolle, nichtzuletzt Biddle selbst. Sein Ego war so stark, daß er sich nicht zurückhal-ten konnte, sich öffentlich seiner Absicht zu brüsten, der Wirtschaftabsichtlich zu schaden. Die Menschen hörten auf ihn und glaubten ihm.Die Wende kam, als Gouverneur George Wolf aus Pennsylvania, demSitz der Bank, öffentlich sowohl die Bank als auch Biddle angriff. DieWirkung war wie der Startschuß bei einem Pferderennen. Weil nunselbst der Heimatstaat der Bank gegen sie war, gab es plötzlich keineVerteidiger mehr, und die Stimmung im Land und im Kongreß schlugum.
Die Demokraten vergeudeten keine Zeit, diese unerwartete Chancezu nutzen. Als Test ihrer Stärke verlangten sie eine Abstimmung übereine Serie von Beschlüssen, die darauf abzielten, das Mißtrauen desSenates zu widerrufen. Im Kern lief es darauf hinaus, daß das Haus dieBankpolitik des Präsidenten voll unterstützen sollte. Die erste Resolu-tion wurde mit 134 zu 82 Stimmen verabschiedet. Sie besagte, die Bankof the United States »dürfe keine neue Konzession erhalten«. Die zwei-te, mit 118 zu 103 Stimmen verabschiedet, stellte fest, die Staatsein-
(29)Viola, S. 86.
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lagen »sollen nicht umgeschichtet werden«. Und die dritte schließlich,mit dem überwältigenden Ergebnis 175 zu 42, verlangte die Einrichtungeines Untersuchungsausschusses mit dem Auftrag festzustellen, ob dieBank absichtlich die Wirtschaftskrise herbeigeführt habe. Dies war einüberwältigender Sieg für Jackson. Einige Jahre später wurde er nochübertroffen mit der Verabschiedung einer Resolution im Senat, die dasfrühere Mißtrauensvotum aufhob.
Biddle bietet dem Kongreß die Stirn
Als der Ausschuß vor den Türen der Bank in Philadelphia mit einerVollmacht zur Untersuchung der Unterlagen auftauchte, lehnte Biddlediese ab. Auch verweigerte er jegliche Einsicht in die Korrespondenzmit Kongreßabgeordneten bezüglich persönlicher Darlehen und Vortei-le. Und ebenso lehnte er es ab, vor dem Ausschuß in Washingtonauszusagen. Für Normalsterbliche hätte diese Mißachtung des Kongres-ses hohe Geldstrafen oder eine Gefangennahme mit sich gebracht. Dochnicht für Nicholas Biddle. Remini erläutert:
Die Ausschußmitglieder wollten ihn für diese Mißachtung zur Re-chenschaft ziehen, aber viele Demokraten aus dem Süden verweiger-ten sich solch einer extremen Maßnahme. Wie Biddle verwirrt be-merkte, wäre es geradezu Ironie, würde er ins Gefängnis gehenmüssen »wegen der Abstimmung von Kongreßmitgliedern, nur weilich deren vertrauliche Briefe nicht ihren Feinden aushändigen woll-te«. Obwohl Biddle schließlich doch nicht vorgeladen wurde, verlorer durch seine empörende Mißachtung des Hauses weiterhin Anse-hen in der amerikanischen Öffentlichkeit.(30)
Die Bank lebte noch, war jedoch tödlich verwundet. Inzwischen hatteJackson die Schulden des Krieges von 1812 getilgt und sogar einenÜberschuß erzielt. Er ordnete das Finanzministerium an, den Staatenmehr als 35 Millionen Dollar zurückzugeben, die für eine große Anzahlvon öffentlichen Arbeiten verwendet wurden. Mit diesem Sieg über dieBank hatte sich der Präsident den unauslöschlichen Haß der Finanz-experten sowohl in Amerika als auch im Ausland zugezogen. Es istdeshalb eigentlich keine Überraschung, daß am 30. Januar 1835 einMordversuch auf ihn unternommen wurde. Wie durch ein Wunder
(30)Remini, Life, S. 274.
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versagten beide Pistolen des Angreifers, und Jackson überlebte durcheinen verrückten Zufall. Es war dies der erste Anschlag auf das Lebeneines Präsidenten der Vereinigten Staaten. Der Beinahe-Attentäter hießRichard Lawrence und war entweder tatsächlich verrückt oder behaup-tete, verrückt zu sein, um einer schweren Bestrafung zu entgehen.Jedenfalls wurde Lawrence wegen Unzurechnungsfähigkeit »nicht schul-dig« gesprochen.(31) Später brüstete er sich vor Freunden, er habe mitmächtigen Leuten in Europa Kontakt gehabt, die ihm versprochenhätten, ihm bei einer Festnahme vor der Verurteilung zu helfen.(32)
Das Ende dieser Geschichte hält keine Überraschung bereit. DieKonzession der Bank lief 1836 aus, und sie wurde vom StaatePennsylvania in eine Staatsbank umgewandelt. Nach umfangreichenSpekulationen mit Baumwolle, verschwenderischen Vorteilen für dieoberen Bankangestellten und der Aufhebung von Auszahlungen in Hart-geld wurde Biddle verhaftet und des Betruges angeklagt. Obwohl erniemals verurteilt wurde, war er bis zu seinem Tode in Zivilprozesseverstrickt. Innerhalb von fünf Jahren mußte diese Institution endgültigihre Tore schließen, und Amerikas drittes Experiment mit einer Zentral-bank fand ein Ende.
Etwas Schlechtes vermischt mit Gutem
Es ist verlockend, die Geschichte hier enden zu lassen und Jacksonauf ewig die Krone eines Helden und Drachentöters tragen zu lassen.Eine eher sachliche Einschätzung dieser Ereignisse führt zu der Schluß-folgerung, daß die Kräfte des Erfolges ansteckend wirkten. Jacksonvertrat all jene, die nur Gold und Silber als Grundlage des Geldwesensakzeptieren wollten; diese Gruppe war jedoch nicht bedeutend genug,sich gegen die Kraft der Bank zu behaupten. In diesem Wettstreit wurdeer von vielen anderen Gruppen unterstützt, welche die Bank für andereund weniger ehrenwerte Gründe haßten. Die Staatsbanken und Ge-schäftemacher entlang der sich nach Westen ausdehnenden Grenzebeispielsweise waren nicht im geringsten an einem staatlich festgeleg-ten Geldwesen interessiert. Im Gegenteil. Für sie waren die bescheide-nen Beschränkungen der Bundesbank geradezu exzessiv. Ohne einesolche Bundesbank glaubten sie, jeglicher Behinderungen ledig zu sein.Wie wir im folgenden Abschnitt erkennen werden, besteht die Ironie
(31)Remini, Democracy, S. 228-229.(32)
Robert J. Donovan, The Assassins (New York: Harper & Brothers 1952), S. 83.
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darin, daß genau diese Gruppe ihren Willen bekam und nicht JacksonsAnhänger.
Eigentlich kann man ihm gar nicht übelnehmen, die Unterstützungdieser Gruppe bei der Tötung des Drachen angenommen zu haben.Häufig ist es in der Politik notwendig, für gewisse Ziele vorübergehen-de Bündnisse mit dem Gegner einzugehen. Doch Jackson ging darüberhinaus. Wie kaum ein anderer Präsident vor ihm, und nur sehr wenigeseitdem, hat er den Charakter der amerikanischen Politik verändert. Erführte die Nation weg von dem Konzept der vermischten Zuständigkei-ten, das von den Gründungsvätern sorgfältig erarbeitet worden war, undwollte die Traditionen der Alten Welt wie Konzentration und monarchi-sche Prinzipien wieder einführen. Indem er das Recht der Staaten inFrage stellte, sich von der Union zu trennen, setzte er ein Konzept inGang, das nicht nur zum Bürgerkrieg führte, sondern auch die Fähigkeitder Einzelstaaten für immer und ewig beendete, sich der stetig auswei-tenden Macht der Bundesregierung zu erwehren. Fortan gründete sichdie Union nicht mehr auf das Prinzip der Zustimmung der Untertanen.Es stützte sich nun auf die Macht der Waffen. Und mit Hilfe derManipulation der Wähler in bezug auf das Thema Bankwesen veränder-te es die Wahrnehmung der Rolle des Präsidenten von einem öffentli-chen Diener zu dem eines nationalen Führers.
Auf der Höhe des Kampfes gegen die Bank wandte sich Jackson ineinem Appell an die Wähler mit der Bitte um Unterstützung: »DerPräsident ist der direkte Vertreter der Bürger.« Um die Bedeutung dieserAussage vollständig verstehen zu können, muß man sich daran erin-nern, daß der Verfassung zufolge der Präsident indirekt von der Legisla-tive der einzelnen Staaten und nicht von allen Bürgern gewählt wird.Nach dem Krieg gegen die Herrschaft von König Georg III. wollten dieGründungsväter nichts mehr mit irgendeinem König zu tun haben, undsie taten alles, um sicherzustellen, daß der Präsident der VereinigtenStaaten niemals als ein solcher betrachtet werden würde. Sie wußten,daß ein gewählter Herrscher, solange seine Macht nicht sorgfältig be-grenzt ist, genauso despotisch regieren kann wie ein ungewählter. Arti-kel II, Teil I der Verfassung sieht deshalb eine Wahlversammlung für dieAuswahl des Präsidenten vor.
Die Mitglieder dieser Versammlung werden von den Staaten be-stimmt. Kongreßabgeordnete, Senatoren und andere Angestellte derBundesregierung sind ausdrücklich und klugerweise davon ausgeschlos-sen. Dieses Kollegium soll einen Präsidenten ausschließlich nach der
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Frage seiner Integrität und persönlicher Fähigkeiten und keineswegsnach seiner Parteizugehörigkeit, seinen politischen Verbindungen, sei-nem Aussehen, seinem Charisma oder seiner Redegewandtheit aus-suchen. Die Bürger sollen ihre Kongreßabgeordneten, die Wahlver-sammlung jedoch den Präsidenten wählen. Es war also beabsichtigt,daß der Präsident eine andere Wählerschaft haben sollte als der Kon-greß, und diese Unterscheidung war wichtig, um den Ausgleich derMacht sicherzustellen. In dem Bemühen, die Regierung unter einergewissen Kontrolle zu behalten, war dies ein wahrhaft brillantes Werkpolitischer Formgebung.
All das wurde in der Wahl von 1832 verändert. Es ist eine traurigeTatsache der Geschichte, daß gute Ursachen häufig unglücklichePräzendenzfälle schaffen. Der Kampf von Jackson gegen die Bank ofthe United States war ein Beispiel dafür.
Zusammenfassung
Während des Krieges von 1812 hatte die Regierung allerlei Banken-schwindel ermutigt, um auf bequeme Weise ihren Zahlungsverbind-lichkeiten nachkommen zu können, und das führte die Nation schließ-lich in ein monetäres Chaos. Anstatt die unseriös operierenden Bankenam Ende des Krieges fallenzulassen und auf die Selbstheilungskräftedes freien Marktes zu vertrauen, beschloß der Kongreß, die Banken zuschützen, die Betrügereien zu organisieren und die Verluste somit fort-zuschreiben. Dieses wurde mit der Gründung der dritten Zentralbanknamens Second Bank of the United States getan.
Die neue Bank war praktisch eine Kopie der ersten. Sie besaß dasRecht, für die Bundesregierung Geld zu schaffen und die Staatsbankenzu regulieren. Sie beherrschte größere Kapitalmengen und war besserorganisiert über die einzelnen Grenzen hinweg als die alte Bank. Folg-lich besaß sie einen größeren Einfluß auf die Schaffung oder Einschrän-kung der nationalen Geldmenge. Zum ersten Mal in unserer Geschichtewaren die Auswirkungen im gesamten Land gleichzeitig zu spüren, stattsich auf geographisch begrenzte Regionen zu beschränken. Das Zeital-ter der Aufschwung-Abschwung-Zyklen war in Amerika angekommen.
1820 schwang das Pendel zugunsten des Prinzips einer gesundenWährung zurück, wie es von Jeffersons Republikanern vertreten wor-den war. Doch weil die Partei diese alten Prinzipien verraten hatte,wurde eine neue Koalition unter der Führung von Martin van Buren undAndrew Jackson unter dem Namen Democratic Party gegründet. Eines
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ihrer ersten Ziele war die Abschaffung der Bank. Nachdem Jackson1828 gewählt worden war, machte er sich ans Werk.
Der Chef der Bank war ein mächtiger Gegenspieler namens NicholasBiddle. Er besaß nicht nur großartige persönliche Fähigkeiten; vieleMitglieder des Kongresses standen in seiner Schuld. Die Bank besaßalso viele politische Freunde.
Als sich Jacksons erste Amtszeit ihrem Ende näherte, ersuchte Biddleden Kongreß um eine vorzeitige Erneuerung der Konzession der Bankin der Hoffnung, Jackson würde in einem Wahljahr keine Kontroverseriskieren. Die Konzession wurde vorzeitig erneuert, doch Jackson griffdie Herausforderung auf und legte sein Veto ein. Die Kontroverse überdie Zukunft der Bank wurde also zum entscheidenden Wahlkampf-thema.
Jackson wurde mit großem Vorsprung wiedergewählt. Eine seinerersten Amtshandlungen war der Abzug von Staatseinlagen bei der Bank,um sie bei privaten und regionalen Banken zu plazieren. Biddle schlugzurück, indem er die Kreditrahmen verringerte und Darlehen zurück-rief. Dies war ein kalkulierter Schachzug, um den Geldvorrat zu verrin-gern und eine nationale Panik-Depression auszulösen. Tatsächlich kames so. Öffentlich verwies er die Schuld auf Jacksons Anweisung, diestaatlichen Gelder von der Bank abzuziehen.
Beinahe hätte der Plan funktioniert. Biddles politischen Alliiertengelang es, Jackson vom Senat öffentlich tadeln zu lassen. Als schließ-lich aber die Wahrheit über Biddles tatsächliche Strategie entlarvt wur-de, schlug sie gegen ihn zurück. Er wurde vor einen Kongreßausschußzitiert, um seine Handlungsweise zu erläutern. Das Mißtrauensvotumgegen Jackson wurde aufgehoben, und die dritte Zentralbank der Nationgeriet in Vergessenheit.
Kapitel 18
Weißbrot, Fisch und Bürgerkrieg
Versuche zur Stabilisierung des Bankensystems mitHilfe von politischen Maßnahmen einschließlich derBestimmungen zum Scheidegeld und eines Banken-Versicherungs-Fonds; der Fehlschlag all dieser Maß-nahmen; die daraus folgenden wirtschaftlichen Um-stände, die schließlich zum Bürgerkrieg führten.
Wie im vorherigen Kapitel beschrieben, war 1836 das vielköpfige Mon-ster erlegt worden; dem Wahlkampfversprechen des Präsidenten zufol-ge besaß die Nation Jackson und keine Bank.
Im April desselben Jahres peitschte die Verwaltung eine ganze Reihevon monetären Reformen durch den Kongreß, um ihren Sieg zu konso-lidieren. Eine davon untersagte es allen Banken, Papiernoten unterhalbdes Wertes von fünf Dollar herauszugeben. Später wurde diese Zahl auf20 Dollar erhöht. Absicht dieser Maßnahme war es, die Nation dazu zuzwingen, zum Gebrauch von Gold- und Silber-Dollars für den täglichenGebrauch zurückzukehren und dafür den Gebrauch des Papiergeldes fürgroße geschäftliche Transaktionen zu reservieren. Das Weiße Hauserklärte gleichzeitig, daß künftig für alle regierungsamtlichen Grund-stücksverkäufe die Bezahlung »in gesetzlichen Zahlungsmitteln« erfol-gen müsse, was natürlich nichts anderes bedeutete als in Edelmetall-münzen.(1)
Man muß sich jedoch vor Augen halten, daß die Bank of the UnitedStates zwar tot, das Bankenwesen in den Vereinigten Staaten jedochquicklebendig war ..., und zwar ebenso wie Jacksons Feinde. Zurgroßen Enttäuschung vieler Befürworter einer stringenten Geldpolitikwaren diese Maßnahmen nicht ausreichend, um eine neue Zeitenwendeeinzuläuten. Sie waren nicht nur in sich selbst unzureichend, sondernwurden schon rasch mit Hilfe der Entwicklung einer neuen Banken-technik und schließlich von einem wankelmütigen Kongreß beseitigt.Die Abschaffung kleiner Banknoten verdient besondere Beachtung.
(1)Otto Scott, The Secret Six: The Fool as Martyr, Band III (Columbia, SouthCarolina: Foundation for American Education, 1979), S. 115.
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Dies war ein ausgezeichnetes Konzept, doch was der Gesetzgeber nichtverstand oder nicht zu verstehen vorgab, war, daß Banken zu jener Zeitzunehmend mit Scheckbuchgeld, also kurzfristigen Einlagen, zu tunhatten. Während die Menschen sich an diese neue Methode des Geld-transfers gewöhnten, nahm die Bedeutung der Banknoten ab. Die Be-schränkung der Ausgabe von Banknoten war nutzlos, weil es keinegleichzeitige Obergrenze für die kurzfristigen Einlagen gab. Als dieBank of the United States 1837 langsam in der Geschichte versank,befand sich die Nation am Ende eines Wirtschaftsbooms. ProfessorRothbard berichtet, daß diese Ausweitung und die begleitende Inflation»von der Zentralbank angeheizt« worden sei.(2)
In nur vier Jahren war die Geldmenge um 84 Prozent angewachsen.Dann, so unausweichlich wie der Untergang der Sonne, nahm der Anteiljenes Geldes ab, das durch die Politik der Minimal-Reserve (also ohnewirkliche Deckung) erzeugt worden war. Allein in diesem ersten Jahrverschwanden 16 Prozent des gesamten Geldvorrates. Wieder wurdenMänner ihrer Arbeit beraubt, Unternehmen gingen Bankrott, Häuserund Ersparnisse waren verloren. Auch viele Banken brachen zusam-men, aber ihre Inhaber verschwanden mit der Beute. Nur die Einlegerhielten leere Beutel in den Händen.
Es gab zahllose Vorschläge für die Schaffung von Stabilität im Banken-wesen. Doch damals wie heute wurde das tatsächlich zugrundeliegendeProblem, nämlich die Minimal-Reserve, nicht angepackt. Wie Groseclosebemerkte, handelten »alle diese Vorschläge nach einer spezifischenTheorie, wie man Brotlaibe und Fische vermehren oder süße Zucker-watte schaffen kann«(3). Weil die damaligen Vorschläge im Grunde iden-tisch sind mit den Vorschlägen von heute, und da man alles praktischschon probiert hat, wäre es eigentlich angebracht, das tatsächlicheErgebnis dieser Experimente anzuschauen.
Vorschlag: Geld muß auf Aktiva basieren
Es gab vier Denkschulen bezüglich der Multiplikation von Brotlai-ben und Fischen. Die erste davon wollte die Schaffung von Geld ineinem bestimmten Verhältnis an die Aktiva der Bank binden. DieseFormel hatte man in den Neu-England-Staaten ausprobiert. In Massa-chusetts beispielsweise durfte die Menge der ausgegebenen Banknoten
(2)Rothbard, Mystery, S. 211.(3)Groseclose, Money and Man, S. 184.
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nicht höher sein als das Zweieinhalbfache des von der Bank tatsächlichin ihrem Tresor gehaltenen Kapitals. Außerdem durfte dies nicht in derForm von Papiergeld, Anleihen oder Schuldverschreibungen gesche-hen. Nur Gold- oder Silbermünzen waren zulässig. Auch mußten sichdie Banken bei der Ausgabe kleiner Banknoten beschränken, und damitdiente Massachusetts als Modell für Jacksons Versuch, das Banken-wesen auf Bundesebene zu reformieren. Nach damaligen Standards(und sicherlich ebenso nach den heutigen) war das eine außergewöhn-lich konservative Politik. Doch tatsächlich konnten die Banken vonMassachusetts (und viele andere in den Neu-England-Staaten) ihreFähigkeit zur Zahlung in Münzgeld aufrechterhalten, während im gan-zen Land Hunderte von Banken kaputtgingen.
Im Laufe der Zeit jedoch wurde die Beschränkung der Banknotenimmer unwichtiger, denn die Banken verlegten sich zunehmend aufScheckbuch-Geld. Die Papiernoten mögen auf 200 Prozent ihres tat-sächlichen Kapitals begrenzt gewesen sein, doch es gab keine effektiveGrenze der Summe, die sie in die Konten der Kunden eintragen durften.So wurde also das »Minimal« im Minimal-Reserve-Bankenwesen er-neut geringer. In der Folge wirkte die Geldverringerung von 1837 »wieeine Sense im Getreide«, meinte Groseclose, und 32 Banken brachenbis 1844 in Massachusetts zusammen.(4)
Der Staat versuchte das System zu retten, indem er ein ganzesNetzwerk von Prüfern schuf und die Haftungsgrenze der Aktionäreheraufsetzte, doch das zugrundeliegende Problem wurde weiterhin igno-riert. Eine große Zahl neuer Banken wurde gegründet, und eineSpekulations-Hysterie ging durch die Wirtschaft. Obwohl das Gesetzdie Ausgabe von Banknoten auf das Zweifache der Aktiva beschränkthatte, hatten die Banken 1862 73 685 000 Dollar einschließlich desScheckbuch-Geldes geschaffen. Dem standen lediglich 9 595 000 Dol-lar Hartgeld gegenüber, also eine Reserve von nur 13 Prozent. Massa-chusetts hatte das Problem folglich nicht gelöst.
Vorschlag: Einlagen mit einem Sicherungsfonds schützen
Die zweite Theorie über die Frage, wie man ein stabiles Banken-wesen schaffen und gleichzeitig den Banken erlauben könne, Geld ausdem Nichts heraus zu erzeugen, betraf die Schaffung von »Sicherungs-fonds«. Diese Fonds, unterstützt von allen Banken, sollten jedem Mit-
(4)Groseclose, Money and Man, S. 185.
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glied helfen, das ein unerwartetes Darlehen zur Abdeckung seiner Rück-lagen benötigte. Dies war der Vorläufer der heutigen Bundes-Einleger-Versicherung und ähnlicher Einrichtungen.
Der erste Sicherungsfonds wurde 1829 in New York gegründet. DasGesetz bestimmte, daß jede Bank jährlich ein halbes Prozent des Aktien-kapitals beisteuern mußte, bis insgesamt drei Prozent erreicht waren.1837 mußte der Fond seine erste Bewährungsprobe bestehen, und erwurde beinahe ausgetrocknet. Nur die Tatsache, daß der Staat die wert-losen Noten aller untergegangenen Banken annahm, rettete den Fonds.Mit anderen Worten: Die Steuerzahler mußten die Differenz begleichen.Als der Fonds erschöpft war, wurden die solventen Banken bestraft,weil sie für die Defizite der Zahlungsunfähigen aufkommen mußten.Natürlich führte dies dazu, daß alle Banken sofort rücksichtsloser wur-den. Weshalb auch nicht? Auf der einen Seite würden wenigstens vor-übergehend die Profite steigen, auf der anderen Seite würde der Fondsaus der Patsche helfen, falls ihre Rücksichtslosigkeit sie in Schwierig-keiten gebracht hätte. Das Ergebnis war, daß das System für die Beson-nenheit eine Strafe bereithielt und zugleich einen Anreiz für Rück-sichtslosigkeit bot ... Eine perfekte Parallele zu unserem heutigenBankensystem. Groseclose hierzu:
Die konservativ geführten Einrichtungen, die sich auf die sicherenRisiken verlegten, bei denen naturgemäß die Profitmargen kleinerwaren, empfanden die Abgaben als belastend und fühlten sich des-halb genötigt, auf spekulativere Geschäftszweige auszuweichen.(5)
Nach und nach versanken alle Banken in diesem Sumpf, und 1857wurde der Fonds in Massachusetts endlich abgeschafft.
Michigans Erfahrungen mit einem Sicherungsfonds waren vielleichtnoch typischer für diese Jahre. Er wurde 1836 eingerichtet und ver-schwand schon ein Jahr später.
Vorschlag: Geld auf Sicherheiten gründen
Der dritte Vorschlag für den Erhalt eines stabilen Währungssystems,das den Banken gleichzeitig einen gewissen Spielraum für Betrügereienlassen könnte, lautete, die im Umlauf befindliche Geldmenge an denSchuldverschreibungen der Regierung zu orientieren, also letztlich auf
(5)Groseclose, Money and Man, S. 186.
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Papierdokumente zur Verschuldung. Dieses System wurde in den 1850ernvon Illinois, Indiana, Wisconsin und anderen Staaten des MittlerenWestens übernommen. Es bildete zugleich das Vorbild für das FederalReserve System 60 Jahre später. Groseclose weiter:
So zügellos war die Besessenheit zur Ausgabe von Banknoten, daßsie schon bald ziemlich treffend als »Wildkatzen-Währung« bezeich-net wurden ... Die wachsende Zahl von Banken erzeugte eine künstli-che Nachfrage und einen größer werdenden Markt für Schuldver-schreibungen (auch als Wertpapiere zu gebrauchen), und schließlichführte dies zur Vergrößerung der öffentlichen Verschuldung. Als Fol-ge wurden weitere Banknoten herausgegeben gegen die Schuldver-schreibungen, während die Nachfrage zunahm und der Markt sichvergrößerte, wurden weitere Schuldverschreibungen herausgegeben,weitere Banknoten, und immer so weiter in einer endlosen Kette derSchuldenschaffung und der Inflation von Papier-Wohlstand. DieserProzeß kam 1857 in einer Panik abrupt zum Stehen.(6)
Vorschlag: Geld mit Staatsanleihen stützen
Der vierte Vorschlag, etwas aus dem Nichts zu schaffen, beinhaltetedie Herausgabe von Geld, gestützt allein auf das Ansehen und dasVertrauen des Staates. Diese Methode wurde von vielen Südstaatenangewandt, und auch sie hat irgendwo überlebt und wurde zu einemGründungspfeiler unseres modernen Bankensystems.
Zum Beispiel schuf Alabama 1835 eine Staatsbank mit Hilfe eineröffentlichen Staatsanleihe in Höhe von 13,8 Millionen Dollar. Sofortwurde Geld in die Wirtschaft gespült, und die Menschen freuten sichüber diese wundersame Prosperität. Die Gesetzgeber wurden von die-sen Umständen derart berauscht, daß sie sofort die direkte Besteuerungabschafften und die Staatsausgaben statt dessen mit Bankgeld bestreitenwollten. Mit anderen Worten: Statt die Staatseinnahmen durch eineErhöhung der Steuern zu steigern, fanden sie es bequemer, dasselbe Zielmit Hilfe der Inflation zu erlangen.
Wie alle anderen, so platzte auch diese Blase in der Panik von 1837.Eine Untersuchung der Bankunterlagen zeigte später, daß sechs Millio-nen Dollar seiner Aktiva vollkommen wertlos gewesen waren. DieMenschen, die ihr echtes Geld in dieses Unternehmen gesteckt hatten –
(6)Groseclose, Money and Man, S. 188-189.
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unterstützt vom Ansehen des Staates –, verloren beinahe ihre gesamtenEinlagen ..., und zwar zusätzlich zu dem, was sie durch Inflation bereitsverloren hatten.
Mississippi setzte sein Ansehen und Vertrauen 1838 in eine Staats-bank und gab 15 Millionen Dollar an Schuldverschreibungen als Stüt-zung für seine Banknoten aus. Innerhalb von vier Jahren lag die Bankam Boden, und der Staat lehnte alle Ansprüche in bezug auf die Schuld-verschreibungen ab. Das erzürnte die Wertpapierbesitzer und insbeson-dere die britischen Financiers, die einen großen Teil der Ausgabe erwor-ben hatten. Der verheerende Effekt auf den Staat und seine Bürger wirdvon Henry Poor beschrieben:
Die 48 Millionen Dollar der Bankendarlehen wurden niemals be-zahlt; 23 Millionen Dollar in Form von Noten und Einlagen niemalseingelöst. Das ganze System brach zusammen zu einem riesigen undformlosen Wrack und ließ die Menschen des Staates so zurück, wiesie in diese Welt hineingekommen waren ... Jeder war verschuldetund besaß praktisch keine Möglichkeit zur Zahlung. Das Land wurdewertlos, weil niemand Geld für den Kauf besaß ... So viele Menschenflohen ... aus dem Staate, daß die allgemeine Erwiderung auf Zivil-prozesse gegen Schuldner in der Abkürzung »G. T T.« bestand – binweg nach Texas –.(7)
Geld, gegründet auf das Ansehen und den Glauben an einen Staat, erlittein ähnliches Schicksal in Illinois, Kentucky, Florida, Tennessee undLouisiana. Als die Staatsbank von Illinois 1825 zusammenbrach, ver-brannte man alle übriggebliebenen Banknoten feierlich auf einem öf-fentlichen Platz. Eine weitere Bank wurde 1835 gegründet und 1842geschlossen. So verheerend waren diese Erfahrungen, daß die Verfas-sung des Staates 1848 bestimmte, daß fortan der Staat niemals wiedereine Bank schaffen oder Bank-Aktien besitzen dürfe.
In Arkansas wurde sogar Grundbesitz als Zauberstab mißbraucht.Gründungsmitglieder der Staatsbank durften, statt tatsächlich Geld hin-zulegen, ihren Grundbesitz als Sicherheit einbringen. Die Banknotenstürzten rasch im Wert auf 25 Prozent ihres aufgedruckten Wertes, undschon vier Jahre später war die Bank verschwunden.
(7)Henry V. Poor, Money and Its Laws (London: Henry S. King and Co., 1877),S. 540.
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Das Trugbild freier Banken
Eine parallele Entwicklung zu dieser Zeit wurde »freie Banken«genannt. Dieser Begriff ist eine Beleidigung der Wahrheit. Dahinterverbarg sich lediglich die Umwandlung von Banken aus Körperschaftenin private Gesellschaften. Abgesehen davon, daß sie nicht länger Kon-zessionen des Staates benötigten, blieb praktisch jeder andere Aspektdes Systems gleich, einschließlich der Vielzahl von Regierungskontrollen,Vorschriften, Unterstützungen und anderen Hindernissen des freienMarktes. George Selgin erinnert uns daran, daß »die Erlaubnis zurGründung einer Bank üblicherweise von zahlreichen Beschränkungenbegleitet wurde, einschließlich besonderer Darlehen an den Staat«(8).
Die freien Banken waren nicht weniger betrügerisch als die konzes-sionierten. Die alte Gewohnheit, Goldmünzen von einer Bank zur ande-ren kurz vor dem Eintreffen der Prüfer zu schaffen, lebte wieder auf,ebenso der Trick »Bleigewichte, zerbrochenes Glas und (sehr passend)Zehn-Penny-Nägel in der Kiste unter einer dünnen Schicht von Gold-münzen« zu verbergen.(9)Als eine dieser freien Banken in Massachusettszusammenbrach, entdeckte man, daß die von ihr in Umlauf gebrachtenBanknoten in Höhe von 500 000 Dollar von lediglich 68,48 Dollargedeckt waren)(10)
Professor Hans Sennholz schreibt:
Obwohl Wirtschaftler über viele Dinger anderer Meinung sind, istdies bei der Ansicht über politischen Kontrollen ganz anders ... DieseWirtschaftler verweisen unweigerlich auf das amerikanische Geld-und Bankenwesen vor dem Bürgerkrieg, was nach ihrer Einschät-zung ihre Überzeugung bestätigt. Insbesondere zitieren sie gern die»freie Banken-Ära« von 1838 bis 1860 als abschreckendes Beispielturbulenter Ereignisse und begrüßen deshalb die Gesetzgebungen,welche die Rolle der Regierung stärkten.
In Wahrheit stammte die Instabilität, die während der freien Ban-ken-Ära entstanden war, nicht aus dem Bankwesen selbst, sondern eswar das Ergebnis extensiver politischer Intervention ... Die Gesetzebezüglich »freier Banken« ... hoben keine lästigen gesetzlichen Rege-
(8)Selgin, The Theory of Free Banking: Money Supply under CompetitiveNote Issue (Totowa, New Jersey: Rowman & Littlefield, 1988), S. 13.(9)
Galbraith, S. 87.
(10)Charles Beard, The Rise of American Civilization (New York: Macmillan,1930), Band I, S. 429-430.
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lungen und Direktiven auf Tatsächlich fügten sie statt dessen einigeneue hinzu.(11)
Um Banken wirklich frei handeln lassen zu können, hätten die Staatennur zwei Dinge tun müssen: 1) Verträge über Bankenregeln genausodurchsetzen wie alle anderen Verträge, um dann 2) von der Bühne zuverschwinden. Durch die Umsetzung von Bestimmungen über dasBankenwesen wäre jeder leitender Angestellter einer Bank, die ihreNoten nicht in Hartgeld eintauschen konnte, ins Gefängnis geworfenworden. Diese Möglichkeit hätte der Praxis der riskanten Geldpolitikrasch ein Ende gesetzt. Durch den Wegfall von Vorwänden, die Öffent-lichkeit mit einer Flut von Regeln, Bestimmungen, Sicherungsfondsund Garantien schützen zu wollen, hätten die Menschen schnell er-kannt, daß es ihre Verpflichtung ist, vorsichtig zu sein und sich zuinformieren. Statt dessen erfreuten sich die Banken des Privilegs, Zah-lungen ohne Bestrafung verschieben zu dürfen, und die Politiker be-mühten sich lautstark, die Wähler zu überzeugen, sie würden alles inOrdnung halten.
Kurzum, in der gesamten Zeit dieser Bankenzusammenbrüche, deswirtschaftlichen Chaos' und des Schröpfens sowohl von Investoren alsauch von Steuerzahlern versuchte Amerika alles außer einer vollenGold- oder Silberdeckung. Während der Name Andrew Jackson lang-sam in der Vergangenheit verschwand, verblaßte auch der Traum vonehrlichen Banken.
Nicht alle Banken waren korrupt, und gewiß waren auch nicht alleBanker konspirativ gegen die Öffentlichkeit tätig. Es gab viele Beispieleehrlicher Männer, die sich bemühten, ihren treuhändlerischen Verpflich-tungen nachzukommen. Doch sie wurden ernsthaft von dem Systemdaran gehindert, in dem sie sich bewegten ..., ein System, das dieTugendhaftigkeit bestrafte und Rücksichtslosigkeit belohnte. Unter demStrich heißt das, der aufrichtige Banker wurde von der Menge beiseitegeschoben und blieb schließlich nur eine Fußnote der Geschichte.
Wirtschaftswachstum trotz unredlicher Banken
Ein weiterer positiver Aspekt dieses Bildes: Zur gleichen Zeit tratenviele neue Unternehmen auf den Plan, die rasch aufblühten, wenn auch
(11)Hans F. Sennholz, The Freeman (Irvington-on-Hudson, New York, Mai 1989),S. 175-176.
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zu Lasten anderer. Damals wurden die großen Kanäle ausgehoben, dieEisenbahnen schoben die Grenzen immer weiter hinaus, Städte erblüh-ten an ihren Wegen, Prärien wurden in Kulturland verwandelt, und neueUnternehmen folgten nach. Ein Großteil dieser Expansion wurde erstdurch die Flut des von den Banken betrügerisch geschaffenen Geldesermöglicht. Die Verteidiger der Politik der Minimal-Reserve neigtendazu, diese Entwicklung zu betrachten und den Schluß daraus zu zie-hen, es sei alles richtig gewesen. Die Tatsache, daß manche Menschenbetrogen wurden, damit andere gedeihen konnten, schien unwichtig.Amerika wäre nicht gewachsen und aufgeblüht ohne dieses merkwürdi-ge Geld. Galbraith zum Beispiel meint:
Als die Zivilisation oder etwas ähnliches 1830 oder 1840 nach India-na oder Michigan kam, folgte sogleich eine Bank. Ihre Noten, sobaldsie benutzt und einem Farmer ausgeliehen wurden, um damit Land,Vieh, Futter, Samen, Essen oder Ausrüstungen zu kaufen, brachtenihn ins Geschäft. Wenn es ihm und anderen gut ging und sie ihreDarlehen zurückzahlten, überlebte die Bank. Wenn er und anderenicht so prosperierten und zurückzahlten, ging die Bank zugrunde,und irgend jemand – vielleicht ein lokaler Gläubiger, vielleicht einReicher im Osten – blieb mit den wertlosen Banknoten zurück. Docheinige Kreditnehmer dieser Bank waren jetzt im Geschäft. Irgendwohatte irgend jemand, der die Noten hielt, einen unwissentlichenBeitrag zur Eroberung des Westens geleistet ... Die Banken-Anarchiewar für die Grenze zum Wilden Westen viel günstiger, als ein geord-neteres System es gewesen wäre, das mit Krediten restriktiver umge-gangen wäre.(12)
William Greider ergänzt diese Erklärung:
»Rücksichtslose florierende Anarchie« also erzeugte einen funda-mentalen Fortschritt. Es war kein stabiles System, so geplagt wie eswar von Bankzusammenbrüchen und Firmenpleiten, unerhörter Spe-kulation und geplatzten Krediten. Trotzdem war es zugleich kraftvollund erfindungsreich, schuf es einen wirtschaftlichen Aufschwung, derauch anhielt, nachdem der Schaum fortgeblasen worden war.(13)
(12)Galbraith, S. 85.(13)Ebenda, S. 259.
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Es ist dies natürlich ein klassisches Beispiel des Versagens liberalerWirtschaftspolitik. Bei der Überprüfung einer Politik hat sie sich aufeine nützliche Konsequenz für eine Gruppe von Menschen beschränktund gleichzeitig die Vielzahl der schädlichen Auswirkungen auf alleanderen Gruppen beiseite gelassen. Ja, schauen wir nun auf die Men-schen, die an den neuen Grenzen Amerikas Farmen kauften und neueUnternehmungen gründeten, so kommt das System der Minimal-Reser-ve ziemlich gut dabei weg. Doch wenn wir zu dieser Gleichung diefinanziellen Verluste all derer hinzufügen, die Opfer des Systems wur-den – was Galbraith den »unfreiwilligen Beitrag« nannte und Greiderals »Schaum« abtat –, dann ist das Ergebnis bestenfalls Null und inmoralischer Hinsicht tief im Minus.
Galbraith, Greider und andere bekannte Wirtschaftler gehen davonaus, daß der Westen unmöglich mit einem ehrlichen Bankensystemhätte gewonnen werden können. Die Logik unterstützt keine solcheSchlußfolgerung. Es gibt statt dessen jeden Grund anzunehmen, daß dieBankenzusammenbrüche und die daraus folgenden Unternehmenspleitenan den Außengrenzen all die Gewinne auslöschten, die durch harteArbeit und eine ehrliche Geschäftspraktik erworben worden waren.Ohne diese zerstörerischen Konvulsionen wären sie in einem wenigerchaotischen System geblieben; möglicherweise hätte es weniger Neu-gründungen gegeben, doch eine größere Zahl von ihnen wäre am Lebengeblieben, und es ist durchaus möglich, daß der Westen sogar rascheraufgeblüht wäre, als dies der Fall war. Zu schade, daß diese Theorieniemals in die Praxis umgesetzt werden konnte.
Die Union in Gefahr
Wie schon früher festgestellt, haben wirtschaftliche Konflikte stetseine große Rolle beim Schüren von Kriegen gespielt. Zu keiner Zeit deramerikanischen Geschichte gab es größere wirtschaftliche Konfliktezwischen Teilen der Bevölkerung als in der Zeit vor dem Bürgerkrieg.Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß diese Periode direkt in denblutigsten Krieg der Nation mündete, der umso tragischer war, als erden Bruder gegen den Bruder aufbrachte.
Es gibt viele populäre Legenden über die Ursachen des Kriegeszwischen den Staaten. Während allgemein angenommen wird, die Bol-schewistische Revolution sei eine spontane Massenerhebung gegen einetyrannische Aristokratie gewesen, so wird auch allgemein angenom-men, der Bürgerkrieg sei wegen der Sklaverei geführt worden. Dies ist
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zumindest die halbe Wahrheit. Die Sklaverei war eine Ursache, doch derwichtigste Grund für den Kriegsausbruch bestand in den unterschiedli-chen ökonomischen Interessen des Nordens und des Südens. Sogar dieFrage der Sklaverei basierte letzten Endes auf wirtschaftlichen Diffe-renzen. Es mag zwar eine moralische Frage im Norden gewesen sein,wo der Wohlstand sich auf den Maschinen der Schwerindustrie begrün-dete, doch im landwirtschaftlich orientierten Süden, wo die Felder voneiner gewaltigen Landarbeiterschaft bestellt werden mußten, ging es umwirtschaftliche Fragen.
Die vergleichsweise geringe Bedeutung der Sklaverei als Ursachedes Krieges wurde von Lincoln selbst während seiner Präsidentschafts-kampagne 1860 deutlich gemacht, und er wiederholte diese Botschaft inseiner Antrittsrede:
Es scheinen Befürchtungen bei den Bewohnern der südlichen Staatenzu bestehen, daß durch eine Republikanische Verwaltung ihr Besitzund ihr Frieden und ihre persönliche Sicherheit in Gefahr gerieten ...Ich hege keine Absicht, direkt oder indirekt in die Einrichtung derSklaverei in den Staaten einzugreifen, wo sie jetzt existiert. Ich glau-be, ich besitze keinen rechtmäßigen Grund dafür, und ich verspürekeine Neigung, dieses zu tun.(14)
Sogar nach dem Ausbruch des Krieges 1861 bestätigte Lincoln seinenfrüheren Standpunkt, indem er erklärte:
Mein übergeordnetes Ziel in diesem Streit ist es, die Union zu retten,und nicht, die Sklaverei zu retten oder sie abzuschaffen. Könnte ichdie Union bewahren, ohne irgendeinen Sklaven zu befreien, so täteich dies, und könnte ich sie retten, indem ich alle Sklaven befreite, sowürde ich dies ebenso tun. Und könnte ich dieses Ziel erreichen,indem ich einige befreie und mich um andere nicht kümmere, sowürde ich dieses ebenfalls tun.(15)
Es mag sehr überraschend sein zu hören, daß strenggenommen Abra-ham Lincoln an die Überlegenheit der Weißen glaubte. In seinem vier-
(14)Don E. Fehrenbacher, Abraham Lincoln: Speeches and Writings 1859-1865(New York: Library of America, 1989), S. 215.(15)
Robert L. Polley, Ed. Lincoln: His Words and His World (Waukesha, Wisconsin:Country Beautiful Foundation, 1965), S. 54.
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ten Streitgespräch mit Senator Stephen Douglas sprach er das Themaoffen an:
Ich bin nicht dafür und war es niemals, die soziale und politischeGleichheit der weißen und der schwarzen Rasse zu fördern. Auch warich niemals dafür, aus Negern Wähler oder Geschworene zu machenoder sie in öffentliche Ämter zu befördern, oder für die Vermischungmit den Weißen. Hinzufügen möchte ich, daß es einen physischenUnterschied zwischen den weißen und schwarzen Rassen gibt, die esnach meiner Meinung den beiden Rassen unmöglich macht, gesell-schaftlich und politisch auf einer Ebene zu leben. Und in Anbetrachtder Tatsache, daß sie nicht so leben können, doch zusammen bleiben,so muß es einen Unterschied zwischen oben und unten geben, und ichbin ebenso wie jeder andere Mann dafür, die höherstehende Positionder weißen Rasse zuzubilligen.(16)
Dies bedeutet nicht, daß Lincoln der Sklaverei gleichgültig gegenüber-stand, denn er hielt das Ganze für eine Verletzung persönlicher undnationaler Moral. Ihm war jedoch bewußt, daß die Sklaverei langsam inder ganzen Welt (mit Ausnahme Afrikas vielleicht) auf dem Rückzugwar, und er war überzeugt, sie würde auch in Amerika rasch verschwin-den, indem man der natürlichen Kraft der Aufklärung ihren Lauf lassensollte. Er befürchtete zu Recht, daß das Verlangen nach einer sofortigenund totalen Reform nicht nur die Union zerstören, sondern auch zu vielBlutvergießen und zu mehr menschlichem Leid führen würde, als wäh-rend der Sklaverei selbst. Lincoln:
Ich habe mir immer vergegenwärtigt, daß die Abschaffung des Skla-venhandels durch Großbritannien 100 Jahre lang erörtert wurde, ehedies zu einem Erfolg führte; daß diese Maßnahme feuerspeiendeGegner herausfordert, daß sie stillschweigende und gleichgültigeGegner hatte, und gewinnsüchtige Gegner, und rassistische Gegner,und Gegner der Gleichheit, und ebenso Gegner aufgrund ihrer Reli-gion, und weil sie für öffentliche Ordnung eintraten. Und ebenso binich mir bewußt, daß diese Gegner in öffentliche Ämter kamen, wäh-rend die anderen leer ausgingen. Aber ich habe mich auch daranerinnert, daß sie zwar ein Jahrhundert lang wie Talgkerzen glühten
(16)Fehrenbacher, S. 636.
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und schließlich nur noch glimmten, erstarben, noch eine Weile Ge-stank verbreiteten und schließlich aus der Erinnerung verschwan-den, genauso wie der Geruch. Schulkinder wissen, daß Wilbeforceund Granville Sharpe dieses voranbrachten, aber wer kann heutenoch einen einzigen Namen nennen, der dieses zu verhindern trachte-te? In Anbetracht dieser Dinge halte ich es letzten Endes für möglich,daß das hohe Ziel dieser Aufgabe möglicherweise nicht währendmeiner Lebenszeit erreicht werden kann.(17)
Wenn Lincolns vordringlichstes Ziel des Krieges nicht die Abschaffungder Sklaverei, sondern der Erhalt der Union war, so drängt sich dieFrage auf: Weshalb mußte die Union erhalten werden? Oder nochgenauer, weshalb wollten sich die Südstaaten loslösen?
Legale Ausplünderung, nicht Sklaverei, war Ursache desKrieges
Der vorwiegend landwirtschaftlich orientierte Süden mußte prak-tisch alle Industriegüter aus den Nordstaaten oder Europa einführen;ihrerseits boten beide dem Süden einen Absatzmarkt für Baumwolle.Doch viele der Textilien und Industriegüter Europas waren trotz derFrachtkosten erheblich preiswerter. Die Südstaaten entdeckten also denVorteil, Güter aus Europa statt aus den Nordstaaten zu importieren. Dasübte natürlich einen erheblichen Wettbewerbsdruck auf die amerikani-schen Industrien aus, die Preise zu senken und kostengünstiger zuproduzieren.
Die Republikaner waren darüber keineswegs erfreut. Sie beschlos-sen, die Macht der Bundesregierung einzusetzen, um die Waage desWettbewerbs zu ihren Gunsten zu verändern. Mit der Behauptung, eshandle sich um ein »nationales Interesse«, erhoben sie hohe Einfuhrzöl-le auf praktisch alle europäischen Waren, die auch in den Nordstaatenhergestellt wurden. Es überrascht nicht, daß es keine Zölle auf Baum-wolle gab ..., vermutlich, weil es kein Gut von »nationalem Interesse«war. Daraufhin unterließen die Europäer den Kauf amerikanischer Baum-wolle, was die Wirtschaft des Südens hart traf. Zugleich konnten nundie Staaten des Nordens ohne Angst vor Wettbewerb höhere Preise fürihre Güter verlangen, und der Süden mußte für all dies bezahlen. Eshandelte sich um den klassischen Fall legaler Ausplünderung, bei der
(17)Fehrenbacher, S. 438.
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das Gesetz für die Bereicherung eines Teiles der Bevölkerung zumSchaden des anderen mißbraucht wurde.
Der aus dem Norden kommende Druck gegen die Sklaverei desSüdens heizte die Stimmung weiter an. Häufig wird dabei der hohePreis eines Sklaven übersehen, der nämlich rund 1500 Dollar betrug.Eine mittelgroße Plantage mit nur 40 oder 50 Sklaven bedeutete alsoschon eine hohe Kapitalinvestition, die nach heutiger Kaufkraft vieleMillionen Dollar ausmachte. Eine Abschaffung der Sklavenhaltungbedeutete also für den Süden nicht nur den Verlust eines wichtigenlandwirtschaftlichen Exportartikels, sondern zugleich die vollkommeneZerstörung enormer Kapitalmengen.
Viele Plantagenbesitzer des Südens strebten danach, ihre Investitioneines Tages in profitablere Industrien stecken zu können, wie das imNorden bereits geschehen war, während andere der Meinung waren, daßfreie Menschen, die für Löhne arbeiteten, einsatzfreudiger seien alsSklaven ohne jeglichen inneren Antrieb zur Arbeit. Jedoch gab es imAugenblick keinen Ausweg aus diesem System. Man befürchtete, daßeine vollkommene und plötzliche Abschaffung der Sklaverei ohne Über-gangsperiode die Wirtschaft zerstören und viele der ehemaligen Skla-ven dem Hungertod überlassen würde, was später auch tatsächlicheintrat.(18)
Das waren die äußeren Umstände zur Zeit von Lincolns Wahl-kampagne und auch der Grund dafür, daß er in seinen Reden dieBefürchtungen des Südens über seine Absichten zu beruhigen suchte.Doch seine Worte waren politische Rhetorik. Lincoln war ein Republi-kaner, der vollkommen von den Industriellen des Nordens abhing,welche die Partei kontrollierten. Selbst wenn er es gewollt hätte – unddafür gibt es keine Anzeichen –, hätte er den Trend zur Günstlingswirt-schaft und zum Protektionismus nicht aufhalten können, der ihn insAmt gespült hatte.
Mexiko und die Monroe-Doktrin
Zusätzlich zu den Interessenkonflikten des Nordens und Südens gabes weitere Kräfte, welche die Nation zu spalten versuchten. Diese saßenvor allem in Europa, und im wesentlichen ging es darum, daß Frank-reich, Spanien und England die Märkte Lateinamerikas beherrschen
(18)»No Civil War at All; Part One« von William Mcllhany in: Journal of Individua-list Studies, Winter 1992, S. 41.
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wollten. Das erste Ziel hieß Mexiko. Aus diesem Grund hatte man38 Jahre zuvor die Monroe-Doktrin formuliert. Präsident James Mon-roe hatte den europäischen Nationen zu verstehen gegeben, die Verei-nigten Staaten würden sich zum einen nicht in deren Angelegenheiteneinmischen, zum anderen würde aber jegliche Anmischung in amerika-nische Angelegenheiten nicht hingenommen werden. Die Erklärung liefdarauf hinaus, der amerikanische Kontinent könne nicht länger alsObjekt der Kolonisation in Betracht kommen.
Keine der europäischen Mächte wollte es darüber zum Streit kom-men lassen, doch sie wußten: Würden die Vereinigten Staaten selbst ineinen Bürgerkrieg verwickelt werden, könnten sie nicht gleichzeitig dieKlingen wegen Lateinamerika kreuzen. Eine Beförderung des inner-amerikanischen Konfliktes würde also gleichzeitig die koloniale Ex-pansion in Richtung Mexiko ermöglichen. Das gesamte Amerika war zueinem gigantischen Schachbrett für globale Politik geworden.
In der American Heritage Picture History of the Civil War könnenwir lesen:
Der Krieg war noch nicht weit fortgeschritten, als bereits deutlichwurde, daß die herrschenden Klassen in diesen beiden Ländern[England, Frankreich] starke Sympathien für die Konföderation zeig-ten ... und zwar so stark, daß sie sogar mit einem kleinen Anstoß dazugebracht werden können, einzugreifen und mit Waffengewalt dieUnabhängigkeit des Südens zu erzwingen ... Die europäischen Aristo-kraten waren niemals wirklich glücklich über den erstaunlichen Er-folg der Yankee-Demokratie. Würde die Nation nun also in zweiHälften zerbrechen und damit beweisen, daß die Demokratie nichtder Stoff zum Überleben ist, wären die Herrscher Europas äußersterfreut.(I9)
Das globale Schachspiel zwischen Lincoln einerseits und England undFrankreich andererseits wurde von weiteren europäischen Führern auf-merksam beobachtet. Einer der unvoreingenommensten Beobachter je-ner Zeit war der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck. Da Bis-marck selbst dem internationalen Finanzwesen tief verpflichtet war,sind seine Beobachtungen doppelt wertvoll:
(19)Bruce Catton und Richard M. Ketchum, The American Heritage Picture Historyof the Civil War (New York: American Heritage Publishing Co., 1960), S. 249.
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Die Aufteilung der Vereinigten Staaten in Föderationen gleicherGröße wurde schon lange vor dem Bürgerkrieg von den Finanz-mächten Europas beschlossen. Diese Banker fürchteten, daß dieVereinigten Staaten, falls sie als ein Block und als eine Nationbestehen bleiben sollten, auch wirtschaftliche und finanzielle Unab-hängigkeit erlangen könnten, die ihre finanzielle Beherrschung Eu-ropas und der Welt in Frage stellen würde. Im »inneren Kreis« derFinanzen überwog natürlich die Stimme der Rothschilds. Sie sahendie Möglichkeit üppiger Beute, falls es gelänge, eine lebendige und insich selbst ruhende Republik durch zwei schwache und verschuldeteDemokratien zu ersetzen. Also schickten sie ihre Abgeordneten hin-aus, um die Frage der Sklaverei zu nutzen und einen Keil zwischendie beiden Teile der Union zu treiben ... Der Bruch zwischen demNorden und dem Süden war unausweichlich; die Herren der europäi-schen Finanzwelt ergriffen alle Möglichkeiten, dies zu befördern undzu ihrem Vorteil auszubeuten.(20)
Diese Strategie war einfach und effektiv. Schon wenige Monate nachden ersten bewaffneten Zusammenstößen zwischen Nord und Süd hatteFrankreich Truppen in Mexiko gelandet. 1864 wurden die Mexikanerunterworfen, und der französische Monarch setzte Ferdinand Maximi-lian als Marionettenkaiser ein. Die Konföderation entdeckte Maximi-lian als natürlichen Alliierten, und beide Seiten hielten es für möglich,daß sie sich nach einem erfolgreich verlaufenen Krieg in einer neuenNation zusammenfinden würden – beherrscht natürlich von der Finanz-kraft der Rothschilds. Gleichzeitig schaffte England 11 000 Soldatennach Kanada und stellte sie bedrohlich entlang der Nordflanke derUnion auf, bei gleichzeitiger Mobilmachung der britischen Flotte.(21)
Die europäischen Mächte bereiteten sich auf die Unterwerfung vor.
(20)Diese Aussage wurde zitiert von Conrad Siem, einem Deutschen, der amerika-nischer Staatsbürger wurde und über das Leben und Wirken Bismarcks schrieb.Quelle: La Vieille France, Nr. 216. 17.-24. März 1921, S. 13-16. Der Lesersollte gewarnt sein, daß Bismarck kein Ausbund an Tugend war und daß manden Vater des modernen Sozialismus mit einem gesunden Schuß Mißtrauenbetrachten sollte. Dennoch besteht kaum Zweifel, daß dieses Zitat das europäi-sche Ränkespiel dieser Zeit korrekt wiedergibt.(21)
Bruce Catton und Richard M. Ketchum, S. 250.
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Zusammenfassung
Die Second Bank of the United States war tot, aber das Bankwesenflorierte. Viele der alten Probleme blieben bestehen, und neue kamenhinzu. Die Ausgabe von Banknoten war streng begrenzt worden, dochdiese Maßnahme blieb weitgehend wirkungslos wegen der zunehmen-den Nutzung von Scheckbuch-Geld, auf das es keine Beschränkungengab.
Als sich die Second Bank of the United States in der Geschichteverlor, näherte sich die Nation dem Ende der Aufschwung-Phase inner-halb eines Aufschwung-Abschwung-Zyklus'. Als die unausweichlicheSchrumpfung des Geldvorrates eintrat, überschlugen sich die Politikermit Vorschlägen, wie man das Bankensystem stabilisieren könne. Kei-ner davon befaßte sich mit dem wahren Problem, das letzten Endes dieMinimal-Reserve selbst war. Statt dessen beschäftigten sie sich damit,wie das System funktionstüchtig gemacht werden könne. All dieseVorschläge wurden ausprobiert, alle versagten.
Diese Jahre werden bisweilen als eine Periode des freien Bankwe-sens bezeichnet, doch das ist eine Beleidigung der Wahrheit. Nichtsanderes war geschehen, als Körperschaften in private Gesellschaftenumzuwandeln, wobei es sich um eine rein formelle und keine grund-sätzliche Veränderung handelte. Sie wurden weiterhin von Regierungs-kontrollen, Verordnungen und anderen Behinderungen des freien Mark-tes geplagt.
Das Chaos und die Konflikte der Wirtschaft waren eine wesentlicheUrsache des Bürgerkrieges. In seinen öffentlichen Reden wies Lincolndeutlich darauf hin, daß die Sklaverei nicht der wichtigste Punkt derAuseinandersetzung war. Das grundsätzliche Problem bestand darin,daß Nord und Süd wirtschaftlich voneinander abhingen. Der industriali-sierte Norden verkaufte dem Süden seine Produkte, der wiederumBaumwolle an den Norden lieferte. Der Süden hatte ähnliche Handels-beziehungen zu Europa, und diese irritierten den Norden. Europa ver-kaufte viele industrielle Produkte zu niedrigeren Preisen, so daß derNorden an Marktanteilen verlor. Die Politiker des Nordens belegtendaraufhin Industriegüter mit hohen Importzöllen. Das brachte den Im-port europäischer Güter praktisch zum Erliegen und zwang den Süden,zu höheren Preisen vom Norden zu kaufen. Europa revanchierte sichmit dem Stop der Einfuhr amerikanischer Baumwolle. Dies war einschwerer Schlag für den Süden. Es war ein klassischer Fall legalisierterAusplünderung, und der Süden wollte sich davon befreien.
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Inzwischen gab es große Mächte in Europa, die Amerika gern ineinen Bürgerkrieg verstrickt sehen wollten. Sollte es sich in zwei feind-liche Länder aufspalten, gäbe es weniger Hindernisse für eine europäi-sche Expansion auf dem nordamerikanischen Kontinent. Frankreichwar begierig darauf, Mexiko zu erobern und es einem neuen Reicheinzuverleiben, das auch viele der Südstaaten umfassen sollte. Englandhatte zudem bereits Truppen entlang der kanadischen Grenze statio-niert. Von Europa organisierte und bezahlte politische Agitatoren wur-den zu beiden Seiten der Mason-Dixon-Linie aktiv. Die Sklaverei warlediglich ein Vorwand. Amerika war zum Ziel eines rücksichtslosenSpieles in der Welt der Wirtschaft und der Politik geworden.
Kapitel 19
Greenbacks und andere Verbrechen
Die Ursachen des Bürgerkrieges als wirtschaftlicheund politische Faktoren und nicht Freiheit gegen Skla-verei; wie beide Seiten Papiergeld zur Finanzierungdes Krieges einsetzten; die wichtige Rolle ausländi-scher Mächte.
Im vorhergegangenen Kapitel haben wir gesehen, wie der amerikani-sche Kontinent zu einem riesigen Schachbrett globaler Politik gewor-den war. Die europäischen Mächte hatten versucht, die VereinigtenStaaten in einen Bürgerkrieg zu stürzen und sie in zwei kleinere undschwächere Nationen aufzuspalten. Das hätte ihnen den Weg geebnetfür die weitere Kolonisierung Lateinamerikas, ohne fürchten zu müs-sen, daß die Amerikaner die Monroe-Doktrin hätten anwenden können.Und so landete wenige Monate nach dem Ausbruch des Krieges zwi-schen Nord und Süd Frankreich seine Truppen in Mexiko und rief 1864Maximilian zum Marionetten-Monarchen aus. Sofort begannen Ver-handlungen darüber, wie man Mexiko auf der Seite der Konföderationin den Krieg hineinziehen könnte. England zog Truppen an der kanadi-schen Grenze als Zeichen der Stärke zusammen. Amerika schien schach-matt zu sein.
Rußland verbündet sich mit dem Norden
Es war ein meisterhafter Schachzug, der das Spiel hätte entscheidenkönnen, wäre nicht ein unerwartetes Ereignis eingetreten. Zar Alexan-der II. — der, nebenbei bemerkt, niemals eine Zentralbank in Rußlandgestattet hatte(1) — ließ Lincoln wissen, er stehe bereit, sich militärischmit dem Norden zu verbünden. Obwohl der Zar erst kurz zuvor dieLeibeigenen seines eigenen Landes befreit hatte, war sein erstes Zielsicherlich nicht die Emanzipation der Sklaven des Südens. England und
(1)Sein Enkel Zar Nikolaus II. nahm Darlehen von J. P. Morgan an. In einergeradezu klassischen Anwendung der Rothschild-Formel finanzierte Morganebenfalls die Menschewiken und die Bolschewiken. Die Menschewiken zwan-gen Nikolaus zur Abdankung, und die Bolschewiken richteten ihn hin. SieheChernow, S. 195, 211.
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Frankreich hatten sich bemüht, das russische Reich durch die Abtren-nung von Finnland, Estland, Lettland, Polen, der Krim und Georgien zuschwächen. Napoleon III. von Frankreich schlug Großbritannien undÖsterreich vor, die drei Nationen sollten Rußland unverzüglich denKrieg erklären, um diese Gebietsveränderungen zu erzwingen.
Da er von den Kriegsplänen seiner Feinde wußte, entschloß sich ZarAlexander, sein eigenes Schachspiel zu realisieren. Im September 1863schickte er seine baltische Kriegsflotte nach Alexandria in Virginia undseine Pazifik-Flotte nach San Francisco. Die Bedeutung dieses Schach-zuges erläuterte der in Rußland geborene Carl Wrangell-Rokassowsky:
Zwischen Rußland und den Vereinigten Staaten wurde kein Vertragunterschrieben, doch ihre gemeinsamen Interessen und die auf bei-den lastende Kriegsdrohung führte sie in diesem kritischen Momentzusammen. Durch die Entsendung der baltischen Flotte in nordame-rikanische Häfen wurde der Zar von einer defensiven zu einer offen-siven Figur: Paragraph 3 der Instruktionen vom 14. Juli 1863, die derdamalige russische Flottenminister Admiral Krabbe dem AdmiralLessovsky übergab, befahlen der russischen Flotte im Falle einesKrieges, die Handelsschiffe und Kolonien des Gegners anzugreifen,um ihnen den größtmöglichen Schaden zuzufügen. Die gleichen In-struktionen wurden dem Kommandeur der russischen Pazifik-FlotteAdmiral Popov mitgegeben.(2)
Die Präsenz der russischen Flotte half der Union, eine verheerendeSeeblockade gegen die Südstaaten durchzusetzen, so daß diese vonwichtigen Lieferungen aus Europa abgeschnitten waren. Es war nichtso, daß diese Schiffe mit leichter Hand die französischen und engli-schen in Schach hielten. Es gibt nicht einmal Beweise dafür, daß sie jeaufeinander geschossen hätten, doch genau das ist der Punkt. Da wederFrankreich noch England damals einen offenen Krieg mit den Vereinig-ten Staaten und Rußland riskieren wollten, waren sie äußerst vorsichtigmit ihrer militärischen Unterstützung des Südens. Während der ganzenZeit hielten sie es für ratsam, sich offiziell neutral zu verhalten. Ohnedie einschüchternde Wirkung der russischen Flotte wäre der Verlauf desKrieges sicher deutlich anders gewesen.
(2)Carl Wrangell-Rokassowsky, Before the Storm (Ventimiglia, Italy: Tipo-LitografiaLigure, 1972), S. 57.
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Der Anfang des Krieges verlief nicht gut für den Norden, und in denersten Jahren schien der Ausgang keinesfalls sicher. Die Armee derUnion mußte nicht nur mehrmals bittere Niederlagen auf dem Schlacht-feld hinnehmen, sondern auch die Begeisterung der Bevölkerung fürdiesen Krieg ließ rasch nach. Wie bereits festgestellt, war dies sowiesokein Krieg, in dem humanitäre Prinzipien eine Rolle spielten, sondernein wirtschaftlicher Interessenkonflikt. Das bereitete dem Norden zweiernste Probleme: Wie bringt man die Menschen zum Kämpfen, und wieholt man sich von ihnen das Geld? Beide Probleme wurden mit einereinfachen Verletzung der Verfassung gelöst.
Die Emanzipations-Proklamation
Um die Menschen zu den Waffen greifen zu lassen, wurde aus demKrieg ein Kreuzzug gegen die Sklaverei. Die Emanzipations-Proklama-tion wurde von Lincoln eingesetzt, um die Flamme der Begeisterung fürden »Krieg des Reichen und den Kampf des Armen«, wie man diesenKonflikt im Norden nannte, wieder anzufachen. Es handelte sich umkeine Ergänzung zur Verfassung oder gar einen Beschluß des Kongres-ses. Sie wurde ohne jegliche konstitutionelle Autorität, sondern nur aufden einsamen Befehl Lincolns selbst ausgegeben, der als Befehlshaberder Streitkräfte handelte.
Die Begründung, die Union erhalten zu wollen, wirkte nicht sonder-lich begeisternd. Dafür mußte das hohe Ziel der Freiheit herhalten. Umdas Ziel der Freiheit als ein Ziel des Nordens darstellen zu können, gabes keine Alternative, als der Sklaverei den Krieg zu erklären. Nachdemer wieder und wieder betont hatte, Sklaverei sei kein Grund für Kriege,erläuterte Lincoln seinen Sinneswandel:
Die Umstände wurden schlechter und schlechter, bis ich spürte, wirwürden in der Verfolgung unseres Planes scheitern. Und da wirunsere letzte Karte ausgespielt und nun die gesamte Taktik ändernmußten, wollten wir das Spiel nicht verlieren. Folglich beschloß ich,auf die Emanzipation zu setzen.(3)
Die Rhetorik der Proklamation war überragend, doch das Konzept ließeiniges zu wünschen übrig. Bruce Catton erläuterte in American HeritagePictorial History of the Civil War:
(3)Charles Adams, Fight, Flight, Fraud: The Story of Taxation (Curacao, TheNetherlands: Euro-Dutch Publishers, 1982), S. 229.
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Vom Handwerklichen gesehen, war die Proklamation beinahe ab-surd. Sie erklärte die Freiheit aller Sklaven in genau den Gebieten,wo die Vereinigten Staaten dies überhaupt nicht durchsetzen konnten,und gestattete die Fortsetzung der Sklaverei in den Sklavenstaaten,die unter der Kontrolle der Bundesregierung verblieben waren ...Dennoch veränderte sie den Charakter des Krieges und trug mehr alsalles andere dazu bei, die Niederlage der Konföderation herbeizu-führen.(4)
Die Proklamation hatte auch auf die europäischen Mächte großen Ein-fluß. Solange man den Krieg als Versuch einer Regierung sehen konnte,einen Aufstand niederzuwerfen, gab es nichts Geheimnisvolles daran,und es war keine Schande, der einen oder anderen Seite zu helfen. Dochda nun plötzlich von Freiheit die Rede war, wagte keine RegierungEuropas (schon gar nicht Englands oder Frankreichs), ihre eigenenBürger zu verärgern, indem man sich gegen ein Land verbündete, dasdie Sklaverei abschaffen wollte. Nach 1862 sank die Möglichkeit, daßsich Europa auf der Seite der Konföderation einschalten würde, prak-tisch auf den Nullpunkt. Auf dem Propaganda-Schauplatz hatte sich derSüden in eine Position manövrieren lassen, die sich in der modernenWelt nicht mehr verteidigen ließ.
Es war ein brillanter Schachzug von Lincoln, den Krieg in einenKreuzzug gegen die Sklaverei umzumünzen, und schon strömten mas-senhaft Freiwillige in die Armee der Union. Doch lange hielt dieserZustand nicht an. Die Leute des Nordens mögen zwar gegen die Sklave-rei im Süden gewesen sein, doch sobald das Blutvergießen richtigbegann, schwand ihre Begeisterung, für ihre Überzeugung tatsächlichzu sterben. Am Anfang des Krieges betrug die Einschreibungsfrist nurdrei Monate, und sobald diese verstrichen waren, verweigerten sichviele Soldaten einer Verlängerung. Lincoln mußte bald der peinlichenRealität ins Auge sehen, daß ihm für die Fortsetzung des Kreuzzuges dieArmee fehlen würde.
Armeen aufstellen auf beiden Seiten
Schon immer waren Männer bereit, zu den Waffen zu greifen, umihre Familien, ihre Häuser und ihr Land gegen einen Feind zu verteidi-gen. Doch die einzige Art, sie zum Kampf im Kriege zu bewegen, in
(4)Catton and Ketchum, S. 252.
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dem sie kein persönliches Interesse erkennen können, besteht darin,ihnen entweder viel Geld und Beute zu versprechen oder sie zwangsweiseeinzuziehen. Kein Wunder also, daß beide Methoden von der Unionpraktiziert wurden, um eine kampfbereite Armee aufzustellen. Außer-dem: Obwohl die Verfassung ausdrücklich erklärt, nur der Kongreßkönne den Kriegszustand ausrufen und eine Armee aufstellen, tat Lin-coln dies aus Eigenmächtigkeit heraus.(5)
Die Nordstaaten hatten die Chance, eine gewisse Zahl an Freiwilli-gen zu rekrutieren, ehe die allgemeine Einberufung erfolgte. Um dieseQuoten zu erfüllen und die allgemeine Musterung zu vermeiden, ent-wickelte jeder Staat, jede Gemeinde und jeder Landbezirk ein ausgefeil-tes Prämiensystem. 1864 gab es viele Gebiete, in denen ein Mann mehrals 1000 Dollar (nach heutiger Kaufkraft mehr als 50 000 Dollar) für dieEinschreibung in der Armee erhielt. Ein reicher Mann konnte die Ein-ziehung mit Hilfe einer Ablösesumme vermeiden oder indem er jemandanderen für seinen Platz bezahlte.
Die Regierung des Südens war sogar noch viel dreister in bezug aufdie Einberufung. Trotz der angeblichen Beachtung der Rechte allerStaaten, zog die Konföderation sofort viele Zuständigkeiten und Ho-heitsrechte in Richmond zusammen, so daß dort tatsächlich eine natio-nale Regierung entstand. 1862 verabschiedete sie ein Einberufungs-gesetz, das jeden männlichen Bürger im Alter von 18 bis 35 Jahren indie Hände des Präsidenten der Konföderation legte. Doch wie im Nor-den, gab es auch hier große Schlupflöcher. Der Besitzer oder Aufsehervon mindestens 20 Sklaven beispielsweise konnte nicht zum Militär-dienst gezwungen werden.(6)Der Gerechtigkeit halber sei angemerkt,daß viele von diesem Vorrecht keinen Gebrauch machten. Im Gegensatzzum Norden hatten diese Soldaten tatsächlich das Gefühl, daß sie zurVerteidigung ihrer Familien, ihrer Heime und ihres Besitztums kämpf-ten, statt für eine abstrakte Idee oder für Geld.
Rebellion im Norden
Als Lincoln 1863 die Einberufung ausrief, waren die Menschen imNorden außer sich. In New Yorks Madison Square versammelten sichTausende Menschen zu einer Fackelparade gegen Lincolns Politik. Der
(5)Der Kongreß billigte später Lincolns Handlungsweise, doch da hatte er kaumeine Wahl, denn der Krieg hatte schon begonnen.(6)
Catton und Ketchum, S. 484-485.
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Historiker James Horan beschreibt die Stimmung: »Als Karikaturen desPräsidenten hinter den Sprechern in die Höhe gehalten wurden, wurdedie Nacht vom Zischen einer Million zorniger Bienen erfüllt.«(7) Bundes-truppen mußten schließlich gegen die Demonstranten in Ohio undIllinois eingesetzt werden. Als in den Zeitungen des 12. Juli die Namender ersten Eingezogenen veröffentlicht wurden, stürmte der Mob inNew York City die Rekrutierungsbüros und zündete sie an. Die Unruhendauerten vier Tage und endeten erst, als die Army of the Potomac denBefehl erhielt, in die Menge zu schießen. Mehr als 1000 Zivilistenwurden getötet oder verwundet.(8)
Nach all den Jahren fällt es leicht zu vergessen, daß Lincoln einenAufstand sowohl im Norden als auch im Süden verursacht hatte. 1000zivile Opfer der eigenen Regierung sind eine ungeheure Tragödie, dieBände spricht über den Zustand der damaligen Union. Um diese Auf-stände unter Kontrolle zu bringen, ignorierte Lincoln erneut die Verfas-sung, indem er das Recht habeas corpus aufhob, so daß die Regierungihre Kritiker ohne formelle Anklage und ohne Gerichtsverfahren insGefängnis werfen durfte. Also wurden unter dem Banner der Sklaven-befreiung Bürger des amerikanischen Nordens nicht nur in den Straßenihrer eigenen Städte getötet, sondern auch gegen ihren Willen zumKrieg gezwungen oder ohne ordentliches Gerichtsverfahren ins Ge-fängnis geworfen. Mit anderen Worten: Freie Männer wurden versklavt,damit Sklaven frei werden konnten. Selbst wenn der angebliche Kreuz-zug ehrlich gewesen wäre, wäre diese Rechnung nicht aufgegangen.
Wie man Menschen dazu bekommen konnte, für den Krieg zu bezah-len, wurde ähnlich geregelt. Wenn man sich schon über die Verfassungin solchen Fragen wie Persönlichkeitsrechte oder gar den Krieg selbsthinwegsetzten konnte, würde die einfache Frage der Finanzierung wohlnicht daran scheitern können.
Es wurde oft behauptet, die Wahrheit sei das erste Opfer des Krieges.Und wir sollten hinzufügen: Geld ist das zweite. -Im Wirtschaftsjahr1861 betrugen die Regierungsausgaben 67 Millionen Dollar. Nach ei-nem Jahr des Krieges waren diese auf 475 Millionen Dollar gestiegenund 1865 auf 1 300 000 000 Dollar. Auf der Einnahmenseite des Haupt-buches deckten die Steuereinnahmen nur rund elf Prozent dieser Zahl.
(7)James D. Horan, Confederate Agent: A Discovery in History (New York: Crown,1954), S. 209.
(8)Catton und Ketchum, S. 486, 511.
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Am Ende des Krieges war das Defizit auf 2,61 Milliarden Dollargestiegen. Und dieses Geld stammte von irgendwo.
Einkommensteuern und Kriegsanleihen
Zu dieser Zeit wurde das erste Experiment mit Einkommensteuernunternommen – eine weitere Verletzung der Verfassung. Nach heutigenMaßstäben war das nur eine Kleinigkeit, dennoch war sie extrem unpo-pulär, und der Kongreß wußte sehr wohl, daß jede zusätzliche Steuer dieFlamme des Widerstandes stärken würde. Bis dahin war die traditionel-le Finanzierung eines Krieges die Schaffung von Geld unter dem Vor-wand, es nur auszuleihen. Dieser Weg war jedoch durch das Scheiternder Bank of the United States praktisch verschlossen. Die Staatsbankenwaren begierig darauf, in diese Rolle zu schlüpfen, doch zu jener Zeitwaren die meisten von ihnen schon nicht mehr in der Lage, ihr Verspre-chen auf Hartgeld einzulösen oder weiteres Geld zu schaffen – zumin-dest kein Zahlungsmittel, das die Öffentlichkeit akzeptiert hätte.
Amerikanische Banken mögen nicht in der Lage gewesen sein, dienötigen Darlehen zur Verfügung zu stellen. Das Rothschild-Konsortiumin Großbritannien jedoch war dazu bereit und fähig. Genau in jener Zeitwollten die Rothschilds ihre industriellen Besitztümer in den Vereinig-ten Staaten durch ihren Agenten August Belmont neu ordnen lassen.Derek Wilson dazu: »Sie besaßen große Anteile an amerikanischenEisenhütten, Kanalbaugesellschaften und einer Vielzahl anderer Kon-zerne. Sie wurden die größten Importeure von Gold aus den neu ent-deckten Goldminen.«(9)
Belmont hatte große Summen des Rothschild-Geldes in die Anleihender staatlichen Banken des Südens gesteckt. Natürlich waren dieseAnleihen im Wert praktisch auf Null gefallen. Während sich das Kriegs-glück aber zugunsten des Nordens wendete, kaufte er so viele Anleihenwie möglich und bezahlte dafür nur wenige Cent. Sein Plan bestanddarin, daß die Union die Südstaaten am Ende des Krieges zwingensollte, alle ihre Vorkriegsschulden zu tilgen, und zwar zum Ausgabe-wert. Natürlich wäre dies zu einem gigantischen spekulativen Profit fürdie Rothschilds geworden. Mittlerweile war nördlich der Mason-Dixon-Linie Belmont der Vertreter für Staatsanleihen der Union in Englandund Frankreich geworden. Es wurde gemunkelt, Belmont habe Präsi-dent Lincoln persönlich Geldanlagen bei den Rothschilds mit einem
(9)Derek Wilson, S. 178.
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Ertrag von 27,5 Prozent angeboten und sei unfreundlich aus dem Bürogeworfen worden. Diese Geschichte erscheint nicht sehr glaubwürdig,und dennoch ist sie Teil einer größeren Wahrheit. Die Rothschildswaren in ganz Europa und nun auch in Amerika dafür bekannt gewor-den, daß sie geschickt aus jedem Krieg Profit gezogen und stets aufbeide Seiten des Konfliktes gleichzeitig gesetzt hatten.
Im Norden schien der Verkauf von Regierungsanleihen den Zweckder Geldeintreibung zu erfüllen. Doch selbst diese Maßnahme, verbun-den mit dem Versprechen, die Zinsen in späteren Jahren wenigstensteilweise in Gold auszuzahlen, erbrachte kaum mehr als die Hälfte derbenötigten Summe. Die Union hatte also ein richtiges Problem. DieAlternativen lauteten: 1) Beendigung des Krieges oder 2) Drucken vonPapiergeld. Für Lincoln und die Republikaner, welche die Mehrheit imKongreß besaßen, gab es eigentlich keinen Zweifel.
Der Präzedenzfall war bereits 1812 eingetreten. Damals hatte derFinanzminister Albert Gallatin das Verfassungsverbot für Kreditbriefeaufgehoben, indem er Schatzbriefe zu einem Zinssatz von 5,4 Prozentausgeben ließ. Aus ihnen wurde niemals ein gesetzliches Zahlungsmit-tel, und wahrscheinlich gab es deshalb niemals den Vorwurf einerVerfassungsverletzung.
Die Greenbacks
Zur Zeit des Bürgerkrieges wurden allerdings alle Vorwände fallengelassen, die eine gewisse Verfassungstreue hätten vortäuschen können.1862 gestattete der Kongreß dem Finanzministerium, Kreditbriefe inHöhe von 150 Millionen Dollar zu drucken und sie wie Geld in Umlaufzu bringen. Sie wurden für alle privaten Verpflichtungen als gesetzli-ches Zahlungsmittel anerkannt, durften aber nicht zur Begleichung zumBeispiel von Steuern verwendet werden. Die Noten waren mit grünerTinte bedruckt und wurden deshalb unsterblich als »Greenbacks«. DenWählern wurde versichert, dies sei eine einmalige und notwendigeMaßnahme, doch das Versprechen wurde rasch gebrochen. Bis zumEnde des Krieges wurden insgesamt 432 Millionen Dollar in Form vonGreenbacks ausgegeben.
Die pragmatische Stimmung in Washington lautete schlicht, eineVerfassung sei nett in Zeiten des Friedens, doch im Kriege ein uner-schwinglicher Luxus. Finanzminister Salmon P. Chase zum Beispielunterstützte heftig die Greenbacks, die nach seiner Anweisung ausgege-ben wurden. Sie seien eine »unerläßliche Notwendigkeit«. Acht Jahre
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später erklärte er sie als Vorsitzender des Obersten Bundesgerichtes fürverfassungswidrig. Hatte er seine Einstellung geändert? Keineswegs.Als er sie befürwortete, befand sich das Land im Krieg. Als er sie fürverfassungswidrig erklärte, herrschte Frieden. Also handelte es sich nurum ein weiteres Beispiel der allgemeingültigen Handlungsweise vonRegierungen in Kriegszeiten. Dieses Merkmal haben wir früher alseinen Grundsatz der Rothschild-Formel beschrieben: »Die Unverletz-lichkeit der Gesetze, der Wohlstand der Bürger und die Zahlungsfähig-keit des Finanzministeriums werden von jeder Regierung in einem Aktdes Überlebens rasch geopfert.«
Der Druck zur Herausgabe von Greenbacks kam aus dem Kongreß,doch Lincoln war enthusiastisch dafür. Seine Ansicht lautete:
Ausgestattet mit dem Recht, Geldnoten zu schaffen und sie als Wäh-rung auszugeben und wieder durch Besteuerung oder anderweitigaus dem Verkehr zu ziehen, braucht eine Regierung kein Kapitalgegen Zinsen zu borgen und sollte es auch nicht tun ... Das Vorrecht,Geld zu schaffen und es zu verbreiten, ist nicht nur das Hoheitsrechtder Regierung, sondern zugleich ihre größte kreative Gestaltungs-möglichkeit.(10)
Man sollte meinen, Lincoln hätte es abgelehnt, daß eine Regierung denBanken Zinsen zahlt für das Geld, das diese aus dem Nichts herausgeschaffen hatten, weil doch die Regierung genauso gut Geld hätteerzeugen können, ohne dafür Zinsen zahlen zu müssen. Sieht maneinmal davon ab, daß eigentlich beide Möglichkeiten von der Verfas-sung untersagt werden – und wenn man die Ausplünderung durchInflation als Konsequenz beider Möglichkeiten hinnimmt –, dann steckthierin tatsächlich eine verlockende Logik. Die Politiker dürfen ihrRechengeld behalten, doch zumindest wird den Banken eine Beschrän-kung auferlegt.
Lincolns gemischte Gefühle in bezug auf Banken
Es ist offensichtlich, daß Abraham Lincoln seine Ansichten überBanken änderte. In seiner frühen politischen Karriere war er ein Freundder Banken und ein Befürworter leichter Kredite. Als Mitglied derWhigs um 1830 (ehe er als Republikaner für die Präsidentschaft kandi-
(10)Dies ist ein Ausschnitt aus Lincolns Geldpolitik, wie sie von der Bibliothek desKongresses zusammengestellt wurde. Zitiert von Owen, S. 91.
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dierte) war er ein Unterstützer von Biddles Second Bank of the UnitedStates.(11)
Während seiner berühmten Debatten mit Senator Stephan Douglaswar einer der Streitpunkte, daß Lincoln die Bank verteidigte und ihreNeugründung befürwortete. Auch nach seiner Amtseinführung als Prä-sident ergriff er erneut die Initiative, indem er den Kongreß zur Wieder-einführung des Zentralbanksystems aufforderte.(12)
Lincoln schien also unentschlossen zu sein; und man wird das Gefühlnicht los, daß er in seinem Bemühen, einen unpopulären Krieg zufinanzieren, manchmal wie Salmon Chase und andere Politiker seineeigenen Überzeugungen betäubte zugunsten der Notwendigkeit desÜberlebens der Regierung.
Eines jedoch ist deutlich: Unabhängig von Lincolns persönlicherAnsicht waren die Greenbacks den Bankern nicht genehm, weil ihnenhiermit die Möglichkeit entzogen wurde, sich über Regierungs-bestimmungen hinwegzusetzen. Sie versuchten alles, das Papiergeldder Regierung durch ihr eigenes zu ersetzen. Um dieses zu ermöglichen,hätte man ein gänzlich neues Geldwesen schaffen müssen, also mitanderen Worten eine Rückkehr zu einem zentralen Bankwesen. Undgenau dieses wollte Minister Chase schaffen.
1862 wurde die grundsätzliche Haltung der Banker in einem Papiernamens The Hazard Circular dargelegt, das von einem amerikanischenVertreter britischer Financiers verfaßt und unter reichen Geschäftsleu-ten verteilt wurde. Darin hieß es:
Die große Verschuldung, für die Einleger während des Krieges sor-gen werden, sollte dafür genutzt werden, die Geldmenge zu kontrol-lieren. Um dies zu erreichen, müssen die öffentlichen Schuldver-schreibungen als Basis des Bankwesens verwendet werden. Wir er-warten jetzt vom Finanzminister, dem Kongreß diesen Vorschlag zuunterbreiten. Es wird nicht genügen, den Greenback, wie er genanntwird, als Zahlungsmittel längere Zeit zirkulieren zu lassen, da wirdiesen Vorgang nicht kontrollieren können. Die öffentlichen Schuld-verschreibungen jedoch können wir bestimmen, und durch sie auchdie Ausgaben der Banken:(13)
(11)Fehrenbacher, S. 56-57.
(12)Fehrenbacher, S. 398. (13)C
harles Lindburgh, Banking and Currency and the Money Trust (WashingtonD.C.: National Capital Press, 1913), S. 102.
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Das Nationale Bankengesetz
Am 25. Februar 1863 verabschiedete der Kongreß das NationaleBankengesetz (mit wesentlichen Änderungen im folgenden Jahr), dasein neues System staatlich konzessionierter Banken schuf. Die Strukturähnelte der Bank of the United States mit der Ausnahme, daß es statteiner Zentralbank, welche die Aktivitäten der anderen Banken beein-flussen konnte, nun viele nationale Banken gab, die alle von Washing-ton aus gelenkt werden konnten. Die meisten Bankgesetze werden derÖffentlichkeit unter dem Begriff »Reform« schmackhaft gemacht. DasNationale Bankengesetz war eine der wenigen Ausnahmen. Es wurdeziemlich offen als eine durch den Krieg bedingte Maßnahme zur Bezah-lung der Kriegsausgaben erklärt, mit der man öffentliche Anleihen amMarkt plazieren und diese dann als Zahlungsmittel in Umlauf bringenwollte. Und so funktionierte es:
Sobald eine nationale Bank die öffentlichen Anleihen erwarb, behieltsie diese nicht, sondern reichte sie an das Ministerium weiter, welchessie für eine gleiche Summe von »US-Banknoten« mit dem aufgedruck-ten Namen der Bank eintauschte. Die Regierung erklärte diese fürSteuern und Zölle als gesetzliches Zahlungsmittel, und somit wurdensie von der Öffentlichkeit als Geldmittel akzeptiert. Für die Bankenentstanden dabei keine Nettokosten, denn sie erhielten ihr Geld ja sofortzurück. Technisch gesprochen behielt die Bank die Anleihen und bekamsogar Zinsen darauf, und sie hatte sogar noch eine gleich große Mengeneu gedruckter Banknoten zur Verfügung, die sie ebenfalls gegen Zin-sen ausleihen durfte. Sobald sich der ganze Rauch verzogen hatte,erkannte man, daß es nur eine Abwandlung der alten Methode war. DiePolitiker und Finanzfachleute hatten lediglich die Staatsschulden inGeld umgewandelt, und die Banker konnten auf zweierlei Weise daranverdienen.
Der einzige Nachteil, jedenfalls aus der Sicht der Drahtzieher, be-stand darin, daß diese Banknoten zwar weit zirkulierten, jedoch nichtals »gesetzliches« Geld galten. Sie konnten also nicht zur Tilgung allerSchulden genutzt werden, sondern nur für Steuern und Zölle. Edelmetall-münzen und die Greenbacks waren weiterhin das offizielle Geld. Erstdie Schaffung des Federal Reserve Systems 50 Jahre später ermöglichtedie Nutzung von Staatsschulden in Form von Banknoten als Zahlungs-mittel für alle Transaktionen.
Das Nationale Bankengesetz von 1863 verlangte von den Bankeneine Reserve auf die ausgegebenen Noten und Einlagen in Form von
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Goldmünzen als Schutz gegen eine Pleite. Di